16. Kapitel – Die Landwirtschaft auf dem Mittelgürtel. – Gemüseland, Schafweide und Brotacker.
[NS.01_016,01] Ungefähr drei bis fünf Klafter unter der Baumreihe befindet sich ein sogenannter Kleinfruchtacker, welcher zu beiden Seiten mit allerlei fruchttragenden Gesträuchen eingefaßt ist. Die Gesträuche werden höchstens anderthalb Klafter hoch gezogen. Der Acker aber ist von allerlei Kleinfrucht tragenden Pflanzen bewachsen, welche ungefähr ähnliche Früchte tragen, wie da zum Beispiel eure Erdbeeren, Pröpstlinge, Melonen, sogenannte Paradiesäpfel u.a.m. Jedoch müßt ihr etwa nicht denken, als möchten da genau derartige Früchte wachsen, – nur ähnlich sind solche Gewächse hinsichtlich der Kleinpflanzenart. Aber sonst sind sie dort von der außerordentlichsten Mannigfaltigkeit und kommen auch in gleicher Art, wie alles andere, bei keinem andern Hause wieder vor.
[NS.01_016,02] Ihr habt in diesem Punkte schon eine Zeitlang eine geheime Frage in euch, und diese lautet also: Warum sollte denn nicht auch auf dem Grunde des Nachbarn etwas vorkommen, was da auf eines andern Nachbarn Grund vorkommt? Denn sicher werden die Bodenerzeugnisse eines Nachbarn auch den Beifall eines andern haben. Warum denn sollte er dasjenige, was ihm auf dem Grunde seines Nachbarn gefällt, nicht auch auf dem seinigen hervorbringen? Denn, wenn er es nicht tut, so muß ihn entweder ein Gesetz daran hindern, oder er muß alles andere gering schätzen und nur das für etwas ganz entschieden Ausgezeichnetes halten, was er auf seinem Grunde hervorbringt.
[NS.01_016,03] Sehet, diese Frage läßt sich hören und ist einer Beantwortung würdig. Aber bevor eine Antwort gegeben werden kann, muß Ich euch bemerken, daß diese Frage wohl auf eurem Erdkörper einen Grund hätte; in der Sonne aber fällt sie offenbar auf einen trockenen Boden, allda sie zu keiner Antwort erwachsen kann.
[NS.01_016,04] Hier fragt ihr schon wieder: Warum denn? – Und Ich sage euch: Erst auf dieses Warum kann Ich euch eine Antwort geben, welche also lautet: Betrachtet euch selbst gegenseitig und saget Mir dann, warum ihr als Brüder untereinander euch als Einzelwesen und in den Gesichtszügen voneinander unterscheidet, daß da nicht einmal ein nächster Blutsbruder dem andern völlig gleichsieht, während dessenungeachtet doch ein jeder als ein vollkommener Mensch, wenigstens der Gestalt nach, erkannt werden kann? Könnt ihr Mir diese Frage beantworten? Denn Ich sage euch, gerade darin liegt ganz vollkommen fertig die Antwort auf euer Warum.
[NS.01_016,05] Ich sehe aber, daß ihr mit der Beantwortung dieser Frage nicht fertig würdet. Daher wird hier wohl nichts anderes übrigbleiben, als euch zu sagen, daß der Grund lediglich in der entsprechenden, zuständlichen, individuellen Beschaffenheit des Geistes liegt, da jedem Geiste, neben dem allgemein Eigentümlichen, auch etwas ganz besonders Eigentümliches gegeben ist, – gleichsam ein einem oder dem andern Geist ganz besonders zu eigen verliehenes Pfund. Durch dieses Pfund unterscheidet sich dann jeder einzelne Geist von jedem andern einzelnen Geist. Und dieser Unterschied prägt sich dann auch auf eine entsprechende Weise in der äußeren Form aus, welche sich am klarsten in eines jeden Menschen Gesicht darstellt.
[NS.01_016,06] Nun sehet, gerade also verhält es sich im ausgedehnteren Maßstabe auch bei den Bewohnern der Sonne, allda nicht nur die äußere Gesichtsbildung des Menschen die ausgeprägte Beschaffenheit seines Geistes darstellt, sondern auch alles, was ein Sonnenmensch durch seinen Willen hervorbringt. Demnach kann zwar ein Sonnenmensch wohl auch eine Pflanze, die ihm auf seines Nachbarn Grund wohlgefiel, auf seinem eigenen hervorbringen; aber sie wird nicht mehr so aussehen, wie die auf seines Nachbarn Grund. Warum denn? – Weil der Nachbar auch nicht also aussieht, weder leiblich noch geistig, wie sein anderer Nachbar; und dieses verschiedene, charakteristische Aussehen wird auch in allem dem bemerkt, was er hervorbringt. Sehet, darin liegt der eigentliche Grund, warum bei zwei Nachbarn nichts ganz vollkommen Ähnliches angetroffen wird.
[NS.01_016,07] Diese Verschiedenheit hat aber noch etwas anderes zum Grunde, nämlich, daß dadurch ein jeder Sonnenmensch, wenn er den Grund und Boden eines anderen betreten hat, sogleich aus einer oder der andern Pflanze inne wird, wessen Geistes Kind sein Nachbar (oder ein anderer Grundbesitzer) ist. – Seht, jetzt haben wir schon die vollkommene Antwort.
[NS.01_016,08] Im Grunde zeigt sich Ähnliches wohl auch auf den Erdkörpern, wo ein jeder eine andere Pflanzen- und Baumschule in seinem Garten hat; auch baut er sich ein anders aussehendes Haus als sein Nachbar. Allein alle diese Verschiedenheiten erstrecken sich hier nur auf die verschieden angenommene Ordnung, nicht aber auch auf das Individuelle der Pflanzen, weil diese auf den Erdkörpern aus dem Samen hervorgehen, in welchem sie schon eine beständige Ordnung haben. In der Sonne aber gehen sie, wie schon bekannt, aus dem vollkommenen Willen des Geistes hervor, und richten sich darum auch nach der Ordnung des Geistes, der sie durch seinen freien Willen hervorruft.
[NS.01_016,09] Also hätten wir den Grund dieser Verschiedenheit, und wollen nun einen Blick weiter tun, wie da der Grund eines Sonnenbewohners bestellt ist.
[NS.01_016,10] Unter jenem Kleinfruchtacker befindet sich ein leerer Kreis, der nicht angebaut ist und bloß zur Umwandlung (Umgehung) des Kleinfruchtackers dient. Diesen leeren Kreis begrenzen wieder ziemlich knapp beieinander stehende kleine Bäumchen, ungefähr in der Art, als da bei euch die Zwergbäume in den Gärten gezogen werden. Auch diese Bäumchen sind verschiedenartig, so zwar, daß selten fünf bis sieben einer und derselben Art sind; und tragen daher auch mannigfaltige Früchte in der Art eurer Birnen, Äpfel, Pomeranzen u. dgl. mehr. Nur ist daselbst alles vollkommen und jede Frucht von einem überaus großen Wohlgeschmack.
[NS.01_016,11] Dieser Bäumchenreihe folgt wieder ein leerer Kreis; dieser ist aber dann umfangen mit einer Art lebendigem Zaun. Von diesem Zaun erstreckt sich dann in einer Breite von sieben bis zehn Klaftern eine Wiese mit einem überaus üppig grünen Graswuchs, wobei das Gras auf einem Grunde stets derselben Art ist.
[NS.01_016,12] Dieser Kreis ist zur Weide der Schafe bestimmt, welche bei den Sonnenbewohnern die einzigen Haustiere sind; obschon es in der Sonne allenthalben eine überaus zahlreiche Menge von Tieren aller Art gibt, – mit alleiniger Ausnahme der Schlange, welche nur auf einigen Erdkörpern einheimisch ist.
[NS.01_016,13] Ihr werdet fragen, warum denn da allein nur das Schaf ein häusliches Tier ist? – Fürs erste, weil es unter allen Tiergattungen das geduldigste und sanftmütigste Tier ist. Fürs zweite, weil auch die Sonnenbewohner die Milch dieses Tieres genießen. Und fürs dritte, weil dieses Tier auch in der Sonne mit seiner reichlichen und überaus feinen Wolle den Menschen den Stoff zu ihren Kleidungen gibt. – Sehet, darum wird auch nur dieses Tier allein einheimisch gehalten und für dasselbe eine solche Wiese bereitet.
[NS.01_016,14] Da wir aber eben zuvor einer zahllosen Menge der Tiere in der Sonne erwähnt haben, so fragt es sich: Wo halten sich diese auf und wovon leben sie? – Ihr wißt, daß es in der Sonne, besonders auf diesem Gürtel, auch überaus große, unübersehbare Ebenen gibt. Sehet, diese Ebenen werden, wie ihr wißt, nie von Menschen bewohnt, und zwar aus dem sehr tüchtigen Grunde, den ihr zur Genüge habt kennengelernt bei der Darstellung der Sonnenflecke, oder vielmehr bei der Darstellung des großen Ausbruches am Äquator der Sonne. Eben diese Ebenen aber werden von zahllosen, allerverschiedenartigsten Tiergeschlechtern bewohnt.
[NS.01_016,15] Aber jetzt fragt es sich: Wovon leben sie, da in der Sonne der Pflanzenwuchs nur durch den Willen der Menschen bedingt ist? – Nichts ist leichter, als auf diese Frage eine Antwort zu geben, nämlich, daß auch die Ebenen mit allerlei Gewächsen in der üppigsten Fülle bewachsen sind, und das zwar ebenfalls zufolge des Willens der Menschen, – aber hier, für die Ebenen, durch die Bitte und ebenalso durch die innigste Vereinigung mit dem treuerkannten Willen des großen Gottes. Wie aber werden diese Ebenen demnach bebaut? – Durch den Segen des obersten Lehrers –, wann auf der höchsten Tempelhöhe sich eine ganze Gemeinde zur Anbetung des großen Gottes in dem Tempel von 77 Säulen versammelt hat.
[NS.01_016,16] Sehet, jetzt habt ihr auch diese Frage beantwortet. Aber es steht noch eine Frage im Hintergrund: Wie verhüten es die Sonnenbewohner, daß das Getier der Ebenen nicht hinaufsteige zu ihnen und allda leichtlich ihre edlen Gründe beschädige? – Solches verhüten die Sonnenbewohner dadurch, daß sie eben in solchem gemeinschaftlichen Wirken alle Hügelländer durch unübersteigliche, lebendige Zäune von den Ebenen nach allen möglichen Richtungen hin rein absperren. Dieser lebendige Zaun besteht aus lauter dicht aneinandergestellten, nicht selten bei tausend Klafter hohen, säulenartigen Baumstämmen, welche nur zuoberst mit sehr buschigen Kronen versehen sind, die auch in sehr großer Menge solche Früchte tragen, welche zur Nahrung der Tiere tauglich sind.
[NS.01_016,17] Diese Einzäunungen laufen nicht selten in einer geraden Linie längs des Fußes eines oder des andern Hügels mehrere hundert Meilen fort, bis sie sich dann nach einer andern Richtung hinbeugen. Die Kronen dieser Bäume haben fortwährend ein hellgrünes Laub; die Stämme aber sind von der Erde an dunkelrot und verlieren sich bis zur Krone ins gänzlich Blaß-Lichtrote, welches dann auch einen überaus reizend schönen Anblick gewährt.
[NS.01_016,18] Nun wüßten wir, wie die Tiere versorgt sind; daher wollen wir wieder zu unserem Hausgrund zurückkehren und daselbst sehen, was nach der Wiese folgt.
[NS.01_016,19] Diese Wiese ist auf der unteren Seite über dem lebendigen Zaun mit einem Wall umgeben, auf welchem in der Richtung der Haussäulen springende Quellen angebracht sind. Ihr werdet auch hier schon wieder fragen: Wo nehmen denn die Sonnenbewohner alsogleich das Wasser her, um dasselbe, wo sie es nur haben wollen, aus diesem Walle emporspringen zu lassen? –
[NS.01_016,20] Es ist für die Sonnenbewohner eben nichts leichter als das. Sie stecken eine bei zehn Klafter lange Röhre also in das Erdreich, daß die Röhre noch etwa eine Klafter über den Erdboden hervorragt. Und alsogleich sammelt sich von dem überaus saftigen Sonnenerdboden so viel Wasser in der in die Erde gesteckten Röhre, welche zu dem Behufe, soweit sie in die Erde gesteckt wird, von allen Seiten mit einer Menge kleiner runder Öffnungen oder Löchelchen versehen ist, welche dann begierig die häufige Feuchtigkeit des Erdreichs in den Hauptkanal der Röhre passieren lassen, durch welchen Kanal dann diese in der Röhre reichlich angesammelten Feuchtigkeiten als eine ziemlich hoch springende Quelle sich zum Bedarf der Menschen und Tiere ergießen.
[NS.01_016,21] Unter diesem Walle ist dann der sogenannte, bei zehn Klafter breite Brotacker-Kreis. Warum wird er denn Brotacker-Kreis genannt? – Weil auf diesem Acker eine Art Frucht wächst, welche einzig und allein nicht vom menschlichen Willen erzeugt wird; sondern auf diesem Kreise rührt die Frucht, welche ungefähr eurem Weizen ähnlich ist, unmittelbar von dem Willen Gottes her. Daher wird auch dieser Acker als ein Heiligtum betrachtet.
[NS.01_016,22] Es wird auch hier kein Same gesät; sondern der Acker wird zu dem Behufe eingerichtet, und wann er die Frucht tragen soll, so wird darum eigens gebetet, welches bei den Sonnenbewohnern allzeit unter einer besonders großen Feierlichkeit geschieht. Nach dieser Feierlichkeit durchgeht der Hausvater segnend diesen Acker, und ihm folgen nach der Ordnung alle seine Familienglieder nach. Solcher Umgang geschieht sieben Male. Alsdann wird dem großen Gott ein allgemeines Lob-, Preis- und Dankgebet dargebracht, – und also ist der Brotacker bestellt.
[NS.01_016,23] Dieser Brotacker ist aber zuunterst umfangen mit einem überaus prachtvollen und künstlichen Geländer; und dieses Geländer ist dann auch zugleich die Grenze eines Grundes.
[NS.01_016,24] Ihr werdet hier freilich fragen: Aber warum ist denn dieser am meisten geheiligte Acker am weitesten vom Wohnhause abstehend angebracht? Denn es sollte ja doch sinnbildlich dasjenige, was mehr rein göttlicher Art ist, dem Menschen näherliegen als alles, was da nur seiner eigenen Art ist. – Durch diese Frage philosophiert ihr zwar eben nicht so übel; aber die Sonnenbewohner philosophieren in dieser Hinsicht noch besser, denn sie zeigen dadurch an, daß das Göttliche nicht nur den Zentralpunkt der Wohnung erfaßt, sondern auch alles Äußere umfaßt. Also soll auch der Mensch in seinem Innersten einen Thron zur Wohnung des göttlichen Geistes errichtet haben und soll dann auch von eben diesem Geiste alle seine Gedanken, Begierden und Handlungen ergreifen lassen, damit er dadurch in allem, – wie im Innern, so auch im Äußern, – ein Mensch vollkommen nach dem Willen des großen Gottes sei.
[NS.01_016,25] Sehet, dieses alles besagt nichts mehr und nichts weniger, als daß die Menschen vollkommen nach Meinem Willen leben und handeln sollen, das heißt, sie sollen sich von Meinem Geiste erfassen und bis ins Innerste durchdringen lassen, – nicht aber, wie es jetzt so viele gewisserart „Bessere“ tun, sich mit der alleinigen Erkenntnis Meines Willens begnügen, was aber ihre Handlungen anbetrifft, da solle Ich es Mir gefallen lassen, daß sie Mich neben ihren Welthandlungen einherzögen. Sehet, bei solchen Menschen da macht nicht dieser Brotacker die äußere Umfassung; sondern nur ein reiner Weltacker, der keine Früchte Meines Willens trägt, sondern Früchte des Eigennutzes, der Welt, des Verderbens und des Todes!
[NS.01_016,26] Aus dieser kurzen Darstellung möget ihr es nun wohl erkennen, daß die Sonnenbewohner durchaus bessere Philosophen sind, als ihr es seid. Denn die Ordnung, welche sie in ihrer Häuslichkeit beobachten, ist, selbst sinnbildlich genommen, doch sicher mehr Meiner Ordnung gemäß als die, welche ihr in Hinsicht auf eure häuslichen Einrichtungen und Anordnungen verwendet. Es kann zwar bei euch auf eurem Planeten keine solche äußere Ordnung beobachtet werden, und es liegt im Hauptgrunde auch eben nicht gar zu viel daran. Dessenungeachtet aber lasse Ich euch nun dennoch solches beschauen, damit ihr dadurch euren geistigen Grund danach bestellen möchtet! Solches sollet ihr demnach recht wohl beachten. Und so wollen wir denn fürs nächste noch die verschiedenen Amtshäuser und Tempel durchblicken und uns sodann zu den allgemeinen und häuslichen Verfassungen der Bewohner dieses Gürtels wenden.
17. Kapitel – Schul-Amtshäuser auf dem Mittelgürtel.
[NS.01_017,01] Was die Amtshäuser betrifft, so stehen diese nicht so auf den Hügeln wie die Wohnhäuser, sondern mehr in den Gebirgstälern, und das aus dem sehr weisen Grunde, damit die Zöglinge, welche in solchen Amtshäusern für ein oder das andere Fach unterrichtet werden, durch die reizenden Aussichten nicht zerstreut werden.
[NS.01_017,02] Damit ihr euch aber von der Lage solcher Amtshäuser eine desto bessere Vorstellung machen könnet, so wird es notwendig sein, die Hügelländer der Sonne vor euren Augen ein wenig mehr anschaulich darzustellen.
[NS.01_017,03] Die Hügel in der Sonne sind von dreifacher Art: Erstens die allgemeinen Hügel, welche sich in unabsehbaren Ketten gleich den Gebirgszügen auf eurer Erde nach allen Richtungen über diesen Sonnengürtel hin ausbreiten. – Zweitens die verschiedenen Höhepunkte der Scheitel dieser Hügel, welche ungefähr also aussehen, als wenn ihr nahezu regelmäßig runde, aber sehr abgestumpfte Kegel pyramidenartig aneinanderreihen möchtet, so daß endlich aus mehreren solchen Kegeln eine Pyramide zustande käme. Und endlich drittens die einzelnen Tuberkeln, welche alldort auch die Brüste der Hügel genannt werden. Diese dienen dann gewöhnlich zu Wohnstätten, das heißt, über ihnen werden die Wohnhäuser erbaut; und das übrige eines solchen Kleinhügels wird dann zu dem euch schon bekannten Grunde verwendet, bei dem, wie schon einigermaßen bekanntgegeben, nach eurem Maße ungefähr ein halbes Joch auf eine Person gerechnet wird. Diese Gründe sind in ihrer äußern Umfassung, so wie die Hügel, gewöhnlich zirkelrund, wodurch es dann auch gewöhnlich geschieht, daß drei, manchmal auch vier solcher Gründe aneinanderstoßen, und das gewöhnlich in der Tiefe, das heißt, im kleinen Tal zwischen drei oder vier Hügeln.
[NS.01_017,04] Da sich aber die Kreise nur auf einem Punkte berühren können, so geschieht es dann, daß zwischen drei oder vier zusammenstoßenden Gründen ein freier, unbesessener Raum zustande kommt. Sehet, auf eben diesen freien, unbesessenen Räumen werden dann die Amtshäuser errichtet.
[NS.01_017,05] Einige Amtshäuser sind kleiner als die gewöhnlichen Wohnhäuser; einige aber auch nach Bedarf größer. Denn die Kleinamtshäuser sind nur für den Elementarunterricht der Kinder bestimmt; daher sind sie auch gewöhnlich kleiner und ihre Einrichtung ganz einfach. Nur so viel ist zu merken, daß es zweierlei Arten der kleinen Amtshäuser gibt, nämlich die eine zum Unterricht für Knaben, und die andere zum Unterricht der Mädchen. Diese zwei Arten unterscheiden sich nur dadurch, daß um die Amtshäuser zum Unterricht der Mädchen zwischen den Säulen kleine runde Blumengärtchen angelegt sind, während die Amtshäuser zum Unterricht der Knaben ganz einfach dastehen.
[NS.01_017,06] Übrigens ist die Einrichtung dieser Amtshäuser fast ganz dieselbe wie die der Wohnhäuser; nur ist alles ganz einfach und ohne Verzierung, welches soviel sagen will, als daß die Schüler auch noch ihren Erkenntnissen nach sehr einfach und ohne innere geistige Ausschmückung sind. Und die Amtshäuser zum Unterricht der Mädchen zeigen durch die kleinen Blumenbeetchen den Mädchen an, daß sie sich auch dem Äußeren nach reinlich und zierlich gestalten sollen, damit dadurch in ihnen ein wohlgefälliger und anziehender Geist herangebildet werde.
[NS.01_017,07] Das ist sonach die erste Art der Amtshäuser. Diese aber werden etwa nicht von den Amtsleuten oder Lehrern bewohnt, sondern die Wohnung eines Amtmannes oder Lehrers befindet sich ebenfalls auf einem dem Amtshause zunächst gelegenen Hügel.
[NS.01_017,08] Wodurch unterscheidet sich denn sonach die Wohnung eines Amtmannes von der Wohnung eines andern Menschen, der da kein Amtmann ist? – Sie unterscheidet sich in gar nichts anderem als nur in dem, daß von ihr, wie ihr zu sagen pflegt, linea recta ein Weg bis zum Amtshause gerichtet ist, während die Wege von den andern Häusern gerade auf diejenigen Punkte zu gerichtet sind, in denen sich die Grundkreise berühren. Übrigens ist die Einrichtung eines amtmännischen Wohnhauses ganz dieselbe, wie die eines jeden andern Menschen.
[NS.01_017,09] Welche Kinder besuchen denn den Unterricht eines solchen Amtshauses? – Die Kinder der nächsten Umgebung nur; etwa von drei, vier bis fünf Wohnhäusern.
[NS.01_017,10] Und wie lange dauert denn ein Unterricht auf einmal? – Nie länger als höchstens fünfhundert Pendelschwingungen. Sodann werden wieder gegen fünftausend Pendelschwingungen freigelassen. Und also setzt sich dieser Unterricht fort, – so lange, bis die Kinder die Elementargegenstände vollkommen innehaben, welche in nichts anderem bestehen, als daß den Kindern gewisse kleine Gesetze gegeben werden, welche sie beobachten müssen.
[NS.01_017,11] So wird zum Beispiel einem oder dem andern Kinde untersagt, diesen oder den andern Gegenstand anzusehen, sondern seine Augen so lange abzuwenden, bis der Amtmann sieht, daß es dem Kinde durchaus keine Anstrengung mehr kostet, einen solchen Gegenstand völlig unbeachtet zu lassen. Die Kinder werden darum auch durch verschiedene Reizmittel versucht, das Gesetz zu übertreten; so werden zu dem Behufe bald hier bald dort, wohin einem Kinde zu schauen verboten ist, Schauspiele gegeben, bei welcher Gelegenheit es dann die Kinder sehr viele Anstrengung und Selbstverleugnung kostet, ihre schaulustigen Augen davon abzuwenden; allein mehrfache Übung gibt den Meister. Also ist es auch hier der Fall; die Kinder vergessen sich wohl zu öfteren Malen, werden dann wieder ernstlich ermahnt und bei oftmaligen Fällen der Übertretung mit kleinen, passenden Strafen belegt, – und so wird nach und nach der weise Zweck erreicht.
[NS.01_017,12] Können die Kinder einmal ein Gebot halten, so wird ihnen ein zweites ähnliches hinzugegeben; und geht es mit diesem, so wird noch ein drittes, viertes, fünftes und so fort bis zu zehn, oft bis zu dreißig Gesetzen hinzugesetzt.
[NS.01_017,13] Haben die Kinder auf diese Weise gelernt, ihre Augen im Zaume zu halten, dann müssen sie auf dieselbe Weise die Zunge im Zaume halten lernen. Da wird von dem Lehrer ein jedes Kind genau beobachtet, was etwa das Lieblingsthema seiner Zunge ist. Solches wird dann dem Kinde auf längere Zeit auszusprechen untersagt. Kann das Kind endlich sich auch in diesem Punkte verleugnen, sodann erforscht der Lehrer wieder eine andere Neigung in ihm und untersagt ihm das auf die passendste Weise.
[NS.01_017,14] Sehet, in solchen Dingen besteht alldort der Elementarunterricht, der keinen andern Zweck hat, als den, daß dadurch den Kindern ihr eigener Wille auf die zweckmäßigste Art genommen wird, und sie dadurch ganz willenslos und eben dadurch wohlbereitete Gefäße zur Aufnahme des göttlichen Willens werden, welcher dann schon in einem höheren Amtshause vorgetragen und gelehrt wird.
[NS.01_017,15] Wie die Kinder in diesem Elementar-Amtshause gewisserart von aller äußeren Tätigkeit abgehalten und dadurch alle ihre äußeren Sinne, ihre Gedanken und sonach auch ihre Begierden gefangengenommen werden, also wird ihnen in dem nächst höheren Amtshause wieder eine Tätigkeit um die andere nach dem Willen des großen Gottes zu erfüllen vorgelegt. Aus diesem Grunde sind denn auch diese Amtshäuser der zweiten Art schon nicht mehr so einfach wie die der ersten Art, obschon sonst ihre Einrichtung ganz ähnlich ist der Einrichtung in den Wohnhäusern.
[NS.01_017,16] Die Verzierungen in diesen größeren Amtshäusern, welche gewöhnlich auf jenen Stellen errichtet sind, wo sich vier Gründe, manchmal auch fünf berühren, richten sich allzeit nach der vorgeschriebenen Tätigkeit der Schüler. – Worin besteht denn diese Tätigkeit? – Diese besteht in nichts anderem als in der Fixierung mannigfaltiger Dinge.
[NS.01_017,17] So wird zum Beispiel einem oder dem andern Schüler ein Ding gezeigt; dieses muß er längere Zeit hindurch nach allen dessen Teilen unausgesetzt beobachten und muß sodann dem Amtmanne alles kundgeben, was er an dem Dinge bemerkt hat. Wenn er mit der Kundgabe fertig ist, so wird er abermals angehalten, eben dasselbe Ding noch schärfer zu beobachten und wohl zu prüfen, ob er bei der ersten Beobachtung nichts übersehen habe. Nach solcher zweiten Beobachtung gibt dann der Schüler wieder kund, was bei der ersten Beobachtung seiner Aufmerksamkeit entgangen ist.
[NS.01_017,18] Ist es jetzt etwa schon gut? – O nein; der Amtmann verweist den Schüler oft zehn, zwanzig bis dreißig Male auf einen und denselben Gegenstand. Ihr fraget hier freilich wohl: Aber wozu soll denn das gut sein? Man kann auf einem Dinge ja doch nicht mehr finden, als dasselbe beim ersten Durchschauen auf seiner Oberfläche zu beschauen darbietet. Ich sage aber: Diese Beschauung ist nur eine höchst oberflächliche und nützt keinem Menschen etwas für seinen Geist; denn also kann auch jedes Tier ein Ding beschauen.
[NS.01_017,19] Durch das öfter angenötigte Beschauen aber wird der Beschauer selbst genötigt, in seinem Geiste die verschiedenen Beziehungen, Verbindungen und Ergreifungen durchzumustern, und gewöhnt sich dadurch die Festigkeit und Bestimmtheit in seinem Blicke an, welche für den überaus flüchtigen Geist auch ebenso überaus notwendig ist. – Sehet, in solchen Übungen besteht demnach die Schule dieses zweiten Amtshauses.
[NS.01_017,20] Wenn die Schüler in der Beobachtung solcher Gesetze und noch vielmehr in der Tätigkeit nach denselben vollkommen wacker durchgeübt worden sind, sodann erst werden sie in ein drittes Amtshaus aufgenommen, welches nicht mehr in der Tiefe, sondern schon auf irgendeiner (vor den mit den gewöhnlichen Wohnhäusern bestellten Hügeln) mehr ausgezeichneten Höhe sich befindet.
