Die natürliche Sonne, 8.- 15. Kapitel

Quellentext (unbearbeitet) – Leseprobe bzw. historischer Einführungstext.

8. Kapitel – Ursache und Wesen der Sonnenflecken.

[NS.01_008,01] Ihr werdet schon öfter beobachtet haben, daß die Sonne zumeist auf ihrem Äquator manchmal einen oder mehrere, teils größere, teils kleinere Flecken zeigt, um welche sich dem bewaffneten Auge eine wallartige Verbrämung zeigt, hinter welcher sich dann nach allen Seiten Lichtwellen, von manchen Astronomen „Fackeln“ genannt, ausbreiten. – Unter vielen Weltgelehrten ist gar oft schon die Frage aufgeworfen worden, was diese Flecken doch sein möchten? – Diese Frage hat auch schon ebensoviele hypothetische Antworten bekommen, aber noch nie eine vollends bestimmte darunter.
[NS.01_008,02] Ihr aber sollt diesmal eine ganz bestimmte Antwort bekommen. Wie werden wir es aber anstellen, daß ihr eben über diese Erscheinung eine bestimmte Antwort bekommt? Ihr saget freilich in euch: Auf die leichteste Weise, denn Ich darf es euch ja nur sagen, wie es ist, und ihr werdet Mir vollends glauben. Solches ist wohl wahr; aber was Ich hier sage, möchte einmal doch auch unter die Augen der Weltgelehrtheit gelangen. Werden es diese auch also unbedingt glauben, was Ich euch da sagen möchte in dieser Hinsicht? – O nein, diese Art hat keinen Glauben. Sie glaubt nicht einmal so ganz unbedingt oder vom Herzen weg, daß Ich es bin, oder daß es überhaupt einen Gott gebe, wie Ihn die Offenbarung zeigt, sondern höchstens also, wie Ihn ihre hochweise Vernunft erfindet. Daher also auch, wie gesagt, sie einer bloßen Erzählung nicht glauben würden, sondern würden alles als das Produkt einer dichterischen Phantasterei erklären.
[NS.01_008,03] Darum auch müssen wir uns auf ganz andere Füße stellen und solchen Füchsen ein ganz kurioses Schlageisen aufrichten, welches nicht nur allenfalls einen Fuß eines solchen Fuchses klemmen möchte, sondern welches solch ein gescheites Wesen sogleich am ganzen Leibe packt. Wie aber werden wir solches anfangen? – Nur eine kleine Geduld; es soll sogleich dasein!
[NS.01_008,04] Wenn ihr eine Kugel gerade durch den Mittelpunkt durchbohren und diese Kugel sodann auf eine Spindel stecken würdet und möchtet sie dann ins Wasser tauchen und sie im Wasser in eine Rotation setzen (nämlich um diese Spindel herum) und möchtet sie alsdann also rotierend aus dem Wasser heben, – was meinet ihr wohl, auf welchem Teil der Oberfläche diese Kugel die meisten Wassertropfen von sich schleudern wird? – Ihr werdet Mir antworten und sagen: Auf demjenigen Teil der Oberfläche, der von der Spindel am weitesten absteht und daher auch durch die Rotation um die Spindel die meiste Wurfkraft entwickelt.
[NS.01_008,05] Wieder, nehmet ihr eine Glaskugel, welche auf beiden Seiten eine Öffnung hat, so daß man durch die ganze Glaskugel ebenfalls eine Spindel stecken kann; bringt sie in eine horizontale Lage, gebt ein wenig Wasser in die Kugel und drehet sie sodann, – wo wird sich bei der Umdrehung das Wasser wohl hinbegeben? – Sicher wieder dahin, wo es von der Spindel am weitesten entfernt ist.
[NS.01_008,06] Wir haben an diesen zwei Beispielen genug, um unsere Sache so anschaulich als möglich zu machen. – Die Sonne ist ebenfalls eine Kugel, wie ihr wißt, und zwar eine Kugel, die da bei zweimal hunderttausend Meilen im Durchmesser hat. Diese Kugel dreht sich ungefähr binnen neunundzwanzig Tagen um ihre Achse. Bedenket, wie schnell da am Äquator der Sonne die Bewegung sein muß, wenn da ein Punkt in dem vorbenannten Zeitraum von 29 Tagen eine Reise von über 600000 deutschen Meilen machen muß, welches ungefähr die siebenfache Entfernung des Mondes von der Erde ausmacht, und für welche Strecke ein Schnellreiter, so er Tag und Nacht fortreiten möchte, über siebzig Jahre vonnöten hätte.
[NS.01_008,07] Vergleichet jetzt die Schnelligkeit der Bewegung eines Punktes am Äquator der Sonne, und ihr werdet euch groß verwundern, wenn ihr daraus ersehen werdet, wie viele deutsche Meilen er in einer Minute zurücklegt. Wenn ihr aber nun die große Schnelligkeit solcher Bewegung seht, so müßt ihr ja auch notwendigerweise die große Wurfkraft, welche da eben am Äquator der Sonne stattfinden muß, überklar erschauen.
[NS.01_008,08] Wenn ihr aber diese erschaut, so mache Ich euch aufmerksam auf die zweite Glaskugel, wie sich in derselben das Wasser bei deren Umschwung gegen den Äquator hinzu drängte. Was wird also auch vom Innern der Sonne aus gegen den Äquator derselben vor sich gehen müssen? Werden sich da nicht auch alle etwas flüchtigeren Teile unter den Äquator drängen und allda zufolge der großen Wurfkraft das Bestreben haben, die oberste Kruste der Sonne durchzubrechen und sich dann mit der unglaublichsten Wurfheftigkeit und Schnelligkeit ins Unendliche hinaus von der Sonne zu entfernen?
[NS.01_008,09] Ihr habt aber erst in der vorigen Mitteilung vernommen, was die Materie ist (welcher Art und Gattung sie auch immer sein möchte), und was da die Folge ist, wenn sie irgend zu sehr gedrängt, gestoßen oder geschlagen wird. Wird die Materie bei solch ungeheurem Andrang gegen den Äquator nicht auch auf einem oder dem andern Punkte ebenso unmäßig gedrängt und genötigt, wie unmäßig stark und schnell die Bewegung und somit auch die Wurfkraft der Sonne um den Äquator ist?
[NS.01_008,10] Sehet, jetzt ist das Schlageisen schon aufgerichtet; es bedarf nichts weiteres als eines Fuchses, und ihr könnt versichert sein, er wird dieser Falle nicht entrinnen.
[NS.01_008,11] Ihr habt gleich anfangs vernommen, daß das Erdreich des Sonnenplaneten nicht also hart und spröde ist, wie das zum Beispiel eurer Erde; sondern es ist allenthalben wie elastisch, und das vorzugsweise gegen den Äquator zu. Setzen wir aber den Fall, es wäre daselbst das Erdreich also spröde und somit auch leicht zerbrechbar, – was würde da wohl der Fall sein zufolge der außerordentlich großen Wurfkraft, besonders am Äquator der Sonne? – Nichts anderes, als daß dadurch ein Berg und ein Landstück um das andere mit der größten Heftigkeit von der Oberfläche der Sonne in den unendlichen Raum hinausgeschleudert werden würden. Da aber das Sonnenerdreich also zähe ist, so ist solches wohl nicht möglich, und wäre die Bewegung noch einmal so schnell, als sie ist.
[NS.01_008,12] Was kann aber dessenungeachtet dennoch der Fall sein, wenn sich zufolge der großen Wurfkraft durch den Drang von innen aus auf die schon vorbesagte Art hier und da gewaltige Andrängungen und sonach auch gewisserart Verhärtungen unter der Oberfläche der Sonne in der Gegend des Äquators gebildet haben, welche da gewisserart als eine Krankheit der Sonne anzusehen sind? Denn wohlgemerkt, auch Weltkörper können physisch krank sein. – Dadurch kann nichts anderes geschehen, als daß solche verhärtete Knollen endlich auf einem oder dem andern Punkte das wenn schon zähe Erdreich der Sonne durch ihren großen Drang nach außen und die (durch eben solchen Drang) bewirkte Entzündung zerreißen und sich hernach mit der größten Heftigkeit von der Oberfläche der Sonne entweder nahe endlos weit oder wenigstens so weit entfernen, als die euch bekannten Planeten von der Sonne entfernt sind.
[NS.01_008,13] Sehet, das ist nun die Ursache der darauf folgenden schwarzen Flecken der Sonne. Denn bei dem gewaltigen Durchbruch wird nicht nur die Kruste des Sonnenplaneten, sondern auch die Lichthülle also auseinandergerissen, daß sie auf einem solchen Punkte dann fürs erste nicht fähig ist, das aufgenommene Licht von seiten der andern Sonnen wieder zurückzuwerfen und ebensowenig auch das eigentümliche Licht ausströmen zu lassen, welches sich fortwährend auf dem elastischen Erdboden der Sonne entwickelt, wenn derselbe nicht auf die euch jetzt bekannte Weise zerrissen und daher für die Entwicklung des eigenen Lichtes untauglich gemacht wird.
[NS.01_008,14] Wir haben auch vorhin erwähnt, daß diese schwarzen Sonnenflecke dem bewaffneten Auge mit einem etwas weniger dunklen Walle verbrämt erscheinen. – Was ist denn dieser Wall?
[NS.01_008,15] Dieser Wall ist nichts anderes, als der jeweilige Aufwurf des elastischen Sonnenerdreichs, welches durch den Ausbruch einer solchen Verhärtung auseinandergerissen und dann auf allen Seiten gleich einer trichterförmigen Mauer, welche oben enger ist als unten, aufgeworfen wurde. Wollt ihr für die Entstehung eines solchen Walles um den schwarzen Fleck noch ein deutlicheres Beispiel haben, so machet aus zäher Erde, wenn sie noch die rechte Weichheit hat, eine Halbkugel, die inwendig hohl ist, stoßet dann von innen nach außen mit einem stumpfen Stiel ein Loch, so werdet ihr auf der äußeren Seite alsbald den durch diesen Durchstoß aufgeworfenen Wall erblicken. Nur wird der Wall mehr zerrissen sein, weil ein solcher Lehm dennoch in seinen Teilen weniger gleichartige Kohäsion besitzt als das Erdreich der Sonne.
[NS.01_008,16] Daß dieser Wall aber gegen den eigentlich schwarzen (Mittel-)Punkt dennoch matt erleuchtet erscheint, hat folgenden Grund, weil die also zerrissenen Teile, wenn auch über ihnen keine atmosphärische Glanzluft sich befindet, aber dennoch durch ihre heftigen Schwingungen ein hinreichendes eigenes Licht entwickeln, welches da gleichkommt dem ursprünglich eigentümlichen Lichte der Sonne. – Dadurch könnt ihr auch sehen, wie stark die Sonne mit ihrem eigenen Lichte leuchten würde ohne Beihilfe des allgemeinen Lichtes.
[NS.01_008,17] Ferner haben wir noch vernommen, daß sich über solche Wälle hinaus gewisse Sonnenlichtwellen oder Fackeln bilden. Diese entstehen durch das durch einen solchen Durchbruch bewirkte Wogen der atmosphärischen Glanzluft der Sonne. Denn eine Woge spiegelt sich dadurch in ihrer nachbarlichen Woge, wodurch dann der Glanz potenziert wird, während die Wogenfurchen notwendig matter leuchtend erscheinen müssen.
[NS.01_008,18] Sehet nun, bisher hätten wir alles nicht nur klar, sondern sogar handgreiflich dargestellt. Aber ich sehe schon im voraus einige gelehrte Füchse, die da einen vollen Backen Luft nehmen und dann mit furchtbar weiser Miene fragen und sagen: „Nun, die Sache läßt sich hören, und die Hypothese hat viel für sich; aber der Autor scheint bis jetzt noch vergessen zu haben, daß solche Sonnenflecke wieder vergehen und zu dem Behufe auch ihre Gestalt nach und nach sehr verändern. Wie wird nun der Autor sich da mit seinem aufgeworfenen Wall aus der Schlinge ziehen? – Auch hat man mehrererseits auf eben diesem Wall durch starke Augenwaffen die unglaublich schnellsten Bewegungen beobachtet. Dieser Fall möchte etwa wohl sehr bedeutend den ‚mauerartigen Wallaufwurf‘ unseres Autors beeinträchtigen oder ihn am Ende ganz zunichte machen?!“
[NS.01_008,19] O nein, Meine lieben Füchse. Das ist eben ein Hauptwasser auf unsere Mühle. Denn belieben dieselben nur ein wenig zu bedenken, daß wir schon gleich anfangs und bis jetzt her, und zwar aus dem besten und wohlerwiesenen Grunde von einem elastischen Erdreiche der Sonne gesprochen haben, welches nach dem Durchbruch sicher nicht fortwährend mauerfest gleich dem Krater eines Feuerspeiers auf der Erde bestehen bleiben wird, sondern sich nach und nach, zufolge eben der elastischen Eigenschaft, wieder zusammenzieht, und die durch solchen Durchbruch bewirkte Wunde wieder also verheilt, wie da die Wunde, welche zum Beispiel auf eurem Leibe durch ein Aiß entstanden ist, sich nach der Vereiterung desselben wieder verringert und endlich sich so ganz und gar ausheilt, daß nach einiger Zeit nicht eine Spur mehr zu entdecken ist, aus welchem Teile des Leibes ein solches Aiß eiternd durchgebrochen ist.
[NS.01_008,20] Wenn aber dieser Wall somit kein mauerfester, sondern ein elastischer ist, so werden sich etwa wohl die schnellen und weitgedehnten Bewegungen und Veränderungen eines solchen Walles aus ebendemselben Grunde wie dessen allmähliches Verschwinden gar überaus leicht erklären lassen. –
[NS.01_008,21] Nun, gibt es keinen Einwurf mehr? – Sehet, es lauert noch ein Fuchs im Hintergrunde. Dieser hat mit seinen mathematischen Instrumenten mehrere solcher Flecke gemessen und hat manche so groß gefunden, daß in ihrem schwarzen Raum gar leicht dreißig Erden nebeneinander Platz hätten.
[NS.01_008,22] Was will er denn damit sagen? – Er will damit nichts anderes sagen als: Wenn ein solcher Fleck auf die vorbeschriebene Art entsteht, so müßte man pro primo, wenn ein solcher Fleck sich an dem von der Erde aus sichtbaren Rande der Sonne befindet, den also aufgeworfenen Wall mehr erhaben erblicken, als es gewöhnlich der Fall ist, wo man eben von einer solchen Erhöhung gar nichts merkt.
[NS.01_008,23] Fürs zweite aber läßt sich noch diese sehr bedeutende Frage aufwerfen: Wenn die Sonne bei solchen Gelegenheiten eben solche inwendige Massen von sich schleudert, wohin kommen diese? Und beeinträchtigen solche gewaltige Verluste das Volumen der Sonne nicht? Denn man kann ja doch bei den größten Sonnenflecken annehmen, daß im kubischen Verhältnis eine solche hinausgeschleuderte Masse wenigstens, in runder Zahl genommen, tausend Erdkörper groß ist. Nehmen wir nun an, die ganze Sonne hat in kubischer Hinsicht den millionenfachen Inhalt der Erde, so müssen tausend solche große, aufeinanderfolgende Flecke ja notwendig die Sonne bei Butz und Stengel aufzehren!
[NS.01_008,24] Sehet, dieser Fuchs hat scharfe Zähne und noch schärfere mathematische Augen! Allein auch dieser soll in der Falle steckenbleiben. Denn so gut rechnen, als da solche Füchse es können, kann Ich wohl auch, – wo nicht ums Kennen besser. Ich will zwar auf die sehr kritische Frage dieses scharfzähnigen und scharfäugigen Fuchses nicht sogleich eine erklärende Antwort geben, sondern will ihm bei dieser Gelegenheit nur einige kleine Fragen zur Beantwortung vorlegen, und beantwortet er Mir diese, so soll ihm auch die Antwort auf seine Frage werden.
[NS.01_008,25] Wie oftmal ist zum Beispiel das Volumen alles dessen, was eine Eiche im Verlauf eines Jahres abwirft, in dem Eichbaum selbst enthalten, – und das noch dazu im Verlaufe von ungefähr zweihundert Jahren? Wenn er aber den Eichbaum jährlich mißt, so wird er sicher finden, daß der Baum dadurch nicht kleiner und magerer, sondern stets dicker, größer und höher geworden ist. – Wie ist solches möglich? – Die Antwort lautet: Durch den beständigen Ersatz aus all den Nahrungsquellen für einen Baum. – So sage Ich denn: Stoße mit derselben Nase in die Sonne, und du wirst auch dort finden, daß sich das Verlorene gar wohl ersetzen läßt. – Also hätten wir auch diesen Einwurf im Hintergrunde!
[NS.01_008,26] Was da aber noch die geringen Erhöhungen bei großen Sonnenflecken bezüglich des aufgeworfenen Wallrandes betrifft, so soll der Einwerfler einmal mit freiem Auge versuchen, auf zehn Meilen Ferne einen Grashalm zu erblicken, welches doch bei weitem nicht so viel sagen will, als wenn er mit seinem bewaffneten Auge in einer Entfernung von nahe 23 Millionen Meilen einen Aufwurf entdecken möchte, der im allergroßartigst strengsten Sinne über die Lichthülle der Sonne hinaus kaum den zehntausendsten Teil des Durchmessers der Sonne erreicht.
[NS.01_008,27] Solches möge der Einwerfler wohl beachten, so wird es auch ihm klarwerden, daß die Sache sich gar gut also verhalten kann, wie da erklärt worden ist, wenn er auch mit seinen geschliffenen Gläsern über den Rand der Sonne hinaus eben keine babylonischen Türme erblickt. – Zudem aber werden auch diejenigen Teile des Walles, welche bei einem solchen Durchbruch etwa über die Sonnenlichthülle zu ragen kommen, von der innersten Intensität der Strahlen eben dieser Lichthülle in mehr als Blitzesschnelle zersetzt und gewisserart zusammengeschmolzen, – aus welchem Grunde dann schon ganz vorzüglich nie eine solche vom Einwerfler vermißte Randhervorragung zu erblicken ist.
[NS.01_008,28] Somit wären wir mit den Flecken auch vollkommen fertig. – Nächstens wollen wir mit den Bewohnern der Sonne eine Stelle, wo ein solcher Durchbruch geschieht, selbst mit ansehen. Und so lassen wir es für heute gut sein!

