16. Kapitel – Die Frage des spottenden Barnabe. Des Herrn rügende Antwort und Gegenfrage. Barnabes Verlegenheit und Abbitte. Das Wunder mit den Eselsohren und dem lebendigen Esel.
[DTT.01_016,01] Barnabe fragte die hohen Pharisäer um die Erlaubnis, mit Mir zu reden, da er auf einen guten Einfall gekommen sei. Man gestattete ihm das, und er begann also wie folgt zu reden:
[DTT.01_016,02] „Höre, du mein lieber, kleiner herrgottlicher Messias aus Nazareth in Galiläa, was freilich nicht viel sagen will! Du hast uns nun so einige Beweislein geliefert, aus denen wir sogar mit unsern verstopften Ohren zu hören und mit verbundenen Augen zu sehen anfangen, daß du am Ende dennoch der verheißene Messias bist, aber eben mit dieser Einsicht stehen wir nun ganz als eingespannte Ochsen am Berge! Was werden wir nun tun? Oder was sollen wir nun tun?
[DTT.01_016,03] Dieser Tag geht schon seinem Ende entgegen, und du hast nur noch morgen das erkaufte Recht, zu reden, obgleich du der Messias bist! Daher meine ich, daß es für dich nun an der Zeit wäre, deine Anordnungen zu machen, was von nun an, da wir dich erkannt haben, mit uns und mit dem Tempel zu geschehen hat! Bleibt alles, wie es ist, oder wird alles neugestaltet? Du bist nun einmal der verheißene und zu uns hereingesäuselte Messias, was wir dir nicht mehr abstreiten können: aber was nun? – Rede, und handle nun, du junger gottmenschlicher Messias – natürlich von oben her!“
[DTT.01_016,04] Sagte Ich: „Wegen dieses deines gar schlechten Witzes hättest du wahrlich nicht nötig gehabt, dein Maul gar so weit aufzureißen und zu zeigen, daß du wohl sehr gerne etwas möchtest, aber es fehlen dir die materiellen und geistigen Mittel dazu! Verstanden, du Träger Bileams?! – Aber da du an Mich nun einmal die Frage gestellt hast, was von nun an mit euch und mit dem Tempel zu geschehen hat, so muß Ich dir schon auch eine rechte Antwort darauf geben!
[DTT.01_016,05] Siehe, also steht es geschrieben: ,So aber der Messias kommen wird, da wird Er das Gesetz nicht aufheben – auch nicht ein Häkchen desselben –, sondern es selbst auf das genaueste erfüllen!‘ Er wird nicht aufheben den Tempel und dessen Diener, wohl aber züchtigen dessen gesetzwidrige Verkehrtheit, und weise sich dünkende Protzer von Leviten wird Er kennzeichnen zur dankbaren Anerkennung ihrer schlecht angebrachten Witzereißerei!
[DTT.01_016,06] Ist denn für dich Meine auf Mich bezug habende Besprechung der eben auch unwiderlegbar auf Mich bezug habenden Schrifttexte eine Narrheit?! Oder beweise du es Mir, daß Ich nicht gerade auf ein Haar derselbe bin, von dem alle Propheten geweissagt haben! So du aber dessen ernstlich nicht imstande bist, wozu unterfängst du dich dann, Mich zu verspotten?! – Na warte – Ich werde dir nun auch eine Frage geben, die du Mir beantworten wirst! Beantwortest du Mir die Frage nicht zu Meiner Zufriedenheit, so sollst du Mir zu einem wahren Midas der Heiden werden!
[DTT.01_016,07] Sage Mir, du seichtester Witzbold, was der Name ,Jerusalem‘ besagt?! Was steckt darinnen? Als Levite und angehender Varisar (Pharisäer) mußt du das aus den Büchern Mosis und auch aus dem Buche Henoch, das Noah über die Sündflut herübergebracht hat unter dem Titel ,Kriege Jehovas‘ wissen, und Ich habe nun das volle Recht, von dir die Erklärung zu verlangen, denn es liegt gar viel an dem richtigen Verständnisse dieses Namens! Rede nun!“
[DTT.01_016,08] Der junge Levite hatte von der urhebräischen Zunge keinen Dunst. Er bat Mich deshalb um etwas Zeit und Geduld, und Ich gewährte ihm das. Nun schlich er sich zu einem alten Schriftgelehrten, ob dieser ihm das nicht zu sagen wüßte. Allein der wußte es auch nicht und beschied ihn zum Kabbalisten Joram. Dieser zuckte auch bedenklich mit den Achseln und sagte nach einer Weile leise zu ihm:
[DTT.01_016,09] (Joram:) „Ja, es gibt in den gar alten Büchern wohl eine Art etymologischer Erklärung hierüber, und in der Kabbala geschieht auch eine Art erläuternde Erwähnung, aber in so mystischen Thesen, daß dagegen das Hohe Lied Salomons ein wahres Kinderspiel ist! Ich selbst habe weder das eine noch das andere verstanden und kann dir daher nun unmöglich aus deiner Verlegenheit helfen!
[DTT.01_016,10] Übrigens muß ich dir die Bemerkung machen, daß du mit dem Knaben einmal wegen seiner eminenten Geistesschärfe und dann wegen des Ansehens seines hohen römischen Protektors viel glimpflicher hättest reden sollen, zumal du eben derjenige bist, der uns eine mehr haltbare Auskunft über sein wundersames Wesen gegeben hat!
[DTT.01_016,11] Merktest du denn zuvor nicht, wie er von Wort zu Wort um alles wußte, was wir in der Nacht in aller Geheimheit über ihn beraten und gesprochen haben?! Ich sagte dazu nichts, habe aber für mich darin ein gewaltiges Zeichen gefunden von der Anwesenheit eines Geistes in diesem Knaben, dem es eben kein Schweres zu sein scheint, Herzen und Nieren der Menschen zu prüfen.
[DTT.01_016,12] Ich gebe dir darum den Rat, den außerordentlichen Knaben wegen der angetanen offenbaren Beleidigung um Vergebung zu bitten, sonst stehe ich wahrlich nicht gut, ob er dir nicht einen lästigen Schabernack spielt! Gehe hin, und folge meinem Rate!“
[DTT.01_016,13] Sagte Barnabe: „Na, das Recht zu reden hat er allerdings, und Scherz versteht er auch keinen – so muß man ihn denn doch um Vergebung bitten! Daß aber niemand den Namen der Stadt zergliedern kann, das ist wahrlich bei uns Templern doch auch etwas Sonderbares!“
[DTT.01_016,14] Hierauf begab sich Barnabe wieder zu Mir und sagte freundlichen Angesichtes: „Lieber, holdester Junge! Ich habe meinen groben Fehler, den ich an dir durch meinen wahrlich schlechten und sehr unzeitigen Witz begangen habe, eingesehen und bitte dich wahrhaft von ganzem Herzen um Vergebung und füge sogleich inständigst die Bitte hinzu, daß du uns gefälligst den Namen ,Jerusalem‘ erläutern möchtest, denn wir alle wissen nichts aus ihm zu machen! Man übersetzt ihn wohl mit dem Ausdrucke ,Heilige Stadt‘ oder ,Stadt Gottes‘ – allein, wie das im Worte ,Jerusalem‘ vorhanden sei, das weiß wohl kaum jemand von uns!
[DTT.01_016,15] Man erzählt sich wohl, daß ein Ort hier unter dem Namen ,Salem‘ bestanden hatte, wo der große und mächtige König wohnte, dem alle damaligen Fürsten der Erde den Zehent geben mußten – denn der König Melchisedek war für alle Menschen auf der Erde zugleich der einzige und wahrhaftigste Hohepriester Jehovas –, aber man weiß sonst von diesem Hohenpriester, von seinen Lehren und Taten, wie auch von seiner Persönlichkeit wenig oder auch nichts! Wenn du ohne Zweifel davon mehr weißt denn wir alle, so setze uns gefälligst davon in Kenntnis!“
[DTT.01_016,16] Sagte Ich: „Dein Glück, daß du Mir so gekommen bist – sonst wärest du auf eine Art gezeichnet worden, die dir wahrlich nicht angenehm gewesen wäre! Die Zeichen aber, mit denen dein Haupt geziert worden wäre, liegen nun zu deinen Füßen. Hebe sie auf und lerne daraus, daß Ich die mutwillige Spottsucht bei jedem Menschen züchtige, und daß man an der Stätte, wo es sich um den größten Lebensernst aller Menschen der Erde für ewig handelt, sich nicht eines elenden und nichtigsten Scherzes bedienen soll! – Besieh nun zuvor den Scherz, den Ich für deinen schlechten Witz mit dir gemacht hätte, dann erst werde Ich dir auch die zweite Bitte gewähren!“
[DTT.01_016,17] Hier bog sich Barnabe zu Boden und hob zwei zu seinen Füßen liegende, vollkommen ausgebildete, ganz natürliche Eselsohren auf und entsetzte sich darum um so mehr, weil ihnen jede Spur mangelte, als wären sie zu dem Behufe einem wirklichen Esel abgeschnitten worden.
[DTT.01_016,18] Einige der Anwesenden – besonders unser Simon und der römische Richter – gerieten dadurch in ein helles Lachen, aber allen Templern wurde es ganz sonderbar zumute, und sie fingen an, sich untereinander zu fragen, wie solches auf eine natürliche Weise möglich wäre. Und sie rieten hin und her, konnten aber zu keinem nur von fernhin haltbaren Resultate gelangen.
[DTT.01_016,19] Da sagte Barnabe: „Was nützt all unser Hin- und Herraten, die Sache ist ein reines Wunder und weiter nichts! Denn hätte sich der Knabe damit zuvor schon vorgesehen, so müßte er auch schon zuvor gewußt haben, daß ich gegen ihn einen schlechten Witz machen werde! Und das wäre doch etwa ein noch größeres Wunder!
[DTT.01_016,20] Der Knabe aber hat uns von solcher seiner Eigenschaft schon dadurch eine sehr denkwürdige Probe abgelegt, als er unsere geheimen nächtlichen Besprechungen mir von Wort zu Wort vortrug und dem Hohenpriester seine geheimsten Gedanken offen und laut aussprechen wollte! Wer das eine kann, dem dürfte etwas anderes auch auf eine gleiche, uns freilich unbegreifliche Weise möglich sein!
[DTT.01_016,21] Hinter diesem Knaben steckt unfehlbar etwas Außerordentliches! Ich wäre für mich schon der Meinung, daß sich mit der Zeit aus ihm ein ganz vollkommener Messias herausbilden dürfte!“
[DTT.01_016,22] Sagte der Oberpriester: „Du redest geradeso wie ein Blinder von der Pracht der Farben! Wie oft haben persische Zauberer uns mit Zauberstücken überrascht, und Gedanken erraten, ist bei uns auch nichts Neues mehr! Wer kennt die griechischen Orakel nicht?! Diese haben das Gedankenerraten so geläufig gehabt, daß sich am Ende nahezu niemand mehr in ihre Nähe zu kommen getraute!
[DTT.01_016,23] Ja, mein Lieber, bei einer so hochwichtigen Sache muß man mit ganz anderen Augen schauen und die Erscheinungen einer viel tieferen Beurteilung unterziehen! Erst wenn man alles genauest durchgeprüft hat, kann man – aber immer nur sehr behutsam – dabei eine etwas bessere Meinung anzunehmen anfangen! Von einem Vollglauben aber darf so lange keine Rede sein, als bis alle Umstände und Zeichen derart konstatiert sind, daß sie nichts mehr zu wünschen übriglassen.
[DTT.01_016,24] Das, mein lieber Barnabe, zu deiner Belehrung, denn es ist das noch immer ein alter Fehler von dir, daß du bei deinen sonst sehr schätzbaren Kenntnissen sehr leichtgläubig bist!“
[DTT.01_016,25] Sagte Barnabe: „Nein, das war ich nie! Denn wäre ich ein Leichtgläubiger, so wäre ich niemals zu den mannigfachen gründlichen Kenntnissen gekommen, die man sich durch Leichtgläubigkeit niemals erwerben kann. Ich verstehe eine Sache und eine Erscheinung zu prüfen und unterscheide ganz sicher das Alpha vom Omega, aber hier ist mein ganzer Verstand mir zu kurz geworden, und alle meine vielen und mannigfachen Erfahrungen sind in den Jordan gefallen!
[DTT.01_016,26] Die Zauberkünste der Perser kenne ich und noch eine Menge anderer, aber da gibt es keine darunter, durch die man imstande wäre, ein Paar ganz unversehrter Eselsohren aus der puren Luft ins Dasein zu rufen. Und die klug berechneten Orakelsprüche und Gedankenerratungen sowohl des ältesten Orakels zu Dodona wie jenes zu Delphi sind mir wohlbekannt. Aber darunter habe ich nie dem Ähnliches gefunden, wie dieser Knabe mir, wie auch dem Joram, von Wort zu Wort vorhielt, was wir ganz geheim unter uns besprochen haben!
[DTT.01_016,27] Ich bleibe daher bei meiner ausgesprochenen Meinung und sage noch einmal ganz unverhohlen: Hinter diesem Knaben steckt mehr, als was wir alle je zu begreifen imstande sein werden! Ich will gerade nicht behaupten, daß er wegen seiner außerordentlichen Eigenschaften schon unfehlbar der anzuhoffende Messias sei; aber eher kann es offenbar er sein denn irgend jemand von uns allen, wie wir da versammelt sind!
[DTT.01_016,28] Aber nun, mein lieber, holder junger Landsmann, möchte ich wohl, bevor es Abend wird, noch das ,Jerusalem‘ und den ,Melchisedek‘ von dir versprochenermaßen erklärt haben!“
[DTT.01_016,29] Sagte Ich: „Das soll dir, weil du so gut für Mich geredet hast, auch werden. Nimm aber zuvor die beiden Eselsleser (Eselsohren) an den äußersten Spitzen in deine Hände und halte sie zwischen den Fingern etwas in die Höhe, und wir werden sehen, ob das auch die persischen Zauberer vermögen!“
[DTT.01_016,30] Barnabe tat das, und Ich sprach: „Es werde zu diesen Lesern auch ein lebendiger und völlig gesunder Eselsleib!“
[DTT.01_016,31] Im Augenblick stand ein gutgestalteter Esel mitten unter der Gesellschaft!
[DTT.01_016,32] Da entsetzten sich alle wegen Meiner Wundertatskraft und machten Miene, die Flucht zu ergreifen.
