Peter Eppich

 
Jakob Lorber
   Im Breyel 21  
   79292 Pfaffenweiler  
 

Einführung

  Jakob Lorber
  Die Neuoffenbarung
  10 Hauptpunkte
  Stimmen aus
 
  kirchlichen Kreisen
  Die Bücher
  Der Verlag
  

Leseproben

  Haushaltung Gottes
  Der Saturn 
  Der Großglockner
  Die natürliche Sonne
  Die geistige Sonne
  Schrifttexterklärungen
  Die Jugend Jesu
  Der Briefwechsel
  Bischof Martin
  Robert Blum 
  Die 3 Tage im Tempel
  Das große Evan
 
   gelium Johannes
  

Sonstiges

  Gästebuch
  Forum 400+ Beiträge
  Impressum
   

Links

  Lorberverlag
  Urbibel
  Christliche Mystiker
  Bergbilder

 rückwärts

Die drei Tage im Tempel, 4. - 7. Kapitel

 vorwärts  

4. Kapitel – Des Jesusknaben nochmaliges Verlangen, seine Vorfrage über Jes.9,5-6 beantwortet zu wissen.

[DTT.01_004,01] Sagte Ich: „O ja, das, was du nun ganz gut dargestellt hast, habe Ich schon lange gewußt, und du hättest dir füglichermaßen die ernste Mühe ersparen können, Mir solches kundzutun. Ich bleibe nun einmal dabei stehen und lasse die Jungfrau Maria nicht aus den Augen!
[DTT.01_004,02] Warum sagte denn der Prophet (Jes.9,5-6): ,Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, dessen Herrschaft auf seinen Schultern ist, und Er heißt: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhle Davids und in seinem Königreiche, daß Er es zurichte und stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit! – Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.‘
[DTT.01_004,03] Was ist das für ein Kind, und was ist das für ein Sohn, der uns gegeben ist? Sollte das nicht etwa doch jener zu Bethlehem in einem Stalle geborene Knabe sein? Denn es heißt auch: ,Zu Bethlehem in einem Stalle wird den Juden ein König geboren werden; der wird ein neues Reich gründen, dessen ewig kein Ende sein wird!‘ – Wie verstehst du Kabbalist dies alles?“
[DTT.01_004,04] Wirrsam sahen alle einander an und sagten: „Aber von wo hat denn der Knabe sich die Schrift so zu eigen gemacht? Es bestehen im ganzen nur höchst wenige Abschriften und vollkommene nur kaum zehn, und von diesen wissen wir, wo sie sind, und es kommt kein Laie in ihre Nähe. Die Samariter besitzen zwar wohl noch eine elfte, die aber falsch ist und eine Menge Zusätze enthält, die reine morgenländische Dichtung sind.“
[DTT.01_004,05] Hierauf fragte Mich ein Scharfbissiger: „Nun sage du dieses mir, was ich dich fragen werde: Von woher und seit wann hast du dir die so vollendete Kenntnis der Schrift und namentlich der Propheten zu eigen gemacht?“
[DTT.01_004,06] Sagte Ich: „Darüber Mich zu befragen, hast du ebensowenig ein Recht, als Ich dich zu fragen, woher es komme, daß du als Priester dir die Schrift noch gar nicht zu eigen gemacht hast – weder im Worte und noch um vieles weniger in der Tat! Gib mir Antwort auf das, was Ich frage, und wofür dir gezahlt worden ist! Um alles andere hast du dich wenig oder gar nicht zu kümmern, denn dich hat es nichts gekostet, weder eine Mühe noch eine Zeit, noch eine allergeringste Sorge oder irgend ein anderes Opfer.
[DTT.01_004,07] Übrigens gereicht es euerm Lehramte durchaus zu keiner besonderen Ehre hier in Jerusalem, wenn euch die sichtliche Bildung eines Knaben aus Galiläa eine so große Bewunderung abnötigt, denn dadurch zeigt ihr ja an, daß eure Knaben hier in der Bildung kaum ein wenig über dem Tierreich stehen!“
[DTT.01_004,08] Auf diese Meine ein wenig stark aufgetragene Bemerkung fängt der römische Kommissar laut zu lachen an, auch Simon kann sich des Lachens nicht völlig erwehren. Der scharfbissige Bemerker aber tritt ab und läßt sich im Hintergrund ganz verdrießlich nieder auf eine Bank.
[DTT.01_004,09] Darauf sagte ein Oberster der Synagoge von Bethlehem, der da auch im Tempel bei der Knabenprüfung zugegen war: „Ich sehe schon, daß ich da werde Rat zu schaffen anfangen müssen, sonst werden wir mit diesem Knaben nicht fertig! Er hat nun ein erkauftes Recht, uns eine Woche lang zu fragen; wir müssen ihm zur Rede stehen, ob wir wollen oder nicht! Macht er uns schon mit seiner Vorfrage soviel zu schaffen, so dürfen wir uns erst auf seine Nach- und Hauptfragen gefaßt machen!
[DTT.01_004,10] Verstand hat er genug und natürlichen Witz auch in Menge, und wir werden mit ihm nicht aufkommen, so wir nicht das wollen, was er will. Er will einmal einen wahren Sachverhalt über die eben vor zwölf Jahren erfolgte Geburt eines Knäbleins in einem Schafstalle bei Bethlehem haben, und diese kann ich ihm verschaffen, weil ich damals schon, so wie noch heutzutage, der Oberste der dortigen Synagoge war!“

