Die drei Tage im Tempel, 8.- 15. Kapitel

Quellentext (unbearbeitet) – Leseprobe bzw. historischer Einführungstext.

8. Kapitel – Die Drohung des Hochpriesters und des römischen Richters strenge Verwahrung dagegen.

[DTT.01_008,01] Sagte der Hochpriester: „Wenn jener Knabe ohne unser Wissen und ohne Einwilligung des Tempels also eigenmächtig im Ernste solche Dinge verrichtet, da liegt es ja klar am Tage, daß er vom Beelzebub, dem Obersten aller Teufel, besessen ist! Mit Gotteskraft geht das niemals außerhalb des Tempels! Welche sittliche Reinheit gehört dazu, um der göttlichen Kraft teilhaftig zu werden, und das kann man nirgends anderswo als allein nur im Allerheiligsten des Tempels nach der Lehre Mosis und aller Propheten!
[DTT.01_008,02] Wer das weiß aus der Schrift, weiß auch, was es mit derlei Wundern außer dem Tempel für eine Bewandtnis hat! Da ist es sogar eine unerläßliche Pflicht des Tempels, solche Kinder und Menschen von der Erde um jeden Preis zu vertilgen! Und sollte sich es infolge unserer späteren Nachforschungen bewähren, was du von dem Knaben aussagtest, so wird auch er als ein Verbündeter des Beelzebub von der Erde vertilgt werden !“
[DTT.01_008,03] Sagte der Richter: „Das war bei euch wohl ehedem die von euch selbst kreierte (gemachte) Sitte – aber seit wir Römer als eure Herren und Gebieter dastehen, wird so etwas kaum mehr geschehen; denn das Schwert der Gerechtigkeit ist nun durchaus und für alle Fälle ganz in unserer Hand, und wer es immer eigenmächtig ohne unser Wissen und Wollen erhebt, wird ohne allen Unterschied des Standes als ein Meuterer und Raubmörder behandelt werden!
[DTT.01_008,04] Ich aber habe ehedem von eben diesem Knaben, wie auch von dir selbst vernommen, daß ihr in euerm Tempelwahn sogar einen Hohenpriester ermordet habt, im Tempel sogar, weil er ein höheres Gesicht gehabt zu haben vorgab. Er hatte dadurch sicher euern mächtigen Neid erweckt, und das genügte, um euch zu bestimmen, ihn aus dieser Welt zu schaffen. Das geschah vor zwölf Jahren, also unter unserer Herrschaft!
[DTT.01_008,05] Dieser Fall wird näher untersucht, und wer weiß, ob ihr nicht eher das Schwert der römischen Gerechtigkeit zu verkosten bekommen werdet – denn jener Wunderknabe eure Tempelrache! Ich sage euch Templern hier kraft meiner Amtsgewalt, daß ich jeden, der es nur von fernehin wagen würde, jenem Knaben irgendein Leid zu tun, mit dem Schwerte bestrafen werde! – Eines mehreren bedarf es nicht!“
[DTT.01_008,06] Sprach der Hochpriester: „Wir aber haben ein Wort vom Kaiser, das uns die Tempeljustiz sichert, und daß sie von keinem weltlichen Richter anzutasten ist!“
[DTT.01_008,07] Sagte der Richter: „Wie weit sich diese erstreckt, weiß ich genau! Ihr könnt wohl eine weise Disziplin üben, aber über diese hinaus bis zum ius gladii ist noch eine sehr große und sehr weite Kluft! Und wehe dem von euch, der sie überschreitet!“
[DTT.01_008,08] Sagte der Hochpriester: „Was ist mit der Macht eines Herodes, der zugleich Vierfürst in Galiläa ist – besitzt er nicht auch das ius gladii?“
[DTT.01_008,09] Sagte der Richter: „Herodes samt den übrigen Fürsten in den Landen der Juden sind pure Lehensfürsten, und ihr ius gladii ist allein auf ihre Diener, Knechte und Sklaven beschränkt. Gehen sie mit diesen grausam um – wozu sie wohl ein erkauftes Recht von zehn zu zehn Jahren haben –, so werden sie bald ohne Diener sein, da von uns niemand gezwungen wird, bei ihnen Dienste zu nehmen, und sie können daher ihres eigenen Heils willen keinen besonderen Gebrauch machen von ihrem teuer erkauften Rechte, und das um so weniger, da ein jeder ihrer Diener – bis auf etliche Sklaven – aus ihrem Dienste treten kann, wann er will, und sich im Augenblicke des Austritts nicht mehr unter der Jurisdiktion eines solchen Fürsten befindet, sondern unter der unsrigen.
[DTT.01_008,10] Dann haben sie das Recht, die Steuern, die ihnen zukommen, zu erheben und nötigenfalls mit Gewalt einzuheben, aber ohne ius gladii! Die Exekutionen haben sie bei uns zu nehmen und dafür zu zahlen.
[DTT.01_008,11] Das sind deines Herodes' Rechte, wie die jedes anderen Lehensfürsten; weiter hinaus ist alles ein schärfst strafbares Verbrechen und wird schon beim ersten Vergehen mit dem Verlust des Lehensrechtes geahndet.
[DTT.01_008,12] So du etwa glaubst, mit der Macht des Herodes auf den Wunderknaben zu fahnden, da bist du in einer großen Irre, und Herodes wird sich davor wohlweislich zu hüten verstehen, über sein Recht hinauszutreten!
[DTT.01_008,13] Dieser Knabe befindet sich nun aber auch in meinem Schutze, und ich erteile ihm nun erst das volle Recht, euch mit allerlei Fragen zu plagen, und ich werde nicht von seiner Seite weichen, denn in seinem Gehirne und Gemüte steckt mehr der kerngesundesten Weisheit als in euch allen und in eurem ganzen Heiligtum. – Und nun, du mein liebster, holdester Knabe, kannst du wieder reden, denn ich habe den Platz für dich gereinigt!“

9. Kapitel – Des Jesusknaben Verheißung an den römischen Richter und des Hochpriesters Zorn darüber. Wie der Mensch selbst zum lebendigen Worte Gottes, somit zum Gott werden kann. Die Widerlegung des Hochpriesters durch den Jesusknaben mit Hilfe des Volkskatechismus.

[DTT.01_009,01] Ich aber sah den römischen Richter freundlichst an und sagte: „Du bist zwar ein Heide, aber du bist gerecht und guten Herzens, und wahrlich, wenn nun das wahre Gottesreich zu den Menschen auf Erden kommen wird, wirst du samt deinem ganzen Hause nicht als einer der Letzten in dasselbe aufgenommen werden! Wer aber darin aufgenommen wird, der wird selig sein und nicht sehen den Tod ewiglich!“
[DTT.01_009,02] Sagte der Richter: „Wie magst denn du mir eine solche Verheißung machen?“
[DTT.01_009,03] Sagte Ich: „Nichts leichter als das! Denn Ich sage es ja, daß Ich jenen Wunderknaben sehr wohl kenne und sein innigster Freund bin. So Ich zu Ihm komme, da werde Ich deiner nicht vergessen, und Er wird dich segnen, und sein Segen wird nicht ohne Folgen sein!“
[DTT.01_009,04] Hier erhob sich zornig der Hochpriester und sprach: „Ist denn jener Knabe ein Gott, daß er segnen kann, als wäre er ein Gott?! Weißt du denn nicht, daß nur Gott allein segnen kann und sein Hoherpriester nach der Beheißung Gottes dreimal im Jahre?! Wie sprichst du von jenem Knaben, daß auch er einen Menschen und sein ganzes Haus sogar segnen könne?! Welche Lehrer müssen bei euch sein, daß ihre Schüler solch einen Unsinn schwätzen können!“
[DTT.01_009,05] Sagte Ich: „Fürs erste habt ihr selbst uns solche Lehrer gegeben, und so die Schüler einen Unsinn daherschwätzen, so fällt dieser auf euch selbst zurück, und so erzeugt ein Unsinn den andern! Wenn aber das ein Unsinn ist, was Ich von dem Wunderknaben ausgesagt habe, daß Er die segne, die ihm wahre Freunde sind, warum lehret dann ihr, daß die Eltern ihre Kinder und die Kinder ihre Eltern allzeit segnen sollen?
[DTT.01_009,06] Noah war doch kein Gott und segnete höchst fruchtbringend seine beiden Söhne, die seine Scham bedeckten! Ebenso war auch der alte, blinde Isaak kein Gott, als er den Jakob segnete und ihm gab den Beinamen ,Israel‘, was soviel heißt als: ,Aus dir gehe hervor das Volk Gottes!‘ War solcher Segen etwa ein fruchtloser?!
[DTT.01_009,07] So du aber sagst und fragst in deinem großen Tempelhochmute, ob jener Knabe ein Gott sei, was kannst du Mir sagen, so Ich dir sage: Ja, Er ist es, und das mit offenbar mehr Recht, als es von euch geschrieben steht: ,Der Herr Jehova Zebaoth sprach zu seinen Göttern!‘ So ihr aber also in euerm Dünkel Götter seid, warum sollte denn jener mit so vielen wahrhaft göttlichen Eigenschaften begabte und erfüllte Knabe kein Gott sein, da er doch sogar von David abstammt in erster Linie?!
[DTT.01_009,08] Wer aber Gottes Wort hört und danach tut, der hat Gottes Wort lebendig in sich und ist selbst in seinem ganzen Wesen ein lebendiges Wort Gottes geworden und ist also im Geiste aus Gott! Wo aber das, wer kann da sagen, daß da der ganze Mensch nicht aus Gott wäre?! Ist ein Mensch aber dadurch, daß er in seinem ganzen Wesen zum lebendigen Gottesworte geworden ist, voll erfüllt mit dem Geiste Gottes, ist er dann nicht ein Gott, da das vollwahre Göttliche überall, somit auch im Menschen um so mehr, als Gott angesehen werden muß?!“
[DTT.01_009,09] Sagte der Hochpriester: „Was hast du da wieder für einen sträflichen, gotteslästerlichen Unsinn dahergeschwätzt? Also kann nur ein unsinniger Narr reden! Das ist ein hirnloses Gewäsch, darüber ein hellsehender Denker hellauf lachen muß!“ – Darauf lachte der Hochpriester selbst hellauf.
[DTT.01_009,10] Ich aber sagte: „Was heißest du das einen Unsinn? Ist das ein Unsinn, so seid ihr Hochpriester, Ältesten und Schriftgelehrten selbst Schöpfer und Ausbreiter desselben, was Ich sogleich auf das allerklarste beweisen kann!“
[DTT.01_009,11] Der Hochpriester: „Wie willst du kecker Schweinehirte aus Galiläa uns das beweisen?“
[DTT.01_009,12] Sagte Ich: „Bringet mir her den Volkskatechismus!“
[DTT.01_009,13] Fragte der Hochpriester: „Und was willst du damit?“
[DTT.01_009,14] Sagte Ich: „Das wirst du schon sehen! Vorderhand werde Mir das Buch hergeschafft!“
[DTT.01_009,15] Es wurde das Buch herbeigeschafft, und der Hochpriester sprach: „Hier ist es! Was wirst du nun damit machen?“
[DTT.01_009,16] Sagte Ich: „Das wirst du nun gleich sehen!“ – Ich schlug das Buch auf und bat den römischen Richter, daß er die ihm von Mir angezeigte Stelle laut vorlesen möchte. Er tat das mit sichtlicher Freude.
[DTT.01_009,17] (Der römische Richter:) „Wer Gottes Wort hört und danach tut, der hat Gottes Wort lebendig in sich und ist selbst in seinem ganzen Wesen ein lebendiges Wort Gottes geworden und ist also im Geiste aus Gott. Wo aber das, wer kann da sagen, daß nicht der ganze Mensch aus Gott wäre?! Ist aber ein Mensch dadurch, daß er in seinem ganzen Wesen zum lebendigen Worte Gottes geworden ist, voll erfüllt mit dem Geiste Gottes, ist er dann nicht ein Gott, da das vollwahre Göttliche überall, somit auch im Menschen um so mehr, als Gott angesehen werden muß?!“
[DTT.01_009,18] Hierauf sagte der römische Richter: „Nun, das sind ja auf ein Haar dieselben Worte, die ehedem der respektable Priester bei dir als einen Schweinehirtenunsinn erklärt hat! Nun, diese Geschichte – wie ich's merke – fängt stets heiterer zu werden an! Da bin ich denn doch selbst gar sehr neugierig darauf, was da nun herauswachsen wird!“

