8. Kapitel – Wege zur Besserung der Naturgeister.
[Gr.01_008,01] Was alsonach die dritte Art der Geister anbelangt, so ist auch diese wieder in drei verschiedene Arten zu scheiden, und zwar in eine untere, in eine mittlere und in eine obere Art.
[Gr.01_008,02] Zu der unteren Art gehören alle jene geistigen Wesen, welche das Innere der Berge bewohnen und daselbst die Metalle und die Wasserquellen, wie auch das Gestein und Erdreich in der Berge Innerem überwachen. Diese Art der Geister ist somit auch an und für sich wieder dreifach zu scheiden, und zwar in Feuergeister, Erdgeister und Wassergeister. Diese Geister sind weder böswilliger noch guter Natur, sondern sie sind ein bares Mittelding zwischen Gut und Böse; daher werden sie auch zu eben diesem Zwecke verwendet: die Feuergeister zum Auskochen der Metalle, die Wassergeister, um die Feuergeister bei ihrer Arbeit zu dämpfen, und die Erd- und Steingeister, um die Feuer- und Wassergeister in ihren Schranken zu halten.
[Gr.01_008,03] Wer sich vom Dasein dieser Geister überzeugen will, der mache nur Bekanntschaft mit biederen und unbefangenen Bergleuten, und er wird unter hundert solchen Menschen sicher neunzig antreffen, welche in ihrem Leben wenigstens ein-, zwei- oder dreimal ein oder das andere sogenannte Bergmännlein gesehen haben. Diese Art Geister kommen nur gar selten auf die Oberfläche der Erde; denn ihre innere Geschäftswelt kommt ihnen viel herrlicher vor als die äußere gehaltlose, – wie sie zu sagen pflegen. Nur müßt ihr euch nicht etwa denken, daß ihnen die Materie bei ihrem Hin- und Herwandern hinderlich sei; solches ist sie mitnichten. Wo immer sich ein solcher Geist hinbewegen will, so geht er durch Wasser, Feuer oder Steine noch um vieles ungehinderter als ihr durch die Luftregionen. Denn wo ihr Materie erschauet, da erschaut der Geist nur die entsprechende Substanz derselben. Diese allein ist für ihn ein Etwas; die eigentliche grobe Materie aber ist für ihn ein bares Nichts und ist für ihn so gut wie gar nicht da.
[Gr.01_008,04] Daß diese Geister nutzwirkend sind, könnt ihr aus dem Amt erkennen, das sie versehen; nur dürfen sie nicht durch einen Ungläubigen, wie auch Gläubigen, durch mannigfache Lästerungen und Verunglimpfungen ihrer Wesenheit gereizt werden. Geschieht solches irgendwo, dann sind sie auch gar bald bereit, sich an derlei Menschen bitter zu rächen.
[Gr.01_008,05] Wehe hernach dem, der in ihre Hände gerät! Den Gläubigen züchtigen sie durch allerlei Mittel, die ihnen zu Gebote stehen, den Ungläubigen aber erfüllen sie nicht selten mit einer unausstehlichen Angst, oder sie machen ihm einen unerwarteten Schreck, oder sie werfen ihm irgendein leibliches unheilbares Übel auf den Hals. Dagegen hat der gläubige sanftmütige Mensch von ihnen nichts zu befürchten, – im Gegenteil: so sich ein also gläubiger Gutmütiger in den unterirdischen Höhlen und Gängen der Berge verstiegen hat, so zeigen sie ihm fast allzeit einen sichern Ausweg. Dieses alles könnt ihr buchstäblich bei allen Bergleuten erfahren; und möget ihr dieselben aus den verschiedensten Erdgegenden vernehmen, so werden ihre Aussagen ganz vollkommen übereinstimmen. – Das ist demnach die erste Art der dritten Art Geister.
[Gr.01_008,06] Unter welchem Gesichtspunkte alle diese Geister in der eigentlichen Geisterwelt vorkommen, das wird erst in dem evangelischen Teil gezeigt werden; und so gehen wir nun zu der zweiten oder mittleren Art über.
[Gr.01_008,07] Diese Art Geister ist zumeist auf der Oberfläche der Erde beschäftigt, und es gibt derselben zahllos viele. Der eine Teil hat für alle Bäume, Gesträuche, Pflanzen, Gräser, Moose und Schwämme zu sorgen und die in den Pflanzen selbst noch nicht frei gewordenen Geister bei ihrer Tätigkeit zu leiten, damit jede Pflanze, sei es nun ein Baum oder was immer, ihre ursprüngliche Form und Beschaffenheit erhält. Der andere Teil dieser Geister aber hat die Tierwelt unter sich und muß da dieselbe Obsorge tragen, welche der eine Teil dieser Geister bei der Pflanzenwelt zu tragen hat, nämlich, daß jedwedes Tier seiner Form, seiner Beschaffenheit und Tätigkeit entspricht. Diese Art Geister wird den Menschen nur gar selten sichtbar. Diese Geister haben viel zuwenig Zeit, als daß sie darauf bedacht sein sollten, sich unnützermaßen sichtbar zu machen; denn die fortwährende Nutzwirkung und derentwegen ihr guter Wille hindern sie daran.
[Gr.01_008,08] Dessenungeachtet aber gibt es auf den Bergen doch noch so manche einfältig-fromme Hirten, die auch solche Geister zu öfteren Malen gesehen haben. Sie werden euch auch so manches Histörchen erzählen können, wie solche Geister nicht selten über Nacht eine magere Wiese grünen gemacht haben, und wie sie ihre Kühe und Schafe bei starken Gewittern vor Unglück behütet haben und sie nicht auf solche Felsabhänge ließen, allwo sie sich hätten zerfallen können.
[Gr.01_008,09] Wenn ein weniger Gläubiger solche Geister auch nicht zu Gesichte bekommt, so wird er aber doch nicht selten gar gewaltig von ihnen angeregt, besonders wenn er durch weitgedehnte Gebirgswälder geht und namentlich durch die sogenannten Urwälder, oder wenn er sich auf den freien Alpentriften befindet, wie auch, wenn er durch große Herden von Pferden, Kühen und Schafen zieht. Diese Anregung besteht in einem mehr oder weniger unheimlichen Gefühl, auf welches gewöhnlich ein kleines Frösteln erfolgt. So jemand solches erfahren hat, da kann er auch versichert sein, daß er unter solche Geister gekommen ist, und daß dieselben sich ihm auf die besagte Art bemerkbar gemacht haben. Welchem Zustande diese Geister in der eigentlichen Geisterwelt entsprechen, solches wird ebenfalls erst im evangelischen Teil kundgetan werden, und so hätten wir noch die dritte Art der dritten Art übrig.
[Gr.01_008,10] Diese dritte Art kommt äußerst selten zur Erscheinung, sowohl durch die von ihr ausgeübte Wirkung, wie noch weniger an und für sich wesenhaft.
[Gr.01_008,11] Was ist denn die Wirkung dieser Geister? Die Wirkung dieser Geister ist die Direktion der Luft und des Äthers, – daher werden sie auch von den Alten manchmal „Luftgeister“ genannt.
[Gr.01_008,12] Wenn ihr den Zug der Winde beobachtet, namentlich derjenigen Winde, die von Nordosten herkommen, und zwar gewöhnlich um die
Mitternachtstunde, wie auch manchmal abends ein oder zwei Stunden nach dem Untergang der Sonne, so dürftet ihr eine zweifache Einwirkung bemerken: eine, die sich durch ein Erschauern kundgibt, und eine, welche einige Haustiere in Unruhe versetzt, und zwar vorzugsweise die Hunde, Hühner, Katzen, Schweine und Pferde. Wenn ihr solche Bemerkungen macht, da könnt ihr versichert sein: solche Erscheinungen rühren von solchen Luftgeistern her. Diese sind jedoch Geister untergeordneter Art, oder, wie ihr zu sagen pflegt, es sind dienstbare Geister.
