Peter Eppich

 
Jakob Lorber
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Der Saturn, 4. - 7. Kapitel

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4. Kapitel – Der Trichterbaum, der Pyramidenbaum und der Spiegelbaum.

[Sa.01_004,01] Als sechste Art der Bäume auf dem Saturn ist zu benennen der sogenannte Trichterbaum, Kibra genannt. – Dieser Baum hat einen bei drei Klafter im Durchmesser dicken Stamm mit einer ebenfalls sehr glatten Rinde, die von bläulicher Farbe ist. Am Ende des bei zwanzig Klafter hohen und durchweg gleich dicken Stammes breiten sich nach allen Seiten, nach eurer Rechnung in einem Winkel von 45 Graden, bei zehn Klafter lange, gerade Äste aus. Diese haben nach links und rechts, gleich den Fichtenzweiglein bei euch, parallele Ausläufer, die, je weiter sie vom Stamm entfernt sind, auch desto länger und breiter werden. Diese Ausläufer sind eigentlich nichts als Zweige und zugleich Blätter dieses Baumes. Am Ende der Äste sitzt die Blüte und hernach auch die Frucht. Und da hat ein solcher Baum nicht mehr Früchte als gerade so viel, wie er Äste hat.
[Sa.01_004,02] Das Merkwürdige bei diesem Baum ist seine Blütezeit. Denn bevor er die Blüte getrieben hat, wird er am Ende aus sich selbst brennend, jedoch nur mit einem kalten Feuer, welches dem der Leuchtwürmer und dem des faulen Holzes gleicht, nur mit dem Unterschied, daß dieses Vorblütefeuer bei weitem heller leuchtet denn das erwähnte, auf eurer Erde vorkommende. Ein besonderes herrliches Lichtschauspiel gewährt ein ganzer Wald von diesen Trichterbäumen, weil auch dort die Bäume nicht in einer und derselben Stunde zu blühen anfangen, also auch das Vorblütefeuer bei einigen früher, bei einigen später vorkommt. Da dieses Feuer allezeit sieben Tage lang vor der Blüte zum Vorschein kommt und von da an immer mit stetem Farbenwechsel brennt, so geschieht es, daß das Lichtschauspiel des Trichterbaumes durch die sieben Tage auch alle sieben Hauptfarben nebst allen ihren Übergängen durchmacht.
[Sa.01_004,03] Nun denkt euch nur einen solchen blühenden Baum, da nicht einmal auf einem Baume all die Äste an einem Tage zu blühen anfangen und somit hernach auch das Vorblütefeuer schon an einem und demselben Baum mehrfarbig ist! Wenn dann auf diese Art ein ganzer Wald von solchen Trichterbäumen zu blühen anfängt, so könnt ihr euch schon mit einem Quentel Phantasie einen ziemlichen Begriff machen, wie herrlich sich von irgendeiner Höhe ein solcher blühender oder eigentlich vorblüte-brennender Wald, der manchmal eine Ausdehnung von mehreren hundert Quadratmeilen hat, ausnehmen mag.
[Sa.01_004,04] Nach diesem Vorblütenbrand des Trichterbaumes kommt dessen merkwürdige Blüte zum Vorschein. Wahrlich, bei euch würde sie nicht in allen Staaten geduldet sein! Denn: Auf einem zwei bis drei Klafter langen, goldgelben und über Mannsarm dicken Stiel wird ein bei zwei Klafter breites dreifarbiges Band bis zu einer sechs Klafter langen Weite hinausgetrieben. Und dieses Band hat drei regelmäßige Farben, nämlich hellrot, hellblau und schneeweiß. – Und so viele Blüten ein solcher Baum hat, ebensoviel Bänderfahnen flattern da um ihn.
[Sa.01_004,05] Nun könnt ihr euch wieder einen kleinen Begriff von der Pracht der Blüte dieses Baumes machen. Wenn die Blütezeit vorüber ist, fallen Fahne und Stiel von dem Baum und werden da die schönsten Exemplare von den Menschen auch gesammelt. Ihr Gebrauch ist, da sie im trockenen Zustand sehr viel von ihrer Pracht verlieren, weiter kein anderer, als daß die dortigen Menschen sie zusammenrollen, auf einen Haufen zusammentragen und, solange sie noch frisch und weich sind, zur Stärkung ihrer Glieder darauf liegen. Wenn sie aber trockner und fester geworden sind, werden sie angezündet, wobei sie einen sehr lieblich riechenden Rauch von sich geben und das Erdreich durch ihre silberweiße Asche ungemein düngen. Die unansehnlichen Exemplare dieser Blüten werden unter dem Baum liegen gelassen, wo sie verfaulen und dadurch ebenfalls die Erde düngen.
[Sa.01_004,06] Das Prachtvollste bei diesem Baum aber ist die bald nach der Blüte zum Vorschein kommende Frucht. Diese gleicht der Figur nach ungefähr euren Zug- oder Flaschenkürbissen, nur mit dem Unterschied, daß das eigentliche Rohr nicht selten eine Länge von vier bis fünf Klaftern erreicht und einen Durchmesser von zwei Schuhen hat. Der Kopf an diesem Rohre bildet allzeit eine vollkommene Kugel, im Durchmesser von eineinhalb, oft auch zwei Klaftern. Die äußere Rinde dieser Frucht hat, streng genommen, das Aussehen wie gediegenes, poliertes Gold. Nun fraget wieder ein wenig eure Phantasie, wie sich ein Wald von solchen Bäumen beim Sonnenlicht ausnehmen dürfte?
[Sa.01_004,07] Ihr möchtet wohl auch wissen, wozu dort diese Frucht gebraucht wird? Die Antwort ist sehr leicht. Gerade auch dazu, wozu ihr eure Zug- und Flaschenkürbisse gebraucht: teils um Flüssigkeiten aus irgendeiner kleinen Tiefe zu heben, teils aber auch als Gefäße, um Säfte, aus verschiedenen Pflanzen gepreßt, darin aufzubewahren. Diese Frucht wird auf diesem Planeten auch als ein Tauschhandelsartikel so sorgfältig wie möglich gesammelt und für den Tauschhandel aufbewahrt.
[Sa.01_004,08] Vielleicht möchtet ihr auch wissen, warum dieser Baum gerade eine solche Trichterform hat? – Die Trichterform ist diesem Baum darum eigen, damit er in diesen seinen Trichter das Licht der Sonne und so auch das elektro-magnetische Fluidum desto wirksamer aufnehmen kann. In der Mitte des Trichters hat er eine Markröhre, welche besonders zur Nachtzeit einen förmlichen Nebel ausdünstet. Dieser Nebel ist für die andere Vegetation wie auch für die Menschen, wenn sie ihn einatmen, von etwas giftiger und zerstörender Art, solange nicht das Licht der Sonne ihn zerteilt. Aber der Trichter ist so beschaffen, daß er diesen Nebel nicht anders durchsickern läßt und davon auch nicht mehr, als nur gerade zur Befruchtung des Baumes die Nacht hindurch nötig ist, und das nur so lange, als die Frucht noch nicht zur halben Reife gelangt ist. Alsdann bei eintretender Reife verschließt sich diese Markröhre in dem Trichter und wird der Dunst dann hinausgetrieben zur regelmäßigen Aufblähung der Frucht, wodurch dieser Trichter eine solche nährende Lebensluft enthält, daß da viele Menschen auf geeigneten Leitern hinaufsteigen, sich in diesen Trichtern ein Lager errichten und da längere Zeit übernachten.
[Sa.01_004,09] Sehet, das ist alsdann das Denkwürdige dieses Trichterbaumes! – Zum Genusse für den Leib hat er außer seiner Lebensluft nichts. Die Samenkörner, die euren Kürbiskernen nicht unähnlich sind, werden nur von den Haustieren verzehrt.
[Sa.01_004,10] Und somit gehen wir nun noch zu der siebenten Baumart über. – Da ist zu bemerken der sogenannte Pyramidenbaum, Uhurba genannt.
[Sa.01_004,11] Dieser Baum ist wohl der höchste auf diesem Weltkörper und ist ungefähr von der Eigenschaft eurer Edelfichten, die einen weißen Stamm haben. Er wächst nicht selten zu einer Höhe, daß ihr auf eurer Erde kaum einen Berg habt, der sich mit diesem Baum messen könnte. Auch dieser Baum hat nur einen Stamm, welcher zuunterst, an der Wurzel, nicht selten einen Durchmesser von achtzig bis neunzig und einhundert Klaftern hat. Seine Äste gehen schon an der Erde vom Stamm nach allen möglichen Richtungen aus und die untersten haben bei einem vollkommen ausgewachsenen Pyramidenbaum nicht selten eine Länge von tausend Klaftern und werden gegen die Spitze regelmäßig immer kürzer, und zwar so, daß ein solcher Baum dann eine förmliche große Pyramide in runder Kegelform bildet, gegen welche eure stolzen ägyptischen Pyramiden wahre Schneckenhäuser sind. Denn so es möglich wäre, euch körperlich dahin zu versetzen, würdet ihr glauben, die höchsten Berge vor euch zu erblicken.