10. Kapitel – Der mißglückte Versuch eines Schriftgelehrten und eines Ältesten, den Hochpriester zu rechtfertigen und ihm Geltung zu verschaffen. Die Vertagung der Sitzung durch den Richter auf den nächsten Tag. Der Jesusknabe und Simon als Nachtgäste des Römers in der Herberge.

[DTT.01_010,01] Der Hochpriester machte über diese Vorlesung ein sehr ärgerliches Gesicht.
[DTT.01_010,02] Ich aber sagte: „Nun, du gar so hoch gottesgelehrter Oberster des Tempels, ist dadurch von Mir nicht alleraugenfälligst der Beweis geliefert, daß, wenn das von Mir dir ehedem Gesagte ein Unsinn ist – das er aber nicht ist –, eben ihr selbst Schöpfer und Verbreiter des Unsinnes seid?! So Ich aber dadurch eine Unwahrheit geredet habe, kannst du Mir sogleich eine Maulschelle für Meine Keckheit verabfolgen! Aber du wirst das schwerlich tun, dieweil du das, was in euerm Volkskatechismus geschrieben steht, unmöglich mehr als einen Unsinn erklären kannst! Aber nun möchte Ich von dir den Grund vernehmen, warum du das ehedem getan hast! – Ich habe geredet, nun rede du!“
[DTT.01_010,03] Der Hochpriester machte nun eine lächerliche Miene und war um eine Antwort sichtbar im hohen Grade verlegen.
[DTT.01_010,04] Es erhob sich aber gleich ein anderer Schriftgelehrter und sagte: „Seine hochzuverehrende Herrlichkeit haben dich dadurch nur auf eine recht heiße Probe gestellt und wollten daraus ersehen, ob du wohl im Volkskatechismus fest bewandert bist, dieweil du selbst solchen zugunsten deiner Sache angezogen hast! Laß nun das, und reden wir beide lieber von etwas ganz anderem! Denn es kommt bei diesem Hin- und Herstreite ja am Ende doch nichts heraus!“
[DTT.01_010,05] Sagte Ich: „Siehe da, wie gescheit du sein möchtest, wenn du es sein könntest! Du möchtest dem Hochpriester nun gerne aus der Kloake helfen, in die er sich selbst bis über die Ohren und Augen gestürzt hat; aber es geht das nun wohl nicht mehr!
[DTT.01_010,06] Ich weiß es wohl, daß er Mir nun den Grund nicht sagen wird, warum er das bei Mir einen Unsinn nannte, was er als Hochpriester wohl am ersten hätte wissen sollen, daß das im Volkskatechismus vor jedermanns Augen geschrieben steht; aber weil er eben darum nicht gewußt hat, so nannte er das einen Unsinn – und doch ist er ein Hochpriester, ein Schriftgelehrter und Ältester zugleich!
[DTT.01_010,07] Das Denkwürdige an der Sache ist dabei nur das, wie man in dieser Zeit ein Hochpriester werden und sein kann und wie sich vom Geiste Gottes erfüllt dünken, da man das Wort Gottes nicht einmal äußerlich kennt! Ist es nicht also Gebot und Sitte, daß ein jeglicher Hochpriester, der auf dem Stuhle Mosis und Aarons sitzt, der Schrift in allen ihren Teilen vollkommen kundig sein soll und jedem, der in irgend etwas einen Zweifel hat, einen vollrechten Bescheid gebe?!
[DTT.01_010,08] Welchen Bescheid aber kann der jemandem geben, der nicht einmal die sehr kurz gefaßte Textierung des Volkskatechismus kennt und somit zum Gelächter und gerechten Ärger eines wahren und eifrigen Juden aus eigener Unkunde das Unsinn nennt, was doch ein jeder Judenknabe aus dem Volkskatechismus wissen muß, ansonst ihn ein ehrlicher Meister in eine Handwerkslehre nicht aufnimmt!“
[DTT.01_010,09] Da ermahnte Mich ein anderer Ältester, daß ich wohl bedenken solle, wer und was ein Hochpriester sei.
[DTT.01_010,10] Ich aber sagte: „So Ich die volle Wahrheit rede, kann Ich dadurch je einen wahren Menschen beleidigen?! Saget es selbst, ob das, was Ich hier rede, nicht in der Schrift von Moses geschrieben steht, und ob sich nicht die Sache also verhält, wie die Sache selbst klar zeigt!
[DTT.01_010,11] Leider werden hochgeborene Menschen nun nicht mehr nach ihrem geistigen Vermögen, sondern nur nach ihren weltlichen Reichtümern zu den höchsten Ämter befördert, wo sie dann gewöhnlich geistig noch ärmer, aber dafür materiell desto reicher werden! Aber saget es selbst, ob es also vor Gott auch gerecht ist!?
[DTT.01_010,12] Ja, da kann man, gar leicht begreiflich, über die Ankunft des verheißenen Messias freilich schwer eine Auskunft erhalten, so diejenigen, die davon doch füglichermaßen zunächst und zuerst etwas wissen sollten, in der Schrift so unbewandert sind wie Menschen, die vom Dasein einer Schrift aus dem Geiste Gottes durch Moses und andere Propheten gar keine Kenntnis besitzen, aber dabei doch ganz hoch und breit auf dem Stuhle Mosis und der Propheten sitzen!
[DTT.01_010,13] Sie selbst wissen von Gott und seinem Worte wenig oder nichts und noch weniger von dem lebendigen Worte Jehovas im Menschen, durch das sie selbst zu einem Gotte werden sollen nach ihren eigenen gemachten Volksunterrichtsgrundsätzen! – Was sagst denn du, römischer Richter, als ein Heide zu solchen Dingen und Verhältnissen?“
[DTT.01_010,14] Sagte der Richter: „Da kann ich dir in allem nur recht geben! Denn hier zwischen den Mauern und in diesem abgeschlossenen Saale kannst du reden, wie dir die Zunge gewachsen ist, nur öffentlich vor dem Volke wäre so etwas natürlich unschicksam und sogar schlimm – was du aber auch nicht tun wirst, da du ein viel zu vernünftiger Junge bist und die für diese Zeit schlimmen Folgen daraus selbst gar wohl berechnen kannst! – Nun aber gehen wir zum Nachtmahle! Du und Simon seid heute und morgen meine Gäste!“ Darauf hob der Richter die Sitzung auf und bestellte sie am nächsten Tage wieder.
[DTT.01_010,15] In des Tempels nächster Nähe aber war eine große Herberge, da nahmen wir ein gutes Nachtmahl und begaben uns dann schnell zur Ruhe.
[DTT.01_010,16] Diese Herberge gehörte aber auch zum Tempel und wurde von den Tempeldienern bedient. Wer von den Reisenden in dieser Herberge blieb, dem ward es also angerechnet, als wäre er unmittelbar im Tempel selbst geblieben. Man konnte zwar im Tempel auch verbleiben, mußte aber doppelt soviel zahlen und bekam nichts als Brot und Wasser zum Genusse. Wenn es demnach heißt, daß Ich drei Tage lang im Tempel verblieb, da muß auch diese Tempelherberge dazugerechnet werden.
[DTT.01_010,17] Uns dreien ging es in der Herberge ganz gut; jeder konnte ruhig schlafen.