5. Kapitel – Die Rede des Obersten der Synagoge von Bethlehem und des Jesusknaben Antwort. Der mißlungene Störungsversuch des alten stolzen Pharisäers.

[DTT.01_005,01] Hierauf wandte sich der Oberste an Mich und sagte: „Nicht wahr, du willst alle die Daten und Erscheinungen jener denkwürdigen Geburt zu Bethlehem von uns genauest erfahren?“
[DTT.01_005,02] Sagte Ich: „Oh, damit kannst du dir auch gar fein die Mühe und Arbeit ersparen, denn alles ist Mir so getreu und wahr bekannt wie keinem von euch! Ich will von euch nach alledem, was sich damals in Bethlehem zugetragen hat, nur erfahren, ob und in welchem Zusammenhang ihr das mit den Aussagen aller Propheten findet, und namentlich mit den Aussagen des Jesaias. Um das handelt es sich und um sonst gar nichts, Meine Ältesten!“
[DTT.01_005,03] Spricht der Oberste aus Bethlehem: „Ja, du mein lieber, holder Junge, siehe, du verlangst da Dinge von uns, die wir dir sehr schwer oder auch gar nicht zu geben imstande sind!
[DTT.01_005,04] Es ist schon wahr, daß zwischen den Aussagen des Propheten Jesaias und jener vor zwölf Jahren zu Bethlehem erfolgten Geburt in einem Stalle – eines auch von einem Propheten bezeichneten Ortes – eine Art Zusammenhang unfehlbar zu suchen und eben auch nicht unleicht zu finden ist; aber, mein Lieber, wieviel Ähnliches mag schon seit den Zeiten des Propheten Jesaias dagewesen sein, und noch ist von einem Emanuel leibhaftig keine Spur!
[DTT.01_005,05] Judäa war sozusagen schon mehrmals königlos, und so manche Jungfrau gebar bei Bethlehem in irgendeinem Stall ein Knäblein, und manchmal sogar unter – obschon nur zufällig – großer Zeremonie, die aber nur als ein Naturereignis für sich allein dastand.
[DTT.01_005,06] Schwache und abergläubische Menschen unter Zutritt gewinnsüchtiger Magier aus Indien und Persien, und Sterndeuter, an denen es bei uns noch nie einen Mangel gab, haben so etwas zu benützen gewußt. Mit den Sagen der Propheten vertraut, benutzten sie stets solche besonderen Gelegenheiten und verkündeten den blinden Juden mit ernsten Prophetenmienen, wie nun ihr erhoffter Messias unfehlbar zur Welt geboren worden sei.
[DTT.01_005,07] Aber die Zeit, die unerbittliche Zerstörerin aller menschlichen Werke und Sagen und Dichtungen, hat die Nachkommen stets wieder eines andern und Bessern belehrt. Alles versank in die bodenlose Tiefe der stets größeren Vergessenheit, und auf uns kam nichts Weiteres als eine eitle Sage in einer möglichst großen Verwirrtheit! Die Aussagen der Propheten sind mystische Bilder, an denen die Menschen noch Hunderte von Jahren nagen werden; aber schwerlich wird ein Volk zu einer Lösung auf dieser Erde gelangen.
[DTT.01_005,08] Und siehe, du mein holder Knabe, ebenso steht es mit der vor zwölf Jahren erfolgten wunderbaren Geburt zu Bethlehem als dem mir nur zu wohlbekannten Orte, der eben darum, weil ihn die Propheten so ausgeschrien haben, stets von allerlei Magiern, Sehern und Sterndeutern umschwärmt wird, ob sich dort nicht etwa irgend etwas ereignen würde, das sie zu ihrem Nutzen ausbeuten könnten. Die Geburt vor zwölf Jahren war ein Hauptwasser auf ihre trocknen Felder.
[DTT.01_005,09] Die drei Magier aus Persien haben um ihre der Jungfrau dargebrachten Geschenke mir wohlbewußtermaßen eine Menge Schafe, Kälber, Kühe und Ochsen zum Gegengeschenk von den Hirten bekommen und haben ihre Reise sicher nicht umsonst gemacht. Doch nun sind erst zwölf Jahre seither verflossen, und schon gedenkt kein Mensch mehr jener Geschichte!
[DTT.01_005,10] Daß du uns aus dem Schwärmerland Galiläa diese Geschichte wieder vorbrachtest, wundert mich nicht im geringsten, denn Galiläa war ja stets das Land der Schwärmerei, aus welchem Grunde es auch schon von den Alten als ein Land bezeichnet wurde, aus dem nimmer ein wahrer Prophet kommen kann.
[DTT.01_005,11] Damit, mein holder Junge, glaube ich auch deine sogenannte Vorfrage ganz beantwortet zu haben! Es kann wohl sein, daß einstens einmal Jehova den jetzt sehr bedrängten Juden einen Helden erweckt, der sie wieder zu einem freien Volke erheben wird; aber dazu ist eben jetzt nach der ganz natürlichen Lage der Dinge nicht die geringste Aussicht vorhanden.
[DTT.01_005,12] Wie müßte ein Held etwa aussehen, und von woher müßte er gekommen sein, der es mit der ungeheueren Macht der Römer aufnehmen könnte?! Das kann vielleicht in tausend Jahren einmal geschehen, wenn zufällig allen andern Weltgroßmächten gleich auch Rom locker und schwach wird, aber jetzt ist dazu wohl noch lange keine Aussicht vorhanden, und deine berührte Vorfrage geht da offenbar ins Blaue der Luft über, was soviel sagen will als: sie handelt vom Nichts und geht auch ins vollkommene Nichts über. – Bist du nun endlich im klaren mit der Vorfrage?“