9. Kapitel – Die Menschenrassen der Sonne und ihre Wohngebiete. – Die Sonnengürtel.

[NS.01_009,01] Es ist am Schlusse der vorigen Mitteilung gesagt worden, daß wir mit den Sonnenbewohnern einen solchen Durchbruch von seiner ersten Entstehung an und, wie es sich von selbst versteht, auch bis zu dessen vollem Verlauf beobachten wollen. Solches also werden wir auch tun.
[NS.01_009,02] Bevor wir aber solches recht nutzbringend tun können, müssen wir zuvor doch eine etwas nähere Bekanntschaft mit den Bewohnern der äußeren Sonne machen.
[NS.01_009,03] Wie sehen denn diese aus, und in welchen Verhältnissen leben sie untereinander? – Sind sie überhaupt mehr geistige oder mehr materielle Menschen? – Und gibt es nur eine Art oder mehrere Arten der Menschen auf diesem großen Planeten?
[NS.01_009,04] Es ist schon gleich anfangs erwähnt worden, daß auf dem Sonnenkörper alles das im vollkommensten Sinne des Wortes und der Bedeutung vorkommt, was nur immer auf all den andern Planeten spermatim viel unvollkommener und verkrüppelter und auch verhärteter vorkommt.
[NS.01_009,05] Solches ist auch der Fall mit den Menschen. – Danach könnt ihr auf dem Sonnenplaneten nicht nur alle Menschenarten dieser Erde, sondern auch die aller andern Planeten und ihrer Monde im vollkommensten Sinne, besonders was die Form betrifft, antreffen. Nur ist natürlich, gleich allem anderen, auch der Mensch bis zur höchsten Vollendung der Form nach ausgebildet, so zwar, daß ihr wohl auf der ganzen Erdoberfläche nirgends eine so schöne und vollkommene Menschenform antreffen möchtet als auf dem Sonnenplaneten. Ja ihr könnt es vollends glauben, ein Mann oder ein Weib in der Sonne ist dem Leibe nach so außerordentlich schön, daß ihr die Schönheit, ohne dabei das Leben zu verlieren, nicht drei Sekunden lang anzuschauen vermöchtet. Denn abgesehen von der überaus großen Fülle der Pracht in der Form, ist schon an und für sich der leibliche Glanz der Sonnenmenschen so stark, daß, so da irgend ein Mensch aus der Sonne auf irgendeinem wenigstens zehn Meilen von euch entfernten Berge stünde, ihr dennoch nicht imstande wäret, ihn vor lauter Lichtglanz anzuschauen. In einer größeren Nähe würde euch sein Glanz fast augenblicklich zu Asche verbrennen. – Das Weib ist auch in der Sonne noch viel runder und weicher als der Mann; aber ihr Leibesglanz ist minder als der des Mannes.
[NS.01_009,06] Ihr werdet hier leichtlich fragen: „Ja, wenn dem so ist, wie können denn hernach diese Sonnenmenschen formell bestehen, ohne plötzlich durch ihr eigenes Licht aufgelöst zu werden, nachdem sie doch auch sicher mehr oder weniger materiellen Leibes sind?“ – Dafür ist schon von Mir aus gesorgt. Auf der Erde gibt es freilich wohl keine Materie, welche in dem starken Sonnenlicht bestehen könnte; aber was da die Materie der Sonne betrifft, so besteht diese schon wieder auf anderen Gesetzen als die eines unvollkommenen Planeten. Und so besteht auch die Materie eines Sonnenmenschenleibes aus einem viel andern Stoffe als die Materie eures Leibes, und ist daher beständig, selbst unter den allerintensivsten Strahlen, nachdem sie gewisserart mehr geistig und somit auch ums Unvergleichliche einfacher ist als die eurige. Unter solchen Bedingungen können sonach die Sonnenmenschen gar wohl existieren und sich ihres Lebens freuen und dasselbe zu den nützlichsten Zwecken benutzen.
[NS.01_009,07] Die schönsten von allen Menschen der Sonne sind dennoch die weißen; obschon auch Menschen aller andern Farben nirgends etwa häßlich anzutreffen sind.
[NS.01_009,08] Was die Größe der Sonnenmenschen betrifft, so ist diese ebenfalls sehr verschieden. – Unter dem Äquator oder vielmehr in der Gegend des Äquators wohnen der Sonne kleinste Menschen, welche nicht viel größer sind als ein sehr großer Mann bei euch auf der Erde. Diese Menschen sind nahe samt und sämtlich von weißer Farbe und sind somit die schönsten auf dem ganzen Sonnenplaneten. – Um die Pole der Sonne aber wohnen ihre größten Menschen, von nahe dunkelroter Farbe, aber ebenfalls lichtglänzend. Wenn da ein solcher Mensch auf der Erde stünde, so würde es ihm eben nicht gar zu schwer werden, wenn er ganz in der Ebene der Meeresoberfläche sich befände, mit leichter Mühe, ohne seine Hand zu sehr in die Höhe strecken zu müssen, die Himalajaspitze der Erde zwischen dem Daumen und Zeigefinger zu fassen und sie bis gegen den Südpol der Erde hin zu schleudern. – Von dieser größten Menschengattung steigt die Größe abwärts bis zu den am Äquator wohnenden.
[NS.01_009,09] Hier werdet ihr sagen: Was tun denn hernach solche ungeheure Riesen mit den kleineren Menschen, wenn sie allenfalls bei der Gelegenheit einer Bereisung mit ihnen zusammenkommen? – Diese Frage ist so gut wie umsonst. Denn auf dem Sonnenplaneten ist eine jede Menschengattung durch die natürlich-planetarischen Verhältnisse der Sonne auf ihren Platz angewiesen und kann denselben so wenig verlassen wie ihr die Erde, wenn es euch noch so sehr gelüsten möchte, eine Reise in den Mond zu machen.
[NS.01_009,10] Ihr werdet hier wohl freilich wieder fragen: Wie ist solches zu verstehen? In den Mond ist eine Reise freilich wohl unmöglich, weil er als ein zu weit getrennter Teil von der Erde abständig ist. Aber die Sonne ist ein kontinuierlicher Körper, der überall eine und dieselbe Oberfläche hat, warum sollte denn da eine weite Reise für eine oder die andere Menschengattung unmöglich sein?
[NS.01_009,11] So geduldet euch nur ein wenig; wir wollen die Unmöglichkeiten sogleich ein wenig durchmustern. Und so höret denn! – Erstens ist der Erdboden des Sonnenkörpers sowohl von einem als dem andern Pol gegen den Äquator hin von sehr ungleicher Dichtigkeit, – so zwar, daß der Erdboden der Sonne um deren Pole nahe so fest ist wie der Boden eurer Erde; nur ist er nicht so spröde und zerbrechlich. Dieser Boden taugt ganz wohl für die vorbenannten Riesen. Wenn dieser Boden anfängt weicher zu werden, dann taugt er nicht mehr, die Last eines solchen Riesen zu tragen. – Möchte einer da eine Reise weitermachen, so würde er bald zu wanken anfangen, und bei noch weiter fortgesetzter Reise bei jedem Tritt in den elastisch weichen Boden bis über die Mitte seines Leibes hineinsinken. – fast als wenn ihr ein sehr großes Polster machen möchtet, welches da vom Boden bis zuoberst bei drei Klafter im Durchmesser hätte. Wie würde es mit eurer Wanderung über ein solches Polster, das da mit Federflaum ausgefüllt wäre, ergehen? Würdet ihr da nicht beim ersten Tritt auf demselben hineinsinken, allwann dann alles fernere Mühen, über dasselbe zu kommen, vergeblich wäre, und wenn es auch nicht länger als höchstens hundert Klafter wäre? – Möchtet ihr aber auf ein solches Polster eine Maus setzen, so wird diese schon recht wohl über das Polster laufen können; noch leichter aber eine Fliege. – Sehet, das ist also für solche Wanderungen schon ein Hindernis, demzufolge jede Menschenklasse auf ihren Kreis bleibend angewiesen ist.
[NS.01_009,12] Ein zweites Hindernis ist der Nahrungsstoff für verschiedene Klassen von Menschen. Denn wie da der Boden ist, also werden auch die Produkte, wenn auch durch den Willen des Menschen hervorgebracht. – Wie ist solches zu verstehen? – Nahe so wie bei euch auf der Erde, nur in viel vollkommenerem Sinne; denn auch der Sonnenboden gehorcht dem Willen der Menschen nicht überall gleich, – so wie er auf der Erde ebenfalls der Tätigkeit der Menschen nicht gleich gehorcht. So möchte sich einer auf den Kopf stellen, und er wird auf den Spitzbergen keine Ananas hervorbringen; während im umgekehrten Falle wieder der allergeschickteste Gärtner in einer Gegend unter dem Äquator kein Eismoos oder die sogenannte Rentierflechte zuwegebringen wird.
[NS.01_009,13] Auf der Erde richtet sich der Gehorsam des Erdbodens nach den klimatischen Wärmeverhältnissen. Solches ist auf dem Sonnenplaneten freilich wohl nicht der Fall, obschon es auch dort an den Polen etwas kühler ist als an dem Äquator. Daher richtet sich dort der Gehorsam des Erdbodens lediglich nach den auf- oder abnehmenden Graden der Weichheit desselben. Es kann oder es könnte vielmehr wohl auch ein Mensch eines festeren Bodens auf einem weicheren Boden etwas hervorrufen. Allein das Hervorgerufene wird wohl ungefähr die Form des Willens dessen haben, der es hervorgerufen hat; aber es wird viel kleiner, schwächer und weicher sein, wodurch es dann auch dem Bedürfnis des Magens dessen, der es hervorgerufen hat, ebensowenig mehr entspricht, als wenn ihr zum Beispiel auf einer Alpe euren Magen mit dem sparsamen Steinmoos sättigen müßtet, wobei gewiß niemandem mehr ein Speck wachsen würde. Möchte sich sonach auch ein Mensch von einer Polargegend der Sonne durch allfällige künstliche Mittel bis zum Äquator hin versetzen, so müßte er dort ohne Gnade und Pardon verhungern.
[NS.01_009,14] Ein drittes Hindernis sind die unterschiedlichen, großen Wasserkreise, welche vom Pol gegen den Äquator hin bei sieben Male das festere Erdreich gewisserart trennen. Ein solcher Wasserkreis hat allzeit eine Breite von mehreren tausend Meilen und gegen die Mitte zu nicht selten eine Tiefe von zehn bis zwanzig Meilen.
[NS.01_009,15] Das Wasser der Sonne ist viel leichter als das auf den Planeten; daher ist es auch für keine Schiffahrt tauglich, und so tut es sich auch mit dem Schwimmen auf demselben schon gar nicht. Das ist demnach ein non plus ultra Hindernis, welches die Sonnenmenschen nicht besiegen können; daher bleiben sie auch ganz ruhig auf ihrer Stelle und wissen nicht, ob über einem solchen Wasserkreise noch irgend ein Land zum Vorschein kommt. Sie sind vielmehr der Meinung, daß mit dem Anfang eines solchen Wasserkreises ihre Welt ein Ende hat, und sodann das Wasser in alle Ewigkeiten fortdauert.
[NS.01_009,16] Ein viertes Hindernis, dessen es kaum mehr nötig ist zu erwähnen, sind die vielen Vulkane und andern hohen Berge längs eines solchen Wasserkreisufers. Diese Vulkane toben und wüten zumeist unablässig und zwar hier und da in einer so großartigen Form, daß ihr euch auf der Erde davon rein keinen Begriff machen könnt. Denn da sind manche Krater größer als euer ganzes Europa, aus denen zu allen Zeiten Trillionen der heftigsten Blitze unter dem vehementesten Getöse und Gekrache entstürzen. Von solchen großartigen Naturschauspielen aber sind die Sonnenbewohner durchaus keine besonders großen Freunde. Demnach heißt es auch bei ihnen in der Tat, wie bei euch im Worte: Hübsch weit weg, ist gut vor dem Schuß zu sein. – Diese Vulkane hindern auch die im Innern des Landes wohnenden Menschen, allfällige Weltumsegelungs-Versuche zu machen; und so bleiben sie, wie ihr zu sagen pflegt, beständig hübsch zu Hause.
[NS.01_009,17] Es gäbe zwar noch einige Hindernisse; allein es genügen diese, damit ihr einsehet, wie da die verschiedenen Größengattungen der Menschen auf dem Sonnenplaneten ganz ungeniert auf einem und demselben Weltkörper leben können. Somit hätten wir zum voraus ganz oberflächlich die Lokalverhältnisse der Menschen wie auch die Menschen selbst beschaut und können uns demnach wieder zu unseren schönsten Menschen der Sonne, die dort am Äquator wohnen, begeben und mit ihnen die gleich anfangs der heutigen Mitteilung besprochene Naturszene der Sonne beschauen.