[DTT.01_016,33] Aber der römische Richter und Simon ließen das nicht zu und sagten: „Die Zeit muß eingehalten werden, und der Wunderknabe wird noch die zwei Worte erklären!“
[DTT.01_016,34] Da setzten sich die Templer wieder und staunten den neugeschaffenen Esel verblüfft an, und keiner vermochte auch nur eine Silbe über seine Lippen zu bringen oder zu urteilen, wie etwa solches zu bewirken möglich wäre.
17. Kapitel – Das wunderbare Verschwinden des Esels. Das Steinwunder. Des römischen Richters Verwunderung wegen der Wunderkraft des Jesusknaben und dessen aufklärende Worte über das Kommen seines Gottesreiches.
[DTT.01_017,01] Ich aber sagte: „Um euch zu zeigen, welche Macht Mir zu eigen ist, und um euch die Furcht vor diesem unnatürlichen Tiere zu nehmen, so gebiete Ich, daß es wieder also vergehen soll, wie es entstanden ist!“
[DTT.01_017,02] Im selben Moment war das Tier völlig zunichte, so daß auch nicht ein kleinstes Härchen von ihm übrigblieb. Darüber erstaunten alle noch mehr und wußten nicht, was sie darüber sagen sollten.
[DTT.01_017,03] Nur der sehr beherzte römische Richter sagte: „Nein, höre du, mein liebster Knabe, in dir muß entweder Zeus oder irgendeine andere Hauptgottheit wohnen! Wenn du wolltest, da könntest du wohl auch ein natürliches Tier oder auch eines Menschen Dasein zunichte machen?“
[DTT.01_017,04] Sagte Ich: „O ja, nicht nur das, sondern auch die ganze Erde! Aber Mein Sinn, den noch nie jemand erkannt hat, ist: alles zu erhalten und nichts zu vernichten. Aber damit du selbst ersehen magst, daß Ich kein eitler Prahler bin und das, was Ich aussage, auch zu leisten imstande bin, so bringet Mir einen Stein, so groß und schwer, wie ihr wollt, hierher, und leget ihn auf den Tisch!“
[DTT.01_017,05] Alsbald wurde ein über 100 Pfund schwerer und sehr harter Stein herbeigeschafft und mit Mühe auf den Tisch gelegt. Als der Stein dalag,
[DTT.01_017,06] sagte Ich über ihn: „Löse dich, und werde zu Äther als deinem ursprünglichen Elemente!“
[DTT.01_017,07] Und der Stein war hinweg, daß von ihm auch nicht ein Sonnenstäubchen groß übrigblieb.
[DTT.01_017,08] Da sagte der Römer: „Das, meine achtbaren Freunde, kann nur einem Gott, nie aber einem Menschen von noch so großen Talenten möglich sein! Ich habe davon nun die Überzeugung bekommen, daß es um sehr vieles besser ist, mit dir, holdester Knabe, in der besten Freundschaft denn in Feindschaft zu stehen.
[DTT.01_017,09] Was würden uns Römern all unsere vielen Legionen der tapfersten Krieger gegen dich nützen?! Denn du darfst nur wollen, und sie erleiden das Schicksal dieses Steines und sind im Moment deines Wollens nicht mehr hier, sondern aufgelöst in Luft und Äther! Und somit erkläre ich, daß du unfehlbar ein rechter Messias deines Volkes bist und keine Macht je mit dir sich in einen gänzlich fruchtlosen Kampf einlassen wird!“
[DTT.01_017,10] Sagte Ich: „Darum laß du als Römer dir ja nie ein graues Haar wachsen! Denn Ich bin nicht gekommen in diese Welt, um Mich zu einem Weltfürsten zu machen und den Juden ein weltliches Reich zu gründen, sondern allein um das Gottesreich alles Lebens zu bringen allen Menschen, die eines guten Willens sind, und zu verderben das Reich des Satans, der da ist der Tod auf Erden! Daher wird jedes irdische Reich wohl bestehen können und am allerwohlsten, so es auch das Gottesreich, das Ich auf Erden schaffen werde, anziehen wird!
[DTT.01_017,11] Es weiche darum jede Furcht von euch ob Meiner göttlichen Macht, denn Ich werde euch untertan bleiben bis zur Umwandlung Meines Leibes, allwann Ich heimkehren werde dorthin, von wannen Ich gekommen bin. – Jetzt aber wollen wir zum Schlusse des heutigen Tages noch die zwei Worte näher beleuchten!“
[DTT.01_017,12] Sagte ganz erfreut auch Barnabe: „Na, dem Herrn alles Lob! Nur Worte wieder und keine Wundertaten mehr – denn es wird einem gar unheimlich dabei!“
[DTT.01_017,13] Fragte Ich ihn: „Warum denn unheimlich? Hast du doch oft schon persische und indische und ägyptische Wunder angestaunt, und es ist dir dabei niemals unheimlich geworden; warum denn gerade jetzt?“
[DTT.01_017,14] Sagte Barnabe: „Weil jene samt und sämtlich auf eine mir begreifliche Weise hervorgebracht werden, während die deinen auf nichts als nur in der Macht deines Willens basiert sind! Und das ist ein ungeheurer Unterschied!“
[DTT.01_017,15] Sagte Ich: „Na, da muß Ich dir schon noch eine Bemerkung machen, bevor Ich auf die Erklärung der zwei Worte übergehe!“
18. Kapitel – Des Jesusknaben Erzählung von den Wundern der 27 Magier in Damaskus. Barnabes Verlegenheit und Erstaunen. Vom Geheimnis der Allwissenheit des Jesusknaben.
[DTT.01_018,01] (Der Jesusknabe:) „Es werden nun genau zwei Jahre sein, als du dich in Damaskus herumtriebst?! In derselben Zeit kamen bei 27 Magier aus Indien. Diese machten große Ankündigungen, wie am dritten Tage nach dem Neumond sie die großartigsten Wunder im großen Haine außerhalb der Stadt wirken würden.
[DTT.01_018,02] Unter den vielen Ankündigungen waren auch folgende: ,Fünf der Hauptmagier werden, bloß mit ihren kleinen Fingern ohne alle physische Kraftanstrengung, einen über 1000 Pfund schweren und über 7 Schuh tief in die Erde – also über seine halbe Länge – eingegrabenen Pfahl herausziehen und ihn dann frei mehrere Augenblicke dauernd in der Luft herumschweben lassen. Dasselbe werden sie dann auch an einem über 10000 Pfund schweren Felsstücke tun, einer Last, die von 300 der stärksten Männer mit der Kraft ihrer puren Hände nicht um ein Haarbreit verrückt werden kann. Am Ende wird noch ein totes Kamel auf einige Augenblicke lang vollkommen lebend gemacht, und zum Schlusse wird sogar eine Bildsäule auf mehrere Augenblicke lang belebt.‘
[DTT.01_018,03] Auf diese Ankündigung war an dem bestimmten Tage beinahe ganz Damaskus im großen Haine zugegen, um die angekündigte Wundertäterei anzustaunen. Du warst einer der ersten in der Nähe der Zauberer, und hast alles sehr gut gesehen und dich erstaunt über alle Maßen.
[DTT.01_018,04] Die vielen vorhergehenden Stücke waren dir schon mehr bekannt, aber als die letzten mit der überraschendsten Präzision ausgeführt wurden, da rissest du Mund und Augen weit auf, schlugst die Hände über dem Kopfe zusammen und riefst laut aus: „Das ist unerhört – noch nie dagewesen! Das können keine Menschen, sondern das können nur Götter sein, die man anbeten soll!“
[DTT.01_018,05] Du hast freilich deine Exklamation (Ausruf) mehr der vielen hochangesehenen Heiden wegen gemacht, die bei jener Vorstellung stark vertreten waren; heimlich bei dir aber hast du dennoch des Beelzebubs gedacht, darum dir auch sehr unheimlich zumute geworden ist!
[DTT.01_018,06] Nun sagst du aber auch, daß dir bei Meinen Wundern sehr unheimlich zumute wird! – Was Unterschiedes findest du dann zwischen diesen Meinen Wundern und jenen von dir vor zwei Jahren in Damaskus gesehenen?“
[DTT.01_018,07] Hier wurde Barnabe sehr verlegen und sagte erst nach einer Weile: „Aber sage, du holder unbegreiflicher Knabe, woher du das wissen kannst?! Du warst doch zu jener Zeit nicht selbst in jener Stadt und mir wohl bewußt sonst auch niemand aus deiner Gegend! Außer einigen wenigen Kollegen im Tempel habe ich jene sonderbare Wunderwirkerei auch noch niemandem erzählt. Wie kamst du nun hinter mein tief verborgenes Erfahrungsgeheimnis?“
[DTT.01_018,08] Sagte Ich: „Sei darob ganz ruhig – Ich komme hinter gar alles, aber es wird darum von Mir aus dennoch nie jemandem ein Hemmschuh angelegt, sondern ein jeder ist und bleibt frei, zu handeln nach dem Gesetze oder wider dasselbe. Die Folgen hängen nie von der Macht Meines Willens, sondern von der Ordnung und Heiligung der gegebenen Gesetze in der Natur sowohl wie auch in der Moralsphäre der Menschen untereinander ab.
[DTT.01_018,09] Das aber, wie und woher Ich solches alles wissen kann, ist auch ein Geheimnis, darüber der Welt erst nach etlichen zwanzig Jahren ein Licht gegeben wird, so wie auch über Meine anderen Wundertaten. Glaubtet ihr, daß in Mir des Messias Geist wohnt in seiner Fülle, da dürftet ihr bald begreifen, wie und woher Mir solche noch nie dagewesenen Fähigkeiten eigen sind. So ihr aber das nicht annehmen und glauben könnet, da müßt ihr schon der vorhin bestimmten Zeit harren! Dann werdet ihr es wohl begreifen, aber Mir es doch nie nachmachen!“
19. Kapitel – Die Erklärung der beiden Worte ,Jerusalem‘ und ,Melchisedek‘ durch den Jesusknaben. Die Heilige Schrift als göttliches Wort. Jorams Hinweis auf die Unverständlichkeit der auf den Messias hinweisenden
Jesaias-Texte.
[DTT.01_019,01] Sagte Barnabe: „Aber liebster wunderbarer Knabe! Wegen der zwei Worte ,Jerusalem‘ und ,Melchisedek‘ – darüber möchten wir wohl noch heute von dir einiges vernehmen!“
[DTT.01_019,02] Sagte Ich: „So gib denn acht allein auf die einzelnen Wurzeln der althebräischen Zunge: Je (dies ist), Ruh oder Ruha (die Wohnstätte), sa (für den), lem oder lehem (großen König); Me oder mei (meines), l'chi oder lichi – gelesen litzi – (Angesichtes oder Lichtes), sedek (Sitz).
[DTT.01_019,03] Ihr wißt, daß die Alten die Selbstlaute bei der Wortbildung zwischen den Mitlauten wohl aussprachen, aber aus einer gewissen Pietät nicht niederschrieben. Man muß alsonach bei solchen über tausend Jahre alten Worten die Vokale zwischen die Konsonanten zu setzen verstehen, und der wahre Begriff eines so alten Namens erklärt sich dann von selbst aus seinen Wurzeln. – Nun bist du wohl zufriedengestellt mit dieser Erklärung?!“
[DTT.01_019,04] Sagte Barnabe: „Ja ganz überaus und über die Maßen vortrefflich! – Aber wie kamst du denn wiederum hinter solche Geheimnisse?“
[DTT.01_019,05] Sagte Ich: „Da ist eines wie das andere und beruht alles auf der von oben Mich verherrlichenden Kraft des Geistes aus Gott! Das aber kannst und wirst du noch lange nicht einsehen, wie solches möglich ist!
[DTT.01_019,06] Sieh, du liest auch die Schrift, findest aber für dich nichts Göttliches darinnen, denn du hältst sie für ein reines Menschenwerk, das verschiedene Menschen wegen der leichteren Beherrschung ihrer Nebenmenschen zusammengeschrieben haben. Die Ägypter hätten das getan durch ihre mystischen und riesenhaft großen Gebilde und die Hebräer durch ihre mystischen Schriften; für die wahre Bildung des Menschen dieser Zeit aber tauge das eine wie das andere nicht mehr, was alle wahren Weltweisen schon lange wohl eingesehen und klar bewiesen hätten!
[DTT.01_019,07] Nun sieh, das ist dein höchsteigenes inneres und daher wahres Glaubensbekenntnis! Ich aber sage dir: Wer die Schrift mit deinen Augen betrachtet, der wird nie etwas Göttliches darinnen finden und fortan ein materieller Weltklotz bleiben, der mitunter wohl auch für außerordentliche Dinge und Erscheinungen einen Sinn haben wird, wenn sie gerade vor seinen Augen ausgeführt werden. Aber er wird daraus für seinen Geist nie einen Gewinn ziehen, weil für ihn jedes noch so große Wunder eine pure, seine Sinne ergötzende Vergnügungssache ist!
[DTT.01_019,08] Wahrlich, derlei Menschen haben eine große Ähnlichkeit mit den Schweinen, die auch allerlei zusammenfressen, aber dabei dennoch gleichfort die alten, unveränderlichen Schweine bleiben, denen alles gleich wohlschmeckt, ob Kot oder feinstes Weizenbrot.
[DTT.01_019,09] Darum aber sollen solche Menschen, denen es an einem höheren geistigen Glauben fehlt, die Schriften, die aus dem Geiste Gottes den Menschen gegeben worden sind und als göttliches Wort zu betrachten sind, auch nicht lesen und sie dadurch verunheiligen, denn es steht geschrieben: ,Den Namen Jehovas sollst du nicht eitel nennen!‘
[DTT.01_019,10] Ich aber sage und setze hinzu: Ein jedes Wort aus dem Geiste Gottes ist dem Namen Jehova gleich! Wer es liest wie ein Menschenwerk, der ist ein strafbarer eitler Nenner des Namens Jehova. Wer es aber liest mit großer Ehrfurcht seines Gemütes und glaubt, daß die Schrift göttlichen Ursprungs ist, der wird auch bald und leicht das Göttliche zur Erweckung und Belebung seines Geistes darinnen finden!
