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Schrifttexterklärungen, 8.- 15. Kapitel

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8. Kapitel – „Und Er, Jesus, war, als Er begann, etwa dreißig Jahre alt, wie man dafür hielt, ein Sohn Josephs.“ (Lukas 3,23)
3. Januar 1844 abends

[Ste.01_008,01] Setzet nur alsogleich wieder einen von euch gewählten Text an, und wir werden sehen, ob in ihm für unsere Sache irgendein Licht vorhanden ist.
[Ste.01_008,02] „Und Er, Jesus, war, als Er begann, etwa dreißig Jahre alt, wie man dafür hielt, ein Sohn Josephs.“
[Ste.01_008,03] Der Text ist gegeben und ein übermächtig strahlend Licht mit ihm! Fürwahr, bei diesem Texte solltet ihr sogar selbst auf den ersten Augenblick der Sache, die hier zum Zwecke taugt, auf den Grund schauen. Wir wollen aber sehen, ob ihr nach einer geringen Vorleitung nicht selbst das Licht erschauen möget.
[Ste.01_008,04] Er war etwa dreißig Jahre alt, als Er das Lehramt antrat, und man hielt Ihn für den leiblichen Sohn Josephs, des Zimmermanns.
[Ste.01_008,05] Wer ist der ‚Er‘? – Dieser ‚Er‘ ist der Herr Selbst, der von Ewigkeit war und ewig sein wird ebenderselbe Herr!
[Ste.01_008,06] Wie war Er aber etwa dreißig Jahre alt, Er, der ewig war? Der Ewige erschuf Sich hier Selbst zum ersten und zum letzten Male zu einem Menschen, und als ein Mensch zählte auch Er an Sich die Zeit, die aus Ihm war von Ewigkeiten.
[Ste.01_008,07] Er war nahe dreißig Jahre. Was will denn das sagen? Konnte Er als Gott dreißig Jahre zählen? Sicher nicht, denn Er war ewig; also nur als Mensch konnte Er das.
[Ste.01_008,08] Er trat da Sein Lehramt an. Wie denn? Als Gott oder als Mensch? Durch den Beisatz: „Und man hielt Ihn für den leiblichen Sohn Josephs, des Zimmermanns“, wird hinreichend bezeugt, daß der kaum dreißigjährige ‚Er‘ nicht als Gott, sondern nur als Mensch Sein Lehramt angetreten hatte; denn der Gott in Ihm verhielt Sich zu dem kaum dreißigjährigen Zimmermannssohne, wie sich zu einem jeden Menschen verhält sein innerer Geist. Dieser muß zuvor durch entsprechende äußere Tätigkeit, welche aus der Liebe hervorgeht, erweckt werden, bis er dann erst als ein eigenmächtiges, selbsttätiges Wesen handelnd auftritt.
[Ste.01_008,09] Dieser kaum dreißigjährige Sohn des Zimmermanns Joseph dem Außen nach, trat demnach Sein Lehramt vollkommen als Mensch und durchaus nicht als Gott an. Die Gottheit trat in Ihm nur bei Gelegenheiten in dem Maße wirkend auf, als Er als Mensch durch Seine Taten dieselbe in Sich flott machte; aber ohne Taten tauchte die Gottheit nicht auf.
[Ste.01_008,10] Frage: Wie konnte aber dieser kaum dreißigjährige Mensch ein Lehramt antreten, wozu doch eine große Gelehrtheit erforderlich ist, welche viel Studium und eine große Belesenheit voraussetzt? Woher kam denn diesem die Weisheit?
[Ste.01_008,11] „Denn wir kennen ihn ja; er ist des Zimmermanns Sohn und hat die Profession seines Vaters oft genug vor unseren Augen betrieben. Wir wissen, daß er nie Schulen besucht hat; auch können wir uns nicht leichtlich erinnern, daß er irgend bei Zeit und Gelegenheit etwa das Buch in die Hand nahm und darinnen las. Er war ein gemeiner Handwerker bis zur Stunde beinahe, und sehet, der ist nun ein Lehrer, und Seine Lehre ist voll Salbung und voll tiefer Weisheit, obschon ihm sonst noch überall der Zimmermann herausschaut. Wie lange wird es denn sein, als er mit seinen Brüdern bei uns einen Eselsstall baute? Seht nur seine echt zimmermannsknoperigen Hände an, und siehe da, er ist ein Lehrer und ein Prophet sogar, ohne je in die Prophetenschule der Essäer hineingeschmeckt zu haben. Wie sollen wir das nehmen?“
[Ste.01_008,12] Sehet, das ist ein buchstäblich wahres Zeugnis, welches dem Zimmermannssohne zu Kapernaum gegeben ward! Aus diesem Zeugnis aber geht klar hervor, daß in diesem kaum dreißigjährigen Zimmermanne eben nicht viel von der Gottheit hervorgeschaut haben muß; denn sonst müßte man ihn doch eines anderen Zeugnisses gewürdigt haben.
[Ste.01_008,13] Woher aber nahm denn dieser ganz reine Mensch solche Lehramtsfähigkeit, da er weder studiert noch irgend viel gelesen hatte? Dieser Mensch hatte seine Lehramtsfähigkeit lediglich seinem Tun zu verdanken.
[Ste.01_008,14] Sein Handeln ging lediglich aus seiner fortwährend großen Liebe zum Göttlichen und eben also auch aus der Liebe zu dem Nächsten hervor. Er opferte jede Handlung Gott auf und übte sie also, daß er dabei nie seinen Vorteil, sondern bloß den seines Nächsten vor Augen hatte. Daneben verwendete dieser Mensch tagtäglich eine Zeit von drei Stunden der allgemeinen Ruhe in Gott.
[Ste.01_008,15] Dadurch erweckte er stets mehr und mehr die in ihm in aller ihrer Fülle schlummernde Gottheit und machte sie sich nach dem Maße und Grade seiner Tätigkeit zinspflichtig. Und als er, wie gesagt, kaum das dreißigste Jahr erreicht hatte, war die Gottheit in ihm bis zu dem Grade erwacht, daß er durch ihren Weisheitsgeist diejenige erhabene Fähigkeit überkam, um das bekannte Lehramt, zu dem er berufen ward, anzutreten.
[Ste.01_008,16] Nach dieser Vorleitung frage Ich euch, ob ihr in diesem Texte das überaus stark leuchtende Licht noch nicht erschaut? Ja, ihr erschauet es schon und sehet auch, wo es hinaus will, daher werden wir uns im Nachsatz auch nur ganz kurz fassen, um der Sache nicht eine überflüssige Ausdehnung zu geben.
[Ste.01_008,17] Wie soll denn aber demnach der Nachsatz heißen? Sehet, ganz kurz also: „Gehet hin, und tuet desgleichen!“
[Ste.01_008,18] Denket nicht, daß man nur durch ein vieles Lesen und Studieren den göttlichen Geist in sich erweckt; denn dadurch tötet man eher denselben und trägt ihn als einen Leichnam zu Grabe. Seid aber dafür tätig nach der Grundregel des Lebens, so wird euer Geist lebendig und wird in sich alles finden, was ihr sonst durch das Lesen von tausend Büchern sicher nicht gefunden hättet!
[Ste.01_008,19] Wenn aber der Geist lebendig ist, so möget ihr auch lesen, und ihr werdet dann durch das Lesen oder durch das Anhören Meines Wortes Früchte sammeln, welche einen lebendigen Kern oder Grund haben. Ohne die frühere Erweckung des Geistes aber erntet ihr nur leere Hülsen der Frucht, darin kein lebendiger Kern ist; der lebendige Kern aber ist das innere, lebendige geistige Verständnis.
[Ste.01_008,20] Woher aber sollte das kommen, wenn der Geist zuvor nicht freitätig und lebendig gemacht ward? Der Leib ist eine äußere Hülse, welche abfällt und verwest; die Seele ist des Geistes Nahrung und Leib. So ihr aber bloß leset, um eure äußere naturmäßige Erkenntnis zu bereichern, was soll da auf den Geist kommen, der noch nicht im gerechten Maße lebenstätig ist und darum nicht jedem gelesenen Worte alsogleich mit seiner lebendigen geistigen Erkenntnis entgegenkommt und das von außen herein hülsenhaft gelesene Wort mit seinem lebendigen Kern erfüllt und es dadurch erst lebendig und wirksam macht?
[Ste.01_008,21] Daher gilt immer der alte Grundsatz: Seid nicht eitle Hörer, sondern Täter des Wortes, so erst werdet ihr des Göttlichen desselben lebendig in euch bewußt werden!
[Ste.01_008,22] Ich meine, das wird doch auch klar sein; aber da der Mensch, wie schon öfter gesagt, des Lichtes nie genug hat, so wollen wir abermals zu einer von euch gewählten Zentralsonne schreiten.