[Gr.01_008,13] Wenn ihr aber eure Blicke höher erhebt und die sonderbaren Formen der Wolken beschaut, da könnt ihr abermals versichert sein, daß solche Formen eine Wirkung obbesagter Geister sind. Die Wolke selbst besteht zwar nicht aus diesen Geistern; aber was ihre Form betrifft, so hängt es allzeit von den Luftgeistern ab, wie sie eine Luftschicht um die andere also drehen und wenden, daß dann die Wolkengeister – namentlich die der unteren, argen Art – nur diejenige Form annehmen können, die da die Wendung und Drehung der Luftschicht ihnen
zuläßt. Dieses geschieht darum, damit die Friedensgeister – denen ihre Formierung freisteht – aus eben den Formen die argen Geister und das, was diese alles im Schilde führen, erkennen. Alsdann ist hier nur die Ursache der Wirkung zu ersehen, die wirkenden Geister aber durchaus nicht.
[Gr.01_008,14] Eine noch höher stehende Art dieser Geister, welche schon im Äther sich befinden, ist erschaulich in der seltenen Erscheinung der sogenannten Fata Morgana. Diese Erscheinung rührt nämlich daher: Wenn diese obersten Äthergeister die Luftoberfläche zur völligen Ruhe gebracht haben, so wird diese Oberfläche bild- oder formaufnahmefähig, und zwar auf dieselbe Weise wie ein ganz ruhiger Wasserspiegel oder ein Glasspiegel. Ist aber die Luftoberfläche von beständigen Wogen und Wellen zerrissen gleich wie die Oberfläche eines Sees, Stromes und Meeres, wenn sie durch Winde oder Flutung in Unruhe gesetzt wird, so ist da natürlich an keine Abspiegelung zu denken.
[Gr.01_008,15] Was die Fata Morgana an und für sich ist, habt ihr ohnedies schon in einer ziemlichen Abhandlung empfangen; hier aber handelt es sich nicht mehr darum, daß ihr das Empfangene noch einmal empfangen sollet, wohl aber darum, daß ihr dasselbe vom geistigen Grunde aus verstehet. Der geistige Grund ist aber bereits kundgetan; hier wäre nur die Frage, warum solches geschieht. Nun, das ist freilich wohl wieder etwas ganz anderes. Solches geschieht darum, damit es den sich im hohen Äther aufhaltenden Friedensgeistern desto leichter wird, entweder das geheime Tun und Trachten der argen Geister in den Klüften und Schluchten der Gebirge zu beobachten, oder, wenn solche Geister sich in Gestalt der bekannten Wolken schon in die Luft erhoben haben, ihre heimlichen Gesinnungen mit großer Sicherheit auszuforschen.
[Gr.01_008,16] Ihr müßt euch hier nicht etwa denken, es möchte ihnen da die bewegte Luft als Materie hinderlich sein, so daß sie darob mit ihren unendlich scharf, weit und tief sehenden Geisteraugen nicht die Umtriebe der argen Geister erschauen könnten; wohl aber müßt ihr es euch also denken, daß diese beschriebene Ruhe der Luftoberfläche nur eine Folge der Aufmerksamkeit ist, welche die oberen Geister gegen die unteren bei solcher Gelegenheit zu haben pflegen.
[Gr.01_008,17] Ihr werdet schon öfter gehört haben, daß manche Menschen ganze Heere in der Luft und in den Wolken streitend erschaut haben. Sehet, solche Erscheinungen sind auch eine Art Fata Morgana, aber wohl eine der allerseltensten Art!
[Gr.01_008,18] Sie geschehen auf folgende Weise: Wenn ihr hoch im Äther ganz selten weiße Lämmerwölkchen erblickt, unter diesen – freilich wohl in sehr weiter Entfernung – aber schon Gruppen der wohlbekannten schwarzen und dunklen Wolken, so erscheint das Bild der schwarzen Wolken auf den Lämmerwölkchen dunkel abgedruckt. Das ist der Anfang dieser Erscheinung. Wenn dann dieses einige Minuten lang währt, so kann ein aufmerksamer Beobachter auf diesem dunklen Abbild eine Menge wohlgeformter Wesen erblicken, entweder in der Gestalt mannigfacher wilder Tiere oder auch in der Gestalt von allerlei zum Kampfe gerüsteten und sich zum Kampfe übenden Kriegern.
[Gr.01_008,19] Hier werdet ihr fragen: „Wie bilden sich denn diese Formen auf der ruhigen Luftfläche ab?“
[Gr.01_008,20] Sehet, solches geschieht auf folgende Art: Wenn die Geister der unteren Wolken solche Ruhe über sich gewahren und darob auch keine Störung erleiden, so bilden sie sich aus der Substanz der Wolken, welche der bekannte naturmäßig-geistige Teil ist, förmlich Leiber in der Meinung, dadurch kräftiger und widerstandsvoller zu werden, verbergen sich aber dennoch vor den Augen der Menschen, damit diese ja nicht etwa bei ihrem Anblicke die Zuflucht zu Meinem Namen nehmen möchten. Aus diesem Grunde treiben sie solches Spiel auch nur auf der Oberfläche der Wolke und lassen den der Erde zugekehrten Teil der Wolke auch Wolke sein.
[Gr.01_008,21] Sehet, wenn demnach über ihnen eine solche Ruhe der Oberfläche der Luft eingetreten ist, so wird auf derselben solches wesenhafte Treiben der argen Geister bildlich gesehen, weil diese Geister sich wirklich aus der Wolke und aus der sie umgebenden Luft eine Art Leib gebildet haben. Aber es nützt ihnen solche Handlungsweise gar nichts; denn je mehr sie sich also zu verwahren und festen suchen, desto tiefer werden sie von den oberen Friedensgeistern durchschaut und nach kurzem Zeitverlauf auch desto tüchtiger ergriffen und zur Erde herabgeworfen. (Zu dieser Art von Geistererscheinungen gehört auch diejenige, welche Mein Schreiber am vergangenen Montag vormittags gesehen hat.)
[Gr.01_008,22] Sehet, das ist sonach die dritte Art der Geister, die namentlich und vorzugsweise mit den andern höheren Friedensgeistern sich bei ruhigen Gelegenheiten in der Gegend hoher Gletscher aufhalten und – wenn es notwendig ist – sich in Gedankenschnelle über alle Gegenden der Erde ausbreiten können; nur müßt ihr unter der dritten Art dieser Geister nicht etwa die Bildformen der unteren Wolkengeister, noch die Friedensgeister selbst verstehen, sondern allein die dem sterblichen Auge beinahe niemals zur Erscheinung kommenden Äthergeister, von welchen nämlich diese Ruhe der Luftoberfläche bewirkt wird.
[Gr.01_008,23] Was auch diese Geister in der eigentlichen Geisterwelt für einen Standpunkt ausfüllen, wird in dem nächstfolgenden evangelischen, sowie allen anderen Teilen kundgetan werden. Es gibt freilich wohl noch höhere Geister, welche in den Weltenräumen die Welten und Sonnen lenken und führen, und endlich noch höhere Geister, welche dem Menschen beigegeben sind; allein für diese ist wieder ein anderer, größerer Platz bestimmt, und sie haben daher mit dem Wesen der Erdordnung unmittelbar nichts zu tun. Daher können sie füglichermaßen hier auch nicht aufgeführt und weiter enthüllt werden.
[Gr.01_008,24] Und somit wären wir auch mit dem geistigen Teil unseres Großglockners wie auch aller andern Gletscher und Berge zu Ende und werden uns für ein nächstes Mal sogleich zum evangelischen Teile hinwenden. Und somit lassen wir es für heute wieder gut sein!
9. Kapitel – Der geistweckende Einfluß einer Bergbesteigung.
[Gr.01_009,01] Um das, was den evangelischen Teil betrifft, so recht ins Auge zu fassen, wird es notwendig sein, euch mit der Form solcher Berge ein wenig vertraut zu machen.
[Gr.01_009,02] Zu diesem Zweck ist es wohl gut und nützlich, entweder selbst, soviel es tunlich ist, solche Berge zu besteigen, oder wenigstens gelungene Abzeichnungen derselben mit aufmerksamen Augen zu betrachten; denn durch ihre verschiedenen Höhen, durch ihre Abstufungen, durch die Gräben und Täler wird – wenn alles dieses mit Aufmerksamkeit betrachtet wird – das Gemüt geweckt, und der Geist sucht da beim Anblick solcher Berge selbst seine Augen zu öffnen und darüber nachzudenken, ob und wie da Wege aufwärts möglich sein dürften.