[DTT.01_019,11] Würdest du – und auch ihr – in euch die Schrift dafür halten, daß sie göttlichen Ursprunges sei, so würdet ihr Mich schon lange für das gehalten haben, was Ich eigentlich bin, und wie Ich Meine Wundertaten bewerkstellige. Weil ihr aber die Schrift nur für ein eitles und für diese Zeit gänzlich unbrauchbares Menschenmachwerk haltet, so ist es euch auch unmöglich, Mich als das anzuerkennen, was Ich bin – und da ihr Mich als das nicht anerkennen möget, so müssen euch auch Meine Taten im höchsten Grade unbegreiflich sein!“
[DTT.01_019,12] Sagte Joram „Mein holdester Knabe, du scheinst hier in deiner Annahme dich ein wenig zu versteigen! Denn sieh, wenn unter uns auch etwa einige sind, die an die reine Göttlichkeit der Schrift nicht glauben, so sind aber dennoch wieder einige, die daran noch sehr festhalten und glauben und daher auch auf die Ankunft des verhießenen Messias und seines Reiches hoffen, und diese werden auch bei deiner näheren Bekanntschaft nicht viel dagegen sein, so du eben jener verheißene Messias wärest, von dem der große Prophet Jesaias am meisten geweissagt hat.
[DTT.01_019,13] Es ist im Jesaias die Weissagung freilich sehr mystisch gehalten, und man kann mit des Messias Persönlichkeit nicht so recht ins klare kommen; aber sie hat im ganzen recht vieles, was mit dir stimmt! Einiges ist freilich darunter, was weder auf dich und am Ende noch weniger auf einen rechten Messias – und käme er direkt aus den Himmeln – schon gar nicht paßt! Und so wirst du überaus weiser Junge wohl auch selbst einsehen, daß es selbst für die festest Gläubigen mit dem guten Messias – so ganz gerade gesprochen – stets noch seine sehr geweisten Wege hat, und daß es eine wahrlich sehr schwere Sache ist, sich darinnen ordentlich und klar zu orientieren!
[DTT.01_019,14] Die Sache bleibt immer nur mehr eine Volkssage, hervorgehend aus dem langgehegten Wunsch des Volkes, und da mögen die Römer nicht ganz unrecht haben, so sie sagen: Ubinam vanis invectis superlativum tradit gens, nihil quam aquam haurire! Und so ist es teilweise auch hier mit dem Messias! Es kann allerdings schon etwas sein, möglich aber auch nichts – und so würde man aus dem alten Jakobsbrunnen kaum einen gesunden Wassertropfen zu schöpfen bekommen! – Was sagst du dazu, holdester Knabe?“
[DTT.01_019,15] Sagte Ich: „Wie lauten denn hernach die Stellen aus den Weissagungen des Jesaias, die auf den Messias und namentlich auf Mich schon gar nicht paßten?“
[DTT.01_019,16] Sagte Joram „Ja, mein liebster junger Freund, da muß ich erst das Buch holen! Auswendig sind mir jene Stellen eben nicht geläufig, denn so etwas liest man seltener nach, und da vergißt man denn doch so manches, namentlich aus der Sphäre der Propheten! – Aber warte nur ein wenig, wir werden die Sache gleich haben!“
[DTT.01_019,17] Sagte Ich: „Weißt du was?! Da es heute schon Abend geworden ist, so lassen wir das auf morgen. Und da heute von frühmorgens bis jetzt niemand zur Stärkung seines Leibes etwas zu sich genommen hat, so wollen wir nun unsere Sitzung aufheben, ein Abendbrot nehmen und morgen dann unsere Sache fortsetzen!“
[DTT.01_019,18] Mit diesem Meinem Antrage waren alle gleich einverstanden, und wir verließen die Sprechhalle und begaben uns in die schon bekannte Herberge.
20. Kapitel – Die zweite Nacht in der Herberge. Joram und Barnabe auf der Suche nach passenden
Jesaiastexten.
[DTT.01_020,01] Ich, der Richter und der alte Simon begaben uns in die Herberge, in der wir schon eine Nacht zubrachten, und in der gewöhnlich die Nazaräer in Jerusalem sich aufzuhalten pflegten.
[DTT.01_020,02] Denn es war in Jerusalem schon eine alte Sitte, daß eine jede Stadt vom ganzen Judenreiche eine den gleichen Namen tragende Herberge hatte. Und das war darum, daß, wenn jemand von Jerusalem oder auch von einer andern Stadt mit jemandem etwas abzumachen hatte oder einen andern Aufschluß aus irgendeiner Stadt haben wollte, er bloß in die gleichnamige Herberge zu gehen brauchte und dort sicher täglich einen oder auch mehrere aus der gleichnamigen Stadt nach Jerusalem in irgendwelchen Geschäften Angekommene antraf.
[DTT.01_020,03] Diese Sitte hatte sich mit der Zeit auch nach Europa verbreitet. In früheren Zeiten hatten die Aushängeschilder der Gasthäuser eine ähnliche Bestimmung; in der Jetztzeit ist davon freilich nahezu keine Spur mehr.
[DTT.01_020,04] Ich habe dies nur angefügt, damit man später leichter begreifen wird, wie Meine Nähreltern Mich am dritten Tage als am Tage ihrer Rückkunft, und zwar gegen den Abend hin, ganz leicht haben finden müssen, da sie in der Herberge namens ,Nazareth‘ Mich ehest erfragt hatten, wo Ich Mich des Tages aufgehalten habe.
[DTT.01_020,05] Die Templer hatten nach ihrem Abendmahl sich diesmal auch zum größten Teile zur Ruhe begeben. Nur Joram und Barnabe nahmen den Jesaias zur Hand und suchten darinnen Texte, die auf Mich oder auf irgendeinen andern Messias nicht sonderlich passen würden. Mit der Zeit aber wurden auch die beiden vom Schlafe übermannt und begaben sich zur Ruhe.
[DTT.01_020,06] Wie ein Augenblick verfliegt für die Müden die Nacht; und so war es auch hier der Fall. Die Templer wollten sich noch einmal umdrehen, aber der schon sehr hell gewordene Tag forderte sie zum Wachbleiben auf und sich zu begeben an ihr ihnen obliegendes Geschäft, was ihnen für den Tag gar nicht munden wollte – auch sogar Joram und dem Barnabe nicht, weil sie im ganzen Jesaias keine so recht schlagende Stelle finden konnten, die Mich zum Schweigen hätte nötigen können.
[DTT.01_020,07] Joram sagte beim Suchen zum Barnabe: „Man ist ja gerade wie verhext! Sonst habe ich gleich ein paar Dutzend der für diesen Zweck passenden Stellen gerade auf der Nase sitzen gehabt – und jetzt suche ich schon eine Stunde lang wie ein müder Rabe sein Nest und finde nichts, aber auch gar nichts!“
[DTT.01_020,08] Sagte Barnabe: „Liegt aber ja auch gar nichts daran! Wollte der Knabe denn schon durchaus zufolge seiner außerordentlichen Eigenschaften, so sie ihm auch im Mannesalter verbleiben, Messias werden wollen, na, so soll er dabei bleiben! Da liegt doch wahrlich nicht gar besonders viel daran! Verlassen ihn etwa späterhin diese Eigenschaften, da wird er seine Idee schon von selbst fahren lassen! Nimm aber das Buch dennoch mit, denn wir könnten es etwa doch noch brauchen im Verlaufe des heutigen Tages! – Nun aber gehen auch wir in den Sprechsaal, denn es werden dort schon die meisten versammelt sein!“
[DTT.01_020,09] Darauf erhoben sich beide und begaben sich schleunigst in den Sprechsaal.
21. Kapitel – Der Beginn der Besprechung am dritten Tage. Jorams mißlungener Versuch, das begonnene Thema abzubrechen. Des ausfällig werdenden Oberpriesters Einwurf und dessen Widerlegung durch den Jesusknaben.
[DTT.01_021,01] Als die beiden auch an ihre Stellen kamen, da erst begann die Besprechung des dritten Tages.
[DTT.01_021,02] Ich trat nach dem Winke des Mir höchst geneigt gewordenen Römers zuerst auf und wandte Mich an den Joram, sagend: „Nun sind wir heute als am dritten Tage wieder hier in dieser Redehalle versammelt! Es kommt nun darauf an, daß du Mir, schon gestern angetragenermaßen, aus dem Propheten Jesaias zeigest, welche Texte auf Mich wie auch auf jeden andern nach deiner Meinung werden mögenden Messias nicht passen sollten!“
[DTT.01_021,03] Sagte Joram: „Ja, mein holdester Junge, es wäre alles recht – aber mir sind die fraglichen Texte dem Wortlaut nach schon lange entfallen, und es würde mir jetzt eine wahre Verlegenheit bereiten, gerade dir gegenüber, der du infolge deines riesenhaften Gedächtnisses die ganze Schrift von Wort zu Wort kernfest im Kopfe zu haben scheinst, die gewissen Texte aufzusuchen! Darum gehen wir von der Sache lieber ab, und ich sage: wir lassen dich infolge dessen, was wir von dir gesehen und gehöret haben, als den verheißenen und respektive schon angekommenen Messias gelten! Aber alle die vielen Texte nun in der Schrift aufzusuchen, würde uns viel zuviel Zeit und Mühe kosten!“
[DTT.01_021,04] Sagte Ich: „Nein, Mein Freund, das geht nicht! Ihr möchtet Mich nun auf eine gute Art loswerden, denn ob ein Messias oder ob keiner, das ist euch einerlei, wenn ihr dabei nur recht gut leben könnt und euch sammeln große Haufen Goldes, Silbers und allerlei köstlichen Edelgesteins! Aber es handelt sich nun vollernstlich darum: Bin Ich es, oder sollet ihr auf einen andern warten?
[DTT.01_021,05] Bin Ich es, so ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen, und ihr werdet es aus der Schrift wissen, was da an euch ist zu tun, so ihr eines guten Willens seid! Bin Ich aber nach eurer Meinung und aus dem Propheten erwiesen das nicht – nun, da möget ihr denn in euren alten Sünden verharren, bis der Tod euer Endlos sein wird! – Aber da euch das Aufsuchen der tauglichen Texte schon so viel Zeit raubt und eine gar so große Mühe macht, so gebet Mir das Buch, und Ich werde euch Zeit und Mühe ersparen!“
[DTT.01_021,06] Hierauf sagte der Oberpriester: „Da wirst du dir dann wohl alle jene Texte heraussuchen, die auf dich am allerbesten passen?!“
[DTT.01_021,07] Sagte Ich: „Nun gut, so suche du Mir welche auf, die auf Mich etwa am wenigsten passen!“
[DTT.01_021,08] Sagte der Oberpriester: „Na, damit soll dir gleich aufgewartet werden! – Gebet mir das Buch!“
[DTT.01_021,09] Man gab dem Oberpriester das Buch in die Hand, und er fing darin mit wichtiger Miene herumzusuchen an, konnte jedoch längere Zeit etwas Rechtes nicht finden. Endlich aber fand er, ihm scheinend, doch etwas, denn es malte sich in seinem Gesichte eine eigene Art Zufriedenheit, hinter der aber auch der oberpriesterliche Hochmutskamm bald ärger als bei einem zornigen Truthahne zu steigen anfing. Er legte mit einem gewissen Herrscherpathos das Buch aufgeschlagen vor sich auf den Tisch und bohrte ordentlich mit seinem Zeigefinger siegesfroh in den Text hinein und sprach:
[DTT.01_021,10] (Der Oberpriester:) „Da! Komm nun her, du junger Messias aus Galiläa, lies den Text und sage mir, ob auch der auf deine Person paßt!“
[DTT.01_021,11] Sagte Ich: „Was rufst du Mich, daß Ich den Text aus deinem Buche lesen solle?! Der Geist, der in Mir wohnt, wußte schon sehr lange eher darum, bevor er von Jesaias niedergeschrieben wurde! Und du hast gerade den rechten zu Meinem Siege über dich aufgeschlagen, wo Ich wahrlich keinen bessern hätte finden können!“
[DTT.01_021,12] Hier erhob sich der Oberpriester zornig und sprach voll wutentbrannten Eifers: „Was sagst du? Du hättest um diesen Text schon früher gewußt, als ihn der Prophet niedergeschrieben hatte?! Ich warne dich, du galiläischer Knabe, vor zu großem Mutwillen! Du zählst erst zwölf Jahre und willst schon vor dem Propheten um diesen Text gewußt haben?! Bist du denn wahnsinnig?!
[DTT.01_021,13] So du auch von deiner Seele oder deinem Geiste sprichst – was immer ein und dasselbe ist –, so wird diese doch unmöglich älter sein als ihr Leib, der doch schon nach dem Zeugnisse Mosis eher da sein mußte, als die Seele in denselben einziehen konnte!
[DTT.01_021,14] Sagt nicht Moses: ,Gott bildete den ersten Menschen aus Lehm und blies ihm durch die Nüstern eine lebendige Seele ein‘?! Geht aus dem aber nicht klar hervor, daß dann doch jedes Menschen Leib, als das fertige Wohnhaus der Seele, eher da sein muß als sie selbst?! Denn was und wo sollte die Seele ohne den Leib sein?! – Daher bedenke, du junger Galiläer, wohl, wo du stehst und vor wem!“
[DTT.01_021,15] Sagte Ich: „Abgesehen von dem, daß du durch weltliche Protektion und nicht durch höhere, geistige Berufung hier Oberpriester bist, und abgesehen von dem, daß wir hier in der alten Sprechhalle des Tempels versammelt sind, sage Ich dir dennoch ganz trocken ins Gesicht, daß du über geistige Dinge noch um vieles schlechter urteilst denn ein Blinder von den Farben!
[DTT.01_021,16] So Gott eine lebendige Seele dem fertigen Leibe Adams durch dessen Nüstern einblies, so war die Seele doch offenbar zuvor in Gott und konnte auch nirgends anderswo sein, weil Gott in seinem Wesen unendlich ist und sich streng genommen außer Ihm nichts befinden kann!
[DTT.01_021,17] Gott aber, da Er selbst ewig ist, kann nichts Zeitliches und Vergängliches oder erst Entstehendes in sich fassen, sondern, was in Ihm ist, ist wie Er selbst ewig. Er kann seine ewigen großen Gedanken und Ideen nur außer sich der Erscheinlichkeit nach zur Gewinnung einer wesenhaften Selbständigkeit wie hinausstellen; und wenn Er das tut, so ist dies von Ihm ausgehend ein Schöpfungsmoment, und für das durch seine Macht und Weisheit wie außer Ihn freigestellte Gottesgedankenwesen beginnt dann erst die Zeit, besser aber der Zustand der zugelassenen Selbsttätigkeit zur Erwerbung eines bleibenden selbständigen Seins wie außer Gott, wenn schon im Grunde des Grundes dennoch in Ihm.