10. Kapitel – Der Mittelgürtel der Sonne. – Landschaft und Bewohner daselbst. – Ausbruch einer Sonnengeschwulst.

[NS.01_010,01] Der bewohnbare Streif oder vielmehr Gürtel der Sonne zu beiden Seiten des Äquators beträgt je im Durchschnitt genommen etwas über 20000 Meilen im Durchmesser der bewohnbaren Breite. Dieser Gürtel ist zugleich auch der allerbewohnteste Teil der ganzen Sonne und kann von jedermann überall bewandert und bereist werden. Das Erdreich dieses Gürtels ist überall gepolstert weich; daher niemand, wenn er auch auf den Boden fällt, sich auch nur den allerleisesten Schaden zufügen kann.
[NS.01_010,02] Südlich und nördlich an diesem Gürtel aber befinden sich die außerordentlichsten, ununterbrochenen und zuallermeist unübersteiglich hohen Gebirge, welche sich hier und da wohl auch über die Breite des Äquators in sanfteren Erhöhungen ziehen, welche leicht zu besteigen und zu übersteigen sind. Aber nicht also an der südlichen oder nördlichen Grenze des Äquatorgürtels, allda die Berge nicht selten ein- bis zweihundert deutsche Meilen hoch und zumeist so steil und dabei wie poliert glatt sind, daß da wohl niemand imstande ist, allda wo die Steilen anfangen, auch nur einen Fuß weiterzusetzen.
[NS.01_010,03] Wenn aber hier und da die Steilen auch noch eine solche Neigung haben, daß sie mit großer Mühe und Beschwerde erklommen werden könnten, so haben aber dennoch die hohen Berge der Sonne die Eigenschaft, daß sie, je höher sie ragen, auch stets desto unerträglich weißglänzender werden. Die Ursache liegt darin, weil die Wände solcher Berge durch den Umschwung der Sonne, je höher sie sind, auch einem desto heftigeren Druck der Sonnenluft ausgesetzt sind, wodurch dann ihre, das Geistige umfassenden Hülschen (aus denen eigentlich alle ihre Materie gebildet ist), in eine auch desto heftiger reagierende und sich ausdehnen wollende Vibration geraten, welches dann, wie ihr schon wißt, auch der Grund des immer heftiger werdenden eigentümlichen Leuchtens ist.
[NS.01_010,04] Aus diesem Grunde auch werden dann selbst diese allenfalls ersteigbaren Himalajas und Chimborassos der Sonne in Frieden gelassen, und die Sonnenbewohner haben nur dann eine Lust an diesen Bergen, wenn sie dieselben in Entfernungen von hundert bis tausend Meilen nach eurer Rechnung in weiten Reihen überschauen können. Dessenungeachtet aber sind sie doch überaus große Freunde von den mäßigen Erhöhungen und niederen Bergen und wohnen zumeist auf solchen; denn die großen und weitgedehnten Ebenen sind nie sicher vor einem Durchbruche, den wir bei dieser Gelegenheit, wie schon gesagt, mit den Bewohnern der Sonne anschauen wollen.
[NS.01_010,05] Auch sind hier und da auf den weiten Ebenen große Seen ausgebreitet, welche die Sonnenbewohner zwar recht gerne anschauen, aber in eine zu große Nähe wollen sie denselben gerade auch nicht kommen, weil diese Seen oft unversehens austreten, und dann könnten die Bewohner nicht schnell genug den ihnen nachstürzenden Fluten entfliehen; denn ein solcher See faßt manchmal mehr Wasser in sich als alle eure Meere der Erde.
[NS.01_010,06] Allein darum haben die vielen tausend Millionen Menschen, welche nur diesen Gürtel bewohnen, dennoch den überaus hinreichendsten Platz, denn ein einziger solcher Hügelrücken der Sonne hat mit seinen Verzweigungen nicht selten einen bei weitem größeren Flächenraum als bei euch Asien, Afrika und Europa zusammengenommen. Daher ist auch durchaus nicht zu sorgen für den Platz der Sonnenbewohner. Zudem sind auch diese Sonnenhügel durchaus nicht mit euren Erdhügeln zu vergleichen; denn sie sind dessenungeachtet am Ende über die Ebene hinaus doch noch fünf bis zehn Meilen hoch, welches die zehnfache Höhe eures allerhöchsten Berges der Erde beträgt. Darum denn auch die Aussicht von einem solchen Hügel für eure Begriffe eine wahrhaft unbeschreiblich herrliche ist; denn die überaus mannigfaltigen Gruppierungen der Grenzgebirge, die großartigen Wohngebäude der Menschen, die da die Hügel bewohnen, und die große abwechselnde Mannigfaltigkeit in der Vegetation, die weithin glänzenden Seespiegel, die zahllos verschiedenen Farben der Dinge, und besonders die überaus majestätisch und großartig angelegten Lehrtempel machen die Aussicht von einem solchen Hügel so überaus herrlich, daß sie wirklich über alle eure Begriffsformen ins für euch Unbegreifliche erhaben ist.
[NS.01_010,07] Wir brauchen dazu kaum noch zu erwähnen der vielen sanften und schönen Land- und Lufttiere, welche allda in besonderer, mannigfaltiger Schönheit vorhanden sind, um euch dadurch auch das Belebte dieser Sonnengegend ein wenig mehr vor die Augen zu rücken.
[NS.01_010,08] Kurz und gut, wir haben jetzt genug, um uns behaglich auf einem dieser Hügel zu lagern, und von ihm aus mit den Sonnenbewohnern einer für euch sicher überaus großartigen Naturerscheinung der Sonne beizuwohnen. Damit ihr aber diese merkwürdige Szene desto lebhafter beobachten möget, so wollen wir bei dieser Gelegenheit uns offenen Ohres unter die Sonnenbewohner mengen und zuhören, was sie bei solcher Gelegenheit für eine Stimme führen.
[NS.01_010,09] Sehet, dort nicht ferne von einem großen Tempel, dessen spitzig-erhabene Dachung auf tausend großen weißglänzenden Säulen ruht, steht eben eine Gruppe von etwa hundert Menschen beiderlei Geschlechts. Sehet, wie sie zur andern Seite über den Hügel hinabstarren und mit den Fingern zeigen. – Was mögen sie wohl haben? – Nun, das wird sich bald finden.
[NS.01_010,10] Sehet, wir sind schon unter ihnen.
[NS.01_010,11] Dort, in weiter Entfernung, in der Mitte eines großen Sees, fängt ein kegelförmiger Hügel sich zu erheben an. Sehet, wie er zusehends wächst! – Doch jetzt wollen wir nicht mehr weitersprechen, sondern bloß hören, was die Sonnenbewohner sprechen, und schauen, was sie selbst, wenn schon mit derlei Erscheinungen vertraut, mit hoch erstaunten Augen und bebenden Gemütern anschauen!
[NS.01_010,12] Sehet, da sind eben mehrere Lehrer, welche die Erscheinung beobachten. Die zwei Vorsteher besprechen sich miteinander. – Der A spricht: „Bruder, was hältst du von dieser Erscheinung? Wie hoch, meinst du wohl, wird sich diese Geschwulst diesmal erheben bis zum Ausbruche? Siehe, sie wächst mit größter Heftigkeit!“
[NS.01_010,13] Der B spricht: „Bruder, jetzt läßt es sich noch nicht bestimmen; denn wie du weißt, wenn sie keine Nebengeschwülste bekommt, so wird sie nur einen gewöhnlichen, bald erfolgenden Ausbruch darbieten. Aber sieh, ich bemerke soeben neuerdings eine Menge Tuberkeln sich über die Oberfläche des Wassers erheben! Und da sieh einmal hin, hinter dem erst beobachteten Kegel sehe ich soeben einen noch bei weitem umfangreicheren sich mit großer Hast über den erstbeobachteten erheben. – Höre Bruder, diesmal werden wir uns wohl müssen mehr auf die Höhe ziehen; denn wenn das so fortgeht, so wird die Geschwulst, bevor sie zum Ausbruche kommt, uns das Wasser hierher heben.“
[NS.01_010,14] Der A spricht: „Ja, lieber Bruder, du möchtest diesmal wohl recht haben; denn die Geschwulst wächst heftig, und noch immer erheben sich mehrere aus dem Wasser, und noch immer bemerke ich keine rotglühenden Gipfel. Daher höret alle, ihr lieben Brüder und Schwestern, ziehen wir uns nur eiligst auf den hinter uns liegenden Hügel, auf dem ein Hauptlehrtempel errichtet ist.“
[NS.01_010,15] Nun sehet, eiligst verläßt alles diesen Platz und eilt wie vom Winde getragen rückwärts auf den bedeutend höheren Hügel.
[NS.01_010,16] Nun haben sie den vorbenannten Tempel schon erreicht, und wir mit ihnen. – Nun lasset sie uns auch weiter hören!
[NS.01_010,17] Der A spricht: „Bruder, was meinst du, wird es geheuer sein, den Durchbruch abzuwarten? Wird er bloß in die Höhe ausbrechen, oder bemerkst du nicht, daß der erstbemerkte Kegel eine Neigung gegen unseren Standpunkt nimmt?“
[NS.01_010,18] Der B spricht: „Bruder, du hast recht! Der große Gott möge uns jetzt die rechte Flucht anzeigen, sonst sind wir verloren mit allem, was da diese Stätte ziert.“
[NS.01_010,19] Sehet, alles fällt auf diese Bemerkung bebend auf den Boden nieder und bittet den großen Gott um Erbarmen und um die Erleuchtung ihrer Lehrer und Führer, damit diese sie auf eine Stelle zu bringen vermöchten, allda es geheuer wäre, solche Kalamität abzuwarten.
[NS.01_010,20] Sehet, der A erhebt sich wieder, und der B mit ihm. Und der A spricht: „Bruder! Dank, ewiger Dank dem großen Gott! Denn da sieh hinauf – rückwärts auf den dritten Hügel! Bei dem kleinen Tempel, der da nur aus 77 Säulen besteht, steht schon ein schützender Engelsgeist aus lichter Sphäre. Daher laß uns schnell dorthin eilen; denn wir werden ihn kaum erreichen, so wird die sämtliche große Geschwulst dem Ausbruch auch schon völlig nahe sein. Denn siehe, wie heftig sich alle die Kegel emporziehen, und wie sich ihr Umfang stets mehr und mehr erweitert! Das sind schon nahe Vorzeichen des furchtbarsten Ausbruches!“
[NS.01_010,21] Sehet, sie erheben sich alle und eilen dahin, wo der Schutzgeist ihnen eine sichere Stelle andeutet. Sehet, wie sie sich an den Händen halten, und eins das andere zieht, damit ja niemand zurückbleibe oder ermatte! – Nun sehet, sie sind nahe dem Ziel, und wir mit ihnen; noch eine kurze Frist, und die Stelle ist erreicht.
[NS.01_010,22] „Wir sind hier“, spricht der A, „ewiges Lob, ewiger Preis und Dank dem großen allmächtigen Beschützer, der uns diesmal errettet hat! Und du, unser biederer Schutzgeist, wenn es der Wille des großen Gottes ist, bleibe die Zeit des Schreckens bei uns und helfe uns trösten die Schwachen.“
[NS.01_010,23] Der B spricht: „Ja, jetzt und allezeit geschehe der allein allmächtige Wille des großen Gottes!“
[NS.01_010,24] Ein Dritter kommt hinzu und spricht: „Brüder, sehet hinab auf unseren ersten Standpunkt, wie er schon von den gewaltigsten Wasserwogen bespült wird, und kaum mehr ist das Dach des Tempels noch zu sehen!“
[NS.01_010,25] Ein Vierter kommt hinzu und zeigt mit aufgehobener Hand aufwärts und spricht: „Sehet, Brüder, um des allmächtigen Gottes willen: die schon jetzt die höchsten Berge überragende Geschwulst bekommt schon glühende Äste, und tausende schießen ihnen noch nach!“
[NS.01_010,26] Und der A spricht: „Seid ruhig, Brüder! Denn wir sind geborgen. Die Geschwulst nimmt eine andere Wendung; sie neigt sich uns gegenüber. Und nichts Verheerendes wird uns erreichen, wenn sie zerrissen wird.“
[NS.01_010,27] Der B spricht: „Nun macht euch gefaßt! Schon wird der ganze Kegel rotglühend, und den Feuerzweigen entstürzen schon Millionen und Millionen Blitze. – Wie hoch möchte wohl die Geschwulst jetzt schon sein? Hat sie schon die Glühoberfläche der lichten Luft erreicht?“
[NS.01_010,28] Hier tritt der Schutzgeist zu ihnen und heißt sie sich niederlegen auf den Boden und die Finger in die Ohren halten. Denn die Geschwulst erhebt sich schon über die Oberfläche der Glühluft, und alsogleich wird der Durchbruch erfolgen.
[NS.01_010,29] Nun sehet, es wird alles stumm und liegt mit zugehaltenen Ohren bebend am Boden. Jetzt horchet aber auch ihr und sehet hin auf den mehrere tausend Meilen im Durchmesser habenden, rotglühend aufgeschwollenen Kegel. Sehet, jetzt zerreißt er! Ein erdenzerschmetternder Knall erfolgt. Die Berge erbeben gewaltigst. Und jeder Höhe entfahren bei dieser Erschütterung Millionen der gewaltigsten Blitze, jeder begleitet von dem unerhörtesten Donner.
[NS.01_010,30] Sehet hin, wie nun die Wände nach und nach dunkler werden und gewaltig krampfhaft zucken! Aber sehet da hinab, noch sind einige Nebenkegel nicht zersprungen. Dahin sehet – mehr zur rechten Seite gegen Süden hin; da ist noch ein Kegel, dieser wird in der Niederung zerplatzen. Gebt nur acht, wenn seine Kuppe ästig wird, weißglühend und ganz lebendig von zuckenden Blitzen, so wird er zerreißen. Nur noch eine kleine Geduld, und ihr werdet alsogleich das großartige Schauspiel sehen! – Jetzt sehet hin, – jetzt zerreißt er!
[NS.01_010,31] Sehet, welche Massen mit mehr als Blitzesschnelle der weit gähnenden Kluft entstürzen! Was sind denn diese Massen? – Ihr kennt sie schon; es sind neue Ausgeburten für neue Weltkörper, bestehend aus zurückgegangenen, ihre Freiheitsprobe nicht bestanden habenden Geistern!
[NS.01_010,32] Sehet dorthin in weite Fernen, wie da wieder eine Menge von Leuchtkugeln größerer und kleinerer Art in die weit gedehnten Wasserflächen zurückfallen. Erhebet aber auch eure Augen von der Sonne aufwärts in den unendlichen Raum hinein und sehet, wie auch das sichtbare Firmament von zahllosen, von euch so benannten Sternschnuppen nach allen Richtungen durchkreuzt wird. Und seht noch ferner, wie sich von dem viele Planeten fassend weiten Krater ungeheuere Rauch- und Wolkensäulen erheben und mit der größten Schnelligkeit hintanwogen – in die fernen Planetengebiete!
[NS.01_010,33] Und sehet, wie sich der große Krater immer mehr und mehr verengt – und wieder zusammensinkt hinab in die Tiefe. –
[NS.01_010,34] Seht auch hin, wie sich unsere Gesellschaft wieder vom Boden zu erheben anfängt und Mir ein lautes Lob darbringt für ihre Erhaltung und für den so glücklichen Ausbruch dieser selten großen Geschwulst.
[NS.01_010,35] Nun sehet, also sieht ein solcher Ausbruch aus. Nur dauert dessen Wachsen und Verschwinden natürlicherweise viel länger, wie auch alle die hier angeführten Erscheinungen. – Da wir sonach dieses gesehen haben, so wollen wir uns darüber nächstens mit den Bewohnern der Sonne noch etwas näher besprechen und überhaupt mit den Menschen dieses Gürtels eine nähere Bekanntschaft machen. Und so lassen wir die Sache heute wieder gut sein!