[NS.01_017,21] Ein solches Amtshaus ist schon von einer bedeutenden Größe und hat gewöhnlich vier Dächer, das heißt, solche Pyramidendächer, wie wir sie über den Wohnhäusern kennengelernt haben. Ein solches Amtshaus führt allda einen Namen, der ungefähr soviel besagt als das Wort ‚Gymnasium‘ bei euch. – Was wird denn hier gelehrt? – Hier wird gewisserart die Analytik aller der sichtbaren Dinge vorgenommen und den Schülern darin überall die göttliche Ordnung gezeigt.
[NS.01_017,22] Aus diesem Grunde aber ist auch das Innere wie das Äußere eines solchen Amtshauses so überaus ordnungsmäßig prachtvoll eingerichtet, daß ihr euch davon wohl nicht leichtlich auch nur einen allerleisesten Begriff machen könntet. Denn fürs erste sind die hundert Säulen, auf denen die vier Dächer eines solchen Amtshauses ruhen, durchgehends mit erhabenen plastischen Arbeiten verziert, welche so kunstvoll ausgeprägt sind, daß sie so erscheinen, als wenn sie lebendig wären. Diese Arbeiten oder Verzierungen der sonst höchst genau viereckigen Säulen haben Ähnlichkeit mit den ägyptischen Hieroglyphen. Der Unterschied besteht darin, daß alle die Bilder ins Unaussprechliche vollendeter und vielfältiger sind als die Hieroglyphen Ägyptens.
[NS.01_017,23] In der Mitte eines solchen Amtshauses sind vier große Pfeiler aufgestellt, welche zum Teil das Dachgebälk tragen helfen; zum Teil aber (nämlich insoweit sie vom Boden bis zur Dachlinie reichen) sind sie mit höheren Verzierungen geschmückt, welche schon Beziehungen auf das Wirken des großen Gottes in sich fassen.
[NS.01_017,24] Die Säulen, von denen jede bei zwei Klafter im Durchmesser und eine Höhe von zwanzig Klaftern hat, sind aus einer Masse verfertigt, welche also aussieht, wie bei euch der sogenannte Karneolstein. Die Verzierungen aber sind wie von allerlei edelsten Steinen auf denselben angebracht. Die Füße der Säulen sind rund und aus einer Masse, die da aussieht wie glühendes Gold. Die Kapitelle der Säulen aber sind von einer Masse, die da also aussieht wie ein Amethyst.
[NS.01_017,25] Über den Kapitellen sind große, weiße Kugeln angebracht, welche mit den schönsten Bogen von Säule zu Säule verbunden sind. Über diesen Bogen ruhen erst die Dachtragbalken, welche ebenfalls aus einer Masse verfertigt sind, die da aussieht wie ein recht feuriger Rubin. Sodann erst erheben sich die eigentlichen Dachbäume, welche hier nicht schwarz, wie in den Wohnhäusern, sondern dunkelviolettblau gefärbt sind.
[NS.01_017,26] Kurz und gut, es herrscht in einem solchen Amtshause eine für euch kaum begreifliche Gleichmäßigkeit in allem. Eines harmoniert mit dem andern, und bei der überaus großen Fülle der herrlichsten Verzierungen ist dennoch nirgends eine Überladung. Selbst der Boden ist so gemacht, daß er ungefähr dem sogenannten Mosaik bei euch gleicht. Nur ist allda keine erhabene Figuration, sondern die Figuration gleicht den feinsten Miniaturgemälden bei euch; und ein jeder Gegenstand ist so überaus täuschend nachgebildet, daß ihr selbst bei der äußerst nahen Betrachtung euch nicht der völligen Täuschung erwehren könntet, zu glauben, dieses alles sei erhaben da und sei eine vollkommen plastische Arbeit.
[NS.01_017,27] Übrigens sind ebenfalls auch hier vor den Säulen, so wie in den Wohnhäusern, die prachtvollsten Ruhesitze angebracht. Und da ein solches Amtshaus gewisserart aus vier Abteilungen besteht (was von den vier Dächern zu entnehmen ist), so befindet sich unter einem jeden Dach in der Mitte eine uns schon bekannte, prachtvoll aufgeführte Schneckenwendel-Pyramide, welche ebenso eingerichtet ist, wie wir sie in den Wohnhäusern kennengelernt haben.
[NS.01_017,28] Außerhalb dieses Amtshauses, welches von dem Amtmanne samt seiner Familie für gewöhnlich bewohnt wird, sind auch diejenigen Grundabteilungen und Bestellungen in derselben Ordnung, nur in größerer Ausdehnung vorhanden, wie wir sie ebenfalls bei den gewöhnlichen Wohnhäusern kennengelernt haben.
[NS.01_017,29] Der ganze Grund um ein solches Amtshaus hat nach eurer Messung nicht selten einen Flächenraum von tausend Jochen; aber deswegen kommt für eine Person doch nicht mehr als ein halbes Joch zur Benutzung. Ihr werdet hier fragen: Warum denn da so viel Grundstück für einen Amtmann, dessen Familie doch sicher nicht zahlreicher ist als die eines andern Hauses?
[NS.01_017,30] Die Ursache ist ganz einfach, nämlich, weil sämtliche Schüler einer solchen Anstalt allda auch so lange wohnen, bis sie ihre Schule vollkommen durchgemacht haben. Denn hier müssen sie gar viel kennenlernen, – nämlich, wie ihr schon gehört habt, die Ordnung Gottes in all den verschiedenen Dingen; oder: sie müssen hier gewisserart lesen lernen in dem großen Buche der göttlichen Natur, aus welchem Grunde auch alle die vorerwähnten Verzierungen in einem solchen Amtshause angebracht sind.
[NS.01_017,31] Damit ihr euch aber wenigstens einen leisen Begriff davon machen könnt, so will Ich euch bloß nur die Bedeutung einer Säule ganz flüchtig und kurz kundgeben. – Der runde Fuß bedeutet die Kraft Gottes oder die Stärke Seines Willens, welcher da ist ein ewiges Fundament aller Dinge. – Die darauf ruhende, viereckige Säule bedeutet die von diesem Grundfundament ausgehende Kraft, welche die Stütze des Himmels und aller geschaffenen Dinge ist. – Die geschaffenen Dinge sind sinnbildlich durch die Verzierungen um die Säule angebracht und haben Beziehungen untereinander wie auch auf die Kraft, welche sie hervorbringt und trägt. Denn solches müßt ihr auch wissen, daß derlei Verzierungen nicht etwa durch Menschenhände auf den Säulen verfertigt und angebracht sind, sondern lediglich nur durch den höheren Willen des großen Gottes, welcher sich ausspricht im vollkommen gereinigten Herzen eines Menschen. – Die Kapitelle einer solchen Säule bedeuten die Weisheit; die Kugeln über denselben die Unerforschlichkeit derselben in Gott. Die Bogen aber, welche diese Kugeln verbinden, bezeichnen die unergründlichen Wege, durch welche die Weisheit Gottes alles in der allerhöchsten Ordnung durchschaut und verbindet; und diese Ordnung ist dann die erhaltende Trägerin der ganzen Unendlichkeit.
[NS.01_017,32] Sehet, das ist so nur ein ganz flüchtiger Abriß, aus welchem ihr entnehmen könnt, in welchem Sinne ein solches Amtshaus in allen seinen Teilen errichtet ist, – welches alles dann die Schüler in solcher Ordnung durch die gerechte Anleitung aus sich heraus erkennen lernen müssen. Möchte euch ein solches Gymnasium nicht besser gefallen als euer lateinisches auf der Erde? – Sehet, das ist eine gerechte Schulanstalt!
[NS.01_017,33] Einst bestanden solche Schulen auch auf eurer Erde; aber die menschliche Habsucht hat sie von diesem Boden völlig verdrängt. Und so gebe Ich euch darum hier wieder eine Anleitung aus der Sonne, damit ihr daraus ersehen möchtet, wie eine gerechte Schule zur lebendigen Bildung des menschlichen Geistes solle beschaffen sein; welches ihr aber im ausgedehnteren Sinne erst bei der nächsten Darstellung der Tempel kennenlernen werdet. – Und somit lassen wir es für heute auch wieder gut sein!
18. Kapitel – Tempel einfacher Art auf dem Mittelgürtel.
[NS.01_018,01] In welchem Ansehen steht denn ein Tempel in der Sonne – das heißt, zunächst der erste Tempel auf einer der untersten Höhen (auf denen noch zwei andere Tempel vorkommen, die wir erst später kennenlernen werden)?
[NS.01_018,02] Ein solcher Tempel der ersten Art steht dort in dem Ansehen einer allgemeinen Volksschule, in welche von dem vorbeschriebenen Amtshause aus übergegangen wird. Ihr müßt aber nicht etwa denken, daß da nur von einem solchen Amtshause die Schüler in einen solchen Tempel übertreten; sondern ein solcher Tempel ist eine Aufnahme von nicht selten dreißig bis vierzig solchen Voramtshäusern; aus welchem Grunde denn auch ein solcher Tempel von einer außerordentlichen Größe ist, und es auch sein muß, um nicht selten mehrere tausend Schüler in sich aufzunehmen.
[NS.01_018,03] Ein solcher Tempel hat nicht mehr eine runde Form, sondern seine Form ist vielmehr die eines Schiffes bei euch. Denn wäre er in die Runde gebaut, so würde das bei der Bedachung sehr viele Schwierigkeiten absetzen. Da er aber in einer solchen eirunden Form erbaut ist, so macht die Bedachung desselben ebensowenig Schwierigkeiten als die eines gewöhnlichen Wohnhauses.
[NS.01_018,04] Wodurch oder wonach aber wird die Größe eines solchen Tempels bestimmt? – Die Größe eines solchen Tempels wird nach der Zahl der Säulen bestimmt, aus denen er besteht. – Ist die Zahl der Säulen gleich bei allen Tempeln dieser ersten Art? – Nein, sondern sie richtet sich nach der Gegend, je nachdem diese mehr oder weniger Wohnhäuser, dann kleine Amts- und Voramtshäuser besitzt. Daher kann ein solcher Tempel im geringsten Fall aus tausend, im höchsten Fall aber aus zehntausend Säulen bestehen. – Die Säulen eines solchen Tempels sind fürs erste um vieles höher und auch viel umfangreicher als die eines Wohnhauses, und sind zumeist von einer lichtgrünen, durchsichtigen Masse und im einfachen Stil ganz rund.
[NS.01_018,05] Übrigens aber ist der Baustil auch bei den Tempeln sehr verschieden, wenn sie auch einer und derselben Art und für einen und denselben Zweck bestimmt sind. Demnach gibt es auch Tempelsäulen wie Pyramiden aussehend; wieder gibt es Tempelsäulen, die da bestehen aus einer Menge Stäbe; wieder gibt es Säulen, die also aussehen, als wären plattgedrückte Kugeln aufeinander aufgestellt; auch gibt es Säulen, die sich in wolkenähnlicher Form übereinander erheben; also gibt es auch wieder Säulen, die wie umgekehrte Kegel aussehen, nämlich da die breite Seite in der Höhe und die spitze Seite sich zuunterst befindet. Und so gibt es noch zahllose Formen, in denen solche Säulen zur Stütze der Dachung aufgeführt sind.
[NS.01_018,06] Diese Tempel sind schon wieder um vieles erhabener und prachtvoller als die Voramtshäuser, besonders der letzthin bekanntgegebenen Art, in denen die Schüler Meine Ordnung kennenlernen müssen. Diese Tempel haben sonach auch mehrere Dächer, worunter aber dasjenige Dach, durch welches des Tempels Mitte gedeckt wird, das bei weitem höchste ist; und ist an dessen höchster Spitze eine überaus große Fahne angebracht zum Zeichen des Sieges, welchen die Menschen in diesem Tempel zu erringen haben. Die andern pyramidenartigen Dächer aber sind stufenweise niederer. Und zu jeder Seite der mittleren, hohen Dachpyramide sind je sieben und sieben angebracht, so zwar, daß dann solche Dächer mit ihren Spitzen gegen die Spitze des mittleren Hauptdaches ebenfalls eine Pyramide bilden.
[NS.01_018,07] Die Spitzen der Dächer sind zwar auch mit Fahnen verziert, aber die Fahnen nehmen, gegen die mittlere Fahne betrachtet, also an der Größe ab, wie die Dächer an der Höhe abnehmen. Übrigens sind auch diese Tempeldächer eben auf dieselbe Art angebaut, wie die Dächer der Wohnhäuser. Die Höhe des mittleren Daches dürfte nach Umstand der Größe des Tempels wohl manchmal bei tausend Klafter eures Maßes betragen; niederer als fünfhundert Klafter aber ist es nie. Nach der Höhe der mittleren Dachspitze richten sich dann auch die andern Dachspitzen.
[NS.01_018,08] Ihr werdet hier freilich fragen: Aber wie können denn die Sonnenbewohner so entsetzlich lange Dachbalken über den Säulen pyramidalförmig aufstellen, und woher beziehen sie solche tausend Klafter lange Bäume? – Hier muß ich euch sogleich bemerken, wie solches schon bei einer früheren Gelegenheit bemerkt wurde, daß die Sonnenbewohner dergleichen nicht mit ihren Händen verfertigen, sondern alles mit der Kraft ihres Willens. Sie müssen zwar solche Dachbäume früher aus dem Erdboden ziehen, welches, wie ihr wißt, durch ihren Willen geschieht. Also müssen sie auch die Säulen zustande bringen. Sind aber alle diese Sachen, die zum Bau eines solchen Tempels erforderlich sind, einmal erzeugt, alsdann werden sie durch die Vereinigung des Willens mehrerer, oft sehr vieler Menschen, zu einem solchen Bau geordnet. Und der Bau selbst wird dann durch die Vereinigung des Willens aufgeführt.
[NS.01_018,09] Dessenungeachtet aber gibt es bei einem solchen Tempel dann dennoch Verrichtungen, welche die Sonnenmenschen mit ihren Händen vollziehen. Zu diesen Verrichtungen gehört das Eindecken des Daches und das inwendige Färben desselben. Dann gehört noch zu den Verrichtungen der Hände die Ausmessung und das darauf folgende Ebnen des Bodens. Das sind demnach Verrichtungen der Hände.
[NS.01_018,10] Wie lange dauert denn ein solches Gebäude? – Wenn es nicht durch irgendein verabsäumtes und zu spät beobachtetes Naturereignis sich fügt, daß solche Tempel, wie auch andere Gebäude, beschädigt oder manchmal zum Teil oder ganz zerstört werden, so stehen sie da wie für eine Ewigkeit; denn dort wird nichts faul und mürbe, sondern alles bleibt in einer beständigen Frische und Gediegenheit, so wie es war bei seinem ersten Entstehen.
[NS.01_018,11] Nun wüßten wir, was es mit dem Bau und somit auch mit der äußeren Form eines solchen Tempels für eine Bewandtnis hat; daher wollen wir nun dessen Inneres und sodann dessen äußere Umgebung ein wenig in Augenschein nehmen.
[NS.01_018,12] Die majestätische Höhe eines solchen Tempels ist zuerst zu beachten; denn die Säulen, welche hier die Dachungen tragen, sind nach der Größe des Tempels auch hundert bis fünfhundert Klafter hoch und sind verhältnismäßig dick und umfangreich. Die Fußgestelle der Säulen sind allzeit vollkommen kreisförmig rund und haben, wie ihr zu sagen pflegt, vom Boden angefangen bis zu ihrer Säulentragfläche sieben Wülste, wovon jeder Wulstkreis bei vier Schuh in der Höhe mißt, und ist ein solches Fußgestell einer Säule ebenfalls verhältnismäßig zur Säule selbst. Diese Gestelle sind bei den Tempeln zumeist fest, aber sonst dennoch von einer halbdurchsichtigen Masse von blauer Farbe. Die Säulen sind durchaus weiß; aber dafür mit den verschiedenfarbigsten erhabenen Verzierungen belegt.
[NS.01_018,13] Die Säulen eines solchen Tempels gehen nicht ohne Unterbrechung bis zur Dachung hinauf, sondern sind zugleich Träger dreier Galerien, welche sich längs der Säulenreihe innerhalb des ganzen Tempels herumziehen, mit den allerprachtvollst gearbeiteten Geländern versehen.
[NS.01_018,14] Wie kommt man aber auf diese Galerien? – Ihr werdet es sogleich sehen. – Statt den pyramidalen Ruhebänken innerhalb der Säulen befindet sich eine Schneckenwendel-Pyramide, deren sich immer höher ziehende Stufen ebenfalls mit den allerzierlichsten Geländern umfangen sind. Wenn man auf dieser Schneckenwendel-Pyramide die Höhe einer Galerie erreicht hat, so zieht sich von der Pyramide ein überaus zierlicher Gang, auf welchem man dann auf die Galerie gelangen kann. So ist eine jede Galerie durch einen Gang mit einer solchen Schneckenwendel-Pyramide verbunden.
[NS.01_018,15] Aus welcher Masse ist denn eine solche Pyramide? – Die Pyramide selbst ist aus einer Masse, die da aussieht wie blaßrot gefärbtes Glas, vollkommen durchsichtig. Die Geländer sind wie von massivem Golde, in allerlei der schönsten Zieraten gewunden, welche dann wieder an ihren Ausläufern verziert sind mit allerlei wunderbar schönen und bedeutungsvollsten Formen, welche da verschiedenfarbig sind und das Aussehen haben wie die alleredelsten Steine bei euch, wenn sie selbstleuchtend wären.
[NS.01_018,16] Aus einem eben solch massiv-goldigartigen Stoff besteht der Gang, der ebenfalls mit doppelten Geländern versehen ist von der Schneckenwendeltreppe bis zur Hauptgalerie.
[NS.01_018,17] Die Hauptgalerien sind natürlicherweise ebenfalls mit Geländern versehen, und zwar nach innen wie nach außen. Diese Hauptgaleriegeländer aber bestehen aus lauter Brillantpyramiden, das heißt, die Pyramiden sind aus einer Masse gezogen, welche also leuchtet, wie ein großer, geschliffener Diamant bei euch, wenn er sich in den Strahlen der Sonne befindet. Diese Pyramiden sind zwischen einem jeden Gange also aneinandergereiht, daß sie sich zuunterst berühren, und sind zuoberst mit einer wie massivgoldenen, in das höchste Laubwerk verschlungenen Lehne verbunden, welche Lehne ebenfalls von Gang zu Gang (der von der Schneckenwendel-Pyramide bis zur Hauptgalerie sich erstreckt) gedehnt ist; denn ununterbrochen kann sie ja nicht fortlaufen. Wäre solches der Fall, so müßte man ja, um von einem Gange in die Hauptgalerie zu gelangen, über ein solches Geländer steigen; darum muß alsdann, sooft ein solcher Gang von einer Schneckenwendeltreppe in eine oder die andere Hauptgalerie leitet, das Geländer der Hauptgalerie unterbrochen sein. Solches versteht sich freilich nur ins Innere des Tempels genommen; nach außen aber läuft dasselbe Pyramidengeländer mit einer noch massiveren Lehne ununterbrochen fort.
[NS.01_018,18] Die Hauptgalerie ruht auf regenbogenartigen Bogen, welche sich von Säule zu Säule erstrecken. Diese Bogen spielen äußerst lebhaft vollkommen die Farben eines Regenbogens.
[NS.01_018,19] Innerhalb der Wendeltreppen-Pyramiden befinden sich auf dunkelroten, erhabenen, viereckigen Platten, ebenfalls wieder auf einem Würfelgestelle, ähnliche Pyramiden, wie wir sie in den Wohngebäuden hinter den Säulen kennengelernt haben.
[NS.01_018,20] Die würfelartigen Gestelle, welche mit ihrer Fläche über eine halbe Klafter über die Pyramide nach allen Seiten hinausreichen, werden zu Ruhebänken gebraucht. Wenn nämlich die Zeit der Ruhe kommt, begeben sich die Schüler auf diese Plätze und ruhen allda nach Bedarf aus. Diese Ruhebänke sind überaus weich elastisch, ungefähr so wie ein Luftpolster. Also weich elastisch ist auch die pyramidalartige Lehne. Wenn sich aber jemand darauf noch solange befindet, so verursacht er deswegen dennoch nirgends einen bleibenden Einbug; sondern wenn er aufsteht, ist alles wieder in der schönsten Ordnung, sowohl die Bank als die Lehne.
[NS.01_018,21] Die Lehne ist ebenfalls überaus prachtvoll verziert. Und zuoberst der Lehne an der Spitze der Pyramide ist allenthalben eine grünleuchtende Kugel angebracht, was dem Innern des Tempels wieder ein überaus prachtvolles, niedliches Ansehen gibt, besonders wenn sie nicht hier und da durch die auf den Ruhebänken ruhenden Menschen ein wenig aus dem Gleichmaß gebracht wird.
[NS.01_018,22] Das wäre somit die allgemeine Einrichtung eines solchen Tempels. Zu der besondern und am meisten großartigen inneren Einrichtung, wie auch zur äußeren Umgebung eines solchen Tempels, wollen wir erst nächstes Mal schreiten. Und daher gut für heute!
19. Kapitel – Innere Einrichtung eines Tempels einfacher Art. – Ein Tempelorchester.
[NS.01_019,01] Ihr wißt, daß ein solcher Tempel zusammengenommen aus fünfzehn Dachungen besteht, nämlich aus der mittleren hohen, und dann zu ihren beiden Seiten je von sieben Dachungen. In der Mitte einer jeden solchen Dachung befindet sich im Innern des Tempels wieder eine eigens prachtvoll errichtete Schneckenwendeltreppe, welche sich ganz unter die Dachung hineinzieht und unter jedem Dach, welches sich dem Mitteldache nähert, größer, prachtvoller und somit auch bedeutungsvoller ist.
[NS.01_019,02] Unter der mittleren, hohen Dachung aber befindet sich keine solche Schneckenwendeltreppe, sondern diese Dachung wird fürs erste von leuchtend blauroten Säulen getragen, und möchten derselben in der Runde wohl bei dreißig sein. Diese Säulen sind beinahe noch einmal so hoch als die des eigentlichen Tempels; daher denn dieser mittlere Teil des Tempels auch höher ist, als die übrigen Teile desselben.
[NS.01_019,03] Diese Säulen sind mit sieben Reihen Galerien versehen, auf welche man durch eine Wendeltreppe, welche um die Säulen gewunden ist, gelangen kann. Eine jede Säule ist demnach mit einer solchen Wendeltreppe bis in die siebente Galerie umwunden. In der Mitte dieser großen Tempelrundung steht eine große Hauptsäule, welche sich bis zur höchsten Spitze des hohen Daches hinaufzieht. Da, wo sich um die Säulen die vierte Galerie zieht, ist von dieser Mittel-Hauptsäule nach vier Seiten hin ein Gang angebracht, das heißt, es sind im Grunde nur zwei Gänge, welche sich an dieser Hauptsäule durchkreuzen.
[NS.01_019,04] Von diesem Kreuzgange geht dann eine sehr breite Wendeltreppe um die Säule hinauf bis zur höchsten Dachspitze. Die Galerien, welche um die Säulen dieser Hauptrundung laufen, werden ebenfalls durch regenbogenartig strahlende Bogen unterstützt. Aber hier faßt ein Bogen nur eine Farbe, und da es sieben Galerien gibt, so gibt es auch zur Unterstützung derselben sieben Bogen, von denen ein jeder in einer andern Farbe strahlt. Und wenn man sein Auge über alle die sieben Galerien ausdehnt, so genießt man den Anblick eines zerstreuten Regenbogens.
[NS.01_019,05] Die Geländer der Galerien haben in dieser Hauptmittelrundung des Tempels das Aussehen wie glühendes Gold, und sind, obschon an und für sich überaus kunstvoll gearbeitet, dennoch in den Zwischenräumen mit allerlei kleineren Verzierungen in allen erdenklichen Farben unterspickt, – ungefähr auf die Weise, wie da bei euch eine aus Gold und Silber kunstvoll gearbeitete Kaiserkrone noch verziert ist mit allerlei kunstvoll geschliffenen Edelsteinen.
[NS.01_019,06] Was aber die Lehnen der Galerie betrifft, so sind sie dunkelrot leuchtend. Die Fußböden der Galerien aber sehen aus, als wie zur Nachtzeit der Himmel, wo er mit den meisten Sternen übersäet ist.
[NS.01_019,07] Was aber die Gestalt der Mittelsäule betrifft, so erhebt sich diese vom Boden bis zur höchsten Spitze geradeso, als zöge sich vom Boden bis in die höchste Spitze hinauf eine feurige Wolkensäule. Wozu dient denn diese Hauptsäule? – Fürs erste hilft sie das hohe, schwere Dach tragen, das ist der naturmäßige Nutzen. – Der zweite Nutzen ist dieser, daß man auf der Wendeltreppe bis unter die höchste Spitze des Daches gelangen und allda auch am Dach etwas ausbessern kann, wenn mit der Zeit daran etwas schadhaft werden könnte. – Drittens gehört sie darum in diese Hauptschulanstalt, damit durch ihr Besteigen die Menschen sich angewöhnen, von den verschiedenen Höhegraden ohne Schwindel in die Tiefe hinabzublicken. Denn solches haben die Sonnenbewohner sehr nötig, besonders diejenigen, welche hernach auch zu den verschiedenen Bauamtszweigen überzutreten gedenken. – Dann endlich wird auf den verschiedenen Höhenstufen auch der Wille der Menschen geprüft, in welche Tiefe er noch auf dem Boden zu wirken vermag. Denn ihr müßt wissen, daß eine solche Säule von keiner unbedeutenden Höhe ist und von manchen Tempeln mit den höchsten Bergen eurer Erde wetteifern dürfte, wenn sie auch auf der Oberfläche des Meeres stände.
[NS.01_019,08] Diese Säule ist auch sehr umfangreich, besonders zuunterst, da sie nicht selten einen Durchmesser von hundert Klaftern hat. – Freilich geht sie von da an bis unter die Spitze des hohen Daches immer pyramidenartig abnehmend fort. – Da die Säule so umfangreich ist, so könnt ihr euch wohl leicht denken, daß auch die Wendeltreppen um sie herum sehr geräumig sind; ja sie sind, besonders zuunterst, so breit, daß da sehr leicht hundert Menschen nebeneinander eine solche Treppe aufwärts besteigen können. – Also sind auch die Galerien, welche siebenfach um diese Hauptrundung gezogen sind, überaus geräumig. – Und ebenso geräumig sind dann auch die zwei sich durchkreuzenden Gänge, welche die mittleren Galerien mit der Hauptsäule verbinden. Ein solcher Gang ist so breit, daß da ebenfalls über hundert Menschen nebeneinander in einer Reihe ganz bequem stehen könnten.
[NS.01_019,09] Wozu dienen denn diese zwei Kreuzgänge, wie auch die ganze mittlere Galerie? – Sehet, da ist wieder etwas für euch; denn das ist das musikalische Orchester eines solchen Tempels. Auf einem jeden Gang befinden sich siebenundsiebzig Harfen; auf der Galerie herum aber sind Plätze für die Hauptsänger angebracht. Auf dieser Galerie und auf diesen zwei Gängen wird vor und nach jeder Beschäftigung dem großen Gott ein Lobgesang mit Begleitung der Harfen dargebracht, von welchem Lobgesange dann der ganze, weite Tempel majestätisch widerhallt.