[DTT.01_021,18] Wenn aber also, wie sollte Ich dann im Geiste und in Gott nicht eher dagewesen sein, als der Prophet seine Texte aus Gott schrieb?!
[DTT.01_021,19] Zudem aber bist du noch in einer großen Irre, so du meinst, daß Geist und Seele ein und dasselbe sind! Die Seele bei den Menschen ist ein geistiges Produkt aus der Materie, weil in der Materie eben nur ein gerichtetes Geistiges für die Löse rastet, der reine Geist aber ist niemals gerichtet gewesen, und es hat ein jeder Mensch seinen von Gott ihm zugeteilten Geist, der alles beim werdenden Menschen besorgt, tut und leitet, aber mit der eigentlichen Seele sich erst dann in eins verbindet, so diese aus ihrem eigenen Wollen vollkommen in die erkannte Ordnung Gottes übergegangen und somit vollends rein geistig geworden ist.
[DTT.01_021,20] Daß aber bei dir dieser Übergang noch lange nicht stattgefunden hat, hast du soeben dadurch gezeigt, daß du von deinem eigenen Geiste, ohne den du nicht einen Augenblick lang leben könntest, noch nie eine Idee gefaßt hast!
[DTT.01_021,21] Ich aber kenne Meinen Geist und bin schon lange eins mit ihm und kann darum auch aller Natur gebieten, weil der Geist wahrhaft ein Gottesgeist ist und ewig nie ein anderer sein kann, weil es außer Gott keinen Geist geben kann, der nicht Gottes Geist wäre. Denke du und alle nun darüber ein wenig nach, und findet euch darinnen zurecht, dann erst gehen wir auf den auf Mich nicht passen sollenden Text über!
[DTT.01_021,22] Dir, Oberpriester, aber rate Ich, daß du dich gegen Mich in den Schranken der gerechten Mäßigung haltest, sonst könntest du bald die Kraft Meines Gottesgeistes wider dich zu sehr gereizt haben! Was Ich vermag, hast du schon gestern erfahren – darum weißt du nun auch schon, was dir bevorsteht, wenn du hier deine Grenzen überschreitest! Denn Ich habe ein teuer erkauftes Recht, zu reden in Sachen Jehovas, das da vor allem bedungen ward. Es ist aber schon schlecht genug, daß man sich bei euch sein wollenden Dienern Jehovas ein Rederecht, nach Stunden bemessen, erkaufen muß; und noch schlechter müßte es sein, so man noch obendrauf von dem erkauften Rechte nicht den bedungenen Gebrauch machen dürfte!“
22. Kapitel – Die anerkennenden Worte des römischen Richters an den Jesusknaben und dessen Rede über die Ordnungsgesetze des Staates und über das göttliche Gesetz der Nächstenliebe.
[DTT.01_022,01] Hier sagte der Richter: „Aber, du rein aus den Himmeln herabgekommener holdester Knabe! Du bist ja jetzt schon weiser denn alle Weisen, die je auf der Erde gelebt haben! Was wird erst aus dir werden?! – Ja, du bist ein rechter Messias (Mittler zwischen Gott und Menschen), denn noch nie hat je ein Weiser die Unterschiede zwischen Materie, Seele und Geist so klar dargestellt und mit so wenigen Worten wie du! Wahrlich, diese Belehrung verdient eine eigene Belohnung sogar; denn so etwas ist noch nie dagewesen!“
[DTT.01_022,02] Sagte Ich: „Laß das gut sein, edler Freund! Welchen Lohn könntest du Mir wohl geben, den Ich dir nicht sogleich tausendfach zurückerstatten könnte?! Wahrlich, Ich sage dir, wer je einem seiner bedürftigen Mitmenschen aus wahrer, reiner Liebe zu Gott und den Mitmenschen etwas Gutes tun wird, der wird es Mir tun, und es wird ihm vergolten werden tausendfach! Aber ebenso auch das Schlechte und Böse, das jemand an seinen Mitmenschen verüben wird!“
[DTT.01_022,03] Sagte der Richter: „Was möchtest du als Schlechtes und Böses, das man den Nebenmenschen nicht erweisen soll, näher bezeichnen?! Ich möchte es wohl wissen, weil ich als ein Richter gar oft in die Lage komme, dem Nebenmenschen oft sehr Übles und Böses zuzufügen, freilich sehr oft wider meinen Willen. Aber unser Gesetz ist ein ehernes und kennt keine Rücksichten, nicht einmal an den eigenen Kindern! – Sage mir darum etwas Haltbares!“
[DTT.01_022,04] Sagte Ich: „Hättest du die Gesetze gemacht, so könntest du sie auch ändern, aber sie sind ein alter wohlbedachter Volkswille, und du bist gestellt, die Sünder wider solchen Volkswillen zur gerechten Ahndung zu ziehen. So du aber das streng gewissenhaft und gerecht tust, was das Gesetz vorschreibt, so tust du darum kein Böses, sondern nur Gutes!
[DTT.01_022,05] Denn jedermann, der als Mitglied einer großen Menschengesellschaft lebt, muß sich den Ordnungsgesetzen fügen und sie zu seinen eigenen Lebensmaximen machen. Will er das nicht, so muß er sich als der für sich dastehende offenbar Schwächere die notwendig bitteren Folgen als Widerspenstling der allgemeinen Volksordnung gefallen lassen.
[DTT.01_022,06] Und der vom Volke oder von dessen herrschendem Repräsentanten, der ein König oder gar ein Kaiser ist, bestellte Richter, der das ihm durch und durch bekannte Gesetz streng und gerecht ausübt, kann nicht anders als nur wohltun, denn er reinigt das Feld der Menschensaat vom Unkraut. – So du aber das tust, erfüllst du deine Pflicht und bist ein Wohltäter der ordnungsliebenden und -beflissenen Menschen.
[DTT.01_022,07] Daß du als Richter aber hauptsächlich darauf siehst, daß vor allem ein verirrter Mensch durch das Gericht nicht so sehr gestraft, als vielmehr gebessert werde, das ist eine Tugend aus den Himmeln in deinem Herzen, denn du befolgst den ewig wahren Grundsatz der Nächstenliebe, der also lautet: „Was du vernünftigermaßen nicht willst, daß man es dir täte, das tue auch deinen Mitmenschen nicht!“ Damit aber bist du vor Gott wie vor den Menschen schon ganz in der Ordnung und hast gar nicht nötig, dich darum zu kümmern, was da eigentlich gut und was böse ist!
[DTT.01_022,08] Würden die, so da sitzen auf dem Stuhle Mosis und Aarons, auch so handeln und gehandelt haben, so würden sie nie von euch Römern unterjocht worden sein. Aber da sie nicht mehr dem alten Gesetze treu blieben, das für alle Menschen gleich gegeben ward, sondern sich eigene Satzungen machten nach ihren Gelüsten, so hat Gott denn auch sein Angesicht von ihnen abgewendet und sie gegeben unter die scharfe Zuchtrute der Heiden, unter der sie auch ihrer großen und groben Halsstarrigkeit wegen belassen werden.
[DTT.01_022,09] Du bist ein Heide und erkennst Mich, diese sind Juden und sollen Kinder Jehovas sein, und sie erkennen Mich nicht und werden Mich auch schwerlich erkennen! Wie ist nun das?! Mir kommt es vor, wie da ein Prophet geredet hat, freilich auch damals schon zu tauben Ohren: ,Er kam zu den Seinen in sein Eigentum, und die Seinen haben Ihn nicht erkannt und nicht aufgenommen!‘ Aber sei dem nun, wie ihm wolle, Ich habe dir nun den rechten Stand der Dinge gezeigt, und es ist nun an der Zeit, jene von dem Oberpriester aufgefundenen Texte näher anzusehen, die auf Mich nicht passen sollen!“
23. Kapitel – Die Verlesung und Erklärung von Jesaias 9,5-6 durch den römischen Richter.
[DTT.01_023,01] Hier schob Mir der Oberpriester das Buch zu und sagte: „Da, lies es selber, und überführe Dich!“
[DTT.01_023,02] Ich nahm das Buch und gab es dem Richter, ihm die zu lesenden Stellen anzeigend, und ersuchte ihn, selbe laut lesen zu wollen, auf daß da niemand sagen könne, daß Ich die Texte zu Meinen Gunsten gelesen hätte. Das konnte der Richter um so leichter tun, da er in den meisten orientalischen Zungen wohlbewandert war und namentlich die althebräische Schrift um vieles besser zu lesen verstand als alle Templer zusammen.
[DTT.01_023,03] Der Richter nahm freudig das Buch und las daraus, wie da folgt: ,Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, dessen Herrschaft auf seiner Schulter ist; und Er heißt Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhle Davids und in seinem Königreiche, und daß Er es zurichte mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit! Solches wird tun der Eifer Zebaoths!‘ – Hierauf fragte der Richter den Oberpriester, ob die Texte also gut gelesen wären.“
[DTT.01_023,04] Der Oberpriester bejahte das mit einer großen Verbeugung.
[DTT.01_023,05] Darauf fuhr der Richter fort, in Meinem Namen zu reden, und sagte: „Da habt ihr aber nach meiner Ansicht ja gerade eine Stelle aufgesucht, die meines Erachtens wie kaum eine andere genau auf diesen jungen, holden und weisen Knaben paßt!
[DTT.01_023,06] Wie eine Jungfrau einen Sohn gebären werde, den sie Emanuel heißen werde, das haben wir – wenigstens zu meiner subjektiven Einsicht – derart erörtert, daß es bei mir nun nicht mehr dem allergeringsten Zweifel unterliegt, daß dieser Knabe eben der von dem Propheten vorbezeichnete Sohn der euch nach eurem höchsteigenen Geständnisse wohlbekannten Jungfrau, glaube, namens Maria ist.
[DTT.01_023,07] Und wenn ich mich nicht irre, so ist mir bei einer Gelegenheit von dem Hauptmann Kornelius erst vor gar nicht langer Zeit von jener wunderbaren Geburt eines Knaben zu Bethlehem in einem leeren Schafstalle – wegen Mangel an besseren Herbergen – erzählt worden, und zwar mit einer großen Begeisterung und innigsten Teilnahme am damals höchst mißlichen Schicksal jener denkwürdigen Familie, und daß er sich oft darum erkundigte, aber seit deren Abreise von Ägypten nichts von ihr zu erfahren imstande war! Leider hat er sich in Staatsgeschäften nach Tyrus begeben müssen, sonst säße er ganz sicher hier!
[DTT.01_023,08] Also, was die prophetische (prophezeite) Geburt dieses Knaben betrifft, so wären wir darüber im reinen, und es kann da vor dem Forum der ganz gesunden und reinen Vernunft durchaus kein Kontra mehr geben!
[DTT.01_023,09] Nun das, daß er Butter und Honig essen werde, um hernach zu verstehen und zu erwählen das Gute und zu verwerfen das Böse, kann ich mir nach der altägyptischen Weise nur als eine Entsprechung denken, die vielleicht – nach meiner Ansicht geurteilt – soviel sagt als: „Er wird erfüllt sein mit aller Liebe und Weisheit und wohl erkennen das wahre, reine Gute und das entschiedene Böse!“
[DTT.01_023,10] Daß er wie kein Weiser und Gelehrter der ganzen Welt das vermag, davon hat er vorhin den klarsten Beweis vor euch allen abgelegt, und so hat er des geistigen Honigs und der geistigen Butter sicher die größte Menge in sich, wie er das auch euch Weisesten des Tempels schon zur Genüge gezeigt hat, und wie ihr gar vieles bei ihm noch erlernen könntet – aber er von und bei euch sicher nichts! Und das dürfte doch hinreichend anzeigen, wieviel Honig und Butter er bis jetzt schon hat zu sich genommen haben müssen?!
[DTT.01_023,11] Das alles aber bezeugt um so klarer, daß er eben der von dem alten Propheten vorhergesagte und von einer Jungfrau geborene Emanuel ist und fortan keine Jungfrau je mehr einen solchen Sohn auf dieser Erde gebären wird!
[DTT.01_023,12] Ich habe im ganzen großen römischen Kaiserreiche noch nie einen Sohn von zwölf Jahren kennengelernt, der dem – abgesehen von seinen unbegreiflichen Wundereigenschaften – nur in einem allerentferntesten Maße gleichkäme, und so glaube ich, daß die zweite, von euch selbst uns vorgelegte Textierung des Propheten ebenso genau auf ihn paßt wie die erste, die er auch gleich anfangs als eine sogenannte Vorfrage aufstellte.
[DTT.01_023,13] Ja, in ihm ist uns wahrlich ein Kind aller Kinder geboren und ein Sohn aus dem Schoße der Götter wie wir Römer zu sagen pflegen – uns sterblichen Menschen gegeben, dessen unbegreifliche Herrschaft er selbst wahrlich nur auf seinen höchsteigenen Schultern trägt, wobei er keines Helfers bedarf!
[DTT.01_023,14] Der Prophet bezeichnete durch die aufgeführten Namen offenbar nur dessen Eigenschaften, und saget es selbst, ob ihm da nur eine mangelt!
[DTT.01_023,15] Ist er nicht wunderbar in seinem Verstande, in seiner Rede und in seinen Taten?!
[DTT.01_023,16] Welcher Weise der Erde kann mir einen noch weiseren Rat erteilen als dieser wahre und allerreinste Göttersohn?!
[DTT.01_023,17] Daß er eine wahre Allkraft in jeder Beziehung – sei es Geist oder Materie – besitzt, daran wird hoffentlich auch niemand zweifeln, der ihn reden hören und handeln gesehen hat!
[DTT.01_023,18] Durch seinen unerschrockensten Mut gegen euch bekannt hochmütigste Priester, die ihr euch über alle Götter weit hinaus preisen und anbeten lasset, hat er seinen unerschrockenen Heldenmut auch klar genug an den Tag gelegt!
[DTT.01_023,19] Wie sein Geist ein notwendig ewiger und eins mit dem Geiste Gottes ist, hat er vor euch auf eine so begreifliche Weise mit wenigen Worten bewiesen, daß man wahrlich mit der Blindheit aller Nächte, die je auf der Erde bestanden haben, geschlagen sein müßte, um da nicht gleich auf den ersten Augenblick zu verspüren, von woher dieser Wind zu wehen anfängt!
[DTT.01_023,20] Daß er ferner allein dem Menschen den wahren, lebendigen inneren Frieden geben kann und er daher auch allein nur ein wahrster Fürst aller Fürsten der Erde ist und einen Frieden den Menschen geben kann auf dieser Erde wie kein anderer Fürst, das habe ich bereits empfunden!