9. Kapitel – „Da es nun Abend war, kam Er mit den Zwölfen.“ (Markus 14,17)
4. Januar 1844 abends

[Ste.01_009,01] Setzet daher nur wieder einen Text an, und wir werden schon sehen, wie er für unsere Sache paßt!
[Ste.01_009,02] „Da es nun Abend war, kam Er mit den Zwölfen.“
[Ste.01_009,03] Wir hätten also den Text vor uns, und Ich muß schon wieder die alte Bemerkung machen, daß ihr noch immer nicht einen Text habet finden können, der für unsere Sache nicht auf das allergenaueste taugen möchte. Der vorliegende Text scheint zwar dem Außen nach mit unserer Sache eben keine zu große Gemeinschaft zu haben, aber das ist mitnichten der Fall; im Gegenteil, er hat eben mit unserer Sache die allergrößte Gemeinschaft, und hättet ihr ihn nicht gewählt, so hätte Ich ihn gewählt!
[Ste.01_009,04] „Als es Abend war, kam Er mit den Zwölfen.“
[Ste.01_009,05] Wer kam? Der Herr von Ewigkeit kam.
[Ste.01_009,06] Wann denn? Am Abend.
[Ste.01_009,07] Und wohin kam Er denn? – In den von Seinen Jüngern bereiteten Speisesaal.
[Ste.01_009,08] Mit wem? – Mit Seinen erwählten zwölf Aposteln.
[Ste.01_009,09] Was tat Er dann in dem Speisesaal? – Er hielt ein Abendmahl, an welchem sich einige sättigten und einige ärgerten; und zugleich wurde am selben Abend beim Abendmahle der Verräter bezeichnet.
[Ste.01_009,10] Hier liegt einmal das komplette Bild vor euch, und seine Sache ist mit den Händen zu greifen.
[Ste.01_009,11] Was ist der Abend? Er ist ein halblichter Zustand des Tages, bei dem das Licht im fortwährenden Schwinden ist, so lange, bis endlich nicht eine Wirkung der Sonnenstrahlen irgend mehr zu entdecken ist.
[Ste.01_009,12] Wann aber ist beim Menschen ein solcher Abend? – Sicher, in geistiger Hinsicht nämlich betrachtet, dann, wenn er schon sehr viel gelesen und durchstudiert hat, welches viele Lesen und Durchstudieren dem Einfallen der Sonnenstrahlen den ganzen Tag hindurch gleicht. Wie aber diese Sonnenstrahlen in ihrer Erscheinlichkeit naturmäßiger Art sind, so sind auch die Lese- und Studierstrahlen naturmäßiger Art. Die Sonne aber geht am Ende des Tages unter, und es wird dann alsbald darauf Abend und endlich auch Nacht.
[Ste.01_009,13] Also geht es auch mit dem Lese- und Studierlicht; der Leser und Studierer wird endlich müde und verdrießlich, weil er durch all sein Lesen und Studieren sein inneres Licht nicht zu vermehren vermochte, so wenig, wie das Licht der Sonne irgend vermehrt werden kann, sondern es bleibt in seinem gleichmäßigen Verhältnisse. Im Sommer ist es stärker und im Winter schwächer, und das immer im gleich auf- und abnehmenden Verhältnis. Also auch ist das Morgenlicht schwächer; bis gegen den Mittag ist es im Zunehmen, und gegen den Abend hin wird es ebenfalls schwächer.
[Ste.01_009,14] Gerade also geht es auch mit der äußeren Lese- und Studierbildung des Menschen. Wenn er anfängt zu lesen und zu studieren in einer wohlgenährten Bibliothek, so ist bei ihm der Lese- und Studiermorgen.
[Ste.01_009,15] Wenn er sich im Verlaufe von mehreren Jahren die Augen wund gelesen hat und schon der Meinung ist, Salomos Weisheit mit dem Löffel gefressen zu haben, dann ist bei ihm der Mittag, oder auch der Sommer.
[Ste.01_009,16] Er liest dann weiter und studiert, findet aber leider nichts Neues mehr, sondern stößt auf lauter ihm schon bekannte Ideen. Dadurch wird er ermüdet, weil er fürs erste keine neue erquickende Nahrung mehr bekommen kann, und fürs zweite findet er an all den weiteren Lese- und Studierpartien durchaus keine Belege für seine eingesogenen Theorien, sondern nicht selten die gewaltigsten Widerlegungen alles dessen, was er sich mit so großem Eifer und großer Mühe zu eigen gemacht hat.
[Ste.01_009,17] Sein echt vermeintes Gold wird nicht selten zu Blei, und wenn er dieses wenig werte Metall in sich statt des Goldes erkannt hat, da wird er bei sich grämlich und mißmutig, verliert jeden Grund und steht am Ende da wie ein Wanderer auf einer Alpe, wenn ihn dichte Nebel umfangen haben.
[Ste.01_009,18] Sehet, dieser Zustand ist der Abend des Menschen; gewöhnlich sagt man: „Wenn beim Menschen alle Stricke gerissen sind, so kriecht er dann zu Kreuze!“, – was freilich besser wäre, wenn man sagen möchte: „Das Kreuz kriecht über ihn.“
[Ste.01_009,19] Also in der Not fängt dann der Mensch an zu denken, ob an der Lehre Christi wohl etwas sei, und dieser Gedanke gleicht diesem Texte: „Und Er, der Herr nämlich, kam mit den Zwölfen dahin am Abend.“ Denn der Herr wird hier von dem Bedrängten als der Stifter der Lehre und die Zwölfe als die Lehre selbst verstanden.
[Ste.01_009,20] Wohin kommt Er denn mit den Zwölfen? – In den mit Speise und Trank bereiteten Saal!
[Ste.01_009,21] Wer ist dieser Saal? Der Mensch selbst an seinem Abend. Denn er hat eine Menge Speise und Trank in sich. Aber da Derjenige nicht da ist, für den solche Speise bereitet ist oder sein sollte, so stehen die Speisen so lange da, bis Derjenige kommt, der die Speise segnen und dann genießen möchte; denn ohne Konsumenten ist die Speise vergeblich und hat keinen Wert.
[Ste.01_009,22] So hat auch alle Wissenschaft und Belesenheit keinen Wert, und der Mensch hat vergeblich seinen geistigen Speisesaal und Speisetisch damit bestellt, so Derjenige nicht da ist, der diese Speise segne, dann verzehre und sie in einen den Geist belebenden Saft verkehre.
[Ste.01_009,23] Der Herr aber kommt am Abend mit den Zwölfen, oder der Gründer mit Seiner Lehre, geht in den Saal ein, setzt Sich zu Tische, segnet und verzehrt die Speise. Weil aber die Speise naturmäßiger Art ist, so ist ihre Wirkung gleich der Wirkung jenes Abendmahls, bei dem der Herr ein wahres lebendiges Abendmahl in den Werken der Liebe einsetzt – daran sich dann viele Jünger ärgern und sagen: „Was ist das für eine harte Lehre! Wer kann das glauben und befolgen?“ Die Jünger entfernen sich darauf, und bald wird der Verräter bezeichnet.
[Ste.01_009,24] Wer sind denn die Jünger, die sich ärgern und davongehen? Das sind die falschen Begründungen aus all dem Gelesenen und Studierten. Diese werden den Grundsätzen der Lehre Christi als abhold entgegengehalten; dann erhebt sich bald ein allgemeiner Widerspruch, welcher also lautet: „Eine Lehre, die so voll von einzelnen Widersprüchen ist, kann unmöglich göttlichen Ursprungs sein; also ist sie nur ein temporäres seichtes Produkt wissenschaftlich ungebildeter und daher auch notwendig inkonsequenter Menschen, welche irgend in einer rohen Vorzeit auf dem Wege des Eklektizismus irgend etwas mühsam zusammengestoppelt haben, um sich dadurch die arme Menschheit tribut- und zinspflichtig zu machen.“
[Ste.01_009,25] Dadurch wird, wie ihr zu sagen pflegt, das Kind samt dem Bade weggeschüttet, oder der Verräter wird bezeichnet, entfernt sich dann bald und tut das, als was er bezeichnet ward: Er überliefert das Lebendige dem Tode und geht dabei selbst zugrunde, und das ist dann die auf den Abend gefolgte Nacht, oder nun ist alles tot im Menschen.
[Ste.01_009,26] Und also komme Ich im Ernste zu jedermann am Abend mit den Zwölfen, finde den Speisesaal und den Speisetisch besetzt, aber es sind lauter naturmäßige Speisen. Verzehre Ich diese auch, oder billige Ich sie unter dem Bedingnisse, daß man diese Speisen in werktätige Liebespeisen umwandeln solle, und sage, daß man solches zu Meinem Gedächtnisse oder in Meinem Namen und nicht im eigenen der Eigenliebe, Eigenehre und des Eigenlobes wegen tun solle, da fangen die Jünger an sich zu ärgern und werden Mir abhold; der Judas sitzt dann bald nackt da, und es dauert gar nicht lange, daß Mir auf dem Wege solchen Verrates das Todesurteil publiziert wird.
[Ste.01_009,27] Daher wartet nicht ab den Abend, sondern rufet Mich lieber am Morgen, da ihr noch vollkräftig und aufnahmefähig seid, und Ich werde dann zu euch kommen und werde zu euch sagen: Geht nicht zu sehr in den Strahlen der Sonne umher, diese ermüden euch und machen euch untätig, sondern stärket euch unter dem kühlenden Schatten des Lebensbaumes, auf daß ihr für den ganzen Tag tatkräftig bleibet! Und werde Ich dann auch am Abend zu euch kommen, so werdet ihr Mich gar wohl erkennen; und wenn Ich euch fragen werde: „Wie ist euer Speisesaal bestellt, habt ihr etwa nichts zu essen, hungert es euch?“, so werdet ihr Mir zwar nur einen geringen und dürftigen Speisevorrat aufzuweisen haben, aber Ich werde ihn segnen und werde Mich mit euch zu dem Tische setzen, an dem kein Verräter mehr Meiner harrt, oder: die wenigen Kenntnisse, die ihr habt, werde Ich zu Zentralsonnen ausdehnen, auf daß ihr daraus des Lichtes in endloser Überfülle haben sollet.
[Ste.01_009,28] Ich meine, der Text: „Und Er kam mit den Zwölfen am Abend dahin ...“ dürfte hier wohl überaus klar vor jedermanns Augen stehen und die Sache völlig erschöpfen. Aber dessenungeachtet will Ich Meiner Freigebigkeit noch nicht die Grenze setzen.