[DTT.01_005,13] Sagte Ich: „Ja, ja, so du alles nach dem diesweltlichen Maße nimmst, da magst du recht haben. Aber hier ist nur ein geistiges Maß anzunehmen, von dem du aber keinen Begriff zu haben scheinst, und so hast du Mir mit deiner ganzen, erfahrungsreich sein sollenden Rede am Ende in bezug auf Meine Vorfrage dennoch soviel wie gar nichts gesagt!
[DTT.01_005,14] Denn so der Messias kommen wird, wird er kein materielles, sondern nur ein geistiges Reich auf Erden gründen, und dieses Reiches wird kein Ende sein in Ewigkeit, wie solches auch der Prophet Jesaias von dem kommenden Messias geweissagt hat.
[DTT.01_005,15] Was ist aber ein geistiges Reich auf Erden? – Das ist kein Reich mit einem äußerlichen Schaugepränge, sondern das muß inwendig im Menschen sich offenbaren, und ein Mensch, der in dieses wahre Gottesreich auf Erden unter den Menschen gelangen wird, der wird sein ein wahrhaft lebendiger und wird den Tod nicht sehen noch fühlen und schmecken in Ewigkeit, wie solches David, Daniel und Jesaias geweissagt haben.
[DTT.01_005,16] Wenn es sich mit dem verheißenen Messias nun also und niemals anders verhalten kann, wie und aus welchem Grunde sollte denn jene überaus wunderbare Geburt zu Bethlehem ganz so bedeutungslos dastehen?!
[DTT.01_005,17] Gott hat jenes Kind wunderbar vor der mörderischen Hand des Herodes beschützt, und es lebt heutzutage, freilich höchst zurückgezogen, und steht, wo es sein muß, in einer allen Elementen gebietenden Kraft da, wie solche nur einem Gott möglich sein kann. Niemand kann sich vor Ihm verbergen; verbirgt es sich aber vor den anderen Menschen, so ist es aber dann niemandem möglich, es eher zu finden, als es sich ganz freiwillig finden läßt.
[DTT.01_005,18] Es hat nie Lesen und Schreiben gelernt, und dennoch gibt es keine Schrift in der Welt, die es nicht lesen könnte, und schreibt in allen Zungen und ist bewandert in allen Künsten, die nur irgend in der Welt vorhanden sein können, und hat eine Kraft, vor der die Berge zittern und die mächtigsten Zedern ihre Häupter bis zur Erde herab beugen, und selbst Sonne, Mond und Sterne scheinen zu gehorchen seinem Willen! – Was Ich hier sage, ist keine Übertreibung, sondern eine ganz buchstäbliche Wahrheit!
[DTT.01_005,19] Wenn aber genau also und nicht anders, da meine Ich denn doch, daß es von eurer Seite der Mühe wert wäre, euch näher danach zu erkundigen und darüber nachzusehen in den Propheten, ob die Weissagung des Jesaias nicht übereinstimme mit den bewußten Eltern des Kindes, mit dem Kinde selbst, mit seiner Geburt, mit dem Geburtsorte, mit der Zeit, mit seinem jetzigen Aufenthalte und mit so manchen Zeichen, die es schon bis jetzt von sich gegeben hat!
[DTT.01_005,20] Diese an sich gewiß nicht unwichtige Sache sollte von euch Priestern, Weisen, Schriftgelehrten und Ältesten des Volkes doch nicht ganz so unbeachtet bleiben, da ihr doch jene Stellen im Volke bekleidet, von denen das Volk die offene Kundgabe der Ankunft des ihm verheißenen Messias allein und mit allem Rechte zu erwarten hat. – Ich rede um Mein teuer erkauftes Recht, und es steht niemandem zu, Mich schweigen zu heißen! Da steht der römische Richter, dem allein ein solches Recht zusteht!“
[DTT.01_005,21] Ich würde diese Berufung an den Richter nicht gemacht haben, wenn Mich im Flusse Meiner Rede nicht ein alter, gar stolzer Pharisäer zu schweigen ermahnt hätte, daß dies Dinge wären, über die ein naseweiser Sauhirte aus Galiläa durchaus nicht zu urteilen habe.
[DTT.01_005,22] Aber der Richter, der ganz auf Meiner Seite war, verwies ernstlich dem Pharisäer seine Grobheit und gebot ihm, mit solch einer gemeinen Herrschsprache in seiner Gegenwart nicht mehr zum Vorschein zu kommen. Denn Meine Kundgabe über den bei Nazareth wohnenden Wunderknaben sei wichtiger auch für die Römer, als ihr ganzer abgenützter und schon sehr fadensichtig gewordener Judenkram. Er sagte den Pharisäern trocken ins Gesicht:
[DTT.01_005,23] „Eure Lehre bedarf wie keine auf der weiten Erde einer gänzlichen Reformation, sonst hält sie sich wahrlich keine fünfzig Jahre mehr! Denn wie eure Gotteslehre und euer Gottesdienst nun bestellt sind, da sind Roms Bacchanalien eine wahre Sonne dagegen, obwohl sie als eine Verehrung eines höheren Gottwesens als eine wahre Mißgeburt des Menschenverstandes dastehen!
[DTT.01_005,24] Du, holder Knabe, aber rede nur ganz beherzt weiter! Es darf dir kein Leid zugefügt werden, denn in dir scheint mehr Verstand zu sein als in diesem ganzen Tempel! Daher nur fortgeredet, mein holder Knabe!“