11. Kapitel – Pendel-Zeitmesser der Bewohner des Mittelgürtels. – Das Zeitwächteramt und sonstige Ämter.

[NS.01_011,01] Da wir uns noch bei unserer Gesellschaft befinden, so wollen wir uns auch noch eine Zeitlang bei ihr aufhalten und dabei so manches behorchen und beschauen, was sie alles noch tun und reden werden.
[NS.01_011,02] Noch befinden sie sich auf der dritten Höhe nahe dem kleinen Tempel, der da nicht mehr als 77 Säulen hat. Und sehet, soeben tritt wieder der B zum A hin und fragt ihn, wie da folgt: „Bruder, was meinst du nach deiner Weisheit, wie lange wird es dem großen Gott gefallen, die ihrer Not entleerte Geschwulst also offenstehend zu belassen?“ – Es spricht der A: „Bruder, du weißt ja, daß wir nichts schwerer bestimmen als das Zeitmaß. Wie magst du mich um solches fragen? Gib mir aber einen Zeitmesser, so will ich es dir ja sagen.“ – Es spricht der B weiter: „Lieber Bruder, siehe, da wo wir unsern Zeitmesser aufgestellt hatten, steht jetzt das Wasser, daher kann ich dir nun keinen Zeitmesser verschaffen. Aber so viel kannst du mir ja doch sagen: Wie weit könnte ich wohl kommen mit einer mittleren Bewegung, bis der gewaltige Austrieb wieder zurücksinken wird in seine vorige Lage?“ – Und es spricht der A weiter: „Du möchtest in der Zeit wohl siebenundfünfzig Millionen Schritte tun, bis der Austrieb sich wieder völlig in die Tiefe zusammensenken und vernarben wird, und bis endlich selbst die Narbe verheilen wird zu einem glatten Grunde des großen Sees.“
[NS.01_011,03] Ihr werdet hier vielleicht fragen: Warum bestimmen denn die Sonnenbewohner die Zeit nicht nach Jahren, Tagen und Stunden? – Die Antwort auf diese Frage liegt klar vor euch; denn in der Sonne ist ja nie Nacht, sondern ein ununterbrochener Tag. So gibt es auch keinen Mond, nach dessen Umlauf die Sonnenbewohner die Zeit bestimmen könnten.
[NS.01_011,04] Zudem sind die Gestirne des Himmels von diesem Gürtel aus auch am schlechtesten zu sehen, da in dieser Gegend der Sonne ihre Luft am unruhigsten ist, weil sie eben durch den mächtigen Umschwung der Sonne am meisten umhergetrieben wird. Durch diesen Umstand entzündet sie sich hier auch am meisten und wird besonders in den höheren Regionen überaus stark leuchtend, durch welches nahezu beständige Leuchten es dann vom eigentlichen Sonnenkörper aus nicht so gut in die freien Schöpfungsräume hinauszuschauen ist, wie von jenen Punkten der Sonne, allda ihre Luft nur bei weitem geringer getrieben und genötigt wird (was besonders in den Polargegenden der Fall ist).
[NS.01_011,05] Sehet, aus diesem Grunde geht es den Sonnenbewohnern dieses Gürtels mit der Zeitbestimmung auch etwas schwer, da sie keinen Morgen, keinen Mittag, keinen Abend und somit auch keine Nacht haben. – Was tun sie aber dann, um dennoch eine Zeitrechnung zu haben?
[NS.01_011,06] Sie lassen Bäume von bedeutender Höhe aus dem Boden wachsen, wozu sie eben nicht viel Zeit, Mühe und Arbeit brauchen; sondern ein oder der andere Lehrer zeichnet sich in seiner Idee einen solchen zu errichtenden Baum vor; hat er ihn einmal völlig entworfen, so beugt er sich zur Sonnenerde, ritzt mit einem spitzigen Werkzeuge den Erdboden, steckt dann das spitzige Werkzeug so tief als möglich ins Erdreich, zieht es dann wieder heraus und überstreicht mit seinen Fingern die Ritze und in der Mitte derselben das gemachte Loch und spricht dann nach dieser Arbeit: „Des großen Gottes Wille geschehe!“ – Und alsbald fängt der bezeichnete Baum dem Sonnenerdboden zu entsprießen an. Ist der Baum in kurzer Zeit nach dem Willen dessen, der ihn bezeichnet hat, vollkommen da, so wird er dann zu dem Zweck benutzt, für welchen er aus dem Boden der Sonne gerufen wurde.
[NS.01_011,07] Da wir soeben von einem Baum gesprochen haben, der die Zeit anzeigen oder vielmehr der Zeitmessung dienen soll, so wollen wir denn auch bei dieser Gelegenheit sehen, wie da ein solcher Baum für den besprochenen Zweck gestaltet und verwendet wird.
[NS.01_011,08] Ihr habt sicher schon bei euch auf der Erde ein Gartenspiel gesehen, welches den Namen „Das Taubenschießen“ hat. Sehet, also sieht auch ein solcher Baum aus; nur ist er nicht behauen und hat keine eingebohrten Sprisseln, sondern ist ein runder, bei fünf Klafter im Durchmesser und bei dreihundert Klafter in der Höhe habender Baum, von dem zu beiden Seiten, gleich riesenhaft großen Ochsenhörnern, die Sprisseln statt anderer Zweige hinausgewachsen sind. Zuoberst krümmt sich der Baum ungefähr fünf Klafter über seinen Grund hinaus und ist allda mit einer beliebigen Krone zur Zierde versehen. Auf diesem Vorbuge wird eine lange Schnur angebunden, und zuunterst, nicht ferne vom Boden, wird an diese Schnur ein Pendel von kugelrunder Form und verhältnismäßiger Schwere angehängt. Alsdann nimmt ein Mensch die Kugel und schwingt sie so weit es nur seine Kraft mit einem Wurf vermag. Sodann schwingt sich dieser Pendel eine geraume Zeit hindurch. Und nach den Schwingungen dieses langen Pendels wird dort zuallermeist die Zeit bestimmt.
[NS.01_011,09] Ungefähr in einer halben Minute macht ein solcher Pendel eine Schwingung. – Und eine gewisse Summe solcher Schwingungen gibt dann einen Zeitraum, den sie ungefähr also, wie ihr eine Stunde, annehmen. – Die ganze Schwungzeit vom Wurfe angefangen bis zum völligen Stillstand nennen die Sonnenbewohner ungefähr das, was ihr einen Tag nennt.
[NS.01_011,10] Was geschieht aber hernach, wenn ein solcher Zeitmesser seine Schwingungen eingestellt hat? Dann ist der Zeitwärter schon wieder bei der Hand und schwingt seinen Pendel von neuem. Solche Verrichtung ist bei den Sonnenbewohnern ein überaus ansehnliches Amt. Denn diese Sonnenmenschen haben von ihm eine ganz überaus hohe Meinung und halten ihn für die allerwichtigste Person in einer Gesellschaft. Denn sie sagen: „Wenn dieser nicht beständig Wache halten möchte über das Pendel, so wüßte ja niemand, wann er geboren wurde und wie alt er schon ist.“
[NS.01_011,11] Daher gibt es auch hie und da Bestechungen an diese Zeitwärter; denn den Sonnenbewohnern dieses Gürtels ist nichts lästiger als das Alter. Allein es ist dort eine leichte Kunst, wieder jung zu werden; man darf nur mit einem solchen Zeitwärter übereinkommen, daß er auf eine Zeitlang das Pendel ruhen läßt. Ein solches Ruhen wirft sogleich alle früheren Zeitrechnungen über den Haufen und macht sie zugleich auch völlig ungültig, und sie fangen dann wieder von neuem an zu zählen.
[NS.01_011,12] Ihr werdet hier wohl sagen: Ja, was ist hernach mit dem vorigen Schwingungszeitraume, der vor dem Stillstande verflossen ist? – Dieser wird darum aus der Rechnung getilgt, weil man die Länge des Stillstandes nicht bestimmen kann. Daher werden wieder bei einem neubegonnenen, durch die Schwingungen gemessenen Zeitraum alle Menschen wieder gleich alt. Denn das kann dort auch sehr leicht der Fall sein, da dort das Altern durchaus nicht in der Natur begründet ist; sondern ein nach eurer Zeitrechnung mehrere hundert Jahre alter Mensch sieht noch ebenso frisch und heiter aus, als er allenfalls in seinem zwanzigsten Jahre nach eurer Zeitrechnung ausgesehen hatte. Daher tut es sich denn auch mit dem Sich-jünger-Machen, was da die Zeitdauer des Lebens betrifft. Und so unterscheidet sich auch alt und jung allein in der Weisheit.
[NS.01_011,13] Aus diesem Grunde ist dann auch die Vorliebe zum beständigen Jungsein nur mehr bei dem weiblichen Geschlecht, und bei dem männlichen Geschlecht nur dann, wenn sie sich mit einem Weibe ehelich verbinden wollen. Wenn es sich aber darum handelt, irgend ein wichtiges Amt zu überkommen, da werden sogar die Pendelstillstände gezählt, so daß bei solchen Gelegenheiten mancher dann ein so hohes Alter herausbringt, daß er auch von den wahrhaft weisen Lehrern und Amtsverleihern weidlichst ausgelacht wird. – Das Alter wird aber bei solchen Gelegenheiten dann auch nicht nach den vorgewiesenen Pendelschwingungen beurteilt, sondern dem Amtsbewerber werden in einem dazu eigenen Tempel von den Lehrern sehr schwierige Fragen zur Beantwortung gegeben; beantwortet er diese zur vollkommenen Zufriedenheit der Lehrer, so wird er von denselben alsbald als amtsbefähigt anerkannt und ihm wird eine Zahl gegeben, welche da besagt sein Alter. Ist ein solcher Amtskandidat natürlicherweise auch nicht mehr als dreißig Jahre alt, so wird er aber dennoch vermöge seiner Weisheit für sechzig erklärt.
[NS.01_011,14] Ihr werdet hier fragen: Was gibt es denn da für verschiedene Ämter? – Ich sage euch, es gibt auf gar keinem Planeten so viele und verschiedene wie hier. Obschon es hier zwar keine Kreisämter und dergleichen andere Ämter gibt, wie sie auf der Erde bei euch vorhanden sind, so gibt es aber dennoch eine ganze Legion anderer, von denen ihr bis jetzt freilich wohl keinen Begriff haben könnt. Darum auch wollen wir alsogleich mehrere der wichtigeren durchgehen.
[NS.01_011,15] Die ersten und vorzüglichsten Ämter sind die Lehrämter, dazu es auch, besonders in diesem Gürtel, eine nahe zahllose Menge von den herrlichsten Lehrtempeln auf den Höhen gibt, in welchen die Sonnenmenschen über alles mögliche allzeit belehrt werden.
[NS.01_011,16] Ein zweites Hauptamt ist das Priesteramt; dieses besteht darin, daß diese Priester sich alleremsigst mit dem göttlichen Wesen und Seiner Ordnung bekanntmachen müssen. Dessenungeachtet aber sind dennoch die Lehrer der ersten Art erhabener; denn sie sind die eigentlichen Oberpriester und dadurch auch Regenten des ganzen Volkes.
[NS.01_011,17] Ein anderes Amt besteht darin, daß durch dasselbe der Wille der Menschen geleitet, geordnet und ausgebildet wird nach dem Willen Gottes; und zwar wird ihnen, wie ihr zu sagen pflegt, theoretisch und praktisch gezeigt, daß der Mensch mit seinem Willen nur dann vollkräftig wirken kann, wenn dieser im vollkommenen Einklange steht mit dem Willen des großen Gottes. – Daher ist es auch jedes Menschen erste Pflicht, diesen allermächtigsten und allerheiligsten Willen vor allem zu erforschen und zu erkennen; denn ohne den vermag niemand eine Pflanze aus dem Boden zu locken.
[NS.01_011,18] Solches wird ihnen auch praktisch gezeigt, indem ein Lehrer einen oder den andern Schüler nimmt und heißt ihn, nach seinem eigenen Willen den Boden zu ritzen und ihn dann mit seinen Fingern zu bestreichen und sodann seine Idee aus demselben herauszuziehen; aber es erfolgt in diesem Fall keine Frucht und keine Pflanze. – Wogegen dann ein solcher Lehrer den Schülern wieder den Willen des großen Gottes zeigt, läßt denselben von ihnen in sich aufnehmen, sodann das Erdreich ritzen und mit den Fingern bestreichen und dann mit dem anerkannten Willen des großen Gottes die Idee aus dem Boden ziehen. Und alsobald erblicken die Schüler die Macht des Willens, – wenn er im Einklange steht mit dem Willen des Allerhöchsten!
[NS.01_011,19] Sie zeigen ihnen auch, daß der Mensch wohl alles dem Erdboden entlocken kann, was er will; aber nur muß er solches nicht wie aus eigener Macht tun wollen, sondern durch das Gebet und die Macht des Willens des großen Gottes. Und dieses wird den Schülern ebenfalls wieder praktisch gezeigt.
[NS.01_011,20] Sehet, das ist ein recht wichtiges Amt; denn in diesem Amt wird im eigentlichsten Sinne die Sonnenlandwirtschaft gelehrt.
[NS.01_011,21] Ein anderes Amt besteht darin, daß den Menschen die Ordnung gezeigt wird, in welcher sie ein oder das andere Geschäft vornehmen sollen. Und dieses Amt ist ebenfalls wieder von großer Wichtigkeit; denn hier lernen die Sonnenmenschen keine andere als Meine Ordnung kennen. Auch hier wird ihnen wieder durch Belehrung und Übung gezeigt, wie da eine dieser Ordnung entgegengesetzte Unordnung auf alles das, was die göttliche Ordnung hervorgebracht hat, zerstörend einwirkt; und wird ihnen gezeigt, wie solche Unordnung allem, was da lebt und webt auf dem überweiten Boden, das Leben gefährdet.
[NS.01_011,22] Ein noch anderes Amt hat die Austeilung des Sonnenerdbodens über sich. Denn obschon es in der Sonne kein eigentliches Eigentumsrecht gibt, so geschieht aber doch eine solche Austeilung der Ordnung wegen. Und es wird den Menschen angezeigt, wo sie dies und jenes dem Boden entlocken dürfen und in welcher Ordnung solches zu geschehen hat, damit nicht Bäume, Gras und Pflanzen durcheinanderwachsen, sondern in allem eine gute und bestimmte Ordnung sei. Sehet, auch das ist ein recht gutes Amt, demzufolge dieser ganze, überaus große Sonnengürtel nicht anders erscheint, als ein überaus großer, ununterbrochener Garten, geschmückt mit den herrlichsten, zahllosartigen Baumgruppen, Gesträuchen, Pflanzen und Gräsern, welche, wie schon gesagt wurde, bei jedem einzelnen Sonnenbewohner, besonders dieses Gürtels, gänzlich verschiedenartig sind, – was eben den Reiz und die Schönheit dieser großen Länder ums Unbeschreibliche erhöht.
[NS.01_011,23] Ein anderes Amt, welches schon vielfältiger ist, unterrichtet die Menschen, wie sie die hervorgebrachten Bodenerzeugnisse gebrauchen sollen, und lehret sie zugleich die gerechte Mäßigung in allen Dingen.
[NS.01_011,24] Ein anderes Amt hat das Tierreich über sich und teilt dieses in Klassen, lehrt ihre nützliche Anwendung und lehrt auch die Menschen erkennen, warum sie nicht auch die Tiere mit ihrem Willen hervorzubringen imstande sind. – Ein anderes Amt lehrt, wie man sich bei den verschiedenen Luftzügen und Flammenzügen von den Gebirgen zu verhalten hat. – Wieder ein anderes Amt lehrt die Menschen durch eine Art Schriftzeichen, welche ungefähr euren Zahlzeichen ähnlich sind, die verschiedenen Verhältnisse der Dinge anzumerken und danach zu erkennen und sie auch den andern mitzuteilen. – Wieder ein anderes Amt hat das Baufach über sich und lehrt, wie da die Wohnhäuser, die verschiedenen Amtshäuser, die Lehrtempel und endlich die Gotteshäuser gebaut sein müssen, und bildet dadurch auch eine eigene Klasse von Menschen aus, die sich dann mit nichts anderem beschäftigen als lediglich nur mit dem, was das Baufach betrifft. – Und so gibt es noch, wie schon gesagt, eine Menge Ämter, von denen wir noch bei günstigen Gelegenheiten werden mehrere kennenlernen.
[NS.01_011,25] Für jetzt aber wenden wir noch einen Blick auf unsere frühere Gesellschaft zurück und sehen, wie diese schon anfängt, sich von dem dritten Hügel herabzubegeben auf den zweiten, allda sich ein großer Tempel befindet. Denn die Geschwulst ist schon so weit wieder zurückgewichen, daß das Wasser den ersten Hügel, auf dem sich eben ein solcher Zeitmesser befindet, wieder geräumt hat. Und so eilt auch einer aus der Gesellschaft hin, um das Pendel wieder in den Schwung zu bringen, damit sie darnach genauer noch den Verlauf der ganzen Geschwulst bestimmen können.
[NS.01_011,26] Jedoch für heute wollen wir unsere stark glänzende Gesellschaft nicht länger mehr beobachten; dafür aber werden wir den Verlauf der Dinge schon bei der nächsten Mitteilung einholen. Und so lassen wir's für heute gut sein!