[Sa.01_004,12] Dieser Baum gehört zum Nadelholz, und seine Blätter gleichen, freilich in sehr vergrößertem Maßstab, so ziemlich den Nadelblättern eurer Fichten; nur die Farbe ist nicht grün sondern blau. Die Nützlichkeit dieses Baumes ist in Hinsicht auf die Reinigung der Luft und Erfüllung derselben mit Lebensstoffen so außerordentlich, daß die heilende Kraft aus den Wipfeln und Zweigen dieses Baumes sogar bis auf eure Erde hinabreicht. Und vorzüglich beziehen eure balsamisch duftenden Nadelhölzer ihren ätherischen Stoff dorther.
[Sa.01_004,13] Diese Bäume werden auch sorgfältig allenthalben angepflanzt, und es braucht da nichts mehr, als nur ein Reis von diesem Baum zu nehmen und dasselbe irgendwo in gute Erde zu stecken, so wächst es alsbald fort, wird binnen wenigen Saturnjahren schon ein sehr ansehnlicher Baum und kann ein Alter von mehreren hundert Saturnjahren erreichen. Wenn ein solcher Baum hernach aber abstirbt, wird er an der Wurzel zuerst ganz morsch und zehrt sich von selbst bis auf den äußersten Wipfel zusammen. Wo irgend ein solcher Baum sich also verzehrend abgestanden ist, wird von den Bewohnern sogleich magere Erde darübergestreut, woraus dann in wenigen Jahren der fruchtbarste Grund zum Anbau ihrer beliebten Saftkräuter bereitet wird. – Auch hier könnt ihr eure Phantasie zu Lehen nehmen und einige solche Bäume hintereinander betrachten, so wird euch eure Erdengröße wohl ein wenig abgekühlt werden.
[Sa.01_004,14] Von diesem Baum wißt ihr nun bereits das Allerwesentlichste, und so können wir noch zu der achten Baumart, einem für euch gewiß höchst merkwürdigen Baume, übergehen. Denn von desgleichen findet sich wieder auf eurer Erde nicht die allerleiseste Spur.
[Sa.01_004,15] Als solcher Baum der achten Baumart ist bemerkenswert der sogenannte Glas- oder Spiegelbaum, dort Ubra genannt. – Dieser Baum hat einen ganz regelmäßig viereckigen Stamm, welcher so durchsichtig ist wie bei euch ein etwas grünliches Glas. Der Stamm geht zugespitzt bis zu einer Höhe von zwanzig bis dreißig Klaftern empor. Er hat durchaus keine Äste, sondern über die Hälfte dieses Glas- und Spiegelbaumstammes ist wie bei euren Kaktusarten mit großen hängenden Blumen geschmückt, welche ungefähr dieselbe Gestalt haben wie eure Lilien, nur in sehr vergrößertem Maßstab und mit dem Unterschied, daß hier ein jedes Blatt, deren es zehn bei jeder Blume gibt, von einer andern Farbe ist. Wenn dieser Baum nach einem halben Jahr abgeblüht hat, kommt auf einem kristallartig knorrigen Stiel eine für euch gewiß höchst merkwürdige Frucht zum Vorschein. Diese Frucht besteht im Anfang in nichts anderem als in einem sehr durchsichtigen Wasserbeutel, der nach und nach immer größer und größer wird und in seiner Reife einem Ballon mit einem Durchmesser von ein bis eineinhalb Klaftern gleicht.
[Sa.01_004,16] Wenn diese Frucht zu dieser ersten Reife gelangt ist, fängt die Flüssigkeit in diesem Beutel sich so zu verdichten an, daß der Beutel zusammenschrumpft und nach und nach von der verdichteten Flüssigkeit sich losschält. Die verdichtete Flüssigkeit fällt dann oft samt dem Stiel auf den Boden herab. Alsdann kommen die Bewohner und klauben diesen harten Saft auf, beschneiden denselben auf allen Seiten regelmäßig, bilden daraus eigenartige, regelmäßige viereckige Tafeln und gebrauchen diese ungefähr so wie ihr auf eurer Erde eure Spiegel. Einen weiteren Gebrauch machen sie von diesem Baum gerade nicht als nur einen solchen, den ihr von gewissen Bäumen zur Zierde eurer Gärten macht. Denn wenn eine Reihe von solchen Bäumen gepflanzt ist, bildet das für die Bewohner dieses Planeten eine Prachtallee. Und sie tun das mit diesem Baum auch darum gerne, weil er sich ebenfalls, wie der Pyramidenbaum, sehr leicht verpflanzen läßt, nur nicht vermittelst der Reiser, da er überhaupt keine Äste hat, sondern vermittelst des Samens, welchen er aber nicht in der Frucht, sondern in der Blüte trägt.
[Sa.01_004,17] Die Durchsichtigkeit dieses Baumes rührt daher, weil sein Organismus aus lauter viereckigen Röhrchen besteht, durch welche der ihm dienliche Saft emporsteigt. Denn sind die Organe rund, so kann da kein Strahl durchdringen, weil er in der runden Form zu oft gebrochen wird; allein in dieser viereckigen Form erleidet der Strahl nur eine sehr geringe Brechung und kann daher auch fast ungehindert durchstrahlen. Und da all die Bäume dieses Planeten und vorzugsweise in diesem Land eine ganz glatt polierte Rinde haben, so glänzt die Fläche dieses für euch merkwürdigen Baumes so wie bei euch ein Spiegelglas; so daß sich jeder Vorübergehende vom Scheitel bis zur Sohle darin vollkommen beschauen kann.
[Sa.01_004,18] Das ist nun wieder alles von diesem Baum! – Erwecket auch da ein wenig eure Phantasie, so werdet ihr nicht gar zu schwer einsehen, wie Ich auch ohne Städte und Paläste aus Menschenhänden verfertigt, eine Welt gar wohl zu schmücken verstehe. Und somit lasset es für heute gut sein. Alles übrige von den Bäumen für ein nächstes Mal! – Amen.

5. Kapitel – Der Allerleibaum, der Feuerbaum und der Ölstrauch. Leibesgestalt, Grundbesitz und Haustiere der Saturnmenschen.

[Sa.01_005,01] Ahaharke heißt der Baum, den wir als Nummer neun aufführen wollen. Auf deutsch oder vielmehr nach eurer euch eigentümlichen Erbsprache übersetzt oder verdolmetscht würde dieser Baum sehr schwer zu benennen sein, weil auf der ganzen Erde nicht ein Ähnliches sich leichtlich vorfindet, damit danach für diesen Baum möchte ein passender Name zusammengesetzt werden. Am besten noch würde man ihn bestimmen, wenn man ihm den Namen Allerlei-Baum gäbe.
[Sa.01_005,02] Dieser Baum wächst vom Boden an ungefähr sechzehn Klafter hoch in einem ebensoviel Klafter im Umfang habenden Fundamental-Stamme. Nun breiten sich von da eine Menge nach allen Richtungen auslaufender Äste aus, von denen die längsten bei zehn Klafter weit vom Stamme hinausreichen. Von der Stelle an, da die Äste sich ausbreiten, erheben sich regelmäßig drei Stämme kerzengerade in die Höhe, welche Höhe nicht selten zwölf, dreizehn, vierzehn bis fünfzehn Klafter erreicht. Am Ende dieser Stämme breiten sich nach allen Richtungen im rechten Verhältnis Äste und Zweige aus. Auf jedem der vielen Äste und Zweige, welche von jeglichem dieser drei Stämme auslaufen, erheben sich wieder drei neue bis zu einer Höhe von zehn Klaftern, wo sie dann wieder sich in eine Menge Äste und Zweige im guten Verhältnis verteilen. Über diese dritte Krone erheben sich nun wieder gerade in die Höhe schießende Zweige, welche zuoberst sich in verhältnismäßig kleinere Äste und Zweige ausbreiten. Und so macht dieser Baum, wenn er vollkommen ausgewachsen ist, sieben bis zehn solche Absätze, und zwar immer in der Ordnung, daß aus einem früheren Stamm drei neue in die Höhe gehen und ein solcher Baum dann in seiner letzten Abstufung einen förmlichen Wald von Bäumen darstellt.