10. Kapitel – „Er kam in Sein Eigentum, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf.“ (Johannes 1,11) „Pilatus antwortete: ‚Was ich geschrieben, habe ich geschrieben!‘“ (Johannes 19,22)
8. Januar 1844 abends

[Ste.01_010,01] Ihr aber könnt, wie früher, wieder einen Text wählen; tut demnach solches frei! –
[Ste.01_010,02] „Er kam in Sein Eigentum; und die Seinen nahmen Ihn nicht auf.“ – „Pilatus antwortete: ‚Was ich geschrieben, habe ich geschrieben!‘“
[Ste.01_010,03] Die Texte sind gut und richtig gewählt und bezeichnen die Sache schon in ihrer ersten Stellung, wie ihr zu sagen pfleget, auf ein Haar.
[Ste.01_010,04] Wer kam in Sein Eigentum, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf? Wer der ‚Er‘ ist, wird hoffentlich bekannt sein; Sein Eigentum sind die Menschen, wie sie sein sollten in der von Mir aus geschaffenen Ordnung, liebtätig nämlich gegen ihre Brüder und voll Ernst der Liebe gegen Gott, ihren Schöpfer.
[Ste.01_010,05] „Aber die Seinen nahmen Ihn nicht auf.“ – Die Seinen sind, die Er von Anbeginn zumeist für Sich erzogen hatte und hat zu ihnen allzeit gesandt Lehrer und Propheten und hat sie geführt und geleitet wunderbar.
[Ste.01_010,06] Warum nahmen sie Ihn denn nicht auf? – Weil Er sie die wahren Wege der tätigen Liebe zum ewigen Leben lehrte; die Seinen aber waren Freunde der Trägheit, Freunde des Wohllebens und Freunde der Herrschaft und Herrlichkeit, und diese vereinbart sich nicht mit der Lehre von der Demut und der tätigen Liebe.
[Ste.01_010,07] Sie sprachen: „Wir haben Moses und die Propheten, welche wir lesen; was brauchen wir da mehr? Was brauchen wir von dir, der du den Sabbat schändest und gering achtest Moses und die Propheten, indem du ihre Satzungen nicht hältst? Ist es nicht genug, so wir die Schrift lesen und studieren und darüber ellenlange Erklärungen schreiben? Was willst du von uns für eine andere, Gottes würdigere Tätigkeit?
[Ste.01_010,08] Ist Gott nicht ein Geist, dessen Wesen man sich unter keinem Bilde vorstellen soll? Wie sollte man diesen wohl würdiger ehren und preisen, als wenn man Sein Wort, welches Er durch Moses und die Propheten geredet hat, fortwährend von Anfang bis zu Ende liest und dasselbe sich selbst und anderen erklärt, damit Gott in Seinem Wollen stets klarer und klarer begriffen werde?
[Ste.01_010,09] Was machst du aus dir selbst? Wir haben Abraham zum Vater und haben Moses und die Propheten-, bist du denn mehr denn diese? Was willst du uns lehren, das uns diese nicht gelehrt hätten?
[Ste.01_010,10] Was ist wohl des Menschen Liebetat vor Gott? Sie ist nichts als ein eitler Gedanke. Der Mensch kann nichts tun; denn in Gott allein wohnt alle Tatkraft. Also bist du ein falscher Lehrer und ein falscher Prophet und bist ein Volksaufwiegler!
[Ste.01_010,11] Wir haben die Schrift vom Alpha bis zum Omega in unserem Kopfe; ist das nicht Tätigkeit genug? Oder sollten wir etwa die Schrift nicht studieren und dadurch gering achten die heilige Gabe, welche uns der Herr Gott Zebaoth durch Moses und die Propheten beschieden hat?
[Ste.01_010,12] Du bist einer, der dem göttlichen Willen widerstrebt und sich dennoch für einen Lehrer und Propheten Gottes ausgibt! Steht es aber nicht geschrieben, daß ein jeder falsche Prophet und Zauberer solle mit dem Feuertode bestraft werden?
[Ste.01_010,13] Dieser gemeine Zimmermannssohn, der kaum zu lesen versteht und ebensowenig etwa imstande ist, seinen Namen zu schreiben, unterfängt sich, uns alten Schriftgelehrten eine Lehre, welche dem Geiste Mosis schnurgerade entgegenstrebt, aufzubürden!“
[Ste.01_010,14] Sehet, das sind eine Menge Entgegnungen, laut welcher Derjenige, der in Sein Eigentum gekommen war, von den Seinigen nicht aufgenommen wurde.
[Ste.01_010,15] Warum? Weil Ihn die Seinigen, wie es auch geschrieben steht, nicht erkannt haben!
[Ste.01_010,16] Warum aber erkannten sie Ihn nicht? Weil sie nur pure Leser und Auswendiglerner, aber nie Täter des Wortes Gottes waren.
[Ste.01_010,17] Auf dieselbe Weise komme Ich auch jetzt fortwährend in Mein Eigentum; aber die Meinen wollen Mich nicht aufnehmen und erkennen, daß Ich es bin!
[Ste.01_010,18] Warum wollen sie denn das nicht? Weil ihnen auch, im besten Falle sogar, das Lesen und Hören, wie auch das Angaffen Meiner Werke lieber ist als eine kleine Tätigkeit nach Meinem Worte. Daher aber wird auch der Geist in Meinem Eigentum, welches das Herz ist, nicht lebendig und erkennt Mich nicht, weil Mich Mein Eigentum nicht lebendig tätig aufnehmen will.
[Ste.01_010,19] Ich aber sage: Alle diese Schriftgelehrten werden dereinst auch sagen: „Herr! Herr! Wir haben ja in Deinem Namen aus Deinem Worte heraus geweissagt, gepredigt und gelehrt!“
[Ste.01_010,20] Ich aber werde zu ihnen sagen: „Weichet von Mir; Ich habe euch noch nie erkannt! Wer euch zu Lehrern und Weisen gedungen hat, zu dem gehet auch hin, damit euch euer Lohn werde! Ich kam wohl zu euch und habe bei euch an die Türe Meines Eigentums geklopft; aber niemand von euch sprach: ‚Komme herein, und belebe unsren Geist, auf daß wir tätig und kräftig werden möchten nach Deinem Worte!‘ Ihr begnügtet euch mit den Schätzen eures Kopfes; aber Meine Scheuern in eurem Herzen habt ihr leer gelassen und habt all Mein Eigentum in euch verwirkt. Daher möget ihr nun ‚Herr! Herr!‘ schreien, wie ihr wollt, so mag Ich euch aber dennoch nicht erkennen; denn die Meinen erkenne Ich an Meinem Eigentum in ihnen. Ihr aber habt kein Eigentum aus Mir in euch; darum mag Ich euch auch nicht erkennen!“
[Ste.01_010,21] Pilatus bekannte Mich auch auf diese Weise: Er heftete das Zeugnis seines Bekenntnisses über den schmählich Getöteten, während er früher den Lebendigen geißeln und ans Kreuz heften ließ. Sein Bekenntnis steht auch geschrieben, und zwar über dem Haupte des Gekreuzigten zum Zeugnisse für alle die, welche das Bekenntnis Gottes wohl in ihrem Kopfe, aber keines in ihrem Herzen tragen. Über ihrer Stirne steht es wohl geschrieben: „JESUS NAZARENUS, REX JUDAEORUM“, und sie beharren auch auf dieser Inschrift, welche soviel sagt als: „Herr! Herr!“; aber im Herzen ist keine Inschrift, welche da sagen möchte: „O Herr, sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig!“ „Vater unser“ ist im Kopfe; aber „Lieber Vater“ ist nicht im Herzen.
[Ste.01_010,22] Pilatus beharrte wohl auf seiner Inschrift und wollte keine andere hinaufsetzen; denn er sprach selbst: „Was geschrieben ist, das ist geschrieben!“ Warum erwies er aber dem Lebendigen früher nicht die Ehre wie hernach dem Toten?
[Ste.01_010,23] Der Grund liegt in dem, warum auch alle die Gelehrten lieber bei ihren Kopfbegründungen und der daraus hervorgehenden toten Verehrung verbleiben, als nur in die geringste lebendige Tat der wahren Liebe eingehen wollen. Denn sie sind Zwielichtler, welche glauben oder vielmehr der Meinung sind: „Ist an der Sache etwas, so wollen wir durch unser Bekenntnis ihr nicht in den Weg treten; ist aber an der Sache nichts, so haben wir so oder so dadurch nichts verloren. Denn bringt man dem eine Ehre, das da irgend sein soll, so gewinnt man, wenn ‚es‘ ist, und verliert nichts, wenn ‚es‘ nicht ist.“
[Ste.01_010,24] Desgleichen dachte auch Pilatus: „Ist der Gekreuzigte ein höheres Wesen, so habe ich ihm meine Ehre bezeigt; ist er es aber nicht, so bin ich auch gerechtfertigt; denn in dem Falle dient meine Inschrift als ein amtliches Pasquill, aus dem jeder ersehen kann, aus welchem Grunde dieser hier gekreuzigt ward.“
[Ste.01_010,25] Meinet ihr, daß bei Mir der erste Grund gelten wird, so es mit dem zweiten seine geweisten Wege hat? – Ich sage euch: Da wird es vorzüglich darauf ankommen, daß diejenigen, die so zu Mir „Herr! Herr!“ rufen, von Mir sicher nicht angehört, erkannt und angenommen werden. Denn das Bekenntnis des Kopfes wird niemand dem ewigen Leben auch nur um ein Haar näher bringen; denn wer zu Mir will, der muß Mich vorher durch die lebendige Liebe in sich aufnehmen, und seine eigene Liebe zu Mir wird es ihm sagen, daß Ich bin und zu ihm komme und ihm gebe das ewige Leben.
[Ste.01_010,26] Niemand aber kann das lieben, das nicht ist; wohl aber kann er in seinem Kopfe über alles Nicht-Seiende verschiedene Phantome aufstellen, und also auch Mich Selbst darunter. Aber da bin Ich nicht, und da wird Mich auch nie jemand finden und wird nie zur lebendigen Überzeugung von Mir und vom ewigen Leben gelangen; denn da hänge Ich tot unter der Inschrift Pilati!
[Ste.01_010,27] Nur wer da ein Täter wird sein Meines Wortes, der wird an Meinem Grabe, da er den Toten suchte, mit der Flamme seines Herzens den Auferstandenen und den ewig Lebendigen finden!
[Ste.01_010,28] Ich meine, das dürfte doch auch wieder klar sein; aber darum nächstens dennoch um eine Zentralsonne weiter.