12. Kapitel – Das Zusammensinken und Verschwinden der Sonnengeschwulst.

[NS.01_012,01] Sehet, soeben bewegt sich der B wieder zum A hin und fragt ihn: „Siehe, Bruder, dahin! Das Pendel schwingt sich schon in wohlgemessenen Zwischenräumen. Ich meine, wir dürfen in zehntausend Schwingungen schon den Rand aus den Höhen herabsinkend bemerken; denn der Fuß hat schon allenthalben bedeutende Einbüge und Falten erhalten. Wenn aber solches der Fall ist, da wissen wir ja alle, daß sich der Rand der Geschwulst bald zeigt.“
[NS.01_012,02] Nun spricht der A: „Du hast recht; der Fuß der Geschwulst bekommt zwar schon eine Menge Falten und Einbiegungen von oben nach unten; aber nur entdecke ich noch keine Breitfalten, die bei solchen Gelegenheiten die Längenfurchen zu durchschneiden anfangen, wenn die Geschwulst so ganz eigentlich von der Höhe in die Tiefe herabzusinken anfängt. Daher meine ich, daß wir noch nicht sobald den lichten Rand erblicken werden.“
[NS.01_012,03] Spricht wieder weiter der B: „Bruder, ich meine, da nach deiner Behauptung der Rand noch nicht sobald sichtbar wird, wir sollen uns unterdessen in den Tempel begeben und da nachsehen, ob die Fluten, welche nahe an sein Dach schlugen, kein Unheil in demselben angerichtet haben. Und wenn solches der Fall wäre, so müßten wir doch sogleich Anstalt treffen, eine oder die andere Beschädigung wiedergutzumachen.“
[NS.01_012,04] Sehet, der Vorschlag wird angenommen; und es wird der große Tempel, der nach eurem Maße sicher eine Meile in der Länge und eine Viertelmeile in der Breite hat, in all seinen Säulengängen wie in all seinen andern Einrichtungen untersucht, ob da nichts Schadhaftes sich vorfinden möchte. Seht aber nur die zufriedenen Gesichter an, und sie werden es euch sagen, daß die Fluten dem ganzen Tempel außer einigen Durchnässungen keinen Schaden zugefügt haben.
[NS.01_012,05] Wie lange dauert denn diese Untersuchung? – Nach eurer Zeitrechnung dürften es wohl drei Tage sein; allein in der Sonne geht eine solche Verrichtung mit viel schnellerem Zeitgefühl vor sich, da es, wie ihr schon wißt, nie eine Nacht, sondern nur einen beständigen Tag gibt.
[NS.01_012,06] Sehet, die Gesellschaft geht schon wieder aus dem Tempel. Und einer wird zum Pendelwächter abgesandt, um zu erfahren, wieviel neue Schwingungen seit der ersten schon begonnen worden sind. Seht, unser Bote ist soeben an Ort und Stelle und bekommt die Antwort auf seine Frage, und sie lautet: „Zehn!“ Jede Schwingung zu zwanzigtausend Pendelbewegungen. – Also kommt der Bote auch mit der Antwort zurück.
[NS.01_012,07] Jetzt aber bemerkt auch der B eine Breitfurche an der weitgedehnten Geschwulst und zeigt solches dem A an. Auch die ganze Gesellschaft macht freudigen Gemüts diese Bemerkung, und die Weiber schreien: „Sehet, sehet, eine Breitfurche ist zu sehen!“
[NS.01_012,08] Die Geschwulst hat zu sinken angefangen. Und der A bemerkt nun der ganzen Gesellschaft: „Ja, sie ist da, die erste, segnende Furche! Daher fallet nieder und preiset aus allen Kräften den großen Gott dafür! – Auf dieser Stelle wird sobald keine Geschwulst wieder stattfinden; denn die erste Breitfurche zieht die Geschwulst mächtig zusammen und gürtet sie fest.“ – Sehet, nun fallen alle nieder und tun im Ernste aus allen Kräften, wie es ihnen der erste Lehrer anbefohlen hatte.
[NS.01_012,09] Nur der A und der B bleiben aufrecht stehen und beobachten die Geschwulst und zugleich die Pendelschwingungen des nicht ferne vom Tempel abstehenden Zeitmessers. Der B entdeckt eben voll Freude oberhalb der ersten Furche eine zweite und zeigt solches dem A an, sagend: „Bruder, was deucht dir, ist das nicht eine zweite Furche?“ – Und der A spricht: „Ja, Bruder, du hast ganz gut beobachtet; es ist eine bedeutende Furche. Aber da siehe hin, unter der ersten bildet sich ebenfalls wieder eine; und siehe, da noch weiter oberhalb deiner zweitentdeckten wieder eine! Dem allmächtigen, großen Gott alles Lob und allen Preis! Die große Geschwulst sinkt rasch zusammen. Zwar sehe ich noch immer keinen Rand; aber ich meine, er wird bald sichtbar werden.“
[NS.01_012,10] Und der B spricht: „Bruder, sieh einmal in die Höhe, wenn mich meine Augen nicht trügen, so sehe ich schon das gewaltige Zucken der Blitze, welche, wie du weißt, die gewöhnlichen Vorboten des Randes sind!“ – Und der A spricht: „Ja, wahrhaftig wahr, du hast recht! Ich sehe nicht nur allein das, was du siehst, sondern vernehme auch schon ein fernes, dumpfes, ununterbrochenes Rollen der Randdonner.“ – Hier heißt er die Gesellschaft wieder aufstehen und hinaufschauen in die Höhen, wie sich die Erlösung schon gar gewaltig zu nahen anfängt.
[NS.01_012,11] Unter großem Jubel erhebt sich die Gesellschaft und blickt mit gefalteten Händen empor. Und näher und näher zucken die Blitze herab, und heftiger und heftiger werden die Donner. Stumm beobachtet jetzt eine Zeitlang die ganze Gesellschaft die Trillionen Blitze, welche unaufhörlich von der noch immer mehrere tausend Meilen weit gedehnten Geschwulst nach allen Richtungen zucken.
[NS.01_012,12] Der Zeitwächter hat soeben einen neuen Schwung getan. Noch immer kein Rand! Aber jetzt schreit der B und mehrere mit ihm aus der Gesellschaft: „Rand, Rand! – Sehet, er ist sichtbar geworden! Wir alle sind vollends gerettet! Denn nur wenige Schwingungen noch, und wir werden über ihn hinwegschauen, über den herrlichen, lichten Rand!“ – Und der A spricht zu allen: „Ja, dieser Schwung wird mit seinen Bewegungen nicht fertig sein, und wir werden über die Oberfläche des Randes hinwegschauen und ihn gar wohl sehen; denn er senkt sich auf unserer Seite nahezu senkrecht nieder.“
[NS.01_012,13] Und der B spricht: „Für wie weit hältst du ihn von hier entfernt, wenn er mit uns in gleicher Höhe stehen wird?“ – Spricht der A weiter: „Ich denke dreißig Women!“ Das ist nach der Sprache der Sonnenmenschen eine Entfernung von dreitausend Meilen; welche Entfernung wohl für die Erde sehr beachtenswert ist, aber für die Sonne ist eine Wome in keinem größeren Betracht, als auf der Erde ungefähr eine halbe Viertelstunde.
[NS.01_012,14] Wieder spricht der B: „Wie breit wird diesmal wohl der Rand sein?“ – Und der A erwidert: „Nach der Größe der Geschwulst zu urteilen möchte er diesmal wohl bei vierzig Women betragen.“
[NS.01_012,15] Jetzt aber spricht der A wieder zur Gesellschaft: „Habet acht! Die Breitfurchen haben zu beben angefangen; der Krater wird nicht ruhig sinken, sondern wird nach solchen Vorzeichen einen Sturz machen. Daher macht euch gefaßt und erschrecket euch nicht vor dem plötzlichen Gekrache und setzet euch zur Erde, damit ihr nicht umfallet, wenn der plötzliche Sturz unseren Boden mehr oder weniger gewaltig miterschüttern wird! Und bittet den großen Gott, daß Er unsere Wohnungen und Tempel erhalten möchte!“
[NS.01_012,16] Und der B nähert sich eilends dem A und macht ihn aufmerksam auf die großen Schwebungen des schon wohlsichtbaren Randes. Und der A spricht: „Ja, Bruder, du hast gut beobachtet; denn ich sehe auch Schwebungen in der Größe bis zu hundert Women längs dem Rande hin, so weit ich ihn nur mit meinen Augen erreichen kann. Sehet, sehet, die Schwebungen werden immer heftiger! Wie sie flackern gleich einer großen Fahne auf unseren größten Tempeln von einem heftigen Winde genötigt! – Darum seid ja aufmerksam und auf eurer Hut; denn in wenig Pendelbewegungen wird der noch nahezu fünf Women von uns in der Höhe entfernte Rand unter uns herabstürzen, daß wir dann sogar noch etwas von dem schauerlich tiefen Krater werden zu sehen bekommen, – vorausgesetzt, daß sich die Randwände etwa nicht schon vielfach wieder ergriffen haben. – Jetzt gebt acht, es fallen schon Leuchtkugeln herab! Alsogleich wird der Sturz geschehen!“
[NS.01_012,17] Höret und sehet, die ganze Gesellschaft springt unter einem lauten Schrei vom Boden. Tausend und abermal tausend Wasserhosen erheben sich aus den überweit gedehnten Wasserfluten und beginnen einen wütenden Kampf gegen den stets näher und näher herabsinkenden Rand. Und große, leuchtende Feuerkugeln in der Größe des Erdmondes, so groß er ist in der Wirklichkeit, stürzen herab vom glühenden Rande in die wütend brausenden Fluten, und jede dieser Kugeln ist begleitet von millionenmal Millionen Blitzen. Sehet, welches Sieden des großen Gewässers, welches Dampfen und Qualmen, wo eine solche glühende Feuerkugel vom noch hohen Rande hinabstürzt in die wütende Flut!
[NS.01_012,18] Jetzt aber gebet acht, denn es ist alles zum großen Sturze vorbereitet! – Sehet, der Wächter hat seine Schwingungen eingestellt und hat das Pendel an dem Baum befestigt. Selbst die zwei Lehrer lassen sich neben den Bäumen zur Erde nieder und klammern sich mit einer Hand um dieselben. Desgleichen tut auch die ganze Gesellschaft. Und der Zeitwächter eilt zur Gesellschaft hin.
[NS.01_012,19] Sehet, alles starrt unverwandten Blickes auf den unaussprechlich und für eure Sinne unbeschreiblich sturmbewegten Rand, allda Schwebungen geschehen, daß in einer Sekunde hier oder da der Rand eine Aus- oder Einbiegung macht der Länge nach von nicht selten acht- bis zehntausend Meilen; und das Hin- und Herschwanken legt ebenfalls in einer Sekunde nicht selten einen Weg von drei- bis viertausend Meilen zurück. Nun denket euch einmal diese Bewegungen anzusehen von dem Standpunkt, wo unsere Sonnengesellschaft sie beobachtet! Wenn sie auch wirklich dreißig Women entfernt sind, so ist aber solches für die scharfen Augen der Sonnenmenschen dennoch eine Kleinigkeit, und sie können daher gar wohl die fürchterlichen Bewegungen einer solchen Erscheinung wahrnehmen.
[NS.01_012,20] Aber jetzt sehet, der Rand ist herabgesunken, jedoch nicht so heftig, wie man es erwartete. Daher war auch die Erschütterung der Umgebung nicht so heftig, wie sie manchmal zu sein pflegt. Aber dennoch hat dieses ziemlich heftige Zusammensinken die Wasserwogen bis in die Nähe unserer Gesellschaft hinaufgetrieben, obschon sie sich auf diesem Hügel über fünf eurer Meilen hoch über dem Wasserspiegel befindet.
[NS.01_012,21] Fasset ihr wohl diese Bewegung? – Was würdet ihr auf der Erde sagen, und von welchen Gefühlen würdet ihr beseelt sein, wenn ihr euch zum Beispiel auf einer hohen Alpe befinden möchtet, die etwa die Höhe des euch wohlbekannten Großglockners hätte und sich ungefähr fünf oder sechs Meilen vom Meere weg befände, – so das Meer von irgend eines Sturmes Macht anfinge, solche Wellen zu treiben, daß sie euch auf eurer Alpe nahe erreichen möchten? Würdet ihr euch da nicht einer nach dem andern anfangen, vor lauter Verzweiflung die Haare auszuraufen? Und doch wäre diese Erscheinung auf der Erde, in der Sonne betrachtet, nur ein allerbarstes Kinderspiel, allda schon dieser niederste Hügel nahe fünfmal so hoch ist als euer höchster Berg auf der Erde (das heißt über die ruhige, gewöhnliche Sonnenwasserfläche betrachtet).
[NS.01_012,22] Wenn ihr diesen Vergleich nur ein wenig beachtet, so dürfte euch wohl das Großartige der Flutung, welche bei der Gelegenheit des schnellen Zusammensinkens unserer Geschwulst erfolgt, in die Augen springen. Und dieses sollt ihr auch so recht fassen, damit ihr daraus stets mehr und mehr erkennen möget, wie mächtig Der ist, der Sich von euch einen lieben, guten Vater nennen läßt!
[NS.01_012,23] Doch sehen wir nun wieder unsere Gesellschaft noch einmal an. Sehet, wie sie sich alle um den Lehrer her drängen und den großen Gott loben und preisen, und wie der Zeitwächter wieder hineilt zu seinem Baum, das Pendel frei macht und demselben wieder einen neuen Schwung gibt.
[NS.01_012,24] Nun sehet aber auch mit den Sonnenmenschen über den Rand der großen Geschwulst hin! Sehet, wie breit sie noch ist; merket ihr es nicht, wie auf diesem Rande noch gar leicht zwei eurer Erden nebeneinander herrollen könnten?! – Ja, also ist es auch! – Aber der Krater ist nun schon sehr beengt und hat kaum die zweimalige Breite des Randes und dehnt sich mehr in die Länge als in die Breite aus und hat sich auf verschiedenen Punkten schon wieder ergriffen.
[NS.01_012,25] Sehet, wie die lichtgewohnten Bewohner der Sonne sich ihre Augen verhüllen wegen des zu starken Leuchtens des breiten Randes. Und sehet, wie aus der Tiefe noch hier und da eine große, feurige Kugel hinausgeworfen wird mit großer Heftigkeit bis zu einer Höhe hinauf, welche nahe die zweimalige Entfernung eures Mondes von der Erde beträgt. Und sehet, wie dem weitgedehnten, sich noch immer stark bewegenden Rande noch immer zahllose Blitze entstürzen! –
[NS.01_012,26] Und sehet nun, das ist der ganze Verlauf dieser großartigen Erscheinung,welche jetzt allmählich zusammensinkt, da sich die Ränder stets mehr und mehr ergreifen. Den Schluß dieser Erscheinung macht gewöhnlich ein nach eurer Rechnung mehrere Tage anhaltender gewaltiger Regen, durch welchen die glühenden Ränder wieder abgekühlt, beruhigt und endlich gar ineinander verbunden und geheilt werden und sonach immer mehr hinabsinken in ihre vorige Lage, da sie wieder unter den Wasserspiegel zu stehen kommen.
[NS.01_012,27] Sehet aber jetzt auch noch mit einem Blicke unsere Sonnenbewohner an, wie sie nun über alle Maßen heiter sind und aus aller Fülle ihres Herzens und ihres ganzen Lebens frohlocken und lobpreisen den großen Gott, Der alles dieses also höchst weise wieder in die vorige Ordnung zurückgebracht hat. Und sehet auch, wie sie sich jetzt umarmen und begrüßen und dann ihren Wohnungen zueilen, und wie aus denselben ihnen auch wieder eine Menge wohlerhaltener Kinder, Brüder und Schwestern entgegenkommen!
[NS.01_012,28] Und somit ist auch dieser Akt beendet. Fürs nächste wollen wir einige häusliche Einrichtungen dieser Sonnenbewohner beobachten, und somit auch einen flüchtigen Blick über diesen ganzen Gürtel werfen.