11. Kapitel – Die nächtliche Beratung der Templer.

[DTT.01_011,01] Aber die Tempelherren hatten eben keine so ruhige Nacht; denn Ich wollte es, daß diese selbst- und herrschsüchtige Art von Menschen durch allerlei beängstigt werden mußte. Und der Hochpriester konnte vor Galle, Ärger und Furcht zu keinem Schlafe kommen, denn es genierte ihn besonders das über alles, daß Mich der römische Richter als einen geehrten Gast mit sich nahm. Er ließ denn auch in einem fort seine Horcher in die Herberge kommen, daß sie ihm Nachricht brächten von dem, was wir etwa miteinander redeten. Aber wir redeten nichts.
[DTT.01_011,02] Aber dafür schwätzten die Templer um so mehr unter sich und berieten, wie sie Mich am nächsten Tage durch allerlei Fragen verwirrt und recht unsinnig machen könnten. Nur der junge Levite, der auf dem Punkte stand, ein selbständiger Pharisäer und Vorsteher einer Synagoge zu werden, sagte dem Gremium, weil er sehr viel gesehen und erfahren hatte bei seinen Missionsreisen, ganz trocken ins Gesicht:
[DTT.01_011,03] „Mit diesem Knaben werdet ihr alle nichts ausrichten! Ich habe in Nazareth wahrlich Wunderdinge von seiner Beredsamkeit gehört, und da gibt es keinen Gelehrten, der diesem Knaben je etwas abgewonnen hätte! Ich sage es euch ganz offen: Dieses Knaben Zunge und seines Freundes unbegreifliche Willenskraft sind mächtig zur Genüge, um die ganze Welt zu unterjochen! Und wir haben uns mit diesem Knaben eine mächtige Laus in den Pelz gesetzt, die wir ohne Schaden nicht leicht loswerden!
[DTT.01_011,04] Daher wäre meine freilich immerhin unmaßgebliche Meinung diese: Man lasse ihn bei seiner Meinung, daß wenigstens möglicherweise jener Wunderknabe der verheißene Messias sein oder mit der Zeit werden könne, da denn doch die Weissagungen der Propheten auf ihn wie auf diese Zeit hindeuten!
[DTT.01_011,05] Mit was immer für Widerspruch kommen wir mit ihm nicht weiter – und ihn ärgerlich machen durch eine Drohung, wäre meiner Ansicht nach sogar bedenklich, denn er weiß um alles auf das genaueste, und nicht fremd scheinen ihm unsere tiefsten Tempelgeheimnisse zu sein!
[DTT.01_011,06] Es wäre da schon rein des Beelzebubs zu werden, so er eben von unseren ganz besonderen Geheimnissen offen vor dem ihm sehr geneigten Simon und dem römischen Richter auszuplaudern anfinge! Daher heißt es da sehr klug sein, ihn bei seinem Thema lassen, ihn darin eher noch bestärken, als ihn von seiner Idee abwendig machen zu wollen!
[DTT.01_011,07] Was liegt denn für uns daran, die wir alle die alten Schriftglaubenssachen schon lange über Bord ins Meer der Vergessenheit geworfen haben, ob ein Messias, oder ob keiner?! Sondern klug sein und dadurch herrschen und dabei auf Kosten der blinden und dummen Menschenmenge sehr gut leben ist besser, als sich allerlei Gewalt, die wir am Ende doch nicht haben, anmaßen und sich daneben mit allerlei unnötiger Sorge und Angst zernagen lassen!
[DTT.01_011,08] Wir haben uns schon gestern mit unserer schlecht berechneten Hoheitssteife bei dem Römer schlecht insinuiert, und die Zachariasgeschichte kann uns noch in große Verlegenheit bringen! Denn zu scherzen ist's mit den Heiden durchaus nicht! Wir dürfen uns daher morgen nur ein wenig unsanft gegen den Knaben benehmen – und wir stehen alle in der heißesten, echt römischen Brühe!
[DTT.01_011,09] Darum seien wir nur ganz feine und schlaue Füchse und machen unsere gestrigen Fehler wieder soviel als möglich gut, und ich will wetten, daß der Römer die Geschichte vom Zacharias ganz fallen läßt, ansonst er sie sogleich als eine scharfe Waffe gegen uns benützen wird! – Was meinet ihr von meinem Rate?“
[DTT.01_011,10] Sagte der stets wache Oberpriester: „Ja, ja, ich bin mit dir da ganz einverstanden; es dürfte also schier am besten sein! Rede und Antwort müssen wir dem Knaben geben, weil er dazu ein teuer erkauftes Recht hat, dieses können wir nicht von uns hinwegschieben! Nur bin ich der Meinung, daß wir ihm morgen ein anderes Kollegium aus uns geben, das ihm günstiger denn wir gestern Rede stehen soll! – Was meinet ihr da?“
[DTT.01_011,11] Sagte der junge Redner: „Der Meinung bin ich wieder nicht! Ein fremdes Kollegium müßte informiert werden, um recht zu verstehen, wen es in dem Knaben vor sich hat. Wir aber kennen ihn nun und wissen, was er eigentlich will. Wir haben ihm sonach leicht Rede zu stehen. Ein fremdes Kollegium würde morgen vor dem Knaben dastehen wie ein junges Paar Zugochsen vor einem Berge und wüßte ihm selbst bei einer besten Information nicht Bescheid zu geben.
[DTT.01_011,12] Dann kommt aber da noch etwas ganz Wichtiges in die Betrachtung, und zwar: Können wir wissen, ob der Knabe sich nicht gerade auf uns versteifen würde? Wir müßten dann, von Simon und dem römischen Richter verlangt, kommen und mit dem verzweifelt pfiffigen Knaben zur Rede stehen, bei welcher Gelegenheit wir uns eben nicht gar besonders gut vor dem Römer ausnehmen möchten, da wir uns dadurch ja offenbar verrieten, daß wir im Kampfe mit dem Knaben das offenbar Kürzere gezogen haben!
[DTT.01_011,13] Ich will und kann mit solcher meiner Meinung keine gültige Vorschrift machen, aber das ist doch gewiß, daß wir das von mir Bemerkte ganz sicher zu erwarten haben, was niemand von uns eben etwa erwünscht sein dürfte!“
[DTT.01_011,14] Sagte der Oberpriester: „Bin ganz mit dir einverstanden, und wir werden uns auch deinen guten Rat zur Richtschnur nehmen; aber was meinst du, mein Sohn, denn überhaupt so über diesen ganz verzweifelt pfiffigen Knaben?
[DTT.01_011,15] Es ist doch rein des Satans zu werden! Wir höchsten Würdenträger vom ganzen Judenlande müssen uns von einem echten galiläischen Schweinehirten bis über die Ohren ins Bockshorn treiben lassen! Vor solch einem niedrigsten Wurme des Gassenstaubes müssen wir zittern und alles Mögliche aufbieten, um seiner nur auf eine gute Art loszuwerden. Nein, nein, so etwas ist noch seit Menschengedenken nicht dagewesen!
[DTT.01_011,16] Aber sage mir, was du von dem Knaben denkst! Wie und wann kann sich dieser Knabe von zwölf Jahren Alters solche Totalwissenschaft zu eigen gemacht haben?“
[DTT.01_011,17] Sagte der junge Redner: „Lieber, nach dem Hohenpriester allerhöchster Gebieter und Gönner! So etwas ist in Galiläa gar nichts Neues! Alles in Galiläa treibt Handel, kommt mit allen Nationen der Welt zusammen und macht tausendfache Erfahrungen aller Art und Gattung, lernt verschiedene Sprachen und verkehrt mit Griechen, mit Armeniern, mit Ägyptern und noch einer Menge anderer Völker. Es ist daher auch begreiflich, daß man in den Städten und Flecken und Dörfern Galiläas nicht selten Kinder antrifft, deren durchdringender Verstand alles ins größte Staunen setzen muß, was von uns aus Jerusalem dahin kommt.
[DTT.01_011,18] Ich, wie bekannt, bin selbst in der Gegend von Nazareth geboren und war mit der ganzen Schrift schon in meinem zwölften Jahre vertrauter denn jetzt, wo ich schon so manches vergessen habe, und daneben noch mit einer Menge anderer Schriften und Dinge. Warum unser blondlockiger Knabe nicht?! Mich wundert seine Gewecktheit eben nicht so sehr, obwohl sie sehr durchdringend ist.“
[DTT.01_011,19] Sagte weiter der Oberpriester: „Ja, das wäre bei einer frühzeitigen Bildung eines talentierten Knaben freilich nicht so etwas ganz Besonderes; aber wie kommen diese Menschen in den Besitz der Schrift, die als allein echt nur im Heiligtume des Tempels aufbewahrt ist, und aus der niemand lesen darf als neben dem Hohenpriester nur der Oberpriester und die Schriftgelehrten?“
[DTT.01_011,20] Sagte der junge Redner: „Höchster Gebieter, das ist ja schon seit der Zeit, als die Römer unser Reich erobert haben, nicht mehr wahr! Dem Eroberer mußten alle Einrichtungen des Tempels und alle seine Bücher zur Einsichtnahme ausgeliefert werden. Da wurden drei Jahre lang von allem und jedem die getreuesten Abschriften genommen.
[DTT.01_011,21] Und nun gibt es unter den Römern und Griechen sogar schon eine solche Menge der ganz getreuen Abschriften in allen Zungen, daß man sich um wenige Silberlinge eine solche Abschrift in jeder beliebigen Zunge anschaffen kann. So aber das, wie sollte es dann etwa schwer möglich sein, in einem galiläischen Knaben von Talent einen wahren Schriftgelehrten non plus ultra anzutreffen?“
[DTT.01_011,22] Sagte der Oberpriester: „Du kommst mir noch mit römischen Zwischenworten und weißt doch, daß ich ein Todfeind alles Römischen bin! – Was heißt denn der Ausdruck ,non plus ultra‘?“
