8. Kapitel – Erneute Liebe zum Leben. Rachedurst wandelt sich in Vergebungsgedanken. Neuer Blitz und bleibende Helle.
[RB.01_008,01] Spricht Robert weiter: „Oder, oder? Sonderbarer Einfall! Sollten etwa diese zwei Blitze bloß in meiner Phantasie vorgekommen sein und zeigen vielleicht an, daß es mit mir nun bald völlig zu Ende gehen werde? Ja, es kann auch sowas sein. Denn da ich nun angefangen habe, dies armselige Leben ein wenig liebzugewinnen, wird es sicher bald zu Ende sein mit ihm! Man rufe nur den Tod, da kommt er sicher nicht. Fürchtet man ihn aber und wünscht von ganzem Herzen, daß er noch lange ausbleiben möchte, da kommt er sicher am ehesten! Daher muß ich wieder meine baldigste volle Vernichtung mit all meinen noch vorhandenen Kräften begehren, dann darf ich völlig sicher sein, daß mich der wahre Tod noch nicht gar zu bald am Kragen haben wird!
[RB.01_008,02] Wahrlich, das ist ein guter, alter Spruch: ,Wer das Leben liebt, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verachtet, der wird es erhalten!‘ – Bei mir ist das nun schon einmal der Fall gewesen. Denn nur aus Lebensverachtung habe ich aus Liebe zu allen meinen deutschen Brüdern mich in die größten Gefahren begeben und wurde da höchstwahrscheinlich doch durch Pulver und Blei hierher befördert! Aber ich, Robert Blum, lebe!
[RB.01_008,03] Freilich bin ich jetzt noch ohnmächtig. Aber es sagt mir ein inneres Gefühl: Robert, du wirst bald stark und mächtig werden, dein Blut zu sühnen an diesen gemeinen Mördern und Henkern! Ja, ja, Robert, du wirst wieder stark werden! Als du auf der Erde lebtest, da warst du einfach in dir selbst zu Hause. Nun aber lebst du in Millionen Herzen deiner Brüder und lebst in dir selbst auch noch in der Wirklichkeit! Daher zage nicht, Robert! Du wirst noch sehr stark und mächtig werden!
[RB.01_008,04] Freilich wäre es besser, wenn ich jetzt schon stark wäre, wo sich noch mein Zorn und Rachedurst in vollster Glut befindet. Aber so sich etwa nach und nach in dieser Nacht meine Rache legen sollte und ich darauf erst erstarken soll, da bleibe ich schon lieber in meiner gegenwärtigen Schwäche und will an meiner Statt das Fatum walten lassen.
[RB.01_008,05] Es ist überhaupt merkwürdig, daß ich nun meinen doch gerechtesten Zorn und mein Rachegefühl nicht halten kann! Es wandelt sich manchmal ganz in eine Art großmütiger Vergebung, was mich sehr ärgert. Aber wenn ich die Sache recht fasse, ist das doch eigentlich wieder echt deutsch! Nur der Deutsche kann vergeben. Und das ist eine herrliche Tugend, die den edelsten Seelen nur eigen ist!
[RB.01_008,06] Wer kann zu seinem Mörder sagen: ,Freund, du hast Übles an mir getan, aber ich vergebe es dir vom Grunde meines Lebens!‘ Das kann Robert! Ja, Robert kann es nicht nur, er tut es auch! – Bruder Alfred, der du mich hast schändlich ermorden lassen, ich vergebe es dir und will an dir ewig keine Rache nehmen, und könnte ich es auch tausendfach tun! – Ja, höre es ganz Deutschland: Robert Blum hat seinem und also auch deinem Feinde die Untat vergeben!
[RB.01_008,07] Ah, nun ist mir auf einmal leichter! Hm, ich bewundere selbst meine Größe, das ist ein großes Labsal für mich! Zwar sagt die Mythe das ebenso von dem großen Völkerlehrer, der auch am Kreuz seinen Feinden alle ihre Untaten vergab. Aber in ihm war sicher auch eine echt deutsche Seele zu Hause, sonst wäre er solcher Charaktergröße kaum fähig gewesen. Denn den Orientalen ist so eine Großmut wohl nie zu eigen gewesen. Ja, ja, der große Lehrer Jesus war auch ein Deutscher!“
[RB.01_008,08] Bei Nennung des Namens Jesus fährt wieder ein mächtiger Blitz vom Aufgang bis zum Niedergang und läßt nach dem Untergange einen leichten, bleibenden Schimmer eines eigentümlich grauen Leuchtens zurück, was unsern Robert sehr befremdet, da er nun schon wieder mit seiner früheren Gewittererwartung sozusagen ganz breitgeschlagen ist.