13. Kapitel – Besitzordnung und Lebensbedürfnisse der Bewohner des Mittelgürtels.

[NS.01_013,01] In der Sonne und namentlich auf unserm Gürtel gibt es zwar durchaus nicht ein sogenanntes Eigentumsrecht wie bei euch auf eurem Erdkörper; aber es gibt dafür ein Ordnungsrecht, und dieses hat den Grundsatz zur Unterlage: daß da niemand ohne Grundbesitz sein darf. Aber der Grund wird allezeit von den für diesen Zweck beorderten Amtsleuten ausgemessen und einem oder dem andern zur Benutzung eingeräumt. Die Grundbesitzer sind demnach nur so lange unbeeinträchtigte Fruchtnießer ihres ausgemessenen Grundstückes, solange sie leben.
[NS.01_013,02] Nach ihrem Ableben aber haben nicht sie, sondern die von den Hauptlehrern aufgestellten Amtsleute über diese Grundstücke ordnungsmäßig zu verfügen. Aus diesem Grunde hört dann in der Sonne auch alles Mir auf eurer Erde ganz besonders verhaßte Kindererbrecht auf. Sondern die Kinder werden samt und sämtlich, wenn sie die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen, von den Amtsleuten versorgt.
[NS.01_013,03] Und dieses geschieht auf folgende Weise: Hat ein Elternpaar nur ein, zwei, drei bis vier Kinder, so wird noch bei Lebzeiten der Eltern, wenn die Kinder vollmündig geworden sind, der Grund geteilt und zwar so, daß die Kinder zwei Drittel vom Grunde ausgemessen bekommen, die Eltern aber behalten ein Drittel. Dieses Drittel fällt nach dem Ableben der Eltern nicht den Kindern zu, sondern die Amtsleute können es jedermann, der da noch keinen Grund hat, zum Besitz einräumen. Solche Verteilung geht jedoch nur allzeit zwei Glieder hindurch. Beim dritten Gliede geschieht wieder eine Vereinigung mehrerer zerstückelter Gründe, welche dann, insoweit sie für das Bedürfnis grundbesitzloser Menschen auslangen, von neuem ordnungsmäßig verteilt werden.
[NS.01_013,04] Was aber dann die übriggebliebenen Menschen betrifft, welche bei dieser neuen Ausmessung nicht beteiligt werden konnten, diesen wird dann ein sogenannter Reservegrund eingeräumt. – Was ist denn solch ein Reservegrund für ein Grund? – Ein Reservegrund ist ein solcher, der entweder ein bedeutender Überschuß von den ausgemessenen und schon besessenen Gründen ist, oder es sind auch solche Gründe, welche noch nie von jemand besessen worden sind, oder auch mitunter solche Gründe, welche hier und da nach den von uns schon beobachteten Erscheinungen aus den Gewässern gleich den Inseln in euren Meeren zum Vorschein kommen.
[NS.01_013,05] Daher leidet auch nie jemand Not in der Sonne, obschon dieser Hauptgürtel außerordentlich stark bevölkert ist. Denn fürs erste sind die Menschen ja eben fast um nicht gar sehr Bedeutendes größer als so manche Menschen bei euch auf der Erde, und haben aber dabei auch ein hundertfältig geringeres Bedürfnis als so manche kleinere Menschen bei euch; darum sie denn auch mit einem viel kleineren Grundstück genug haben als die Menschen auf eurer Erde.
[NS.01_013,06] Ihre Kleidung besteht in nichts als in einer leichten Schürze um die Lenden und in einem ziemlich weiten Hut. Ihre Kost bringt der Boden der Sonnenerde so oft hervor, als sie essen wollen nach Maß und Ziel. Daher hat ein Grundbesitzer an so viel Grund in Übergenüge, was ihr bei euch ungefähr ein halbes Joch nennet.
[NS.01_013,07] Diese ordnungsrechtliche Verteilung hat dann in der Sonne auch diese gute Folge, daß die Menschen dieses Gürtels von einer Eigentumrechtsstreitigkeit nicht das allergeringste wissen.
[NS.01_013,08] Haben die Grundbesitzer etwa Steuern an die verschiedenen Amtsleute zu entrichten? – Solches ist jedem Sonnenbewohner ganz fremd. Denn alle Amtsleute samt den Lehrern haben ihre eigenen Gründe, selbst der Zeitwächter sitzt auf seinem ihm zugemessenen Grund und Boden.
[NS.01_013,09] Es fragt sich aber nun: Darf da ein Nachbar nicht auch auf dem Grunde seines Nachbarn sich sättigen, wenn es ihn hungert? – Allerdings; im Notfall sind alle ausgeteilten Gründe ein Gemeingut, aber es wird solches mutwilligerweise dennoch niemandem zu tun gestattet. Es tut aber auch wirklich dergleichen niemand. Denn nur abstrakte Gebote und Gesetze erzeugen Verbrecher. Wo aber die Freiheit des Willens soviel als möglich aufrechterhalten wird, dort kann dieser auch am leichtesten für die Aufrechterhaltung der allgemeinen Ordnung gebildet werden.
[NS.01_013,10] Denn ein durch schroffe Gesetze zusammengeschraubter Wille ist ein geplagter Wille. Der geplagte Wille aber hat kein Vergnügen an der Ordnung, sondern er trachtet nur, daß er sich hier oder da Luft mache, und achtet wenig darauf, ob diese Handlung der gesetzlichen Ordnung gemäß ist, sondern die Richtschnur seiner Handlung ist sein eigenes Wohlbehagen. Wenn aber der Wille freigehalten wird und in dieser Freiheit die Gesetze der Ordnung erkennt, so wird er dann auch bald mit der für ihn angenehmen Notwendigkeit derselben vertraut und freut sich dann der in sich selbst aufgefundenen göttlichen Ordnung.
[NS.01_013,11] Solches ist auch eine Hauptgrundregel bei der Erziehung der Kinder in der Sonne, welche auch auf der Erde besser wäre als der Unterricht, durch den das Gedächtnis geplagt, der Verstand gemißhandelt und der Geist getötet wird! – Jedoch wir sind nun in der Sonne und nicht auf der Erde; daher wollen wir auch nur das mit geöffneten Augen des Geistes betrachten, wie sich da allenthalben die göttliche Ordnung selbst bei den unbedeutendsten häuslichen Einrichtungen und Verrichtungen auf das anschaulichste kündet.