11. Kapitel – „Da warf er sein Gewand ab, sprang auf und kam zu Ihm.“ (Markus 10,50)
9. Januar 1844 abends

[Ste.01_011,01] Wenn ihr gewählt habet, so schreibet nur geschwinde nieder den gewählten Text.
[Ste.01_011,02] „Da warf er (Bartimäus) sein Gewand ab, sprang auf und kam zu Ihm.“
[Ste.01_011,03] Ihr habt einen überaus passenden Text gewählt; dieser Text sollte allen, die auf dieser Welt blind sind, zu einem mächtigen Leitfaden dienen, auf daß sie täten, wie dieser Blinde getan hat, um zu bekommen das wahre Licht der Augen des Geistes.
[Ste.01_011,04] Warum warf denn der Blinde das Gewand weg? Er hätte ja mit dem Gewande auch zum Herrn hineilen können, als ihn dieser gerufen hatte. Der Blinde war klug, er wußte und berechnete es wohl, daß ihm das schwere Außengewand im schnellen Zuge zum Herrn hin hinderlich sein würde. Darum warf er behende das schwere Gewand weg und entledigte sich dadurch des Hinderungsmittels, welches seinen Gang schwerfällig gemacht hätte, – und der Vorteil war, daß er dadurch um so schneller zum Herrn gelangte und von Ihm das Licht seiner Augen wiederbekam.
[Ste.01_011,05] Wer ist denn so ganz eigentlich dieser Blinde? Dieser Blinde ist ein gelehrter Weltmensch, der aber das Gute hat, daß er seiner Blindheit gewahr ist, und zugleich das Gute hat, daß er weiß, wer ihn von seiner Blindheit heilen kann.
[Ste.01_011,06] Es sitzen gar viele solche Blinde an den Wegen, und gar viele tappen in allen Ecken herum. Aber die am Wege sitzen, die schlafen ein, ganz berauscht vom Opiumtrank ihrer Gelehrtheit, und träumen dann also, als ob sie sehen möchten. Diese wissen in der Betäubung ihres gelehrten Traumes nicht, wann der Herr Seinen Weg bei ihnen vorüberzieht, und wissen auch nicht, daß sie blind sind; daher rufen sie auch nicht: „Sohn Davids, hilf mir!“
[Ste.01_011,07] Andere aber, die in allen Winkeln herumtappen und wohl zur Hälfte Den suchen, der sie sehend machen könnte, entfernen sich vom Wege; und wenn der Sohn Davids vorüberzieht, sind sie nicht da und versäumen durch ihr dummes Suchen den Augenblick, wo der Sohn Davids den Weg nach Jericho zieht; daher rufen auch sie nicht und bleiben in ihrer Blindheit.
[Ste.01_011,08] Was ist denn dieser Weg? Dieser ‚Weg‘ ist die prüfende Bahn durch diese Welt; und ‚Jericho‘ ist der endliche Stapelplatz für die, welche diesen Weg zurückgelegt haben, oder mit anderen Worten: es ist zunächst die Geisterwelt.
[Ste.01_011,09] Unser Blinder scheute nicht die ihn bedrohenden Jünger, denn er wußte gar wohl, daß der Herr mächtiger und barmherziger ist als Seine Jünger, die ihn bedroht hatten; daher aber erhörte ihn der Herr auch, und als Er ihn rief, so warf er sogar das letzte Hinderungsmittel von sich, nämlich seinen Rock, um ja so schnell und so sicher als möglich zu Dem zu gelangen, der ihn gerufen hatte.
[Ste.01_011,10] Dieser Blinde ist also ein rechtes Muster, und Ich sage euch: Tut ihr alle desgleichen, die ihr ebenfalls Blinde am Wege seid! Harret des Herrn am Wege, und so Er vorüberzieht, da lasset euch nicht abschrecken von der Welt, sondern rufet zu Ihm in eurem Herzen, daß Er Sich euer erbarme und euch das Licht des ewigen Lebens gebe. Und wahrlich, Er wird Sich euer erbarmen und wird euch geben, um was ihr gerufen habt!
[Ste.01_011,11] Der Blinde warf sein Gewand weg. Was ist das Gewand? Es ist die Welt, wie auch alle die Belesenheit und Gelehrtheit des äußeren Verstandes. Werfet diese hinweg, so Ich euch doch tagtäglich rufe, auf daß sie euch nicht hindern im Gange zu Mir!
[Ste.01_011,12] Wäre es aber von dem Blinden klug gewesen, so er sich bei der Gelegenheit, da Ich ihn gerufen hatte, in noch mehr Röcke eingepanzert hätte? Fürwahr, diese hätten ihn am Ende also beschwert, daß er sich nicht hätte vom Boden erheben können und dann noch weniger schnellen Schrittes hineilen zu Dem, der ihn gerufen hatte.
[Ste.01_011,13] Wenn Ich euch aber täglich rufe, also wie Ich den Blinden gerufen habe, wäre es da klug, so ihr euch dazu mit allen möglichen Röcken und Mänteln weltlicher Gelehrtheit bekleiden wolltet? Sicher wäre das die größte Torheit! Werfet vielmehr lieber alles hinweg, und eilet in eurem Herzen zu Mir, und Ich werde euch die Augen öffnen und werde euch sehend machen in eurem Geiste lebendig, auf daß ihr dann mit einem Blick mehr ausrichten werdet, als so ihr in eurer Blindheit Tausende von Jahren herumtappen möchtet!
[Ste.01_011,14] Was nützt dem Blinden sein phantastisches Augenlicht im Traume? Wenn er erwacht, so ist er dennoch also blind, und blinder noch wie zuvor.
[Ste.01_011,15] Was nützt einem alles Gewand von noch so tiefer und schwerer gelehrter Weisheit? Es beschwert ihn, daß er sich nimmer erheben mag, so er gerufen wird zum Empfange des lebendigen Lichtes.
[Ste.01_011,16] Der Geist des Menschen hat ja ohnehin alles in sich; er bedarf nichts weiter als der Öffnung seiner Augen, um zu schauen die endlose Lebenswunderfülle in sich selbst.
[Ste.01_011,17] Was gewinnt aber dadurch der Geist, so der Mensch mit lauter toten Hülsen und Schatten sein Gedächtnis und seinen Verstand anfüllt? Nichts; sondern er verliert noch dabei und wird in ein Chaos von äußerer Rinde, von den Hülsen und allerlei Schatten eingepanzert, daß er ja nicht leichtlich je zu einer Freiheit und noch weniger zum Empfange des lebendigen Lichtes seiner Augen gelangen kann.
[Ste.01_011,18] Nehmet an, ihr hättet die ganze Bibel auswendig in eurem Kopfe; ein anderer hat nur ein paar Verse sich zu eigen gemacht, hat aber sein Leben streng danach eingerichtet. Bei diesem werden die zwei Verse lebendig und machen frei seinen Geist; bei euch aber liegt die ganze Schrift tot, und ihr versteht auch nicht einen Vers lebendig.
[Ste.01_011,19] Was ist nun besser: die zwei lebenstätigen Verslein, oder der ganze Buchstabenwust der Heiligen Schrift, davon aber auch nicht ein einziger Vers ins Leben aufgenommen ward? Sicher werden hier die zwei lebenstätigen Verse besser sein!
[Ste.01_011,20] Man wird hier etwa sagen: „So jemand mehr weiß, da kann er ja auch desto mehr in seine lebendige Tätigkeit aufnehmen!“ Ich aber sage: Der Mensch ist Mein Werk, und darum weiß Ich es am besten, was ihm frommt.
[Ste.01_011,21] Nehmt einen Schüler – Ich setze den Fall, in der Musik –, leget ihm gleich beim Anfange eine ganze große Schule vor, und laßt ihn mit allen Kapiteln derselben zugleich anfangen. Saget, was wird aus dem? Sicher nichts! Denn er wird vor der Masse ermüden und bald das ganze Studium an den Nagel hängen.
[Ste.01_011,22] Nehmet aber eine kleine Schule, und fanget bei der ersten Skala an, und lasset ihn diese wohl einüben. Wenn er mit leichter Mühe die erste Skala recht bald fertig durchspielen wird können, wird das nicht mehr sein als der erste Versuch mit der ganzen Schule auf einmal?
[Ste.01_011,23] Daher sage Ich zu euch: Werfet weg das überflüssige Gewand; machet klein die Schule, und ihr werdet gleich dem Blinden am Wege euch desto leichter erheben und desto schnelleren Schrittes dahin eilen, wohin Ich euch jetzt, wie tagtäglich, rufe.
[Ste.01_011,24] Fürwahr, ihr möget alle Bibliotheken der Welt zusammenlesen, so werdet ihr darob vor Mir um kein Haar besser stehen und mehr wissen, als so ihr nie etwas gelesen hättet. Warum denn? Weil ihr, wenn ihr von Mir das Licht erhalten wollt, das alles müsset fahren lassen; denn das alles ist nichts als leeres Hülsenwerk und leeres Stroh, welches fürs Feuer bestimmt ist.
[Ste.01_011,25] Schaffet ihr dieses leere Hülsen- und Strohwerk nicht aus euch, bevor Mein Liebeflammenlicht zu euch kommt, so wird dieses Feuer das Strohwerk ergreifen, und es wird da zu einem verzweifelten Brande in euch kommen. Schaffet ihr aber zuvor all diesen Quark hinaus und werfet weg das eiteldumme Gewand, – und wenn da Mein Feuerlicht in euch kommen wird, so wird es keinen Brand verursachen, sondern es wird euch sogleich lieblich durchwärmen und erleuchten euren ganzen Geist, – also wie auch der Blinde am Wege im Augenblick sehend ward, als er zu Mir kam.
[Ste.01_011,26] Ich meine, dieses Bild kann unmöglich klarer und deutlicher gegeben werden; aber es muß, wie alle früheren, ins Leben aufgenommen sein, wenn es eine lebendige Leuchte abgeben soll. Solange das nicht der Fall ist, werdet ihr es wohl beifällig lesen und dann sagen: „Das ist wirklich recht schön!“ Und Ich kann dazu dann nichts anderes sagen als: Das ist wirklich recht dumm von euch; denn solange ihr Meinen lebendigen Ruf für nichts weiter als nur für recht schön findet, da baut ihr Häuser auf dem Sande, und Mein lebendiger Same fällt bei euch auf den Weg und wird leicht zertreten werden und wird keine Frucht bringen.
[Ste.01_011,27] Wenn ihr aber das sogleich lebendig in euch aufnehmet und tuet danach, so seid ihr klug; denn da baut ihr das Haus auf den Felsen, und Mein Same fällt in gutes Erdreich.
[Ste.01_011,28] Mir liegt wenig daran, ob ihr diese Meine Worte schön oder nicht schön findet, aber es liegt Mir alles daran, daß ihr danach handelt; denn nicht der Bewunderung wegen, sondern eures eigenen Heiles willen gebe Ich sie euch.
[Ste.01_011,29] Solches sei von euch wohl erwogen; denn sonst wird es euch keinen Nutzen bringen! – Nächstens wieder um eine Zentralsonne weiter!