9. Kapitel – Alle Weltweisheit ist eitel. Jesus legt Seinen Jüngern den Glauben ans Herz.
[RB.01_009,01] Aufmerksam betrachtet er den nachhaltigen Schimmer und weiß nicht, was er daraus machen soll. Nach einer Weile kommt er wieder zu sich, fängt wieder nüchterner über diese Erscheinung zu denken an und sagt sich:
[RB.01_009,02] „Es ist am Ende doch noch ein Wetter, dessen Gewölk sich nun nach dem dritten Blitz auf einer Seite ein wenig zu lichten anfängt. Nur eines geht mir dabei nicht so ganz ein, daß ich erst jetzt klar gewahr werde, wie ich mich gleich einem Vogel in freier Luft oder im freiesten Äther ohne alle Unterlage befinde. Solch ein Zustand hätte in der früheren Nacht wohl noch als Gefühlstrug angenommen werden können; aber nun ist es kein Trug mehr, sondern volle Wahrheit.
[RB.01_009,03] Jetzt wird mir wohl klar, daß ich dem Leibe nach wirklich gestorben bin, da man doch unmöglich annehmen kann, daß sich ein schwerer Leib so lange frei im Luft- oder Ätherraume halten könnte. Aber außer mir, weder unter mir noch über mir ist nirgends etwas Gegenständliches wahrzunehmen. Ich muß mich sonach sehr ferne von irgendeinem Weltkörper befinden. Hm, sonderbar!
[RB.01_009,04] O Hegel, o Strauß, o Ronge! Eure Weisheit scheint hier stark Schiffbruch zu leiden. Wo ist eure allgemeine Weltseele, in die nach des Leibes Auflösung der Mensch übergehen soll? Wo ist der im Menschen auftauchende Gott und wo sein Sich-seiner-selbstbewußt-Werden im Menschen? Ich bin gestorben und bin nun hier ganz in der ohnmächtigsten Alleinheit, die sich nur irgendwie denken und vorstellen läßt. Da ist keine Spur von irgendeiner auftauchenden Gottheit und ebensowenig irgendein Übergang meines Wesens in das allgemeine Weltseelentum wahrzunehmen.
[RB.01_009,05] O ihr eingebildeten menschenfreundlichen Weltweisen! Von solch einem Befinden nach des Leibes Tod habt ihr wohl noch nie die leiseste Ahnung gehabt. Kurz und gut, ihr habt mich betrogen und werdet noch viele betrügen. Aber es sei euch alles vergeben, da ihr ja auch Deutsche seid! Wüßtet ihr etwas der Wahrheit Gemäßeres, so würdet ihr es euren Jüngern sicher nicht vorenthalten haben! Aber da ihr dessen nicht fähig seid, so gebet ihr, was ihr habt, und das ist wenigstens redlich gehandelt.
[RB.01_009,06] Freilich nützt dem Menschen hier eure Redlichkeit gar nichts. Aber das macht auch nichts, da es im Grunde genug ist, die Menschheit bloß irdisch-materiell in einer gewissen Ordnung zu erhalten. Was aber das oft bezweifelte Leben nach dem Tode betrifft, so braucht es da sicher keine Gesetze mehr. Denn welche Verpflichtungen könnten mir noch obliegen? Sicher keine anderen, als die eines Wölkchens in der Luft, das die Winde treiben. Hätte ich nun auch die Weisheit Salomos und die Stärke Goliaths, wozu wohl könnten sie mir dienen?
[RB.01_009,07] Darum wäre es wahrlich besser, in dem finstersten Aberglauben Roms zu sterben, da man wenigstens im blinden Glauben seinen Leib ablegte, nach dessen Abfall entweder gut oder schlecht der Seele nach fortzuleben. Besser, als daß man als Rongeanischer Puritaner mit dem Tod alles Leben für ewig zu verlieren wähnt und sich somit vor dem Tod auch gräßlich fürchten muß. O Himmel! Lieber ewig in dieser wesenlosen Leere schmachten, als noch einmal solch eine Todesangst auszustehen!
[RB.01_009,08] Darum, ihr Lehrer, lehret eure Jünger glauben! Und sie werden glücklicher sterben, als ich mit all meiner Vernunftstärke gestorben bin. Nun wird mir auch klar, warum der große Meisterlehrer seinen Jüngern stets nur den Glauben ans Herz legte!“
10. Kapitel – Gute Gedanken über Jesus. Der Glaube an die Unsterblichkeit und an einen Gott der Liebe wächst.
[RB.01_010,01] Spricht Robert weiter: „Dieser weiseste Lehrer der Völker ward gleich mir aus dem Schoße dürftiger Eltern zur Welt geboren. Er muß sich höchstwahrscheinlich nur mühsam unter allen möglichen Entbehrungen auf den Standpunkt der höchsten moralischen Weisheit gehoben haben, wobei er sich seitens der verschrobenen jüdischen Priesterherrschaft sein ganzes Leben hindurch auch noch manche Verfolgungen hat gefallen lassen müssen. Es mußte für ihn enorm schwer gewesen sein, sich unter den hartnäckigsten Mosaisten und Aaroniten, in deren Köpfen und Herzen eine finstere Nacht zu Hause war, zu solcher Weisheit emporzuschwingen.