[Gr.01_009,03] Daß solches seine Richtigkeit hat, bezeugt der Drang bei Besteigung eines Berges, sobald als nur immer möglich die höchste Spitze zu erreichen, und auch der Drang und die tüchtige Begierde, wenn einem solch hohe Berge zu Gesichte kommen, alsbald ihre höchsten Gipfel zu ersteigen.
[Gr.01_009,04] Fraget euch selbst, worin wohl solcher Grund liegen kann! Meinet ihr, er liege etwa in der Ausbeutung irgendeiner oder mehrerer Fernsichten, oder er liege etwa in dem Begehren nach dem Genusse der reinsten Luft? Wer solches behauptet, der ist mehr denn über die Hälfte irrig daran; denn was die Fernsicht betrifft, so ist diese wohl für das Auge des Fleisches lohnend, aber um solche zu genießen, bedarf es ja eben nicht der höchsten Gebirgsspitzen, sondern oft nur wenig bedeutender Anhöhen, von welchen eine nicht selten bedeutend üppigere Aussicht zu gewinnen ist als von so manchen höchsten Gebirgsspitzen, welche doch gewöhnlich wieder von anderen hohen Bergen umlagert sind, weshalb man denn oft nichts anderes als einige ebenso hohe Gebirgsspitzen im Umkreise erblickt und seine Blicke in keine Ebenen, Täler, Flüsse und Seen senden kann.
[Gr.01_009,05] Was aber die reine Luft betrifft, so braucht jemand nur auf einen Hügel zu steigen, der höchstens zwei oder dreihundert Klafter hoch zu sein braucht, und er kann daselbst auch schon eine sehr reine Luft genießen.
[Gr.01_009,06] Wenn sonach jemand diese zwei Punkte recht tüchtig beachtet, so wird er gar leicht gewahren, daß sie nicht ausschließlich der Grund sein können, weshalb so viele Menschen von den hohen Gebirgsspitzen also angezogen werden, daß sie nicht selten ihr Leben wagen, um mit der größten Anstrengung die höchste Spitze zu erklimmen.
[Gr.01_009,07] Wenn denn solches unleugbar der Fall ist, da es doch die tägliche Erfahrung lehrt, daß fast jeder Mensch, so er nur irgendeinen hohen Berg ansieht, in sich auch schon den Wunsch verspürt, so es nur möglich wäre, sich sogleich auf diesen oder jenen hohen Bergesgipfel zu versetzen – selbst dann noch, wenn er den Berg tagtäglich sieht und auch schon zu öfteren Malen auf demselben war –, so muß ja doch noch ein anderer Grund vorhanden sein, der ihn hinaufzieht.
[Gr.01_009,08] Dieser Grund ist der schon besagte und besteht sonach in dem Wachwerden des Geistes bei solchen Gelegenheiten; denn wie euer Sprichwort sagt, daß sich Gleiches und Gleiches gern zusammengesellt, so ist solches auch hier buchstäblich der Fall.
[Gr.01_009,09] „Wie so?“, werdet ihr fragen. – Nun, so höret!
[Gr.01_009,10] Der Geist zieht den Geist an wie die Materie die Materie und das Fleisch wieder das Fleisch. So da in einem Menschen beschlossen wird, daß er seine Füße auf irgendeinen hohen Berg setzen will, so geht aus dieser seiner Vornahme eine Willensvermittlung hinauf in die hohen Geistersphären; durch diese Verbindung werden die Geister alsbald inne, was da irgendein Mensch tun will.
[Gr.01_009,11] Will er sich nun ihren Sphären wirklich nahen, so wird von den Geistern alsbald eine Rückantwort gegeben. Diese Rückantwort ist für den Geist, der da noch im Leibe schläft, fast dasselbe wie das, was ihr in leiblicher Hinsicht eine elektromagnetische Affektion nennt, oder was im weiteren Sinne das Magnetisieren selbst ist, durch welche Handlungsweise einem schwachen Organismus durch einen starken, lebensvollen auf eine Zeitlang eine neue Lebenskraft mitgeteilt wird; kurz und gut, auch der Geist, der da im Menschen noch schwach ist und schläft, wird von den Geistern also geistig magnetisch geweckt, – freilich nicht für bleibend, sondern nur auf eine kürzere oder längere Zeit.
[Gr.01_009,12] Wenn auf diese Weise der Geist erweckt ist, so möchte er auch eiligst sich schon dort befinden, von woher er gezogen wird, das heißt: er möchte sich schon sogleich unter seinesgleichen befinden; daher treibt er denn auch alsbald durch die Seele den Leib mächtig an und zieht und schleppt ihn hinauf zu den schwindelnden Höhen.
[Gr.01_009,13] Wenn hernach ein solcher Mensch solche Höhen wirklich erstiegen hat, so freut sich der Geist, daß er sich in seiner wahren Gesellschaft befindet. Da jedoch die freien Geister wohl die reinste Einsicht haben, daß für solch einen unzeitigen Geist noch keines Bleibens ist, so stellen sie sich alsbald wieder außer Rapport mit ihm; sodann sinkt der Geist wieder in seinen Schlaf zurück, dem Leibmenschen wird's dann unbehaglich auf solchen Höhen, so daß er sich darum bald wieder sehnsüchtig hinabbegibt in die Täler, in denen sich seine ihm entsprechenden Wohnungen befinden.
[Gr.01_009,14] Sehet, das ist der eigentliche Grund, warum der Mensch, wenn er nicht gar zu naturmäßig weltlich gesinnt ist, von den Bergen und ihren höchsten Gipfeln so angezogen wird!
[Gr.01_009,15] Bei ganz naturmäßigen Menschen ist solches wohl freilich nicht der Fall, denn entweder haben diese gar keinen Sinn dafür – welches soviel besagt wie: ihr Geist ist dergestalt schwach und krank, daß er keiner anderwärtigen geistigen Affektion mehr fähig ist – oder wennschon solche naturmäßigen Menschen irgend hohe Berge besteigen, so werden sie dazu nur von den argen Geistern angetrieben, entweder aus Gewinnsucht oder aus purer Prahlerei, um dann sagen zu können: „Ich war auf dieser und jener noch von keines Menschen Fuß bestiegenen Spitze eines Berges der erste!“, – der gewisserart mit seinem sehr unheiligen Fuße die heilige Spitze des Berges entweiht hat.
[Gr.01_009,16] Solche Gebirgsbesteiger werden dann auch fast allezeit für ihre ruhmverdienstliche Handlung von den Friedensgeistern gar übel bedient: Entweder lassen sie einen solchen Rühmler eine Höhe erklettern; wenn er aber dann oben ist, so wird er alsbald von einem übermäßigen Kopfschwindel und darauf folgender großer Todesangst heimgesucht und muß oft stundenlang zappeln, bis sich irgendein Geist seiner erbarmt – so er genug gebetet hat – und ihn dann einen höchst beschwerlichen und mit augenscheinlicher Todesgefahr verbundenen Weg hinabklettern
läßt. Oder die Geister lassen ihn auf eine leichter zu ersteigende Höhe kommen; wenn er sich aber schon siegreich oben befindet, dann schicken sie ihm oft augenblicklich ein gräßliches Ungewitter über den Hals, durch welches er für seine rühmliche Bemühung so tüchtig ausgezahlt wird, daß er bei sich selbst einen festen Eid ablegt und sagt: „Wenn ich nur dieses Mal noch mit dem Leben davonkomme, wahrlich, es soll mich hinfort keine Gebirgshöhe mehr anlocken, sie zu besteigen, und wäre sie nur einige Klafter hoch!“
[Gr.01_009,17] Wer aber da eine solche Gebirgsspitze frevelnd oder zufolge einer habsüchtigen Wette erklimmen möchte, der kann aber auch schon sogleich vorher in der Ebene seine letzte Willensanordnung hinterlassen; denn ein solcher Gebirgsbesteiger wird wohl nimmerdar seine Füße mehr in der Ebene gebrauchen, – aus welchem Grunde auch nicht selten ähnliche Gebirgsbesteiger verunglücken und sich entweder sogleich zerfallen, oder sie werden auf irgendeine Höhe geführt, auf welcher sie dann auch gewöhnlich für alle ewigen Zeiten verbleiben, d.h. dem Leibe nach.