[NS.01_019,10] Ihr müßt euch den Ton einer Harfe nicht etwa also vorstellen, wie eben ein solch ähnliches Instrument auf eurer Erde klingt; sondern der Ton einer solchen Harfe ist so überaus rein und aller Steigerung von der größten Schwäche bis zur größten Stärke in einem solchen Grade fähig, daß ihr euch auf eurem Erdkörper durchaus keine Vorstellung machen könnt. Was die Stärke desselben betrifft, so ist die hellste Glocke bei euch nur ein Pianissimo dagegen. Was aber eines solchen Tones größtmöglichste Schwäche betrifft, so könnt ihr wieder auf keinem eurer Instrumente solche wahrhaft geisterhaft leise Töne hervorbringen, welche da aus einer solchen Harfe hervorgebracht werden können. Dazu ist auch der Ton bei einer Harfe von euch nur ein kurz andauernder, während der einmal angeschlagene Ton einer solchen Sonnenharfe so lange fortklingt, bis ihm der Musiker Einhalt tut. Und so ist eine solche Harfe auch aller Tonverschiedenheit fähig, so zwar, daß eine solche Harfe auf der Erde gar wohl imstande wäre, ein zehnfaches, wohlbesetztes Orchester zu ersetzen. Wenn ihr nun dieses ein wenig beachtet, so könnt ihr euch schon von einem solchen Konzert in der Sonne einen kleinen Begriff machen.
[NS.01_019,11] Zu diesem Zweck ist eigentlich auch dieser Haupt-Mittelrundbau des Tempels errichtet. Er ist das eigentliche Bethaus eines solchen Tempels, wo nichts anderes verrichtet werden darf, als nur was zum einstimmigen Lobe des großen Gottes bestimmt ist.
[NS.01_019,12] Nur die alleinigen Willensübungen werden, wie schon früher erwähnt wurde, auf den verschiedenen Höhenstufen dieser Säule vorgenommen; aber auch nur darum in diesem Bethause, damit sich der Wille eines jeden Menschen desto mehr einigen solle mit dem Willen des großen Gottes. Dazu gehören auch diejenigen vorerwähnten Übungen, durch welche die Sonnenmenschen von jeder Höhe ohne Schwindel gleichgültig in die Tiefe hinabzublicken imstande sein sollen und auch wirklich werden.
[NS.01_019,13] Eine solche Übung wäre auch auf der Erde gar nicht schlecht, wo die Menschen vorzüglich an Schwindel leiden; denn wenn ein Mensch nur ein bißchen höher steht als ein anderer, so graut es ihm schon auf ihn hinabzublicken, – und je höher einer zu stehen kommt, desto unerträglicher wird sein Hoheitsschwindel, welcher manchmal, und das eben nicht gar zu selten, so arg ausartet, daß mancher hochstehende Adelige sich eher möchte mit zehn Kanonen auf einmal totschießen lassen, als nur einmal einen solchen werktätigen Blick hinab in die Tiefe zu machen und sich dort in der einfachen Jacke eines Landmannes zu erblicken. Ist hier etwa zuviel gesagt? – O nein! Seht nur hin auf die Adeligen; ist es ihnen nicht viel lieber, so ihre Söhne auf dem Schlachtfelde vom Feinde in tausend Stücke zerrissen und zerhauen werden, als wenn da ein solcher adeliger Sohn zu seinen hochadeligen Eltern sagen möchte: Ich will lieber ein Bauer werden, als mich auf offenem Schlachtfeld als ein Feldherr vom Feinde erschießen lassen.
[NS.01_019,14] Sehet, um in dieser Hinsicht die Menschen schwindelfest zu machen, wäre eine solche Säulenbesteigungs-Schule im Ernste überaus wohl anzuempfehlen. Allein die Menschen der Erde gefallen sich noch zu sehr in dieser verderblichsten Krankheit. Daher kehren wir nur wieder dahin zurück, wo für die Hintanhaltung einer solchen Krankheit naturmäßig und geistig auf das tätigste gesorgt wird.
[NS.01_019,15] Daß eine solche Hauptrundung eines solchen Tempels für eure Begriffe nur zu erhaben schön und prachtvoll aussieht, braucht kaum noch einmal erwähnt zu werden. Wer nur ein wenig seine Phantasie zu erwecken imstande ist, der wird sich auch gar bald einen kleinen Begriff davon machen können. Einen vollkommenen Begriff aber wird sich ein jeder erst dann machen können, wenn er solche Wunder mit eigenen, verklärten Augen ansehen und auch mit eigenen, feineren Ohren des Geistes die Musik der Himmel mit anhören wird.
[NS.01_019,16] Was aber die übrigen Teile des Tempels betrifft, so gehören sie teils zum verschiedenartigen Unterricht, teils aber auch zur Wohnung sowohl für die Schüler wie für die Lehrer; und es gehört ein Flügel für das männliche und ein Flügel für das weibliche Geschlecht, welche zwei Geschlechter im Tempel, außer in der Rundung, nie zusammenkommen, wohl aber außerhalb des Tempels bei oftmaligen Lustwandlungen in der freien Sonnenluft und bei nicht seltenen Besteigungen höherer Gebirgsgegenden.
[NS.01_019,17] Das wäre sonach das ganze Äußere und Innere des Tempels. Was aber die Grundumgebung eines solchen Tempels betrifft, so ist sie gleich geordnet wie die Grundumgebung eines jeden andern Wohnhauses, nur ist der Grund in dem Verhältnis größer, in welchem die beständige Menschenmenge eines solchen Tempels größer ist als die eines jeden andern Wohnhauses.
[NS.01_019,18] Wenn sonach in einem Tempel manchmal bei zehntausend Menschen wohnen, so mißt auch der Grund um denselben ebensoviele halbe Joche nach eurem Maß. Doch sind die verschiedenen Äcker durch viel breitere Straßen zur Lustwandlung voneinander getrennt, – und die Fruchtbäume sind um den Tempelhügel erst in einer solchen Niederung gezogen, daß durch sie die Aussicht des Tempels nicht im geringsten behindert wird.
[NS.01_019,19] Aus diesem Grunde befindet sich dann außerhalb des Tempels eine weite Ebene, auf welcher nichts als ein üppiger Graswuchs von lebhafter, nahezu dunkelgrüner Farbe gezogen wird.
[NS.01_019,20] Die äußere Umfassung dieser Ebene besteht aus lauter Springbrunnensäulen, durch deren hervorsprudelndes Wasser sowohl die Ebene um den Tempel wie auch der darauffolgende, nach allen Seiten abhängende Grund erfrischt wird.
[NS.01_019,21] Sehet, das ist ein Tempel der ersten Art. Nächstens wollen wir noch die zwei folgenden betrachten. Und daher lassen wir es für heute wieder gut sein!
20. Kapitel – Ein Tempel höherer Art.
[NS.01_020,01] Was den zweiten Tempel betrifft, so wird dieser auch von den Sonnenbewohnern gewöhnlich der große Tempel genannt. Warum dieser Tempel diesen Namen führt, werdet ihr in der Folge gar wohl erfahren.
[NS.01_020,02] Dieser Tempel ist zwar, was den Bau und die Vielheit der Säulen betrifft, eben nicht viel vorzüglicher als der, den wir vorhin kennengelernt haben. Er dürfte hier und da vielleicht wohl um tausend, auch manchmal bis zweitausend Säulen stärker sein als der frühere. Allein dieser Zusatz genügt nicht dem Beinamen: der große Tempel.
[NS.01_020,03] Hat er auch wirklich mehr Säulen, so sind aber fürs erste diese Säulen enger aneinandergereiht und auch nicht so hoch, – wodurch dann auch der Raum, den ein solcher Tempel einnimmt, um nicht viel größer ist als derjenige des vorigen Tempels. Auch sind die Dächer bei weitem nicht so hoch.
[NS.01_020,04] Es fragt sich demnach, warum dieser Tempel „der große“ genannt wird? – Weil in diesem Tempel durchaus kein anderer Dienst mehr gelehrt wird als allein der Dienst des großen Gottes! Das ist also die Ursache, warum dieser Tempel „der große“ genannt wird.
[NS.01_020,05] Was seine innere Einrichtung und auch seine äußere Umgebung betrifft, so ist diese bis auf die willkürlichen Verzierungen ganz gleich dem, was wir in- und außerhalb des vorigen Tempels kennengelernt haben. Nur das Orchester ist in diesem Tempel noch viel großartiger und besteht aus der doppelten Zahl Harfen des vorigen Tempels. Auch die Zahl der Sänger ist größer als die des vorigen Tempels; welches aber daraus sehr leicht zu begreifen ist, weil einen solchen Tempel oft vier-, fünf-, sechs- bis siebenmal soviel Schüler bewohnen als den vorigen.
[NS.01_020,06] Denn in einem solchen Tempel kommen die Menschen eben auch oft von vier bis sieben Tempeln der vorigen Gattung zusammen, um da den allerhöchsten Unterricht zum Dienst des großen Gottes zu empfangen. Aus diesem Grunde aber sieht es dann in einem solchen Tempel wie in seinen weiten Umgebungen äußerst lebhaft aus.
[NS.01_020,07] Wenn manchmal nicht alle Menschen in einem solchen Tempel untergebracht werden können, so werden etwas tiefer, etwa an der Stelle, da sich durch die Gründe ein freier Lustwandelweg zieht, kleine Wohnhäuser von etwa zehn bis zwölf Säulen im Umfang errichtet, welche bis auf die Mittelwendeltreppe, welche daselbst mangelt, ganz so eingerichtet sind, wie die Wohnhäuser, welche wir schon kennengelernt haben.
[NS.01_020,08] Bei manchem Tempel dieser zweiten Art gibt es nicht selten einige Hunderte solcher kleinerer Wohnungen. Eine jede solche Wohnung hat dann auch einen eigenen Amtmann, welcher unter den Amtsleuten und somit auch unter dem Hauptlehrer dieses Tempels steht. Er hat für nichts anderes zu sorgen, als für die Aufrechterhaltung der Ordnung.
[NS.01_020,09] Die Gründe um einen solchen Tempel sind auch in eben dem Maße größer und ausgedehnter als die des früheren.
[NS.01_020,10] Bei diesem Tempel befindet sich auch ein allgemeiner Zeitenwächter, und darum müssen sich alle Zeitenwächter eines solchen weitgedehnten Tempelbezirkes nach ihm richten. – Wo ist denn dieser Zeitenwächter gewisserart in der Nachbarschaft dieses Tempels logiert? – Sehet ungefähr tausend Klafter außerhalb des Tempels wird auf einem kegelförmigen Hügel ein überaus starker, manchmal über fünfhundert Klafter hoher Baum gezogen. Allda wird von seiner Höhe ein Pendel herabgelassen bis nahezu an den Fuß des Hügels; denn auf der Pendelseite wird ein solcher Hügel steiler gemacht, als er sonst von Natur aus wäre. Dieses Pendel wird dann durch drei Männer in Bewegung gesetzt und braucht zu einer Schwingung nahe dreißig Minuten nach eurer Rechnung.
[NS.01_020,11] Nach diesem Pendel müssen dann alle andern eingerichtet werden. Wenn sie auch eben nicht so groß sind und darum dieselben langsamen Schwingungen nicht nachmachen können, so müssen aber ihre Schwingungen dennoch also eingeteilt sein, daß entweder zwei oder vier Schwingungen genau den Zeitraum ausfüllen, welchen da bei diesem Hauptpendel eine Schwingung ausfüllt.
[NS.01_020,12] Aus dem Grunde gibt es auch selbst in den kleineren Wohnhäusern um diesen Tempel sogenannte kleine Handpendel, nach deren schnelleren Schwingungen die Hauptschwingungen des großen Pendels bemessen werden.
[NS.01_020,13] Wie verkündet aber das Hauptpendel seine Schwingungen wohlvernehmlich einer ganzen Umgebung? – Dazu sind noch eigene Amtsleute angestellt, welche sich teilweise in diesem Dienste ablösen, und zwar von hundert zu hundert Schwingungen. Solche Amtsleute gibt es bei einem solchen Haupt-Chronometer allzeit hundert an der Zahl, von denen stets vier den Dienst verrichten müssen.
[NS.01_020,14] Diese Amtsleute oder Chronologen stehen bei den Sonnenbewohnern ungefähr in demselben Ansehen, wie bei euch die tiefsinnigsten Astronomen. Jedoch das ist für jetzt nicht der Zweck, darum sie hier angeführt werden, – sondern wie sie die Zeit der ganzen Umgegend verkünden. Sehet, auf vier Seiten des ziemlich weitgedehnten Hügels ist eine Art Glocke angebracht, welche zwar nicht also aussieht wie eine sogenannte Kirchenglocke bei euch, sondern in großer Form so wie bei euch die kleinen Uhrklangschalen.
[NS.01_020,15] Ein jeder Zeitverkünder ist mit einem Hammer versehen und schlägt mit jeder Pendelschwingung einmal auf die Glocke. Dadurch wird der ganzen Gegend weit und breit angezeigt, wann eine Schwingung um die andere erfolgt. Zuoberst des Hügels aber sind ebenfalls zwei Wächter logiert; diese zählen die Schwingungen und geben die Zahl der Schwingungen den Tempelwächtern durch gewisse Fernzeichen kund.
[NS.01_020,16] Daß auch die Pendelzahlverkünder sowie die Schwingungsandeuter sich ablösen, versteht sich von selbst. Und somit hätten wir auch diesen zweiten Tempel kennengelernt. – Der Unterschied besteht also nur in dem Zweck dieses Tempels und in der bei weitem größeren Anzahl seiner Schüler.
[NS.01_020,17] Es ist zwar schon bei einer früheren Gelegenheit bemerkt worden, daß Tempel dieser zweiten Art höher stehen als die der ersten; aus dem Grunde ist es hier kaum notwendig zu erwähnen, daß ein solcher Tempel auf einem noch viel höheren und umfangreicheren Berge steht, als der der ersten Art.
[NS.01_020,18] Wenn ihr einen solchen Tempel in der Sonne leiblich erschauen könntet oder euch selbst auf seiner weiten Rasenfläche befinden würdet, so könntet ihr die erhabene Pracht und die überaus wunderherrlichste Aussicht in die weiten Fernen nicht ertragen. Ich lasse darum auch sogar nicht zu, daß etwas solches jemandem im Traume vorkäme; denn schon der Traum hätte eine tödliche Wirkung. Denn wenn des Menschen Geist einer solchen Beschauung nähergerückt würde, so würde er sobald alle Fesseln seines Leibes zerreißen und dahin eilen, wo es ihm sicher besser zusagen würde als in seinem schwerfälligen Leibe. Aus eben dem Grunde zeige Ich euch auch hier solche Pracht nur wie im Vorbeigehen an; denn möchte Ich euch solches vollkommener auch nur durch bloße Worte auseinandersetzen und es dadurch eurer Phantasie zur enthüllteren Anschauung darstellen, so könntet ihr solches durchaus nicht zu Papier bringen; denn euer Geist würde dabei also gänzlich in sich gehen, daß er völlig vergessen würde, seinen Leib zur Tätigkeit zu beleben.
[NS.01_020,19] Aus eben diesem Grunde sage Ich euch auch nichts von dem Unterricht, welcher allda zu Meinem Dienste gehalten wird. Denn fürs erste würdet ihr die hohe Weise in dem Zustand, in dem ihr euch befindet, durchaus nicht fassen. Würdet ihr es aber auch fassen, so könntet ihr fürs zweite im Augenblick des Erfassens das irdische Leben nicht mehr fortbehalten; denn wenn ihr nur ein Wort aus Meinem Munde in diesem hohen Sinne völlig erschauen könntet, so würde euch im Augenblick eure ganze Natur samt aller Welt als ein allerfinsterster Scheusalsklumpen vorkommen, – besonders was da betrifft ein Wort des Vaters oder der ewigen Liebe.
[NS.01_020,20] Damit ihr euch aber dennoch ganz leise nur überzeugen könnet, was es da ist für ein Ding um ein Wort des Vaters, so sage Ich euch bei dieser Gelegenheit nur so viel, daß zum Beispiel das Wort Liebe in Beziehung auf Mich bei diesen Sonnenbewohnern, wann es ausgesprochen wird, eine solch unbeschreibliche Wonne hervorbringt, daß sie darob längere Zeit keine Nahrung zu sich nehmen. Ja es wird durch Posaunenschall von der obersten Höhe, woselbst sich der letzte Tempel befindet, einer weiten Umgegend bekanntgemacht, daß in kurz darauffolgender Zeit, von etwa einem Jahr nach eurer Rechnung, dieses Wort in Beziehung auf Gott ausgesprochen wird. Schon beim ersten Posaunenschalle fallen alle Sonnenbewohner dieses Gürtels auf ihre Angesichter zur Erde nieder und getrauen sich vor Hochachtung dessen, was da kommen wird, kaum zu atmen und beben gewisserart vor überfreudiger Furcht.
[NS.01_020,21] Wenn aber erst die Zeit naht, in welcher der oberste Lehrer und Priester herabkommt in diesen zweiten Tempel, um allda auszusprechen: – „Gott ist die Liebe!“ –, so wird jeder Mensch also ergriffen, daß er dahinsinkt, als wenn er gestorben wäre. Ja durch dieses Wort geraten gewisserart, nach euren Begriffen genommen, alle diese Menschen in eine Art allerhöchsten somnambulen Zustandes und genießen in diesem Zustande die Wonne der Engel. Wenn sie sich aber wieder erholen, da eilen sie sobald aus dem Tempel und fallen vor demselben auf ihre Angesichter nieder und danken und loben und preisen den großen Gott für solche für sie allerhöchste Gnade, daß Er sie durch Seinen Oberpriester für würdig erachtet hat, sie dieses allerhöchste Wort alles Wortes wieder einmal hören zu lassen. Und eine geraume Zeit nachher getraut sich niemand die Schwelle des Tempels zu betreten. Wenn aber der Tempel wieder betreten wird, so geschieht es allzeit mit einem allerdemütigst feierlichen Einzug.
[NS.01_020,22] Aus dem Gesagten könnet ihr euch schon einen Begriff machen, welcher Art und von welcher Wirkung dieses Tempels Lehrweise ist. Daraus aber könnt ihr euch zur Belebung eures großen Stumpfsinnes auch ein kleines Notabene nehmen, und betrachten, in welcher Achtung Ich dagegen bei euch stehe, allda Ich nicht nur Mein Wort durch gewisse Lehrer und Priester habe verkünden lassen, sondern allda Ich, der Vater, als die allerhöchste Liebe, Selbst wesenhaft in aller Meiner göttlichen Fülle unter euch gewandelt und euch mit eigenem Munde die Worte des ewigen Lebens gelehrt habe. Und dennoch mögen die Menschen um eine Handvoll Erde Meiner vergessen, und Mich viel geringer achten als alles andere, was sie umgibt. Denn wenn es nicht also wäre, wie könnte da so mancher den ganzen Tag hin mit aller seiner Anstrengung fürs Zeitliche sorgen und Mir dabei in einem Tage kaum eine erbärmliche Viertelstunde widmen!?
[NS.01_020,23] Wahrlich Ich sage euch: Hätte Ich solches in der Sonne getan, was Ich auf der Erde tat, ihr Freudenlicht hätte die ganze Unendlichkeit gefangengenommen! Aber die Kinder der Erde, die Ich zu Kindern Meines Herzens gemacht habe, diese können den Vater fliehen und verachten!
[NS.01_020,24] O so lernet es denn von der Sonne, wenn ihr es auf der Erde nicht lernen könnt, wer da ist Derjenige, der aus unendlicher Liebe für euch sogar am harten Kreuze bluten wollte! – Erkennet doch einmal, daß der Vater die Liebe ist!
21. Kapitel – Die dritte, höchste Tempelart. – Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes und des Kreuzes. – Weihung zum Oberpriesterstande.
[NS.01_021,01] Nachdem wir die zweite Art der Tempel auch kennengelernt haben, wollen wir uns denn auf eine bedeutende Höhe erheben, welche nicht selten eine Gegend von mehreren tausend Quadratmeilen beherrscht, und wollen daselbst noch die dritte Art Tempel kennenlernen.
[NS.01_021,02] Diese dritte Art der Tempel wird gewöhnlich auf dem höchsten Punkt einer Gegend errichtet und hat gewöhnlich fünf bis sieben Tempel der zweiten Art unter sich.
[NS.01_021,03] Was die Bauart dieses Tempels betrifft, so ist er kaum viermal so groß wie ein gewöhnliches Wohnhaus und ist bei weitem nicht so hoch, wie da die Tempel der ersten, wie auch der zweiten Art sind. Ja hier und da werden manche angetroffen, die nicht viel höher sind als ein gewöhnliches Wohnhaus.
[NS.01_021,04] Dieser Tempel hat auch nicht die Form eines Schiffes, sondern ist allzeit vollkommen rund. Das Dach ist nicht spitz, sondern mehr stumpf pyramidenartig. Dessenungeachtet aber ist es dennoch von bedeutender Höhe. Um das Dach herum ist eine Zinne gezogen, welche mit einem guten Geländer versehen ist. Auf dieser Zinne wird herumgegangen und mittels der Posaunen so manches an die umliegenden Tempel der zweiten Art verkündet.
[NS.01_021,05] Was das Innere des Tempels betrifft, so ist alles das so eingerichtet, wie in einem gewöhnlichen Wohnhause; nur ist statt der in der Mitte eines Wohnhauses befindlichen Schneckenwendeltreppe hier ebenfalls eine glatte, weiße Säule gestellt, welche in fast gleicher Dicke und runder Form ganz zum höchsten Dachpunkte reicht und somit das Dach auch trägt. Diese Säule aber ist dann wohl umfangen mit einer Wendeltreppe, von welcher inwendig in gleicher Höhe mit der äußeren Dachzinne zwei sich durchkreuzende Gänge von eben der Säule durch eine Dachöffnung auf die äußere Zinne des Daches führen. Daselbst aber im Innern des Tempels, wo sich die vier Gänge, oder eigentlich die sich durchkreuzenden zwei Gänge, durch einen ziemlich geräumigen Rundgang um die Säule vereinigen, geht dann die Schneckenwendeltreppe um die Säule ganz bis unter die Dachung hinauf. Alles dieses hier ist ganz einfach und ohne alle Verzierung und hat beinahe das Aussehen, als wenn solches alles von glatt gehobelten Brettern zusammengefügt wäre.
[NS.01_021,06] Auf dem Quergang befinden sich keine Harfen mehr; sondern das ganze Musikwesen besteht hier in vier überaus starkschallenden Posaunen, deren Ton so stark ist, daß er zufolge der reinen Sonnenluft manchmal bei tausend Meilen weit vernommen werden kann.
[NS.01_021,07] Der Fußboden in diesem Tempel ist wie von Bretterdielen. Und die Ruhebänke an den Säulen sehen also aus, wie bei euch die sogenannten hölzernen Sitzbänke, wie ihr sie da manchmal in euren Gärten habt. Nur die Säulen sehen weiß aus, aber dennoch ebenfalls so, als wenn sie von einer weißen Holzgattung verfertigt wären.
[NS.01_021,08] Kurz gesagt, hier ist von aller äußeren Pracht nichts zu entdecken.
[NS.01_021,09] Um den Tempel herum stehen manchmal etwa zwanzig bis dreißig kleine, hölzerne Hütten, die durchaus nicht auf Säulen ruhen, sondern eine fast ganz ähnliche Gestalt haben wie die Alpenhütten auf eurer Erde, nur sind die Dachungen höher gezogen. – Eine solche Hütte steht allzeit knapp an dem Tempel, und das ist die Wohnung des obersten Priesters. Die andern Hütten aber werden teils von seiner Familie und teils von den Amtsleuten und einigen wenigen Schülern bewohnt. Denn dieses Tempels Schule brauchen nur diejenigen durchzumachen, welche sich mit der Zeit selbst für die obersten Lehrer und Amtsleute der unteren Tempel wie auch zum Dienste dieses obersten Tempels weihen lassen wollen.
[NS.01_021,10] Was wird denn in diesem Tempel alles gelehrt? – Sehet, das ist ein Tempel der tiefsten Geheimnisse, in welche nur wenige eingeweiht werden. Worin aber bestehen diese? – Diese Geheimnisse bestehen darin, daß die Menschen daselbst zur Kenntnis gelangen, daß Gott ein Mensch ist, und wie in diesem Menschen die allerhöchste Liebe wohnt, welche alles, was da ist, aus eigener Kraft erschaffen hat.
[NS.01_021,11] Was wird hier noch gelehrt? – Hier wird auch alles Allergeheimste und Allergrößte gelehrt, – wie da Gott, als die reinste Liebe, auf einem Planeten, Erde genannt (in der Sonne hat aber dieser Planet den Namen Pjur), vollkommen ein Mensch schweren und sogar todfähigen Leibes geworden ist und daselbst in der größten Dürftigkeit lebte, obschon alle Himmel Sein Eigentum sind, und Sich zum Zeichen Seiner unendlichen Liebe und unbegreiflichen Demut sogar an ein Kreuz heften und töten ließ.
[NS.01_021,12] Und es wird ferner dazugesetzt, daß solches gerade zu der Zeit geschehen sei, in welcher es, wie alle Sonnenbewohner gar wohl wissen, auf ihrer Welt vollkommen finster geworden war, welche Finsternis bei zwölf einfache, große Schwingungen angedauert hatte. Denn ihr müßt wissen, daß die Menschen in der Sonne hier und da ein hohes Alter erreichen, und so gibt es noch heutzutage, besonders im Oberpriesterstande mehrere, welche da Zeugen dieser Erscheinung in der Sonne waren.
[NS.01_021,13] Merkwürdig für euch wäre daselbst ein auf einem Hügel gegenüber dem Tempel befindliches Kreuz. Allda sieht es geradeso aus, wie bei euch auf der Erde auf irgendeinem gutgestalteten Berge Kalvari. Dieser Berg Kalvari der Sonne aber ist dennoch also von einem Kranze hochgezogener Baumstämme umfangen, daß vom selben von außen her nirgends etwas zu erblicken ist, außer so jemand durch ein enges Pförtlein von dem obersten Priester allda eingeführt wird. Diese Einführung aber geschieht nur dann, so jemand zu einem Oberlehrer des zweiten Tempels geweiht wird.
[NS.01_021,14] Diese Einführung ist aber nicht mit so geringen Schwierigkeiten verbunden, wie ihr es meint; sondern wer da eingeführt werden will, der muß zuvor große Proben seiner Treue ablegen. Wenn er aber schon durch das enge Pförtlein gekommen ist, so ist er noch bei weitem nicht an Ort und Stelle und sieht vom Berge Kalvari so viel wie nichts.
[NS.01_021,15] Denn gleich hinter der hohen Baumwand, welche daselbst nicht selten eine Höhe von zweitausend Klaftern hat, ist ein den ganzen Berg Kalvari umflutender bei zweihundert Klafter breiter Teich gezogen, welcher von ungleicher Tiefe ist. Wer über diesen Teich kommen will, der muß die Wege gar wohl kennen, welche das Wasser allenthalben deckt. Denn unter dem Wasser sind die Wege also gezogen, daß es nur einen Hauptweg gibt, von welchem aber eine Menge Wege als irreleitende Stege führen. Wer alsdann den Zug des Hauptweges nicht kennt, der kommt auf einem solchen Irrweg wieder zurück, allda er seinen Fuß ins Wasser gesetzt hat. Daher muß ein jeder den Weg mit seinen Füßen wohl prüfen können, ob er ein sehr schmaler oder ein mehr breiter ist. Nur auf dem schmalsten kann man auf das jenseitige Ufer gelangen, auf jedem anderen aber gelangt man wieder ans vorige Ufer zurück, – nahe so, daß da jeder glaubt, er habe den rechten Weg gefunden; allein auf einmal biegen sie wieder um und führen einen in den verschiedenartigsten Krümmungen dennoch wieder zurück.
[NS.01_021,16] Daher ist das Hinüberkommen über diesen Teich nicht so leicht, als jemand glauben möchte. Hat aber jemand diese Schwierigkeit glücklich besiegt, so wartet seiner eine noch größere. Nämlich etwa siebzig Klafter oberhalb des bedeutenden Rundteiches führt ein gewaltig verschlungener Weg durch ein sogenanntes Feuergebüsch. Dieses Feuergebüsch sieht dort so aus wie bei euch auf der Erde ungefähr ein brennender Wald; nur steigt das Gebüsch viel höher über den Erdboden der Sonne als bei euch die allerhöchsten Bäume. Dieses Feuergebüsch hat ebenfalls wieder eine Breite von etwa zweihundert Klaftern und umzingelt den ganzen Hügel, welcher allda freilich eine noch bei weitem größere und weitgedehntere Umfassung hat als auf eurer Erde eine der größten Alpen.