[RB.01_010,02] Wahrscheinlich ist er einmal als armer Teufel entweder mit seinen ebenso armen Eltern oder mit einer andern Karawane nach Ägypten gekommen und hat dort durch seine angeborenen Talente die Aufmerksamkeit irgendeines großen Weisen auf sich gezogen. Der nahm ihn dann in seine Schule und weihte ihn in alle Geheimnisse der tiefsten Weisheit ein, mittels deren weiser Anwendung er dann bei seinen dümmsten Landsleuten die größte Sensation erregen mußte. Oder er kam in die Schule der Essäer, die damals die Quintessenz aller Weisheit besaßen. Wodurch er dann natürlich auch vor den blinden Juden nahe als ein Gott dastehen mußte, der armen Menschheit zum größten Troste, wennschon der überreichen und hochmütigen Priesterschaft zum größten Arger!
[RB.01_010,03] Es lacht mir noch jetzt das Herz, wenn ich daran denke, wie er bei den verschiedensten Anlässen die gesamte hohe Priesterschaft manchmal auf eine Art zurechtgewiesen hat, daß sie darob nicht selten vor Ärger hätte zerbersten mögen. Leider ward er am Ende ein Opfer seines zu großen Mutes und der allzu tückischen Niederträchtigkeit der mit Gold und Edelsteinen verbrämten Tempelbestien.
[RB.01_010,04] Aber – erging es mir etwa besser? O nein! Auch ich bin ein Märtyrer für meine edelsten Bestrebungen geworden. Ich wollte die Menschheit von den alten Sklavenketten befreien, und mein Lohn dafür war der schnödeste Tod. Es ist wahrlich rein des Teufels um die gesamte Menschheit! Ihre größten Freunde tötet sie, und ihren abgefeimtesten Feinden bringt sie Triumphzüge unter Musik- und Fackelglanz!
[RB.01_010,05] Aber nun bin ich von allem erlöst, und zwar mit dem überzeugenden Bewußtsein, daß es allen großen Völkerwohltätern nicht um ein Haar besser ergangen ist als mir, der ich trotz meines guten Willens doch noch lange kein Jesus bin!“
[RB.01_010,06] Bei der Nennung dieses Namens fährt schon wieder ein mächtiger Blitz, und zwar diesmal sehr nahe an Robert vorüber. Er hinterläßt nun schon eine Art Abenddämmerung wie auch gegen Abend hin etwas von einer dunstigen Gegend, so daß unser Mann nun seine ganze Form recht gut erkennen kann, ohne dabei seinen freiesten Zustand in der Luft zu verlassen.
[RB.01_010,07] Obschon ihn der Blitz auch diesmal sehr überrascht, so erschrickt er nicht mehr davor, sondern fängt sogleich mit Ruhe darüber nachzudenken an und spricht bei sich: „Wahrlich, im höchsten Grade merkwürdig! Nun fuhr der Blitz mir ja sozusagen durch den Leib, und ich empfand dabei nichts als zum ersten Mal ein ganz überaus wohltuendes Lüfterl und fühle mich nun darauf ganz außergewöhnlich gestärkt! Und sein noch stärkerer Lichtschimmer tut meinem Herzen und meinen Augen um so mehr wohl. Auch darf ich, wie mir vorkommt, gegen Abend eine Art sehr dunstiger Gegend erschauen, – was mich um so mehr überzeugt, daß ich ernstlich in der freien Luft schwebe. Auch kann ich nun meine Füße, Hände, und auch meine Kleidung, wie ich sie am Richtplatz anhatte, gut ausnehmen.
[RB.01_010,08] Oh, wer auf der Erde würde nicht über Hals und Kopf zu lachen anfangen, wenn man ihm sagte, daß nach dem Abfall des Leibes nicht nur die Seele unter der früheren irdischen Menschengestalt, sondern auch im vollsten Ernste des Leibes Kleidung unsterblich ist!?