[Gr.01_009,18] Ja, die Geister haben da allerlei Mittel, um die Frevler auf das empfindlichste zu strafen!
[Gr.01_009,19] Aber nicht also ergeht es demjenigen, der da aus höherem Antrieb die Höhen der Berge besteigt.
[Gr.01_009,20] Ein solcher Mensch wird nicht nur auf keine Gefahren stoßen, sondern er wird allzeit gewaltig gesegnet und gestärkt wieder zurückkehren, und zwar so, daß bei manchen solchen Gebirgsbesteigern und großen inneren Freunden der Berge ihr Geist für bleibend geweckt worden ist und sie dadurch zu Sehern und Propheten wurden.
[Gr.01_009,21] Aus diesem Grunde habe Ich euch auch noch allzeit geraten, gern auf die Berge zu gehen, weil denn doch bei jeder, wenn auch nur momentanen Geisteserweckung dem Geiste eine Stärke verbleibt also, wie einem schwachen Menschen die naturmäßige Lebenskraft nach jedem einzelnen sogenannten Magnetisieren erhöht wird und er, wenn er oft genug magnetisiert worden ist, endlich mit schwacher Beihilfe anderer Mittel wieder zur vollen Gesundheit und Lebenstätigkeit gelangt.
[Gr.01_009,22] Wenn sich demnach der Mensch redlichen Sinnes ebenfalls öfter von den hohen Geistern also geistig magnetisieren läßt und gebraucht dazu das leichte Arzneimittel der Liebe, so wird er auch um so eher zu dem Ziel gelangen, welches da heißt: die Wiedergeburt des Geistes. Daher gehet gern auf Berge von bedeutenderem Höhenmaße, und seid liebetätig, so wird eure noch schwache Liebe zu Mir sicher um so eher ganz lebendig werden! Neben diesem großen, ja größten Vorteil gibt es aber noch viele andere, wovon wir die wichtigsten ein nächstes Mal näher betrachten wollen. – Und so lassen wir es heute wieder bei dem bewendet sein!
10. Kapitel – Die Berge als Liebeprediger und Weisheitspropheten.
[Gr.01_010,01] Was demnach noch die andern Vorteile betrifft, so bestehen diese darin, daß ein jeder Berg an und für sich und in Verbindung mit anderen, und ganz besonders aber ein Gletscher, wie unser Großglockner einer ist, einen beständigen Liebeprediger und Weisheitspropheten abgibt.
[Gr.01_010,02] Ihr werdet hier fragen und sagen: „Das mag wohl sein; wie aber kann man einen Berg Liebe und Weisheit predigen hören?“
[Gr.01_010,03] Das ist eine ganz andere und auch eine ganz eigentümlich sonderbare Frage; und Ich sage euch darauf: Es gibt auf der Welt nichts Leichteres, als diese zweifache Stimme der Berge zu vernehmen! Wie aber solche zu vernehmen ist, dieses Geheimnis sollen hier mehrere Beispiele aufdecken.
[Gr.01_010,04] Es sollen irgend zwei Menschen sein, die sich stets verächtlich begegnen. Es nützt da weder Rat noch Tat; sie werden in der Tiefe stets das bleiben, was sie sind. Nehmt aber diese zwei Menschen und führet sie auf einen hohen Berg, und ihr werdet euch alsbald überzeugen, was dieser große Liebe- und Weisheitsprediger vermag; denn ihr dürft versichert sein: ein halber Tag wird diese zwei Menschen gar bald zu den intimsten Freunden machen!
[Gr.01_010,05] Hier werdet ihr fragen: „Warum denn? Wie ist solches möglich?“
[Gr.01_010,06] Auf diese Frage gibt der Berg schon für sich die Antwort, nach der er eine Unterlage oder gewisserart der Sitz der Friedensgeister ist, welche sich alsbald dort ins wohltätige Mittel legen, wo irgendeine Uneinigkeit vorwaltet. Sie bearbeiten dann im Augenblick, wenn der Mensch nur den ersten Fuß auf den Berg setzt, schon die Gemüter durch eine stets zunehmende Spannung nach oben und erregen dadurch das Gefühl der Liebe immer mächtiger und mächtiger; und wenn dann solche Menschen erst vollends die Höhe erreicht haben, so ist das freundschaftliche Gefühl bei jedem schon so weit ausgedehnt und verstärkt worden, daß solche Menschen oft, wenn sie es auch wollten, dennoch nicht können, sich länger gegenseitig unfreundlich zu begegnen.
[Gr.01_010,07] Sind die Gemüter härter, so lassen dann solche Geister auf einem hohen Berge über zwei solche gegenseitigen Feinde ein tüchtiges Ungemach kommen, daß darob beide in augenscheinliche Lebensgefahr geraten. Dieses ist dann ein Universalmittel, welches lange Feindschaften gar leicht mit einem Schlage in die intimste Freundschaft verwandelt.
[Gr.01_010,08] Daß solches unfehlbar richtig ist, soll euch ein anderes Beispiel vollgültig zeigen.
[Gr.01_010,09] Daß zum Beispiel bei großen Elementarrevolutionen – als da sind große, verheerende Ungewitter, große Überschwemmungen und noch andere derlei Erscheinungen – selbst die reißendsten Tiere, wie Tiger, Löwen, Hyänen, Bären, Schlangen, so sanft und vertraulich werden, daß sie sich gleich den Tauben unschädlich und überaus sanftmütig zu den Menschen und zu den andern, zahmen Tieren gesellen, könnet ihr aus den verschiedensten Erfahrungen, welche zu allen Zeiten gemacht worden sind, zuversichtlich entnehmen.
[Gr.01_010,10] Ich mache euch nur auf einen solchen ähnlichen Fall aufmerksam, und zwar auf denjenigen, welchen ihr bei der Überschwemmung der euch bekannten Stadt Lyon in Frankreich sicher werdet gelesen haben.
[Gr.01_010,11] Wenn demnach solche Lebensgefahren sogar solche reißenden Tiere freundlich stimmen, so werden sie solches wohl auch unter Menschen zuwege bringen, und besonders sicher auf den Gebirgshöhen, wo die Gemüter von den Friedensgeistern im geheimen tätigst bearbeitet werden.
[Gr.01_010,12] Entnehmet diesem Beispiel, wie die Berge reden; zum fleischlichen Ohr reden sie freilich nicht, aber desto vernehmlicher zum Ohr des Geistes!
[Gr.01_010,13] Wie reden aber die Berge noch weiter, und was reden sie?
[Gr.01_010,14] Sehet, es lebt oft hier und da in der Tiefe ein eingeschrumpftes Gemüt, das weiter keinen Sinn hat, als nur seinen Magen mit allerlei Speise und Trank zu stopfen, und sich darauf irgendwo auf ein weiches Lager niederzulegen und in seiner behaglichen Dummheit den Fraß auszuschlafen.
[Gr.01_010,15] Solche Menschen kennen von Meiner Macht, Kraft und Gewalt oft kaum mehr als die Kinder im Mutterleibe, und es gereicht ihnen schon zum großen Ruhme, wenn sie es nur so weit gebracht haben, daß sie schlechtweg Meinen Namen auszusprechen imstande sind.
[Gr.01_010,16] Wenn solche Menschen dann einmal von irgendeinem wohltätigen Freunde auf einen bedeutenderen Berg mitgezogen werden, so ist das auch der erste Augenblick ihres ganzen Lebens, in welchem sie erwachen, sich da umsehen und schauen, daß Gott, den sie sonst nur so schläfrig ausgesprochen haben, ein bißchen größer und mächtiger sein
muß, als Er von ihnen bis auf diesen Augenblick gedacht wurde.