[NS.01_021,17] Hier ist es sehr schwer, auf den rechten Weg zu treffen. Wer auch da nicht den schmalsten trifft, – der macht einen vergeblichen Versuch; denn er kommt nicht durch. Es treffen zwar wohl mehrere gar bald den schmalsten Pfad; aber da scheuen sie die sich öfter berührenden Flammen innerhalb dieses schmalen Pfades, und daher probieren sie einen andern, wo weniger von den Flammen zu sehen ist. Solches aber ist eine vergebliche Mühe; denn wer da nicht einen kleinen Kampf mit den Flammen bestehen will, der kommt nicht an den Ort des größten Geheimnisses. Wer aber diesen Kampf nicht scheut, der gelangt auf dem kürzesten Wege wohlbehalten an Ort und Stelle und erschaut da im größten Liebelichte das Wunder der Kreuzigung!
[NS.01_021,18] Sehet, das ist auch zugleich die Einweihung zum Oberpriesterstande. – Einzelne Andeutungen finden sich zwar überall selbst in den Wohnhäusern vor, die da Beziehung haben auf die große Menschwerdung. Allein ganz vollkommen kommt dieses Geheimnis nur hier zur Anschauung.
[NS.01_021,19] Wie aber solches alles gestaltet ist, in welche Beziehungen es hier in der Sonne gestellt ist und welche weitere Bewandtnis es mit diesem Sonnenberg Kalvari noch hat, solches werden wir in einer nächsten Mitteilung vernehmen. Daher gut für heute!
22. Kapitel – Der allerheiligste, sogenannte brennende Tempel. – Tiefere Einweihung in die Geheimnisse der Menschwerdung Gottes und der Gotteskindschaft. – Gott-Vater Selbst als Führer.
[NS.01_022,01] Wer da aus dem Feuergebüsch auf die freien Gründe des eigentlichen Bergkalvarihügels kommt, der wird alsobald von einem geheimen Weisen, welcher fortwährend solche Stelle bewohnt, empfangen und wird in dessen Wohnhaus, welches ebenfalls ganz einfach ist, eingeführt. Allda wird er bewirtet und dann von dem Weisen in einen etwas oberhalb dessen Wohnung befindlichen kleinen Tempel geführt.
[NS.01_022,02] Allda erschaut er bald eine plastische Gruppe aufgestellt, durch welche das letzte Abendmahl dargestellt wird.
[NS.01_022,03] Von diesem Tempel hinaus wird er dann auf einen freien Platz geleitet; allda erschaut er eine Gruppe, welche Christum darstellt mit Seinen Aposteln im Garten Gethsemane auf dem Ölberge.
[NS.01_022,04] Von da etwas weiter wieder eine Gruppe, welche des Herrn Gefangennehmung darstellt. – Und so weiter kommt er spiralförmig um den Hügel herum von einer Gruppe zur andern, durch welche die verschiedenen Leidensmomente des Herrn dargestellt werden, und das allzeit auf die sinnvollste Weise.
[NS.01_022,05] Endlich zuoberst des Hügels befindet sich ganz freistehend ein großes Kreuz, auf welchem die Gestalt des Herrn in irdisch-menschlicher Form angeheftet ist, – an dessen beiden Seiten aber auf bei weitem kleineren und niedereren Kreuzen die bekannten zwei Schächer zu erschauen sind.
[NS.01_022,06] Hat der Gast solches alles hinreichend mit der allertiefsten Andacht seines Herzens betrachtet, sodann geleitet ihn der Weise von diesem Hügel etwas abwärts zu einem kleinen Tempel. Allda ist innerhalb dieses Tempels das Grab zu ersehen.
[NS.01_022,07] Endlich aber zeigt ihm der Führer ganz nahe an dem brennenden Gestrüpp noch einen etwas größeren Tempel, welcher immerwährend in den hellsten Flammen brennt; und die Flammen sind, besonders wenn man sich ihnen mehr und mehr nähert, von einer so eindringlichen Lichtstrahlung, daß diese selbst dem überaus lichtgewohnten Auge eines Sonnenbewohners unerträglich wird. Darum nimmt auch der Führer zu dem Behufe schon allezeit einen zweckmäßigen Schleier oder vielmehr eine Augendecke mit sich, durch welche der Gast dann das überaus starke Licht der Flammen dieses Tempels ertragen kann. So hell aber auch diese Flammen sind, so brennen sie doch niemanden, der in ihre Nähe kommt (es versteht sich von selbst: würdigerweise!), sondern umfächeln ihn sanft kühlend nur wie ein lauer West.
[NS.01_022,08] Der Gast wird dann von dem Führer in diesen brennenden Tempel eingeführt. Allda in der Mitte des Tempels erblickt er dann einen kleinen Altar, das heißt, eine säulentischförmige Erhöhung vom Boden, auf welchem Altare die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments, und zwar in althebräischer Sprache geschrieben, sich befindet.
[NS.01_022,09] Hier fragt jeder Gast den Führer, was dieses bedeute? – Und der Führer sagt ihm nichts anderes, als daß das ein Buch ist, in welchem durch eigene Zeichen das Wort Gottes, alle Seine Führungen des gesamten Menschengeschlechtes wie auch die Führung der ganzen Unendlichkeit, zufolge innerer Bedeutung aufgezeichnet ist.
[NS.01_022,10] Darauf fragt der Gast, ob man solche Zeichen hier wohl lesen könne oder dürfe? – Und der Führer sagt ihm: „Wer hierher kommt, ist verpflichtet, solches alles zu erkennen; denn dieses ist der eigentliche Grund, warum jemand dahin gelangt.“
[NS.01_022,11] Und weiter spricht der Führer: „Siehe, da du deinen Willen schon also mächtig gemacht hast, daß demselben der Erdboden der Sonne gehorsam ist, so wisse denn, daß einem gerechten Willen auch diese Zeichen gehorchen und sich zu erkennen geben nach dem aufrichtigen und gerechten Willen dessen, der sie erkennen möchte und erkennen will.“
[NS.01_022,12] Darauf beheißt der Führer den Gast, daß er das Buch anrühren solle. Und sowie dann der Gast das Buch anrührt, wird er alsbald von einem Feuer durchströmt, nach welcher Durchströmung der Gast dann auch die Zeichen recht wohl zu lesen versteht. – Wann der Gast dann das Buch zu lesen anfängt, so wird er von der allerhöchsten Bewunderung ergriffen und hält in diesem Augenblick niemanden für glücklicher und seliger als eben sich selbst, indem er jetzt zum ersten Male Worte vernimmt, welche unmittelbar aus dem Munde Gottes geflossen sind, und erschaut dadurch auch die wunderbar liebevollsten Führungen des großen Gottes.
[NS.01_022,13] Am meisten durchdrungen und ergriffen aber wird ein jeder solcher Gast, wenn er in das Neue Testament kommt. Denn durch dieses wird ihm auch der ganze Berg Kalvari aufgeschlossen, und er weiß sich dann gewöhnlich vor lauter Lob, Dank und Preis nicht zu helfen und kann auch nicht begreifen, wie es nur hat möglich sein können, daß der große Gott solches über Sich hat kommen lassen mögen.
[NS.01_022,14] Alsdann erst wird ihm von dem Führer die große Liebe in Gott gezeigt und wird ihm gesagt, daß eben durch diese Handlung die Menschen, besonders jene, welche auf dieser Erde wohnen, das wirkliche Kinderrecht überkommen haben, – wodurch dann jeder sogar pflichtmäßig gebunden ist, den großen Gott als den liebevollsten Vater zu erkennen und Ihn dann auch also anzurufen.
[NS.01_022,15] Sodann wird der Führer wieder vom Gaste befragt, ob denn die Menschen der Sonne nie zu solch einem unaussprechlichen Glück gelangen werden? – Und der Führer gibt ihm dann zur Antwort: „Nicht nur die Menschen der Sonne, sondern alle Menschen, welche da bewohnen alle Sonnen und alle Planeten der ganzen Unendlichkeit, haben dadurch ein geheimes Recht auf dieses unermeßliche Glück. Aber auf keinem andern Wege können sie zu diesem Glück gelangen, als allein auf dem Weg der tiefsten Demut und, aus dieser heraus, auf dem Weg der vollkommensten Liebe ihres ganzen Wesens zu Gott!“
[NS.01_022,16] Nach solcher Durchlesung und Belehrung kehren dann die beiden wieder aus dem Tempel zurück und begeben sich von da wieder in die Wohnung des weisen Führers, allwo dieser dem Gaste erst über alles die gehörige Aufklärung gibt, welches nach eurer Rechnung gewöhnlich einen Zeitraum von drei Erdjahren dauert. Es versteht sich von selbst, daß da während dieser Zeit noch öftere Ausflüge gemacht werden auf alle die vorbenannten Punkte.
[NS.01_022,17] Am Ende solchen Unterrichts erst gibt der Führer dem Gaste kund, daß zuoberst dieses Weltkörpers, den sie bewohnen, auf der vollkommenen Lichtregion, sich noch eine viel vollkommenere Welt vorfindet, auf welcher alle Sonnenbewohner den vollkommenen Unterricht über die Menschwerdung des Herrn im Geiste empfangen werden; und sie können dann, so sie es wollen, auch zu wirklichen Kindern Gottes aufgenommen werden, wenn sie sich allda bis auf das letzte Atom ihres Seins also zu demütigen imstande sind, daß sie als Bewohner einer vollkommenen Welt aus dem Grunde heraus die letzten und untersten Diener derjenigen Kinder Gottes sein wollen, welche Er Selbst als Mensch auf dem Planeten Erde oder Pjur zu Seinen Kindern gemacht und angenommen hat.
[NS.01_022,18] „Denn“, sagt ferner der Führer, „wir Bewohner der Sonne leben in großer Vollkommenheit und sind zufolge unseres Willens vollkommene Herren unserer Welt; daher wird es uns allzeit schwer gehen, so wir uns nun zu denjenigen setzen müssen, die durch ihren Willen nicht einmal einen Grashalm ihrer Erde zu entlocken imstande sind. Doch, wie du, mein lieber Gast, aus all dem Geschauten hast entnehmen können, hat der große Herr des Himmels und aller Welten nicht an dem Großen und Starken, sondern an dem Kleinen und Schwachen Sein Wohlgefallen, so zwar, daß Er unmündigen Kindern und ganz einfältigen Menschen größere Dinge offenbart als den allertiefsinnigsten Engelsgeistern. Da bleibt demnach uns Sonnenbewohnern nichts anderes übrig, so wir auch zur Kindschaft gelangen wollen, als alle unsere Sonnengröße, Macht und Kraft freiwillig dem großen Gott zu Füßen zu legen und uns allerwilligst und liebreichst sogar unter den Stand derjenigen zu begeben, die Er liebhat. Seine Liebe erstreckt sich zwar über alle Menschenwesen in der ganzen Unendlichkeit. Aber, verstehe solches wohl: Nur Seine Kinder werden dereinst ewig mit Ihm unter einem Dache wohnen. – Daher suche du auch fortan der Kleinste und der Geringste zu sein, und sei ein Diener aller Menschen, mit denen du je in Berührung kommen wirst, so wirst du die Aufmerksamkeit des ewigen Vaters zu dir lenken; und diese Aufmerksamkeit ist der erste Funke, durch den du ein neues Leben überkommen wirst, ein Leben zum Kinde des großen Vaters!“
[NS.01_022,19] Nach dem nimmt der Führer wieder den Gast und führt ihn noch einmal außerhalb des Tempels, zeigt hinauf auf das Kreuz und sagt dann zu ihm: „Siehe, mein lieber Bruder, das ist der Weg zu Ihm! Willst du als Kind zum Vater gelangen, so mußt du diesen Weg des Kreuzes erwählen!
[NS.01_022,20] „Die wahre Demut des Herzens aber ist dieser Weg; denn die Kinder müssen Ihm ähnlich sein. Wie mag aber jemand die Kindschaft von Ihm überkommen, wenn er sich aus Liebe zu Ihm nicht also demütigen kann, wie es einem Kinde vor solch einem Vater gebührt, nachdem Sich doch der Vater Selbst aus Liebe zu Seinen Kindern schmerzlich an das Kreuz heften ließ, um dem Fleische nach sogar zu sterben für sie, damit dadurch niemand mehr den Tod in Ewigkeit fühlen und schmecken solle, der Ihn über alles liebt und durch seine Demut an diesem heiligen Kreuz teilgenommen hat, an welchem der große heilige Vater voll Liebe Seine allmächtigen Hände blutend für die ganze Unendlichkeit ausgestreckt hatte.
[NS.01_022,21] „Siehe, darum auch ist dieses überheilige Bild hier aufgestellt, damit auch wir erkennen sollen, daß Er auch für uns Seine Hände ausgestreckt hat. Auch uns will Er umfassen; aber wir müssen zuvor auf dem dir bezeichneten Wege des Kreuzes zu Ihm kommen. – Daher sehe noch einmal dieses heilige Zeichen an!“
[NS.01_022,22] Hier fällt der Gast allzeit von zu hoher Liebe und Ehrfurcht ergriffen zur Erde nieder und betet das große Geheimnis an!
[NS.01_022,23] Wenn er sich aber wieder von der Erde erhebt, siehe, da ist alles verschwunden auf diesem Berge bis auf die Wohnung des Führers und bis auf den Führer selbst. Dieser nimmt dann den Gast und führt ihn noch einmal auf die Höhe und fragt ihn allda, ob er dieses alles wohl in seinem Herzen aufgenommen habe, – welches der Gast mit jedem Atome seines Lebens bestätigt.
[NS.01_022,24] Sodann legt ihm der Führer seine Hände auf und spricht zu ihm: „Was du hier gesehen und vernommen hast, behalte einstweilen in deinem Herzen bis zur Zeit, da es dem Vater wohlgefallen wird, solches allen Menschen dieser Welt kundzutun, – entweder schon hier denen, die nach Ihm ein großes Verlangen haben, oder aber desto sicherer und bestimmter jenseits im Geiste allen, die eines gerechten und vollkommenen Willens sind.
[NS.01_022,25] „Du aber erkenne jetzt deinen Führer! Denn siehe, – Ich bin der Vater!!! – Doch solches sage niemandem, – wer da der Führer ist!“ –
[NS.01_022,26] Darauf verschwindet der Führer. Nur die Wohnung desselben bleibt. Der Gast aber begibt sich dann in der höchsten Liebe und beständigen Anbetung wieder zur Wohnung des Führers zurück, wo ihn ein anderer, gewöhnlich hier wohnender Weiser, der ihn zuerst aufnahm, wieder aufnimmt und ihn sodann über das jetzt nicht mehr brennende Gebüsch bis zum Teiche geleitet, der bei diesem Rückwege wasserlos ist.
[NS.01_022,27] Sodann begibt sich dieser zweite Führer wieder zurück. Der Gast aber kehrt voll der erhabensten und liebedemütigsten Stimmung zum dritten Tempel zurück.
[NS.01_022,28] Es getraut sich sodann längere Zeit aus übergroßer Ehrfurcht kein Mensch mit ihm ein Wort zu wechseln, bis sie erst aus der Handlungsweise eines solchen Berg-Kalvari-Wallfahrers erkennen, daß er wirklich, wo es nur immer tunlich ist, allen die bereitwilligsten Dienste erweiset.
[NS.01_022,29] Sehet, das ist in der Sonne die höchste Ausbildung eines Lehrers. Und das ist auch für euch faßlich alles, was von dem Sonnenberg Kalvari noch zu sagen übrig war.
[NS.01_022,30] Nächstens wollen wir uns dann einige häusliche Verhaltungsregeln der Sonnenbewohner zur näheren Beschauung bringen. Und somit gut für heute!
23. Kapitel – Familienleben, Ehe und Zeugung auf dem Mittelgürtel.
[NS.01_023,01] So manches haben wir schon bei Gelegenheit der Darstellung der Wohnhäuser vernommen, was da im allgemeinen vorbesagte häusliche Verfassungen betrifft. Hier ist demnach vielmehr das Familienleben und der eigentliche Religions-Kultus darzustellen.
[NS.01_023,02] Wie wir schon gehört haben, so leben in der Sonne, namentlich auf diesem Gürtel, nie mehr als eigentlich nur eine Familie unter Vater und Mutter in einem Wohnhause. Denn sobald irgend Kinder herangewachsen und herangebildet sind, treten sie in den Stand ehelicher Verbindung. Und ist auf diese Weise ein Paar Eheleute wieder neu erstanden, so wird auch alsogleich Sorge getragen, daß sie einen eigen zugeteilten Grund und somit auch eine eigene Wohnung beziehen.
[NS.01_023,03] Gibt es denn in der Sonne keine sogenannten Dienstboten wie Knechte und Mägde? – Solches ist in der Sonne und namentlich auf diesem Gürtel durchaus nirgends der Fall, – denn die Obersten alles Ländertums dieses weiten Sonnengürtels wie auch alle Amtsleute sind gewisserart Diener des freien Landvolkes. Und selbst der alleroberste Priester steht dort als ein Diener auf der untersten Stufe; daher auch sein Tempel und seine Wohnungen von der allereinfachsten und wenigst prachtvollen Art sind. Dessenungeachtet aber genießen sie dennoch die höchste Achtung beim Volke. Und wenn ein solcher Oberpriester ein oder das andere Wohnhaus besucht, um demselben einen Dienst zu erweisen, wie auch einen oder den andern Tempel in gleicher Absicht, so wird er aber dennoch trotz aller seiner glanzlosen Einfachheit also empfangen, als wenn irgend ein Engel des Himmels dahin käme. Dieser Diener verlangt zwar nie von jemandem eine Aufmerksamkeit; im Gegenteil bittet er jedermann, ihn mit was immer für einer Auszeichnung zu verschonen, da er durchaus kein Herr, sondern im vollkommensten Sinne des Wortes und der Bedeutung ein Diener aller ist. Aber diese Entschuldigung tut der Sache durchaus keinen Eintrag, sondern begünstigt sie vielmehr.
[NS.01_023,04] Sehet, also ist es auch im Ernste in den Himmeln der Fall, wo auch die höchsten Engelsgeister die am allerwenigst ansehnlichen und so gestellt sind gegen andere, wie Dienende gegen ihre Herrschaften. Dessenungeachtet aber stehen sie dennoch in dem allerhöchsten Ansehen, welches ihnen aus Meiner Liebe und Meiner Weisheit in ihnen zukommt.
[NS.01_023,05] Was macht denn so ein Diener, wenn er in irgendeine Volkswohnung kommt? – Er wartet außerhalb der Wohnung, bis der Hausvater seiner ansichtig wird und dann voll Ehrerbietigkeit zu ihm hinauseilt und ihn in die Wohnung heimführt. Alsdann fragt ihn der oberste Priester, ob er nicht in irgendeiner Sache seines Dienstes bedarf? Und hat ihm da der Vater irgend etwas anvertraut, wo ihn allenfalls etwas beklemmt, sei es im Naturmäßigen oder im Geistigen, so bietet ihm der oberste Diener alsogleich seine Hände zum Dienste.
[NS.01_023,06] Aber kein Hausvater spricht darauf etwas anderes, als daß er sagt: „Erhabener Lehrer unseres ganzen, großen Landkreises! Nur ein Wort deiner Weisheit und dann deinen Brudersegen von oben in der Gnade des großen Gottes, und du hast uns gedient im allerliebevollsten Maße!“
[NS.01_023,07] Darauf belehrt sie dann auch dieser oberste Diener in allem, was ihnen not tut, segnet sie dann und entfernt sich wieder und besucht auf diese Weise ein anderes Haus, um ihm ebenfalls zu dienen. Und hat er in Begleitung einiger anderer Nebendiener einen ganzen Bezirk von Haus zu Haus und von Tempel zu Tempel durchleuchtet, so kehrt er wieder in seine höchste Tempelheimat zurück, wo er dann wieder allen, die da sind, ein bereitwilliger Diener und Knecht ist.
[NS.01_023,08] Wann jemand nur immer seines Dienstes bedarf, so braucht er nur entweder zu ihm zu kommen oder zu ihm zu schicken, und er wird an ihm allezeit den bereitwilligsten Diener finden. – Er hat keine Audienzstunden, und seine Tür ist auch nie verschlossen, oder seine Wohnung etwa durch Soldaten bewacht; sondern seine Wohnung ist allezeit für jedermann offen. Und, wie gesagt, wer immer da kommen mag, wann immer, der findet allezeit den ungehindertsten, freiesten Eintritt zu ihm.
[NS.01_023,09] Ihr werdet euch hier vielleicht denken, ein solcher Diener wird aber dabei sicher in einem sehr hohen Solde stehen? – Da muß Ich euch gleich sagen, daß solches in der Sonne durchaus nicht der Fall ist. Ein solcher Diener ist in weltlicher Hinsicht in der Sonne wirklich am schlechtesten daran. Denn fürs erste hat er auf seiner Gebirgshöhe gewöhnlich das kleinste und magerste Stück Landes zu eigen, welches für seine Person kaum ein halbes Joch beträgt. Und fürs zweite ist seine Wohnung auch die allerunansehnlichste, seine Kleidung die einfachste. Also sind auch die Früchte, die er dem Boden der Erde entlockt, bei weitem die einfachsten, prunklosesten und kümmerlichsten.
[NS.01_023,10] Ihr aber werdet etwa meinen, daß er vielleicht vom ganzen Kreise auf gewisse Sammlungen angewiesen ist? – O nein! Auch solches ist allda nicht der Fall. Denn so ihm auch jemand etwas geben möchte für einen oder den andern Dienst, so sagt er alsogleich: Höre, lieber Freund und Bruder, was du hast, das hat dir der Herr gegeben für dich und dein Haus. Was sollte ich dir denn das nehmen, was der Herr dir beschert hat? Oder kann ich dir dasjenige verkaufen, was mir der Herr gegeben hat? So ich es dir gegen ein Entgelt dargeben möchte, würde in diesem Falle nicht auch der Herr von mir ein Entgelt zu verlangen allerhöchst berechtigt sein? Welches Entgelt aber hätte ich da Demjenigen zu geben, dessen alles ist, was wir nur immer haben, sogar jeder Atemzug unserer Lunge!? Ich aber bin ja nur ein Diener im Hause des Herrn und muß Seine Gaben also ohne Entgelt hintangeben, wie ich sie ohne Entgelt empfangen habe.
[NS.01_023,11] Sehet, diese Hauptregel hält dann jeden Diener von irgendeiner Beschenkung und noch mehr von irgendeiner Sammlung fern; denn ein solcher Diener weiß es am allerbesten, daß er, in Meinem alleinigen Solde stehend, am allerbesten daran ist.
[NS.01_023,12] Die größte Belohnung, die er für alle seine Dienste auf der Sonne hat, besteht in dem, daß er, solange er als Oberdiener lebt, zu öfteren Malen, etwa nach eurer Rechnung von Jahr zu Jahr, den euch schon bekannten Kalvarienberg besuchen kann, und daß er auch bei außerordentlichen Gelegenheiten von einem oder dem andern Engel des Himmels besucht wird, um von ihm bei groß drohenden Gefahren schützende Verhaltungsregeln für seinen ganzen Kreis zu empfangen.
[NS.01_023,13] Wie groß ist denn ein Kreis, den ein solcher Oberdiener zu überwachen hat? – Ein solcher Kreis mag wohl manchmal größer sein als das größte Kaisertum auf der Erde; und ein ganzes solches Kreislandtum ist ein ausgedehntes Hügel- und Gebirgsland, allda es sehr wenig ebene Wege gibt.
[NS.01_023,14] Wenn demnach ein solcher Diener zu öfteren Malen während seiner lebenslangen Amtshaltung einen solchen Kreis durchwandert, so fragt es sich, mit welcher Gelegenheit er da reiset? – Wie ihr zu sagen pflegt, also sage auch Ich: Mit keiner anderen als mit der Apostelgelegenheit. Nur solches kann hier bemerkt werden, daß das Fußgehen auf der Sonne fürs erste viel leichter ist als auf irgendeinem der Planeten, weil der Erdboden allenthalben sanft und elastisch ist. Fürs zweite aber sind die Sonnenbewohner, obschon sie auf diesem Gürtel fast die doppelte Größe von euch haben, dennoch viel leichter, weil ihre Leiber viel ätherischer oder gewisserart feinmaterieller sind als die eurigen. Dazu kommt aber den Fußgehern auf dem Sonnenkörper noch das günstigst zustatten, daß sie durch ihren kräftigen Willen sich überaus stärken und sich solcher Stärkung zufolge auf ihren Füßen bei weitem schneller von einem Ort zum andern bewegen können, als bei euch auf der Erde die schnellst fliegenden Vögel. Aus dem Grunde ist es dann für einen Sonnenbewohner ein leichtes, einen mehrere Stunden nach eurer Maßrechnung hohen Berg in zwei, drei bis vier Minuten zu übersteigen.
[NS.01_023,15] Wenn ihr nun solches wisset, so wird es euch auch leicht begreiflich sein, wie ein solcher Oberdiener seinen Kreis leicht zu öfteren Malen durchreisen kann, um allenthalben, wo man seiner benötigt, hilfreich zu sein.
[NS.01_023,16] Sehet, also sind die Verhältnisse zwischen dem Hausherrn und dem Diener bestellt. Denn in der Sonne braucht kein Hausvater irgendeinen andern Dienstboten, als nur zuallermeist für das geistige Bedürfnis.
[NS.01_023,17] Seinen Grund bebaut er ja ohnedies gar leicht mit seinem Willen. Sein Weib und auch allfällige Töchter, wenn diese aus den Schulen zurückgekehrt und noch ledigen Standes sind, können auch gar leicht die etlichen euch schon bekannten Schafe melken und zu gewissen Zeiten ihnen die reiche Wolle abscheren und sie dann spinnen und daraus ihre ganz einfachen Schürzen bereiten.
[NS.01_023,18] Alles andere aber, wie zum Beispiel die Gebäude und so auch alle einzelne Einrichtungen in denselben, sowie das Material für alles, was eine Wohnung bedarf, wird ja ohnehin zuallermeist von den Bauamtsleuten bewerkstelligt. Und so hat der eigentliche Sonnenlandmann nichts zu tun, als seinen Grund zu bestellen und dessen beständig reife Früchte zu genießen.
[NS.01_023,19] Darum aber unterhalten sich dann die Sonnenmenschen auch zuallermeist mit der Kultur ihres Geistes und besuchen sich gern gegenseitig und bewundern daselbst die sich überall anders äußernden geistigen Kräfte in den sichtbaren, allerherrlichsten Erzeugnissen des menschlichen Willens.
[NS.01_023,20] Aus eben dem Grunde haben die Sonnenbewohner auch keine anderen Gesetze und Verhaltungsregeln unter sich, als die des gastfreundlichen und geselligen Lebens, welches darin besteht, daß sie sich immer mehr und mehr gegenseitig erbauen und dadurch auch immer mehr und mehr Gott erkennen lernen und dadurch auch den Zweck, warum Er sie erschaffen hat.
[NS.01_023,21] Zudem sind die Sonnenbewohner sich gegenseitig auch stets mit der größten Liebe und Zuvorkommenheit zugetan. Von einem Streit ist allda niemals die Rede; wohl aber von einem Wetteifer, wie da einer dem andern in irgend einem oder dem andern Dienste zuvorkommen möchte. Das ist gewisserart eine freie gesellige Verfassung, welche aber nicht eine Folge irgendeines Gesetzes, sondern vielmehr die des freien Willens ist zufolge der Erkenntnis Gottes und daraus des Zweckes der Menschheit.
[NS.01_023,22] Dort ist alles Bruder und Schwester! Selbst der Lehrer und der Schüler werden sich nie anders begegnen, als wie die innigst wahrhaften Bruderfreunde.