[DTT.01_011,23] Sagte der junge Redner: „Höchster Gebieter, ich als Galiläer bin auch nebst der hebräischen noch der Griechen wie der Römer Zunge mächtig, also verstehe ich Syrisch, Chaldäisch, Armenisch, Persisch und Altarabisch, das man als Sendling auch verstehen muß – und es geschieht mir da im Flusse der Rede gar leicht und öfters, daß sich mir eine fremde Zunge wie von selbst in den Mund schiebt!
[DTT.01_011,24] Der Ausdruck ,non plus ultra‘ ist aber nun unter uns Juden seiner Kürze und Bündigkeit wegen gang und gäbe, daß es einem ordentlich schwer vorkommt, den langen und langweiligen hebräischen zu gebrauchen. An und für sich besagt er soviel als: So ein Knabe ist also sehr ,von niemand übertreffend‘ in aller Schrift bewandert.“
[DTT.01_011,25] Sagte der Oberpriester: „Gut, gut, es liegt nichts daran, ich bin nur aus leicht begreiflichen Gründen kein Freund der Römer und somit auch ihrer Zunge nicht; aber lassen wir das beiseite, und du sage mir, was dir allenfalls von jenem Wunderknaben in Nazareth bekannt ist, dessen Vater ich kenne wie auch dessen Mutter!“
[DTT.01_011,26] Sagte der junge Redner: „Ja, höchster Gebieter, das ist ein stark kitzliger Punkt! Ich glaube, ihn vor ein paar Jahren gesehen zu haben, und zwar in Gesellschaft von mehreren Knaben, die einander aber über alle Zwillingsbrüder hinaus ähnlich waren. Man sagte mir wohl, dieser und solcher und jener sei es, aber da die Knaben gleichfort sich sehr lebhaft durcheinander tummelten, so konnte ich unmöglich den rechten aus ihnen fest ins Auge fassen! Ich habe ihn also gesehen, und doch auch wieder nicht gesehen!
[DTT.01_011,27] Unser uns nun ein rechtes Wetter machender Knabe aber war damals ganz sicher auch in der Gesellschaft, begleitet von einem ihm sehr ähnlich sehenden Knaben, und zwar – wie es mir nun vorkommt – mit einem noch mehr ernsthaften Gesichte, und machte keine lustigen Sprünge. Es hatte sehr das Aussehen, als wären die beiden Knaben gleichsam Gebieter über die andern, da sich die andern ganz nach deren Willen zu bewegen schienen.
[DTT.01_011,28] Was übrigens dieses Buntgetriebe der Knaben durcheinander für ein Spiel bedeutete, begriff ich nicht, da ich früher nie etwas Ähnliches gesehen hatte. Planlos schien mir die Sache nicht zu sein, weil sich bei längerer Beobachtung irgendeine Ordnung durchaus nicht verkennen ließ. Was es aber vorstellte, konnte mir niemand von den mit mir Anwesenden erklären. Man sagte mir, daß die Knaben sich stets auf eine solche Art unterhielten, die früher noch nie in Nazareth gesehen ward; aber niemand versteht es, was so eine fremdartige Unterhaltung besagt.
[DTT.01_011,29] Das wäre nun aber auch schon alles, was ich persönlich von jenem Knaben aus eigener Erfahrung weiß. Nun aber habe ich mir von jenem Knaben wohl gar außerordentliche Dinge erzählen lassen, die an das Allerunglaublichste stoßen! Alles das wiederzuerzählen, würde man eine Zeit von wenigstens zehn Tagen vonnöten haben, daher sage ich nur im allgemeinen:
[DTT.01_011,30] Es gehorchen diesem oder besser jenem Wunderknaben buchstäblich alle Elemente, ja sogar Sonne, Mond und all die Sterne seien seinem Willen augenscheinlich untertan, da er bloß zu wollen brauche, und die Sonne und der Mond gäben kein Licht! Und sage er dann ernstvoll zur Sonne oder zum Monde: ,Leuchte fortan!‘ so sei das Licht gleich wieder gegenwärtig.
[DTT.01_011,31] Von der Geburt an Blinde mache er bloß durch ein Wort also hell sehend, als wie hell sehend da ist eine Katze, die auch in der finstersten Nacht ihren Raub gar wohl erschaut.
[DTT.01_011,32] Einem Knaben aus der Mitte seiner Gespielen, der voll Mutwillens auf ein Dachgerüst stieg, herabfiel und zerschmettert tot liegen blieb, habe er im Angesichte vieler Zuschauer bloß durch sein Wort das Leben also wiedergegeben, daß der wiederbelebte und von allen Wunden geheilte Knabe so kerngesund und munter dastand, als ob ihm nie etwas Übles begegnet wäre. Wohl aber habe daraufhin der Wunderknabe dem vom Tode erweckten Knaben eine sehr ernste Mahnung gegeben, künftighin nicht mehr so mutwillig und unfolgsam zu sein, ansonst er ihm nicht mehr helfen würde.
[DTT.01_011,33] Man spricht überhaupt von Wundern der Sittlichkeit und der weisesten Redekraft von seite des Wunderknaben. Nur eines klingt etwas sonderbar: er, der Wunderknabe nämlich, bitte nie jemanden um irgend etwas, und so ihm jemand etwas gegeben, so danke er auch niemals dafür! Er sei stets voll Ernstes, man sehe ihn oft beten, auch weinen im stillen, aber lachen nie!
[DTT.01_011,34] Das ist in aller Kürze all das Denkwürdige, was ich von jenem Wunderknaben in meine Erfahrung gebracht habe. Ein mehreres ist mir nicht bekannt. Wie und mit welchen Mitteln aber jener Knabe solche Wunderdinge zustandebringt, das zu beurteilen steht zu hoch über dem Horizont meines Wissens und meiner zu beschränkten Weisheit – das möget nun ihr ältesten und weisesten Vorsteher des Tempels tun, und ich habe geredet!“
[DTT.01_011,35] Sagte darauf der Hochpriester: „Mit welch anderer Macht wohl als mit der des leibhaftigen Beelzebub?! Denn Gott wirkt niemals Wunder durch Kinder und lose Knaben, sondern höchst selten nur durch fromme, Ihm ganz ergebene und an Jahren reif gewordene Männer, wie wir da sind! So aber zu Nazareth ein zwölfjähriger Knabe solche Dinge verrichtet, so liegt es ja klar am Tage, daß so etwas nur durch die Hilfe des Beelzebub geschehen kann! – Das ist meine Meinung, wer irgendeine andere und bessere geben kann, der stehe auf und rede!“
[DTT.01_011,36] Es erhob sich ein Ältester und sagte: „Meiner Ansicht nach räumst du dem Beelzebub denn doch etwas zu viel Macht ein! Streng unter uns gesagt, ist der Beelzebub ohnehin nur eine allegorische Persönlichkeit, unter der man sich den Totalbegriff alles Bösen und Schlechten, das bloß in der Verkehrtheit des Menschenwillens liegt, vorstellt.
[DTT.01_011,37] Daß dann durch ein volles Zusammenwirken einer allen guten Gesetzen hohnsprechenden Gesellschaft von vielen Menschen unter sich ein sogenannter Beelzebub erzeugt wird, der fürder nichts mehr Gutes in ihr aufkommen läßt, das ist eine schon seit lange her ausgemachte Sache! Denn ein solch böser Geist gleicht einem moralischen Pesthauche und vergiftet fortwährend die Herzen der in solcher Gesellschaft lebenden Menschen, daß sie aus sich und durch sich nimmer besser werden können.
[DTT.01_011,38] Aber auch daran schuldet nicht ein gewisser geistig-persönlicher böser Geist Beelzebub, sondern die gänzlich verkehrte und somit schlechte Erziehung der Kinder von der Wiege an. Derlei Menschen bekommen keinen Begriff von einem allmächtigen und allweisesten Gotte, auch in allen andern Kenntnissen und Wissenschaften stehen sie den zivilisierten Völkern himmelweit nach und können darum auch bald und leicht von denselben besiegt werden.
[DTT.01_011,39] Wenn wir aber nun die außerordentliche Bildung unseres in Rede stehenden Knaben betrachten, dessen überaus fromme und tiefgebildete Eltern uns nur zu gut bekannt sind, und beherzigen seinen überaus großen Wohltätigkeitssinn, so kann es wenigstens mir nicht einmal in einem allerschlechtesten Traume einfallen, zu behaupten, ein solcher Knabe stehe im vollsten Machtverbande mit dem Obersten aller Teufel, die nimmer imstande seien, auch nur einen kleinsten Lichtgedanken in sich aufkeimen zu lassen!
[DTT.01_011,40] Oder kann durch das absolut Böse nach unserer Anschauungsweise je auch nur ein anscheinend guter Zweck erreicht werden? Mir wenigstens ist so etwas bis jetzt noch ganz fremd geblieben! Oder weiß es jemand von euch etwa, daß grundschlechte Menschen je eine gute und lobenswerte Handlung begangen haben?! Oder läßt sich mit den schlechtesten und verworfensten Mitteln erweislich je etwas wahrhaft Gutes erreichen?!
[DTT.01_011,41] So aber unser Wunderknabe mit seiner Willenskraft, die für uns freilich etwas Unbegreifliches ist, lauter allerbeste und großartigst edle Handlungen von nachhaltig besten Folgen verübt, wie möglich kann er sich dabei des grundschlechtesten Mittels bedienen?! Darüber bitte ich mir von euch eine haltbare Erklärung aus!“
[DTT.01_011,42] Mehrere von den Ältesten und Schriftgelehrten stimmten mit dem Redner überein – nur der Oberpriester und sein eben nicht sehr zahlreicher Anhang nicht. Und der Oberpriester erhob sich und sagte zum Verteidiger des Wunderknaben:
[DTT.01_011,43] (Der Oberpriester:) „Sieh, ich merkte aus deiner Rede, daß du des Beelzebubs Persönlichkeit leugnest mit sinniger Rede und ebenso die Persönlichkeit der ihm unterstehenden Teufel! So du mit deiner Rede das Recht behaupten solltest, da erkläre es mir auch in deiner Weise, wer auf dem Berge Nebo gestritten hat um den Leib Mosis mit dem Erzengel Michael drei Tage hindurch und dazu noch den Sieg behauptete!