[DTT.01_023,21] Er allein kann das alte Seher- und Erkenntnisreich Davids, das von euch schon lange zerstört wurde, wieder lebendig aufrichten und eine Herrschaft gründen, der alle Fürsten der Erde trotz ihrer Zepter und Kronen für ewig untertan sein werden; denn das Reich der hellsten Erkenntnis ist und bleibt stets das mächtigste auf der Welt und kann von keiner Macht je völlig unterjocht werden. Wo aber Licht ist und seine alles durchschauende Wirkung, da ist auch ein rechtes Gericht und die vollste, offenste Gerechtigkeit!
[DTT.01_023,22] Und am Ende heißt es noch: ,Und solches wird tun der Eifer Zebaoths.‘ Wer sonst als der diesen Knaben durch und durch erfüllende Geist Gottes ist eben der Herr Zebaoth selbst – ein Etwas, das ich auf den ersten Augenblick heraus hatte! Wie denn ihr nicht, da euch das doch offenbar mehr angehen sollte denn mich, einen Heiden?!
[DTT.01_023,23] O Götter und o alle Orakel der ganzen Welt zusammen! Wie entsetzlich blind, dumm und von ganzem Herzen schlecht müsset ihr sein, daß ihr das nicht auf den ersten Blick einsehen und fühlen möget, von wo da der Wind zu wehen angefangen hat! Ich, ein Heide, muß euch das sagen, daß es also ist!
[DTT.01_023,24] Was würde wohl jener Prophet, der solche Weissagung niedergeschrieben hat, zu euerm finstersten Starrsinn sagen, so er wieder aufstünde und vor euch hinträte?
[DTT.01_023,25] Wandelt euch denn gar keine Scham an, so ihr nun dumm und blind dasteht vor den Augen dessen, dessen Wille allein euch das faule, selbstverschuldet schlechte Leben und seine finstere Herrschaft beläßt?! Könnte Er mit euch nicht ein gleiches Manöver machen wie gestern mit dem fertigen Esel und mit dem großen Steine?!
[DTT.01_023,26] Da denken diese noch in alle Welt hinaus nach, was da etwa Rechtens wäre – entweder vor einem Gott, den sie nicht kennen und an den sie auch nie geglaubt haben, oder vor der Welt, von der sie alle sehr fett geworden sind und noch fetter zu werden gedenken –, und ein allerwahrster Gott steht vor ihnen, ausgerüstet mit allen Eigenschaften, die sich die menschliche Phantasie nur je von einem Gott hat vorstellen können, natürlich in der allererhabensten Art und Weise!
[DTT.01_023,27] Jetzt möchte ich von euch alten Dummköpfen denn doch erfahren, wie ihr euch einen Gott vorstellt?! Einen Begriff müßt ihr euch von Ihm ja doch machen!? Redet – denn nun gebiete ich euch, daß ihr mir antwortet!“
24. Kapitel – Die Rede Jorams über das Wesen Gottes als Antwort an den römischen Richter.
[DTT.01_024,01] Diese scharfe Anrede des Richters hatte unsere Templer aus aller Fassung gebracht und sie in einen großen Schrecken versetzt, so daß sie nur zu stottern statt zusammenhängend zu reden vermochten. Der Gefaßteste war Joram, er erhob sich denn auch von seinem Stuhle, verneigte sich tief vor dem Richter und sagte dann:
[DTT.01_024,02] (Joram:) „Hoher, gestrenger und gerechtester Gebieter und Richter über ganz Jerusalem und noch sehr weit darüber hinaus! Es ist bei uns um den wahren Begriff von dem Wesen Gottes eine schwere Sache, indem es im Moses ausdrücklich verboten ist, sich irgendeinen faßlichen Begriff oder irgendeine nur halbwegs bildliche Idee von Ihm zu machen! Du wirst darum in unserm Tempel kein Bild finden, durch das für die menschlichen Außensinne sich von der Gottheit ein anschaulicher Begriff machen ließe!
[DTT.01_024,03] Trotzdem aber haben doch die Väter – als Abraham, Isaak und Jakob – zu öfteren Malen Gesichte gehabt, in denen sie Gott stets in einer vollendeten Menschengestalt sahen und sprachen, obwohl es im Moses später heißt: ,Gott kann niemand sehen und leben zugleich; denn Gott ist ein verzehrend Feuer und wohnt im unzugänglichen Lichte!‘
[DTT.01_024,04] Aber Moses verlangte dennoch einmal Gott zu sehen, wenn ihm das auch den augenblicklichen Tod gäbe. Da aber sprach am Sinai Gott zu Moses: ,Verbirg dich in dieser Grotte, Ich werde da vorüberziehen! So Ich dich rufen werde, da tritt aus der Grotte, und du wirst Meinen Rücken sehen!‘
[DTT.01_024,05] Ja, jetzt, wo es sich bald um eine Form Gottes und bald wieder, sogar streng gesetzlich, um gar keine mehr handelt und eigentlich bei Strafe nicht handeln darf, da wird eine Ideefassung und Begriffmachung von einem Gotte wahrlich etwas schwer oder mit der Zeit schon gar nicht mehr möglich, obwohl das menschliche Gemüt sich dennoch nach einem formellen Gotte sehnt und man es streng genommen den Heiden gar nicht so sehr übelnehmen kann, daß sie sich ihren Zeus als einen vollkommensten Menschen bildlich vorstellen! Wir haben nur das Wort ,Jehova‘, darüber hinaus gibt es nicht viel mehr!
[DTT.01_024,06] Was mich, bloß als Menschen, anbelangt, da ist mir, wie dir, dieser Knabe als ein Gott ganz gut und mächtig zur Genüge. Aber nun bedenke du das Volk, das an der Lehre Mosis und der Propheten hängt! Der Tempel ist der alte Mittelpunkt seiner Beseligung, dahin trägt es seine Wünsche, seine Hoffnungen und glaubt sich im Tempel seinem Gotte nahe, allwo es dieser vernimmt durch das Ohr des Hohenpriesters und es erhört durch die Gebete desselben und seiner Gehilfen! Nimm das auf einmal dem Volke weg und stelle an die Stelle der Bundeslade diesen göttlichen Knaben, und du hast ehest die allgemeine Revolution im ganzen Lande!
[DTT.01_024,07] Wir sind Narren, weil wir es zu sein genötigt sind. Wäre das nicht der Fall und hinge nicht unser Leben und des Volkes Wohlfahrt und Ruhe davon ab, so wären wir schon lange keine Narren mehr! Oder meinst du, daß es gar so ein leichtes ist, dem Volke etwas als seiend vorzustellen, das nicht ist und von dem man sich sogar beim besten Willen keinen Begriff machen kann?!
[DTT.01_024,08] Ich für mich halte dasselbe vom Knaben, was du hältst. Aber vor dem Volke muß ich dessenungeachtet die alte Narrheit forttreiben und von dem nicht die leiseste Spur merken lassen, daß ich innerlich ganz einen andern Glauben habe, als den ich äußerlich zur Schau trage!
[DTT.01_024,09] Sollte es der Macht des Knaben mit der Zeit gelingen, das Volk, wie nun uns, auf sich aufmerksam zu machen, und daß es ihn als das erkennt und annimmt, was er ist, dann wird er mit dem ganzen Tempel leicht fertig werden. Aber eine alte Sache, an der sich gar so viele Interessen kreuzen, ist nicht beiseite zu schieben wie ein alter Schrank, den man leicht ohne allen Anstand wegwerfen und vernichten kann und stellen einen neuen an seine Stelle.
[DTT.01_024,10] Das ist meine Ansicht, die sicher der ganze Tempel mit mir teilt, und ich glaube kaum, daß mir da jemand eine Widerrede geben wird!“
[DTT.01_024,11] Sagte der Richter: „Ja, gegen diese Ansicht läßt sich vorderhand freilich wenig oder nicht viel einwenden. Aber eines kann dabei immerhin bemerkt werden, und das besteht darin: Ihr – so ihr glaubt an des Knaben Sendung – könnet doch immerhin das Volk auf den Knaben auf eine geeignete Weise aufmerksam machen und zeigen, was nun in die Welt gekommen ist?!“
[DTT.01_024,12] Sagte der Joram: „Diese Forderung gehört offenbar zu denen, die man billig nennen kann, und es wird sich darin vielleicht auch etwas tun lassen! Aber es wird das immer ein sehr gewagtes Unternehmen sein, das uns und dem guten Knaben recht viele Verlegenheiten bereiten dürfte!
[DTT.01_024,13] Denn fürs erste bleibt der Knabe sicher nicht im Tempel, da er etwa heute oder ganz gewiß morgen von seinen Eltern wieder nach Nazareth geführt wird, das von hier doch ein wenig zu entfernt ist, um alle nach ihm Fragenden dahin zu senden.
[DTT.01_024,14] Fürs zweite aber würden Hunderttausende uns ernstlich nach dem Grunde zu fragen anfangen, warum er als der, als welcher er durch den Propheten verkündet ist, nicht in dem ihm allein gebührenden Hause, das da eben der Tempel ist, Wohnung nehme!
[DTT.01_024,15] Und was könnten wir da dem Volke für einen Grund angeben, aus dem er Galiläa und Nazareth der Stadt Gottes vorziehe? Bald würde das Volk sagen: ,Stadt und Tempel müssen sich etwas Großes zuschulden haben kommen lassen; die Sache muß untersucht und gesühnt werden!‘
[DTT.01_024,16] Kurz und gut, wir könnten es anstellen, wie wir auch nur immer wollten, so würden wir im Volke eine große Erregung wachrufen, die uns gar viel zu schaffen machen würde. Daher, meine ich, dürfte es hier immerhin geratener sein, vorderhand dem Volke davon beinahe keine Erwähnung zu machen, sondern die Sache ganz dem Knaben und der Zeit selbst zu überlassen!
[DTT.01_024,17] Was denn auch kommen möge, wir wenigstens werden darauf schon durch diesen dreitägigen Akt vorbereitet sein und werden uns selbst noch besser und tiefer vorbereiten können! – Übrigens wolle nun der Knabe selbst reden und bestimmen, was er haben will, denn seinem Willen wird sich's schwer zu widersetzen sein!“
25. Kapitel – Des Jesusknaben scharfe Rede an die heuchlerischen Templer als seine ärgsten Gegner. Die Mißbräuche im Tempel.
[DTT.01_025,01] Sagte Ich: „Ich bin nun da, um euch eine Kunde zu geben, daß Ich da bin, um zu vollbringen die Werke dessen, der Mich gesandt hat, den ihr nach eurem Geständnisse nicht kennet, den aber Ich wohl kenne, da Er in Mir wohnt in seiner Fülle!
[DTT.01_025,02] Moses verlangte Ihn zu schauen und bekam den Rücken nur zu sehen – ward aber davon schon geblendet drei Tage lang, und sein Antlitz strahlte dann so sehr, daß er es verhüllen mußte, so er zum Volke kam; denn dessen Augen hätten den Lichtglanz nimmer ertragen.
[DTT.01_025,03] Ihr aber möget Mir nun ganz wohl ins Angesicht schauen, und es blendet eure Augen kein unerträglicher Lichtglanz! Warum? Weil dies Fleisch den, der in Mir wohnt, verbirgt! Aber dessenungeachtet ist hier mehr denn das, was dort war! Aber ihr merket es nicht, weil vor euren Augen die dreifache Decke Mosis hängt und noch lange hängen wird, auf daß ihr den ja nicht erkennen möget, der aus den allerhöchsten Himmeln zu euch gekommen ist.
[DTT.01_025,04] Mit dem Richter habt ihr freilich wohl gut reden, da er euren ganz gut gestellten Worten nur sein Gehör leihen kann, mit Mir jedoch zu reden ist etwas schwerer, weil Ich auch die geheimen Gedanken eurer Herzen vernehme, die ganz anders lauten denn die Worte eures Mundes! Darum auch seid ihr Mir in hohem Grade widerwärtig, weil ihr euch wohl äußerlich rein waschet, aber inwendig in euren Seelen voll Schmutz seid!
[DTT.01_025,05] So euch der Richter, in dessen Herzen kein Falsch ist, dazu aufforderte, das Volk auf Mich aufmerksam zu machen und es zu erquicken mit der Erfüllung seiner Hoffnung, warum suchet ihr da allerlei nichtige Umstände, denen zufolge so etwas gar nicht angehen könnte?!
[DTT.01_025,06] Ich sage es euch aber ganz offen heraus: ihr – und nicht das Volk – wollet so etwas nicht, ihr selbst seid Meine ärgsten Gegner! Allein, es macht das gar nichts; denn fürs erste ist Meine Zeit noch nicht da, und fürs zweite ist eben dieser Tempel von euch zu sehr entweiht worden, als daß Ich je darinnen Wohnung nehmen könnte! Wahrlich, euer Ansehen soll durch Mich nimmer gesteigert werden!
[DTT.01_025,07] Darüber schmollet ihr, daß euch Moses verboten hat, euch von Gott ein geschnitztes Bild zu machen. Aber das macht euch nichts, so ihr euch selbst zu Göttern vor dem Volke machet und dasselbe lehret, daß Gott ohne euch nichts tue, auch keine andere Bitte erhöre als nur die eures Mundes. Saget, ob das zu tun Moses auch geboten hat?!
[DTT.01_025,08] Ja, ja, ihr sollet das Volk leiten auf den Wegen, die zum Himmel führen – denn das ist Gottes Wille, und das hat Moses und sein Bruder Aaron geboten –; ihr aber tuet gerade das Gegenteil und betrachtet euren Stand, Gott, Volk und den Tempel für nichts anderes als für eine recht fette Melkkuh, die zu melken ihr allein ein Recht von Gott aus zu haben vorgebet!
[DTT.01_025,09] Ich aber sage es euch ganz offen, daß euch Gott, den ihr verleugnet mit jedem Atemzuge und mit jedem Pulsschlage, dieses Recht nie gegeben und eure toten und maschinenartigen Gebete nie erhört hat, sie jetzt nicht erhört und sie auch nie erhören wird!
[DTT.01_025,10] Denn würde Gott euer wildes Geplärr und euer Rabengekrächze erhören – wahrlich, da müßte Ich doch auch etwas davon wissen! Denn was der Vater weiß, das weiß auch der Sohn, oder: was Meine Liebe weiß, das weiß auch Mein Verstand! Aber von einer jemaligen Erhörung eures Gebetes weiß weder Meine Liebe noch Mein Verstand etwas!