[NS.01_023,23] Wie ist aber das moralische Leben bestellt? – Solches könnt ihr gleich im voraus erfahren, daß allda von einer Unzucht nirgends die Rede ist. Denn fürs erste geschieht auch hier die Zeugung nicht auf diese Weise wie bei euch auf der Erde; sondern solches geschieht durch ein vereintes Gebet und durch einen darauf folgenden vereinten Liebewillen, welcher eigentlich nur eine Vereinigung alles Guten und Wahren oder eine Vereinigung des Lichtes mit der Wärme ist, allda der Zeuger ist gleich dem Lichte und die Mitzeugerin aber gleich der Wärme.
[NS.01_023,24] In solcher Vereinigung empfindet das Ehepaar die größte Wonne, welche Wonne aber nicht ist gleich eurer sinnlichen Wollust, sondern nur gleich einem Zustande, wie wenn sich bei euch zwei gleichgesinnte Gemüter in einem und demselben Guten und Wahren finden; nur müßt ihr euch dabei einen überaus hohen Grad eines solchen Gemütszustandes denken.
[NS.01_023,25] Dieses ist sonach der Akt der Zeugung bei den Menschen der Sonne, besonders dieses Gürtels. Aus dem Grunde aber kommt allda auch nirgends ein törichter Zustand des bei euch so moralisch verderblichen Verliebtseins vor, sondern die gegenseitige Neigung hat nichts zum Grunde als allein das Gute und Wahre.
[NS.01_023,26] Obschon das weibliche Geschlecht auf der Sonne von allgemeinster Schönheit ist, so zwar, daß es platterdings unmöglich wäre, sich irgendeine Vorstellung von der überaus großen Vollkommenheit eben der Schönheit eines Weibes zu machen, – so hat aber eine solche Schönheit dennoch an und für sich keinen solchen Wert für den Mann, wenn sie nicht mit seinen Erkenntnissen des Guten und Wahren in der vollsten Übereinstimmung steht. Denn allda betrachtet niemand die Form an und für sich als etwas Anzügliches, sowenig als ihr einzelne Buchstaben eines Buches oder etwa auch einzelne Noten eurer Tonschrift als etwas Anzügliches betrachtet, sondern ihr sehet auf das nur, was durch die Buchstaben oder durch die Noten dargestellt ist. Ist solches geistvoll und erhaben, so werdet ihr auch die Zeichen achten, durch welche es vorgestellt ist; ist aber die ganze Vorstellung durch diese Zeichen ein schales, wertloses, wässeriges Zeug, so werdet ihr auch die Zeichen in diesem Werk sicher nicht küssen oder mit Liebe ergreifen.
[NS.01_023,27] Sehet, gerade also betrachtet der Sonnenmensch die Form; ist sie entsprechend für seine Erkenntnisse vom Guten und Wahren, dann hat sie bei ihm auch an und für sich einen entschiedenen Wert. Entspricht aber die Form, wenn sie noch so schön wäre, seinen Erkenntnissen nicht, so ist sie für ihn nichts mehr als für euch ein albernes Anzeigenblatt irgendeiner Zeitschrift, durch welches allenfalls Wohnungen einer Stadt in China angekündigt werden. Wenn ein solches Anzeigenblatt auch mit den schönsten Lettern gedruckt wäre, so wird euch sicher ein noch so schlecht geschriebener Psalm Davids, wenn er nur leserlich ist, lieber sein, denn ein solches Prachtexemplar von einem Anzeigenblatt.
[NS.01_023,28] Sehet, also ist in der Sonne alles, was die Äußerlichkeit anlangt, nur eine Schrift, und diese Schrift erhält erst dann den Wert, wenn ihr Sinn ein vollkommener ist. – Einst war es auch auf der Erde also; aber diese Zeiten sind lange schon verflossen. Darum aber gebe Ich jetzt solches, daß sich die Menschen nach und nach, so sie davon Kenntnis erhalten werden, danach richten möchten, so sie wahrhaft glücklich werden wollen hier und jenseits.
[NS.01_023,29] Wenn ihr wissen wollt, wie die Ehen im Himmel geschlossen werden, so dienen euch die Ehen in der Sonne zu einem Beispiel. Denn solche Ehen dauern dann auch für ewig, während eure zumeist allerschlechtesten Ehen, da sie nichts als lauter Alleräußerlichstes und daher vor Mir Greuelhaftestes zum Grunde haben, höchstens bis zum Grabe, manchmal aber nicht bis dahin dauern.
[NS.01_023,30] Denn glaubet es Mir: Die allerverächtlichste Ehe, welche auf der Erde geschlossen wird, ist eine Geld- oder Güter-Ehe; diese hat auch ganz sicher allda ein ewiges Ende, wo ihr Grund doch sicher ein Ende hat. – Also sind auch nicht minder verderblich und verächtlich diejenigen Ehen, welche die Sinnlichkeit und gegenseitige reizende Leibesformen zum Grunde haben; denn auch diese vergehen allmählich, wie ihr schlechter Grund. – Dergleichen sind auch politische Ehen; auch sie dauern nicht länger als ihr Grund. – Also sind auch die vorzeitigen Jugendehen; denn auch diese vergehen, wie ihr Grund. – Ingleichen die Glanzehen; auch diese vergehen, wie ihr verderblicher Grund.
[NS.01_023,31] Nur Ehen, die allein Mich zum Grunde haben, werden ewig bestehen, weil ihr Grund ein ewiger ist!
[NS.01_023,32] Darum also habe Ich euch auch solches gegeben, damit ihr daraus ersehen sollt, wie die wahren Ehen geschlossen und beschaffen sein, und welchen Grund sie haben sollen.
[NS.01_023,33] Saget ihr aber nicht selbst: auf einem schlechten Grunde können keine edlen Früchte zum Vorschein kommen, sondern Unkraut nur und Disteln? – Wann ihr demnach die ganze Welt im argen erblicket und fraget: Woher dieses? Da sage Ich euch: Sehet auf den Grund, auf welchem die Früchte gewachsen sind, und urteilet danach, ob in derlei Sümpfen und Morästen wohl edle Reben wachsen können? Ihr leget die Rebe ja nur auf die Berge also, daß sie dort einatme und einsauge die reineren Säfte und eine gute Luft, und saget: Das ist der beste Grund für die Rebe.
[NS.01_023,34] Sehet, also sollen auch die lebendigen Früchte des Menschengeschlechtes als die alleredelste Pflanze der Erde auf dem besten Grunde gesät sein! – Demnach wundert euch nicht der schlechten Früchte, wenn sie in Pfützen, Kloaken, Sümpfen und Morästen gezogen werden! Solche Gründe aber sind eure weltlichen Ehen; darum auch ihre Früchte, wie der Grund! – Wahrlich, überaus schmutzige Äcker für die Ansaat lebendigen Samens für eine ewig bestehen sollende Frucht!
[NS.01_023,35] Doch genug von dem, was Mir ein mächtiger Dorn im Auge ist! Kehren wir daher wieder auf unseren besseren Sonnenboden zurück und lernen da von den Bewohnern der Sonne noch so manches, was auch auf der Erde also bestehen sollte, wie es in der Sonne besteht. Und dieses wird zumeist im schon gleich anfangs besprochenen Religionskultus bestehen, wie er äußerlich und innerlich bei den Sonnenbewohnern, besonders unseres schon bekannten Gürtels, gehandhabt wird.
[NS.01_023,36] Doch erst für das nächste Mal wollen wir solches besprechen. Und so lassen wir es für heute wieder gut sein!
24. Kapitel – Feier- und Festtage. – Das Sterben der Bewohner des Mittelgürtels.
[NS.01_024,01] Haben die Sonnenbewohner etwa auch irgendeinen Sabbat oder einen sonstigen Feiertag?
[NS.01_024,02] O wie wäre solches in der Sonne wohl möglich, da es dort weder abgesonderte Tage noch abgesonderte Nächte gibt, – wie soll es da Sabbate oder Feiertage geben? Daher ist in der Sonne allzeit auch eine andere Ordnung als auf den Planeten.
[NS.01_024,03] Aber dessenungeachtet wird doch auch in der Sonne eine Zeit bestimmt, in welcher von den gewöhnlichen Tagesgeschäften geruht wird. – Wann aber tritt eine solche Zeit ein?
[NS.01_024,04] Ihr wißt, daß sich die ganze Sonne binnen 29 Tagen um ihre Achse dreht. Ihr wisset auch, daß die Sonnenbewohner über sich hinaus den gestirnten Himmel gar wohl sehen können. Besonders sehen sie diejenigen Fixsterne sehr gut, die ihr zu der ersten, zweiten und dritten Größe rechnet, – welche den Sonnenbewohnern beinahe so groß erscheinen, wie euch eure Sonne erscheint. Es versteht sich solches bei den Fixsternen erster und zweiter Größe. Die Sterne der dritten Größe aber erblicken sie wohl um mehr als die Hälfte kleiner. Manches Mal, bei ungemein ruhiger und heiterer Luft können sie wohl auch Sterne der vierten und fünften Größe entdecken; aber weiter reicht das Auge der Sonnenbewohner dieses Gürtels nicht.
[NS.01_024,05] Wann von den Bewohnern derjenige Fixstern, den ihr allda Sirius benennt, zuerst als größter und leuchtendster aufgehend erblickt wird, sodann tritt auf eine so lange Zeit ein Feiertag ein, bis dieser Stern ungefähr bis an den Zenit gestiegen ist, wozu eine Zeit, nach eueren Erdtagen berechnet, von ungefähr etwas über sieben Tagen gefordert wird.
[NS.01_024,06] In dieser Zeit muß jedem andern Pendel Einhalt getan werden. Nur das Hauptpendel des zweiten oder großen Tempels darf nie stehenbleiben. – Während dieser Zeit wird dann auch weder gearbeitet noch irgend etwas gelehrt, sondern ein jeder Hausvater bleibt mit seiner Familie in seinem Hause. Und es darf in dieser Zeit von niemandem ein Fuß über die Grenze der Säulen eines Hauses gesetzt werden, außer nur bei einer euch schon bekannten, drohenden, großen Elementargefahr, welche sich aber in der ersten Hälfte des Erscheinens dieses Sternes selten ereignet, wohl aber in der zweiten Hälfte, welche ebensolange dauert wie die erste. (– Aber es versteht sich von selbst, in einer und derselben Gegend nicht allzeit, sondern nur höherer Ordnung zufolge bedingungsweise, das heißt nach der Ordnung und nach dem Willen der göttlichen Weisheit.)
[NS.01_024,07] Was tun denn die Menschen hernach in dieser Zeit in ihren Wohnungen? – Sie legen sich selbst gewisse Gelübde vor und halten dann dieselben während dieser Zeit auf das allerpünktlichste.
[NS.01_024,08] Ein solches Gelübde besteht gewöhnlich in allerlei Selbstverleugnungsübungen, welches ungefähr also aussieht wie da bei euch ein wahres Fasten. Aber solches besteht nicht etwa in einem jeden Hause gleichartig, sondern es besteht solches je nach irgendeiner aufgefundenen Schwäche der Familie eines Hauses.
[NS.01_024,09] Ist da eine Familie sehr redselig, so wird während dieser Zeit aller Zunge des Hauses ein vollkommenes Fasten auferlegt; und sodann darf niemand während dieser Zeit auch nur eine Silbe über seine Lippen bringen, sondern sich allein den inneren Betrachtungen hingeben. – Notabene! Ein solches Fasten wäre auch auf der Erde überaus zweckdienlich anzuempfehlen, besonders in solchen Häusern, wo viel unnützes Zeug von frühmorgens bis in die späteste Nacht geplaudert wird, und wo die Ehre des Nächsten so viel nur immer möglich herabgeschnitten wird und dergleichen mehr des allertollsten Zeugs.
[NS.01_024,10] Ferner, wo in einem Hause der Sonne die Menschen viel aufs Essen halten, allda wird während dieser Zeit nur so wenig wie möglich gegessen, damit dadurch dieser Schwäche wieder Einhalt getan wird.
[NS.01_024,11] Gibt es in irgendeinem Hause Streitsüchtige, die ungefähr solcher Gemütsart sind, daß da ein jeder gern recht hat und seine Meinung als die beste anerkannt wissen will, alsdann muß während dieser Zeit alle Lust zum Rechthaben gänzlich aufhören, und muß einer dem andern unangefochten das Recht lassen, – besonders diejenigen in einer Familie, welche am meisten auf die vorbesagte Art streitsüchtig sind. Da während dieser Zeit auch alle Kinder aus den unteren Schulanstalten heimkehren, so gibt es in einem jeden Wohnhause auch allzeit mehrere Menschen; sind Zanklustige dazwischen, so kommt ihnen diese Zeit und das mit ihr bemessene Fasten sehr wohl zustatten.
[NS.01_024,12] Und wie gesagt, also wird dieses Fasten in einem jeden Hause verschieden bemessen, je nachdem irgendeine oder die andere Schwäche des Geistes vorwaltend bemerkt worden ist.
[NS.01_024,13] Hat der Stern den Zenit erreicht, alsdann sind wieder alle Hauspforten geöffnet, und alles eilt hinaus zu den drei Tempeln, um dort die gebührende Danksagung für die erlangte Stärkung während dieser Zeit darzubringen – wem? –, solches werdet ihr wohl ohnedies verstehen.
[NS.01_024,14] Nach beendigter Danksagung und gegenseitiger Segnung, nach der allgemeinen Segnung des obersten Priesters, begibt sich dann alles wieder eiligst nach Hause und beginnt da wieder das gewöhnliche Tagewerk.
[NS.01_024,15] Dies ist der zeremonielle Religionskultus der Sonne. Was aber den geistigen Religionskultus betrifft, so dauert dieser ununterbrochen fort. Denn das ganze Leben eines Sonnenbewohners besteht in dem, daß er sich unablässig mit der Erkenntnis und genauen Befolgung des göttlichen Willens abgibt; und solches ist ja eben der am meisten geistige Teil jedes Religionsdienstes. Der allergeistigste Teil besteht aber darin, daß sich die Menschen gegenseitig über Meine Menschwerdung besprechen und dem großen Liebeswerk derselben immer näherzukommen suchen. Das wäre also der allergeistigste Teil des Religionskultus der Sonnenbewohner.
[NS.01_024,16] Merkwürdigerweise, wenigstens für euch, wird in der Sonne auch das leibliche Sterben eines Menschen zum geistigen Religionskultus gezogen. – Warum denn? – Weil das Sterben in der Sonne, besonders auf diesem Gürtel, ein überaus geistiges Aussehen hat.
[NS.01_024,17] Ihr werdet hier fragen: Wie ist demnach solches beschaffen? – Nur eine kleine Geduld, und ihr sollt es sogleich erfahren.
[NS.01_024,18] Die Menschen werden allda nie krank. Wenn aber ihr Geist die gehörige Reife erreicht hat, sodann zerstört er im Augenblick seine Hülle durch einen flammenden Ausbruch seines Wesens und geht dann in eine höhere Welt, von der wir erst später hören werden.
[NS.01_024,19] Wir haben in dieser Hinsicht einige Winke gleich anfangs bekommen; allein in der Folge werden wir solches noch viel ausführlicher besprechen.
[NS.01_024,20] Sehet, da die Menschen in der Sonne, wenn sie sterben, gewisserart plötzlich verschwinden, so wird ein solches Verschwinden von den Sonnenbewohnern mit einer innersten, geistigen Andacht gefeiert, und es wird dem Herrn ein Lob dargebracht, da Er wieder einen Bruder von irdischen Banden befreit und ihn in das Urreich allen Lichtes und alles Lebens zurückgeführt hat!
[NS.01_024,21] Darum also wird auch dieser geistige Teil des Religionskultus der letzte Lobgesang genannt, weil nach einem also verstorbenen Menschen dann keiner mehr folgt.
[NS.01_024,22] Es wird zwar ein verstorbener Mensch nicht aus dem Gedächtnis der noch Lebenden gestrichen, und das schon darum nicht, weil in der Sonne das Fach der Weltgeschichte bei weitem besser gehandhabt wird als auf irgendeinem Planeten, ganz besonders aber auf eurer Erde, wo nur allenfalls diejenigen Personen für die Geschichte aufbewahrt werden, die sich ihre Häupter haben krönen lassen, oder die die allermeisten Brüder totgeschlagen haben! – Also ist in der Sonne das Fach der Weltgeschichte nicht beschaffen, sondern in den Tempeln wird jeder Bewohner aufgezeichnet, und das zwar nach seinem Charakter und nach seiner Lebensweise, und wie er Zeuge einer oder der andern großen Naturerscheinung war. Auch werden die Erzeugnisse seines Willens aufbewahrt, und zwar in den Wohnhäusern selbst; daher ist allda kein Zierat, welcher ein solches Wohnhaus ziert, umsonst da; sondern er ist ein bedeutungsvoller Buchstabe im Buche der Geschichte eines oder des andern Menschen, der da ein solches Haus bewohnt hat.
[NS.01_024,23] Auf eine solche Weise wird dann auch das Andenken eines verstorbenen Menschen in der Sonne freilich wohl nicht gefeiert wie bei euch auf der Erde, etwa durch reiche Leichenbegängnisse und nachfolgende, fast ewig dauernde Messenstiftungen. Wohl aber wird das Andenken eines verstorbenen Menschen durch die oftmalige Betrachtung dessen, was er durch Meine, ihm innewohnende Gnade gewirkt hat, gefeiert. Und dieses ist auch ums Unvergleichliche besser, als alle Andachtsübungen ums Geld für irgendeinen Verstorbenen. Denn Ich, der allein nur helfen kann, brauche kein Geld. Derjenige aber, der sich zahlen läßt, um Mich dadurch auf dem Weg eitler Zeremonie zur Hilfe zu zwingen, der geht schon allezeit den allerdichtesten Irrweg. Denn wahrlich sage Ich euch: Eher soll Mich das Gequake eines Frosches zur Verleihung einer Gnade bewegen, denn ein bezahltes Gebet. – Und glaubet es auch, daß unter allen Freveln, die ein Mensch verübt, dieser obenan steht, so sich jemand für angezeigte kräftige Gebete von seinen Brüdern zahlen läßt. – Wenn eine Fliege sumset, oder eine Mühle klappert, oder ein Frosch quakt in einer Pfütze, wahrlich solches ist Mir angenehm, aber das Gebet ums Geld ist vor Mir wie ekelhafter Mundspeichel, Eiter und allerwidrigster Geruch; mehr brauche Ich euch nicht zu sagen!
[NS.01_024,24] Aus diesem wenigen werdet ihr gar leicht entnehmen können, wozu all die reichausgestatteten Begräbnisfeierlichkeiten und nachherigen Seelenmessenstiftungen dienlich sind. Mehr brauche Ich euch wieder nicht zu sagen, sondern verweise euch bloß auf das Evangelium. Leset es, und ihr werdet finden, welchen Lohn Ich dafür den jüdischen Priestern verheißen habe, daß sie fürs Geld den armen Witwen und Waisen lange Gebete vorgelogen haben. Wenn ihr solche Stellen recht überdenket, so werdet ihr daraus wohl gar leicht entnehmen, wie es um eure, besonders römisch-katholischen, Begräbnisfeierlichkeiten steht.
[NS.01_024,25] Doch genug von dem! – Kehren wir nun wieder zu unserer Sonne zurück und beschauen da noch ein wenig ein oder das andere Haus, in welchem entweder der Vater oder die Mutter die Löse empfangen hatte. Denn Kinder sterben in der Sonne durchaus nicht, sondern alldort muß alles in der größten Ordnung die vollkommene Reife erlangen, besonders in diesem Gürtel.
[NS.01_024,26] Was geschieht denn mit dem übergebliebenen Teile? – Der übergebliebene Teil übergibt alsbald das ganze Hauswesen dem ältesten Sohne und lebt sodann die noch zur Vollreife des Geistes nötige Zeit in dem Hause als ein Lehrer und Ratgeber in den göttlichen Dingen.
[NS.01_024,27] Der Witwer oder die Witwe hat aber dann auch eine öftere Zusammenkunft mit den Abgeschiedenen. Eine solche Geistererscheinung wird jedoch von niemand anderem gesehen als nur von dem, mit welchem sie im ewigbleibenden, ehelichen Verbande steht.
[NS.01_024,28] Aus dem Grunde ehelicht auch in der Sonne niemand zum zweiten Male, sondern nur einmal, und wünscht durch sein ganzes Leben nichts anderes als die ewige Unzertrennlichkeit mit dem Gegenstande seines Herzens.
[NS.01_024,29] Das ist nun das Beachtenswerteste, was dieser Hauptgürtel der Sonne in sich faßt. Daher wollen wir ihn nun auch beschließen und uns auf dessen nachbarlichen, freilich wohl etwas kleineren Gürtel begeben.
[NS.01_024,30] Solches aber muß dabei allzeit wohl beobachtet werden, daß es an jeder Seite des Hauptgürtels noch sieben Gürtel gibt, welche nach der Ordnung miteinander harmonieren. Wenn wir daher einen Gürtel beschauen und von einem Gürtel nur die Rede sein wird, so sind darunter allzeit zwei harmonierende Gürtel zu verstehen, – weil ein Gürtel auf der südlichen Seite des Hauptgürtels und wieder ein Gürtel auf der nördlichen Seite des Hauptgürtels in der Sonne mit wenigem Unterschied immer einer und derselben Art sind.
[NS.01_024,31] Was jedoch der nächste kleinere und der mit ihm übereinstimmende Gürtel uns alles zur Beschauung darbieten werden, wollen wir erst in der nächsten Mitteilung zu vernehmen anfangen. Daher lassen wir es für heute wieder gut sein!
25. Kapitel – Das erste Nebengürtelpaar. – Landschaft und Menschen daselbst. – Über äußere und innere Schönheit.
[NS.01_025,01] Was diesen nächsten Sonnengürtel und seinen Korrespondenten betrifft, so sind sie fürs erste viel schmäler, und ihr Erdreich ist auch schon um ein bedeutendes fester als das des Mittel- oder Hauptgürtels. Der Hauptgürtel ist die eigentliche Sonnenwelt; die Nebengürtel aber sind nur mit den um die Sonne kreisenden Planeten korrespondierende Welten.
[NS.01_025,02] Und so sind diese zwei nächsten Gürtel Korrespondenten des Planeten Merkur und des Planeten Venus, welche zwei Planeten von diesen Nebengürtelbewohnern auch noch recht gut gesehen werden, und zwar der Merkur in der Größe eures Mondes und die Venus ungefähr um die Hälfte kleiner.
[NS.01_025,03] Und so korrespondiert insbesondere von diesen zwei Gürteln der nördliche mit dem Merkur und der südliche mit der Venus. Und somit ist auch auf dem nördlichen Gürtel alles das – freilich wohl im viel vervollkommneteren Maße – anzutreffen, was in dem Planeten Merkur angetroffen wird. – Desgleichen auch bietet der südliche Gürtel dasjenige in eben dem vollkommeneren Verhältnis dar, was da alles enthält der Planet Venus.
[NS.01_025,04] Solches war notwendig vorauszuschicken, damit ihr eben auch schon im voraus wissen könnt, was für eine Bewandtnis es mit diesen Nebengürteln hat, und daß ihr bei der vollendeten Bekanntschaft mit diesen Gürteln euch auch mit den Planeten selbst in eine bedeutende Vertraulichkeit setzen könnt.
[NS.01_025,05] Damit aber bei der Darstellung in euren Gemütern keine beirrende Verwechslung geschehen möge, so wollen wir nur den nördlichen Gürtel hauptsächlich zu unserer Betrachtung vornehmen, den südlichen Gürtel aber nur bei Gelegenheit berühren, wann er manchesmal abweicht von dem nördlichen. Denn solches müßt ihr auch voraus noch zur Wissenschaft nehmen, daß der Planet Merkur und der Planet Venus fast einer und derselben Beschaffenheit sind. So sind die Bewohner des Planeten Merkur wie die Bewohner des Planeten Venus nahe durchaus lauter Weisheitsmenschen. Der Unterschied zwischen ihnen liegt bloß in dem, daß die Bewohner des Merkur weise werden wollen und auch wirklich werden auf dem Wege eigener, anschaulicher Erfahrungen, aus welchen sie dann allerlei Mutmaßungen und weise Schlüsse machen, daher diese Menschen auch noch als Geister überaus reiselustig sind und die ganze Schöpfung mit eigenen Augen beschauen wollen, um sich daraus zu informieren und ihrem innersten Wesen nach zu überzeugen, ob ihre Weisheitsschlüsse bei ihrem Leibesleben keine Trugschlüsse waren. Das ist also das Wesen oder gewisserart die Haupteigenschaft der Bewohner des Planeten Merkur.
[NS.01_025,06] Wollt ihr die Bewohner der Venus beschauen, so sind sie im Grunde dieselben wie die Bewohner des Planeten Merkur; nur fangen sie ihre Weisheitsschule dort an, wo die Merkurbewohner aufhören. Und ihre Endprobe ist nahe gerade das, womit die Merkurbewohner ihre Schule beginnen. Mit andern Worten gesagt, verhält sich die Sache gerade also: Die Merkurbewohner denken vorher nach, gemäß den gemachten Erfahrungen, und schauen zuletzt. Die Venusbewohner aber schauen zuerst und denken zuletzt, nach den gemachten Erfahrungen.
[NS.01_025,07] Wenn ihr nun diese Angabe recht betrachtet, so werdet ihr offenbar sagen müssen, daß darin eben gerade kein großer Unterschied ist, – also wie bei einer musikalischen Tonleiter. Ob sie aufwärts steigt oder abwärts, solches macht wohl für das Gehör einen Unterschied; deswegen aber bleiben doch die Stufen dieselben, ob aufsteigend oder absteigend.
[NS.01_025,08] Aus diesem Grunde werden auch diese zwei Sonnengürtel vorzugsweise korrespondierende Gürtel genannt, weil sie sich gegenseitig also verhalten, wie solches soeben klar gezeigt worden ist. Aus diesem Grunde auch werdet ihr leicht einsehen, warum es hier nicht nötig ist, jeden dieser zwei Gürtel sonderheitlich vorzunehmen, sondern nur allein den nördlichen. Denn aus dem Verhältnis dieses Gürtels läßt sich nach dem vorangegangenen Verhältnismaßstab ja also leicht auf seinen korrespondierenden südlichen Gürtel schließen, wie sich da von einer aufsteigenden Tonleiter wieder auf eine absteigende schließen läßt, – da doch überall ein und derselbe Hauptton zugrunde liegt.
[NS.01_025,09] Bevor wir jedoch zum Menschen selbst übergehen werden, müssen wir die Landesbeschaffenheit unserer Gürtel in näheren Augenschein nehmen.
[NS.01_025,10] Ihr wißt, daß den Hauptmittelgürtel der Sonne zwei unübersteiglich hohe, ununterbrochen fortlaufende Gebirgsreihen begrenzen. Diese zwei Gebirgsreihen trennen somit auch unsere zwei Nebengürtel von dem Hauptgürtel.
[NS.01_025,11] In dem Hauptgürtel haben wir gesehen, wie sich von diesen zwei Hauptgebirgslinien eine Menge kleinere Gebirgszweige über den ganzen, großen Gürtel kreuz und quer verziehen. Also ist es aber nicht gegen die zwei Seitengürtel der Fall. Denn daselbst steigen diese hohen Gebirgskettenwände allenthalben steil ohne weitere Gebirgsausläufer schnurgerade zur vollen Ebene hinab, welche da ununterbrochen mit Wasser überfüllt ist. Also läuft über der hohen Gebirgslinie, durch welche die beiden Nebengürtel von dem Hauptgürtel abgeschnitten werden, ein ziemlich breiter Wassergürtel. Seine Breite, welche freilich wohl nicht überall gleich ist, dürfte im Durchschnitt wohl bei zweitausend Meilen eures Maßes betragen.