[DTT.01_011,44] Wer war jene Lichtgestalt, die sich vor den Gottesthron wagen durfte, um sich die Zulassung zu erbitten, dem Vater Hiob auf den Zahn fühlen zu dürfen? Wer war denn die Schlange Evas? Wer der böse Geist Sauls, den der Knabe David mit dem Saitenklang seiner Harfe verscheuchte? Ferner gibt es noch eine Menge Daten in der Schrift, besonders im Daniel, der zu öfteren Malen des großen Drachen und der großen Hure Babels erwähnt! Wie wirst du eigentlicher Weltweiser das alles in deiner Weise aufklären?“
[DTT.01_011,45] Sagte der frühere, weise Älteste und Schriftgelehrte: „Dies wäre mir eine gar leichte Arbeit, so dein Verstand den das zu begreifen erforderlichen Bildungsgrad besäße, aber deine gänzliche Verstandesnacht faßt solche Lichtdinge nicht. Und so würde ich nur einem Tauben und Blinden eine vergebliche Predigt halten, die keine Wirkung hätte – und so lasse ich das bleiben!
[DTT.01_011,46] Die mich verstehen wollten und konnten, die haben mich schon ehedem verstanden. Einem harten Willen aber eine Predigt zu halten, heißt einen Stein darum ins Wasser legen, damit er weich werde. Hast du nie die große Kabbala gelesen, die da ist das Werk eines großen Geistes? Darin geschieht eine gedehnte Erklärung von den Entsprechungen zwischen den Sprach- und Schriftbildern und der Wirklichkeit, die sie darstellen!“
[DTT.01_011,47] Sagte der Oberpriester: „Die kleine wohl, aber die große nicht!“
[DTT.01_011,48] Sagte der Redner: „Dann kann ich unmöglich reden mit dir, denn die kleine hat einen anderen Autor und ist nicht wert, ein schlechtester Auszug der alten, großen genannt zu werden!
[DTT.01_011,49] Vor Gott gibt es keinen Satan und keinen Teufel und somit auch nicht irgend etwas absolut Böses, denn Ihm müssen alle Mächte und Kräfte gehorchen, und keine kann über ihren Kreis hinaus wirken.
[DTT.01_011,50] Ist das Feuer nicht ein Kraftelement, das des Bösen und Zerstörenden in höchster Fülle in sich faßt? Ist es darum ein Produkt des Satans, so es ganze Städte zerstört und in tote Asche verwandelt, wenn es entweder durch den bösen Willen, sage, der Menschen oder durch ihre immerhin sträfliche Fahrlässigkeit entfesselt wird?
[DTT.01_011,51] Oder steckt darum der Satan im Wasser, weil es auch Menschen und Tiere tötet, so sie in dasselbe fallen? Oder steckt der Satan etwa in einem Steine, oder in der Höhe der Gebirge, oder in den giftigen Tieren und Pflanzen, oder kurz in allem, was uns Menschen den Tod bringen kann bei einem unsinnigen Gebrauch? – Sieh, alles auf der Erde und in der Erde kann sein voll Segen, aber auch gleichzeitig voll Fluch, je nachdem es ein Mensch entweder weise oder dumm gebraucht !
[DTT.01_011,52] Was war denn der berühmte Kampf des Satan mit dem Erzengel Michael um den Leib Mosis?
[DTT.01_011,53] Der fromme Teil der Juden, die Moses wie einen Gott verehrten, dachte, daß Moses auch dem Fleische nach nicht sterben werde, da es hieße: ,Die die Gesetze Gottes streng beachten, die werden nicht sterben, sondern gleichfort ewig leben, und ihr Fleisch werden die Würmer nicht zernagen!‘ Moses aber ward am Ende dennoch schwach und starb wie jeder andere Mensch.
[DTT.01_011,54] Da waren unter den Juden ein Weiser und ein Arzt.
[DTT.01_011,55] Der Weise sagte: ,Man trage den Leichnam auf die Spitze eines hohen Berges, wo die reinsten Lebenslüfte wehen, und Moses wird wieder lebendig und wird führen sein Volk ins verheißene Gelobte Land!‘
[DTT.01_011,56] Der einsichtsvollere Arzt aber sagte: ,Kein Leib, der einmal entseelt ist, wird je wieder lebendig!‘
[DTT.01_011,57] Der Weise sagte: ,So Moses auf der Bergspitze in drei Tagen nicht wieder lebendig wird, sondern tot bleibt, hast du über mich und meinen Glauben gesiegt, und ich bin dein Sklave mein Leben lang!‘
[DTT.01_011,58] Der Arzt aber sagte: ,Daß ich siegen werde, das weiß ich zum voraus. Darum brauchst du mir aber keinen Sklaven abzugeben, sondern ich werde bleiben, was ich bin, und du, was du bist, und du wirst einsehen, daß der Fürst oder die Macht des Todes sein Opfer behält und nimmer ausläßt.‘
[DTT.01_011,59] Und es ward Moses mit großer Feierlichkeit auf die Bergesspitze des Nebo gebracht. Viele Tausende der vornehmsten Israeliten begleiteten den Leichnam. Und als die Spitze des Berges mit vieler Mühe erreicht war, da ward Moses den freien Lebenslüften ausgestellt, und es wurden an ihm drei Tage hindurch alle denkbaren geistigen und materiellen Wiederbelebungsversuche gemacht, aber alles vergebens: des großen Propheten Auge öffnete sich nicht mehr für das Licht dieser Welt.
[DTT.01_011,60] Da sprach am vierten Tage der Weise ganz entrüstet vor dem Volke: ,Siehe, du Volk Gottes, des Satans Macht! Drei Tage lang kämpfte Michael (Macht der Himmel) mit dem Satan (Macht des Todes) um den Leib des Propheten und Satan besiegte ihn; aber dafür sprach Michael: ,Gott wird dich darum richten‘!‘
[DTT.01_011,61] Das war eine Rede vor dem Volke, figürlich (symbolisch) zwar, aber doch notwendig und in ihrem eigentlichen Grunde doch auch sehr wahr.
[DTT.01_011,62] Als der Arzt dann sicher nur unter vier Augen mit dem Weisen sprach und ihn daran erinnerte, wie er doch recht hatte, da sagte der Weise:
[DTT.01_011,63] ,Leider hast du recht. Aber es ist doch immerhin traurig für uns Menschen, daß Jehova auch bei seinem größten Propheten keine Ausnahme macht und ihn am Ende ebenso wie jedes gemeine Tier erwürgt und tötet! Moses hätte Er wohlbehalten können und zeigen dem Volke, daß Satan über seinen durch und durch Geheiligten keine Macht mehr habe!‘
[DTT.01_011,64] Der Arzt aber sagte: ,Du rechtest nicht gerecht mit Jehova! Siehe, Er hat allem Fleische seinen Weg und dem Geiste den seinen vorgezeichnet: der Weg des Fleisches aber muß völlig gerichtet sein, damit der Weg des Geistes ein freier bleibe für ewig!‘
[DTT.01_011,65] Als die beiden noch also miteinander Worte wechselten, da trat auf einmal zwischen sie Mosis Geist und sagte: ,Der Friede mit euch! Gottes Ordnung ist unwandelbar, und alles, was Er tut, ist gut! So der Leib auch stirbt, da stirbt dennoch nicht auch der Geist. Haltet die Gesetze, und rechtet nicht um meinen Leib, denn ich, Moses, lebe ewig fort, so auch tausend Male gestorben wäre der Leib, den ich trug!‘
[DTT.01_011,66] Darauf verschwand der Geist, und die beiden waren ausgeglichen. –
[DTT.01_011,67] Nun, mein lieber Bruder in Abraham, Isaak und Jakob, was sagst du dazu? Wo ist deine Persönlichkeit des Satans? Denn was ich dir nun sagte, ist die nackte geschichtliche Wahrheit, und die im Buche geschriebene ist nur ein Bild, gegeben wie alle derlei Nachrichten in dichterischen Versen, die man allein nur durch die Wissenschaft der Entsprechungen in der Natürlichkeit verstehen kann. – Was sagst du nun dazu als selbst ein Schriftgelehrter?“
[DTT.01_011,68] Sagte der Oberpriester: „Ja, ja, die Sache hat viel für sich und läßt sich gut hören, aber sie beruht dennoch auf dem Glauben und läßt über diesen hinaus keinen erweisenden Grund zu. Aber es mag an dieser Sache immerhin etwas sein, denn so es einmal pur auf dem Glauben beruht, da ist es am Ende schon bald einerlei, ob ich dieses oder jenes glaube – und es ist etwas Natürliches immer leichter zu glauben als etwas Übernatürliches. – Lassen wir demnach von dieser Sache ab! Die Nacht ist vorüber, und man wird uns in der Sprechhalle schon erwarten!“
[DTT.01_011,69] Sagte der junge Halbpharisäer: „Bin wahrlich sehr neugierig darauf, was die Sache heute für eine Wendung nehmen wird! Aber nur um das möchte ich um unseres Heiles willen wohl gebeten haben, daß mein Rat als klug wegen der Römer in eine kleine Erwägung gezogen werden möchte; denn es liegt ja doch wahrlich gar nicht so sehr etwas daran, ob wir unter uns und zwischen den vier Wänden das halbwegs scheinbar annehmen, was der Knabe ganz eigentlich haben will, da wir uns sonst die Römer sicher zu noch größeren Feinden machen würden, als sie es ohnehin schon sind!“
[DTT.01_011,70] Sagte der Oberpriester: „Sei unbesorgt, mein Sohn! Was sich nur immer tun läßt, das wird nicht unterlassen werden, denn heute kennen wir unsern Standpunkt offenbar besser, als wir ihn gestern erkannt haben.“
[DTT.01_011,71] Nach diesen Worten kam ein Tempeldiener und meldete – wie gewöhnlich in allertiefster Ehrfurcht –, daß der römische Kommissarius mit dem Knaben, der Simon von Bethania und noch etliche Herren mit ihm in der Halle seien.