6. Kapitel – Des jungen Leviten gutachtliche Äußerung. Die verächtliche Rede des Hochpriesters über den Zimmermannssohn von Nazareth.

[DTT.01_006,01] Es trat aber ein junger Pharisäer vor, der eigentlich noch ein Levite war, und bat um die Erlaubnis, hier ein paar Worte reden zu dürfen. Der Richter erlaubte ihm das mit dem Bemerken, gelassen und verständig zu reden.
[DTT.01_006,02] Da nahm der Levite das Wort und fing also zu reden an, sagend: „Ich stamme aus Galiläa, und zwar aus der Nähe von Nazareth, und ich kann mich nun erinnern, von jenem Wunderknaben so manches gehört zu haben, von dem eben dieser Knabe eine durchaus nicht unbeachtenswerte Anzeige gemacht hat. Ich kann zwar nicht behaupten, ihn persönlich kennengelernt zu haben; aber erzählen habe ich von ihm oft und vieles gehört.
[DTT.01_006,03] Ich erkundigte mich wohl, so gut es gehen konnte, nach seinen Eltern und vernahm, daß sein Vater ein Zimmermann namens Joseph sei und dessen zweites Weib Maria heiße, und daß beide in der geraden Primogeniturlinie (Erstgeburtslinie) von David abstammen. Und es ginge das demnach mit der Aussage der Propheten zusammen.
[DTT.01_006,04] Ich bin sonach der Meinung, daß es doch der Mühe sich lohnte, diese namentlich uns Juden sehr nahe angehende Sache einer näheren Prüfung zu unterziehen. Jedoch, ich habe da nichts anzuordnen, sondern bloß in aller Demut meine Meinung kundzutun, da ich solches als meine Pflicht ersehe; alles weitere geht nur den hohen Tempelrat an. – Ich habe in aller Demut geredet.“
[DTT.01_006,05] Da erhob sich ein Hochpriester und sagte: „Was soll der Tempel auf die Aussage eines wahnwitzigen Knaben?! Da müssen dem Tempel höhere Indizien gemacht werden! Derlei Reden waren unter dem Judenvolke schon oft da, und es sind auch sogar offenbare Wunder geschehen, und dennoch war da von einem Messias späterhin keine Spur zu entdecken!
[DTT.01_006,06] Wie lange ist es denn, als Zacharias als Hoherpriester dem Tempel vorstand?! Dessen Weib Elisabeth gebar ihm, schon im hohen Alter stehend, einen Sohn, was ihm von einem Engel, als er im Tempel opferte, angezeigt wurde. Zacharias konnte dieser Anzeige keinen Glauben geben, da sein Weib dafür zu alt war. Da ward er dafür so lange mit Stummheit geschlagen, bis sein Weib gebar. Als zu ihm aber eines Tages die Kunde in den Tempel kam, daß ihm sein Weib einen Sohn geboren hatte, und er befragt ward, wie der Sohn genannt werden solle, da ward ihm die Zunge gelöst, und er sprach: ,Johannes!‘ Und siehe, es war dies eben der Name, den ihm zehn Monde früher der Engel des Herrn gegeben hatte!
[DTT.01_006,07] Zacharias aber fragte den Engel: ,Was soll aus dem Knaben werden? Laß mich erkennen des Herrn Willen!‘
[DTT.01_006,08] Der Engel aber sprach: ,Dieser ist es, von dem Jesaias also sprach: ,Er wird sein die Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg, und machet eben dessen Fußsteige! Alle Täler sollen voll werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was krumm ist, soll richtig werden; was aber uneben ist, soll werden ein schlichter Weg! Und alles Fleisch wird sehen den Heiland Gottes!‘‘