[NS.01_025,12] Nach diesem Ringmeere fängt erst das bewohnbare Land an. Das Land selbst, sowohl des nördlichen wie des südlichen Gürtels, ist äußerst gebirgig und hat wenig flaches Land, somit auch keine bedeutenden Landgewässer. Die größten Ströme und Seen dürften kaum so groß sein, wie allenfalls eure Donau und allenfalls der Bodensee; aber kleinere Flüsse und Seen gibt es in ziemlich bedeutender Menge.
[NS.01_025,13] Das Land selbst, bis zu einem nächsten unübersteiglichen Hauptgebirgszug, hat einen Durchmesser der Breite nach, im Durchschnitt genommen, von etwa fünftausend Meilen eures Maßes, flacht sich gegen den zweiten Hauptgebirgszug ziemlich ab; aber nicht etwa so genommen, als würde sich das Land hier darum vertiefen, sondern die Landesgebirge selbst ergreifen sich hier enger aneinandergerückt und bilden dann gewisserart mit ihren höchsten Scheiteln einen noch ziemlich breiten, flachen Hochlandsboden, welcher auch sehr häufig, und zwar hauptsächlich, bewohnt wird.
[NS.01_025,14] Wie aber in diesem nördlichen Nebengürtel sich die gestaltliche Beschaffenheit des bewohnbaren Landbodens verhält, also verhält sich ebendiese Beschaffenheit auch im südlichen, nämlich dem nördlichen in gerader Richtung gegenüber liegenden, – so zwar, daß auch im südlichen Gürtel nach der hohen Gebirgslinie zuerst ein Wassergürtel kommt, sodann ein sehr gebirgiges Land, welches sich ebenfalls gegen den nächsten Hochgebirgszug verflacht.
[NS.01_025,15] Wenn ihr nun diese zwei Gürtel gegeneinander haltet, so werdet ihr in der Richtung von Norden gegen Süden ja notwendig die Beobachtung machen müssen, daß im nördlichen Gürtel das Hochflachland dessen nördlichster Teil ist; in der Mitte liegt das gewöhnliche, niederere Gebirgsland, und den südlichsten Teil dieses Gürtels macht der Wassergürtel aus. – Im südlichen Gürtel ist es gerade umgekehrt der Fall; denn allda macht der Wassergürtel den nördlichsten Teil; den mittleren Teil macht ebenfalls das niederere Gebirgsland, und den südlichsten Teil aber nimmt das Hochflachland ein.
[NS.01_025,16] Sehet, das ist schon einmal eine Korrespondenz dieser zwei Gürtel, da der eine Gürtel, nach einer Richtung genommen, an der südlichsten Seite damit aufhört, womit der andere Gürtel an der nördlichsten Seite anfängt, – und also auch umgekehrt. In diesem Verhältnis werdet ihr auch alles Nachfolgende auf diesen beiden korrespondierenden Gürteln antreffen.
[NS.01_025,17] Damit wir aber unserer alten Ordnung getreu bleiben, so wollen wir auch bei der näheren Darstellung mit dem Menschen den Anfang machen. – Welcher Art und wie gestaltet sind denn die Menschen des nördlichen Gürtels?
[NS.01_025,18] Wenn ihr die Menschen des Planeten Merkur kennen würdet, so würde Ich euch sagen: Sie sehen gerade also aus wie die Menschen dieses Gürtels, und also auch die Menschen des südlichen Gürtels wie die des entsprechenden Planeten. – Aber da ihr solches ganz natürlicherweise noch nicht kennt, so muß Ich euch freilich wohl diese Menschen, was vorerst ihre Gestalt anbetrifft, ein wenig näher beschaulich darstellen.
[NS.01_025,19] Die Menschen sind körperlich etwas größer als die des Hauptgürtels und auch größer als ihre entsprechenden Brüder auf dem Planeten. Aber sie sind fürs erste nicht so glänzend schön wie die Menschen des Hauptgürtels. Dennoch sind sie wieder bei weitem schöner als die der entsprechenden Planeten und auch bedeutend schöner als die Menschen auf eurem Erdkörper.
[NS.01_025,20] Davon ist der Grund ihre Weisheit; denn die Weisheit hat solches zum Grunde, daß sie das Äußere überaus schön ausbildet. – Bei der Liebe aber ist es wieder umgekehrt der Fall; allda ist das Innere voll der unendlichsten Schönheit und das Äußere dadurch einfach und schlicht. Daher auch soll eine allfällig äußere größere Schönheitsform niemanden beirren, da sie bei weitem keinen so hohen Wert hat als die innere; denn sie verhält sich wie die Schönheit eines viel weniger werten Kristalls gegen die ursprünglich rauhe Gestalt eines Diamanten. Dieser glänzt in seinem Naturzustande freilich ums Unvergleichliche weniger als ein von Natur schon geschliffener Kristall; wenn aber der Diamant geschliffen wird und sodann seine innere Klarheit zeigt, fraget euch da selbst, wie weit dann die Klarheit und somit auch die Schönheit des Kristalls hinter dem feurigen Farbenglanze eines Diamanten zurückbleibt?
[NS.01_025,21] Aus diesem kleinen Beispiel mögen alle wahren Kinder der Liebe eine überaus wahre Beruhigung finden, und somit auch ihr, wenn ihr auch von noch so großen menschlichen Außenschönheitsformen hört. Denn Ich sage euch: Ein einziges Mich wahrhaft liebendes Herz auf eurer Erde wiegt alle erdenkliche Schönheit eines ganzen Sonnenweltalls auf. Ja, Ich sage euch noch mehr als das: Ein solches Herz ist in sich ums Unausprechliche schöner als der ganze Weisheitshimmel der Engel, und auch schöner als der zweite Liebeweisheitshimmel der höheren Engelsgeister.
[NS.01_025,22] Mehr brauche Ich euch nicht zu sagen. – Wenn Ich euch sonach die Schönheit der Menschen dieser Gürtel näher enthüllen werde, so möget ihr dadurch schon im voraus wissen, was es für eine Bewandtnis damit hat.
[NS.01_025,23] Nächstens wollen wir demnach die Form und die Gestalt, welches sich also verhält wie ungefähr die Weisheit und ihr Grund, näher betrachten. Und somit gut für heute!
26. Kapitel – Näheres über Gestalt, Kleidung und Lebensgewohnheiten der Menschen auf dem ersten Nebengürtelpaar.
[NS.01_026,01] Was da die Form betrifft, insbesondere in Hinsicht der Menschen des nördlichen Gürtels, so ist diese ungefähr derjenigen auf eurer Erde ähnlich, in welcher sich euch noch zu dieser gegenwärtigen Zeit einige asiatische Gebirgsbewohner zeigen, namentlich die Bewohner des westlich gelegenen Teils des Kaukasus; nur sind sie ungefähr im Durchschnitt genommen um anderthalbmal größer als die vorerwähnten Asiaten.
[NS.01_026,02] Das weibliche Geschlecht ist von ungemeiner Zartheit; nur einzig die Fußsohlen sind etwas hart und rauh wie eine Feile. Solches ist aber darum so beschaffen, damit sie den glatten Erdboden der Sonne allenthalben besteigen können, ohne auf demselben auszugleiten und leichtlich zu fallen. – Denn das Fallen würde hier für größere und schwerere Körper schon empfindlicher sein als auf dem Hauptgürtel, indem allda das Erdreich mehr Festigkeit hat als auf diesem.
[NS.01_026,03] Der übrige Leib des Weibes ist dann schon, wie gesagt, überaus zart, weich und durchgehends wohl abgerundet. Das Haar des Weibes ist von Natur aus blendend weiß, während die Hautfarbe gerade also aussieht, als wenn ihr möchtet ein blasses Rosenblatt nehmen und möchtet durch dasselbe die Sonne scheinen lassen. Denn auch in diesem Gürtel haben die Menschen ein eigenes Licht; und wenn ein Weib dieses Gürtels zur Nachtzeit auf einem eurer Berge stünde, so würde sie einen bedeutenden Umkreis noch recht wohl erleuchten, aber mit keinem weißen, sondern, was ihren Leib betrifft, mit einem blaßrötlichen Lichte. Nur mit den Haaren würde sie ein sehr intensiv weißes Licht zeigen, welches Licht ihr sowohl in der Nacht als auch am Tage mit offenen Augen nicht ertragen würdet.
[NS.01_026,04] Ihre Augen sind groß und äußerst lebhaft. Der Augapfel ist blendend weiß, die Öffnung mit der Regenbogenhaut lichtblau; der Stern aber ist nicht etwa schwarz, sondern sehr dunkelgrün. Solches ist darum der Fall, damit sie das Licht desto leichter ertragen und nach allen Seiten hin überaus klar sehen können.
[NS.01_026,05] Das wäre sonach die Form, welche in diesen wenigen Worten hinreichend dargetan ist; denn es ist nicht nötig, noch eigens alle anderen Teile des Leibes zu beschreiben, da es doch vorausgesetzt werden kann, daß euch eine sonstige vollkommene weibliche Gestalt mit allem, was sich nur immer zur äußerlichen Anschauung darstellt, wohlbekannt sein wird.
[NS.01_026,06] Also ist auch die Gestalt gar leicht von der dargestellten Form zu entnehmen. – Damit ihr aber wisset, was hier unter „Gestalt“ verstanden werden solle, so wisset, daß darunter so viel als der eigentliche, gesamte Charakter, welcher der Gesamtform innewohnt, verstanden wird.
[NS.01_026,07] Solches ist also zu nehmen: Wann ihr zum Beispiel sehet einen schönen, vollkommenen Fuß, einen ebenmäßigen Mittelleib, dann einen ebenso schönen, runden Arm, einen durchaus weichrunden Hals, sonach einen verhältnismäßig kleinen Kopf und allenthalben das Gesicht wohlgebildet, – so gibt alles dieses eine schöne Form, an der an und für sich durchaus nichts auszustellen ist, indem da alles vollkommen ist, wie der Fuß so der Leib, so die Brust, die Arme, der Hals und der Kopf. Wann ihr solches selbst an einem Gemälde findet und bewundert jedes einzeln, so habt ihr erst der Form euren Beifall gegeben.
[NS.01_026,08] Aber wenn ihr dann weiter fragt: Was sagt oder spricht denn diese Form?, so werdet ihr die Antwort dadurch bekommen, wenn ihr alle die Teile mit einem Blicke überschauet, die Verbindung derselben gegenseitig anseht und wohl achtet auf den Gesamteindruck; denn der Gesamteindruck und die in dem Ganzen erspähte Harmonie ist erst eigentlich das, was da unter der Gestalt verstanden werden solle.
[NS.01_026,09] Da ihr nun solches wißt, und euch dabei die Form enthüllt ist, so werdet ihr wohl mit gar leichter Mühe die Gestalt von selbst finden.
[NS.01_026,10] Wie aber ist denn ein solches Weib bekleidet? – Was die Kleidung betrifft, so besteht diese in nichts anderem als in einer etwas größeren Schürze um die Lenden, wie wir sie bei den Bewohnern des Hauptgürtels angetroffen haben. Und vom linken Arm bis zur rechten Hüfte, über den halben Leib, ist ein am Arme geteilter weißer Mantel umgehängt, so, daß da der rechte Arm und die rechte Brust frei sind.
[NS.01_026,11] Um die Stirn tragen die Weiber ein rotes Band, welches bei ihnen die Liebe zur Weisheit bedeutet.
[NS.01_026,12] Das ist somit im allgemeinen die Darstellung des Weibes.
[NS.01_026,13] Wie sieht denn der Mann aus? – Der ist beinahe durchaus um einen Kopf größer als das Weib. Seine Gestalt ist durchaus edel und vollkommen.
[NS.01_026,14] Auch der Mann hat eine härtere und rauhe Fußsohle, welche manchmal so aussieht, wie bei euch eine sogenannte Raspel. Die Füße sind sehr muskulös, aber darum nicht hart anzusehen. Also ist auch der Leib und die Hände. Der Hals ist bis zum Vorderteil rund; der Vorderteil in der Gegend des Schlundes aber wird durch zwei ziemlich starke Muskeln gewisserart gefurcht, daß da zwischen einem und dem andern Muskel ein kleiner Graben zum Vorschein kommt.
[NS.01_026,15] Das Kinn zieren zwei reichliche Bartabteilungen; die Farbe der Barthaare ist gelb, beinahe ins Grüne übergehend. Das sehr reichliche Haupthaar ist von lichtgelber Farbe, die Augenbrauen aber sind dunkelgrün; sonst aber sind die Augen also gestaltet wie beim Weibe.
[NS.01_026,16] Die Ohren sind im Verhältnis zum Kopfe mehr groß denn klein. Der Kopf oder vielmehr das Angesicht zeigt allzeit das Weise und Erfahrungsbegierige an. Die Farbe des Gesichtes ist etwas röter als die Farbe des Weibes.
[NS.01_026,17] Also ist auch der übrige Leib nach Verhältnis der Teile röter als der des Weibes.
[NS.01_026,18] Die Kleidung des Mannes besteht in einer bis an die Knie reichenden, weißen Toga, welche sowohl zuunterst wie um den Hals und vorne ganz bis zum untersten Rande verbrämt ist. Kopfbedeckung aber hat weder das Weib noch der Mann.
[NS.01_026,19] Das ist sonach auch die Gestalt des Mannes samt der Form klärlich dargetan.
[NS.01_026,20] Ihr werdet nun fragen: Ja, die Gestalt des Menschen des nördlichen Gürtels hätten wir nun freilich; aber wie sieht es denn im südlichen Gürtel aus?
[NS.01_026,21] Gerade also wie auf dem nördlichen, nur sind die Menschen etwas größer noch. Und was das weibliche Geschlecht anbetrifft, so ist dieses noch um ein bedeutendes schöner als das des nördlichen Gürtels.
[NS.01_026,22] Nur bei der Kleidung ist ein Unterschied. Hier trägt das Weib eine Toga, welche rot verbrämt ist und mittels eines goldgrünen Gürtels um die Mitte an den schlanken Leib angeschlossen wird. – Der Mann aber hat dafür eine bis unter das Knie reichende Lendenschürze und trägt einen solchen Halbmantel, wie wir ihn früher, im nördlichen Gürtel, am Leibe des Weibes bemerkt haben; nur ist dieser Mantel nicht so weit geteilt und ist auch bedeutend länger als wie der des Weibes im nördlichen Gürtel.
[NS.01_026,23] Um die Stirn trägt hier das Weib ein blaues Band. Der Mann aber hat ein kleines rotes Käppchen zur Bedeckung seines Hauptes; dieses Käppchen drückt hier beim Manne die besondere Liebe zur Weisheit aus. Das blaue Band des Weibes um die Stirn aber bezeigt die Beständigkeit des Weibes, wie sie nämlich eine getreue Nachfolgerin der Weisheit des Mannes ist.
[NS.01_026,24] Wir haben in dem Mittelhauptgürtel gesehen, daß die Menschen dort äußerst schaulustig sind; doch steht ihre Schaulustigkeit in nahezu gar keinem Verhältnis mit der Schaulustigkeit der Bewohner dieser beiden Nebengürtel. Denn ein Mann, besonders des nördlichen Gürtels, ist also schaulustig, daß er gar wohl imstande ist, ein Naturschauspiel, auch wenn es nach eurer Rechnung mehrere Jahre lang andauert, auf einem Flecke stehend anzugaffen. Aber dafür wird schon von Meiner Seite gehörig gesorgt, daß ein Naturschauspiel in diesem Gürtel, wie auch in dessen gegenüberliegendem, eben nie gar zu lange andauert.
[NS.01_026,25] Die meisten Naturschauspiele gehen gewöhnlich in diesen Gürteln dort vor sich, wo die beiden Wassergürtel die zwei Hochgebirgsreihen begrenzen (durch welche der Hauptgürtel von diesen beiden Nebengürteln getrennt wird). Diese Naturschauspiele sind besonders bei Gelegenheit der Hauptgürtel-Geschwulstausbrüche ziemlich andauernd; aber da dieser Wassergürtel doch noch immer so breit ist wie ungefähr der doppelte Durchmesser eurer Erde beträgt, so ist für unsere Schaulustigen von solchen Hauptschauspielen eben nicht gar viel zu erblicken. Bei großen Ausbrüchen werden manchmal wohl eine Menge großer Leuchtkugeln über das Hochgebirge in diese Gürtel geschleudert; aber zufolge der sehr bedeutenden Entfernung werden solche Leuchtkugeln, wenn sie auch manchmal von der Größe eures Erdmondes sind, eben nicht gar viel größer erblickt, als wie ihr den Mond durch ein mittelmäßig starkes Fernrohr seht. Zudem noch dauert das Herabfallen einer solchen Leuchtkugel kaum nur einige Sekunden nach eurer Rechnung; daher denn auch das Schauspiel die schaulustigen Bewohner in diesem Gürtel allzeit sehr unbefriedigt läßt.
[NS.01_026,26] Ihre Hauptbeobachtungen aber gelten dem gestirnten Himmel; und die Bewohner, besonders des nördlichen Gürtels, erschöpfen sich oft in lauter Mutmaßungen, was doch ein oder das andere Gestirn bedeute, was es ist und zu welchem Zweck es geschaffen ist.
[NS.01_026,27] Die Bewohner des südlichen Gürtels haben sogar eine Art Augenwaffen, ungefähr in der Art eurer camera obscura. Durch dieses Instrument fangen sie das Bild eines Sternes auf und beobachten es mit allem möglichen Fleiße. Aber dessenungeachtet geht es ihnen nicht viel besser als euch auf der Erde mit euren Fernrohren, da sie am Ende dadurch nichts anderes gewinnen als höchstens die Bewegungen der Gestirne und allenfalls ihre Größe, und sind bloß in dem euren Gelehrten voran, daß sie gewisserart als Bewohner eines Fixsterns die Entfernungen, Bewegungen und Größen anderer Fixsterne besser bestimmen können, – das heißt insoweit ihre Augen und ihre Instrumente reichen; wenn ihnen aber diese den Dienst versagen, so hat dann auch bei ihnen, wie bei euch, die Rechnung ein Ende.
[NS.01_026,28] Diese zwei Gürtel sind auch darin voneinander unterschieden, daß die Bewohner des nördlichen Gürtels sich weniger auf das Schauen, aber desto mehr auf das Mutmaßen und Schließen verlegen, während die Bewohner des südlichen Gürtels alles vorher gehörig beschauen und dann erst in allerlei Mutmaßungen und Schlüsse übergehen.
[NS.01_026,29] Also hätten wir auch die Hauptneigung dieser Menschen in möglichster Kürze kennengelernt. Und wir wollen nun noch einen kurzen Blick darauf werfen, wie diese Menschen, sowohl des einen als des andern Gürtels, untereinander leben, ob vereinzelt oder in Gesellschaft?
[NS.01_026,30] Was die Bewohnung dieses Gürtels betrifft, so leben die Menschen zwar also wie im Hauptgürtel in abgesonderten Wohnhäusern, deren Gestalt wir erst nächstens beschauen wollen. Denn das ist schon also die Art der Weisen, damit sie nicht gestört werden in ihren Betrachtungen.
[NS.01_026,31] Dessenungeachtet aber gibt es dennoch, besonders an den Ufern kleiner Landseen wie auch ganz besonders auf dem Hochflachlande, gewisse Gesellschaftskollegien, welche aus mehreren großartigen, aneinandergereihten Gebäuden bestehen und ein städtisches Aussehen haben. Diese Kollegien sind ein Gemeingut und zumeist von den Allerweisesten des Landes bewohnt.
[NS.01_026,32] Wie gestaltet aber die einzelnen Wohnungen und diese Kollegien sind, werden wir bei einer nächsten Gelegenheit weiter besprechen, wie auch, was da betrifft ihre Zweckmäßigkeit. – Und so lassen wir es heute wieder gut sein!
27. Kapitel – Wohnhäuser und Gemeinschaftssiedlungen auf dem ersten Nebengürtelpaar.
[NS.01_027,01] Was die einzelnen Wohnungen betrifft, so sehen diese im großen Maßstabe genommen fast gerade so aus, wie in euren Gärten auf der Erde die runden Gartensalons; nur haben sie im Verhältnis viel höhere und spitzere Dächer. Diese Wohnhäuser aber sind nicht so offen wie die Wohnhäuser des mittleren Gürtels, sondern sind ringsumher mit festen Wänden geschlossen, durch welche, da sie von einer grün gefärbten, durchsichtigen Masse angefertigt sind, ein hinreichendes Licht in das Innere des Wohnhauses fällt.
[NS.01_027,02] Wie sieht denn das Innere des Hauses aus, und wie groß ist der inwendige Raum? – Was den innern Raum betrifft, so wäre dieser groß genug, um ein ziemlich großes Gebäude eurer Erde ganz bequem hineinstellen zu können. Aber höher ist ein solches Wohnhaus selten, als ungefähr ein mittelmäßig hoher Turm bei euch, – das heißt bloß die Wände betrachtet; das Dach hat wohl manchmal die dreifache Höhe der Wände.
[NS.01_027,03] Gegen die östliche Seite ist eine Tür angebracht (welche auf- und zuzumachen ist), ungefähr von der Größe wie bei euch ein großes Stadttor. Die Tür aber geht nicht sogleich von ebener Erde in das Haus, sondern vor der Tür sind allzeit bei zehn hohe Staffeln angebracht, welche man übersteigen muß, bevor man zur Tür gelangt.
[NS.01_027,04] Vor der Tür selbst befindet sich allzeit noch eine Art Altan, auf welchem man dann noch einige Schritte ebenaus zu machen hat, bis man zur Tür gelangt. Die Stiege und der Altan aber sind ebenfalls bedacht, welche Dachung von ziemlich massiven, viereckigen Säulen getragen wird.
[NS.01_027,05] Wenn man durch die Tür gelangt, so muß man dann ebenfalls eine kleine Treppe abwärts steigen, um auf den eigentlichen Boden des Wohnhauses zu gelangen; aber auch innerhalb der Tür fängt nicht sogleich die Treppe an, sondern es führt von der Tür weg auch eine Art inwendiger Altan bis zur Treppe hin, welche zu beiden Seiten mit einem Geländer aus niedlich gearbeiteten, mehreckigen Säulen versehen ist.
[NS.01_027,06] Von diesem inwendigen Altane aber führt dann in gerader Richtung ein ziemlich geräumiger Gang um die ganze Wand des Wohnhauses, welcher Gang vom Boden des Hauses mit ziemlich starken, sechseckigen, weißen Säulen unterstützt wird. Der Gang selbst ist ebenfalls mit einem einfachen Geländer versehen; einfach heißt dort soviel, als wenn bei euch eine Sache zwar geschmackvoll aber dennoch ohne mit irgend erhabenen oder eingedrückten Zieraten versehen zu sein gearbeitet ist.
[NS.01_027,07] Nach diesem Gange folgen dann mehrere Rundreihen von Säulen, welche vom Boden angefangen bis unter die Tragbalken der Dachung reichen und diese tragen. Die Säulen sind verhältnismäßig massiv und stark, so daß eine Säule, im Durchschnitt genommen, einen Umfang von nicht selten drei bis vier Klafter hat.
[NS.01_027,08] Um jede Säule sind am Boden des Hauses recht bequeme und weich gepolsterte Rundbänke angebracht.
[NS.01_027,09] Um die große Mittelsäule aber führt ebenfalls eine Wendeltreppe bis auf den Dachboden hinauf und über demselben durch ein Dachtor auf die sogenannte Dachgalerie, welche dort das „Observatorium“ heißt (dem Zweck, nicht aber dem Wort nach genommen). Diese Galerie ist ebenfalls mit einem einfachen aber geschmackvollen Kleinsäulengeländer umfangen. Manchmal ist diese Galerie selbst noch mit einer Dachung versehen; auf den Hochflachländern aber ist dieses Observatorium gewöhnlich ohne Dachung. Der Grund liegt darin, weil es auf diesen Hochländern auch in der Sonne bei weitem kühler ist, als in den tiefer gelegenen.
[NS.01_027,10] Im Inwendigen des Hauses sind um die Rundsäulenbänke auch stets mehrere Tische angebracht. Die Tische aber sehen aus wie eine flache Schüssel und sind gewöhnlich je vier und vier um eine Säule und ruhen auf drei säulenartigen Füßen.
[NS.01_027,11] Unter dem Gang aber sind um die ganze Wandrundung herum recht geräumige Bänke in der Art eurer Sofas angebracht, auf welchen die Bewohner nach einer Arbeit auszuruhen pflegen. Auf den Tischen aber verzehren sie ihre Mahlzeit.
[NS.01_027,12] Aus den vielen Tischen könnt ihr auch sogleich darauf schließen, daß die Familie eines solchen Hauses ziemlich zahlreich ist. Hundert Menschen bewohnen im Durchschnitt fast allzeit ein solches Haus.
[NS.01_027,13] Im Hintergrunde eines solchen Hauses befindet sich ein prachtvoller Kasten, welcher mit ebensoviel Schubladen versehen ist, als in einem Hause Menschen wohnen. Eine jede Lade hat dasselbe Zeichen, welches das Namenszeichen eines jeden Menschen ist. Und somit hat dann ein jeder Mensch in seiner eigenen Lade dasjenige aufbewahrt, was er für seine Person in leiblicher und geistiger Hinsicht nötig hat.
[NS.01_027,14] Die leiblichen Notwendigkeiten sind das bißchen Gewand und sonstige notwendige Handwerkszeuge.
[NS.01_027,15] Fürs geistige Bedürfnis gibt es dort eine Art Bilderbücher, durch welche Bilder die Menschen alle gemachten Erfahrungen und Anschauungen aufzeichnen. – Wenn ein Mensch eine gewisse Anzahl solcher Bücher von Erfahrungen und Anschauungen gesammelt hat, so übergibt er sie einem Kollegium, unter welchem er allenfalls steht. Dort werden alle diese Erfahrungen und Anschauungen fein durchgeprüft; das Brauchbare wird dann in ein allgemeines Protokollbuch eingetragen, das Unbrauchbare und Kleinliche aber gewöhnlich durchgestrichen.
[NS.01_027,16] Sodann bekommt der Überbringer seine Bücher wieder gewisserart korrigiert zurück und schreibt oder zeichnet sich das Gebilligte in ein neues Buch, welches dann ein Hauptbuch eines Hauses ist. Die Tagebücher aber werden dann gewöhnlich vernichtet.
[NS.01_027,17] Hier muß das weibliche Volk ebendasselbe tun, was das männliche tut, und muß ebenfalls seine Erfahrungen und Anschauungen sorgfältig aufzeichnen und sodann auch gleich den Männern ein Hauptbuch führen.
[NS.01_027,18] Der Stammvater eines Hauses aber hat dann noch für sich ein Generalbuch, in welchem wieder alle Familienhauptbücher, sowohl des männlichen als auch des weiblichen Geschlechtes, jedoch bei weitem stärker abgekürzt, zusammengetragen sind. Für dieses Generalbuch hat er im Hintergrunde des Rundganges einen ziemlich großen Kasten angebracht, in welchen aber niemand schauen darf, außer allein der Stammvater, welcher zu gewissen Zeiten aus diesem Generalbuch Musterungen über alle anderen Hauptbücher hält.
[NS.01_027,19] Das ist sonach die Gestalt und die ganze Einrichtung eines Wohnhauses im nördlichen Gürtel.
[NS.01_027,20] Im südlichen Gürtel sehen die Häuser nahe geradeso aus; nur sind die Dächer nicht gespitzt, sondern abgerundet. So sind auch die Säulen nicht eckig, sondern rund. Das wäre sonach der ganze Unterschied.
[NS.01_027,21] Daß die Häuser des südlichen Gürtels etwas größer sind als die des nördlichen, könnt ihr daraus entnehmen, weil auch die Menschen des südlichen Gürtels, wie es schon erwähnt wurde, etwas größer sind als die des nördlichen.
[NS.01_027,22] Solches könnt ihr euch für beide Gürtel noch hinzumerken, daß die Bewohner dieser Gürtel ihre Häuser auch soviel wie möglich auf den erhabensten Punkten aufbauen. Wißt ihr solches, so sind wir mit den Häusern auch fertig und wollen uns daher sogleich zu den Kollegien wenden.