[Sa.01_005,03] Jetzt, warum heißt denn dieser Baum, euch zum Verständnis, ein Allerleibaum? – Die Ursache ist sehr leicht anzugeben, aber eben auch nicht so leicht zu begreifen. Denn jede Abstufung bringt andere Früchte zum Vorschein und natürlich somit auch anderes Laub und andere Blüten. Eigentlich aber das Merkwürdigste und für euch zugleich Unglaublichste bei diesem Baum ist, daß er nur in zehn Jahren wieder dieselben Früchte zum Vorschein bringt. Denn von einem Jahr zum andern wechselt er beständig, und zwar so, daß von einem Jahr bis zum nächstfolgenden niemand schließen kann, welche Früchte er zum Vorschein bringen wird. Und wie die Früchte verschieden sind, so steht es auch mit dem Laub und mit der Blüte. Wenn mehrere solcher Bäume vorhanden sind, so gleicht keine Frucht der nächststehenden. Damit aber die Bewohner dessenungeachtet im beständigen Besitz aller Produkte dieses Baumes sind, so pflanzen sie diesen Baum immer so zehnfach an, daß sie in jedem Jahr einen neuen setzen. Und wer zehn solcher Bäume auf seinem Grund hat, der hat alle Produkte des Baumes. Denn ein jeder Baum trägt dann andere Früchte und wechselt so fort bis ins zehnte Jahr, und im elften erst kommt er wieder in seine frühere Ordnung.
[Sa.01_005,04] Da aber ein jeder Baum ein Jahr von dem andern unterschieden ist, so geschieht es, daß der erste Baum im zweiten Jahr zwar ganz neue Früchte bringt, aber der ihm nachfolgende bringt dieselben zum Vorschein, welche der erste Baum im ersten Jahr brachte. Und wenn der erste Baum im dritten Jahr wieder neue Früchte zum Vorschein bringt, so bringt der zweite im dritten Jahre dieselben Früchte zum Vorschein, welche der erste Baum im zweiten Jahr brachte. Der dritte Baum aber bringt dieselben Früchte, welche der erste Baum im ersten und der zweite Baum im zweiten Jahre trug, zum Vorschein. Und so geht diese Ordnung immer fort und fort. – Stirbt irgendein solcher Baum inzwischen aus, dann werden über die Quere an die Stelle des einen, oder vielmehr für den einen, zehn andere gesetzt, damit nie eine Frucht mehrere Jahre gänzlich ausbleibt. Was aber die Früchte dieses Baumes anlangt, so sind diese so geordnet, daß die größten und schwersten natürlicherweise immer in der untersten Abteilung zum Vorschein kommen und so nach und nach immer kleinere und leichtere.
[Sa.01_005,05] Wie die Frucht dieses Baumes beschaffen ist und wie sie von den dortigen Bewohnern gebraucht wird, kann hier aus dem Grunde nicht ganz ausführlich mitgeteilt werden, weil ihr eine Mitteilung alles dessen auf hundert Bogen nicht niederschreiben könntet. Nur im allgemeinen sei euch soviel darüber gesagt, daß dieser Baum im edelsten Sinne gleichsam ein Repräsentant aller jener Baumfrüchte auf eurer Erde ist, welche bei euch in eurem gemäßigten Klima vorkommen und in ihrer Mitte einen oder mehrere wohlausgebildete Kerne besitzen. So wäre z.B. die unterste Stufe in einem Jahr jene aller Äpfel, im andern aller Birnen, im dritten aller Pflaumen, im vierten aller Pfirsiche, im fünften aller Aprikosen und so fort. Was die anderen, höheren Stufen betrifft, so bringen diese ebenfalls ähnliche Früchte hervor, aber alles in einem viel veredelteren Maßstab, unter einer ganz anderen Form und mit einem weit feineren und besseren Geschmack, so daß die Früchte in der höchsten Stufe eigentlich schon ganz ätherischer Art und an Gestalt und Geschmack von einer untern Stufenart so völlig verschieden sind wie bei euch eine wohlreife Weintraube gegen einem halbreifen Apfel.
[Sa.01_005,06] So geht das fort und fort. Und wenn ihr eure Phantasie ein wenig erweckt, möget ihr euch das wohl ziemlich ergänzen, was hier der Zeit wegen nur berührt, aber nicht erschöpfend dargestellt werden kann. Und somit wollen wir von diesem Baum nur noch das sagen, daß seine Früchte von den Bewohnern dieses Planeten auch genossen werden, und zwar zumeist die von den höheren Stufen, während die untersten häufig zur Fütterung ihrer Haustiere verwendet werden. Es versteht sich aber von selbst, daß die Früchte dort ums Zehnfache größer sind als die ähnlichen bei euch. – Dieses Baumes Rinde gleicht am meisten der eines Apfelbaumes bei euch und ist ebenfalls rifflig. Nur die Farbe der Rinde ist nicht grau wie bei euch, sondern dunkelrot und in jeder höheren Stammabstufung lichter.
[Sa.01_005,07] Und somit wollen wir uns von diesem Baum zu unserer letzten Ordnung wenden und da besonders den merkwürdigsten Baum dieses Landes in Augenschein nehmen.
[Sa.01_005,08] Dieser Baum wird dort Fehura genannt, was nach eurer Sprache soviel besagt als: Feuerbaum. – Dieser Baum hat in seinem Wachstum eine Ähnlichkeit mit der bei euch vorkommenden sogenannten Eisenblüte und ist beinahe ganz mineralisch. Der runde Stamm gleicht einer bei sechs Klafter im Umfang habenden weißen Marmorsäule, welche sich fünfzehn bis zwanzig Klafter hoch in gleicher Dicke vom Boden erhebt, von da weg aber sich dann teilt gleich einem Korallenbäumchen in verschiedene Äste und Zweige, welche an ihren Enden in lauter kleine Röhrchen auslaufen. Die Zweiglein biegen sich ebenso vielfach übereinander wie die oben benannte Eisenblüte. Dieser Baum hat weder Blätter noch Blüte noch irgendeine Frucht; sondern seine Bestimmung ist rein nur die des Feuers. Seine Frucht ist somit das Feuer, welches er gewöhnlich zu jener Zeit von sich gibt, wenn irgendein Teil des Landes unter dem Schatten des Ringes sich befindet. Denn auf diesem Planeten wird die Zeit nicht bestimmt wie bei euch, nach dem Sommer und nach dem Winter, sondern nach der Zeit des Schattens und nach der Zeit des Lichtes. Dieser Baum ersetzt demnach zur Zeit des Schattens durch sein ganz weißes Licht den Mangel des Sonnenlichts. Seine Wurzeln, die eigentlich lauter Röhrchen sind, haben das Vermögen, aus der Erde dieses Planeten das allerfeinste Erdölgas an sich zu ziehen. Durch die Röhrchen wird es in die äußersten Zweige getrieben, wo sich dasselbe dann, wenn es mit der dortigen atmosphärischen Luft in Berührung kommt (welche zu der Zeit des Schattens sehr viel Sauerstoff mit sich führt), alsbald entzündet und so lange fortbrennt, bis wieder das Licht der Sonne scheint. Diese dehnt die atmosphärische Luft mehr aus und schlägt den Sauerstoff nieder, wodurch dann dieser Feuerbaum nach und nach erlischt und so lange ruht und auch nicht weiter wächst, bis die Schattenzeit wieder eintritt. Es dauert die Schattenzeit dort aber ein halbes Jahr, wie bei euch, der Temperatur nach gerechnet, der Winter.
[Sa.01_005,09] Dieser Baum fängt zu wachsen an wie bei euch die Schwämme – ohne Samen; aber nicht wie diese wo das Erdreich am magersten ist; sondern wo das Saturn-Erdreich am naphtahaltigsten ist, kommt dieser Baum am häufigsten vor. Die Einwohner pflegen ihn auch so zu verpflanzen, daß sie zur Schattenzeit ein Zweiglein vom Stamm herunterschlagen und es irgendwo in ein naphtafettes Erdreich stecken. Da brennt dann dieses Zweiglein also fort und wächst dadurch auch, sowohl in der Erde wurzelnd als sich über derselben auszweigend.