[DTT.01_006,09] Man forschte damals näher nach und fand bald, daß der herrschsüchtige Zacharias sich nur dadurch mit geheimer Hilfe der Essäer habe eine erbliche geistige Dynastie gründen wollen. Er ward deshalb von dem Arme der Gerechtigkeit ergriffen und für solchen Frevel mit dem Tode bestraft.
[DTT.01_006,10] Wo ist nun jene große Messiashoffnung hingekommen? Kein Mensch denkt mehr daran! Alles ist vor dem Tempel, der von Jehova für alle Zeiten der Zeiten ist geheiligt worden, wie ein schwacher Pfützendunst vor der Macht der Sonne in Nichts zerronnen! Und doch ging jene Geschichte vom Hohenpriester selbst aus. Da sie aber unlauter war und das Heiligtum Gottes zu verunreinigen drohte, so hat der Herr auch nicht gesäumt, den Frevel zur rechten Zeit zu züchtigen.
[DTT.01_006,11] Wenn aber schon jene sehr denkwürdig aussehende Geschichte ein solches Ende nahm, wie würde sich dann erst des Zimmermanns Joseph Messiasgeschichte vor dem Tempel ausnehmen, hinter der nichts als irgendwelche essäische und indomagische Betrügereien stecken! Der Knabe soll nur vor unseren allsehenden Augen seine Wunder produzieren, und wir werden es dem dummen Volk dann wohl zu erklären verstehen und enthüllen seinen vermeintlichen Messias!
[DTT.01_006,12] So dieser kommen wird, werden zuvor vor aller Welt Augen große Zeichen geschehen am Firmamente. Alsdann erst wird der große Erwartete kommen, mit aller Macht der Himmel ausgerüstet, zu erlösen sein Volk von der Macht der Heiden, und wird fürder sein ein Herr und König über alle Lande der Erde, und die Kinder Abrahams werden sein Volk sein und bleiben in Ewigkeit!
[DTT.01_006,13] Wer dieses weiß wie unsereiner aus den Büchern der alten Weissagungen über die Ankunft des Messias, der kann doch unmöglich glauben, daß Gott, der seine allzeitige Ankunft auf überaus großartige Weise vor den Augen der Menschen und aller Kreatur betätigte, nun so unscheinbar und sogar als ein uneheliches Kind in diese Welt als ein schwacher Mensch, uns gleich dem Tode untertan, kommen werde!
[DTT.01_006,14] Denn wir wissen es ja, daß des Joachim Tochter Maria eher schwanger wurde, als sie dem Joseph als Weib im Tempel angetraut ward. Das Fräulein war dem bekannten Baukünstler aus dem Stamme Davids anfänglich zur Pflege gegeben, und nur, um ihn nicht zugrunde zu richten, hatte man freundlich geraten, das Fräulein, bevor die Sache dem Volke ruchbar werde, zum Weibe zu nehmen und somit den Fleck zu verwischen.
[DTT.01_006,15] Jener Knabe aber ist und bleibt dennoch ein Unehelicher, und es kann dadurch desto weniger Möglichkeit vorhanden sein, daß er je ein verheißener Messias werden könnte, und möchte er durch seine erlernten Zauberkünste auch alle Berge zu versetzen imstande sein!
[DTT.01_006,16] Aus dem wird hoffentlich doch ein jeder noch so Schwachsinnige ersehen können, was irgend möglich und was hier nach der Gestalt der Sache rein unmöglich ist und sein muß!“