[Gr.01_010,17] Daß dieses ebenfalls wieder seine Richtigkeit hat, bekundet ja das auf das klarste, daß fürs erste Gebirgsfreunde gewöhnlich sehr sanfte Menschen sind; jene aber, welche früher höchst träge und einsilbig waren, werden hernach gesprächig und wissen eine Menge zu erzählen, was alles ihnen bei der Besteigung eines solchen Berges vorgekommen ist.
[Gr.01_010,18] Sehet, wie allhier die Berge wieder reden! Sie sind somit die besten Sprachmeister und Zungenlöser für solche Menschen sogar, denen es nicht selten zur Last ist, ihren eigenen Namen auszusprechen. Der Grund liegt auch hier in der Erweckung des Geistes, durch welche denn auch die Seele und der Leib belebter und tätiger werden.
[Gr.01_010,19] Wie reden denn die Berge noch?
[Gr.01_010,20] Es gehen zum Beispiel einige wißbegierige Menschen auf die Höhen so mancher Berge, finden da nicht selten sogenannte Naturseltenheiten, wie da dergleichen sind Muscheln, die da oft in einem oder anderen Felsen stecken, oder sie finden versteinerte Knochen, oder sie finden eine diesem oder dem anderen Berge durchaus nicht eigentümliche Steingattung, oder sie finden verschiedene seltene Pflanzen und dergleichen noch eine Menge. Bei solchen Auffindungen sagen ihnen dann die Berge: „Sehet, da, wo ihr die Muscheln gefunden habt, ist einst sicher Wasser gestanden; wo ihr die versteinerten Knochen gefunden habt, waren dereinst üppige Fluren und dichte Wälder, auf und in denen die großen Tiere, von denen die riesigen Knochen zeugen, hinreichendes Futter fanden; da, wo ihr fremdartige Steine findet, sind irgend große Elementarrevolutionen vor sich gegangen, durch welche diese fremden Körper dahergeschleudert worden sind; allwo ihr aber besonders schöne, wohlduftende und eigentümliche Pflanzen findet, da möget ihr euch daran erinnern, daß fürs erste diese Pflanzen noch fortlebende Überreste einer vorzeitlichen Vegetation sind und daher auch kräftiger und wohlduftender sind denn diejenigen, die da, schon gewaltig degeneriert, einförmig die Ebenen und Täler zieren!“
[Gr.01_010,21] Sehet, also reden die Berge wieder und enthüllen oder eröffnen vor den Augen dieser Wißbegierigen das große Geschichtsbuch der Vorzeit und sagen ihnen, wie es einst ungefähr mag ausgesehen haben! Hier sind somit die Berge die besten und zuverlässigsten Lehrer großer Welt- und Naturbegebenheiten und zeigen ihnen im geheimen, wie unergründlich Meine Wege und wie unerforschlich Meine Ratschlüsse sind.
[Gr.01_010,22] Dadurch werden solche bei sich oft etwas aufgeblasenen Gelehrten sehr bedeutend gedemütigt, – und welche Predigt ist wohl besser als diejenige, welche die Demut predigt?!
[Gr.01_010,23] Was und wie predigen die Berge noch?
[Gr.01_010,24] Sehet, so jemand ihre kahlen Scheitel erstiegen hat, dem werden die höchst eigentümlichen Formationen dieser Berge die Frage entlocken: „Seid ihr Berge schon von Uranfang an also dagestanden, oder seid ihr erst nachträglich gebildet worden, und wie seid ihr zu dieser gegenwärtigen Form gekommen?“
[Gr.01_010,25] Und der also fragende Mensch wird durch die vielen losgerissenen Steine sogleich eine Antwort bekommen, welche also lauten wird: „Wir sind seit unserer Entstehung schon gar gewaltig verändert worden; denn mehr als die Hälfte unserer vormaligen Höhe ruht schon lange, die Tiefen der Täler und Gräben ausfüllend, tief unter unserem gegenwärtigen Fuße begraben, und so du uns sehen könntest im Verlaufe von nur einigen hundert Jahren, so würdest du uns sicher nicht mehr erkennen!
[Gr.01_010,26] „So du aber siehst die verschiedenen Neigungen unseres Gesteins und findest zwischen den Blättern dieses unseres Gesteins nicht selten noch wohlerkenntliche Abdrücke von Pflanzen und Tieren, welche gewöhnlich nur die tieferen Gegenden der Erde bewohnen und in denselben fortkommen, so kannst du ja mit Sicherheit daraus schließen, daß wir dereinst selbst ebenes Land gebildet haben und erst nach dem höchst weisen Ratschlusse des Schöpfers stückweise über das flache Land erhoben worden sind.
[Gr.01_010,27] So du aber nun unsere Gräben, Schluchten, Klüfte, Riffe und Risse beschaust, so kannst du daraus ja mit großer Leichtigkeit ersehen, wie da einst Fluten und große Elementarstürme ihre Riesenkräfte an unserer harten Stirne versucht und geübt haben!“
[Gr.01_010,28] Sehet, also reden wieder die Berge und erteilen den Menschen den vollgültigsten Aufschluß über die Art ihrer Entstehung, ihrer Gestaltung, und warum sie jetzt also aussehen!
[Gr.01_010,29] Wie und was reden denn die Berge noch?
[Gr.01_010,30] Sehet, wenn da ein oder der andere gewecktere Mensch seine Füße auf ihre Höhen setzt und da nichts als kahles Gestein, mitunter Schnee und Eisfelder findet, so sagen die Berge zu ihm:
[Gr.01_010,31] „Siehe, du stolzer, ruhmsüchtiger Mensch, der du nur immer trachtest, dich stolz zu erheben, um über deine Brüder zu herrschen, wie mager die Früchte der Höhe aussehen! Also, wie du uns hier kahl, kalt, gefühl- und leblos findest, geradeso bist auch du in deinem Herrscherwahn!
[Gr.01_010,32] Unser kahles Gestein und unser Schnee und Eis wirken zwar segnend für die Täler, da wir in steter Verbindung mit unserer umfangreichen Niederung stehen und diese bei weitem größer ist denn wir selbst in unseren Höhen; was würde aber mit uns geschehen, so wir täten wie du und zögen alle unsere Niederungen herauf auf unsere Häupter? Würden wir da nicht alsbald zu einem mächtigen, erderschütternden Falle kommen?!
[Gr.01_010,33] Daher lerne du von uns, ein wahrer Mensch zu sein! Sei kahl und kalt und unfruchtbar in deinem Verstande, und laß denselben sich stets erniedrigen, also wie wir uns stets erniedrigen, so wird deine Liebe dafür wachsen und dein Leben zunehmen daselbst, wo du gleich uns vom Schöpfer berufen bist, allein nur völlig lebendig zu sein! Laß daher auch du deinen vermeintlich weitum sehenden Verstand stets durch deine Demut umwölkt und umnebelt sein, damit er da zur tropfbaren, segensreichen Flüssigkeit werde, welche gleich unseren Bächlein hinabfließt in die Tiefe deiner Liebe, um dieselbe segnend zu beleben, also wie unsere Bächlein beleben unsere Niederungen und nähren alle ihre Frucht!“
[Gr.01_010,34] Sehet, auch so reden die Berge!
[Gr.01_010,35] Wie und was reden aber die Berge noch?
[Gr.01_010,36] Sehet, es besteigt wieder ein anderer Mensch ihre Höhen!
[Gr.01_010,37] Dieser Mensch ist ein reicher Spekulant, dem nichts so sehr wie Gold und Silber am Herzen liegt. Was sagen denn die Berge zu diesem Menschen, so er sich allenfalls doch einmal soviel Zeit nimmt, ihnen einen Besuch abzustatten?
[Gr.01_010,38] Oh, diesem Menschen geben sie eine gar vortreffliche Lehre und sagen ihm: „Du törichter Mensch, wie weit und wie tief bist du gefallen! Siehe, was du also liebst, das ist nichts als unser Unrat! Was würde aber dein Bruder zu dir sagen, so du von ihm nichts anderes lieben möchtest als nur seinen Unrat und stinkenden Kot?