[DTT.01_025,11] Und dennoch saget ihr: ,So du, Mensch, zu Gott um etwas betest, da ist dir das zu nichts nütze, so du aber uns ein Opfer bringst und wir für dich beten, dann ist dir unser Gebet schon zu etwas nütze! Wir Priester allein dürfen beten mit Nutz, das Volk aber darf nur Opfer bringen und also mitbeten durch die reichlichen Opfer!‘
[DTT.01_025,12] So sauget ihr das Volk aus doppelt: erstens nehmt ihr von allen Früchten den Zehent und alle Erstgeburten der Haustiere und lasset euch für die Erstgeburt der Menschen eine tüchtige Löse geben; und zweitens haranguieret ihr das Volk ohne Unterlaß um Opfer und verheißet ihm darum lange und anhaltende Gebete, die ihr dann aber nie vollbringt!
[DTT.01_025,13] Denn ihr saget dann wohl bei euch: ,Ob wir beten oder nicht beten, das nützt dem Opferbringer ohnehin nichts. So ihm etwas nützt, da nützt ihm allein das Opfer, das er uns gebracht hat in guter Meinung!‘ Und so tuet ihr auch das nicht, wofür ihr euch habt zahlen lassen!
[DTT.01_025,14] Mit wem soll Ich euch da vergleichen? – Ihr seid allezeit wider Gott und gleichet vollkommen den reißenden Wölfen, die in Schafspelzen einhergehen, damit die Schafe vor ihnen nicht fliehen und sie dieselben mit ihren scharfen Zähnen ohne alle Mühe erreichen und zerreißen können! Aber wie nun eure Arbeit, so wird euch auch dereinst drüben im Seelenreiche der Lohn werden! – Ich sage euch das, und ihr könnet euch darauf verlassen, daß für euch Meine Verheißung nicht unterm Wege verbleiben wird!“
26. Kapitel – Des Oberpriesters zornige Entgegnung. Des Jesusknaben Weissagung über die Berufung der Heiden zu Gotteskindern anstelle der Juden und über die Zerstörung des Tempels und Jerusalems. Die Wahrheit über den Tod des Zacharias.
[DTT.01_026,01] Bei dieser Meiner Rede ward der Oberpriester zornig und sagte: „Knabe, wer gab dir das Recht, uns und den Tempel zu bedrohen?! Haben denn wir die Satzungen gemacht, nach denen wir nun zu handeln haben?! So weise manche deiner früheren Reden waren, so unweise sind sie nun! Weißt du denn nicht, daß auf einen Hieb kein Baum fällt, und daß es eitel ist, etwas zu ändern, was durchaus nicht zu ändern ist?! Ändere du das Volk, wenn du's kannst! Das Judenvolk ist ein schon gar alter Baum, den man nicht mehr wie eine junge Haselstaude beugen kann!
[DTT.01_026,02] Wir wollen durchaus nicht zweifeln, daß dir eine höhere Berufung von Gott erteilt ist; aber darum mußt du die alten Institutionen, die von Moses herrühren – wenn auch mit manchen nachträglichen Beisätzen, die die Zeitverhältnisse erforderten – nicht mit Füßen treten und uns als die Verwalter derselben nicht mit reißenden Wölfen in Schafspelzen vergleichen! Denn wir haben noch niemand zerrissen; so wir aber Gottes- und Tempellästerer gezüchtigt haben und die Ehebrecher, so taten wir nichts als nur das, was Moses befohlen hat. Kannst du da sagen, daß wir unrecht und wider die Satzungen Gottes gehandelt haben?!
[DTT.01_026,03] So du mit uns redest, da lege deine Worte in eine bessere Waagschale. Denn findest du etwas Schlechtes an uns und am Tempel, so sage uns das mit kindlich-guten Worten, und wir werden sehen, was sich da wird machen lassen! Aber mit Drohungen wirst du mit uns nichts ausrichten!“
[DTT.01_026,04] Sagte Ich: „Mit eurer Art hat noch nie jemand weder mit sanfter noch mit scharfer Rede etwas ausgerichtet. Daher werdet ihr auch bleiben, wie ihr seid, bis ans Ende der Welt! Darum aber wird die Gnade von euch genommen und den Heiden verliehen werden!
[DTT.01_026,05] Sehet über das große Meer nach dem Weltteile Europa! Das ist von puren Heiden bewohnt, höchst selten nur kommt ein Jude dahin. Dorthin wird die Gnade aus den Himmeln verpflanzt werden!
[DTT.01_026,06] In etlichen siebzig Jahren aber wird man Jerusalem und den Tempel suchen und wird die Stelle nicht mehr finden, wo die Stadt und wo der Tempel gestanden, und man wird dann sagen: ,Ha, was liegt wohl an der alten Stelle, wo der Tempel gestanden?! Nehmen wir die nächste beste Stelle und bauen da einen Tempel Salomonis und richten ihn ein, wie er früher eingerichtet war!‘
[DTT.01_026,07] Ja, also werden sie reden und also auch tun! Aber sowie sie am Tempel werden zu arbeiten anfangen, wird aus der Erde ein mächtiges Feuer emporschießen, und die Bauleute und das Material werden gar übel zugerichtet werden.
[DTT.01_026,08] Bald auf mehrere solche mißglückten Versuche werden mächtige Heidenstämme von Morgen und Mittag in dies Land eindringen und es verwüsten, und ihr werdet zerstreut werden auf der ganzen Erde und werdet verfolgt werden von einem Ende der Erde bis zum andern!
[DTT.01_026,09] Also wird es mit euch geschehen, dieweil ihr euch eigenmächtig von den alten Satzungen Gottes entfernt habt und habt dafür eure sehr weltsüchtig-menschlichen hingestellt und habt euch gemästet von dem großen Gewinne, den euch die Handhabung eurer Menschensatzungen abwarf.
[DTT.01_026,10] Leset selbst die Chronik des Tempels und seine geheimen Begebenheiten, und ihr werdet Dinge schon seit den Zeiten der Propheten finden, vor denen sich jedes nur einigermaßen menschlich gerecht denkenden Menschen Haare bis zur Spitze Libanons hinan sträuben müssen!
[DTT.01_026,11] Ist doch ein jeder Priester und Prophet noch gesteinigt worden, der es sich ernstlich vornahm, aus dem Hause Jehovas die abscheulichen Menschensatzungen auszuscheiden und wieder die rein göttlichen einzuführen!
[DTT.01_026,12] Wie lange ist es wohl, daß der Oberpriester Zacharias, als er in reiner Weise im Tempel opferte, von, sage, euren Händen erwürgt worden ist?!
[DTT.01_026,13] Das Volk, das den Zacharias hoch achtete und liebte, verlangte laut Kunde von euch, was mit dem Manne Gottes geschah, als ein neuer Oberpriester an seine Stelle berufen ward.
[DTT.01_026,14] Da beloget ihr das Volk auf eine überdreiste Weise und sagtet mit erheuchelter Ehrfurchtsmiene, Zacharias habe im Allerheiligsten gebetet für das ganze Volk, da sei ihm abermals der Engel des Herrn erschienen, dessen Angesicht mehr denn die Mittagssonne leuchtete.
[DTT.01_026,15] Und der Engel habe zum erstaunten Manne Gottes gesprochen: ,O treuer Diener des Herrn! Dein irdisch Tagwerk hast du vollendet, und du bist gerecht befunden worden vor Gott! Darum sollst du nun verlassen diese Erde und mir folgen, wie du bist, mit Leib und Seele gleich dem Henoch und Elias vor den Thron des allmächtigen Gottes im Himmel, allwo ein großer Lohn deiner harrt!‘
[DTT.01_026,16] Darauf habe Zacharias mit schon ganz himmlisch verklärten Augen gen Himmel geblickt und sei in den Armen des Engels augenblicklich aus dem Tempel und von dieser Erde entschwunden!
[DTT.01_026,17] Ihr aber habt dann noch einen weißen Stein an die erlogene Stelle mit der Inschrift gesetzt: ,Zacharias, des Mannes Gottes, Verklärung!‘ Und damit habt ihr euch vor dem Volke wieder weiß gewaschen und verehret dann mit dem Volke den Mann Gottes mit allerlei Psaltern, während er da kniend betete, gleich Raubmördern überfallen und erwürgt habt!
[DTT.01_026,18] Wie es aber dem Zacharias ergangen ist, so erging es gar vielen Propheten und wahren Hohenpriestern in der Ordnung Aarons! Nachher aber habt ihr ihnen des Volkes willen gleich erhabene Monumente errichtet und ihnen bis zur Stunde alle Verehrung erwiesen!
[DTT.01_026,19] Saget, ob es anders ist! – Ihr schweigt und seid nun stumm vor Angst, da Ich solches nun vor euch aufgedeckt habe! Ihr dünket euch durch eure Stellung freilich sicher vor dem Arme der Weltgerechtigkeit; ja, ja, der kann euch wohl leider nicht zu, weil sich außer Mir kein Zeuge wider euch vorfindet! Aber Ich bedarf für euch auch des Weltgerechtigkeitsarmes nicht – auch werde Ich selbst an euch keine Hand legen und euch züchtigen. Aber so ihr verharret in eurer Verkehrtheit, so wird das an euch geschehen, was Ich euch ehedem angekündigt habe! – Nun habe Ich geredet, redet nun ihr!“
[DTT.01_026,20] Hier machte der Richter eine böse Miene und sagte zu Mir: „So Du es willst, mache ich mit diesen Larven von Gottesdienern einen kurzen Prozeß! Denn mir genügt Dein Zeugnis vollkommen!“
[DTT.01_026,21] Sagte Ich: „Laß das gut sein! Denn sieh, Ich hätte ja Gewalt zur Übergenüge in Meinem Willen und könnte sie vernichten im schnellsten Augenblicke. Aber weder du noch das Volk und ebensowenig Ich würden dabei etwas gewonnen haben! Es genügt nun, daß wir ihre starke Nacht etwas dämmerlich gemacht haben, ein plötzlich eintretender Tag würde sie erst recht blind machen, und mit ihnen das ganze Judenvolk. Das würde aber geschehen, so du sie nun ihrer übervielen gröbsten Sünden wegen zur schärfsten Ahndung zögest. – Diese werden sich in ihre gelegten Netze selbst verstricken und darinnen zugrunde gehen!
[DTT.01_026,22] Es ist aber dem Menschen auf Erden überall ein Maß gestellt, wie fürs Gute also auch fürs Schlechte; im gleichen aber ist auch einem jeden Institute und jedem Volke ein Maß gestellt. Wenn es voll wird des Göttlich-Guten, dann wird das Volk und sein Land anfangen zu triefen vom Segen; wenn aber ein Volk und sein Land voll wird des Schlechten, dann ergeht über dasselbe aber auch unnachsichtlich ein strenges Gericht. Das Volk hat ausgespielt seine schlechte Rolle, und das Land wird in eine Wüste verwandelt, wie es auch in nicht gar ferner Zeit mit diesem Lande der Fall sein wird!
[DTT.01_026,23] Wer es fassen kann und will, der fasse es! Es ist nun die Zeit nahe herangerückt, in der man den argen Menschen von den Dächern herab zurufen wird, wessen Geistes Kinder sie sind, und ihre Taten wird man ihnen von den Stirnen ablesen können! Denn aus der Schule Ich geschöpft habe, was Ich weiß, aus derselben Schule werden dereinst viele Jünger Meiner Liebe schöpfen und dann auch wissen, was Ich weiß, und tun, was Ich tue! Aber noch ist die Zeit nicht völlig da. Wenn sie aber völlig da sein wird, werdet ihr schon vernehmen und euch danach richten können.
[DTT.01_026,24] Ich habe nun geredet! Wer noch etwas zu reden hat, der rede; denn Ich werde nur noch eine ganz kurze Zeit Mich unter euch aufhalten, da die, die Mich verloren zu haben meinen, bald Jerusalem erreichen und Mich hier finden werden!“
27. Kapitel – Joram erkennt den Jesusknaben als Messias an, bittet Ihn um Rat und um die Erklärung von Jesaias 52,14 und 53,3. Des Jesusknaben ausführliche Antwort.
[DTT.01_027,01] Sagte Joram: „Lieber Knabe, uns tut es wahrlich recht sehr leid, wenn wir Dich irgend beleidigt haben, und daß Du uns nun schon so früh zu verlassen gedenkst! Höre mich, Du lieber göttlicher Knabe! Denn ich will nun noch ganz offen ein paar Wörtlein zu Dir reden und bin der Meinung, daß Du sie mir nicht übel deuten wirst, und so ich Dich dann um einen Rat bitten werde, da wirst Du Deinen Mund vor uns und vor mir nicht verschließen?!“
[DTT.01_027,02] Sagte Ich: „So rede denn, obwohl Ich weiß, was du reden wirst und welchen Rat du benötigst; aber sprich du dich dennoch der andern wegen laut aus, denn sie haben es nötiger, das laut zu vernehmen, denn wir beide!“
[DTT.01_027,03] Hierauf trat Joram näher zu Mir hin und sagte: „Daß Du unfehlbar derjenige bist, der uns verheißen ist und auf dessen Ankunft alle Juden und mit ihnen auch die andern Völker harren, darüber sind bei mir alle Zweifel gewichen, und was mir die Augen am meisten geöffnet hat, war Deine höchst genaue Kunde von dem innersten losen Tempelgetriebe schon seit alters her!
[DTT.01_027,04] Denn es ist also und ist schon lange also, und weil es leider also ist, war auch allein der Grund, daß sich das bedeutende Land Samaria von uns gänzlich getrennt hat und wir nun mit Galiläa nicht um vieles besser stehen als mit Samaria. Von Geist ist bei uns nun gar nichts mehr. Nur durch eine notgedrungene Politik erhalten wir noch das bißchen Ansehen des Tempels.
[DTT.01_027,05] Ich war zwar ein genötigter Teilhaber an der schwarzen Disziplin der Mauern Salomos, konnte aber, wenn auch das Übel einsehend, als ein einzelner Mensch nichts gegen sie tun, da bei uns jeder effektive Beschluß vom großen Rate abhängt und da stets die Stimmenmehrheit den leidigen Ausschlag gibt. Ich war mit meiner einzelnen Stimme wohl bei solchen Gelegenheiten, wie Du sie vor uns aufgedeckt hast, nie dafür, sondern allzeit dagegen, aber das hat den Verurteilten keinen Nutzen gebracht.