[NS.01_027,23] Was die Kollegien betrifft, so bestehen diese nicht etwa aus einem Gebäude, sondern je nachdem es der Flächenraum gestattet, manchmal aus hundert, manchmal auch aus tausend Gebäuden. Aber nicht alle Gebäude sind von gleicher Größe, sondern ihre Größe wie ihre Form bestimmen ihre Zweckmäßigkeit.
[NS.01_027,24] In der Mitte eines solchen Kollegiums aber ist allzeit das Hauptgebäude aufgeführt. Dieses Gebäude ist zugleich auch das größte und höchste unter allen anderen Gebäuden eines solchen Kollegiums.
[NS.01_027,25] Ein solches Hauptgebäude bildet immer ein langes Viereck; an jeder Ecke ist ein sehr hoher Turm erbaut, welcher zuoberst gewöhnlich ohne Dachung ist, damit vom selben aus nach allen Seiten hin Beobachtungen gemacht werden können. Das Gebäude selbst hat der Länge nach einen Durchmesser von nicht selten tausend Klafter eures Maßes; der Breite nach aber hat es höchstens nur fünfzig. Die Höhe eines solchen Hauptgebäudes beträgt manchmal bei hundertundfünfzig Klafter. – Das Dach des Gebäudes aber ist wenigstens noch um die Hälfte höher, und die Farbe desselben dunkelrosenrot, während die Wände des Gebäudes lichtviolett aussehen; die Wände der Türme aber sind lichtgrün.
[NS.01_027,26] Die Wände dieses Gebäudes sind nicht also geschlossen wie die der Häuser, sondern sind auf jeder Seite mit mehr denn fünfzig Klafter langen und bei zwei Klafter breiten Fenstern versehen, welche in verhältnismäßigen Entfernungen voneinander abstehen. Daher sind auch die Wände eines solchen Hauptgebäudes nicht durchsichtig, weil das Licht durch die Fenster in das Gebäude fällt. Die Fenster selbst aber sind nicht etwa offen, sondern sind ungefähr also wie bei euch die gotischen Fenster, mit einer Art elastischem, aber überaus wohldurchsichtigem und aus allerlei Farben zusammengesetztem Glase von der äußeren Luft abgesperrt.
[NS.01_027,27] Das Äußere eines solchen Hauptgebäudes bietet zwar einen imposanten Anblick durch seine kolossale Größe, ist aber dennoch im übrigen ganz prunklos.
[NS.01_027,28] Aber desto herrlicher sieht es innen aus; nur müßt ihr euch nicht die unbeschreiblich große Herrlichkeit eines Tempels etwa der ersten oder zweiten Art im Hauptgürtel vorstellen, sondern ihr müßt die Herrlichkeit an und für sich betrachten. Denn wenn ein Licht auch nicht die Stärke des Sonnenlichtes hat, so kann es aber an und für sich doch schön sein, wenn es nur ein gleichmäßiges und ruhiges Licht ist. – Also verhält es sich auch mit der innern Pracht eines solchen Kollegialhauptgebäudes.
[NS.01_027,29] Der Eingang in dieses Gebäude ist ebenfalls nicht sogleich zu ebener Erde angebracht, sondern in der Mitte einer engen Seite dieses Gebäudes ist ebenfalls ein großartiger Altan angebracht, auf welchen man über mehrere Stufen gelangt. Der Altan selbst ist ein ziemlich geräumiger, viereckiger Platz, mit einer Dachung versehen, welche auf mehreren viereckigen, weißen Säulen ruht. Über diesen Altan gelangt man erst zu einem zwanzig Klafter hohen Eingangstor (welches ebenfalls auf- und zugemacht werden kann). Innerhalb des Gebäudes führt dieser Altan (welcher innerhalb des Gebäudes breiter ist als außerhalb) bei zwanzig Klafter vorwärts ebenaus; sodann erst führen zwei Reihen Stufen hinab in das eigentliche Gebäude selbst.
[NS.01_027,30] In der Mitte der beiden Stufen(-reihen) aber verlängert sich der Altan in seiner Drittelbreite bis zum andern Ende des Gebäudes und bildet so einen Mittelgang. Links und rechts aber gehen dann ebenfalls in gleicher Höhe zwei breite Gänge und verbinden sich sowohl in der Mitte des Gebäudes wie am Ende desselben mit dem Mittelgange. Diese Gänge sind ungefähr zehn Klafter hoch über dem gewöhnlichen Boden und ruhen auf lauter viereckigen Säulen, welche in Entfernungen von fünf Klaftern voneinander abstehen. – Daß sowohl der Mittelgang als die beiden Seitengänge mit sehr geschmackvollen Geländern versehen sind, braucht kaum mehr erwähnt zu werden. Die Geländer werden von kleinen, lichtgrünen, halbdurchsichtigen, achteckigen Säulchen getragen.
[NS.01_027,31] Der Boden des Altans wie der Gänge selbst ist also verfertigt wie ein Mosaik und bietet die mannigfaltigsten Gestaltungen dar und ist dabei so fein poliert wie ein Spiegel bei euch. – Also poliert ist auch alles andere eines solchen Gebäudes.
[NS.01_027,32] Zwischen dem Mittelgange und den beiden Wandgängen laufen zwei Reihen großer Säulen, welche sowohl die Decke wie auch die Dachung des Gebäudes tragen.
[NS.01_027,33] Zuunterst im Gebäude selbst aber sind rings um eine jede solche Säule ebenfalls Ruhebänke angebracht, welche von einem elastisch glänzendroten Stoffe angefertigt sind. Um diese Ruhebänke sind ebenfalls ähnliche Tische angebracht, wie wir sie schon in den Wohnhäusern kennengelernt haben.
[NS.01_027,34] In der Mitte eines solchen Gebäudes zwischen dem Mittelgang und der Hauptsäulenreihe aber sind zwei parallel miteinander bei hundert Klafter lang fortlaufende Tische gestellt, um welche eine große Menge beweglicher Lehnstühle gestellt sind.
[NS.01_027,35] Anstelle der Tische, und zwar zwischen den Säulen, welche den Mittelgang tragen, befindet sich, sooft eine Säule kommt, ein großer Kasten, in welchem die Hauptbücher aufbewahrt sind. – Vor dem Kasten befindet sich auch eine bewegliche, zierlich gearbeitete Staffelei, um mittels derselben zu jedem Fach des Kastens bequem gelangen zu können.
[NS.01_027,36] Ihr müßt euch aber nicht denken, daß diese Kästen etwa aus Holz verfertigt sind, sondern aus einer Art rotem Golde, welches an Glanz alles übertrifft, was ihr nur je Glänzendes geschaut habt. Diese Kästen sind auch überaus zierlich gearbeitet und zwischen den weißen Gangsäulen so wohlgeordnet angebracht, daß sie der Architektur durchaus keinen Eintrag machen.
[NS.01_027,37] Unter den Seitengängen längs der Wand, und zwar zwischen einer jeden Gangsäule, befindet sich ebenfalls wieder ein solcher Kasten aus hochgelbem Golde angefertigt; nur ist ein jeder solcher Kasten gut noch einmal so breit als einer zwischen den Säulen des Mittelganges. Diese Kästen, welche sich um die Wand des ganzen Gebäudes ziehen, sind das Archiv; und in manchem Hauptgebäude gibt es deren über zweitausend, und ein jeder solcher Kasten hat nicht selten bei tausend Fächer, von denen ein jedes manchmal bei zweitausend Bücher faßt. Wenn ihr solches miteinander multipliziert, so dürftet ihr eine ziemlich starke Bibliothek herausbringen; nur sollt ihr euch darunter keine eurer Folianten denken; sondern ein solches Buch besteht im höchsten Fall nur aus zehn Blättern, wobei auf jedem Blatte mehrere allgemeine Bilder vorkommen, ein jedes Bild aber so viel in sich faßt, daß, wenn ihr dasselbe mit eurer Sprache beschreiben wolltet, ihr damit sicher tausend Folianten anfüllen würdet; einen jeden Folianten zu fünftausend Seiten genommen.
[NS.01_027,38] Aus diesem könnet ihr schon einen kleinen Schluß machen, wieviel Weisheit oft in einem solchen Hauptkollegialgebäude steckt. Wenn ihr aber noch dazu annehmen wollt, daß auf einem solchen Sonnengürtel bei fünf Millionen solcher Hauptkollegialgebäude stehen, so möget ihr dann zusammenmultiplizieren, wie viele Folianten Weisheit, nach eurer Schrift gerechnet, in den beiden Gürteln stecken.
[NS.01_027,39] Und dennoch ist alle diese Weisheit nicht ein Tropfen gegen die Weisheit eines einzigen Mannes, der da den Hauptgürtel der Sonne bewohnt. Und diese wieder kaum ein Tropfen zur Weisheit eines obersten Priesters dieses Gürtels, der seine Weisheit schon aus der Liebe schöpft. Und dessen Weisheit selbst wieder ist kaum ein winziger Tropfen nur zur Weisheit des allergeringsten Kindleins Meiner Liebe! – Wo ist dann erst die Weisheit der schon vollendeten Einwohner der Himmel, und wo endlich erst die Meinige?!
[NS.01_027,40] Kurz, lassen wir die Weisheit ruhen in diesen Archiven und beschauen noch ein wenig die übrige Einrichtung dieses Hauptgebäudes.
[NS.01_027,41] Die Decke dieses Gebäudes ist ein dreifaches Gewölbe von großer Festigkeit und hat ebenfalls die glänzende Farbe von lichtrotem Gold. Die Wände selbst sind blau und überaus fein poliert. Von der Decke herab bis zur Hälfte der Höhe des Gebäudes hängen an dicken, weißen Stricken weiße Leuchtkugeln, welche zwar kein eigenes Licht haben, aber durch ihren vielkantigen Schliff und ihre überaus feine Politur brechen sie das von den Fenstern aufgefangene Licht in den mannigfaltigsten Farben und gewähren dadurch dem Innern des Gebäudes einen überaus prachtvollen Anblick.
[NS.01_027,42] Die Gänge sind an den Wänden ebenfalls ununterbrochen fort mit wohlgepolsterten Bänken versehen, damit sich auf denselben die Lustwandelnden wieder erquicken können, wenn sie vom Herumgehen etwas müde geworden sind.
[NS.01_027,43] Das ist sonach die ganze Einrichtung eines solchen Hauptkollegialgebäudes. Nur an der Ecke eines solchen Gebäudes ist noch allenthalben eine kleine Tür angebracht, durch welche man in die Türme gelangen kann.
[NS.01_027,44] Die Türme selbst haben in ihrem Inwendigen gar nichts aufzuweisen als eine bequeme Treppe von einem Turmboden auf den andern. Diese Böden sind darum angebracht, damit bei der Besteigung eines Turmes niemand höhescheu wird. Damit ihr euch aber solches desto leichter versinnlichen könnt, so denkt euch einen nahe bei tausend Klafter hohen Turm, welcher inwendig je von zehn bis zu zehn Klaftern durch einen Querboden etagenförmig abgeteilt ist, wo dann jeder Stock mit dem andern durch eine mit einem Geländer versehene Treppe verbunden ist.
[NS.01_027,45] Denkt euch noch dazu, daß ein solcher viereckiger Turm einen Umfang von vierhundert Klaftern hat, so könnt ihr euch schon von einem solchen Gebäude einen kleinen Begriff machen. – Daß auch jeder Turm für jeden Stock mit wenigstens drei Fenstern versehen ist, versteht sich schon von selbst, indem auch die Wände des Turmes undurchsichtig sind.
[NS.01_027,46] Das ist alles. Nächstens wollen wir noch die übrigen Gebäude ein wenig durchblicken und zugleich auch einen Blick auf den südlichen Gürtel werfen. Und so lassen wir es für heute wieder gut sein!
28. Kapitel – Kunst- und wissenschaftliche Gebäude in den Gemeinschaftssiedlungen.
[NS.01_028,01] Was da die anderen Gebäude eines Kollegiums betrifft, so sind sie von den anderen (Einzel-)Wohnhäusern nur dadurch unterschieden, daß ihre Wände mit Fenstern durchbrochen sind; die Wände aber sind darum, wie bei dem Hauptgebäude, undurchsichtig. Die Gestalt der Fenster an den anderen Kollegialgebäuden ist gewöhnlich die eines Halbkreises; nur an sehr wenigen Gebäuden sind auch wohl entweder ganz runde oder sechseckige Fenster angebracht.
[NS.01_028,02] Die Dächer der Nebengebäude sind auch nicht so hoch wie die Dächer der gewöhnlichen Wohnhäuser, sondern mehr stumpf und nieder. Auf einigen Kollegialgebäuden haben die Dächer eine Kuppelform, – und so gibt ein solches Kollegium dann so ziemlich den Anblick einer ziemlich bedeutenden Stadt.
[NS.01_028,03] Das Äußere eines solchen Kollegiums ist gewöhnlich mit einem ziemlich hohen Ringwall umfangen, auf welchem mehrere Türme angebracht sind, welche zu allerlei Beobachtungen dienen. In einem solchen Kollegium befindet sich gewöhnlich auch ein Theater; aber nicht etwa in der Art, wie bei euch, sondern dieses Theater ist vielmehr ein bildliches Darstellungshaus von den verschiedensten Erfahrungen, welche ein oder der andere Mensch gemacht hat. Die Darstellung geschieht auf eine bildliche Weise, und es wird dann eine Gegend, in welcher der Darsteller die Erfahrung gemacht hat, treulich dargestellt. Denn solches muß hier noch hinzu erwähnt werden, daß die Bewohner dieses Gürtels vorzugsweise große Freunde der bildenden Kunst sind. Daher ist auch, mit höchst seltenen Ausnahmen, fast ein jeder Bewohner dieses Gürtels ein recht tüchtiger Maler. Denn die Malerei ist daselbst auch die einzige Art zu schreiben; nur ist es jedem zur Pflicht gemacht, daß er die Natur treulich nachzuahmen versteht.
[NS.01_028,04] Wenn ihr nun dieses wisset, so wird euch um so leichter begreiflich sein, auf welche Weise allda das Theater gehandhabt wird; denn es besteht in nichts anderem als in lauter wohlgelungenen, bildlichen Darstellungen, welche gewöhnlich um die ganze Rundung angebracht werden, wonach dann das ganze Theater so aussieht, wie bei euch ein großes Rundgemälde, durch welches eine ganze Stadt oder eine andere merkwürdige Gegend zur Beschauung dargestellt wird. Nur müßt ihr euch natürlicherweise ein solches Rundgemälde auf unserem Gürtel um ein sehr bedeutendes größer vorstellen als ein ähnliches Rundgemälde bei euch auf der Erde. Denn ein solches Theater in einem solchen Kollegium hat wenigstens einen Umfang von drei- bis vierhundert Klaftern und ist nicht selten bei fünfzig Klafter hoch.
[NS.01_028,05] Ihr möchtet aber dieses Gebäude vielleicht ein wenig näher kennenlernen. Solches soll denn auch geschehen. – In dieses Theatergebäude kann man nicht also wie in die anderen Wohnhäuser gelangen, sondern der Eingang ist ein unterirdischer. Daher ist auf einer Seite dieses Theatergebäudes eine Art Vorsprung angebracht, ungefähr so, wie eine sogenannte Seitenkapelle bei einem eurer Bethäuser. In dieser Kapelle ist eine Nische von bedeutender Vertiefung von etwa drei Klaftern eingehöhlt. Am Ende der Nische ist dann erst das Tor angebracht, dessen Flügel nach auswärts zu öffnen sind. Von diesem Tor führt dann eine ziemlich breite Treppe abwärts, wie in einen Keller bei euch, und das ungefähr in eine Vertiefung von sieben Klaftern. Wenn die Treppe dann die meiste Vertiefung erreicht hat, erhebt sich bald eine andere Treppe, auf welcher man gerade in der Mitte des Theatergebäudes wieder emporkommt.
[NS.01_028,06] Das Theatergebäude ist aber inwendig, ungefähr drei Klafter von der Wand abstehend, mit einer Säulenreihe versehen, welche fürs erste die Decke des Theaters, wie die Dachung desselben, tragen hilft; sodann aber trägt diese Säulenreihe etwa drei Klafter hoch über dem Boden auch einen geräumigen und zierlichen mit Geländern wohlversehenen Gang, von welchem aus man eigentlich am allerbesten die Darstellung übersehen kann.
[NS.01_028,07] In der Mitte des Theatergebäudes, ungefähr eine gute Klafter von der Aufgangspforte entfernt, ist noch eine überaus starke Säule angebracht, welche ebenfalls die Decke und die Dachung tragen hilft, aber sonst vom Boden angefangen bis zur Decke hinauf mit einer Wendeltreppe versehen ist.
[NS.01_028,08] Hinter dieser Säule ist noch eine kleinere Säule gestellt, welche ebenfalls bis an die Decke reicht. Von der Hauptmittelsäule, etwa fünf Klafter von der Decke entfernt, ist dann wieder ein Gang über die zweite Säule, von dieser zu einer Reihensäule und von der Reihensäule bis an die Wand des Theatergebäudes errichtet, – auf welchen Gang man eben über die schon erwähnte Wendeltreppe der mittleren Hauptsäule gelangen kann.
[NS.01_028,09] In der gleichen Höhe dieses Ganges ist dann um die ganze Wand des Theatergebäudes ein etwa anderthalb Klafter breiter Gang gezogen, welcher natürlicherweise ebenfalls wieder mit einem Geländer versehen ist. Dieser Gang wird nicht durch Säulen unterstützt, sondern statt der Säulen sind schräge Wandstützen wie eine Art Büge angebracht, welche diesen Gang tragen.
[NS.01_028,10] Ihr fraget: Wozu dient denn dieser Gang? – Er dient zu nichts anderem, als daß auf seinem Geländer, welches nach außen mit zweckmäßigen Haken versehen ist, das Rundgemälde aufgehängt wird, welches dann von diesem Geländer gewöhnlich bis zum Boden hinabreicht und somit nicht selten eine Höhe von achtzig bis über hundert Klafter hat.
[NS.01_028,11] Ihr werdet wieder fragen: Wie bringt man denn ein solch großes Gemälde durch die eben nicht zu große Eingangspforte dahin? – Solches geschieht partien- oder streifweise, wobei ein jeder Streifen etwa eine Breite von drei Klaftern hat. Diese Streifen werden ordnungsmäßig nebeneinander auf dem Geländer jenes Wandganges aufgehängt und bieten dann ein vollkommenes Ganzes.
[NS.01_028,12] Werden sie wieder abgenommen, so werden sie wieder zusammengerollt und aus dem Theatergebäude in das sogenannte Theaterbibliothekgebäude gebracht; oder dem Darsteller steht es auch frei, ein solches Theaterstück mitzunehmen, besonders dann, wenn seine dargestellte Erfahrung keinen großen Beifall hatte.
[NS.01_028,13] Poetische Werke haben bei ihnen auch einen größeren Wert als gewisserart prosaische. – Was verstehen aber diese Menschen unter prosaischen und poetischen Stücken? – Ein prosaisches Stück ist ein solches, durch welches ein Darsteller seine eigenen Erfahrungen aus dem gewöhnlichen Leben darstellt. Haben diese Erfahrungen durchaus nichts Ausgezeichnetes und besonders Belehrendes in sich, so werden sie dem Darsteller ohne weiteres wieder zurückgegeben, und es wird ihm dabei bemerkt, daß dergleichen Vorstellungen nicht in dieses Haus gehören, in welchem nur solche Dinge vorkommen sollen, durch welche die Weisheit des menschlichen Geistes bereichert werden solle. Haben aber solche prosaische Werke außergewöhnliche Szenen aufzuweisen, so werden dann diese Szenen aufgenommen; aber das Gewöhnliche wird dem Darsteller wieder zurückgegeben. – Poetische Werke aber sind diejenigen, welche nicht aus dem Bereich der Erfahrungen gemacht werden, sondern nur Erzeugnisse geistiger Phantasie sind. Ein solches Stück bleibt dann auch gewöhnlich eine bedeutend lange Zeit zur Anschauung ausgestellt.
[NS.01_028,14] Warum aber werden solche poetischen Werke also geliebt? – Weil sie seltener sind, besonders bei den Bewohnern dieses Gürtels; denn die Weisheit ist an und für sich durchaus arm an freier Phantasie, indem das Reich der Phantasie nur ein Eigentum der schöpferischen Liebe ist. Daher trifft hier bei der Darstellung eines solchen poetischen Werkes allzeit der euch bekannte Wahlspruch ein: „Wann die Großen bauen, so haben die Kleinen vollauf zu tun!“ – So wird auch hier bei einem solchen poetischen Werk über alle Maßen geweissagt, – und ein jeder findet etwas anderes darinnen, welches dann allezeit eine gute Konversation absetzt, welche dann eine Lieblingsunterhaltung der Menschen dieses Gürtels ist.
[NS.01_028,15] Das ist also das Wesentliche eines solchen Theatergebäudes; nur würde hier vielleicht irgendein feiner Kritiker fragen und sagen: „Zuoberst an den Wänden ist ein Gang, von dem Gange herab hängt bis auf den Boden das Rundgemälde, die Wände sind undurchsichtig, und an der Decke ist auch nirgends eine Öffnung angebracht. Da somit allfällige Fenster offenbar durch das Gemälde allenthalben verdeckt sein müssen, so bitten wir den Verfasser, daß er uns in dieses Theatergebäude auch ein Licht bringe; sonst werden wir von den Gemälden eben nicht gar viel zu sehen bekommen.“
[NS.01_028,16] Nur eine kleine Geduld, es wird gleich des Lichtes genug kommen. – Es ist schon bei euch auf der Erde eine eigene Art, gewisse theatralische Dekorationen zu malen. Sehet, etwas Ähnliches ist auch hier der Fall; aber das Malen besteht darum nicht in einer Art theatralischer Patzerei; sondern diese theatralische Malerkunst besteht hier darin, daß das Gemälde mit einer Art selbstleuchtender Farben dargestellt wird. Diese Farben sind zugleich die lebhaftesten und dauerhaftesten; denn jede Farbe in der Sonne, wenn sie nicht ein eigenes Licht hat, stirbt bald ab; wenn sie aber ein eigenes Licht hat, dann trägt sie gewisserart in sich selbst die Waffe, um mit derselben gegen das zerstörende Einfallen des äußeren Lichtes zu kämpfen.
[NS.01_028,17] Sehet, das ist die Beleuchtung eines solchen Theaterstückes. Und so hat das Theater zwar wohl Fenster, diese dienen aber nur dazu, um beim Aufrichten eines Stückes zu sehen. Wann aber das Stück aufgerichtet ist, werden sorgfältig alle Fenster verschlossen, damit der Reiz eines solchen Gemäldes ja durch keinen andern Lichtstrahl beeinträchtigt wird.
[NS.01_028,18] Obschon aber diese Farben in der Sonne eben nicht so schwer zu bearbeiten sind, so ist dennoch viel Übung erforderlich, um mit denselben so malen zu können, daß da überall, wie ihr zu sagen pflegt, Schatten und Licht gehörig verteilt werden. Mit nicht selbstleuchtenden Farben ist die Schattierung freilich wohl um vieles leichter zu bewirken; aber mit selbstleuchtenden Farben ist das Schattieren einer nicht unbedeutenden Schwierigkeit unterworfen. Doch solches haben besonders die Kollegialmaler unseres Gürtels so sehr in der Übung, daß es ihnen ein leichtes ist, ein ganzes solches Rundgemälde im Verlaufe von einem Jahre, nach eurer Zeitrechnung, auszufertigen.
[NS.01_028,19] Damit ihr euch aber auch einen kleinen Begriff machen könnt, wie ein solches Malen vor sich geht, so mache Ich euch auf eine Art Malerei auf eurer Erde aufmerksam, welche mit dieser Art Lichtmalerei auf unserem Sonnengürtel große Ähnlichkeit hat. Und diese Malerei auf eurer Erde ist die sogenannte Porzellanmalerei, wobei auch mit Farben gemalt wird, die in ihrem rohen Zustande äußerst dumpf und einförmig erscheinen. Wenn aber dann ein solch bemaltes Geschirr wieder in die Glühhitze kommt, so treten in derselben die schönen Farben erst hervor.
[NS.01_028,20] Sehet, also werden auch diese Theaterstücke gemalt. Sind die Streifen gemalt, so werden sie mit einer Art Lack überzogen. Ist solches geschehen, so fangen erst die Farben an wie lebendig hervorzutreten, und das durch die Nötigung des überall freien Sonnenlichtes, welches von diesen ursprünglich stummen Farben aufgesogen und dann für immer sehr lebhaft behalten wird.
[NS.01_028,21] Das ist somit alles, was von einem solchen Kollegialtheater besonders bemerkenswert ist.
[NS.01_028,22] Was die anderen Gebäude eines solchen Kollegiums betrifft, so dienen sie einesteils zu Wohnungen für die Weisheitslehrer, teils aber auch für Sammlungen von allerlei Denkwürdigkeiten und kleineren Gemälden.
[NS.01_028,23] Daß diese Kollegialgebäude gewöhnlich allezeit in einem länglichen Kreise um das Hauptgebäude herumgestellt sind, ist noch das einzige, was uns darüber zu bemerken übrigbleibt. Und daß solche Kollegien gewöhnlich an den Ufern kleiner Seen und auf dem Hochflachlande auch an den Ufern bedeutender Flüsse angebaut werden, kann auch noch hinzubemerkt werden.
[NS.01_028,24] Für den südlichen Gürtel braucht ihr nichts anderes, als euch alles das mehr gerundet und auch etwas mehr vergrößert vorzustellen, so habt ihr alles, was in dieser Hinsicht auch der südliche Gürtel faßt.
[NS.01_028,25] Nächstens wollen wir zu der Landeskultur dieser beiden Gürtel übergehen; und so können wir es für heute wieder gut sein lassen!
29. Kapitel – Bodenkultur und Tierwelt im ersten Nebengürtelpaar.
[NS.01_029,01] Was die Landeskultur betrifft, so wird diese allda in drei verschiedene Klassen eingeteilt, nämlich in die Kultur der Uferländer, in die Kultur der Hügel und in die Kultur des Hochflachlandes.
[NS.01_029,02] Worin besteht denn die Kultur der Uferländer? – Die Kultur der Uferländer besteht in dem, daß allda vorzugsweise die Kollegialbewohner diejenigen Anpflanzungen von allerlei wohlgenießbaren Früchten zu bewerkstelligen suchen, die in entsprechender Hinsicht in diesem mehr Feuchtigkeit haltenden Boden am besten gedeihen.
[NS.01_029,03] Zu derartigen Pflanzungen gehört vorzugsweise die Baumzucht. – Wie wird aber ein oder der andere Baum hier gepflanzt und gezogen? – In dem Hauptgürtel haben wir in dem lediglichen Willen des Menschen das Samenkorn für zahllos verschiedenartige Gewächse gesehen. Ist dieses auch in diesem Nebengürtel der Fall? – Ich sage hier nicht ganz ja und nicht ganz nein. Die Folge aber wird zeigen, wie solches vor sich geht.
[NS.01_029,04] Auch in diesem Gürtel hat die ganze Pflanzenwelt zwar keinen Samen; aber auch die Bewohner haben in ihrem schwächeren Willen den Samen nicht. Dessenungeachtet aber hängt es doch sehr vom Willen der Menschen ab, wo sie irgendeine Pflanze oder einen Baum haben wollen. – In diesem Gürtel ist zwar schon von Mir aus für das Wachstum der Pflanzen gesorgt, und es kann niemand eine andere Pflanze zum Vorschein bringen als diejenigen nur, welche für diesen Gürtel bestimmt sind. Aber die für diesen Gürtel bestimmten Pflanzen können die Menschen dann wohl durch einen gewissen Grad von Handtätigkeit und vorzugsweise aber durch ihren Willen dem Boden entlocken.