12. Kapitel – Der Zusammentritt des Prüfungskollegiums im Sprechsaale am zweiten Tage. Der mißglückte Versuch der Templer, die Sitzung aufzuheben.

[DTT.01_012,01] Auf diese Nachricht eilte das ganze Kollegium in den Sprechsaal und wurde dort von den Anwesenden nach der Sitte geziemend begrüßt, etwas, was die Pharisäer gar sehr liebten, und weshalb sich einige gleich aufhielten, weil der Knabe nichts dergleichen tat, was nur von fernhin einem Gruße ähnlich sah.
[DTT.01_012,02] Es trat darum ein Alter zu Mir hin und fragte mehr bescheiden, warum Ich als der etwas trotzig aussehende Knabe niemanden gegrüßt habe.
[DTT.01_012,03] Ich aber sagte ihm kurz: „Das schickt sich wohl von euch und euresgleichen untereinander, aber was hat damit ein zwölfjähriger Knabe zu tun?! Übrigens hat ja von euch auch Mich niemand gegrüßt, warum sollte Ich denn nun wieder etwas zurückgeben, das Ich zuvor von euch noch nie erhalten habe?!
[DTT.01_012,04] Und zudem besteht bei uns in Galiläa diese Sitte nicht, und für Mich schon gar nicht! Denn ihr lasset euch allezeit über alle Gebühr ehren und grüßen, dieweil euch die Welt zu Herren gemacht hat. Ich aber bin in Meiner Art auch ein ganz besonderer Herr, warum habt denn ihr Mich nicht auch zuvorkommend gegrüßt?!
[DTT.01_012,05] O glaubet es Mir, Ich als Knabe weiß sehr genau, wen Ich zu grüßen habe, aber euch bin Ich durchaus keinen Gruß schuldig! Den näheren Grund kann euch Mein Römer kundgeben, so ihr ihn durchaus wissen wollet. Es ist aber heute ja ein Nachsabbat, an dem, so wie am Sabbate selbst, nach eurer Satzung alles Grüßen und Ehren streng untersagt ist, weil auch dieses den Sabbat entheilige und den Menschen auf den ganzen Tag verunreinige. Warum verlanget demnach ihr von Mir etwas, was euren Satzungen zuwiderläuft?“
[DTT.01_012,06] Hier schwiegen die Templer, sahen einander groß an, und der junge Levite sagte: „Meine hohen Gebieter, es ist mit diesem sonst allerholdesten Knaben ganz und gar nicht mehr zum Aushalten! Das schönste bei der Sache ist nur, daß er um alles weiß und somit auch unwiderruflich recht hat!“
[DTT.01_012,07] Sagte der Oberpriester zum römischen Kommissarius: „Hoher Richter nach Recht und Gebühr! Dieser Knabe wies uns an dich wegen noch eines Grundes, weshalb er uns nicht gegrüßt hat. Möchte es dir genehm sein, uns denselben kundzutun?!“
[DTT.01_012,08] Sagte der Richter: „O warum nicht? Recht gerne auch noch obendrauf! Ob es euch aber eben eine besondere Freude machen wird, das weiß ich kaum.“
[DTT.01_012,09] Sagten alle: „Nur heraus damit, denn heute sind wir gut gelaunt und vertragen gar manches, was wir sonst kaum ertragen würden!“
[DTT.01_012,10] Sagte der Richter: „Also wohl denn, und so höret! Dieser Knabe selbst ist eben jener Wunderknabe aus Nazareth, den er gestern nur zu vertreten schien! – Wie gefällt euch diese Geschichte? Wer ihm ein Haar krümmen würde, hätte meinen höchsten Zorn zu gewärtigen!“
[DTT.01_012,11] Als das Kollegium solches hörte, fuhr es sehr erschreckt und bebend zusammen!
[DTT.01_012,12] Erst nach einer Weile sagte der Oberpriester: „Warum hast du uns denn das nicht schon gestern gesagt? Hätten wir das schon gestern gewußt, so hätten wir sicher ganz anders mit dir geredet und hätten dir auch ganz andere Antworten gegeben, die dir offenbar besser gefallen hätten als die gestrigen!“
[DTT.01_012,13] Sagte Ich: „Oh, das weiß Ich recht gut. Aber da es Mir nicht ums Heucheln, sondern um die Wahrheit zu tun ist, so tat Ich eben also, wie Ich es getan habe! Und wäre Ich heute noch der, der Ich gestern war, so hätte Ich von euch wieder kein wahres Wort erfahren, da ihr in der Nacht euch aus Furcht vor dem römischen Richter gar fein beraten habt, wie ihr Mir wegen des bereits in dieser Welt seienden Messias gar alles wolltet gelten lassen, um Mich zu besänftigen und durch Mich etwa auch den Richter wegen des Zacharias Geschichte.
[DTT.01_012,14] Da Ich aber nun nicht der Verteidiger des Wunderknaben, sondern der Wunderknabe selbst bin, so hat solch plötzliche, unvorhergesehene Wendung der Sache eure Sinne verwirrt und euern schlechten Plan vereitelt, und ihr steht nun da voll Furcht und Angst, und wisset nicht aus und nicht ein. – Redet nun, wie euch diese Geschichte behagt!“
[DTT.01_012,15] Alle stutzten, und der Oberpriester sagte mit scheinbar freundlicher Miene: „Nun, du lieber Wunderknabe, da du so schon um alles zu wissen scheinst, da möchte ich von dir nun auch noch erfahren, wer von uns eigentlich solchen Rat ausgedacht hat!“
[DTT.01_012,16] Sagte Ich: „Eben derjenige, dem Ich selbst den Rat also eingeflüstert! Er ist unter euch der Jüngste und ist auch aus Galiläa geboren: sein Name ist Barnabe!“
[DTT.01_012,17] Diese Antwort war wieder ein Blitzstrahl unter die Pharisäer, und es fing sie an eine große Furcht anzuwandeln; denn vieler Gewissen war sehr unrein, und sie fürchteten manche Entdeckung ihrer geheimen Laster vor den Ohren des strengen Römers.
[DTT.01_012,18] Der Oberpriester raunte einem Pharisäer still ins Ohr: „Geben wir dem Simon das Geld zurück, und die Konferenz mit dem Jehova-steh-uns-bei-Knaben, der uns noch die unerträglichsten Verlegenheiten bereiten wird, ist aus! Oder wir fragen ihn um nichts mehr! So er uns fragt, wollen wir ihm schon eine Antwort geben, aus der kein Satan klug werden soll! Nein, der Bube soll uns noch lange nicht über den Kopf gewachsen sein! Schau du einmal diese saubere Kundschaft an! Gestern war er ein anderer – und heute wieder ein anderer!“
[DTT.01_012,19] Hier zog ein gar schlau sein wollender Pharisäer den Oberpriester auf die Seite und sagte: „Weißt du was?! Dem Wechselbalge von einem Wunderknaben sind wir ja gar keine Rede und Antwort mehr schuldig! Für den es bezahlt wurde, der ist der heutige nicht, für den heutigen aber hat niemand bezahlt, und mithin sind wir ihm auch keine Rede und Antwort mehr schuldig! – Was meinst du?“
[DTT.01_012,20] Sagte der Oberpriester: „Freund, diesen Gedanken kann dir nur ein Gott eingegeben haben! Wenn die Not am höchsten, ist die Hilfe von oben am nächsten! Die Konferenz und Konzession (Erlaubnis zum Reden) werde somit als aufgehoben erklärt, weil der heutige Knabe ein anderer ist, als der gestrige war, für den eigentlich gezahlt worden ist!“
[DTT.01_012,21] Mit dem trat schnell der Tempelherold hervor und sagte mit großem tempelamtlichen Pathos: „In aller Ermächtigung von seiten der allerhöchsten Oberpriesterschaft des Tempels Jehovas erkläre ich auf Grund dessen, daß der heutige Knabe nicht mehr der gestrige ist, für den die große Taxe bezahlt worden ist, die weitere Sitzung als völlig aufgehoben, und man wird diesem ganz anderen Wunderknaben, für den keine Taxe bezahlt wurde, und auch niemand anderem Rede stehen!“
[DTT.01_012,22] Hier erhob sich aber der Richter voll Ernst und sagte: „Die Sitzung bleibt, und ihr werdet reden! Der heutige Knabe ist ganz derselbe, für den die große Taxe bezahlt wurde, nur die moralisch-charakteristische Persönlichkeit ist, von euch unvermutet, eine andere geworden. Nach unseren Gesetzen ändert aber dieser kluge Umstand nichts an dem Rechte des Knaben, und somit lautet mein stets gültiger Richterspruch: Die Sitzung dauert heute und morgen unverändert fort, was da auch immer kommen möge! Fraget oder antwortet, das ist gleich! Dixi!“

13. Kapitel – Die Fortsetzung der Sitzung. Des Jesusknaben Frage an die Templer: „Was würdet ihr tun, wenn Ich denn doch der Messias wäre?“ Jorams, des Talmudisten, vorsichtige Antwort betreffs des Messias.