[DTT.01_027,06] Ich sehe es nur zu klar ein, daß sich der Tempel so nicht mehr sieben Dezennien halten kann, und dennoch ist es für dieses alte, ehrwürdige Institut ewig schade, daß es offenbar zugrunde wird gehen müssen, und das nun um so sicherer, als uns in der nächsten Nähe noch die Essäer und die Sadduzäer stark über den Kopf zu wachsen anfangen.
[DTT.01_027,07] Aber hier fragt es sich nun ganz ernstlich um den Rat, was da zu tun noch möglich sein könnte, um den Tempel den nächstfolgenden Jahrhunderten zu erhalten! In Dir, Du göttlicher Knabe, scheint jene Weisheit in aller Fülle vertreten zu sein, die hier nach meiner Meinung allein einen maßgebenden Rat erteilen könnte?
[DTT.01_027,08] Und nun schließlich, da Du schon der Verheißene sein sollst – woran ich, wie gesagt, für meine Person nicht den geringsten Zweifel mehr habe – noch etwas höchst Sonderbares über den Messias eben aus dem Propheten Jesaias!
[DTT.01_027,09] Hier hast Du das 53. Kapitel – da sieht es mit dem erhabenen Messias, der identisch mit Jehova ein und dasselbe Wesen ist, ganz sonderbar aus! Es wird seiner menschlichen Wesenheit Erwähnung getan, wo es heißt, daß sich viele über Ihn ärgern werden, weil seine Gestalt häßlicher ist denn die anderer Leute und sein Ansehen denn das anderer Menschenkinder. (Jes.52,14)
[DTT.01_027,10] Und da, sieh, wieder weiter heißt es: ,Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war verachtet, daß man das Angesicht vor Ihm verbarg; darum haben wir Ihn nicht geachtet!‘ (Jes.53,3)
[DTT.01_027,11] Wahrlich, wenn ich Deine vollkommen gesunde Gestalt, die dazu noch von großer Anmut ist, betrachte und nun auch sehe, wie Du geachtet bist, so stimmt das mit dem Propheten wohl durchaus nicht zusammen! Oder was hat der Prophet damit sagen wollen?“
[DTT.01_027,12] Sagte Ich: „Ja, das wird das endliche vollwahre Zeichen sein, daß eben Ich der Verheißene bin! Denn an Mir wird das alles vollzogen werden beinahe buchstäblich, was da gesagt ist. Was jedoch Meine Leibesgestalt anbelangt, so hat die Aussage des Propheten darauf keinen Bezug, sondern der Prophet drückt da bildlich entsprechend nur die gänzlich verkehrte Gemütsart und Denkweise der jetzigen Menschen aus, der gegenüber Meine Gemütsart und Denkweise sich ausnehmen wird wie eine häßliche Gestalt, die da verkümmert ist durch allerlei Krankheit und viele Schmerzen.
[DTT.01_027,13] Ich werde darum bei den Angesehenen und Reichen dieser Welt auch sehr verachtet sein, und man wird fliehen vor Mir wie vor einem Aase, und so es von oben zugelassen wird, wird man Mich verfolgen wie einen ärgsten Verbrecher, wie sich solches nun schon bei euch augenfällig gegen Mich zeigte. Denn stünde Ich, als vor euch ein Menschenkind, nicht unter römischem Schutze, und es wäre die Zeit der Zulassung über Mein Außenmenschliches schon da, so wäre Ich lebend nimmer aus euren Händen gekommen.
[DTT.01_027,14] So wie ihr aber nun zum größten Teile seid, also werdet ihr auch fortan bleiben, bis dereinst das große Gericht über euch ergehen wird, von dem der Prophet Daniel geweissagt hat, als er an der heiligen Stätte stand!
[DTT.01_027,15] Aber es könnte das alles auch anders gehen, so ihr eure große Irre erkennetet, Buße tätet und euch bekehrtet gänzlich! Aber es wird das mit euch schwerlich je der Fall werden, und somit ist der von Mir euch zu gebende und hiermit auch schon gegebene Rat ein fruchtloser! Denn ihr hängt zu mächtig an eurem Weltansehen und an euren irdischen Schätzen, und diese werden euch in das Gericht stürzen! Nicht Ich werde je über euch den Stab brechen – obwohl Ich es könnte zufolge Meiner Macht –, sondern ihr selbst und euer Welttum wird das über euch tun!
[DTT.01_027,16] Aber du meinst nun, Ich solle euch nun nur eine rechte Weisung geben – ihr würdet darüber zu Rate sitzen und beraten, wie solches unvermerkt dem Volke beizubringen wäre? Ja, ja, ihr würdet darüber wohl einen Rat halten, und euer Geld und Weltansehen würde dann euch entgegentreten und sagen: ,Wir bleiben, was wir sind, und wollen erst abwarten, ob jenes Gericht je über uns hereinbrechen wird; denn ein so altes und gefestigtes Institut soll sich denn doch nicht von einem galiläischen Knaben ins Bockshorn treiben lassen!‘ – Dann wird Mein Rat mit der Stimmenmehrheit verworfen, und ihr werdet also sein wie jetzt und eigentlich noch um vieles ärger!
[DTT.01_027,17] Tuet hinweg euer vieles Gold und Silber, hinweg eure vielen und überkostbaren Edelsteine und die große Masse Perlen. Teilet vieles unter die Armen, und das viele Mehrere gebet dem Kaiser, der allein das Recht hat, die Schätze der Erde zu sammeln und sie zu gebrauchen zur Zeit der Not. Lebet allein von dem, was euch Moses bestimmt hat, bereuet die vielen Frevel und sühnet die großen Sünden durch Werke der wahren Nächstenliebe. Habet keine Geheimnisse vor dem Volke, sondern seid wahrhaftig, gerecht und getreu in allen euren Reden und Handlungen, und verharret aber immer bei dem, und werdet gegen vom Geiste Gottes erweckte Menschen niemals halsstarrig: so wird das Gericht unterm Wege verbleiben und der Tempel bestehen bis ans Ende der Welt!
[DTT.01_027,18] Denn Gott der Herr will die Menschen zu keinen Maschinen seiner Allmacht, sondern zu ganz freien, selbsttätigen und selbständigen Kindern will Er sie haben! Er bedarf eurer Opfer und eurer Gebete ewig nicht, sondern Er will, daß ihr in euren Herzen Ihn erkennet, Ihn über alles liebet und eure nächsten armen Brüder wie euch selbst. Tuet ihnen alles, was ihr weisermaßen wollen könnet, daß sie solches auch euch täten, so werdet ihr bei Gott alle Gnade wiederfinden und werdet Ihm angenehm sein, wie einer Mutter ihre liebsten Kinder, und Er wird euch schirmen, wie eine Löwin ihre Jungen, und sorgen für euch, wie eine Henne für ihre Küchlein!
[DTT.01_027,19] Könnet ihr das tun? – O ja, ihr könntet es wohl tun, so ihr dazu den rechten Willen hättet, aber an dem fehlt es euch und hat euch immer daran gefehlt, und somit habe Ich nun wie alle die vor Mir dagewesenen Propheten und Seher zu tauben Ohren und Herzen geredet!“
28. Kapitel – Des Jesusknaben Erweis, daß der Tempel und das ganze Land nicht mehr zu reinigen und zu retten sind. Die neue Bundeslade und das ,Verfluchte Wasser‘.
[DTT.01_028,01] Sagte Joram: „Das möchte ich denn doch noch nicht als eine ausgemachte Sache ansehen! Denn es kommt Zeit, und es kommt Rat, und so Salomo recht hat mit dem, daß er behauptet, daß in der Welt alles eitel ist, so könnte es ja doch einmal sein, daß Deine nunmalige Prophezeiung auch in das Fach des Eitlen übergehen könnte und wir dennoch Deinen wahrhaft höchst zu beherzigenden Rat ins Werk setzten! Denn siehe, wir mehrere sind einmal sehr einverstanden mit Dir! Freilich sind wir wohl der allerwenigste Teil der Tempelbewohnerschaft, aber so ziemlich die Allerhöchsten dürften wir da sein und somit auch ohne weiteres maßgebend! – Was meinst Du da?“
[DTT.01_028,02] Sagte Ich: „Also aber war es in diesem Hause schon öfter und manchmal sogar um vieles besser, und dennoch drang der bessere Teil niemals durch, sondern allzeit der große Haufe, der stets den größten Lärm zu schlagen verstand! Aber Ich sage es dir und jedem, der da denkt wie du und aber auch bei sich danach tut – denn auch bei den übervielen Bösen wird der einzelne Gerechte vor dem Angesichte Gottes nicht unbeachtet bleiben –:
[DTT.01_028,03] Ihr im allgemeinen habt euch wohl eine neue Bundeslade anfertigen lassen und habt euch angeschafft ein neues Gefäß zur Aufbewahrung des von keinem Propheten angeratenen ,Verfluchten Wassers‘, welches da ist eine schlechteste Erfindung und Einführung der neueren Zeit! Wahrlich, das war unnötig, sowohl die Lade wie das Gefäß! Warum habt ihr dafür nicht lieber eure Herzen durch eine rechte Buße in Gott erneuert und euern alten Weltsinn umgewandelt in den der wahren Liebe und Barmherzigkeit?!
[DTT.01_028,04] Wahrlich, Ich sage euch: Die alte Bundeslade, voll des Geistes aus Gott, steht in Mir nun vor euch und sagt euch ganz offen ins Gesicht, daß in eurer neuen Bundeslade sich kein Sonnenstäubchen groß irgendeines Geistes Gottes befindet, wohl aber eine Überfülle des alten, bösesten Märengeistes, der in euren Herzen ausgeboren wird; und das Verfluchte Wasser sind die schlechten Tränen um so manche Weltlichtsverluste, von denen ihr euch die größten Gewinne erhofftet, und diejenigen, die euch verrieten gegen die Römer, so ihr sie in eure Klauen habet bekommen können, sind zumeist am Verfluchten Wasser elendigst gestorben!
[DTT.01_028,05] Aber von nun an wird euch das selbst tausendmal verfluchte Wasser nichts mehr nützen! Es war zwar wohl dereinst ausgemacht worden, daß jene, die einen Tempelverrat in den göttlichen Dingen gegen die Feinde Jehovas machten – als da waren die Philister und derart sehr böse und finstere Heiden vor alters –, das böse Wasser aus dem Toten Meere sollten zu trinken bekommen, und täte ihnen das Wasser kein Leids, sie als unschuldig zu betrachten wären, wogegen, so ihnen die Bäuche aufgetrieben würden, sie als Schuldige ihrem argen Schicksale überlassen werden sollten und zugrunde gehen an den Folgen und Wirkungen des toten Wassers. Aber seit wie lange ist diese Satzung in eine ganz andere übergegangen!
[DTT.01_028,06] Wie viele Tausende sind schon an den Folgen eures neueren Giftwassers zugrunde gegangen, ohne daß sie den allergeringsten Verrat des rein Göttlichen aus dem Tempel an irgendeinen bösen Heiden gemacht haben! Warum nahmt denn ihr selber nicht das tote Wasser, da eben ihr selbst den Heiden geheim – aber freilich um viel Gold – das Allerheiligste zur Besichtigung gar oftmals aufgeschlossen habt?!
[DTT.01_028,07] Siehe, das und noch viele andere Dinge gehen hier im Tempel vor, ja dieses sein sollende Gotteshaus auf Erden ist zu einer wahren Raubmörderhöhle geworden. Da gibt es keinen Greuel, der in diesem Tempel nicht wäre zu öfteren Malen verübt worden! Meinet ihr wohl, daß solch eine Stätte noch immer gut genug wäre, Gott dem Herrn eine Wohnstätte abzugeben?! Wahrlich, mit dem Schwerte, an dem das Blut deines Bruders haftet, sollst du nimmer ins Feld ziehen, denn daran hängt schon ein alter Fluch, und du wirst damit nimmer einen Sieg erfechten!
[DTT.01_028,08] Ja, eure Herzen könnet ihr noch reinigen, so ihr ernstlich wolltet, aber dies Gemäuer nimmer! Habt ihr doch selbst ein Gesetz, demzufolge ein ganzes Land, ein Haus, ein Acker, ein Haustier und ein Mensch durch eine gröbste Sünde wider den Geist Gottes für immerdar verunreinigt werden können – warum dieser Tempel nicht, in dem zu verschiedenen Malen die größten und himmelschreiendsten Greuel verübt worden sind?!
[DTT.01_028,09] Ich aber sage es euch: Nicht nur dieser Tempel, sondern das ganze Land ist schon seit lange her unwiederrett- und -reinigbar über alle Maßen verunreinigt und wird darum in jüngster Folge von den Heiden zertreten und zu einer Wohnstätte der Räuber und reißenden Tiere werden.
[DTT.01_028,10] Damit habe Ich euch nun Meine Meinung ganz unverhohlen preisgegeben, und ihr könnt nun damit machen, was ihr wollt!? Denn Ich werde euch bald verlassen, und was Ich geredet habe, habe Ich nur vor euch geredet und vor sonst niemandem, obwohl Ich allezeit wußte, wie es um euch steht, und werde auch zu niemandem weiterreden, da solches fruchtlos wäre! Aber ihr könntet, so ihr wolltet, die Sache noch ändern, doch dieses Gemäuer würde zu nichts mehr taugen! – Verstehet ihr das?“
29. Kapitel – Die hänselnde Frage des Oberpriesters. Des Jesusknaben abweisende Antwort. Barnabes Bitte um Erklärung von Jesaia 54,4-9, und ihre Erfüllung durch den Herrn.
[DTT.01_029,01] Sagte nun einmal wieder der Oberpriester darauf: „Sage mir denn nun, du Halbgott und Halbmensch von einem Knaben aus Galiläa, wohin wirst du ziehen, daß wir dich hinfür lange nicht mehr zu sehen bekommen sollen? – Ich aber meine, indem du ein Nazaräer bist, und zwar ein Sohn des mir wohlbekannten Zimmermanns Joseph und dessen Weibes Maria, und ich oder jemand von uns jährlich sicher ein, zwei, auch drei Male jene galiläischen Orte besuchen werden, so sollte es etwa ja nicht so besonders schwer werden, dich dort als sicher eine sehr bekannte Persönlichkeit zu Gesichte zu bekommen und sich mit dir weiter über eine Reorganisation des Tempels zu besprechen?! – Was meinst du, junger Prophet aus Galiläa, in dieser Hinsicht?“
[DTT.01_029,02] Sagte Ich: „So dein Herz bei deinen Mich nur hänseln wollenden Worten auch dabeigewesen wäre, so hätte Ich dir allerdings noch eine Antwort gegeben; aber so bist du keiner andern wert als der allein, die du nun erhalten hast!