14. Kapitel – Die Wohnhäuser auf dem Mittelgürtel.

[NS.01_014,01] Damit wir zu den verschiedenen Zweigen der häuslichen Ordnung übergehen können, wird es doch notwendig sein, dasjenige Stück in Augenschein zu nehmen, wovon eben die häusliche Ordnung ihre beschaffenheitliche Benennung hat. (Denn soviel wird klar sein, daß „häuslich“ von „Haus“ abgeleitet ist.) Darum auch wird es vorerst notwendig sein, ein und das andere Haus unserer Sonnenbewohner anzuschauen, und mit und in dem Hause dann auch die häusliche Ordnungsverfassung zu beachten.
[NS.01_014,02] Wie sehen denn demnach die Häuser der Sonnenbewohner aus, namentlich auf dem euch schon mehr bekannten Gürtel, welcher im ganzen ungefähr so breit ist wie die Entfernung des Mondes von eurer Erde? Wie sehen also die Häuser dieses großen Gürtels aus? – Haben sie etwa Ähnlichkeit mit euren Erdwohnhäusern? Sind sie auch in großen Massen nebeneinandergebaut wie bei euch in den großen Städten? – O nein, solches ist allda durchaus nirgends der Fall. Denn fürs erste gibt es in der ganzen Sonne nirgends eine Stadt, und die Häuser haben auch eine ganz andere Gestalt und Einrichtung.
[NS.01_014,03] Wie sehen sie demnach aus? – Denket euch eine Rundung ungefähr in einem Durchmesser von fünfzig bis hundert Klaftern. Diese Rundung ist von zwei Klaftern euren Maßes bis wieder zu zwei Klaftern mit viereckigen Säulen, wovon jede wenigstens zwanzig Klafter hoch ist und eine Klafter im Durchmesser mißt, besetzt. Zuoberst aber ist bei jeder Säule ein Polster oder Kapitell, wie ihr zu sagen pflegt, von runder Form, mit den schönsten Auswindungen verziert, angebracht. – Über den Kapitellen sind massive Querbalken gelegt, welche in der Rundung herum die Säulen miteinander zuoberst verbinden. In der Gegend einer jeden Säule ist über dem Querbalken ein Dachbaum angebracht, und die sämtlichen Dachbäume sind von da also geneigt, daß sie sich zuoberst in der Form einer vieleckigen Pyramide berühren.
[NS.01_014,04] Jeder dieser Dachbäume hat nach dem Rundungsdurchmesser, ob dieser größer oder kleiner ist, auch verhältnismäßig höhere oder niederere Dimensionen, das heißt, ist der Rundungsdurchmesser des ganzen Hauses ein geringerer, so brauchen auch die Dachbäume nicht so lang zu sein, um sich zuoberst in einer pyramidalen Form zu berühren; ist aber der Rundungsdurchmesser ein größerer, so müssen auch die Dachbäume länger sein, um sich zuoberst in der benannten Form berühren zu können.
[NS.01_014,05] Da aber zudem noch ein jedes solches Hausdach ungefähr eine also zugespitzte Form haben muß, wie sie bei euch so manche Türme sogenannter gotischer Kirchen haben, so versteht es sich schon von selbst, daß die Längenmaße der Bäume sehr beträchtlich sein müssen, damit bei einem so bedeutenden Rundungsdurchmesser eine solche Form bewerkstelligt werden kann. Und so gibt es nicht selten Dachbäume in einer Länge von mehr als dreihundert Klaftern.
[NS.01_014,06] Ihr werdet hier fragen: Wozu denn solche Dächer in der Sonne, wo es gewiß selten oder hier und da auch gar nicht regnet? – Diese Dächer aber sind auch durchaus nicht als Regenschirme auf den Häusern, sondern nur als sehr zweckdienliche Licht- und Wärmeschirme zu betrachten. Denn obschon die Sonnenmenschen einen für euch kaum begreiflichen Licht- und Hitzegrad gar wohlbehaglich zu ertragen imstande sind, so sind sie aber dennoch große Freunde vom Schatten und einer größeren Kühle.
[NS.01_014,07] Kein Dach aber ist zur Aufhaltung sowohl des Lichtes als der Wärme tauglicher als ein Spitzdach, weil es sowohl das Licht wie auch die mit demselben verbundene Wärme beständig ableitet. Daß solches richtig ist, könnt ihr euch gar leicht durch ein kleines Beispiel versinnlichen, und zwar dadurch, daß ihr ein ziemlich langes und wohlzugespitztes Stück Metall nehmet und dessen Spitze in eine Flamme haltet. Dadurch werdet ihr euch überzeugen, daß auf diese Weise, wenn die Spitze auch schon weißglühend geworden ist, die rückwärtige, viel massivere Metallmasse noch nichts von einer Wärme empfinden läßt; wogegen im umgekehrten Falle oder bei einer gleichdicken Metallstange diese alsogleich bis auf den hintersten Punkt glühendheiß wird.
[NS.01_014,08] Nehmet ihr nun ein solches Spitzdach, welches dazu noch aus einer weder Licht noch Wärme leitenden Masse besteht, so ist es klar, daß ein solches Spitzdach unfehlbar der zweckmäßigste Licht- und Wärmeschirm ist.
[NS.01_014,09] Die Dachbalken werden ebenfalls ringsumher mit einer Art Latten beschlagen, welche aber nahe ganz fest aneinandergereiht sind. Über diese Latten aber wird dann eine Art weißer Spiegelplatten gelegt, welche aus einer Art Sonnenerde, gleich euren Dachziegeln, bereitet werden und ungefähr so aussehen, als wenn ihr aus Papier mit einer Schere Halbpyramiden schneiden und einer jeden solchen Pyramide zu oberst, an der schmäleren Seite, einen winkelrechten Überbug geben möchtet. Diese Dachplatten sind nicht dicker als ein sogenanntes Pappendeckelpapier und sind ungefähr so schmiegsam wie eine Bleiplatte bei euch. Diese Platten werden dann mit der oberen, winkelrechten Einbiegung in die schmalen Lattenfurchen gesteckt und dann mit einem eigenen Kitt in den Furchen befestigt.
[NS.01_014,10] Auf diese Weise wird ein jegliches Hausdach gedeckt und sieht, vollendet, außerordentlich prachtvoll aus. Denn diese Platten sind nach außen hin viel glänzendweißer als ein allerfeinst polierter Alabasterstein bei euch, wodurch sie dann auch alle Strahlen zurückwerfen und daher an und für sich beständig unerwärmt bleiben.
[NS.01_014,11] Inwendig aber bekommt dieses Dach bis zur höchsten Spitze einen ganz dunklen Anstrich mit einer Farbe, die sich vor allem an den Ufern der großen Gewässer vorfindet und ganz besonders häufig nach einem euch schon bekannten Geschwulst-Ausbruch.
[NS.01_014,12] Woraus aber sind denn die Säulen verfertigt? – Die Säulen sind aus einer Art Backsteinen zusammengekittet, welche ungefähr die Form eurer Ziegel haben; nur sind sie äußerst fein und so vollkommen durchsichtig wie bei euch die edelsten Steine, und sind aus diesem Grunde außerordentlich prachtvoll anzusehen. – Für die Querbalken sowie für die Dachbalken aber werden eigene Bäume gezogen und zwar schon in der Form, die zu diesem Zweck notwendig ist.
[NS.01_014,13] Zwischen einer jeden Säule aber befindet sich ein kleines Rundgärtchen, welches mit den lieblichsten und anmutigsten Gewächsen reichlichst versehen ist. Die Gewächse verstehen die Sonnenbewohner also zu ordnen, daß gegen die Mitte des Gärtchens zu immer höhere zu stehen kommen, und man auf diese Weise, mit Ausnahme des Eingangstores, allerherrlichste Blumenpyramiden erschaut, welche eine solche Mannigfaltigkeit in ihren Blumenprodukten haben, daß ihr euch davon durchaus keinen Begriff machen könnt, und es auch unbeschreiblich ist, da beinahe eine jede solche Blumenpyramide mit tausendfältig ganz andern Blumen geschmückt ist als eine frühere, und also auch jedes Haus wieder mit anderen.
[NS.01_014,14] Also hätten wir, freilich wohl nur euren schwachen Begriffen zufolge, die notdürftigste Darstellung der Form eines Wohnhauses für die Menschen dort. Wenn ihr aber eurer geistigen Phantasie bei dieser Darstellung den gerechten Zügel schießen lassen wollt, so werdet ihr noch so manches erschauen, was euch diese gedrungene Darstellung notwendigerweise versagen mußte. Kurz und gut, hier könnt ihr phantasieren, wie ihr wollt; und ihr seid bei allem Reichtum eurer Phantasie nicht imstande, einen Fehlblick zu tun. Warum denn? Weil ihr euch namentlich im Bereiche der Gewächse durchaus keine Form entwerfen könnt, welche ihr da nicht vervollkommnet wiederfinden dürftet. Denn die viel geistigeren Menschen der Sonne umfassen die Phantasie aller planetenbewohnender Geister gerade also, wie das Licht der Sonne selbst alle Planeten umfaßt. Aus diesem Grunde könnt ihr auch phantasieren wie ihr wollt, und ihr seid nicht imstande, mit all eurer Phantasie irgendeine Form zu entwerfen, welche in der Sonne nicht in der Wirklichkeit vorhanden wäre.
[NS.01_014,15] Daher findet ihr auch dort, wie es schon gleich anfangs bemerkt wurde, nicht nur alle sichtbaren Erzeugnisse aller Planeten in der größten Vollkommenheit, sondern auch alle Gedankenformen, welche je von den Menschen auf den Erdkörpern gedacht wurden, wesenhaft.
[NS.01_014,16] Sonach können wir denn auch die Wohnhäuser der Sonnenmenschen betrachten und uns daran ergötzen; denn Mannigfaltigeres und Herrlicheres kann sich kein Mensch träumen lassen, als er in der Sonne in der Wirklichkeit antreffen kann. So ist auch selbst die Färbung dieser vorbeschriebenen Säulen von einer so großen, majestätischen Pracht, daß das allerherrlichste Brilliantfeuerspiel bei euch dagegen kaum als das Lichtspiel einer Mistlache zu betrachten ist; denn, wie schon anfangs bemerkt wurde, ist auf den Erdkörpern alles wie tot und unbeweglich, während in der Sonne alles wie von Leben sprüht. –
[NS.01_014,17] Da wir nun solches ein wenig beschaut haben, wollen wir denn auch in ein solches Haus einziehen und dessen innere Einrichtung schauen.
[NS.01_014,18] Der Boden sieht aus, als wäre er von dunkelpoliertem, durchsichtigem Golde, oder ungefähr also, wie da bei euch ein allerschönster feinst polierter Topas aussieht; nur ist der Boden nicht so hart, sondern ganz elastisch weich.
[NS.01_014,19] Zwischen einer jeden Säule gegen das Innere steht eine Pyramide im Viereck wie vom allerfeinsten Diamanten. Diese Pyramide ruht auf einem Gestell oder, wie ihr zu sagen pflegt, Piedestal, welches wie eine geräumige Bank über die Pyramide hinaus hervorschießt und allzeit einen Umfang hat von sechs bis acht Klaftern. Auf dieser Bank pflegen die Sonnenmenschen, also wie ihr auf euren Sesseln, sitzend zu ruhen. Die Bank aber ist nicht vom nämlichen Stoff wie die Pyramide, sondern sieht dunkelgrün aus, aber dessenungeachtet höchst fein poliert und durchsichtig und ist samt der Pyramide ebenfalls nicht hart, sondern elastisch.
[NS.01_014,20] Vor diesen Pyramidalsitzen sind runde, niedere Pfeiler angebracht, welche oberhalb breiter sind als zuunterst und aussehen als wie bei euch allerfeinst polierter Rubin. Diese dienen zu Speisetischen.
[NS.01_014,21] Ganz in der Mitte befindet sich eine Staffeleipyramide, deren Stufen schneckengangförmig aufwärts steigen. Diese Pyramide hat zuunterst einen Durchmesser von zehn bis manchmal fünfzehn Klaftern. Die aufgehenden Stufen sind durchaus mit den allerkunstvollst gearbeiteten Geländern versehen. Zuoberst aber ist die Pyramide nicht etwa spitzig, sondern abgeplattet und innerhalb des Geländers mit etwas kleineren Pyramidalsitzen versehen. Die Masse der Pyramide ist hell violett, manchmal auch rosenrot. Die Geländer sind von allerlei feinstpolierten, vielfarbigen, durchsichtigen Stoffen bereitet, welche nur in der Sonne und sonst nirgends vorkommen. Auch diese Pyramide samt allen ihren Teilen ist elastisch. – Wozu dient sie denn?
[NS.01_014,22] Sie dient zu höheren Beratungen über göttliche Dinge; denn in der Mitte der Pyramide zuoberst ist von einem hellgrün leuchtenden durchsichtigen Stoffe eine Art Lehrkanzel verfertigt, von welcher der Hausvater seine Angehörigen über Gott zu belehren pflegt.
[NS.01_014,23] Ihr werdet fragen: Wozu muß denn hier gerade diese Pyramide sein? Die Ursache ist ganz einfach: auf den Schneckenstufen dieser Pyramide gelangen die Menschen ziemlich tief unter das Spitzdach; dadurch werden sie von der äußeren, überprachtvollen Anschauung der Dinge in der Sonne abgezogen und somit desto leichter in sich geführt. Selbst dieser schneckenartige Gang zeigt ihnen die notwendige Engführung des Geistes, und wie man auf gleichem, geistigem Wege allein nur auf den Höhepunkt des wahren inneren Lebens gelangen kann. – Was aber die Verzierungen des überaus schönen Stufengeländers betrifft, so sind diese alle von erhabener Art und stellen gewöhnlich geheimnisvoll Meine wunderbare Menschwerdung auf der Erde dar.
[NS.01_014,24] Beim Eingangstor, gegenüber der Mittelpyramide, befindet sich eine vollkommen viereckige Erhöhung über dem Fußboden. Diese Erhöhung beträgt gewöhnlich eine halbe Klafter. Auf dieser, bei zwei Klafter im Durchmesser haltenden Quadratebene ist, der Hauptpyramide gegenüber, ebenfalls ein überaus prachtvoller Pyramidalsitz angebracht. Die viereckige Ebene ist ebenfalls von drei Seiten her mit einem überaus kunstvoll gearbeiteten Geländer umfaßt. Hier gebet acht, – da werdet ihr etwas finden, was euch sehr gut gefallen wird. Zu welchem Zweck ist denn dieses?
[NS.01_014,25] Sehet, das ist ein Hausorchester, welches in keinem Hause der Sonne fehlen darf. Auf diesem Orchester befindet sich eine majestätische Harfe, welche jeder Sonnenmensch schon von Natur aus zu spielen versteht. Sie dient zur Begleitung erhabenster Lieder, welche allzeit nach einer geistigen Versammlung dem großen Gott zu Lob und Preis gesungen werden. Was aber den Ton dieses Instruments betrifft, wie auch die überreine Stimme der Sonnenmenschen, davon werdet ihr euch erst dann einen Begriff machen können, wann ihr von keinem Fleische mehr gefangengehalten werdet.
[NS.01_014,26] Das ist sonach die ganze Einrichtung eines Hauses in der Sonne. Nur müßt ihr euch dabei nicht denken, als sei das etwa eine festbestimmte Form der Wohnhäuser in der Sonne. Im allgemeinen der Einrichtung zwar wohl, auch im Bau der Häuser; aber was die einzelnen angegebenen Teile betrifft, so weichen diese in den Formen wie auch in den Farben oft außerordentlich bedeutend voneinander ab.
[NS.01_014,27] So sehen bei manchen Häusern die Säulen aus, als bestünden sie aus übereinander ruhenden Wolken, welche sich in den verschiedenartigsten Gruppierungen verbinden. Manchmal sehen sie aus wie Felsen bei euch, manchmal wie Turm-Kuppeln, manchmal wie gotische Säulen, manchmal wie große Tiere, als zum Beispiel weiße Pferde auf den Hinterbeinen stehend, manchmal wie rotglühende Elefanten, welche mit ihren ausgestreckten Rüsseln das Dach tragen. Und so gibt es noch zahllose Formen, in welchen oft diese Säulen bestehen.
[NS.01_014,28] Also sieht auch die innere Einrichtung wohl im wesentlichen dem ersten euch bekanntgegebenen Muster stets vollkommen ähnlich; was aber deren Form betrifft, so ist sie oft nicht minder verschieden als die der Säulen; nur die Dächer sind überall dieselben.
[NS.01_014,29] Und so verdauet nun dieses ein wenig und machet euch fürs nächste Mal auf noch viel außerordentlichere Dinge gefaßt!