[RB.01_010,09] Der große Shakespeare hatte wahrlich recht, da er sagte: ,Zwischen Mond und Sonne geschehen Dinge, von denen sich die menschliche Weisheit noch nie etwas hat träumen lassen.‘ Und zu diesen Dingen gehört die Unsterblichkeit irdischer Leibeskleidungen! Dabei scheint eine ganz sonderbare Fügung obzuwalten, gerade mein Siegeskleid, das Kleid der höchsten Schande in den Augen meiner Feinde, wurde mit mir erhöht zur höchsten Freiheit! Ja, das kann nur ein liebevollster und gerechtester Gott so fügen! – Nun glaube ich aber auch, daß es einen wahrhaftigen Gott gibt, der es ewig nicht nötig hat, erst bei Hegel und Strauß anzufragen, ob Er da sein darf und kann.
[RB.01_010,10] Sonderbar aber kommt es mir doch vor, daß es, sooft ich den Namen des großen Morgenländers nannte, ebensooft geblitzt hat! Sollte etwa auch an seiner mehr als menschlichen Gottessohnschaft doch im Ernst etwas Wahres sein?
[RB.01_010,11] Wenn Röcke sogar unsterblich sind, da kann es mit Jesus – aha, hat richtig wieder geblitzt, und das stärker nun als die früheren Male! – Sonderbar!!“
11. Kapitel – Weitere Ehrfurchts- und Sehnsuchtsgedanken für Jesus. Die Lichtgegend rückt näher.
[RB.01_011,01] Spricht Robert weiter: „Sollte auch er etwa, gleich mir, sich irgendwo hier befinden und verkehrt nun mit mir, als einem Mann ungefähr seinesgleichen, auf diese ganz unschädliche elektrische Art und Weise? Ja, ja! Denn er soll besonders in der ägyptischen Magie, hauptsächlich durch die Kenntnis der innersten Naturkräfte, einer der erfahrensten Männer gewesen sein. Woraus auch seine sogenannten Wundertaten sehr wohl zu erklären sein dürften, – besonders wenn die dümmsten Osmanen die große Bibliothek zu Alexandria nicht verbrannt hätten.
[RB.01_011,02] Ja, ja, wie mir meine Hegelsche und Rongeanische Weisheit geblieben ist, so ist auch ihm sein großer Weisheitsschatz verblieben, mit dessen unschätzbarer Hilfe er mir nun durch Blitze kundtut, daß er sich in meiner Nähe befindet und vielleicht ebenso den Wunsch hat, in dieser Leere irgendein Wesen zu treffen. Es muß kein Spaß sein, mit dem gewecktesten Geiste der Welt 1800 und dazu noch etliche 40 Jahre sich bloß mit seiner höchsteigenen Gesellschaft begnügen zu müssen. O edelster, bester und größter Menschenfreund! Wohl bin ich deiner Größe gegenüber nicht wert, dir die Schuhriemen zu lösen, aber was nützt hier alle irdische Größe? Da verschwindet wahrlich aller Glanz und alle irdische Berühmtheit!
[RB.01_011,03] Dein Name, und für die Folge auch der meinige werden wohl noch lange auf der Erde gerühmt und bewundert werden; aber was haben wir beide davon? Wir können hier in der endlosen Leere bloß durch eine Art elektrischer Blitztelegraphen andeuten, daß wir beide uns hier, vielleicht nicht gar zu ferne voneinander befinden.
[RB.01_011,04] Wäre es doch möglich, daß wir uns einander nahen könnten, wahrlich unsere Gesellschaft genügte uns für ewig! Zwei große, in allem höchst verwandte Seelen würden wohl für ewig nie des herrlichsten Gesprächsstoffes ermangeln und sich auf die anziehendste Weise die Zeit oder auch die Ewigkeit verkürzen und köstlich würzen! Aber was nützt da der beste Wunsch. Wer soll, wer kann ihn verwirklichen?
[RB.01_011,05] So wie wir beide schweben vielleicht noch zahllose andere Wesen. Die Weltkörper waren vielleicht ursprünglich auch das, was wir nun sind? Nach Trillionen von Erdjahren haben sich zahllose Atome um sie angesammelt. So sind aus ihnen am Ende ganze Weltkörper entstanden, in deren Mitte noch dieselben Geister oder Seelen wohnen, um die sich durch die Ansammlung ganze Welten gestaltet haben!
[RB.01_011,06] Vielleicht bist du, mein großer Freund, auch seit nahe 2000 Jahren schon so ein kleines Kometchen geworden und kannst aus deiner eigenen Dunstsphäre schon Blitze erwecken? Es wird bei mir noch sicher viel Geduld brauchen, bis ich einmal nur einige Meter Dunstatmosphäre um mich angesammelt haben werde. Vielleicht werde ich einmal, wenn du schon ein reifer Planet sein wirst, ein Trabant von dir sein? Oder so du etwa gar zu einer Sonne wirst nach vielen Dezillionen Erdjahren, kann ich vielleicht dein allernächster Planet wie Merkur werden!