12. Kapitel – „Fürchte dich nicht, Paulus! Du mußt vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir im Schiffe sind.“ (Apostelgeschichte 27,24)
10. Januar 1844 abends

[Ste.01_012,01] Schreibet nur nieder, was ihr habt!
[Ste.01_012,02] „Und (der Engel Gottes) sprach: ‚Fürchte dich nicht, Paulus! Du mußt vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir im Schiffe sind.‘“
[Ste.01_012,03] Ihr habt den Text gewählt, – freilich diesmal keine Zentral-, sondern nur eine Nebensonne; denn die Zentralsonnen sind nur in den Propheten und in den vier Evangelisten, insoweit sie eben nur die vier Evangelien beschreiben. Was außer dem ist, ist mehr historische Gelegenheitssache und betrifft weniger die Allgemeinheit, sondern vielmehr diejenige enger gefaßte Sphäre, in welcher der historische Teil vor sich ging.
[Ste.01_012,04] Und so ist eben der gewählte Text, obschon von einem Engel gesprochen, eine Botschaft an den Paulus, bei dem er dann auch in der Geltung als völlig abgeschlossen erscheint, und ist demnach, wie ihr leicht begreifen könnt, keine Zentral-, sondern nur eine Neben- oder Planetarsonne.
[Ste.01_012,05] Aber dessenungeachtet hat er dennoch in sich selbst Geistiges und somit auch weit um sich Leuchtendes; denn es ist ein großer Unterschied, ob da ein Engel aus dem Herrn spricht oder handelt, oder wenn der Herr Selbst aus Sich Selbst spricht oder handelt.
[Ste.01_012,06] Solches war notwendig voraus zu erinnern, damit ihr des Herrn Worte und des Herrn Handlungen vor den Worten und Handlungen der Engel und Apostel zu würdigen und klar zu unterscheiden vermöget. Und da ihr nun solches wißt, so wollen wir sehen, was und wieviel des allgemeinen Lichtes in dem angeführten Texte für unsere Sache vorhanden ist.
[Ste.01_012,07] „Fürchte dich nicht, Paulus“, spricht der Engel, „denn du mußt dem Kaiser vorgestellt werden!“ besagt soviel als: „Du Täter des Wortes des Herrn, fürchte dich nicht; denn der Herr will es, daß dich die Welt erkenne in deinem Tun. Und wird dich die Welt erkennen, so wird sie dir nachfolgen!“ Und in dieser Nachfolge besteht die versprochene Dotation derjenigen Männer, die mit Paulus im Schiffe sind. Denn sie besagt, daß eben diese Männer ebenso, wie Paulus selbst, nicht nur Hörer, sondern wahre Täter des Wortes Gottes werden werden.
[Ste.01_012,08] Aus dieser kurzen Darstellung geht dann auch klar hervor, daß der Herr dem Paulus dadurch nicht hat andeuten wollen, als hätte er etwa darum sollen dem Kaiser vorgestellt werden, um vor ihm entweder einen berühmten Redner oder einen Schauspieler zu machen, oder daß ihm der Herr die Männer des Schiffes darum zu einem Geschenk gemacht habe, damit Paulus aus ihnen eine Redner- oder Schauspielertruppe hätte gestalten sollen, welche sich dann unter seiner Direktion etwa vor dem Kaiser Roms produzieren sollte.
[Ste.01_012,09] Der Herr hat dem Paulus also zu keinem weltschimmernden Zwecke seine Schiffsgenossen geschenkt und hat sie auch sicher nicht etwa zu Leibeigenen des Paulus gemacht, sondern das Geschenk bestand darin, daß der Herr die Herzen der Schiffsgenossen Pauli erwärmte durch ein neu angefachtes Liebefeuer, durch welches sie dann die kurze Lehre Pauli verstanden und alsbald danach tätig wurden.
[Ste.01_012,10] Also in der lebendigen Nachfolge des Beispiels Pauli von seiten seiner Schiffsgenossenschaft bestand das Geschenk des Herrn an den Paulus; und also mußte Paulus auch nicht als ein gelehrter Philosoph und Zungenkünstler dem Kaiser vorgestellt werden, sondern als ein Täter des Guten, und zwar unter dem Zeugnisse der ganzen Schiffsmannschaft, welche durch die tatkräftige Weisheit Pauli zum Wohle Roms, wie des Kaisers, ist vor dem Untergang bewahrt worden.
[Ste.01_012,11] Aus diesem könnt ihr nun noch klarer erschauen, daß es da, bei Mir nämlich, weder auf Viel-Worte-Machen noch auf allerlei nichtige zeremonielle Spektakel ankommt, um irgend zum wahren Lichte zu gelangen, sondern allein auf das Tun nach Meinem Worte. Denn käme es auf viele Worte an, so hätte der zu Paulus gesandte Engel gut drei Tage lang reden können; aber er sprach nur weniges, und Paulus tat darauf vieles. Und das war besser, als wenn der Engel zu Paulus vieles geredet, Paulus aber darauf sehr weniges getan hätte.
[Ste.01_012,12] Bei Mir geht es nicht also zu wie bei euren Advokaten auf der Welt, die viel schreiben und auch viel reden, und wenn am Ende viel geschrieben und geredet ward, so kommt dann als Tat alles dessen für den Klienten ganz spottwenig heraus.
[Ste.01_012,13] Und auch geht es bei Mir nicht also wie bei euren Predigern auf der Welt, die allzeit von der Kanzel eine komplette Stunde lang allerlei Zeug herabschreien; wenn aber die Predigt fertig ist, gehen sie selbst also von der Kanzel, daß sie hernach nicht mit einem Finger das tatsächlich anrühren, was sie gepredigt haben, und neun Zehntel der Zuhörer gehen aus dem Bethaus, ohne sich nur drei Worte von der ganzen Predigt gemerkt zu haben, und ein Zehntel der Zuhörer, die sich etwas von der Predigt gemerkt haben, spricht am Ende: „Heute hat er wieder recht schön gepredigt!“
[Ste.01_012,14] Wenn aber einige Schritte außerhalb des Bethauses ihm ein armer, dürftiger Mensch begegnet und ihn um ein Almosen anspricht, so bekommt er als Frucht einer so schönen Predigt, wenn es gut geht, etwa gar einen kupfernen Kreuzer, welchen der Geber nicht selten mit ärgerlicher Mühe aus einem ganzen Sack voll besserer Münzen hervorsucht; oder der Angeredete spricht zum armen Almosenfleher: „Helf Gott! Ein anderes Mal; heute habe ich nichts Kleines bei mir!“
[Ste.01_012,15] Seht, aus diesen aus dem Leben gegriffenen Beispielen wird etwa doch klar genug hervorgehen, wie schandmäßig klein und gering die Handlung auf eine so ungeheure Predigt folgt. Wäre es nicht besser, wenn die Predigt in wenigen Worten bestünde, nach diesen Worten aber dann der Prediger selbst seinen Zuhörern mit einer tatsächlichen Predigt als Muster gleich dem Paulus vorangehen möchte, welches Beispiel eine große Anzahl von seinen Zuhörern zur gleichen Tätigkeit anfachen würde, auf daß Ich zu dem Prediger dann ebenfalls sagen könnte: „Siehe, alle die hier in diesem Hause sind, habe Ich dir geschenkt, weil du sie durch deine Tat zu Tätern Meines Wortes gemacht hast.“
[Ste.01_012,16] Es steht freilich wohl geschrieben, daß man Wohltaten im Verborgenen üben soll. Das ist auch richtig und wahr. Wenn es sich bloß um die Unterstützung handelt, dann auch soll die Tat verborgen bleiben; aber wenn die Tat eine Lehre sein soll, dann darf ihr Licht nicht unter einen Scheffel gestellt sein, sondern da ist es notwendig, daß Paulus dem Kaiser vorgestellt werde. Und wer da lehrt durch die Tat, dem sollen auch die geschenkt sein, die er durch seine Tat erweckt hat!
[Ste.01_012,17] So aber jemand nur durch Beredung zu einer guten Tat bewogen hat, dann bleibt es auch gewöhnlich nur bei der beredeten Tat; und soll da eine zweite ausgeübt werden, so gehört dazu ebenfalls wieder eine ellenlange Rede, wovon ihr in den vielen Wohltätigkeitsaufrufen die sprechendsten Beispiele findet.
[Ste.01_012,18] So in irgendeiner Zeitung ein privilegierter Marktschreier, gewöhnlich laut eines amtlichen Ansuchens, einen solchen Wohltätigkeitsaufruf ergehen läßt, da tun dann viele etwas, damit ihre Namen allenfalls auch in der Zeitung bekanntgemacht werden und allenfalls die nächsten öffentlichen Behörden solche Wohltäter in eine gute Note nehmen, – aber aus wirklicher Liebe tut keiner etwas. Und ist der Aufruf einmal verklungen, da kräht kein Hahn mehr nach denjenigen Dürftigen, für die der Aufruf galt.
[Ste.01_012,19] Sollen etwa solche Wohltäter dann auch dem Aufrufmacher zum Geschenke werden? O nein! Die gehen ihn so wenig an als euch der Mittelpunkt derjenigen Sonne, die eher vergehen wird, als bis ihr Licht auf eurer Erde anlangen wird.
[Ste.01_012,20] Ich meine, das Licht dieser ‚Nebensonne‘ wird auch klar genug sein; wer es benutzt, wird mit einer Zentralsonne belohnt. Wir aber wollen dieser Klarheit ungeachtet dennoch abermals zu einer anderen Zentralsonne schreiten!