[DTT.01_013,01] Bei dieser energischen Widersprache des römischen Richters traten alle, sichtbar unwillig, wieder an ihre Plätze und verhielten sich eine Zeitlang stumm. Da an Mich keine Frage mehr ergehen wollte,
[DTT.01_013,02] so trat Ich unter sie und sagte: „Höret, da ihr Mich keiner Frage mehr würdigen wollt, so werde Ich so frei sein, euch eine kleine Frage zu stellen: Saget Mir – aber ganz offen –, was ihr dann tun würdet, so Ich denn doch im Ernste der verheißene Messias wäre, um den sich gestern das Hauptgespräch gedreht hat!“
[DTT.01_013,03] Sagte ein griesgrämiger, alter Haupttempelzelot: „Knabe, Knabe, nimm dich vor Jehovas Tempel wohl in acht, was du rechtest und redest allhier an heiliger Stätte! Hüte dich vor zu großem Frevel!“
[DTT.01_013,04] Ich aber sagte ihm darauf: „Hüte lieber du dich davor und ihr alle, daß das Haus des Herrn von euch nicht gänzlich zu einer Mördergrube wird! Dadurch aber, so Ich frage, was ihr tun würdet, wenn Ich am Ende dennoch der verheißene Messias wäre, entheilige Ich den Tempel durchaus nicht, indem eine solche Frage ohne alle Sünde und Scheu ein jeder Mensch an euch stellen kann! – Und ihr könnt Mir ja ebenso eine bedingungsweise Antwort geben, als Ich euch nur eine bedingungsweise Frage gestellt habe!“
[DTT.01_013,05] Hier erhob sich der alte weise Talmudist und Großkabbalist namens Joram und sagte: „Bei Gott sind alle Dinge möglich; doch wir Menschen müssen sehr auf unserer Hut sein und eine solche über alles hochwichtige Verheißung erst dann als wahr annehmen, so alle Umstände, von denen die Erfüllung der Verheißung in der beschriebenen Art begleitet sein muß, mit Händen zu greifen klar dastehen vor jedermanns staunendem Auge.
[DTT.01_013,06] Nun, du mein Holdjunge, hast wohl halbwegs in bezug auf deine Geburt im Propheten Jesaias ein paar Verse für dich; aber wieviel hat dieser Prophet von dem verheißenen und kommen sollenden Messias noch alles geweissagt, was auf dich ebensowenig paßt wie auf mich, obschon auch ich ein Abkomme Davids und auch mit deinem Vater Joseph weitschichtig verwandt bin, wie ich auch am meisten dazu beigetragen habe, daß die Tempelzöglingin Maria sein Weib wurde.
[DTT.01_013,07] Ich habe dieses mir sonst sehr werte Ehepaar schon über elf Jahre lang nicht gesehen und dich als offenbar den Erstling Josephs aus der zweiten Ehe noch gar nie. Ich weiß von dir also nachgerade nur soviel, als ich gestern aus deinem Munde und von unserm Leviten Barnabe, der auch ein Nazaräer ist, vernommen habe.
[DTT.01_013,08] Nun, deine besonderen Fähigkeiten, die nach verläßlichen Berichten alles, was je irgendeine noch so vollendete Willens- und Glaubensmacht als ein offenes Wunder leistete, himmelweit übertreffen sollen, wären freilich von der Art, daß man von ihnen aus auch auf den Besitzer derselben ein ganz besonderes Augenmerk zu richten hätte; aber von irgendeiner abgemachten Bestimmtheit dessen, was sie beurkunden sollen, kann da begreiflicherweise noch lange keine Rede sein, obwohl man – wie gesagt – sie als ein hell denkender Mensch und Priester nicht unberücksichtigt lassen kann.
[DTT.01_013,09] Auf jeden Fall wird auch der Messias gleich uns ein Mensch sein, nur seine Eigenschaften und Fähigkeiten werden göttlicher Art sein. Nun, was deine Eigenschaften schon jetzt in deinen Kindesjahren betrifft, so wären diese schon von der Art, die für dein späteres Mannesalter etwas Ungeheures erwarten ließen. Aber siehe, ich bin schon ein sehr alter Mann und habe viele Erfahrungen gemacht, und ich habe auch schon zu öfteren Malen bei Kindern in der oft zartesten Jugend nicht selten Fähigkeiten und Eigenschaften entdeckt, die mir da sagten: aus diesem und jenem Kinde hat uns Jehova offenbar wieder einen großen Propheten erweckt! – Allein, als solche Kinder dann älter und älter geworden sind, haben alle die glänzenden Eigenschaften rein, als wären sie nie dagewesen, sich verloren, und der Mensch war so ein ganz gewöhnlicher wie unsereiner, der ich nur das weiß, was ich bei allem Fleiße in vielen Jahren recht mühsam erlernt und erfahren habe!
[DTT.01_013,10] Es hat sonach an mir wie an unzählig vielen anderen Menschen sich der Schriftspruch bewahrheitet: ,Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen!‘ Und es wird dir, mein holdester Vetter, vielleicht auch noch einmal also ergehen – vielleicht auch nicht, was wir Menschen nicht und nie als ausgemacht zum voraus bestimmen können. Der Mensch denkt wohl so manches, Gott aber lenkt es! – Nun, mein lieber, holdester junger Vetter, kannst du wieder deine Bemerkungen machen, und ich werde dir recht gerne Rede stehen!“
[DTT.01_013,11] Sagte Ich: „Du bist Mir auch aus euerm ganzen Kollegium der Liebste und hast für Mich schon in dieser Nacht dem Hohenpriester ein gutes und reines Wort geredet, wodurch dem Hohenpriester ein wenig die Augen bezüglich der Persönlichkeit des Satans geöffnet wurden, daß er zum wenigsten – und zwar zum ersten Male in seinem ganzen Leben – einen Dunst von der allwichtigsten Entsprechungslehre bekommen hat und dadurch einzusehen begann, daß Taten wie die Meinigen unmöglich mit Hilfe einer bösen Macht und Kraft zustandegebracht werden können!
[DTT.01_013,12] Du siehst aus dem, daß Mir auch das nicht verborgen ist, was du noch so still und geheim mit dem Oberpriester verhandelt hast, und so kannst du dir es auch denken, daß Ich nun ganz genau weiß, was sich nun der sehr verlegene Oberpriester denkt, der darum eine große Furcht hat, durch Mich in irgend etwas für ihn Unangenehmem verraten zu werden. Allein, diese Furcht ist bei ihm eine eitle.
[DTT.01_013,13] Ja, würde Ich mit des Beelzebubs Hilfe Meine Taten verrichten, da wäre er schon lange verraten und auch schon gerichtet, aber da Ich alle Meine Werke nur mit der Kraft und Macht Gottes in Mir verrichte, die ewig nur Gutes und nimmer etwas Böses will, so hat der Oberpriester sich vor Mir auch nicht zu ängstigen – denn von Mir ausgehend soll ihm kein Haar gekrümmt werden!
[DTT.01_013,14] Wir aber haben nun die Zeit mit recht vielen unnützen Dingen verplaudert und die eigentliche Hauptsache in ihrem weiteren Verfolge ganz beiseite gelassen!“
[DTT.01_013,15] Hier fragte Joram: „Worin soll eigentlich diese bestehen? Rede du nun ganz von der Leber weg, und wir werden in unserer Beurteilung billig sein, da wir auch in dir recht viel Billigkeit entdeckt haben!“

14. Kapitel – Des Jesusknaben Zeugnis über sich als dem rechten ,Raubebald, Eilebeute‘. Jorams Ansicht: Abwarten und die Zeit entscheiden lassen! Jesu Hinweis auf die Allmacht Gottes in sich. Jorams ablehnende Antwort.