[RB.01_011,07] Das sind wohl freilich sehr weit hinausgeschobene Hoffnungen; aber was kann man dagegen tun? Nichts, als alles in Geduld abwarten. Hier im Reich der Ewigkeit muß man sich auch mit ewigen Hoffnungen trösten, will man vor entsetzlicher Langeweile nicht in die barste Verzweiflung übergehen.
[RB.01_011,08] Aber da sieh! Jene dunstige, sonderbare Gegend tief unter mir wird nun etwas heller, und es scheint auch, als ob sie mir näher käme. O das wäre sehr scharmant! Das ist schon so, wie ich es mir früher gedacht habe.
[RB.01_011,09] Mein großer Freund Jesus – aha, hat schon wieder geblitzt! Allein das macht nichts! – Was habe ich eigentlich sagen wollen? Mein großer Freund, der wahrscheinlich schon zu so einer kleinen Kometwelt angewachsen ist, hat meinen sehnlichsten Wunsch vernommen und bietet nun alles auf, um zu mir zu kommen. Da wird er mich sicher zu ihm in seine junge Weltmitte ziehen, wird auf diese Art die Anziehungskraft der äußern Ätheratome verstärken und somit desto eher und leichter zu einer Vollwelt anwachsen. Ja vielleicht hat er auch schon eine größere Menge ihm verwandter Wesen um sich? Das kann sehr leicht sein, denn Wesen wie ich hat es schon so manche gegeben.
[RB.01_011,10] Kann er mich nun anziehen, so hat er auch alle seine Nachfolger, die vor mir den wahren Kreuzweg durchgemacht haben, auf eine gleiche Weise angezogen! Und so könnte ich nun auch schon eine ganz große Gesellschaft um ihn antreffen? Wäre das der Fall, welch ein Vergnügen wäre das für mich!
[RB.01_011,11] Aus dieser Sache scheint einmal doch ernstlich etwas werden zu wollen. Die sonderbare Gegend kommt mir stets näher und wird dabei auch stets etwas heller und deutlicher. Ich nehme nun schon wirklich etwas aus, das ungefähr einem kleinen Berg gleichsieht, umgeben mit mehreren Hügelchen! Gott Lob, auf diese Art komme ich vielleicht doch mit der rechten Geduld endlich einmal auf irgendeinen festeren Grund!“
12. Kapitel – Ein Mensch erscheint in der Lichtgegend. Ist es Jesus? Roberts Freude in Erwartung des Ersehnten.
[RB.01_012,01] Spricht Robert weiter: „Mein Herz, freue dich! Denn die Gegend ist schon recht nahe an mich herangekommen. Und da sehe ich ja auch etwas wie einen Menschen auf dem kleinen Berg stehen, der mir zu winken scheint!
[RB.01_012,02] Am Ende ist das gar der gute Jesus selbst? Ja, ja, er ist es leibhaftig! Denn nun sah ich klar, wie bei der Nennung seines Namens gerade von ihm ein starker Blitz in der Richtung gegen mich herfuhr. Oh, das wird endlos scharmant sein, mich in der Gesellschaft desjenigen Geistes zu befinden, dessen Größe und unübertreffliche Weisheitstiefe ich so oft über alles bewundert habe!
[RB.01_012,03] O ihr armen, dummen Menschen auf der Erde, die ihr euch wegen irdischer Güter und wegen einer sogenannten höheren Geburt für besser haltet, als da sind viele Tausende der armen Brüder und Schwestern, die ihr nur unter dem Namen Canaillen kennt! Ich rufe euch zu, daß ihr alle zusammen nicht wert seid, statt eures Gehirnes den Dreck eines der armen Brüder in eurem edlen Kopfe herumzutragen! Hättet ihr einen so schalen Gehirnkasten, da hättet ihr doch wenigstens eine Ahnung von dem, wie es hier ist!
[RB.01_012,04] Hierher kommt, ihr großen, mehr als zur Hälfte toten Esel. Hier werdet ihr es erst kennenlernen, was ihr seid, was eure Geburt, was eure Ahnen, was euer Gold! Wahrlich, kein Teufel wird euch aus eurer finsteren Verbannung befreien! Denn die, welche die Gottheit euch zu Rettern sandte, habt ihr, von Abel angefangen, allezeit gefangengenommen und grausamst ermordet. Aber nun rufe ich es laut über euch aus:
[RB.01_012,05] Eure arge Zeit ist am Rande! Bald werdet ihr alle hier sein und vielleicht nach euren stolzen Ahnen fragen. Aber der ewige, finstere Raum um euch wird auch ewig antwortleer verbleiben! Aus euch wird die Gottheit wohl schwerlich je ein Schneckenhaus, geschweige eine Welt bauen! Aber Gott tue, was Er will! Ich aber bin nun über die Maßen froh, daß mir mein allerliebster Freund samt der stets helleren Gegend schon so nahe ist, daß ich ihn beinahe schon anreden könnte! Gott Lob für diese Bescherung!“