[Sa.01_005,10] Das Feuer dieses Baumes ist an und für sich nicht brennend, jedoch ist es durch die Wirkung seines sehr intensiv weißen Strahles in eine gewisse Ferne hin erwärmend oder vielmehr den Wärmestoff entbindend, aus welchem Grunde dadurch auch für diesen Planeten in seiner Schattenzeit gesorgt ist, daß es dann nicht viel kälter wird als zur Zeit des eigentlichen Sonnenlichtes. Dergleichen Bäume sucht sich eine jede Familie in gehöriger Anzahl um ihre Wohnungen und Gründe herum anzupflanzen, wo sie dann zur Schattenzeit weder Kälte leidet noch irgendeinen Lichtmangel hat.
[Sa.01_005,11] Auch bei diesem Baum ruft wieder ein wenig eure Phantasie zu Hilfe, und ihr werdet sicher finden, daß, abgerechnet der großen Pracht dieses Baumes, sein Licht eine größere Wirkung hat als alle eure Gasbeleuchtung, wenn ihr sie auch auf einen Platz zusammenbringen möchtet auf einem dazu eigens erbauten Leuchtturm. Fürwahr, wenn ihr einen solchen Baum auf einem der euch benachbarten Berge angepflanzt hättet, würde er nicht nur eure Stadt so gut beleuchten wie zehn Vollmonde, sondern der ganze Landkreis würde davon noch einen hinreichenden Schimmer genießen. Nun denket euch erst viele Tausende solcher Bäume in einem Lande zerstreut, wie sich da deren Licht machen möchte! Wenn euch schon euer rotes, bösartiges Feuerlicht in der finsteren Nacht erquickt, um wieviel mehr müßt euch ein solch sanftes, weißes Licht erquicken! Allein für die Erde sind dergleichen Bäume nicht bestimmt, obschon im Morgenland, und zwar in manchen Gegenden des Kaukasus ähnliche Fälle vorkommen, da man auch nichts nötig hat als ein Schilfrohr oder ein anderes sehr poröses Stück Holz in die Erde zu stecken und oben mit einer Flamme anzuzünden, wo es dann auch gleich einer Fackel fortbrennt, ohne daß darum das Holz oder das Rohr vom Feuer leichtlich verzehrt wird – nur mit dem Unterschiede, daß diese Flammen auch rötlich und äußerst heißbrennend sind.
[Sa.01_005,12] Somit hätten wir nun für dieses Land die Baumschule durchgemacht und können daher noch einen allgemeinen Blick auf die Gesträuche werfen.
[Sa.01_005,13] Alle Gesträuche des Saturn haben das Eigentümliche, daß sie nicht wie bei euch so niedrig sind, sondern sie bilden nur eine kleinere, aber dafür in der Art sehr verschiedene Baumgattung. Und es ist bei allem das niedrigste Gesträuch noch höher und ansehnlicher wachsend als eure ansehnlichsten Bäume. Auf diesem hier zunächst beschriebenen Land gibt es allein über zwölftausend Sträucher, welche alle voneinander wohl unterschieden sind. Jede Strauchart hat ihre eigentümliche Frucht, welche jedoch außer von den vielen Bewohnern der Luft wenig benützt wird. Von diesen sehr vielen Gesträuchen dürfte auch eines, welches am häufigsten vorkommt und von den dortigen Bewohnern auch sorgfältig gepflegt wird, nicht ohne Interesse sein, da es vollkommen eurem Ölbaum auf Erden gleicht, nur mit dem Unterschied, daß auch dieses Gesträuch hier um vieles großer ist als euer Ölbaum. Die Beeren sind im reifen Zustand so groß, daß eine jede nach eurem Maße einen Liter reinen Öles abgibt. Wenn dann ein solches Gesträuch nicht selten zwanzig- bis dreißigtausend Beeren auf seinen Zweigen zur Reife bringt, so könnt ihr euch schon einen Begriff von der reichlichen Ölernte machen, wenn ihr noch dazu bedenkt, daß auf dem Grund einer einzigen Familie nicht selten mehrere Tausende von solchen Ölsträuchern oder vielmehr Ölbäumlein vorkommen.
[Sa.01_005,14] Freilich müßt ihr euch dabei einen Familiengrund nicht ebenso klein vorstellen, wie etwa bei euch einen größeren Bauerngrund, sondern wohl so groß, ja manchesmal noch etwas größer als euer ganzes Land. Dagegen müßt ihr euch auch die überaus schön gebildeten Menschen in körperlicher Hinsicht nicht so klein vorstellen wie ihr seid; denn dort mißt die Größe des Weibes schon achtzig und neunzig Fuß, und die Größe des Mannes fünfundneunzig bis hundertfünfunddreißig Fuß. Und in diesem Verhältnis sind auch ihre vielen Haustiere bestellt.
[Sa.01_005,15] Wenn ihr dieses im voraus einseht und kennt, so wird euch dann, was noch alles von der fruchtbaren Vegetation in der gehörigen Ordnung gesagt wird, desto einleuchtender werden. Und daher für heute Amen.

6. Kapitel – Die Kräuter und Nutzpflanzen des Saturn. Das Maiskorn, das rinnende Faß und der wandelnde Flaschenkürbis.

[Sa.01_006,01] Was also von den Gesträuchen bemerkenswert war, haben wir in der Hauptsache schon vernommen. Wir wollen uns daher jetzt zu den Kräutern und (Nutz-)Pflanzen dieses Landes wenden.
[Sa.01_006,02] Dieses Land gehört zu den gebirgigsten dieses Planeten, und somit hat es auch die größte Anzahl der nützlichen und heilsamen Pflanzen und Kräuter aller erdenklichen Arten.
[Sa.01_006,03] Pflanzen wie zum Beispiel eure Feldfrüchte, als da sind: Korn, Weizen, Gerste usw., wachsen hier nicht; aber dafür gibt es eine andere und viel edlere Getreidegattung, die beinahe so aussieht wie bei euch das Maiskorn, nur daß die Pflanze ums zwanzig- bis dreißigfache höher wächst als bei euch. Die Blätter dieses Maiskorns sind oft zwei bis dreieinhalb Klafter lang und gut zwei bis dreieinhalb Ellen breit, haben eine vollkommen himmelblaue Farbe, an den Rändern eine Spanne weit mit hellem Karminrot verbrämt, und die Mittelzeile, die ebenfalls eine Spanne breit ist und bis gegen die Spitze auf einen Zoll abnimmt, sieht grünlichgolden aus. Der Stengel, welcher unterhalb so dick wird wie bei euch oft eine ausgewachsene Eiche, sieht zuunterst aus wie dunkel mattpoliertes Gold, und je höher hinauf, desto heller wird seine Farbe. Die Blütenkrone, welche nicht selten Äste von ein bis eineinhalb Klafter Ausbreitung hat, sieht gerade so aus wie bei euch ein Lüster aus dem schönsten brillant-geschliffenen Kristallglas, und das darum, weil dort alles im vergrößerten Maßstab vorkommt. So ihr aber bei euch eine Maisblüte durch ein gutes Mikroskop beschauen möchtet, dürftet ihr beinahe dasselbe Brillantspiel des sonst weißlich aussehenden Blütenstaubes bemerken!
[Sa.01_006,04] Was aber die Frucht dieser Pflanze betrifft, so gleicht sie zwar wohl der Form nach im vergrößerten Maßstab der eurigen, aber nicht ebenso dem Gebrauch und dem Geschmack nach. Denn dort gibt diese Frucht den allerwohlschmeckendsten Leckerbissen und gleicht in dieser Hinsicht mehr eurer sogenannten Ananas; nur daß dort die einzelnen Körner sich gar wohl auslösen lassen, wenn die Frucht zur Reife gekommen ist, und dann sogleich genossen werden können, auch nicht mehlig sind, sondern saftig wie bei euch eine Weinbeere. Eine von diesen Beeren ist, nach eurem Gewicht berechnet, nicht selten zwei bis drei Pfund schwer. Wenn auf einem solchen sogenannten Kolben dann oft drei-, vier- bis fünfhundert solche Beeren sitzen und eine einzige Staude oft zwanzig bis dreißig solche Kolben zum Vorschein bringt, so könnt ihr euch schon einen Begriff machen, wie reichlich oft eine solche Ernte aussieht.
[Sa.01_006,05] Aber wohin legen denn die Bewohner solche Ernte? – Ihr habt schon die guten Gefäße beim Trichterbaum kennen gelernt. Darin werden diese Früchte aufbewahrt, ein Teil davon in Beeren selbst und ein Teil als ausgepreßter Saft. Diese Frucht wächst viermal in einem Jahr und ist äußerst gesund und stärkend. Und es erquickt ihr Saft das Herz des Saturnbewohners ebenso und noch mehr als euch die Traube und ihr stärkender Saft.