7. Kapitel – Des Jesusknaben Antwort auf des Hohenpriesters Rede. Von der Mission des Sohnes des Zacharias und von der Wundermacht des Zimmermannssohnes.

[DTT.01_007,01] Sagte der Richter zu Mir: „Nun, was sagst du, holder Knabe, zu dieser allerdings äußerst triftigen Rede des Hochpriesters?“
[DTT.01_007,02] Sagte Ich: „Was sollte Ich anders dazu sagen als: Entweder hat er recht, und der Prophet ist ein Lügner und hat somit kein Recht, oder das Unrecht fällt auf den Hohenpriester zurück, und der Prophet hat dennoch recht! Beide aber können unmöglich recht haben, da der Hochpriester gerade das Gegenteil von dem behauptet, was da der Prophet von der Ankunft des Messias geweissagt hat!
[DTT.01_007,03] So der Prophet spricht: ,Siehe, eine Jungfrau – also kein Weib – ist schwanger und wird einen Sohn gebären; den wird sie Emanuel (d.h. ,Gott mit uns‘) heißen!‘, wie behauptet dann der Hohepriester, daß der Messias nur unter den großartigsten Zeichen am Firmamente als ein allmächtigster Kriegsheld und als ein schon gemachter König über alle Völker der Erde rein vom Himmel herab unter dem größten Himmelsglorienpompe auf diese Erde zu den Menschen kommen werde?! Wenn es so wäre, was gewönnen da wohl die armen, schwachen Menschen, die voll der höchsten Furcht über die Erwartung der Dinge, die da kommen werden, mehr denn zur Hälfte verschmachten müßten?!
[DTT.01_007,04] Ich möchte da schier behaupten, daß solch eine Messiasankunft auch den Herren des Tempels sehr ungelegen käme und ihnen am Ende dennoch lieber wäre des Messias Ankunft auf jene bescheidene, höchst anspruchslose Weise, wie sie eben der Prophet Jesaias beschrieben hat!
[DTT.01_007,05] Es meinte aber der Hochpriester zuvor, daß die etwas wunderbare Geschichte mit dem Sohne des Zacharias, der eben von den Priesterhänden zwischen dem großen Opferaltare und dem Allerheiligsten ist erdrosselt worden, ganz zu Ende ist und niemand mehr daran denke.
[DTT.01_007,06] Ich aber sage, daß sie noch lange nicht zu Ende ist, als wie es diese Herren meinen, und es wird die Zeit ehest kommen, wo derselbe Johannes wie ein mächtiger Blitz unter sie fahren und ein großes Gericht halten wird unter ihnen. Seine Worte werden schärfer sein für euch denn die allerschärfsten Pfeile!
[DTT.01_007,07] Und wie die Geschichte des eben in Rede stehenden Johannes, so und als ein noch ärgeres Gericht wird jener Wunderknabe aus Nazareth über euch kommen und euch zeigen seine volle göttliche Herrlichkeit, aber etwa nicht zu eurer Auferstehung, sondern zu eurem Falle!“
[DTT.01_007,08] Hier machte der Hochpriester zornige Augen und sagte: „Woher weißt du denn das, du wahnwitziger Knabe? Wer hat dir in solchen Dingen den Kopf also verwirrt gemacht, und wer bist du denn, daß du es wagst, uns solche Dinge so keck zu sagen?“