13. Kapitel – Roberts Anruf. Jesu Kommen. Die abgeschiedene Seele findet wieder einen festen Grund.
[RB.01_013,01] Spricht Robert weiter: „Stets näher kommt diese sonderbare Gegend heran! Der eine Berg, auf dem der Groß-Meister der herrlichsten Moral steht, ist ziemlich von Bedeutung. Er dürfte einige hundert Fuß Höhe haben und ist auf der einen Seite recht felsig und schroff. Aber die anderen Hügelchen um ihn könnte man sehr leicht bloß nur für etwas bedeutendere Sandhaufen halten, von denen die größten wohl kaum dreißig Fuß Höhe haben dürften. Auch die Beleuchtung dieser Hügelgegend ist sonderbar. Man sieht die Hügel auf eine Art, als wären sie mit Phosphor überzogen. Aber ihre Füße und die dazwischen vorkommenden Täler und Ebenen ersieht man durchaus nicht. Man gewahrt nur einen Dunst, der ein sonderbares dunkelgraugrünes Aussehen hat und kann durchaus nicht ausnehmen, wie weit über diese kleine Hügelgegend er sich etwa hinaus erstreckt.
[RB.01_013,02] Ich meine, so werden wohl alle sich neugestaltenden Weltkörper aussehen, bevor sie als unscheinbare Kometen ihre Laufbahn um eine Sonne beginnen? Diese Hügel werden unten wohl irgendeine Verbindung haben. Aber wie? Das wird der einzige Bewohner, der einstige Groß-Meister der reinsten Moral wohl am allerbesten wissen! Er ist nun schon ganz nahe und würde mich vielleicht vernehmen, so ich an ihn einen recht kräftigen Ruf richtete. Gelingt es mir, so wird es natürlich sehr gut für mich und vielleicht auch für ihn sein. Habe ich aber vergeblich gerufen, nun, so wird das wohl sicher nicht mein letzter vergeblicher Ruf sein!“
[RB.01_013,03] Nach diesen Worten macht Robert sich mittels beider Hände ein Faustsprachrohr, holt tief Atem und schreit darauf mit allen Kräften:
[RB.01_013,04] „Jesus, du großer Meisterlehrer aller Völker der Erde! So du der bist und so du meine Stimme vernimmst, so komm zu mir her mit deiner jungen Erde! Fürwahr, an mir sollst du deinen größten Verehrer finden! Ich schätze dich wegen deiner schlichten und dennoch größten Weisheit, mit der du alle deine Vorgänger und Nachfolger himmelhoch überragst. Ferner schätze ich dich, weil unser beider irdisches Los nahe ein ganz gleiches war. Und endlich schätze ich dich überaus hoch, da du der erste warst und noch bist, der mir in diese meine unausstehliche Finsternis das erste Licht gebracht hat; weshalb ich dir auch ewig dankbar verbleiben werde.
[RB.01_013,05] Wenn du der mir so überteure Jesus bist, da komme! O komm zu mir und laß uns einander gegenseitig trösten! An mir soll es nicht fehlen, dich nach Möglichkeit zu trösten. Desgleichen bin ich auch von dir im voraus fest überzeugt, daß du mit deiner großen Weisheit mir sicher den größten Trost geben wirst. O komme mein geliebter Freund und Leidensgefährte!
[RB.01_013,06] Du Meister der Liebe, der du die Liebe zum einzigen allumfassenden Gesetz machtest! So dir deine große Liebe geblieben ist wie mir, so komme mir mit deiner Liebe entgegen, die du selbst gelehrt hast! Und mit dieser Liebe will ich auch dir für ewig entgegenkommen!“
[RB.01_013,07] Nach diesem sehr kräftigen Anruf bewegt sich die kleine schimmernde Hügelwelt schnell unter die Füße unseres Mannes hin. So zwar, daß er – zum ersten Male nach seinem gewaltsamen Übertritt – gerade an Jesu rechter Seite auf dem höchsten Berge wieder festen Grund mit seinen Füßen faßt.
14. Kapitel – Anrede Roberts an den Herrn. Jesu Antwort. Eine wichtige Lebensfrage.
[RB.01_014,01] Als Robert nun da fest vor Mir steht, betrachtet er Mich vom Kopfe bis zu den Zehenspitzen und findet in Mir richtig und ganz unverkennbar den Jesus, den er da zu finden glaubte. Und zwar im selben dürftigen Anzug und auch mit den Wundenmalen, wie er sich seinen Jesus gar oft in seiner Phantasie ausgemalt hatte.