[Sa.01_006,06] Nach Abnahme der Frucht lassen die Bewohner das Stroh auf dem Felde so lange stehen, bis es ganz dürr geworden ist, dann bringen sie ihre großen Zug- und Lasttiere auf den Acker, wo diese Pflanze dürre steht. Diese Tiere fressen dann das Laub. Die Stengel aber lassen sie unbeschädigt stehen. Diese werden von den Bewohnern mit einer eigenen Säge umgesägt. Dann werden kreuz und quer auf dem Acker Haufen gebildet und hernach angezündet, durch welchen Akt der Acker auf das allerbeste für eine fernere Fruchttragung gedüngt wird.
[Sa.01_006,07] Dieser Acker braucht einen feuchten Boden, wenn die Frucht gut gedeihen soll. Da es aber hier in diesem Land, wie auch fast auf dem ganzen gemäßigten Landstrich dieses Planeten, nie oder nur höchst selten regnet oder taut und auch die Quellen auf dem Land nicht eben zu häufig vorkommen – was tun da die Einwohner und wie bewässern sie einen solchen Acker, der nach eurem Maß nicht selten eine Ausdehnung von dreißig bis vierzig Quadratmeilen hat? – Seht, da habe Ich schon wieder mit einer anderen merkwürdigen Pflanze dafür gesorgt, welche das mühselige Geschäft der Bewässerung gar vortrefflich besorgt und welche Pflanze denn auch fleißig mitten unter den Nutzgewächsen angebaut wird.
[Sa.01_006,08] Diese Pflanze wird dort „das rinnende Faß“ genannt und hat eine große Ähnlichkeit mit euren Feldkürbissen, nur mit dem Unterschied, daß diese Kürbisse nicht selten eine solche Größe erreichen, daß ein Saturn-Mensch Mühe hat, darüber hinwegzusehen. – Die Pflanze selbst wächst oft mehrere tausend Klafter weit auf der Erde klafterdick im Umfang fort und läuft von ihrer Wurzel in vielen hundert Armen nach allen möglichen Richtungen aus. Ihre Blätter sehen denen eurer Kürbisstaude völlig ähnlich, nur daß sie ums Hundertfache größer sind und ihre Farbe nicht grün, sondern ganz violettblau aussieht und übersät ist mit lauter silberweißen Sternen. Der Stiel ist zwei bis drei Klafter lang, rund und im Durchmesser nicht selten mehrere Klafter betragend. Er ist inwendig hohl; in den Wänden aber laufen viele tausend Röhrchen hinauf, welche das Blatt nähren mit einem süßlichen Saft und zum Teil aber auch durch die vielfachen Poren der unterblattigen Spitzen als tropfbare Flüssigkeit hinaustreten und dadurch unter sich das Erdreich wie durch einen immerwährenden leichten Regen befeuchten. Jedoch was die Hauptbewässerung durch diese Pflanze betrifft, so wird sie eigentlich von der Frucht bewerkstelligt. Denn wenn diese zu ihrer halben Reife gekommen ist, öffnet sie in der Nachtzeit an ihrer Oberfläche befindliche Poren und über der Oberfläche eigens dazu gebildete Röhrchen, durch welche dann eine süßliche, klare Flüssigkeit wie aus einem Springbrunnen weit und breit hinausgetrieben wird, wodurch das Erdreich jede Nacht eine regelmäßige und hinreichende Bewässerung empfängt.
[Sa.01_006,09] Ihr werdet euch fragen: Aber woher nimmt denn die Frucht dieses so reichliche Wasser? – Da sage Ich euch, daß die Frucht ein wahrer artesischer Brunnenbohrer ist; denn sie treibt ihre Wurzeln so weit und so tief hinab, bis sie zu irgendeinem unterirdischen Wasserbehälter gekommen ist. Da saugt sie mit der größten Emsigkeit das ihr selbst zusagende Wasser und treibt und führt dasselbe als die beste Wasserleitung wohlgeläutert nach allen möglichen Richtungen ihres äußeren, schnell fortwachsenden Gebietes.
[Sa.01_006,10] Hat denn aber diese Frucht bei den Bewohnern keinen andern Gebrauchszweck als nur den der Bewässerung allein? – Die Bewohner gebrauchen diesen Kürbis auch noch zu etwas anderem! – Wenn die Frucht zur Vollreife gediehen ist, wird sie der Länge nach in der Mitte auseinandergeschnitten. Der Same und das Fleisch werden aus ihr genommen, der Same zur ferneren Ansaat und das Fleisch zur Fütterung der dortigen Kühe, Schafe und Ziegen verwendet. Die Schale aber, welche bei einem Klafter dick ist, wird getrocknet, wodurch sie eine große Festigkeit bekommt. Wenn sie vollkommen getrocknet ist, wird der untere Teil gewöhnlich zu einer Art Wasserfahrzeug verwendet. Der obere Teil aber, der sehr röhrig und porös ist, wird als Wagen verwendet, und zwar auf eine höchst einfache Art.
[Sa.01_006,11] Es wird in der Mitte beider Seitenborde ein Loch durchgebohrt, durch welches eine wohlbereitete, verhältnismäßig dicke und starke Räderspindel geführt wird, auf deren beiden Enden sodann zwei Räder aufgesteckt werden. Ebenso wird noch ein drittes Loch von vorne durchgebohrt, durch welches eine Zugstange bis zur Radspindel gesteckt wird. Diese Zugstange wird dann mit einem Nagel an der Radspindel befestigt und vorne mit einem verhältnismäßig langen und starken Querbalken versehen. Auf diese Weise ist dann der Wagen auch schon fertig, und das um so geschwinder, wenn ihr dazu noch annehmt, daß die Räder dort nicht durch die Kunst der Menschenhände, sondern durch die Kunst der Natur hervorgebracht werden, und das von einer und derselben Pflanze. Denn dazu braucht es nichts mehr, als den vollkommen runden Stiel eben dieses Kürbisses so oft man will abzusägen, so hat man auch schon allzeit ein vollkommen festes und fertiges Rad in einem Durchmesser von drei bis vier, oft auch fünf bis sechs Klaftern.
[Sa.01_006,12] Wenn hernach an den Querbalken ein Ochse oder für eine schnellere Fahrt ein dortiger Zughund oder Zughirsch angebunden wird, so ist ein ganzes Fuhrwerk so gut wie vollkommen fertig. Und es können dann in einem solchen Wagen sehr bequem vier Saturnmenschen fahren, wohin sie nur immer wollen.
[Sa.01_006,13] Diese Art Wagen wird freilich nur als leichteres Fuhrwerk gebraucht; denn die Saturnbewohner haben auch noch viel größere und schwerere Wagen, welche sie kunstvoll aus Holz bauen und, so wie ihr die eurigen, fleißig mit einem sehr geschmeidigen und festen Metall beschlagen. Dieses Metall ist eurem Eisen nicht unähnlich, nur ist es viel gediegener und haltbarer und rostet nicht wie das eurige, sondern behält immerwährend seine glänzende, dem Golde gleichende Oberfläche. Es hat eine Farbe wie bei euch das sogenannte Platin, das ein Gemisch von gediegenem Gold und gediegenem Eisen ist, welche Mischung auf dem chemischen Weg freilich wohl schwerlich je ein Chemiker zuwege bringen wird.
[Sa.01_006,14] Nachdem wir jetzt diese zwei Pflanzen kennengelernt haben, gehen wir zu einer anderen dort lebenden, überaus lustigen und zugleich auch sehr nützlichen Pflanze über.
[Sa.01_006,15] Diese Pflanze ist für euch so gut wie unerhört. Auf der Erde gibt es durchaus nichts Ähnliches. Denn das sogenannte „wandelnde Blatt“, welches im südlichen Amerika vorkommt, ist eigentlich keine Pflanze, sondern ein Tier. – Die Pflanze auf diesem Planeten aber, die wir betrachten wollen, ist in allem Ernst eine wandelnde, da sie gleich einem Tier sich von einem Ort zum andern bewegt. Die bewegende Kraft liegt in ihrer Wurzel, die das Aussehen hat wie ungefähr ein sehr unförmig gebildeter Menschenfuß, nur daß sie natürlicherweise nicht etwa geformte Zehen und irgendeine Ferse und sonst zum Fuße Gehöriges besitzt; sondern das Ganze ist ein in einem rechten Winkel gebogener, bei zehn Klafter langer Strunk, aus welchem nach allen Seiten eine Menge Fang- und Saugwurzeln auslaufen. Diese klammern sich wie die Ranken einer Weinrebe fast überall an, nur mit dem Unterschied, daß diese Wurzeln nur so lange auf einem Punkt der Erde sich festhalten, solange sie dort hinreichende Nahrung finden. Haben sie auf einem Ort alle Feuchtigkeit aufgezehrt, dann entwinden sie sich wieder aus der Erde, strecken sich weiter nach vorne aus, und das so weit auf der Erde hin, bis sie wieder an einen feuchten Ort gekommen sind. Da bohren sie sich wieder fleißig in das Erdreich ein, umwinden die feuchten Erdschichten und andere Kräuter und Gräser und ziehen durch dieses Umwinden die ganze Pflanze nach sich – durch welche Tätigkeit der Fußwurzeln dann eine solche Pflanze im Verlaufe von einem Jahr nicht selten eine Reise von mehreren Meilen (nach eurer Rechnung und eurem Maße) macht.