[Gr.01_010,39] Möchte er nicht zu dir sagen: ‚Lieber Bruder, in welch großen Wahnsinn bist du geraten, daß dir von deinem Bruder nichts mehr heilig und wohlgefällig ist denn nur sein Unrat?!‘
[Gr.01_010,40] Siehe alsonach, du törichter Mensch: was dir dein Bruder sagt, das sagen wir dir mit noch bei weitem größerem Recht! Denn siehe, wie viele herrliche Pflanzen wachsen auf unseren Höhen und Triften und nähren die nützlichen Tiere des Landmannes! Wie viele tausend und tausend der schönsten Bäume wachsen auf uns und geben dir Holz in großer Menge, damit du dasselbe gebrauchen kannst zu zahllosen nützlichen Dingen! Zähle einmal die kristallreinen Quellen, welche wir auf vielen tausend Punkten ausliefern und damit die Ebenen und Täler segnen! Wie oft siehst du unsere Scheitel in Wolken eingehüllt und schauerliche Stürme um unsere Stirn toben, – siehe, solches nehmen wir auf uns, damit die von uns gesegneten Täler und Ebenen vor großen Verheerungen verschont bleiben! Jahraus und jahrein siehst du unsere Scheitel unter ewigem Schnee und Eise begraben; siehe, dadurch ziehen wir so vielfachen Frost an uns, damit die Täler und Ebenen sich der lebendigen Wärme erfreuen können!
[Gr.01_010,41] Sage uns nun, du törichter Mensch, was Übles haben wir dir denn getan, daß du alle diese unsere Wohltaten verkennst, dich dafür gleich einem Spulwurm der Tiere in unsere Eingeweide verkriechst und dort dem nachjagst, das für dich keinen Segen in sich birgt, uns aber dabei unbeachtet
läßt, die wir dich doch nach der Anordnung deines und unseres Schöpfers stets so reichlich mit lebendigem Segen versehen?!
[Gr.01_010,42] Daher laß ab von deiner Torheit, und wühle in Zukunft statt in unseren Eingeweiden lieber auf unseren Triften und Höhen herum, und sei versichert: eine Pflanze, ein Tropfen aus einer unserer Quellen und ein Blick von unseren Höhen, hingesandt in den fernen Wirkungskreis deines allmächtigen Vaters und unseres Schöpfers, werden dir einen unaussprechlich größeren Nutzen bringen, als so du alle unsere Eingeweide ausgeräumt hättest!“
[Gr.01_010,43] Sehet, dieser guten Predigt zufolge ist es auch schon zu öfteren Malen geschehen, daß aus sehr habsüchtigen Menschen, wenn sie nur einige Male den Bergen einen Besuch abgestattet haben, sogleich ganz freigebige und gastfreundliche Menschen geworden sind.
[Gr.01_010,44] Solches also predigen und lehren wieder die Berge. Was sie aber noch alles lehren und predigen, das wollen wir in der Fortsetzung vernehmen; und somit lassen wir es für heute wieder gut sein!
11. Kapitel – Die Stärkung des Gemüts und der inneren Sehe in der Bergwelt.
[Gr.01_011,01] Was lehren und predigen die Berge denn noch?
[Gr.01_011,02] Was die Berge noch lehren und predigen, davon kann sich ein jeder unbefangen denkende Gebirgsbesteiger auf den ersten Blick überzeugen und in seinem Gefühle recht klar und deutlich die Worte vernehmen, welche also lauten dürften:
[Gr.01_011,03] „Siehe uns an, du staubbelasteter Erdenpilger, wie frei und unabhängig wir von unsern hohen Scheiteln in die weite Ferne der Schöpfungen Gottes dahinblicken! Eine freie Luft weht um unsere Stirnen, und der Sonne Strahl bricht sich sanft über unsere hohen Rücken! Kein Grenzstein sagt hier dem Wanderer: ,Bis hierher und nicht weiter!‘, sondern wo immer er seinen Fuß hinsetzt, betritt er seinen eigenen Boden. Denn von dem Boden, auf welchem er geboren ward, muß gesteuert werden; wir aber sind ohne Grenzsteine, und für unsere Scheitel wird keine Steuer entrichtet. Daher bist du, Wanderer, auf unseren Höhen völlig zu Hause!“
[Gr.01_011,04] Daß diese Worte vollkommen richtig sind, davon kann sich ein jeder leicht überzeugen, wenn er je solche hohen Triften der Gebirge betritt. Wie da seine Augen einen weitgedehnten Sehkreis bekommen, also bekommt auch sein Gemüt einen weitgedehnten Gefühlskreis, und dadurch werden seine Gedanken mit dem Gefühl vereinigt, und er, der vielleicht noch nie im Herzen gedacht hat, empfindet nun zum ersten Male, wie süß, lieblich und frei die Gedanken des Herzens schmecken, und um wie vieles weiter sie sich über den Horizont des gewöhnlichen Verstandes erstrecken.
[Gr.01_011,05] Wenn solches nun der Fall ist, wird es da nicht behaglicher in dem armseligen Kopf, da auch um seine Stirn freiere Lüfte aus dem hohen Reich der Geister wehen?! Und wird es nicht einheimischer und traulicher sein, sich allda zu befinden, wo die Strahlen des sonst so hitzigen Verstandes sanft gebrochen werden und sich nach solcher Brechung gar lieblich in das frei gewordene Herz hinabsenken?!
[Gr.01_011,06] Wo ist auf diesen Höhen ein Zollverein der Gedanken anzutreffen und wo eine Taxierkammer dessen, was da ist ein freies Eigentum des unsterblichen Geistes?! Wo ist da ein Grenzstein anzutreffen, über welchen die fühlende Seele nicht treten soll?!
[Gr.01_011,07] Ja, hier lernt der unbefangene Wanderer – wenn er nicht mit verstopften Ohren und verbundenen Augen solche Höhen betritt –, was das heißt: frei sein in der Höhe seiner Gedanken und in der Tiefe seines Gefühls, und wie selig es ist, wenn diese zwei sich unbefangen die Hände reichen können, und wie selig da der Gedanke an Gott ist, wenn Ihn der Wanderer aus der Tiefe seines Herzens frei bekennen und Ihn lieben und anbeten kann in dem freien großen Tempel der Unendlichkeit!
[Gr.01_011,08] Saget Mir, welcher nur einigermaßen innerlich geweckte Mensch wird nicht von diesem heiligen Gefühl beseelt sein, so er sich an einem heitern Morgen auf einer solchen geheiligten Höhe befinden möchte?!
[Gr.01_011,09] Der Mensch kann zwar auch in der Tiefe Heiliges und Großes denken; aber es geht ihm dabei, als wenn er mit ziemlich hungrigem Magen in einem Buche die Beschreibung einer guten Mahlzeit liest, bei welcher Gelegenheit ihm die wirkliche Mahlzeit ums Hundertfache lieber wäre denn hundert noch vortrefflichere Mahlzeitbeschreibungen, von denen er aber dessenungeachtet dennoch nichts abbeißen kann.
[Gr.01_011,10] Also ist auch auf solchen Höhen ein inneres Gefühl und die innere Wahrnehmung gerade um so viel kräftiger und mächtiger gegen das, was er in seiner Kammer empfindet, als um wieviel da kräftiger und mächtiger ist eine wirkliche Mahlzeit gegenüber einer beschriebenen. Oder welcher Mensch hat ein lebendigeres Gefühl: einer, der seine lebendige zukünftige Braut am Arme führt, oder derjenige, der sich dieselbe mit den allerschönsten Farben kunstgerecht entweder gemalt oder beschrieben hat? Sicher wird ein jeder die lebendige ergreifen und wird dem andern sein Gemälde und seine Beschreibung unangetastet lassen!
[Gr.01_011,11] Also ist es auch hier der Fall! Auf solchen Höhen findet der Wanderer gastfreundlichst dasjenige, was ihm in der Tiefe alle Mühe und Anstrengung nicht zu geben vermag. Daher ist es wohl gar gut und nützlich in jeder Hinsicht, sich zu öfteren Malen die Mühe nicht gereuen zu lassen, eine oder die andere Gebirgshöhe zu besteigen. Der Gewinn ist ja ein doppelter und reichlicher: Fürs erste werden dadurch alle naturmäßigen Lebensgeister gestärkt; jedoch ist dieser Gewinn der geringere, obschon eine Gebirgsbesteigung besser ist denn zehn Apotheken und ebensoviel der renommiertesten Ärzte. Bei weitem größer aber ist der Nutzen für den Geist, weil dieser eine so große Stärkung von seiner ursprünglichen Heimat aus bekommt.