15. Kapitel – Die Umgebung eines Hauses auf dem Mittelgürtel. – Baumwuchs daselbst.

[NS.01_015,01] Wie sieht denn die nächste Umgebung bei einem solchen Hause aus? – Diese besteht gewöhnlich in einer runden Allee von sehr hohen Bäumen, welche bei einem Hause stets einer und derselben Art sind, aber nicht genau auch wieder dieselben bei einem andern Hause. Ja ihr könntet da den ganzen, über 40000 breiten und bei 600000 Meilen langen Gürtel kreuz und quer abgehen, wenn eure irdischen Lebensjahre dazu hinreichten, so würdet ihr aber doch nimmer bei einem oder dem andern Hause wieder dieselbe Art von fruchtbaren Alleebäumen finden, wie ihr sie allenfalls bei einem ersten Hause gefunden habt. So sehen zum Beispiel die Alleebäume bei unserem ersten Hause aus wie riesenhaft große, gewundene Säulen, welche zuoberst mit einer trauerweidenartigen Krone geziert sind. Die Blätter sind über eine Spanne lang und kaum einen halben Zoll breit; die Rückseite ist karminrot, die vordere, glatte Seite aber ist grüngolden. An der Spitze eines jeden Blattes hängt eine überaus starkleuchtende Perle von blauem Licht. Zwischen den Blättern hängen auf langen, weißen Stielen Früchte, ungefähr von der Gestalt wie bei euch das sogenannte Johannisbrot, aber alles ohne Kern. Denn, wie ihr schon wißt, sind in der Sonne alle Früchte kernlos und sind von einem überaus geistigen, süßen Geschmacke – daher sie auch eine Lieblingsspeise für dieses Haus sind.
[NS.01_015,02] Wie bekommen aber die Sonnenbewohner die Früchte von diesen hohen Bäumen? – Dieses geschieht dort auf eine höchst leichte und einfache Art. Die Sonnenbewohner haben nämlich dazu eigene Stangen, welche zuoberst mit einem nach Belieben bewegbaren Zwicker versehen sind. (Dieses Instrument ist fast allenthalben dasselbe!) Mit diesem Zwicker brechen sie die Früchte mit der größten Bequemlichkeit von den Bäumen, welcher Art sie auch immer sein mögen, und bemächtigen sich auf diese Weise zu ihrer Sättigung der Baumfrüchte.
[NS.01_015,03] Ihr werdet euch hier im geheimen denken: Warum lassen aber die Menschen die Bäume so hoch wachsen, wenn das Wachstum der Bäume sowie des ganzen Pflanzenreiches in der Gewalt ihres Willens steht? – Wer da so fragen würde, der wäre in einer kleinen irrigen Meinung. Denn die Sonnenbewohner sind überaus weise und tun nichts umsonst oder zwecklos, und es muß daher jede Verzierung sogar eine entschieden wohlberatene und durchgeprüfte Nützlichkeit haben. Und so hat auch die hochgestellte Fruchtkrone eines solchen Baumes ihren entschiedenen, mehrseitigen guten Zweck.
[NS.01_015,04] Ihr fraget hier: Worin denn ein solcher nützlicher Zweck besteht? – Nur Geduld, es wird sogleich kommen! Fürs erste müßt ihr wissen, daß es auf gar keinem Planeten so überaus reizende und weitgedehnte Landschaftsaussichten gibt wie eben auf der Sonne. Denn da ist es gar nichts Seltenes, daß man von einem mittelmäßigen Hügel einen Flächenraum von wenigstens fünftausend Meilen im Durchmesser übersieht, also ungefähr beinahe viermal so weit wie auf eurer Erde in gerader Linie vom Süd- bis zum Nordpol. – Dazu müßt ihr noch nehmen, daß die Sonnenluft, besonders über diesem Gürtel, von höchster ätherischer Reinheit ist, wodurch natürlicherweise die Fernaussicht, besonders für die überaus scharfen Augen der Sonnenmenschen, begünstigt wird.
[NS.01_015,05] Jetzt sehet, es wird ein Zweck gleich einleuchtend sein! Da die Sonnenbewohner nämlich, wie schon gesagt, große Freunde schöner Landschaftsaussichten sind, so stellen sie aus dem Grunde die Fruchtkronen ihrer Bäume so hoch, damit sie ihnen nicht irgendwo die Aussicht verdecken. Sehet, das ist einmal ein Zweck, welcher zwar, auf eurer Erde betrachtet, eben nicht von einer großen Wichtigkeit erscheint, aber desto mehr in der Sonne. Denn es handelt sich da nicht nur allein um den reizenden Aussichtspunkt, sondern die Aussicht ist dort etwas sehr Notwendiges, weil über dem Lande sich oft verschiedene Phänomene zeigen, welche manchmal von guter, manchmal wieder von schlechter Wirkung sind. Darum auch muß auf alles gehörig achtgegeben werden, sonst liefen die Sonnenbewohner, besonders dieses Gürtels, gar zu oft Gefahr, von einer oder der anderen, sich etwa ihrer Wohnung nahenden Naturerscheinung gewaltig beschädigt, oder wohl auch gänzlich zugrunde gerichtet zu werden.
[NS.01_015,06] Damit ihr solches ein wenig mehr einseht, will Ich euch nur ein geringes Beispiel anführen. Es geschieht nicht selten, daß sich plötzlich über einem oder dem andern Hügel rotleuchtende Sterne zeigen. Bei dieser Gelegenheit muß sogleich sorgfältig beobachtet werden, wie hoch irgendein Hügel sein mag, über dem sich diese Sterne zeigen, oder in welcher Richtung sie einem Hügel entschweben. Setzen wir den Fall, solche Sterne würden bei einem tausend Meilen abstehenden Hügel entdeckt, und dieser Hügel wäre ungefähr von einer mittleren Höhe, und die Sterne bewegten sich in der Richtung gegen den Hügel, auf welchem wir uns befinden, – es braucht nicht mehr als höchstens drei Minuten Zeit, so schweben diese vormals kleinen Sternchen nun schon als kleine Weltmassen gegen diesen Hügel her, wo wir uns befinden; ihre Schnelligkeit ist überaus groß, da sie zumeist elektrischer Art sind. Was sie nun auf ihrem Wege erreichen, das ist in einem Augenblick zerstört.
[NS.01_015,07] Was tun dann die Sonnenbewohner bei einer solchen Gelegenheit? Sie begeben sich augenblicklich unter den Schutz des lebendigen Gottes und stecken auf einer freien Höhe spitzige Stangen auf, welche mit Fahnen versehen sind. Diese Stangen ziehen wie ein Magnet diese rotglühenden, elektrischen Massen höher, so daß diese sich endlich gar ins hohe Gebirge verlieren. Und auf diese Weise werden allzeit Wohnungen, Bäume, Tiere und Menschen in der Tiefe verschont.
[NS.01_015,08] Sehet, das ist schon wieder ein guter Grund für eine unbeschränkte, freie Aussicht. Daher stehen auch solche Alleebäume allzeit mit einer Säule des Wohnhauses in gleicher Richtung vom Mittelpunkt desselben aus, damit selbst durch ihre Stämme die freie Aussicht nicht gehindert wird.
[NS.01_015,09] Eine gar nicht selten vorkommende Erscheinung, besonders in der Gegend der großen Gewässer oder auch in der Nähe der hohen Gürtelgrenzgebirge, sind die für eure Begriffe ungeheuren Wasser- und Feuerhosen. – Was die Wasserhosen betrifft, so ziehen diese freilich wohl nie gar weit vom Wasser übers Land. Aber desto verheerender sind die Feuerhosen, von denen manche einen Feuerwirbel mit einem Durchmesser von hundert bis tausend Meilen und dabei eine so schnelle Umdrehung hat, daß sie sich in einer Sekunde einmal umdreht, welches ebensoviel gesagt haben will als: der äußere Flammenkreis legt in einer Sekunde einen Weg von dreihundert bis dreitausend Meilen zurück.
[NS.01_015,10] Nun denket euch einmal die Wirkung, die ein solches Naturereignis auf einer Gegend bewerkstelligt, über welcher es sich bewegt! – Was tun denn die Sonnenbewohner bei einer solchen Gelegenheit? – Sie begeben sich fürs erste augenblicklich mit dem lebendigsten Vertrauen unter Meinen Schutz und stellen auf einem höchst möglich zu ersteigenden Hügel ein bedeutendes Gefäß voll Wasser auf. Rings um das Gefäß mit dem Wasser stecken sie strahlenförmig ziemlich lange Spieße in das Erdreich. Diese ganz einfache Vorrichtung hat nach der Erfahrung ihrer weisesten Lehrer die entschiedene Kraft, fürs erste eine solche Feuerhose an sich zu ziehen und dann alsogleich in ihrer Wirbeldrehung zu beruhigen.
[NS.01_015,11] Und so ihr Zeugen sein könntet, so würdet ihr eine solche Naturerscheinung sicher mit dem überraschendsten Vergnügen ansehen. – Denn wenn eine solche Feuerhose bei ihrem Entstehen auch den größten Durchmesser hat, so fängt sie sich aber dennoch, sobald sie einen solchen Hügel erreicht hat, zuunterst also zu beengen an, daß ihr Durchmesser in wenigen Sekunden von tausend Meilen auf eine Klafter zusammengeschmolzen ist. Wenn sie aber dann erst vollends die Höhe erreicht hat, wo das Wassergefäß mit den strahlenförmig in die Erde gesteckten langen Spießen sich befindet, da fängt sie sich allenthalben zu beengen an und bekommt endlich die Form einer für eure Blicke unendlich lang scheinenden Feuerstange, welche dann allmählich über dem Gefäße wie zusammensinkend verschwindet.
[NS.01_015,12] Bald darauf begeben sich dann die Sonnenbewohner wieder auf einen solchen Hügel und holen ihre Sicherheitsgerätschaften, welche gänzlich unversehrt angetroffen werden, – bis auf das Wasser, welches zwar an seiner Menge nichts verloren hat, aber gänzlich schwarz geworden ist.
[NS.01_015,13] Warum aber tun die Sonnenbewohner eigentlich dieses, um dadurch einer Verheerung zu entrinnen? – Sie sagen: Auf den hohen Bergen wohnen Geister; wann sie aber vor zu großer Hitze durstig werden, so ergreifen sie sich in großer Masse und suchen wie Rasende eine Kühlung. Daher ist es notwendig, ihnen mit einem Trunk entgegenzukommen, damit sie nicht tiefer herab rasen und irgendein erquickendes Gewässer suchen und so uns auf ihrem Wege unsere Häuser und Früchte zerstören möchten.
[NS.01_015,14] Und Ich sage euch nichts anderes, als daß solche Annahme und geistige Wissenschaft der Sonnenbewohner ihren ganz vollkommen richtigen Grund hat. Denn es ist in der Sonne ganz dasselbe der Fall bezüglich einer solchen Feuerhose, wie Ich eben dasselbe Ereignis euch schon einmal bei einer Gelegenheit auf eurem Erdkörper vorkommend enthüllt habe. Denn ein Geist bleibt überall ein Geist, in der Sonne wie auf den Planeten; nur ist jedes Geistes freier Wirkungskreis in einer Sonne weniger beschränkt als auf einem Planeten.
[NS.01_015,15] Sehet nun wieder, wie notwendig in dieser Hinsicht die freie Aussicht den Sonnenbewohnern ist. Aus diesem Grunde steht auch jedes Wohnhaus auf einem ziemlich kegelförmigen Hügel; und aller andere, zu einem Hause gehörige Grund liegt niederer als das Haus selbst. Daher dürftet ihr auch nirgends ein Haus in einer Ebene antreffen, sondern sowohl Wohnhäuser wie auch die vielfach verschiedenen Amtshäuser befinden sich allenthalben auf den Hügeln, und die Tempel zur Anbetung und Verehrung des großen Gottes auf den höchsten.
[NS.01_015,16] Und so gibt es noch eine Menge tüchtiger Gründe für die freie Aussicht, aus welchen sonach fürs erste die Sonnenbewohner die Fruchtkronen der Bäume so hoch stellen. Allein alle diese Gründe namentlich anzuführen, würde unsere Mitteilung zu sehr ins Lange dehnen.
[NS.01_015,17] Ein zweiter Grund, warum die Sonnenbewohner diese Fruchtkronen so hoch stellen, ist auch der, daß durch diese höherstehenden Kronen das Licht von oben gegen die Wohnungen gemindert wird. Daß die Kronen solcher Bäume aber das Licht sehr bedeutend an sich saugen, bekunden die leuchtenden Perlen, welche sich fast allenthalben an den Spitzen der Blätter bilden und an und für sich nichts anderes sind, als von dem Baume unverzehrte Lichtbündel, gleich dem sogenannten Sankt-Elms-Feuer bei euch, welches an allen gespitzten Gegenständen zu erblicken ist, wenn die Luft überstark mit Elektrizität angefüllt ist. Bei euch ist dies freilich nur zur Nachtzeit sichtbar, in der Sonne hingegen allzeit nur am Tage (da es dort keine Nacht gibt), und das zufolge der überaus starken Lichtstrahlungen von oben herab.
[NS.01_015,18] Ein dritter Grund, warum die Kronen der Bäume so hoch gestellt werden, ist auch der, damit die Kinder stets genötigt sind, zu ihren Eltern zu kommen, wenn es sie hungert. Und dieser Grund ist ein recht guter Grund; denn ihr könnt es glauben, für den unreifen Geist der Kinder ist überall nichts nachteiliger als eine, wenn auch von den Eltern zugelassene Eigenmächtigkeit. Denn dadurch begründen sich die Kinder zuallererst in der Hoffart und im Eigensinn, welche zwei Untugenden die unzerstörbaren Grundsteine aller nur erdenklichen folgenden Laster sind.
[NS.01_015,19] In der Sonne, wo die Menschen ohnehin einen viel freieren und unumschränkteren Spielraum haben, ist aber eine solche Erziehung der Kinder um so notwendiger, damit dadurch ihr Wille eine solche Richtung bekommt, welche zur Erhaltung der allgemeinen Ordnung unumgänglich notwendig ist. Dies wäre auch bei euch freilich wohl über alles zu wünschen; allein die Menschen der Erde sind schon zuallermeist überaus beschränkt eigensinnigen Geistes, aus welchem Grunde sie auch in eben diese schroffe Erde gelegt wurden. Daher ist ihnen auch nichts saurer als ein pünktlicher Gehorsam, welcher die alleinige Schule zur Gewinnung der wahren, geistigen, innern Willenskraft ist. – Darum aber gelangen auch äußerst wenige Menschen dieser Erde in ihrem Leibesleben zu dieser Kraft, welche im Grunde doch nur die Bedingung ihres Hierseins ist.
[NS.01_015,20] Jedoch wir sind jetzt (schon wieder) nicht auf der Erde, sondern in der Sonne. Daher wollen wir auch allda die weiteren häuslichen Einrichtungen verfolgen, und zwar, wie bis jetzt, den allein naturmäßigen häuslichen Teil, ohne den wir ganz natürlicherweise nie auf einen geistigen und dann erst himmlisch reingeistigen übergehen könnten. Und somit wollen wir für das nächste Mal die anderen, zu einem Hause gehörigen Grundteile und ihre zweckmäßige Benutzung beachten.