[Sa.01_006,16] Wie sieht denn aber eigentlich die Pflanze selbst aus? – Die Pflanze hat einen vier bis fünf Klafter hohen Stamm, der schon eine Klafter hoch Äste und Zweige treibt, wovon einige Zweige nach allen Richtungen hinab zur Erde langen und auf diese Art die hohe Pflanze vor dem möglichen Umfallen schützen. Diese Zweige sind gewöhnlich nackt und ohne Blätter, nur diejenigen, die dann aufwärts treiben und in mannigfaltigen Krümmungen vom Stamm auslaufen, tragen Blätter, Blüten und Früchte, welche alle so ziemlich eurer Weinpflanze ähnlich sind. Das Laub ist viel größer und von hellblauer Farbe und seine untere Seite mit roten Wärzchen übersät. Die Frucht aber gleicht vollkommen derjenigen Sorte eurer Trauben, die ihr mit dem Namen „die Gaisdutte“ benennt; nur ist ihre Farbe nicht blau, sondern so gelb wie eine Orange, aber halb durchsichtig, wie bei euch die weißen Traubenbeeren. Der Unterschied liegt vor allem auch nur in der Größe, da eine Beere nicht selten (nach eurem Maß) ein Liter reinen Saftes, eine Traube nicht selten fünfzig bis hundert Beeren enthält, und manche Pflanze reift oft zehn bis zwanzig solcher Trauben. Der Geschmack dieser Frucht kommt derjenigen Traube bei euch gleich, die ihr die Muskat-Traube nennet (nur muß diese bei euch zur vollsten Reife gelangt sein!).
[Sa.01_006,17] Das ist also diese merkwürdige Pflanze dieses Planeten! Sie hat dadurch einen großen Vorzug, daß sie überhaupt keine Bearbeitung benötigt, sondern sich selbst bestens bearbeitet und gedeihlichst versorgt. Damit aber bei den Einwohnern dieses Planeten keine Eigentumsstreitigkeiten hinsichtlich dieser sehr beliebten Pflanze entstehen, wenn diese allenfalls ihren Marsch auf den Grund des Nachbarn richten möchte (denn auch hier wird das Eigentumsrecht streng beobachtet) – so pflanzen die Einwohner dieselbe meistens entweder in der Mitte ihrer Gründe oder setzen sie um ihre Regenbäume herum, da sie dann ruhig stehen bleiben und keine weiteren Bewegungen machen, so ihre Wurzeln mit Nahrung hinreichend versehen sind. Und wenn sie schon allenfalls dann und wann zu wandern genötigt werden, können sie dann nicht sogleich auf den nachbarlichen Grund überlaufen. Denn von der Mitte eines solchen Grundes dürfte es ihnen wohl ein wenig schwer werden, die weiten Grenzen zu überschreiten, da, wie schon bemerkt wurde, ein solcher Saturn-Bauerngrund nicht selten in der Ausdehnung die doppelte Größe eures Staates übersteigt.
[Sa.01_006,18] Den Saft verwenden die Einwohner gerade auch dazu, wozu ihr den Saft eurer Traube verwendet. Er ist noch viel kräftiger als der schon früher erwähnte und wird auch nicht in den früher erwähnten Gefäßen aufbewahrt; sondern für die Aufbewahrung dieses Saftes wächst dort eine eigene Flaschenfrucht, die nicht unähnlich ist euren Flaschenkürbissen – nur mit dem Unterschied, daß diese Flaschenkürbisse euer Heidelberger Faß sicher weit an Größe übertreffen würden. Ein solcher Flaschenkürbis, wenn er vollkommen ausgewachsen ist, möchte wohl ganz bequem eintausend eurer Eimer in sich aufnehmen. Diese Flaschenkürbisse sind auch alldort außerordentlich fest. Ihre Wand hat einen Durchmesser von einer guten halben und zuunterst auch einer ganzen Klafter. Wenn sie gehörig ausgeräumt sind, welche Arbeit dort durch ein gewisses Tier verrichtet wird, ist das Gefäß auch schon fertig.
[Sa.01_006,19] Die Schilderung der ferneren merkwürdigsten Pflanzen und Kräuter sei für die nächste Mitteilung aufbewahrt! Und daher für heute Amen.

7. Kapitel – Reichtum der Pflanzenwelt des Saturn. Hauptfarbe nicht grün, sondern blau. Aromatische Heilkräuter. Die Goldstaude. Metallpflanzen. Blaues Gras. Formwechselnde Wiesenblumen – duftendes Alpenmoos. Gebirge und Ebenen des Saturn.

[Sa.01_007,01] Auf die Pflanzen, deren bereits einige nützliche erwähnt wurden, will Ich nur noch einen allgemeineren Blick mit euch werfen. Denn jede hier (auf dem Saturn) vorkommende merkwürdige Pflanze besonders und ausführlich zu erwähnen, würde weder die Zeit noch der Raum gestatten, besonders wenn ihr bedenkt, daß wir noch sechsundsiebzig solche große Länder zu bereisen haben, sowie einige hundert kleinere Inseln, das ganze große südliche und nördliche Eisgebiet, dann erst die vielen, noch größeren Länder des Ringes und der sieben Monde. Daher können wir nur das Merkwürdigste überall berühren und über das andere hinweggehen, nur andeutend, was da mehr oder weniger Ähnlichkeit hat mit den Produkten eures Planeten. Und so gibt es auch in diesem soeben zu besprechenden Land zahllose Gattungen von Pflanzen, welche zum Teil ähnlich sind denen auf eurem Planeten, zum Teil aber auch wieder ganz fremdartig oder vielmehr diesem Planeten so eigentümlich, daß dergleichen auf keinem anderen Planeten vorkommt.
[Sa.01_007,02] Was die euren Pflanzen ähnlichen betrifft, so besteht der Unterschied im allgemeinen nur darin, daß sie die eurigen nicht selten ums Hundertfache an Größe und Üppigkeit übertreffen, wodurch dann auch alle jene Herrlichkeiten, die ihr hier nur mittels eines Mikroskops an den Pflanzen gewahrt, dort frei und ohne Mikroskop gar wohl ersichtlich sind in aller ihrer mannigfaltigen Pracht.
[Sa.01_007,03] Der zweite Unterschied ist in der Farbe. Denn meistens tritt dort an die Stelle eures Grün ein frisches, heiteres Blau in allen seinen Schattierungen – so wie in eurem Amerika, wo auch an manchen Pflanzen das Blau mehr denn das Grün ersichtlich wird und die grüne Farbe selbst mehr sich der blauen nähert als der gelben, welche Farbe eigentlich von der Farbe des Lebens die allerentfernteste ist.
[Sa.01_007,04] Ein dritter Unterschied besteht dann auch noch darin, daß die Blüte bei diesen Pflanzen viel größer und reichhaltiger hervorkommt und ihr Farbenschmelz nicht selten wie durch eine metallisch polierte, durchschimmernde Unterlage verherrlicht ist.
[Sa.01_007,05] Was die Frucht solcher Pflanzen anbelangt, so besteht darin auch der Unterschied, daß z.B. ein Maiskorn dort so groß ausfällt wie bei euch hundert oder auch manchmal tausend in einem und daß die Anzahl der Körner dann obendrauf noch ums Zehnfache, ja oft auch ums Hundertfache reichhaltiger ist. Eine solche größere Ergiebigkeit ist aber auch auf diesem Planeten darum notwendig, weil ein halbes Erntejahr dort fünfzehn Jahren auf der Erde entspricht – aus welchem Grund auch ein zehn Jahre alter Saturnknabe bei euch schon ein ungewöhnlich steinalter Greis wäre.