[Gr.01_011,12] Wer von euch, so er Gebirge bestiegen hat, wird sich dessen nicht erinnern, daß ihm zwischen den hohen Alpen traulicher und heimlicher zu Gemüte war, als wenn er sich in einer noch so volkreichen Stadt befinden möchte?!
[Gr.01_011,13] Woher rührt denn solches Gefühl?
[Gr.01_011,14] Frage nur die Berge, und sie werden dir alsbald durch eben dieses Gefühl sagen: „Siehe, was dir dein inneres Gefühl – freilich wohl noch etwas dunkel – sagt, ist volle Wahrheit; denn hier bist du wahrhaft zu Hause, und zwar im Kreise deiner vielen Voreltern, welche sich in entsprechender Weise schon lange hier überselig befinden!“
[Gr.01_011,15] Sehet, solches alles lehren auch die Berge! Was lehren und predigen sie aber noch? Höret sie nur ferner an; sie wissen noch allerlei zu erzählen!
[Gr.01_011,16] Um euch solches, was da noch kommt, ein wenig näher vor Augen zu stellen, so will Ich euch auch eben aus einer solchen Gebirgsbegebenheit ein kurzes Histörchen zum besten geben:
[Gr.01_011,17] Es war einmal ein frommer Mann; er war an Jahren schon sehr vorgerückt. Dieser Mann hatte gar viele Prüfungen zu bestehen, und unter diesen Prüfungen war auch diese eine der stärksten, daß er bis auf seine jüngste nahezu zwanzig Jahre alte Tochter alle seine Kinder samt seinem ihm überteuren Weibe verlor.
[Gr.01_011,18] Also stand er nun allein mit dieser seiner Tochter da, ein Häuschen am Fuße einer bedeutend hohen Alpe bewohnend, bei dem sich eben so viele Grundstücke befanden, daß sie ihn und sein Töchterchen nebst einer bejahrten Magd und einem alten Knecht kümmerlich ernährten.
[Gr.01_011,19] Dieser Mann betete in Gesellschaft seines Töchterchens oft und viel zu Mir, weinte dabei auch viel um die Seinigen und hatte oft eine große Sehnsucht, ihnen bald nachfolgen zu können.
[Gr.01_011,20] Als er einmal an einem Sonnabend mit seiner Tochter nahezu über die Mitternacht hinaus gebetet und geseufzt hatte und er samt der Tochter betend und seufzend einschlief, da träumte es der Tochter, als sei sie mit dem alten Vater auf dem höchsten Gipfel der Alpe gestanden. Und wie sie da freudig um sich her blickte in die weiten Fernen hinaus, da bemerkte sie alsbald eine ganze Menge lieblich weißer Wölkchen der Höhe zuschweben, und als diese Wölkchen vollends zu der Höhe hinangeschwebt waren, da gewahrte sie alsbald, daß diese Wölkchen vollkommen menschliche Wesen waren. Diese Wesen waren anfangs verschleiert; aber bald lüfteten sie ihre Schleier, und sie, die Tochter nämlich und der alte Vater, erkannten sogleich überseligen Herzens, daß diese Wesen ihre vorangegangenen Teuren waren, von denen die Mutter alsbald zu ihrem geliebten Gatten trat, ihn herzte und koste. Der Gatte, als der Vater der Tochter, aber weinte vor übergroßer Freude ob dieses seligen Wiedersehens. Darauf aber begab sich die Mutter zur Tochter, küßte sie und sagte zu ihr:
[Gr.01_011,21] „Liebe Tochter, also wie du dich mit deinem Vater jetzt allhier befindest, eben also sollet ihr euch beide morgen nachmittag hier befinden, da werdet ihr noch mehr sehen und empfinden denn jetzt; aber darob sollet ihr daheim nichts versäumen, was euch was immer für eine Ordnung der Dinge vorschreibt!“
[Gr.01_011,22] Nach diesen Worten erwachte die Tochter sogleich und weckte durch ihr Erwachen ihren noch schlafenden Vater, und da dieser den Anbruch des Tages merkte, so blieb er nach alter Gewohnheit auch sofort wach, stand auf, kleidete sich an und weckte dann auch das Hausgesinde. Nach dieser Arbeit aber begab er sich wieder in sein Zimmerchen, allwo er sein Töchterchen schon angekleidet und das Morgengebet verrichtend fand.
[Gr.01_011,23] Er segnete sein Töchterchen und küßte es, kniete dann selbst nieder und verrichtete mit ihm seine Morgenandacht. Als aber beide damit fertig waren, da standen sie auf, das Töchterchen umarmte seinen alten Vater und küßte ihn gar traulich und herzlich, so daß der Vater es ihm ansah, daß es übergewöhnlich fröhlichen und heiteren Mutes war. Er fragte es auch
alsobald: „Mein liebes Töchterchen, wie kommt es denn, daß du heute gar so munter und fröhlich bist?“
[Gr.01_011,24] Das Töchterchen aber sagte zu ihm: „Aber lieber Vater, hat denn dir heute gar nichts geträumt?“
[Gr.01_011,25] Der Vater aber erwiderte: „Es kommt mir wohl vor, als hätte mir etwas geträumt; allein was, – das wäre mir unmöglich herauszubringen!“
[Gr.01_011,26] Das Töchterchen aber erzählte nun dem Vater seinen Traum, welchen er mit großer und sichtbarer Bewegung seines Gemütes anhörte und dann nach der beendeten Erzählung sagte: „Höre, mein liebes Töchterchen, was dir geträumt hat, das wollen wir heute auch in der Wirklichkeit ausführen!
[Gr.01_011,27] Daher wollen wir uns sogleich jetzt in der Frühe in die nicht ferne Kirche begeben, daselbst dem Gottesdienste wohlandächtigen Herzens beiwohnen, sodann zu Hause unser Mahl nehmen und uns dann in Begleitung unseres alten Knechtes hinauf auf die Höhe begeben. Wenn wir nur eine Stunde vor dem Mittage fortgehen, so sind wir bis zum Nachmittag um die dritte Stunde ja gar leicht auf der besagten Vollhöhe unserer herrlichen Alpe und können bei dieser Gelegenheit auch im Namen des Herrn nachsehen, was unser Hausvieh und unsere zwei Hirten da oben machen, und ob alles gesund und in gutem Zustande ist.“
[Gr.01_011,28] Wie gesagt, also auch getan! Um 3 Uhr nachmittags stand unsere kleine Familie schon auf der Vollhöhe; wie aber das Töchterchen es im Traume gesehen hatte, so sah sie auch jetzt in der Wirklichkeit ganz gleiche Wölkchen sich gegen die Höhe begeben.
[Gr.01_011,29] Als diese Wölkchen näher und näher kamen, bemerkte sie auch der Vater und mit ihm auch der alte Knecht; und als die Wölkchen endlich vollends die Höhe umschwebten, da gestalteten sie sich auch alsbald zu den im Traume schon kundgegebenen Wesen.
[Gr.01_011,30] Als der alte Vater in diesen Wesen die Seinigen erkannte und sah, wie diese auch gar so liebend ihn umfingen, daß er darum nicht im geringsten mehr zweifeln konnte, daß das wahrhaft seine seligen Teuren seien, da weinte er laut vor Freude und dankte Mir mit dem inbrünstigsten Herzen, daß Ich ihm noch in diesem Erdenleben eine so große Seligkeit habe zukommen lassen.
[Gr.01_011,31] Nach solchem Dankgebet aber wurde seinem Geiste die innere Sehe völlig geöffnet. Da sah er alsbald die ganze Höhe verklärt und verwandelt in eine himmlische Gegend und sah da die herrlichen Wohnungen der Seinigen. Und aus einer Wohnung sah er einen Mann treten, der da hatte ein großes Gefolge; und dieser Mann begab sich geradewegs zu unserm alten Manne hin und sagte zu ihm:
[Gr.01_011,32] „Sieh, mein lieber Sohn, wo es auf der Erde bunt und lebendig zugeht, da sieht es im Geiste leer und tot aus; wo es aber auf der Erde aussieht, als hätte der Tod für alle Zeiten seine Ernte gehalten, da ist es im Geiste um so lebendiger und lebensvoller!