[RB.01_014,02] Nachdem er Mich eine Weile ganz stumm betrachtet hat, beginnen ihm Tränen aus seinen Augen zu rollen. Und er spricht nach einiger Fassung voll des innigsten Mitleids:
[RB.01_014,03] „O du lieber, du größter Menschenfreund, der du Herz genug hattest, sogar deinen grausamsten Henkern die schändlichste Unbill, die sie an dir begingen, von ganzem Herzen zu vergeben! Und das bloß darum, da du aus deiner Menschengröße ihre sicher totalste Blindheit als den gültigen Entschuldigungsgrund annahmst!
[RB.01_014,04] Aber wie hart muß dabei die Gottheit, dein so oft über alles gelobter und angebeteter Vater sein, wenn Er irgendwo ist, – daß Er dich, den edelsten, vollkommensten und besten aller Menschen nun schon nahe 2000 Jahre in dieser finsteren Leere herumschweben läßt: in derselben dürftigsten Armseligkeit, in der du von Kindheit an zum reinsten und alleredelsten Menschenfreund heranwuchsest!
[RB.01_014,05] O du, mein bester und aller Liebe würdigster Meister Jesus! – Wie sehr bedauere ich dich und liebe dich auch andererseits deiner bis jetzt noch gleichen Armseligkeit wegen! Denn wärest du mir in einem nur zum Teil seligen Zustand entgegengekommen, so hätte es mich wahrlich geärgert, daß ein Geist wie du nach dem Abfall des Leibes nicht sogleich zur höchsten Auszeichnung gelangen soll, wenn es eine gerechte, vergeltende Gottheit gibt!
[RB.01_014,06] Aber da ich dich hier noch gerade so antreffe, wie du die Erde verließest, scheinen die Verhältnisse ganz andere zu sein, als wir sie uns vorstellen. Darum erscheint unser Zustand nach Ablegung des Leibes als eine in sich bedingte Notwendigkeit, durch die wir erst nach weiten Zeitläufen das verwirklichen können, was in unserem Erkenntnis- und Begehrungsvermögen als Grundlage unseres Seins gegeben ist.
[RB.01_014,07] Von diesem Standpunkt aus erscheint dein und mein gegenwärtiges Sein freilich noch immer sehr bedauernswürdig, weil die Verwirklichung dessen, was wir als Erkenntnisse in uns zur klaren Vorstellung gebracht haben, weit hinter der Macht unseres Willens liegt. Allein, um die werdende Verwirklichung unserer Vorstellungen mit der Schwäche unseres Willens zum Ausgleich zu bringen, besitzen wir in unserem Gemüte zum größten Glück etwas, das wir im bürgerlichen Leben Geduld nennen. Diese wird freilich manchmal auf eine Probe gestellt, von der wir beide uns sicher manches werden zu erzählen wissen!
[RB.01_014,08] Liebster Freund, ich habe dir nun so gut als möglich mein wahres Bekenntnis abgelegt. Nun gib auch du mir kund, was du nun von unserem noch sehr mißlichen Zustand hältst? Durch gegenseitige Mitteilung werden wir uns wohl eine lange Zeitenfolge erträglicher machen. Sei demnach so gut, edelster Menschenfreund, und öffne vor mir deinen für mich heiligsten Mund!“
[RB.01_014,09] Rede Ich (Jesus), Robert die Hand reichend: „Sei Mir vielmals gegrüßt, Mein lieber, teurer Leidensgefährte! Ich sage dir, sei froh, daß du Mich gefunden hast und kümmere dich ums Weitere gar nicht. Es ist genug, daß du Mich liebst und nach deinen Erkenntnissen für den edelsten und weisesten Menschen hältst. Alles andere lasse von nun an ganz Mir über. Ich gebe dir die heiligste Versicherung, daß am Ende alles, mögen uns was immer für Begebnisse noch entgegenkommen, gewiß überaus gut ausgehen wird. Denn Ich habe hier in dieser Einsamkeit alles durchdacht und kann dir mit größter Bestimmtheit sagen, daß Ich im Gebrauch der dir am schwächsten vorkommenden Willensmacht es so weit gebracht habe, daß Ich, so Ich es will, alles ins Werk setzen kann, was Ich nur immer Mir denke und vorstelle. Daß Ich aber dir hier so verlassen und einsam vorkomme, davon liegt der Grund bloß in deiner für diese Welt noch unvollkommenen Sehe. Wird diese mehr und mehr gestärkt durch deine Liebe zu Mir, so wirst du auch bald einsehen, wie weit Meine Willenskraft zu reichen imstande ist.
[RB.01_014,10] Aber abgesehen von all dem, was du zu Mir gesprochen hast und Ich nun zu dir geredet habe, richte Ich erst eine bedeutungsvolle Frage an dein Gemüt, die du Mir ohne Rückhalt getreu zu beantworten hast, und zwar gerade so, wie es dir ums Herz ist.