[DTT.01_029,03] Du kannst ein- oder tausendmal nach Nazareth kommen, so wirst du Mich doch nie wieder zu sehen und noch weniger zu reden bekommen. Denn wann du kommen wirst, werde Ich schon lange voraus wissen, wo aber dann Ich hinziehen werde unterdessen, das wirst du nicht wissen und keiner deiner Templer!
[DTT.01_029,04] Ich sage es dir, daß es ein sehr schweres ist, den zu suchen und zu finden, der allwissend ist! Ja, wenn die Zeit der Zulassung kommen wird von dem Geiste, der in Mir ist, dann werdet ihr Mich wiederfinden! – Oder: ihr alle befolget Meinen Rat, dann werde Ich auf Mich nicht lange warten lassen und selbst kommen zu euch; aber sonst nur dann, wie Ich schon bemerkt habe!“
[DTT.01_029,05] Auf diese Meine Äußerung sagte der Oberpriester nichts mehr, denn es ärgerte ihn heimlich sehr, daß Ich ihm als Stellvertreter des Hohenpriesters keine Achtung zollte. Aber die andern sahen das gerade nicht ungerne, weil er für sie ein starker Haustyrann war.
[DTT.01_029,06] Hierauf trat wieder einmal Barnabe zu Mir und sagte: „Sage mir, du weisester Knabe! Wie verstehst du denn folgende Texte des 54. Kapitels des Propheten Jesaias? Sie besagen den Trost auf Zion und lauten:
[DTT.01_029,07] ,Fürchte dich nicht, denn du sollst nicht zuschanden werden; werde nicht blöde, denn du sollst nicht zum Spotte werden, sondern du wirst der Schande deiner Jungfrauschaft vergessen und der Schmach deiner Witwenschaft nicht mehr gedenken!
[DTT.01_029,08] Denn der, der dich gemacht hat, ist dein Mann, Herr Zebaoth ist sein Name; und dein Erlöser, der Heilige in Israel, der aller Welt Gott genannt wird.
[DTT.01_029,09] Denn der Herr hat dich lassen im Geschrei sein, daß du seist wie ein verlassenes und von Herzen betrübtes Weib und wie ein junges Weib, das verstoßen ist, spricht dein Gott.
[DTT.01_029,10] Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen; aber mit großer Barmherzigkeit will Ich dich sammeln.
[DTT.01_029,11] Ich habe Mein Angesicht im Augenblicke des Zornes ein wenig vor dir verborgen; aber mit ewiger Gnade will Ich Mich deiner erbarmen, spricht der Herr dein Erlöser.
[DTT.01_029,12] Denn solches soll mir sein wie das Wasser Noahs, da Ich schwur, daß die Wasser Noahs nicht mehr sollten über den Erdboden gehen. Also habe Ich denn auch geschworen, daß Ich nicht über dich zürnen, noch dich schelten will.‘
[DTT.01_029,13] Siehe, diese sehr gewichtigen Verse Jesaias scheinen mir trotz deiner Drohungen für Jerusalem und für den Tempel wieder sehr günstig und trostvoll zu lauten! Kannst du diese Texte auch auf dich beziehen, dann wollen wir dir ganz glauben, daß du vollernstlich der verheißene Messias bist, und der ganze Tempel wird niedergerissen und auf dem reinen Berge Libanon ein neuer erbaut werden für alle Zeiten der Zeiten!“
[DTT.01_029,14] Sagte Ich: „Was bis jetzt von Mir geschrieben stand, das war auch möglich, es euch begreiflich zu machen; was aber Mich betrifft und Mein Wirken von nun an weiter hinaus, das wird euch schwerst und schon eigentlich gar nicht begreiflich zu machen sein!
[DTT.01_029,15] Denn diejenige ,Jungfrau‘, die sich nicht fürchten soll, zuschanden zu werden, und nicht blöde sein soll, um nicht zum Spotte zu werden, sondern die der Schande der Jungfrauschaft nicht mehr gedenken soll und vergessen der Schmach der Witwenschaft, ist ja nicht etwa Jerusalem und sein Tempel, denn wahrlich, da paßten die bildlich entsprechenden Bezeichnungen ,Jungfrau‘ sowenig wie die ,Witwe‘ schon ewig nimmer!
[DTT.01_029,16] Die ,Jungfrau‘, von der da die Rede ist, die wird von Mir erst gemacht werden: es wird dies sein Meine neue Lehre an die Menschen aus den Himmeln, und sie wird darum eine ,Jungfrau‘ genannt, weil zuvor noch nicht eine selbstsüchtige und hurerisch freche Priesterschaft sie mißbraucht hatte zu ihren schnöden weltlichen Zwecken.
[DTT.01_029,17] Diese Meine künftige Lehre wird aber auch auf eine kurze Zeit Witwe genannt, weil Ich ihr da genommen werde durch euren Zorn und durch eure Rache, aber nur durch Zulassung dessen, der in Mir ist und nirgends außer Mir. Dieser Jungfrau und Witwe Mann aber werde eben auch Ich sein, weil sie von Mir gemacht wird! Wer aber eben der Mann ist, der die Jungfrau und die Witwe gemacht hat, das leset nur im Propheten, wie auch die ihr gemachten Verheißungen; denn Ich bin der Mann, und die Verheißungen gehen nur die geheimnisvolle Jungfrau an.
[DTT.01_029,18] Es werden viel später auch Zeiten, wie sie Daniel beschrieben hat, kommen, in denen auch mit dieser reinsten Lehre großer Mißbrauch getrieben wird, aber mit der Jungfrau selbst nimmer, sondern mit den Kindern und Kindestöchtern der reinen Jungfrau und kurzsichtigen Witwe. Natürlich, diese werden keine Teilhaber Meiner Verheißungen werden, allein wohl aber die gewisse ,Jungfrau‘, entsprossen aus Meinem Munde, und ihre vielen reinen Kinder!
[DTT.01_029,19] Siehe, also wird die Sache ausfallen und sich verhalten und ewig nimmer anders werden! Denn mit euch und eurem Tempel werde Ich hinfort ewig in keiner Gemeinschaft mehr stehen. Ich kam wohl zu euch, um euch zu erretten; ihr aber habt Mich nicht erkannt und aufgenommen. Fernerhin werdet ihr zu Mir kommen, wenn euch der böse Schuh zu drücken anfangen wird, doch dann werde Ich euch nimmer erkennen und nimmer aufnehmen! – Habt ihr Mich wohl verstanden?“
[DTT.01_029,20] Sagte Barnabe: „Wahrlich, um dich mit leichtem Gemüte zu ertragen, dazu gehört sehr viel Geduld, denn du wirst stets dichter und eigentlich gröber! Aber sei ihm nun, wie ihm wolle: wir werden diese Sache denn doch noch ein wenig abwarten! Die Sache mit dir kommt mir immer so vor wie mit einem Blitze, der bei seinem Entstehen plötzlich ein mörderisch starkes Licht erzeugt und durch seinen ihn begleitenden Donner die Erde sogar beben macht; aber es ist dann gleich aus mit ihm, und nach ihm wird es finsterer als es früher war!
[DTT.01_029,21] Weißt du, – du bist in deiner Art offenbar ein Phänomen, das seinesgleichen sucht, und du hast uns bei all deinem Trotze dennoch recht viel Vergnügen gemacht! Deine Talente, Junge, wären zu brauchen, aber du solltest da in eine ganz andere und freiere Erziehung kommen und mit deinen wahrlich großartigen und nie dagewesenen Eigenschaften ein bißchen mehr Humanität vereinen, so wärest du für späterhin ein Mensch in der Welt, wie es noch kaum je einen zweiten gegeben hat! Aber mit deiner stets gleichen Schroffheit wirst du unter den Menschen auf der Welt dir sehr wenig Freunde machen! Wenn du in deiner sonderbaren Naturmacht noch zunimmst und du zwar keinen Feind zu fürchten hast, so wirst du wohl von jedermann gefürchtet, aber nie geliebt und geachtet werden. Mir aber ist es lieber, von allen Menschen geliebt als gefürchtet zu werden! – Welcher Meinung bis du selbst oder jemand anderer?“
[DTT.01_029,22] Sagte Ich: „O ja, du hättest ganz recht, so alle Menschen rein und gut wären! Aber da es ganz verschiedenartige Menschen auf der Erde gibt, von denen einige gut und viele andere schlecht, meineidig und böse sind, da wäre es wahrlich eine sehr schwere Aufgabe für einen Gerechten und Wahrhaftigen, sich also zu stellen, um von allen gleich geliebt zu werden! Man müßte mit dem Bösen böse und mit dem Guten gut sein, und siehe, das ist ebensowenig möglich, als eine Art Licht zu sein, das zugleich die größte Helle und auf demselben Flecke aber auch die allerdickste Finsternis verbreitet!
[DTT.01_029,23] Ich sagte es dir: Die wahren Freunde der ewig unwandelbaren Wahrheit aus Gott, die werden Mich schon lieben, und das über alle Maßen; aber Menschen, die die göttlichen Gesetze und Wahrheiten mit Füßen treten und leben, als gäbe es gar keinen Gott mehr, die sollen Mich immerhin fürchten! Denn derlei Menschen und weltsüchtige Gottesleugner sollen Mich dann kennenlernen, daß Ich durchaus keinen Scherz verstehe und jedem vergelte nach seinen Werken; denn Ich allein habe die ewig allervollkommenste Macht dazu.“
[DTT.01_029,24] Sagte Barnabe lächelnd: „Aber Knabe, was sprichst du von ,ewig‘ und zählst noch kaum zwölf Jahre!? Wohin versteigt sich dein Messiaseifer?! Bleibe schön bei der Natürlichkeit, und wir werden dich recht gern anhören!“
[DTT.01_029,25] Sagte Ich: „Gehe, du wirst Mir nun schon widrig! Meine Ich denn etwa damit diesen Leib, der freilich erst zwölf Jahre auf dieser Erde besteht?! Habe Ich denn euch allen nicht schon gestern von der Ewigkeit desjenigen Geistes eine hinreichende Erklärung gegeben, der in Mir ist und wirkt?! Was wirfst du Mir da Meinen sich versteigenden Messiaseifer vor?! Verstehe etwas zuvor, dann erst siehe, ob du mit Mir Reden führen magst, und das offenbar über Dinge, die dir noch ferner und unbekannter sind als der entfernteste Pol der Erde!“
30. Kapitel – Des Nikodemus Frage nach den Polen der Erde. Des Jesusknaben Antwort. Der Freundschaftsbund zwischen Nikodemus und dem Jesusknaben.
[DTT.01_030,01] Hier erhob sich ein anderer Ältester und sagte: „Nun, was weißt du denn von einem entferntesten Pole der Erde?! Geh und sage mir etwas davon, denn ich habe davon schon einmal von einem vielgereisten Griechen etwas reden hören.“
[DTT.01_030,02] Sagte Ich: „Ich weiß nicht nur um die Pole der Erde, sondern sehr genau um alle die ewig weiten Pole aller Himmel Gottes! Aber um dir davon einen Begriff zu verschaffen, müßte Ich dir mindestens auf tausend Jahre einen Lehrer abgeben! Also das geht nicht; aber da sage Ich dir ganz etwas anderes:
[DTT.01_030,03] Jene, die in Meiner Lehre einst sein werden, denen werde Ich geben Meinen Geist, der sie zu den wahrsten Kindern Gottes machen wird und wird sie leiten in alle Wahrheit und Weisheit, und es soll wahrlich die Unendlichkeit naturmäßig und geistig nichts in sich bergen, das ihnen fremd bleiben soll!
[DTT.01_030,04] Wirst du etwa ein Jünger Meiner Lehre werden, so sollst auch du von den Gaben des Geistes Gottes etwas zum Verkosten bekommen und die Pole der Erde besser kennenlernen, als du sie bis jetzt kennengelernt hast!“
[DTT.01_030,05] Der Fragesteller machte bei dieser Meiner Antwort große Augen und schrieb sich das fein hinter die Ohren, denn er war noch nicht alt, aber einer der Weisesten unter den Ältesten. Denn den Titel Ältester bekam oft ein ganz junger Mensch, wenn er das hierzu erforderliche Vermögen, d.h. Gold und auch Verstand zur Genüge besaß! Und an dem hatte es bei Meinem Fragesteller keinen Mangel. – Sein Name war Nikodemus, der später bei Meinem Lehrantritt geheim auch im Ernste Mein Jünger wurde, wie solches nun schon bekannt ist.
[DTT.01_030,06] Dieser Älteste hatte sich alle Meine Reden geheim am tiefsten in sein Herz geschrieben und hatte sehr darauf geachtet. Er erhob sich von seinem Sitze, kam zu Mir und drückte Mir freundlichst Meine Hände und sagte zu Mir ganz heimlich: „Lieber, holdester Wunderknabe! Wenn du etwa wieder einmal nach Jerusalem kommen solltest, da besuche mich ganz allein, wir zwei werden miteinander leicht gleich werden! Und brauchen deine Eltern irgend etwas, so sollen sie sich nur an Mich allein wenden! Ich heiße Nikodemus.“
[DTT.01_030,07] Und Ich drückte ihm auch ebenso freundlich die Hand und sagte: „Wenn du etwa einmal nach Nazareth kommst, so wirst du aus eurem ganzen Kollegium der einzige sein, der Mich finden wird. Und so dir etwas fehlt, da komme du zu uns, und Ich werde dir helfen in allem, was dir je not tun kann! Im übrigen aber nehme Ich deinen guten Willen schon fürs Werk an.
[DTT.01_030,08] Da du aber zugleich ein bleibender Vorsteher aller Bürger Jerusalems bist, so habe auch darauf acht, daß von seiten des höchst herrschsüchtigen Hohenpriesters, der Mir nicht die Ehre geben wollte, nicht zu arge Bedrückungen in und außer dem Tempel verübt werden und Ich nicht genötigt werde, das Gericht vor der Zeit über diese Stadt hereinbrechen zu lassen.
[DTT.01_030,09] Gedenke Meiner! Mein Name heißt Jesus Emanuel, und Mein Geist heißt Jehova Zebaoth! Nun weißt du, woran du bist! Vertraue und baue auf Mich, und du wirst den Tod nicht sehen!“
[DTT.01_030,10] Als Nikodemus von Mir diese Worte vernahm, da frohlockte er heimlich in seiner Seele, aber seine Kollegen ließ er nichts davon merken.