13. Kapitel – „Gleich aber wie da waren die Tage Noahs, so wird auch sein die Ankunft des Menschensohnes.“ (Matthäus 24,37)
11. Januar 1844 abends

[Ste.01_013,01] Schreibet nur nieder, was ihr habt!
[Ste.01_013,02] „Gleich aber wie da waren die Tage Noahs, so wird auch sein die Ankunft des Menschensohnes.“
[Ste.01_013,03] Ihr habt den Text angesetzt und schon wieder den rechten getroffen; nur liegt die Sache in diesem Texte zu offenkundig vor Augen, oder: diese Zentralsonne steht außerordentlich nahe, so daß es im Ernste wunderlich ist, wenn ihr selbst dieselbe nicht auf den ersten Augenblick erschauet, – besonders aus dem Grunde um so wunderlicher, da ihr die Zeit Noahs nun schon beinahe ganz aufgedeckt vor euch habt.
[Ste.01_013,04] Ihr wisset ja, wie ebenfalls zu den Zeiten Noahs die Völker der Tiefe sich in allerlei Literatur und Wissenschaft geworfen haben. Ein euch bekannter König der Tiefe war ein großer Schriftsteller. Seinem Beispiel folgten Tausende, und in kurzer Zeit war die damalige Welt mit einer Unzahl von Büchern und Schriften überschwemmt.
[Ste.01_013,05] Je mehr diese Literatur überhandnahm, je mehr die Menschen lasen und studierten, desto kälter wurden sie in ihren Herzen, – aber zugleich desto raffinierter zur Erfindung aller erdenklichen Bosheit.
[Ste.01_013,06] Man fing durch die Politik die Menschen zu fangen an, und bald scheute man kein Mittel mehr, wenn es noch so himmelschreiend war, um durch dasselbe irgendeinen eitlen, vorgesteckten herrschsüchtigen Zweck zu erreichen. Man kam am Ende so weit, daß man die Menschen allein nach dem Golde schätzte; wer solches nicht besaß, ward zum Sklaven, ja zum förmlichen Lasttier bestimmt, und man trieb in dieser Weise die Greuelszenen so weit, daß Mir endlich alle Geduld brechen mußte und Ich die Erde nur durch ein allgemeines Gericht vor dem Untergang bewahren konnte.
[Ste.01_013,07] Also standen – wie euch ziemlich bekannt – die Sachen zu Noahs Zeiten. Wie stehen sie denn jetzt?
[Ste.01_013,08] Ich habe euch schon vor einer längeren Zeit in den sogenannten ‚Zwölf Stunden‘ gezeigt, wie die Sachen stehen. Wenn Ich euch nun wieder eine neue solche Enthüllung machen würde, da würdet ihr sehr bedeutende Fortschritte der Weltpolitik und der Grausamkeit entdecken; und Ich sage euch: Es fehlt gar nicht mehr viel, daß ihr völlig in die Zeiten Noahs kommen werdet, wo man am Ende sogar gläserne Häuser bauen mußte, damit die Männer der abgefeimtesten Politik allzeit ohne große Schwierigkeit beobachten konnten, was die Untertanen taten.
[Ste.01_013,09] Doch es bedarf der gläsernen Häuser nicht; die geheime Politik ist auch in eurer Zeit so weit gediehen, daß sie nicht ein Mittel unversucht läßt, um dadurch ihren herrschsüchtigen Zweck zu erreichen. Würdet ihr eingeweiht sein in die Geheimnisse so mancher Staaten, fürwahr, ihr würdet über Hals und Kopf schreien: „Herr, so schlage doch einmal zu! Denn ärger kann es ja doch in der tiefsten Hölle nicht zugehen als da!“
[Ste.01_013,10] Ich aber will euch nicht einweihen in solche Geheimnisse; denn so ihr nur ein kleines Augenmerk auf die Früchte hinwerfet, so kann es euch nicht entgehen, mit der größten Bestimmtheit zu erschauen, wessen Geistes Kinder solche Propheten sind, die so herrliche Früchte zum Vorschein bringen. Und worin liegt von allem dem der Grund?
[Ste.01_013,11] Gehen wir in dasjenige Königreich, welches vom Meer umflossen ist. In diesem Königreich findet ihr Bibliotheken und Zeitschriften in einer solchen Menge, daß man mit den Blättern Europa und Asien dreimal belegen könnte, und nirgends wird so viel gelesen wie in diesem Königreich; aber auch nicht leichtlich findet ihr irgendwo eine größere Gefühllosigkeit und gänzliche Verhärtung der Herzen als in eben diesem Königreich! Mit der größten Gleichgültigkeit von der Welt kann da ein vom Golde strotzender, vielbelesener und gelehrter Großer tausend arme, wehklagende, brot- und dachlose Menschen vor seinem Palaste des Hungertodes sterben sehen, ohne im geringsten etwa dazu bewegt zu werden, auch nur einem von den vielen Sterbenden ein Stück Brot zu reichen.
[Ste.01_013,12] Frage: Ist das nicht eine herrliche Frucht der großen Belesenheit und nicht selten tiefer mathematischer und mechanischer Weisheit?
[Ste.01_013,13] Ist es nicht herrlich, wenn man sich durch derlei mathematische und mechanische Weisheit arbeitende Maschinen erbauen kann, durch welche Tausende armer Menschen mit einem Schlage brotlos und dem Hungertode preisgegeben werden?
[Ste.01_013,14] Ist es nicht herrlich, Eisenbahnen zu errichten, durch welche fürs erste eine Menge Fuhrleute und andere Handwerksarbeiter um ihren Verdienst kommen, und fürs zweite durch ebendiese Prachtstraßen dem Landmann so viele Grundstücke zerstört werden, daß er nachher bald genötigt ist, den Bettelstab zu ergreifen? Und welch ein anderer großer Nutzen sieht erst fürs dritte heraus: dieser besteht darin, daß auf solchen Wegen aller Luxus und alle Industrie desselben um so schneller befördert werden kann, damit die arme Menschheit ja desto geschwinder leiblich wie geistig zugrunde gerichtet wird und die Herzen der Reichen baldmöglichst so fest werden wie die Straßen, auf denen sie miteinander durch Handel, Wechsel und Trug konversieren.
[Ste.01_013,15] Sind das nicht herrliche Früchte großer Belesenheit und daraus hervorgehender Gelehrtheit?
[Ste.01_013,16] Heißt man nicht den einen gescheiten Mann, der sich seinen Verstand zu Geld machen kann?
[Ste.01_013,17] Eben darum aber, weil der Verstand so viel Geld einträgt, ist die Liebe ganz außer Kurs gekommen, und die Tätigkeit nach ihr kennt man beinahe nicht mehr. Denn man hat ja Maschinen genug, die aus dem Verstande heraus tätig sind; wozu der Menschenhände?
[Ste.01_013,18] Denn Menschenhände könnten durch ihre Tätigkeit ja etwa gar in einem oder dem andern großen Geschäftsmann Liebe zu seinen Arbeitern erwecken. Um sich dieser Gefahr nicht auszusetzen, lasse man ja fleißig Maschinen errichten; denn diese arbeiten viel geschwinder und nehmen nie das Herz des Besitzers in Anspruch, sondern höchstens dann und wann, wenn zufälligerweise an ihnen etwas beschädigt wird, den Verstand, der das Beschädigte wieder allenfalls auf dem Wege einer Minuendo-Lizitation ausbessern läßt.
[Ste.01_013,19] Saget, ob es nicht bei euch buchstäblich also geht?
[Ste.01_013,20] Das Betteln ist untersagt; aber das Maschinenbauen wird mit Prämien belohnt. Was denn hernach mit den Armen? Oh, da wird ja auch gesorgt! Es gibt ja eine Menge Armenhäuser und Armenväter; es werden Sammlungen angestellt und werden Theater und Bälle gegeben. Dadurch ist für die Armen schon so gut gesorgt, daß die ersteren zu Halbarrestanten werden, und die zweiten, noch Freien, bekommen monatlich eine so erstaunliche Summe, daß sie sich mit derselben höchstens an einem Tage einmal halbwegs satt essen könnten. Wieviel aus der Armenkasse so ein Armer bekommt, brauche Ich euch nicht bekanntzugeben; das wißt ihr hoffentlich selbst.
[Ste.01_013,21] Stellet aber neben solcher Beteilung das menschliche Bedürfnis auf und das Verbot zu betteln, so wird es euch sicher klar, wie ‚vortrefflich‘ für jene Arme gesorgt ist, die noch glücklicherweise aus irgendeinem solchen Fonds beteiligt sind. Was aber bleibt für diejenigen übrig, die bei den Armenvätern noch kein Gehör gefunden haben!?
[Ste.01_013,22] Seht, was das für herrliche Früchte der Literatur, der Belesenheit und der großen Kultur des Verstandes sind!
[Ste.01_013,23] Wäre es denn nicht besser, weniger zu lesen und zu lernen? Und das bestehe darin, daß man wisse, was die Pflicht eines Menschen, ja gar eines Christen sei!
[Ste.01_013,24] Wäre es, wie gesagt, nicht besser, nach solcher wenigen, aber nützlichen Wissenschaft vollauf tätig zu sein und dadurch die wahre Pflicht eines Menschen zu erfüllen, als die Zeit seines ganzen Lebens hindurch zu lesen und zu schreiben, aber die Tätigkeit nach Meinem Worte gänzlich zu vergessen?
[Ste.01_013,25] Ich sprach es: „Seid nicht eitle Hörer, sondern Täter des Wortes!“ Wo aber sind diese Täter nun? Sind es etwa die Maschinen- und Luxusfabrikanten? Oder sind es die Eisenbahndirektoren und Unternehmer? Sind es etwa die Industrieritter oder die Zuckerplantageninhaber in Amerika? Oder ist es etwa die geld-, gold- und herrschsüchtige Geistlichkeit? Fürwahr, Ich bin doch gewiß mit überaus weitsehenden und scharfen Augen versehen – und bin genötigt, Mir ebenfalls stark vergrößernde Fernrohre zu kreieren, um mit denselben die Täter Meines Wortes auf der Erde aufzusuchen. Bei trillionenmaliger Vergrößerung geht es Mir noch schlecht; denn da zeigt sich die Zahl noch so klein, daß Ich sie fürwahr noch nicht recht ausnehmen kann, ob sie ein Tausender, ein Hunderter, ein Zehner oder gar eine Null ist.
[Ste.01_013,26] Ich habe daher jetzt ein viel größeres Fernrohr in der Arbeit! Ihr werdet sicher verstehen, was Ich damit sagen will, indem ihr selbst ein wenig daran arbeitet; eine ganze Zentralsonnenscheibe soll zum Objektive dienen. Durch dieses will Ich die Zahl der Täter Meines Wortes genau beschauen. Sollte etwa für die ganze Erde sich ein reiner Zehner darstellen, so will Ich Mein Gericht noch auf tausend Jahre verschieben; wenn aber die Zahl unter Zehn steht, so werde Ich Meine Geduld bis zu einem großen allgemeinen Gericht auf die Zahl der Täter Meines Wortes beschränken, – das heißt für jeden Täter ein Jahr.
[Ste.01_013,27] Man wird freilich sagen: „Herr! Es gibt ja noch recht viele wohltätige Menschen!“; Ich aber sage darauf: „Ja, es gibt recht viele einhunderttausendstel, einzehntausendstel und eintausendstel, wohl auch einhundertstel Täter Meines Wortes. Wenn Ich sie aber zusammenaddiere, so wird kaum einer daraus!“
[Ste.01_013,28] Wieso aber? Was ist der, so er Hunderttausende besitzt und gibt davon an die Armen jährlich höchstens den zehntausendsten Teil seines Vermögens und kennt aber dennoch Mein Wort, das Ich zu dem reichen Jüngling gesprochen habe? Frage: Ist ein solcher mehr als ein Zehntausendstel-Täter Meines Wortes? Wahrlich, nach solchen frage Ich nicht; diese werden sich in Meinem Fernrohre auch nicht ausnehmen, sondern nur die Ganzen!
[Ste.01_013,29] Zu Noahs Zeiten hatte Ich ebenfalls einen solchen Tubus aufgerichtet; und da Ich nicht mehr fand als acht alleinige Täter Meines Wortes, so ließ Ich das Gericht ergehen. Ich fürchte nun, ob Ich bei der gegenwärtigen Beschauung die Zahl Noahs treffen werde, und das aus dem Grunde, weil die Politik und die Industrie diesmal schon einen bei weitem höheren Gipfel erreicht hat als zu den Zeiten Noahs; und was die allenthalben vorkommende Grausamkeit betrifft, so steht Hanoch nicht um ein Haar vor! Nehmt nur die ‚Zwölf Stunden‘ zur Hand und vergleichet!
[Ste.01_013,30] Also ist es jetzt, wie es zu den Zeiten Noahs war, eine reife Frucht der Literatur und der großen Belesenheit. Daraus aber wird auch klar, daß das Heil des Menschen nie vom Viellesen und Vielhören, sondern vom Tun nach dem Gesetze der Liebe abhängt!
[Ste.01_013,31] Ich meine, das dürfte auch klar sein; aber darum nächstens doch eine Zentralsonne mehr wegen der Vergrößerung des Objektivglases auf Meinem Fernrohre!