[RB.01_014,11] Diese Frage aber lautet: Siehe, liebster Freund und Bruder, du hast auf der Erde einen redlichen Sinn gehabt, nämlich deine Brüder von dem übermäßigen Druck ihrer harten und herzlosen Regenten zu befreien. Obschon du dazu eben nicht die tauglichsten Mittel erwählt hast, sehe Ich da allein auf den Zweck und weniger aufs Mittel. Wenn dieses nur kein grausames genannt werden kann, dann ist es vor Mir auch schon recht und billig. Aber so viel Mir bekannt, bist du auf halbem Wege zur Verwirklichung deines guten Zweckes von deinen Feinden ergriffen und bald darauf hingerichtet worden. Daß dich dieses traurige Begebnis bis in dein Innerstes zornsprühend muß ergriffen und mit einer billigen Rachegier dein Herz erfüllt haben, finde Ich so natürlich, daß sich darob gar nichts einwenden läßt! Wenn du aber nun jenen österreichischen Feldherrn, der dich selbst zum Tod verurteilte, unter deine nun schon mächtig gewordenen Hände bekämst und nebst ihm auch alle seine Helfershelfer: sage Mir ganz getreu, was wohl würdest du mit ihnen tun?“
15. Kapitel – Gute Antwort Roberts. Fromme Wünsche.
[RB.01_015,01] Spricht Robert: „Edelster Freund! Daß ich im Augenblick, als dieser aller Menschenliebe ledige Wüterich mich dem abgefeimtesten Verbrecher gleich behandelte, in größte Zorn- und Rachewut geriet – das, glaube ich, muß ein jeder billig denkende Geist gerecht finden. Aber nun ist bei mir Verzeihung schon lange eingetreten. Ich wünsche daher für diesen Blinden wahrlich nichts anderes, als daß er sehend würde und erkennen möchte, ob er an mir recht oder unrecht gehandelt hat.
[RB.01_015,02] Hätte er mich wahrhaft totmachen können, dann hätte ich wohl ohnehin nie auf Rache sinnen können. Da er mich aber eigentlich buchstäblich lebendiggeschossen hat und mir weiter wohl kein Leid mehr tun kann, und ich eigentlich nun schon um vieles glücklicher bin als er in all seinem herrschsüchtigen Wahne, – so kann ich ihm um so leichter alles vergeben. Auch hatte er eigentlich dem Äußeren nach bei weitem mehr Grund, mich als ein ihm gefährlichst vorkommendes Objekt aus dem Wege zu räumen, als einst zu deiner Zeit die überargen Hohenpriester Jerusalems Grund hatten, dich, meinen liebenswertesten Freund, schändlichst und über alle Maßen grausam aus der Welt zu schaffen!
[RB.01_015,03] Konntest du, mein edelster Freund, sogar mit voller Empfindung aller Marterschmerzen deinen Peinigern vergeben, um wieviel mehr ich, der ich doch im Grunde nichts empfunden habe, das ich als einen wirklichen Marterschmerz bezeichnen könnte.
[RB.01_015,04] Daher könnte mein irdischer Großfeind nun auch vor mir erscheinen, und ich würde zu ihm nichts sagen, als was du bei deiner Gefangennahme im Garten Gethsemane zu Petrus sagtest, als er dem Knechte Malchus ein Ohr abhieb.
[RB.01_015,05] Wenn es im ewig unermeßlichen Raume ein allgerechtes Gottwesen gibt, so wird dieses ihn schon ohnehin den Lohn finden lassen, den er um mich und noch um viele andere verdient hat. Sollte es aber, was ich nun kaum mehr glaube, kein solches Gottwesen geben, so wird ihn die spätere Geschichte richten, ohne daß ich es nur im geringsten zu wünschen brauche.
[RB.01_015,06] Wenn ich dir aber einen kleinen Wunsch meines Herzens vortragen darf und es in deiner Macht steht, ihn zu verwirklichen, so empfehle ich dir zuerst meine arme Familie, d.i. mein liebes Weib und meine vier Kinder! Dann aber alle guten Menschen, die eines redlichen Herzens und Sinnes sind! Die reinen Selbstsüchtler aber, die alles getan haben, um für sich und ihre Nachkommen auf Unkosten der gesamten andern Menschheit im vorhinein zu sorgen, lasse dahin gelangen, daß sie auch noch auf der Erde schmecken, wie es denen geht, die von solchen Reichen abhängend von heute auf morgen leben müssen! Doch sei auch das durchaus als kein Begehren betrachtet, denn ich für mich finde an dir für alles auf Erden Erlittene und Verlorene die hinlänglichste Entschädigung!“