[Sa.01_007,06] Das sind also die wesentlichen Unterschiede derjenigen Pflanzen dieses Planeten, welche im verkleinerten Maßstab auch auf eurem Planeten vorkommen. So ihr eure Phantasie ein wenig erwecken wollt, da nehmt also nur eine Erdpflanze zur Hand und stellt euch an derselben alle Teile ums Hundertfache größer vor, dazu die andere Farbe und all die sonstigen Herrlichkeiten einer Pflanze wie durch ein Mikroskop enthüllt, so könnt ihr auf diesem Wege euch einen ganz leichten Begriff von der Vegetation auf diesem Weltkörper machen.
[Sa.01_007,07] Aber es gibt besonders in den höheren Gebirgsregionen noch außergewöhnliche Heilkräuter, deren ätherisch-aromatische Heilkräfte also stark- und fernwirkend sind, daß sie nicht allein die dortigen Bewohner stets bei der besten Gesundheit erhalten, sondern ihre heilsame Wirkung auch noch in eine Entfernung von mehr denn tausend Millionen Meilen durch den Äther hinausstreuen, so daß z.B. eure heilsamen Kräuter, vorzugsweise z.B. euer Holunderstrauch, euer Wacholder und andere, mit Stacheln besetzte Heilkräuter einen bedeutenden Teil ihres ätherisch heilenden Aromas von daher beziehen.
[Sa.01_007,08] Eine Gattung der dortigen Gebirgskräuter muß Ich noch etwas näher erwähnen! – Dieses Kraut wird dort Hellatharianga genannt, welches soviel heißt wie die „tausendblätterige Goldstaude“ Dieses Kraut wächst dort unmittelbar auf blanken Felsen, und der Stiel hat nicht selten eine Höhe von drei bis vier Klaftern. An dem Stiel stehen in einem schneckenartigen Gewinde um die Staude im Durchschnitt gewöhnlich tausend hellrote Blätter hinaus, deren Gestalt eine länglich eiförmige ist, und die nicht selten fünf bis sechs Schuh lang und zwei, manchmal auch drei Schuh breit sind. An den Kanten der Blätter laufen spannenlange Spitzen hinaus, und zwar so, daß vom Blattstiel bis zu dessen Ende regelmäßig hundert zu stehen kommen, und somit an beiden Seiten des Blattes zweihundert. Diese Spitzen sind von ganz dunkelblauer Farbe, dem Stachelende zu immer lichter; und jene Spitze, welche am Ende der Mittelzeile am längsten ausläuft, hat vorne ein Stachelbündel, das ebenso rot ist wie das Blatt selbst. Die obere Seite des Blattes sieht aus wie bei euch ein rotglühendes Eisen oder auch eine angeblasene Kohle und gibt auch wirklich einen solchen Feuerglanz von sich. Die untere Seite des Blattes aber ist behängt mit halbspannenlangen Haaren, welche vom Blatt aus alle Farben des Regenbogens zeigen, so daß man dadurch unter einem jeden Blatt schon in einiger Entfernung einen schimmernden Regenbogen entdeckt, dessen Pracht natürlicherweise bei der Annäherung zunehmen muß, weil der Farbenglanz immer konzentrierter auf das Auge fällt. Der Stiel oder Stamm der Pflanze sieht aus wie matt poliertes Gold und erhebt sich über die Sphäre der Blätter oft noch eine halbe Klafter hoch, an welchem (Stammteile) dann mehrere schon ausgeblühte Blumen und noch immerwährend nachwachsende und nachtreibende Knospen hervortreten.
[Sa.01_007,09] Die Blume hat nichts Ähnliches mit irgendeiner Blume auf eurer Erde; sondern ihre Gestalt ist so, als wenn an einer rotgoldenen Kugel in einem Umkreis von einer halben Klafter ganz wohlgeformte Menschenarme angebracht würden, nur daß aus einem jedem Arm, statt fünf ungleichen Fingern, zehn goldähnliche Spitzstrahlen auslaufen. Es hat beinahe das Aussehen, als wenn jemand eine ausgestreckte Hand zeichnen möchte und an der Stelle der Finger eine halbe Sonnenscheibe hinmalte mit zehn auslaufenden Strahlen. Solcher Blumenblätter um eine Knospe gibt es fünf, welche von dieser schon benannten Kugelknospe gerade vom Gürtel ausgehen, so daß die halbe Kugel im Blütenkelch zu stehen kommt. In der Mitte dieser Halbkugel laufen zwei Fäden heraus, der eine in der Dicke eines halben Männerarms, der andere nur in der Dicke eines Zolles im Durchmesser. Der dünnere ist weiblich, der andere männlich; der weibliche von weißer Farbe, der männliche von rosenroter. Beide laufen von dem Kelch über eine halbe Klafter weit hinaus und hängen gewisserart zur Erde hinab, d.h. nicht dieselbe berührend, sondern nur gegen dieselbe geneigt.
[Sa.01_007,10] Der weibliche Faden endet mit einem zurückgebogenen Trichter, über welchen der männliche mit seiner Mündung sich hinabbiegt. Der männliche läßt da immer von Zeit zu Zeit einen Tropfen des allerwohlriechendsten Saftes in den Trichter des weiblichen Fadens träufen. Das ist die eigentliche Begattungsweise dieser Blume. Der weibliche Faden saugt diesen Saft in sich und gebiert dadurch den überaus kräftigen Samen dieser Pflanze – während der männliche Faden diesen ätherischen Saft aus den Blütenblättern bekommt, wie diese denselben aus den Stammblättern, deren schon erwähnt wurde.
[Sa.01_007,11] Was die Farbe der Blüte anbelangt, so ist das Blatt vollkommen weiß, mehr noch als eure Lilie. Die Halsscheibe am Ende der Blumenblätter, entsprechend der flachen Hand am Arme, sieht aus wie ein polierter, etwas geäderter Rubin. Die Strahlen aber sind ganz wie durchsichtiges Gold.
[Sa.01_007,12] Diese Blume oder vielmehr Heilpflanze blüht und wächst zu allen Zeiten gleich fort, so daß daran nie ein Mangel ist; während hie und da eine und die andere von den Bewohnern weggenommen wird, wächst an ihrer Stelle alsbald wieder eine junge nach. In voller Blüte verbreitet sie um sich herum einen solchen Wohlgeruch, daß ihr euch davon auch nicht die allerleiseste Vorstellung machen könnt, da es auf eurer Erde nichts ähnlich Wohlriechendes gibt, und es ist eure Rose ein barer Modergestank dagegen.
[Sa.01_007,13] Eine solche vollkommen aufgeblühte Heilpflanze, wenn sie irgend auf der Erde nur einmal zum Vorschein käme, wäre vermöge der Heftigkeit ihres außerordentlichen Wohlgeruches imstande, ein ganzes Land, so groß wie eure Mark, mit dem angenehmsten Duft zu sättigen; denn wäre es nicht so, wie könnte die aromatische Heilkraft einer solchen Blume sogar in ferne Planetengebiete hinausreichen. Daß sich dieses aber so verhält – darüber dürft ihr nur eine sehr nerven-reizbare, seelenkranke Schläferin fragen, und sie wird es euch unverhohlen sagen, wenn sie sich seelisch in die Wechselwirkung mit diesem Planeten setzt, daß sie die gute Wirkung einer solchen Heilpflanze dieses fernen Planeten gar wohltätig empfinde.
[Sa.01_007,14] Von den Bewohnern dieses Planeten wird diese Pflanze auf das sorgfältigste bewacht und weniger gesammelt; denn sie finden ihre Stärkung hauptsächlich in der Luft, welche solche Pflanzen umgibt. Nur wenn hie und da eine solche Pflanze schon sehr alt geworden und dem Aussterben nahe ist, was sie daran erkennen, wenn die Haare der Blätter anfangen weißlich zu werden, da geschieht es, daß sie dann den Stamm sorgfältig absägen und an dieser Stelle alsbald wieder den Samen über den Felsen ausstreuen. Der Same dieser Blume ist sehr klein und gleicht mehr einem überaus wohlduftenden Staube als irgendeinem Samen. Dieser „Staub“ wird von den Poren des Felsens eingesogen, und daraus kommt dann hie und da wieder eine solche Pflanze zum Vorschein.