14. Kapitel – „Wenn sie euch da sagen: ‚Siehe, Er ist in der Wüste!‘, so gehet nicht hinaus, – ‚Siehe, Er ist in der Kammer!‘, so glaubet es nicht!“ (Matthäus 24,26) – „Wo ein Aas ist, da werden sich sammeln die Adler.“ (Matthäus 24,28)
12. Januar 1844 abends

[Ste.01_014,01] Schreibet nur hin, was ihr habt!
[Ste.01_014,02] „Wenn sie euch da sagen: ‚Siehe, Er ist in der Wüste!‘, so gehet nicht hinaus, – ‚Siehe, Er ist in den Kammern!‘, so glaubet es nicht!“ – „Wo ein Aas ist, da werden sich sammeln die Adler.“
[Ste.01_014,03] Ihr habt gerade wieder solche Texte gewählt, die das, was wir für unsere Sache brauchen, als ein offenes Schild gerade auf der Nase tragen. Es wäre wirklich hoch zu verwundern, wenn ihr das sogar mit dem bloßen Verstande nicht auf den ersten Blick recht tüchtig wahrnehmen solltet.
[Ste.01_014,04] Was ist denn eine Wüste? Eine Wüste ist ein Boden, da kein Leben ist. Was ist denn aber eine geistige Wüste? Sicher nichts anderes als ebenfalls ein Feld oder ein Boden, auf welchem Ich nicht wandle und daher auch niemals anzutreffen bin.
[Ste.01_014,05] Wo ist aber dieses Feld oder dieser Boden, auf den so häufig hinausgegangen wird, um allda zu finden die Wahrheit und den Grund des Lebens? – Es ist dieser Boden und dieses Feld nichts anderes als die gesamte Literatur! Und demnach könnte dieser Text auch also heißen:
[Ste.01_014,06] „Wenn man zu euch sagen wird: ‚Siehe, die wahre Weisheit, die lebendige Wahrheit ist in den Büchern; leset sie, und ihr werdet sie finden!‘, da sage Ich dann darauf: ‚Gehet nicht hinaus in diese Wüste; denn da ist weder Weisheit noch die innere, lebendige Wahrheit zu finden!‘, sondern Ich sage: ‚Gehet in die Liebe zu Mir und zu eurem Nächsten, suchet in der Tat Mein Reich, so wird euch alles andere in der höchsten Überfülle hinzugegeben werden!‘“
[Ste.01_014,07] Ich meine, über diesen Text bedarf es wohl keiner weiteren Erklärung mehr, indem seine Bedeutung nur zu sehr mit den Händen zu greifen ist. So leicht aber der erste Text ist, ebenso leicht ist auch der zweite, demzufolge niemand glauben soll, daß Ich in den Kammern sei, wenn man das von Mir aussagt.
[Ste.01_014,08] Was sind denn diese ‚Kammern‘? – Kammern sind in naturmäßiger Sphäre geheime Gemächer, in denen nicht leichtlich etwas Offenkundiges zum Vorschein kommt. Gewöhnlich sind sie die Werkstätten mehr oder weniger politischer Falschmünzerei. So hat auch ein jeder Mensch ein paar Herzkammern und weiß nie, was in ihnen vorgeht. Nun wüßten wir so ziemlich die naturmäßige Bedeutung einer Kammer. Selbst eine sogenannte Rumpelkammer enthält gewöhnlich Gegenstände, die von der Öffentlichkeit abgesperrt sind; und der Besitzer von einer solchen Rumpelkammer weiß oft selbst kaum, was alles für unnützes Zeug in ihr der Vermoderung und dem Schimmel übergeben ist.
[Ste.01_014,09] Was aber ist nach solchem naturmäßigen Vorbild eine geistige Kammer? Ich brauche euch dafür keine eigene Erklärung zu geben, sondern euch bloß einige solcher Kammern anzuführen, und ihr werdet auf der Stelle auf ein Haar wissen, wie ihr damit daran seid. Diese geistigen Kammern heißen: allerlei Konfessionen, Sekten, klösterliche Vereine, Konklaven, allerlei Mystizismen, Konzilien, Konsistorien. Wir haben genug; denn ihr könnt euch selbst noch eine Menge derlei Vereine, Kongregationen und Brüderschaften hinzudenken. Diese passen alle hierher.
[Ste.01_014,10] Demnach könnte der Text so heißen: „Wenn man euch sagen wird: ‚Das Reich Gottes oder die lebendige Wahrheit oder die reine Lehre Christi ist in dieser oder jener Konfession oder Sekte‘, usw., oder: ‚Das ist die alleinseligmachende Kammer!‘, so glaubet es nicht; denn der Herr ist nur bei denen, die Ihn lieben im Herzen und in Werken!“
[Ste.01_014,11] Wo zwei oder drei in Meinem Namen oder in Meiner Liebe (es versteht sich von selbst) tätig beisammen sind, da bin Ich mitten unter ihnen; aber da sicher nicht, wo man sich statt über Mein Wort und Meine Liebe nur über weltliche, militärische und Geldangelegenheiten beratet, – wo diejenigen, die sich Meine Priester nennen, auch Festungsbau, Maschinenwesen und Eisenbahnen projektieren.
[Ste.01_014,12] Auch hier, meine Ich wieder, daß der Text so klar gegeben ist, daß ihn wohl auch jedermann mit den Händen greifen kann, wie er genau für unsere Sache paßt, in der es ebenfalls nicht genügt, daß man nur in ihr Geheimnis eingeht wie in eine Kammer, sondern daß man danach tätig ist.
[Ste.01_014,13] Das ist alles richtig. Wir haben aber noch einen dritten Text. Wie werden wir diesen hierherbringen, daß er auch passe für unsere Sache? Das wird noch leichter gehen, als wie mit den zwei früheren!
[Ste.01_014,14] „Wo ein Aas ist, da sammeln sich die Adler.“
[Ste.01_014,15] Wer ist denn das ‚Aas‘ nun auf dieser Welt, vor dem sie sich ihre Nüstern verstopft und es sie ekelt, wenn man von diesem Aase spricht? Dieses Aas habe Ich leider die Ehre Selbst zu sein!
[Ste.01_014,16] Wer sind denn die freilich wohl etwas selten gewordenen ‚Adler‘? – Das sind die wenigen ganzen Liebhaber Dessen, der euch hier dieses kundgibt! Diese wenigen Liebhaber haben ein scharfes Gesicht und eine scharfe Nase; oder sie haben ein tiefes lebendiges Gefühl und demzufolge eine untrügliche Urteilskraft, was zusammengenommen ist der lebendige Glaube.
[Ste.01_014,17] Warum versammeln sich denn die Adler, wo ein Aas ist? Weil ihnen ihr Instinktgefühl sagt: „Da gibt's für uns eine lebendige Kost!“ Darum fliegen sie denn auch hin und sättigen sich zur Übergenüge.
[Ste.01_014,18] Also wissen es auch Meine wahrhaftigen Verehrer und Liebhaber, daß Ich ein wahres Brot des ewigen Lebens bin, und dieses Brot ist Meine Liebe; diese genießen sie in vollen Zügen und ernähren sich dadurch zu einem Leben, das ewig nimmer von ihnen genommen wird.
[Ste.01_014,19] Also weiß es der Hungrige, daß er essen muß vom wahren Brote, wenn er gesättigt werden will. Wird er aber auch satt, so ihr ihm statt des Brotes ein Kochbuch zu lesen geben möchtet?
[Ste.01_014,20] Oder was würde ein Adler in kurzer Zeit für ein Gesicht machen, so ihr ihn fangen und dann einsperren möchtet in eine Rumpelkammer? Wird er sich wohl sättigen an den verschimmelten und vermoderten Gegenständen? Sicher nicht; er wird darin schwach werden und der Tod wird über ihn kommen!
[Ste.01_014,21] Also gehet auch ihr nicht in die Kammern, darinnen wohl ein Aas des Todes, ein Aas Balaams, ein Aas des Heiden- und Götzentums modert, sondern flieget mit den Adlern hinauf in die Höhe, und ihr werdet leicht gewahr, wo das Aas ist, das euch Leben bringt!
[Ste.01_014,22] Die Höhe ist die reine Erkenntnis Meines Wortes, und das Aas ist das lebendige Wort, das der Welt zum Ekel geworden ist, und die Welt es flieht wie die Pest, wo sie dasselbe wittert. Wollt ihr das erfahren, so fangt nur an, mit einem Weltmenschen, Nummer eins, über die Bibel und dann, Nummer zwei, gar über die Möglichkeit eines inneren, lebendigen Wortes aus Mir zu reden, so wird er euch im besten Falle fürs Narrenhaus zeitig finden; oder wenn es etwas schlimmer geht, so wird er euch sogleich als staatsgefährliche Narren publik machen, und es wird bei euch hoch an der Zeit sein, sich aus seiner Sphäre zu begeben.
[Ste.01_014,23] Aus dem aber geht doch etwa klar hervor, wer nun das ‚Aas‘ ist und wer die ‚Adler‘, und was die ‚Kammern‘, und was die ‚Wüste‘!
[Ste.01_014,24] Gehet daher auch ihr weder in die Wüste noch in die Kammern, sondern suchet in der Freiheit eures Geistes das Aas, so werdet ihr das wahre Leben finden!
[Ste.01_014,25] Ich meine, das wird auch wieder klar sein; aber darum dennoch das nächste Mal wieder um eine Zentralsonne weiter!