[DTT.01_014,01] Sagte Ich: „Hier vor euch steht in Mir der rechte ,Raubebald, Eilebeute‘, ein Name des Sohnes einer Prophetin im Jesaias. Wir haben gestern von dem kommenden Messias gesprochen. Ich selbst ward euch als solcher dargestellt, und zwar laut den genauest auf Mich passenden Texten aus dem Propheten Jesaias. Die Sache aber wurde von euch negiert.
[DTT.01_014,02] Gestern redete Ich nur wie ein zweiter von Mir, heute aber stehe Ich selbst vor euch ohne die allergeringste Furcht, weder vor euch noch vor jemand anderm in der ganzen Welt, da Ich Mir der ewig nie besiegbaren Kraft und Macht in Mir selbst bewußt bin, die wahrlich keine fremde, sondern Meine höchsteigene ist, und greife dasselbe Thema wieder auf und frage nun besonders dich, Joram, was du davon hältst! Rede aber nun auch du ohne Scheu und Furcht, so ganz von der Leber weg! Wahrlich, auch dir soll darum kein Haar gekrümmt werden!“
[DTT.01_014,03] Sagte Joram: „Ja, du mein sonst allerliebster und holdester Vetter (wirst mirs nicht übel nehmen, daß ich dich nun also nenne, denn ich bin ja mit deinem Vater wahrlich sehr nahe verwandt), das ist und bleibt immerhin eine sehr kitzlige Sache, zu sagen: ,Du bist es, der da verheißen ist!‘ Und es wäre so etwas unter gewissen Umständen nun auch noch sehr gewagt, da man doch schon so manche Beispiele von Kindern hat, die auch in ihrer zarten Jugend manche außerordentliche Talente und Fähigkeiten an den Tag gelegt haben, daß darob oft eine große Menschenmenge ins größte Staunen versetzt ward; aber in den späteren Jahren wurden ganz gewöhnliche Menschen daraus, daß von ihren Jugendtalenten und -fähigkeiten keine Spur mehr an ihnen zu entdecken war!
[DTT.01_014,04] Nun, ein solcher Fall, wenn auch nicht wahrscheinlich, muß von uns Menschen doch auch bei dir als möglich angenommen werden, und es wäre daher eine volle Annahme dessen, als stecke in dir verborgen der verheißene Messias, ein wenig verfrüht, was du mir als ein wahrhaft für deine Jugend überraschend weiser Knabe nicht in Abrede stellen wirst! Aber dir in Anbetracht deiner Geburt, deiner Abstammung und deiner noch nie dagewesenen Fähigkeiten apodiktisch in Abrede stellen, daß du der Verheißene seiest, wäre meiner Ansicht nach ebenso unsinnig, denn du kannst ja das ebensogut sein wie nicht sein! Daher heißt es nach meiner Ansicht sowohl für dich als für uns, abwarten und sehen, was uns die Zeit bringen wird! – Sage mir du nun, ob ich recht habe oder nicht!“
[DTT.01_014,05] Sagte Ich: „Weltlich, nach der irdischen Vernunft hast du offenbar recht! Aber es liegt im Menschenherzen ja noch ein tieferes und leuchtenderes Kriterium; dieses könnte es dir schon sagen, ob Ich ein Knabe jener Art bin, der in späteren Jahren seiner Fähigkeiten bar werden kann. So Ich die Macht habe, zu schaffen und zu zerstören nach Meiner höchsteigenen Willkür, wie werde Ich Mich da selbst zerstören wollen?!
[DTT.01_014,06] Ich sage dir: Von Meinem inneren Geiste hängt das Dasein aller Dinge allein ab. Daher kann ich denn auch wollen, was Ich will, und es muß geschehen, was Ich will, wie dir solches auch von Mir ausgesagt ward durch anderer Zeugen Mund, nicht allein durch den Meinigen. Wenn aber also, wie läßt sich da dann wohl denken, daß Ich je Meiner dir bekanntgegebenen Eigenschaften und Fähigkeiten bar werden könnte?! Kann Ich aber das nicht, was bin Ich dann?“
[DTT.01_014,07] Sagte Joram: „Ja – jetzt – das ist noch immer nur eine Annahme, aber noch lange kein Beweis! Dasselbe, was du von dir sagst, könnte ebensogut auch ich von mir sagen; aber da so etwas denn ein wenig zu kühn wäre und etwas, was mir ewig nicht gleichsehen könnte, so würde man mich entweder weidlichst auslachen oder als einen Narren in Gewahrsam bringen! Nun, du bist ein geweckter Knabe in einem unzurechnungsfähigen Alter und scheinst eine große dichterische Begabung zu besitzen, schon von Mutterleibe an, und man lächelt daher nur zu deinen mutterwitzigen Ausbrüchen!
[DTT.01_014,08] Schau, schau, du sonst allerliebster Knabe! Wo kann denn ein Mensch je von sich sagen: ,Durch meinen innern Geist ist alles, was da ist, erschaffen!‘?! Das kann nur der ewige und unendliche Geist Gottes, der in seinem Wesen allenthalben gegenwärtig ist! Da hast du dich in deiner Messiasidee ein wenig zu hoch verstiegen! Bleiben wir nur immer schön auf dem Boden dieser Erde und bearbeiten denselben mit dem rechten Fleiße, damit er uns eine hinreichende Nahrung bringe, dann werden wir sicher besser daran sein, als wenn wir uns zu etwas machen wollen, was unmöglich ist und nie werden kann!
[DTT.01_014,09] So etwa einst der Messias kommen wird, da wird Er nur als ein vollkommener Mensch, nie aber als ein Gott zu uns kommen! Aber es ist bei euch halbgriechischen Juden und somit auch Halbheiden also die Sitte, daß ihr Menschen von besonderen Begabungen gleich unter die Götter steckt oder euch selbst als solche anseht und betrachtet. Das sollte aber nicht sein und ist hoch gefehlt gegen das Gebot Gottes, wo es heißt: ,Ich allein bin euer Gott und euer Herr, ihr sollet keine fremden Götter neben mir haben!‘ Aber in Gliläa scheint man es mit diesem Gebote eben nicht gar zu genau zu nehmen, ansonst es dir nie einfallen könnte, dich als einen Gott zu dünken!
[DTT.01_014,10] Siehe, solches unterlaß du in der Folge, und bleibe bei allen deinen außerordentlichen Talenten und Fähigkeiten dem alten und einzigen Gotte treu, und laß die Heiden Heiden sein, so wird es dir wohlergehen auf Erden! Was ist denn selbst die größte Stärke eines Riesenmenschen gegen die vereinte Kraft von vielen tausend Menschen, und was dann erst die Stärke eines Knaben?! So aber David sagt: ,Oh, wie gar nichts sind alle Menschen gegen Dich, o Herr!‘ – wie kann es einem Knaben einfallen, zu sagen, er sei ein Gott in seinem Geiste, durch den alle Dinge erschaffen seien?! – Siehst du wohl ein, daß du da ungeheuer über die Schnur gehauen hast?!“
[DTT.01_014,11] Sagte hier der Oberpriester: „Na, das war einmal wieder eine gesunde Belehrung, gepaart mit ungewöhnlich vieler Mäßigung! – Das ist aber richtig und wahr: weil es von den Galiläern geschrieben steht, daß in ihrem Lande kein Prophet aufstehen kann, so machen sie sich lieber gleich selbst zu Göttern, diese Halbheiden! Und dieser Knabe scheint die besten Anlagen dazu zu besitzen! Ja, du mein lieber Messiasknabe, uns macht man nicht gar so leicht ein Alpha für ein Omega! So etwas kann wohl in Nazareth gehen, aber bei uns in Jerusalem geht das nicht!“

15. Kapitel – Allerlei Einwände Jorams und des Oberpriesters gegen die Messianität des Jesusknaben und ihre Widerlegung.

[DTT.01_015,01] Sagte Ich: „Ihr habt in eurer Art und Erkenntnis ganz wohl geredet, da eure Gedanken und Begriffe nicht weiter hinreichen, als wie weit da reicht euer Odem. Würdet ihr aber weiter und höher zu denken imstande sein, so würdet ihr Mich auch mit ganz anderen Augen ansehen und über Mich auch ganz anders urteilen. Da ihr aber das schon anstößig findet, was Ich euch über Meinen innern Geist gesagt habe, so erkläret es Mir, was hernach das für ein Geist war, der aus den Propheten redete!“
[DTT.01_015,02] Sagte Joram: „Das war Gottes Geist, und zwar derselbe, durch den alle Dinge gemacht worden sind!“
[DTT.01_015,03] „Gut“, sagte Ich, „so jener Geist, der aus den Propheten redete, Gottes Geist war, warum sollte dann Mein innerer Geist kein Gottesgeist sein, da Ich aus demselben bei weitem Größeres zu wirken imstande bin, als alle die Propheten von Henoch an je gewirkt haben?! Denn sie waren beschränkt, nur in einer gewissen Sphäre zu wirken, Ich aber bin unbeschränkt und tue, was Ich will, und es muß geschehen, was Ich will! Wenn aber also, wie ist dann Mein innerer Geist ein anderer denn jener, der aus den Propheten redete?!“
[DTT.01_015,04] Sagte Joram: „Ja wohl, ja wohl und ganz gut, es könnte das schon also sein, wenn du nur kein Galiläer wärest! Aber es steht denn einmal im Buche geschrieben, daß aus Galiläa kein Prophet kommt – und so mußt du es dir schon gefallen lassen, daß wir deinen innern Geist jenem der Propheten nicht gleichstellen können und dürfen!“
[DTT.01_015,05] Sagte Ich: „Bin Ich denn auch in Galiläa geboren?! Ist nicht Bethlehem, die alte Stadt Davids, Meine Geburtsstätte?! Schlaget nach in euern Registern, ob es nicht also ist! Oder war Jesaias darum etwa kein rechter Prophet, weil er auch nach Galiläa kam und dort Weissagungen machte in der Nähe der alten Stadt Cäsarea Philippi?! – Sehet, wie blind ihr doch seid und wie unstichhaltig euer Urteil!
[DTT.01_015,06] Es ist in der Schrift wohl gesagt, daß niemand, der in Galiläa geboren, zu einem Propheten erweckt werden kann. Da aber weder mein Nährvater Joseph noch Meine Leibesmutter Maria und ebensowenig auch Ich von Geburt Galiläer sind, sondern nur als fremde Einwanderer erst neun Jahre lang in Nazareth leben, wie soll dann Ich nicht auch den wahren, göttlichen Geist in Mir besitzen können gleich jedem andern Propheten?!“
[DTT.01_015,07] Sagte der Oberpriester: „Steht es aber nicht auch geschrieben: ,Siehe, Ich sende Meinen Engel vor Dir her, damit er bereite die Wege dem Herrn und ebne seine Fußstapfen!‘, und es werde zuvor Elias kommen und die Menschen wohl vorbereiten auf die große Ankunft des Messias?! Ist das bei dir nun der Fall? Wo ist der Engel des Herrn und wo Elias?“
[DTT.01_015,08] Sagte Ich: „Für Menschen eures Schlages, die vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen, ist freilich weder der Engel des Herrn noch sein Prophet Elias dagewesen; doch für die Sehenden ist das alles schon vor zwölf Jahren geschehen! Ihr aber habt weder den Engel, der mit Zacharias redete, noch dessen wunderbar gezeugten Sohn gesehen und erkannt, denn was bei euch nicht mit Feuer, Blitz und Donnergekrache geschieht, das merket ihr nicht!
[DTT.01_015,09] Als Elias in seiner Felsenhöhle die Aufforderung erhielt, darauf zu achten, wie Jehova vor seiner Höhle vorüberziehen werde, da zog zuerst ein Feuer vor seiner offenen Höhle vorüber, aber darin war Jehova nicht. Dann zog ein mächtiger Sturm vorüber, aber auch darin war Jehova nicht. Am Ende zog ein kaum merkbares Säuseln vor der Höhle vorüber – und siehe, darin war Jehova!
[DTT.01_015,10] Und seht, eben damit zeigt der große Prophet die gegenwärtige Ankunft des Messias an!
[DTT.01_015,11] Ihr erwartet wohl Feuer und Sturm, was vor euch schon oftmals vorüberzog, aber da war Jehova nicht darin. Nun zieht das sanfte Säuseln vor euch vorüber, darin wahrlich Jehova ist, aber das merken eure tauben Ohren und blinden Augen nicht und werden es auch nicht merken – außer am Rande eures Lebens, allwann euch aber solch spätes Merken nicht mehr viel nützen wird!
[DTT.01_015,12] Gebt Mir darauf eine Antwort nach eurer Tempelweisheit!“