[DTT.01_007,09] „Ich bin, der Ich bin, und woher Ich kam, das habt ihr aufgezeichnet. Was fragt ihr denn weiter, wer und woher Ich sei?! Zudem habe Ich es euch ja ohnehin schon gesagt, daß Ich aus Galiläa und eben auch aus Nazareth gekommen bin und daher den in Rede stehenden Knaben überaus gut kenne und durchaus nicht so dumm bin, um nicht die Taten eines Magiers – wenn auch sogar aus Indien – von jenen des Wunderknaben zu unterscheiden.
[DTT.01_007,10] Mache Mir von euch jemand aus Lehm zwölf Sperlinge und belebe sie bloß durchs Wort, daß sie dann auffliegen und gleich den andern sich ihre Nahrung zu suchen anfangen und fortleben!
[DTT.01_007,11] Wer von euch vermag wohl einem sich zu Tode gefallenen und ganz zerschmetterten Knaben augenblicklich durchs bloße Wort das Leben wiederzugeben und ihn leiblich vollkommen wieder zu heilen?!
[DTT.01_007,12] Wer von euch vermag dem Blitze zu gebieten, daß er dorthin und dahin fahre und erschlage eine Hyäne, die einer Mutter ihr einziges Kind raubte und damit dem Walde zueilte?!
[DTT.01_007,13] Wer von euch kann dem Sturme, wie jener Knabe, gebieten bei einer großen nächtlichen Windstille und bei einer Gelegenheit, wo einigen Städten und Flecken eine große Gefahr durch eine zahlreiche Raubmörderhorde drohte, die nächtlicherweile auf einem großen Schiffe sich Kapernaum nahte, bei zweihundert Mann stark, die bis an die Zähne bewaffnet waren?!
[DTT.01_007,14] Der bewußte Knabe, der zur selben Zeit mit seinem Vater sich gerade in Kapernaum befand, rettete den ganzen Ort! Denn auf sein Wort erhob sich plötzlich einer der fürchterlichsten Seestürme, trieb das Schiff mit Pfeilesschnelle weit vom Ufer hinein in die hohe See, wo das ganze Schiff durch den zu mächtigen Wogenschlag zerstört wurde und mit all den zweihundert Raubmördern unterging.
[DTT.01_007,15] Das und viele derlei Taten hat jener Knabe schon verübt allzeit zum Wohle der irgend bedrängten Menschheit, und noch nie hat es jemand erlebt, daß er darum von jemand irgendeinen Lohn verlangte. Daß aber das keine Erdichtungen von Mir sind, dafür möget ihr zum Steuer der vollsten Wahrheit ganz Nazareth und Kapernaum zur Zeugenschaft anrufen.
[DTT.01_007,16] Wenn aber also, ist da jener Knabe wohl nur schlechtweg ein eingelernter Zauberer, oder tut Er alles das nur aus der Ihm in aller Fülle innewohnenden Gotteskraft? Oder erklärt es nun Mir, wie und mit welchen Mitteln der Knabe etwa nach eurer Kenntnis und Weisheit solches zustandebringt!
[DTT.01_007,17] Meine Vorfrage habt ihr Mir schlecht beantwortet. Wir werden nun sehen, was ihr auf diese Hauptfrage für eine Antwort bringen werdet, und wir werden dann auf die Vorfrage schon wieder zurückkommen und sie selbst zu einer Hauptfrage machen! Redet aber behende, denn der Tag neigt sich, und wir werden uns dann wohl um ein Abendmahl umzusehen anfangen!“

 rückwärts

Die drei Tage im Tempel, 4. - 7. Kapitel

 vorwärts  

 
    
 
  ©  Peter Eppich, Im Breyel 21, 79292 Pfaffenweiler, eppich@web.de FAX: 01212-5-115-69-389