15. Kapitel – „Und sie führten das Füllen zu Jesus und legten ihre Kleider über dasselbe, und Er setzte Sich darauf.“ (Matthäus 21,7)
13. Januar 1844 abends

[Ste.01_015,01] Schreibet nur, wie gewöhnlich, euren Text nieder!
[Ste.01_015,02] „Und sie führten das Füllen zu Jesus und legten ihre Kleider über dasselbe, und Er setzte Sich darauf.“
[Ste.01_015,03] Kurz, aber gut ist der Text; den können wir gerade sehr gut gebrauchen, – denn er zeigt im lebendig-klaren Bild, mit beiden Händen zugleich begreiflich, was da für unsere Sache taugt.
[Ste.01_015,04] Sie führten die Eselin zu Ihm hin, belegten dieselbe mit ihren Kleidern, und dann erst setzte Sich der Herr auf die Eselin.
[Ste.01_015,05] Die Eselin war angebunden, als die Jünger sie fanden, und war noch das Eigentum eines Menschen in der Welt. Was will das sagen? Solches bezeichnet die gebundene Einfalt, Demut und Liebe, welche noch von der Welt gebunden ist, oder den Geist im Menschen, der noch nicht frei gemacht ward, obschon er seiner demütigen und liebevollen Beschaffenheit wegen völlig zum Herrn gewendet ist und somit seine ganze Bestimmung in und für den Herrn ist. Da aber der Herr sieht einen solchen Geist, da sendet Er alsbald Seine Diener hin, daß sie ihn frei machen und hinführen zum Herrn, und die Welt hat alsbald alles scheinbare Recht und alle Macht auf den verloren, zu dem der Herr spricht: „Ich bedarf seiner!“
[Ste.01_015,06] Warum ist es denn aber eine Eselin und kein Esel? Weil das Weiblein hier noch schärfer die tiefste Demut bezeichnet und die fruchtbare Liebe als das Männlein.
[Ste.01_015,07] Nun befindet sich die Eselin beim Herrn; und die Jünger bedecken sie mit ihren Kleidern. – Dieses bezeichnet, wie die wahre Demut und fruchtbare Liebe, sobald sie zum Herrn gelangt ist, sogleich mit der wahren Weisheit bekleidet wird. Denn Kleider bezeichnen die Weisheit in ihrer Nutzwirkung. Je einfacher sie sind, einen desto höheren Grad der Weisheit aus dem Herrn bezeichnen sie auch; denn die alleinige Liebe und Demut ist nackt.
[Ste.01_015,08] Wenn darüber sehr ausgezeichnete und prachtvolle Kleider kommen, so bezeichnet das, wie die Weisheit größer und stärker ist als die Liebe, darum auch zum Beispiel die Engelsgeister in dem Weisheitshimmel mit übergroßer Pracht bekleidet sind; aber die Engelsgeister des höchsten Himmels, die pur Liebe zum Herrn sind, erscheinen höchst dürftig bekleidet, ja manchmal ganz nackt, besonders wenn ihre Liebe zum Herrn den möglich höchsten Grad erreicht hat.
[Ste.01_015,09] Also bezeichnen auch hier die dürftigen Kleider der Jünger, mit denen die Eselin bedeckt ward, die reine göttliche Weisheit, und wenn solche fruchtbare Liebe aus ihrer Demut heraus mit solcher rein göttlichen Weisheit bekleidet wird, dann erst ist sie vollkommen tauglich, den Herrn aufzunehmen und zu tragen, und ist mit dem Herrn dann auch völlig eins.
[Ste.01_015,10] Solche fruchtbare Liebe, mit der Weisheit bekleidet, trägt den Herrn; der Herr aber leitet sie Selbst, damit sie unmöglich je irgendeinen Fehltritt machen kann, und der Ritt geht dann schnurgerade auf die Stadt Gottes zu, welche bezeichnet das ewige Reich Gottes oder das wahre ewige Leben! – Hier ist das Bild und seine Bedeutung.
[Ste.01_015,11] Man wird sagen: „Es ist alles richtig dargestellt; aber also, wie es da ist, sehen wir noch nicht recht ein, wie es für unsere Sache taugen sollte!“
[Ste.01_015,12] Ich aber sage: Wenn das Licht einmal da ist, möget ihr es stellen, wohin ihr wollt, und es paßt überall also hin, als wenn es schon von Ewigkeit für diesen Punkt bestimmt wäre.
[Ste.01_015,13] Versuchet das nur einmal mit einer Kerze, so sie brennt! Stellt sie auf verschiedene Punkte in eurem Zimmer, und sie wird nirgends wie fremd und unheimlich erscheinen, sondern sie wird überall recht freundlich hinpassen.
[Ste.01_015,14] Also wechseln ja auch die verschiedenen Sterne am Firmament wenigstens scheinbar für euer Auge fortwährend den früheren Platz; könnt ihr aber sagen, ob sich etwa der Orion im Aufgang oder im Mittag oder im Abend des Firmaments besser ausnimmt? Wo er steht, da erscheint er schon auch auf seinem eigentümlichsten Platze. Ebenso nimmt sich auch die Sonne überall gleich herrlich aus; und wo ihr Licht hinfällt, da verrichtet sie den gleichen Dienst.
[Ste.01_015,15] Gerade aber also verhält es sich auch mit dem hell angefachten Lichte unseres Textes. Ihr könnt dasselbe hinsetzen, wohin ihr wollt, so wird es überall gar herrlich also genau passen, als wäre es alleinig dafür gegeben. Ob es nun auch für unsere Sache paßt, wollen wir sogleich einen Versuch machen; und wir werden es hinzustellen, und es wird sich allda also ausnehmen, als wäre es einzig und allein dafür gegeben. Und so höret denn; wir wollen's versuchen!
[Ste.01_015,16] Frage: Hätte der Herr Sich nicht ebensogut können ein Pferd oder wenigstens einen wohl zugerittenen Esel statt der Eselin bringen lassen? Sicher! Jedes Tier hätte dem Herrn in diesem Falle unwiderstehlich denselben Dienst leisten müssen. Ein Löwe, ein Tiger, ein Panther, ein Kamel, ein Elefant, ein Pferd, ein Maulesel, alles das wäre fürs erste viel stärker gewesen und hätte dem Herrn der Unendlichkeit, dem allmächtigen Schöpfer aller Dinge, auf einen Wink gehorchen müssen; und dazu wäre ein solcher Ritt doch offenbar ansehnlicher gewesen als der auf einer schwachen Eselin.
[Ste.01_015,17] Das wäre allerdings wahr, bloß ad hominem genommen; aber ad Dominum verhält sich die Sache anders. – Derjenige, der die Grundordnung und Grundbedeutung aller Dinge ist, handelte nicht wie ein Mensch, dem es so oder so gleich ist, sondern bei Ihm war alles in der allerunverrückbarsten Ordnung vorbildend und für die Ewigkeit belehrend.
[Ste.01_015,18] Diese kräftigeren Tiere bezeichnen zumeist Erkenntnisse und Weisheit für sich; aber es fehlt ihnen das Fruchtbare der Liebe und die Demut derselben in ihrer tiefsten Einfalt.
[Ste.01_015,19] Hätte der Herr ein solches Tier gewählt, so hätte Er dadurch tatsächlich angezeigt, daß sich der Mensch nur vorzüglich auf die Bereicherung der Wissenschaften, auf alle möglichen Erkenntnisse und auf alle Weisheit daraus werfen solle. Ja, Er hätte ihm dadurch angezeigt, daß er alle Bibliotheken der Welt oder wenigstens soviel als möglich durchstudieren solle; allein der Herr wußte, was Er tat, und es blieb hier derjenige Grundsatz feststehend, den der Herr schon im Anfange aufgestellt hat, indem Er sprach: „Sobald du vom Baume der Erkenntnis essen wirst, wirst du sterben!“
[Ste.01_015,20] Aber eben dadurch, daß der Herr eine mit dürftigen Kleidern bedeckte Eselin ritt, zeigte der Herr bildlich und tatsächlich allen Menschen an, daß sie geistig dasselbe tun sollten und allein auf die fruchtbare wahre Liebe aus ihrer Demut heraus halten sollten; dann wird sie der Herr frei machen von aller Welt und wird sie mit Kleidern der wahren Weisheit bekleiden, und Er Selbst wird sie also führen, wie sie Ihn trägt, solche Liebe nämlich, in ihrem Herzen und auf dem Rücken ihrer Demut.
[Ste.01_015,21] Aber nicht Pferde, Elefanten, Kamele, Löwen, Panther und Tiger soll der Mensch reiten; oder auf deutsch: Nicht nach Erkenntnissen und nach Gelehrtheit und Weisheit soll der Mensch jagen – denn das alles ist Frucht des Erkenntnisbaumes –, sondern in der wahren Liebe und Demut soll der Mensch des Herrn harren! Und wenn es zur rechten Zeit sein wird, wird der Herr kommen und wird ihn frei machen und wird segnen dann den Baum der Erkenntnis; oder die Eselin wird mit den Kleidern belegt, und der Mensch wird dann von diesem gesegneten Baume alle Frucht der wahren Weisheit für Ewigkeiten genießen können.
[Ste.01_015,22] Nun frage Ich, ob das Licht dieses Textes für unsere Sache paßt oder nicht! – Ich meine, die Sache ist mit Händen zu greifen; aber darum dennoch nächstens um eine Zentralsonne weiter!

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