[NS.01_029,05] Solche Art der Pflanzenhervorbringung wird dort die Primitivkultur genannt, welche aber gewöhnlich nicht jedermann zu bewirken vermag; sondern solches vermögen nur einige, sich eigens diesem Zweige widmende, willensstarke Weise.
[NS.01_029,06] Die andern Einwohner dieser Gürtel aber betreiben gewöhnlich die Zweit- oder Sekundärkultur, welche darin besteht, daß sie Reiser und Zweige von den vorhandenen Bäumen nehmen und sie in das Erdreich stecken, ungefähr so, wie bei euch die Weidenbäume und die Reben angepflanzt werden.
[NS.01_029,07] Wie wird aber bei der Primitivkultur verfahren? – Der Anpflanzer hat einen spitzigen Stab. Diesen Stab stößt er ungefähr eine halbe Klafter tief in den Boden, nimmt dann ein Gefäß mit Wasser, welches er zuvor einige Male anhaucht, schüttet dann das Wasser tropfenweise in das gemachte Loch, und wenn er das Wasser verbraucht hat, betet er zu Gott, dem Allerhöchstweisen, daß Er an dieser Stelle eine oder die andere Pflanze möchte wohl fruchtbringend dem Boden entkeimen lassen. Sodann stellt er sich eine Zeitlang über die Öffnung also, daß dieselbe gerade unter seinem etwas vorgeneigten Haupt zu stehen kommt; fixiert dieselbe, nach eurer Rechnung bei einer Stunde lang. Darauf entfernt er sich und macht wieder mit seinem Stabe in guter Ordnung ein zweites solches Loch in das Erdreich und tut dasselbe wie beim ersten, – und fährt dann so fort, bis er die ihm vorbestimmte Zahl von einer und derselben Baumgattung angepflanzt hat.
[NS.01_029,08] Ist er mit der ganzen Arbeit fertig, so dankt er Gott, dem Allerhöchstweisesten, für die ihm verliehene Kraft, Geduld und Ausharrung, segnet dann die Anpflanzung und überläßt dann alles dem Willen Gottes und begibt sich nach Hause.
[NS.01_029,09] Im Verlaufe eines Jahres, nach eurer Rechnung, stehen da auch schon mit Früchten beladene Bäume, wo er sie angepflanzt und welche Art er bei der Anpflanzung in seinem Willen hatte. Solche durch die primitive Pflanzungsart hervorgebrachten Bäume sind die allerdauerhaftesten, so daß mancher nicht selten ein Alter von mehr als tausend Jahren, nach eurer Rechnung, erreicht.
[NS.01_029,10] Auf dieselbe Weise aber, wie da die Bäume angepflanzt werden, so werden auch andere kleinere Pflanzen, wie auch das Kleingras, angepflanzt. Nur hat man da zur Belöchelung des Erdreiches dann ein anderes Werkzeug. Dieses besteht in einer Art Walze, welche mit vielen Spitzen versehen ist. Diese Walze wird nun über den Boden dahingerollt. Hinter der Walze aber geht dann ein gewöhnlicher Primitivpflanzer mit einem tüchtigen Gefäß voll angehauchten Wassers einher, welches Gefäß ungefähr also gestaltet ist, wie eure Spritz- oder Gießkannen. Mit diesem Gefäß begießt er sorgfältig das belöcherte Erdreich. Und ist dann eine vorbestimmte Strecke also bebaut worden, so betet er dann über die ganze Strecke und tut gewisserart im allgemeinen dasjenige, was er bei der Anpflanzung eines jeden Baumes besonders tut. Und nach drei Tagen eurer Rechnung ist die ganze also bebaute Strecke voll bewachsen mit derjenigen Art von Pflanzen, welche der Anpflanzer hier haben wollte.
[NS.01_029,11] Auf dieselbe Weise werden auch weitgedehnte Strecken mit edlem Grase angepflanzt. – Eine Art Gras aber, welches dort das wilde oder unedle genannt wird, sowie auch einige Arten unedler Kleinpflanzen entwachsen hier und da gewisserart von selbst dem Boden und dienen dem hier sparsamen Tierreich zur Nahrung.
[NS.01_029,12] Also ist die Primitivanpflanzung beschaffen und ist vorzugsweise eine Eigenart der Ufergegenden, welche zumeist ein Eigentum der Kollegialbewohner sind.
[NS.01_029,13] Worin besteht hernach die Hügelkultur? – Die Hügelkultur besteht lediglich in der Baumkultur – und zwar im Wege der sekundären Anpflanzung; Kleinpflanzen aber kommen da gewöhnlich nicht vor.
[NS.01_029,14] Was aber die Baumfrüchte betrifft, so werden diese durch die sekundäre Anpflanzung gewisserart veredelt und werden dann auch viel größer und wohlschmeckender als die der Primitivanpflanzung.
[NS.01_029,15] Unter den verschiedenen Bäumen will Ich euch bloß einen als den beachtenswertesten etwas näher bezeichnen. Dieser Baum wächst nicht so sehr hoch; aber desto mehr breitet er sich am Boden aus. Sein Hauptmittelstamm erreicht nicht selten eine Höhe von höchstens vier Klaftern eures Maßes, treibt aber von diesem seinem massiven Stamme nach allen Seiten strahlenförmig hundert bis zweihundert Klafter lange Äste von sich, welche immerwährend strotzen von überaus wohlschmeckenden, reifen Früchten, welche ungefähr so aussehen, wie bei euch die größte Gattung der Trauben. Diese Frucht ist überaus wohlschmeckend süß, aber nicht also saftig wie eure Trauben; sondern ungefähr so wie die Melonen bei euch. Die Frucht ist zugleich die Hauptnahrung der Bewohner dieses Gürtels und ist darum auch die allgemeinste, weil der Baum allenthalben überaus gut fortkommt.
[NS.01_029,16] Was die anderen Bäume betrifft, so sind ihre Früchte mehr üppige Leckereien, denn eigentliche Nahrung. – Ihr werdet wohl fragen: Haben denn diese Menschen kein Brot, wie es bei euch auf der Erde vorkommt? – Nein, dergleichen Brot ist daselbst nirgends anzutreffen; aber an dessen Stelle trocknen sie den Überfluß der vorbeschriebenen Baumfrucht, und diese trockene Frucht vertritt dann die Stelle des Brotes.
[NS.01_029,17] Also ist die Landeskultur der Hügel beschaffen, wozu höchstens noch erwähnt werden kann, daß solche Hügelbewohner, um ihre Gründe zierlicher zu machen, das frei wachsende Gras gewisserart kultivieren, welches sie durch dessen fleißiges Abschneiden bewirken. Dadurch sehen oft solche Hügel dann gerade also aus, als wenn sie mit grünem Seidensamt überzogen wären.
[NS.01_029,18] Das ist demnach aber auch gänzlich alles, was da betrifft die Kultur der Hügel. Und so hätten wir nur noch die Kultur des Hochflachlandes vor uns. Mit dieser werden wir jedoch gar bald fertig werden; denn die ganze Kultur der Hochflachländer unterscheidet sich von den zwei bisher bekannten in gar nichts anderem, als daß auf diesen Hochflachländern die Früchte der Primitivkultur nicht genossen werden, sondern nur allein die von der Sekundärkultur.
[NS.01_029,19] Aus dem Grunde werden allda zum Zwecke der Primitivkultur gewisserart nur Baum- und Pflanzschulen angelegt, von denen dann die Reiser auf die schon bekannte Art weiterverpflanzt werden. Nur das Gras wird auf den Hochflachländern allenthalben durch die Primitivkultur gezogen.
[NS.01_029,20] Und somit hätten wir auch schon die Kultur des Hochflachlandes dargetan, wozu noch höchstens das bemerkt werden kann, daß die Früchte auf dem Hochflachland bei weitem die edelsten, wie auch die Bewohner dieses größten Landes dieser beiden Gürtel die weisesten und edelsten sind.
[NS.01_029,21] Ihr werdet hier wohl fragen: Auf die Art, wie das Hochflachland bebaut und bewohnt ist, werden sich allda wohl wenig Tiere vorfinden? – Ja, ihr habt auch recht; denn außer einigen wenigen kleinen Singvögeln gibt es durchaus keine Tiere. Aber auf den unteren Ländern gibt es wohl auch eine Art roter Ziegen und weißer Schafe. Die Schafe werden von den Einwohnern gezogen, hier und da wohl auch die Ziegen; aber im allgemeinen nicht.
[NS.01_029,22] Ganz zuunterst an den Ufern des großen Ringmeeres gibt es auch eine Art Kühe, welche aber vielmehr aussehen wie etwa ein Riesenschaf. Die Kollegialbewohner machen auch öfter Jagd auf sie und suchen sich derselben lebendig zu bemächtigen, welche Jagd sie aber allezeit ein tüchtiges Stück Arbeit kostet. Denn diese Kühe, wenn sie auch nicht bösartig sind, sind dennoch außerordentlich schnell zu Fuße, und es braucht viel Klugheit, um ein solches Tier ins Garn zu bekommen.
[NS.01_029,23] So mager aber das Land an Tieren ist, so wimmelt es doch in dem großen Ringmeer von allerlei Wassertieren. Und die hier und da in diesem Meer vorkommenden bedeutenden Inseln sind von ganzen Heeren der mannigfaltigsten Vögelgattungen bewohnt. Aus dem Grunde verfügen sich auch bei ruhigen Zeiten besonders die Kollegialeinwohner gern hinab zu den Ufern des großen Ringmeeres und beobachten da, soweit sie nur mit ihren Augen reichen können, die mannigfaltigen Lebewesen der großen Gewässer.
[NS.01_029,24] Das ist sonach alles, was zur Kultur dieser beiden Gürtel gehört, welche in beiden Gürteln ganz eine und dieselbe ist; nur ist der südliche Gürtel in allem an Größe etwas ausgezeichneter als der nördliche.
[NS.01_029,25] Und somit wären wir mit diesem Artikel auch wieder zu Ende. – Nächstens wollen wir zur häuslichen und sodann auch zur geistigen und religiösen Verfassung übergehen. – Und damit gut für heute!
30. Kapitel – Häusliche Verfassung auf dem ersten Nebengürtelpaar. – Peinliche Ordnung und
Weisheitskrämerei der Bewohner.
[NS.01_030,01] Was die häusliche Verfassung betrifft, so ist diese einerseits sehr einfach, anderseits aber dennoch wieder sehr kompliziert. – Wie ist solches wohl möglich, daß ein und derselbe Zweig auf der einen Seite einfach, auf der andern Seite aber kompliziert erscheinen kann? Es ist nichts leichter als das; denn es gehört dazu nur die rechte Erkenntnis, und dieser zufolge kann kein Ding anders betrachtet und erkannt werden, als so, daß es einerseits ganz einfach, anderseits aber dennoch wieder überaus kompliziert erscheinen muß.
[NS.01_030,02] Nehmet zum Beispiel nur einen Apfel, besehet ihn von außen, – und er wird euch unmöglich anders als höchst einfach und monoton vorkommen. Öffnet ihn aber und untersucht alle seine Teile mikroskopisch, so werdet ihr diesen ganz einfachen Apfel so vielfach kompliziert erblicken, daß euch von der Fülle seiner Teile zu grauen und zu schwindeln anfangen wird.
[NS.01_030,03] Sehet, ebenso verhält es sich mit der häuslichen Verfassung unserer Gürtelbewohner. Wenn ihr zu einem Hause kommen und dasselbe samt seinen Bewohnern einen Zeitraum von zehn Jahren beobachten möchtet, so würdet ihr fast nichts anderes als ein sich immer wiederholendes Einerlei erblicken und dieses noch dazu so einfach und einfältig, wie nur immer möglich, – so zwar, daß euch ein Taubenschlag auf der Erde mehr Abwechslung bieten dürfte als ein solches Wohnhaus mit seinen Bewohnern.
[NS.01_030,04] Aber nicht also sieht es im Innern aus; denn dort ist wieder alles so kompliziert und bedeutungsvoll, daß es euch schon bei der kleinsten Sache zu schwindeln anfangen würde, wenn euch ein solcher Hausvater dieselbe auseinandersetzen und euch alle die geheimen und wichtigen Bedingungen erschließen möchte, welche alle allerpünktlichst von dieser Kleinigkeit abhängen.
[NS.01_030,05] Damit ihr euch davon einen genügenden Begriff machen könnt, wie eine solche Haushaltung auf ihrer komplizierten Seite eingerichtet ist, will Ich euch zum hinreichenden Überfluß nur ein paar recht augenscheinliche Beispiele kundgeben.
[NS.01_030,06] Ihr wißt auch etwas von der Symmetrie und vom Gleichgewicht. Allein was ist da eure Symmetrie und euer Gleichgewicht gegenüber dem, was ein solcher Gürtelbewohner Symmetrie und Gleichgewicht nennt!
[NS.01_030,07] Nehmen wir zuerst ein Beispiel von der Symmetrie. – Wenn ein Sonnenbewohner zu euch in eure Zimmer käme und würde da die Gegenstände, zum Beispiel Kästen, Tische, Bänke, Wandverzierungen und dergleichen mehr noch ziemlich wohlgeordnet erblicken, so würde er augenblicklich die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen und euch, wenn er sich von seinem ersten Entsetzen ein wenig erholt hätte, auf ein Haar beweisen, daß von solcher Unordnung das Gleichgewicht eines ganzen Weltkörpers abhängt, und ist dieser aus seinem Gleichgewicht, so muß alles mit der Zeit aus dem Gleichgewicht kommen. Er würde euch beweisen, daß wenn dieser oder jener Kasten, oder ein sonstiges Einrichtungsstück, nicht mit der größten Ruhe und Behutsamkeit um ein Haar weitergerückt wird, in tausend Millionen Jahren die ganze sichtbare Schöpfung in die größte Unordnung geraten muß. Und solches würde er euch nicht nur naturmäßig, sondern auch mit außerordentlicher philosophischer Gediegenheit metaphysisch dartun, und würde zum Beispiel sagen: „Aber merket ihr unsinnigen Menschen denn nicht, daß sich ja notwendig eure Gedanken vorerst also ordnen und binden müssen, wie da geordnet ist das Hausgerät in eurer Wohnung. In welcher Ordnung aber werden sich diese wohl binden, wenn sie neben einem Kasten einen Stuhl, auf dem Kasten irgendein mit dem Kasten in gar keiner Beziehung stehendes Gefäß, in einem andern Winkel des Zimmers ein Ruhebett und neben demselben wieder einen Tisch und neben dem Tische wieder etwas mit demselben in gar keiner Beziehung Stehendes, entweder für beständig oder, was noch schlechter ist, veränderlich erschauen?“
[NS.01_030,08] Er würde euch weiter fragen: „Wisset ihr, was die Weisheit ist? Die Weisheit ist das unendlich vollkommenste Ebenmaß in allen Dingen; sie ist die allerscharfsinnigst berechnete Ordnung, durch welche und in welcher die allerhöchste Weisheit Gottes alle Dinge erschaffen hat und erhält. Wie wollt ihr aber je zur Weisheit gelangen, wenn ihr nicht einmal in diesen kleinen Dingen Sorge tragt, daß sie so geordnet und gestaltet würden, daß sich euer Auge an solche Ordnung gewöhne, und durch solche oft wiederholte Beschauung auch eure Gedanken einen Anfang machen möchten, wenigstens in diesen kleinen Dingen sich an eine Ordnung zu gewöhnen und von dieser Ordnung dann auch zu einer andern überzugehen? – Denn wenn ihr nicht da, wo ihr es könnt, die Ordnung beachtet und euch an dieselbe gewöhnt, wie wollt ihr dann mit eurem solche Unordnung gewohnten Geiste eine höhere Ordnung entdecken und beschauen? – Ist dieses nicht ebenso unmöglich, als wenn ihr mit einer allerungeschicktesten Bruchzahl wolltet die Wurzel einer Größe finden, welche aus lauter geraden Zahlen besteht? – Ihr müsset daher eure kleinsten Gedanken zu einer geraden Zahl erheben; sodann erst könnt ihr euch an andere Größen wagen, um in ihnen die wohlgeordnete Wurzelzahl zu entdecken, welche die Bedingung der ganzen Größe enthält.“
[NS.01_030,09] Und weiter würde ein solch weiser Bewohner solch eines Gürtels zu euch sprechen: „Kennt ihr das Gewicht eures Weltkörpers? Wisset ihr, was denselben um seine Achse dreht? Wißt ihr, was ihn im freien Raum erhält? – Es ist das Gleichgewicht. – Sind fürs erste eure Häuser vollkommen symmetrisch gebaut, keines größer und keines kleiner, und so auch alle Zimmer in den Häusern vollkommen gleich eingeteilt, die Einrichtung überall dieselbe und gleich geordnet, so übt solches keine Störung auf die Bewegung eines Weltkörpers. Im Gegenteil aber muß es euch ja doch einleuchtend sein, daß solche unsymmetrische und unverhältnismäßig bald mehr massive, bald wieder weniger massenreiche Aufhäufung von Materialien auf einem und demselben Punkte dem Gleichgewicht eines ganz freischwebenden Weltkörpers ja notwendigerweise einen mathematischen Unterschied beibringen muß. Ist aber das Gleichgewicht nur im geringsten gestört, so geht solche Störung ja auch auf die Bewegung über und bewirkt mit der Zeit immer mehr sich häufende Unordnungen; – fürs erste in der Temperatur und fürs zweite in dem Umschwunge selbst, der entweder beschleunigt oder verzögert wird. Wenn aber solche Unordnungen um euch her durch eure eigene Ungeschicklichkeit entstehen müssen, wann wollt ihr dann eurem Geiste den Aufschwung zu einer höheren Ordnung geben, – und durch diese erst in die Weisheit übergehen?“
[NS.01_030,10] Sehet, das wäre ein Beispiel über die Symmetrie. Bevor wir aber solches näher beleuchten wollen, wollen wir noch ein kleines vom eigentlichen Gleichgewicht hinzufügen. – Ihr werdet hier zwar sagen und fragen: Was soll denn dieser Weise noch für ein anderes Gleichgewicht haben, als dasjenige, demzufolge er ja ohnehin schon hinreichend die mangelnde Symmetrie unserer Zimmereinrichtung getadelt hat?
[NS.01_030,11] Ich sage euch aber: Das war nur eine allerleiseste Anspielung von dem, was ein so recht erzweiser Gürtelbewohner unter dem Gleichgewicht versteht. Das Gleichgewicht geht dort so weit, daß ihr euch davon auf der Erde im eigentlichsten Sinne gar keinen Begriff machen könnt.
[NS.01_030,12] So wird zufolge des Gleichgewichts das Kleidungsstück, das sie tragen, auf einer allergenauesten Haarwaage gewogen und muß demzufolge, wenn zum Beispiel in einem Hause auch bei hundert Menschen leben, jedermann ein ganz vollkommen haargleich schweres Kleid tragen, und muß sich demzufolge auch jeder gefallen lassen, daß die Kleidungsstücke von Zeit zu Zeit wieder gewogen werden; und wenn es sich da zeigt, daß eines um ein oder zwei Sonnenstäubchen geringer ist als das andere, so muß solches außerordentliche Untergewicht sogleich waagerecht ersetzt werden.
[NS.01_030,13] Hernach wird auch jedermann abgewogen, und der natürlich Schwerste dient da zum Maßstab. Der Leichtere muß sich dann gefallen lassen, stets so viel Gewicht mit sich zu tragen, damit er mit dem Schwersten gleichgewichtig ist. – Also ist es auch mit den Weibern der Fall; auch da wird die Schwerste abgewogen, und die Leichteren müssen ebenfalls sich zur Tragung eines Gewichts bequemen, um vollgewichtig zu werden. – Die Kinder werden nach gewissen Altersklassen eingeteilt und müssen von einer Altersklasse zur andern immer ein bestimmtes Kindergewicht haben, welches aber dadurch erhalten wird, daß den Kindern gleich anfangs ein kleines Bleigewicht gegeben wird, von welchem von Zeit zu Zeit stets nach der Waage etwas genommen wird, damit das erste angenommene Kindergewicht bis zur nächsten Altersklasse stetig bleibe.
[NS.01_030,14] Also werden auch die Nahrungsmittel allzeit auf das genaueste abgewogen und müssen vom Baume überaus behutsam abgenommen und dann allzeit von zwei Menschen genau in ihrer Mitte ins Haus geschafft werden, wo sie dann auf die genaue Mitte eines dazu bestimmten Speisetisches gelegt werden.
[NS.01_030,15] Sind die Früchte einmal in hinreichender Menge auf dem Tisch in der höchst möglich symmetrischen Ordnung aufgehäuft, sodann kommen zwei Auswäger, welche nach Linien, mit welchen der Speisetisch überzogen ist, sich ganz gleichen Schrittes mathematisch genau gegenüberstellen, und ein jeder nimmt dann ganz gleichzeitig ein Fruchtstück von möglichst gleicher Größe und wägt es genau ab. Sind die ersten zwei Stücke gewogen, so werden sie wieder ganz gleichzeitig aus der Waage genommen und in eine schon zu dem Behufe auf einer Linie befestigte Speiseschale gelegt. Ist die erste Abwägung geschehen, so bewegen sich die Auswäger ganz gleichen Schrittes zu einer andern Linie und wägen allda wieder eine zweite Portion ab und tun solches so lange, bis alle Speiseschalen gefüllt sind. Sodann bewegen sich die zwei Auswäger wieder geradlinig links und rechts vom Tische weg und heben ihre Waagen auf dem bestimmten Orte auf.
[NS.01_030,16] Sodann wird ein Zeichen gegeben, und alles bewegt sich nach den vorgeschriebenen Linien und Kreisen, mit welchen der Fußboden mathematisch genau ausgezirkelt versehen ist, ganz gleichen Schrittes in der möglichsten Ruhe zum Speisetisch hin, allda muß dann wieder ein jedes ganz vollkommen gleichzeitig in die Schale greifen und also auch die Früchte ordnungsmäßig verzehren. – Und sind die Früchte verzehrt, so wird dem großen, weisen Geber gedankt, in derselben Ordnung vom Speisetische hinweggegangen und allda geruht.
[NS.01_030,17] Auf ein gegebenes Zeichen erhebt sich dann wieder alles von den Ruhebänken und bewegt sich gleichen Schrittes paar- und paarweise entweder auf die Galerie des Hauses im Inwendigen oder aber auch manchmal auf die Dachgalerie. Doch jede solche Bewegung muß sehr gleichmäßig geschehen, so daß niemand einen geschwinderen und weiteren Schritt machen darf, als wie solche Schritte schon mit Linien auf dem Boden bezeichnet sind.
[NS.01_030,18] Solche Ordnung in der Bewegung aber wird vorzugsweise nur im Hause beobachtet und außer dem Hause nur bis zu einem gewissen Kreise. Über diesen Kreis kann dann auch jeder Mensch sich freier und willkürlicher bewegen, – und zwar aus dem Grunde, weil dort der Boden ihrer Welt kein gleichgewichtstörendes, schweres Haus mehr zu tragen hat.
[NS.01_030,19] Ebenso pedantisch ist auch solche Symmetrie- und Gleichgewichtsbeobachtung in den Kollegien zu Hause.
[NS.01_030,20] Sehet, aus diesen zwei Beispielen könnt ihr euch nun schon leicht einen Begriff machen, von welcher Art die ganze Hausverfassung bei den Bewohnern dieser beiden Gürtel ist. Denn so hat auch jede andere Beschäftigung und Einrichtung den abgemessensten und abgewogensten Takt, – welche häusliche Verfassung dann, wie gesagt, einerseits betrachtet höchst monoton und einfach aussieht, anderseits aber wieder so kompliziert ist, daß darüber eure größten Weisheitspedanten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden.
[NS.01_030,21] Ihr wundert euch wohl darüber und sagt: „Welch ein bedeutender Grad von Narrheit gehört doch dazu, um solche Regeln sogar in das Fach der häuslichen Verfassung zu ziehen!“ – Aber Ich sage euch, daß ihr da einen ungerechten Tadel führt; denn solches ist die Natur aller Weisheit an und für sich, wenn sie nicht auf der Grundfeste der Liebe beruht.
[NS.01_030,22] Geht nur einmal in die Wohnung eines echten Erzgelehrten und beobachtet da sein Tun und Treiben; laßt euch auch die Ursache angeben, warum ein Stück da und das andere dort angebracht ist. Und wenn ihr es nur versteht, den gelehrten Mann bei seiner schwachen Seite zu packen, so werdet ihr Wunder erleben, wie euch dieser eine Ursache um die andere mit geschichtlicher und mathematischer Würde und Genauigkeit wird darzustellen wissen.
[NS.01_030,23] Wann ihr etwa irgendeinen alten, zerschlagenen Topf in einem Winkel seines Zimmers zufällig erblicken und den gelehrten Mann darüber fragen werdet, ob auch solches von irgendeiner Bedeutung sei, so wird er euch zuerst mit der Geschichte dieses Geschirrs bekannt machen, wie es allenfalls Alexander der Große gebraucht habe, als er den von seinem Leibarzt verordneten Heiltrank zu sich nahm, als er gegen Persien zog. Dann wird er euch die ganze Transzendenzenfolge dieses merkwürdigen Gefäßes kundgeben und endlich sagen, wie es in seine Hände gekommen ist.
[NS.01_030,24] Wenn ihr ihn aber dann fragen werdet und sagen: „Wie aber können Sie ein so überaus merkwürdiges und schätzbares Altertumsstück in einen so unansehnlichen freien Winkel des Zimmers hinstellen, während man es doch in goldenem Futteral in einem allergeheimsten Schatzkasten aufbewahren sollte?“, so wird euch der Gelehrte alsogleich mit der größten geschichtlichen und mathematischen Gewißheit darzutun wissen, daß Alexander der Große dieses Gefäß, nachdem er aus selbem den Trank geleert hatte, in eben den entsprechenden Winkel seines Gezeltzimmers hingestellt hat, wie es sich jetzt hier befindet, und daß der ausgebrochene Scherben noch daher rühre, daß Alexander der Große dieses Gefäß bei einer unvorsichtigen Wendung mit seinem Fuß lädiert habe.
[NS.01_030,25] Sehet, solche Sprache würde ein solcher Gelehrter schon bei einem zerbrochenen Topfe führen, welcher sicher alles eher aufzuweisen hat, als daß er einst dem Könige der Mazedonier sollte gedient haben. – Würdet ihr ihn um ein Stück fragen, welches noch so unordentlich und bestaubt in einem andern Winkel des Zimmers liegen würde, so wird er euch jede Falte und selbst den Staub, der auf demselben rastet, so genau zu erklären wissen, daß ihr euch darüber erstaunen würdet.
[NS.01_030,26] Aus dem aber könnt ihr ja ganz leicht schließen, wie da die Weisheit für sich geartet ist und somit alle ihre Produkte beschaffen sind, – wenn sie, wie schon bemerkt, nicht den gerechten Grad der Liebe zum Grunde hat.
[NS.01_030,27] Solches habe Ich euch nun kundgegeben, damit ihr daraus die häusliche Verfassung unserer beiden Gürtel-Bewohner abnehmen, zugleich aber auch daraus ersehen könnt, wie an und für sich die Weisheit geartet ist. Denn eben weil Meine Ordnung und Meine Weisheit unendlich und unergründlich ist, so bleibt den alleinigen Weisheitskrämern nichts anderes übrig, als eine für euch unberechenbare Versteigung in allen ihren Elementen.
[NS.01_030,28] Daß demnach solche Erscheinlichkeiten einem Liebeweisen absurd und lächerlich vorkommen müssen, solches ist ja ebenso begreiflich, wie es jedermann lächerlich vorkommen müßte, wenn er einen wirklichen Esel in einer römischen Toga erblicken würde. Denn wahrlich, ein solcher pur weise sein wollender Tropf ist in geistiger Hinsicht um kein Haar besser anzuschauen, als ein solcher betogter Esel auf einer Rednerbühne.
[NS.01_030,29] Nächstens wollen wir dann den geistigen und religiösen Teil noch in Augenschein nehmen und uns sodann behende auf einen anderen Gürtel schwingen. Und daher gut für heute!