[Sa.01_007,15] Nur eines ist hier noch zu berühren, das ist, wie eine solche Pflanze auf blankem Steine wurzelt. – Dieses geschieht so: Über den Felsen breitet die Pflanze ihre Wurzeln weit und breit aus, nicht unähnlich eurer sogenannten Steinflechte. Von diesen größeren, weitauslaufenden Flechtenwurzeln bohren sich allenthalben eine zahllose Menge feinster Haarwurzeln in die Steinporen hinein und halten den Stamm dieser Pflanze so fest an den blanken Stein angeklebt, daß keines Menschen Kraft imstande wäre, einen solchen Stamm vom Felsen zu reißen. – Es fragt sich nun, was saugen denn wohl diese Wurzeln aus dem trockenen, harten Stein? – Die Antwort ist sehr leicht! Sie saugen daraus eine Art Steinöl. – Wie aber entbinden sie dieses dem Stein? – Dies geschieht durch die ihnen innewohnende Kraft, welche ein eigenes Schmelzfeuer ist und sich kundgibt in kleinen, dem freien Auge unsichtbaren elektrischen Fünkchen. Diese haben gerade so viel Kraft, um die anliegenden Atome des Steines in ätherisches Öl aufzulösen, welches dann sogleich von den Wurzeln aufgesaugt und immer geläuterter in den Stengel, in die Blätter und Blüte und endlich in den ätherischen Samen geführt wird.
[Sa.01_007,16] Da habt ihr nun alles Wesentliche von dieser höchst merkwürdigen Heilpflanze dieses Weltkörpers! – Erweckt auch hier ein wenig eure Phantasie, und ihr werdet diese Blume nach dieser richtigen Darstellung wie mit eigenen Augen anschauen können und euch so entzücken im Geiste an ihrer heilenden Kraft und Pracht.
[Sa.01_007,17] Aber es ist das nicht die einzige Heilpflanze, sondern es gibt deren noch eine große Menge verschiedenartiger, die heilend und wohltuend nicht nur für diesen Planeten wirken, sondern ihre Wirkung auch ätherisch in andere Planetengebiete fortpflanzen.
[Sa.01_007,18] Besonders bemerkenswert wären die sogenannten Metallpflanzen, die dort mit dem Namen Kibri benannt sind. Denn durch diese Pflanzengattung gelangen die Saturnbewohner ohne alle weitere chemische Feuerschmelz- und Läuterungsverfahren zu den allergediegensten Metallen, welche auf den verschiedenen Gebirgsgegenden in den herrlichsten Pflanzenformen hervorkommen. Es gibt zwar wohl auch bei euch hie und da ganz metallische oder wenigstens einiges Metall enthaltende Pflanzen; aber nirgends doch dürftet ihr eine Pflanze antreffen, deren Wurzeln, Stengel und Blätter vollkommen gediegenes Metall wären. Etwas Ähnliches vermöget ihr künstlich zu bewirken, wenn ihr ein Stengelchen Zink in aufgelöstes Blei hängt, wodurch sich dann in kurzer Zeit der sogenannte Saturnbaum bildet, auch Bleibaum genannt. Was ihr jedoch hier nur mühsam künstlich bewerkstelligen könnt, und das noch dazu in der größten einförmigen Armseligkeit, das wirkt dort die schöpferische Naturkraft vielfach reich und großartig, frei ohne das geringste Hinzutun menschlicher Wissenschaft – aus welchem Grunde die alten Weisen diesen Planeten Saturnus nannten; denn Saturnus besagt soviel, als einen „gesättigten“ Stern, da „Saturn“ fast in allen Grundsprachen Sättigung bedeutet.
[Sa.01_007,19] Seht, also gedeihen die Dinge auf diesem Planeten, der in jeder Hinsicht ein reich gesegneter Weltkörper ist.
[Sa.01_007,20] Was nun ferner noch den eurem Erdkörper entsprechenden Graswuchs betrifft, so ist dieser hier auch natürlich viel üppiger und großartiger als auf eurem Planeten. Die Farbe des Grases ist durchaus blau, und zwar mehr ins Violette übergehend. Die Samenstiele, die oft bei zwei Klafter hoch sich über den Boden erheben, sind meistenteils blendend weiß, hie und da wohl auch ins Grünliche übergehend. Und die Samenähren auf den Halmen sind häufig dann von hellgrüner Farbe. Nach Verschiedenheit der Grasarten gibt es auch eine außerordentliche Verschiedenheit sowohl in der Ähren-Formierung wie in der Farbe und der Gestalt ihrer Blätter.
[Sa.01_007,21] Vorzüglich reichhaltig sind die dortigen Triften an den mannigfaltigsten und prachtvollsten Blumen. Denn auf einer nur eine Quadratmeile großen Wiese würde ein passionierter Botaniker mit der Zählung der Arten kaum in fünfzig Jahren fertig werden.
[Sa.01_007,22] Besonders merkwürdig sind die dortigen sogenannten Briden. Das sind Wiesenblumengattungen, die in einem Jahr ihre Blumengestalt bis zehnmal wechseln. Denn so oft der höchste Mond des Saturn seinen Lauf vollendet hat und ebenso die anderen Monde zu öfteren Malen, so oft auch wechseln solche Pflanzen ihre Gestalt und nehmen erst dann wieder ihre frühere Form an, wenn all die Monde wieder in eine schon früher einmal gehabte Stellung kommen, welches in einem Saturnjahr ungefähr zehnmal geschieht; darum sie auch den schon ausgesprochenen Namen haben, welcher soviel besagt wie Mondblumen.
[Sa.01_007,23] Nach all den Grasarten und Wiesenblumen-Gattungen sind auf dem Planeten noch bemerkenswert die vielen Alpen-Moosgattungen, alldort Tirbi genannt. Denn diese vergolden im buchstäblichen Sinne eine baumlose Gebirgshöhe so herrlich, daß eine solche Gebirgshöhe beim Sonnenlicht kaum anzusehen ist. Dieses Moos wächst in verschiedener Spielart außerordentlich dicht beieinander, etwa eine Elle hoch über das steinige Gebirgserdreich, und sieht durchgehend wie ein mit allen Farben vergoldeter Goldsandteppich aus, begleitet von den herrlichsten Alpenwohlgerüchen. Der Alpenbesteiger findet sich daher dort immerwährend in einer Wohlgeruchsluft, als so jemand von euch auf dem Libanon des Morgenlandes in ein Wäldchen von lauter Balsambäumchen käme, wenn diese gerade in der Blüte sind, bei welcher Gelegenheit dort auch jedem Sammler dieser Blüten zu Mute wird, als befände er sich in den Vorhallen des Himmels.
[Sa.01_007,24] Die Gebirge dieses Planeten und ihre Höhe sind schon anfänglich erwähnt worden. Nur ist dabei noch zu bemerken, daß dort selbst die höchsten Spitzen noch irgendeiner Vegetation fähig sind, was bei eurer Erde vermöge des notwendig niederen Luftstandes so gut wie unmöglich ist. Auch erheben sich die dortigen Gebirge nicht so steil, sondern gleich regelmäßigen Pyramiden. Sie laufen auch nicht in so ununterbrochenen Kettenreihen fort, sondern stehen über dem Flachland wie bei euch auf irgendeiner gemähten Wiese die aufgeschichteten Heuhäuflein und werden immer höher und höher gegen die Mitte des Landes zu, so daß, wenn jemand den schon besprochenen höchsten Mittelberg des Landes ersteigt, er über alle anderen Höhen bequem hinwegschauen kann.
[Sa.01_007,25] Die hie und da vorkommenden Felsen dieser Gebirge sehen nicht so zerrissen aus wie bei euch, sondern steigen an einer oder der andern Seite des Berges wie aneinandergereihte Zuckerhüte empor, von denen manche nicht selten eine Höhe von dreißig- bis vierzig- und so weiter bis über hunderttausend Fuß erreichen. Jedoch beschämt sie irgendein vollkommen ausgewachsener Pyramiden-Baum, welcher nicht selten seinen Gipfel selbst über bedeutend hohe Berge treibt. Ihr dürft nur die euch schon bekannte Angabe seiner Höhe mit der von dem höchsten Berg in Vergleichung bringen, so werdet ihr es gar bald einsehen, wie dieser Baum eher möchte ein wachsender Berg denn ein Baum genannt werden.
[Sa.01_007,26] Dieses Land gehört auch zu den allergebirgigsten dieses Planeten. Dessenungeachtet ist es aber auch gar wohl im Besitz von weitgedehnten Ebenen, welche nach allen Richtungen von den schönsten, ruhig strömenden Flüssen durchkreuzt sind und hinausfließen in das große Saturnmeer.
[Sa.01_007,27] Wie diese Ströme benützt werden und was an ihren Ufern noch für Gewächse vorkommen, wird euch das nächste Mal mitgeteilt. Und darum für heute Amen.

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