[Gr.01_011,33] Siehe, auf den hohen Alpen wächst zwar kein Getreide, und es sind keine Weinberge, keine Fruchtbäume, wie auch keine Goldbergwerke anzutreffen, was aber dafür anzutreffen ist im Geiste, das siehst du jetzt im Geiste durch die Gnade des Herrn vor deinen Augen enthüllt!
[Gr.01_011,34] Du wirst noch eine kurze Zeit die Erde mit deines Leibes Füßen betreten; wachse aber in dieser Zeit in der Liebe zum Herrn! Und siehe dort neben meiner Wohnung einen zweiten herrlichen Palast; dieser ist schon für dich bestimmt und für die Deinigen, wenn du das Zeitliche verlassen und antreten wirst das freie, ewige Leben!“
[Gr.01_011,35] Bei diesen Worten erkannte unser alter Mann, daß dieser Redner sein irdischer Vater war, – nach welcher Erkennung das selige Gesicht alsbald verschwand. Unsere Wanderer behielten davon das lebendige, selige und stärkende Gefühl, priesen und dankten Mir darauf für solche erzeigte Gnade und kehrten sodann heiteren und gestärkten Mutes wieder in ihre irdische Heimat zurück.
[Gr.01_011,36] Der bisher traurige Mann verlebte dann die übrige Zeit noch recht heiteren Mutes und voll Liebe und Dankbarkeit zu Mir auf der Erde; und so sich seiner noch dann und wann eine überflüssige Schwermut bemächtigte, dann machte er, wenn es nur immer seine leiblichen Kräfte gestatteten, alsbald einen Besuch unserer vorbezeichneten Höhe, von welcher er allzeit wieder neu gestärkt zurückkehrte.
[Gr.01_011,37] Sehet, solche Geschichten erzählen auch die Berge, – wenn auch nicht für jedermann mit vernehmlichen Worten, aber desto mehr mit einer sehr wahrnehmbaren Einflüsterung in das Gefühl der Seele und durch diese auch zur Liebe des Geistes.
[Gr.01_011,38] Wenn ihr euch zufolge dieses Wissens bei guter Gelegenheit auf irgendeinen Berg von einer bedeutenderen Höhe begebet und euch daselbst solche Gefühle anwandeln, so könnt ihr daraus sicher schließen und sagen: „Ja, das sind wahrhaft heimatliche Gefühle! Wie süß und angenehm sind sie, und wie herrlich muß es sein für diejenigen, welche sich schon für ewig in diesem stillen Heimatlande befinden!“
[Gr.01_011,39] Denn ihr könnt es glauben, daß solche Gefühle nicht etwa allein Wirkungen der für sich dastehenden Höhen sind, sondern sie entstammen den euch umgebenden seligen Geistern, die gleich Mir euch vorangegangen sind, um für euch eine bleibende Stätte zu bereiten. Doch müsset ihr dabei etwa nicht einseitig sein und denken: „Dieser oder jener Berg ist es, wo solche Wohnungen im Geiste aufgerichtet sind!“, sondern was hier gesagt ist, das gilt zumeist von jedem Berge, auf welchem die Grenzsteine des zeitlichen Eigentumsrechtes weit voneinander abstehen.
[Gr.01_011,40] Ähnliche Gefühle möget ihr wohl auch schon auf unbedeutend hohen Hügeln gewahren; aber lebendig werden sie erst da, wo die Axt des Holzhauers nichts mehr zu tun hat.
[Gr.01_011,41] Solches also erzählen, lehren und predigen auch die Berge. Was sie aber außerdem erzählen, lehren und predigen, das wollen wir noch in der vorletzten Mitteilung mit vieler Klarheit dartun; daher lassen wir es für heute wieder gut sein!
12. Kapitel – Die Berge als Stätten göttlicher Offenbarung.
[Gr.01_012,01] Was predigen und lehren die Berge denn noch?
[Gr.01_012,02] Auch solches wollen wir wieder in einer einfachen und kurzen Geschichte vernehmen. Und so höret denn:
[Gr.01_012,03] Ein recht frommer Mann ging einst schon lange mit dem Gedanken um, ob es denn durchaus nicht möglich wäre, sich auf einen Augenblick nur auf der Welt der großen Gnade teilhaftig zu machen, daß er Mich – nur auf einen Augenblick – zu sehen bekäme. Dabei dachte er sich aber auch, was alles er darum tun wolle, um zu dieser Gnade zu gelangen.
[Gr.01_012,04] Bei diesem Gedanken schweifte er lange Zeit umher gleich einem Jäger um einen dichten Forst, bei dem er nicht weiß, wie er in denselben eingehen soll, und in welchem Teile desselben sich ein Wild befindet. Er suchte somit auch die Fährte; allein solche ist dort schwer zu finden, wo alles dicht mit allerlei Gebüsch verwachsen ist.
[Gr.01_012,05] Unser alter frommer Mann war zwar wohl bei sich dessen gewiß, daß der Mensch in diesem Leibesleben solcher Gnade unwürdig ist und es daher schwerhalten möchte, das zu erreichen, wonach er sich sehnte.
[Gr.01_012,06] Aber auf der andern Seite war seine Begierde wieder zu mächtig, als daß sie dieser Einwendung hätte Gehör geben können.
[Gr.01_012,07] Daher beschloß er auch nach langem Umherirren seiner Gedanken, sich auf einem benachbarten ziemlich hohen Berge eine Stätte auszusuchen und dahin so oft zu wandeln und sich daselbst in anhaltendem Gebet zu sammeln, sooft es nur immer seine Zeit und andere Umstände gestatten möchten.
[Gr.01_012,08] Damit er sich aber die Stelle wohl merken konnte, machte er ein Kreuz und befestigte dasselbe an dieser Stelle. Als nun solche Arbeit vollzogen war, da gelobte er Mir feierlichst, daß er auf diesem Platze nicht eher zu seufzen und zu beten aufhören wolle, als bis Ich ihn erhören würde. Ja er sagte sogar, er werde entweder hier sterben oder Mich zu Gesichte bekommen und werde nicht eher von dieser Stelle weichen, als bis Ich Mich ihm zeigen würde.
[Gr.01_012,09] Wie beschlossen und vorbereitet, also auch getan!
[Gr.01_012,10] Bei drei Jahre lang verfügte sich unser Mann, sooft es nur immer die Umstände zuließen, an diese Stelle und betete da allerinbrünstigst oft viele Stunden lang zu Mir um die Erhörung seiner Bitte. Sooft er sich aber in dieser Angelegenheit da befand, war er auch allzeit unsichtbarerweise weit und breit umringt von vielen Tausenden frommer Geister. Diese stärkten ihn nach Meinem Willen so sehr, daß er sich nach Verlauf von anderthalb Jahren schon vollkommen der inneren Sehe des Geistes bedienen konnte, und so war es ihm auch ein leichtes, sich daselbst mit gar vielen ihm verwandten Geistern zu besprechen über das, was ihm so außerordentlich am Herzen lag.
[Gr.01_012,11] Die guten Geister belehrten ihn zwar einstimmig, daß sein Vorhaben im eigentlichen, wahren, Gott wohlgefälligen Sinne etwas töricht sei, und sagten ihm noch hinzu, daß ja das schon ohnehin eine große Gnade für ihn sei, daß Ich ihm das Auge des Geistes geöffnet habe, damit er allzeit sie, seine geistigen Brüder, sehen und sich mit ihnen besprechen könne über allerlei, was da ist und sein wird und kommen wird über den Erdboden. Allein solche Lehre von seiten der guten Geister fruchtete bei ihm in dieser Hinsicht wenig; denn er entgegnete ihnen allzeit darauf, sagend nämlich: „Meine lieben Brüder und reineren geliebten Freunde meines und eures Herrn! Ich kann euch ein und für alle Male nichts anderes sagen, als was ich euch schon öfter gesagt habe; solches aber ist und lautet, wie ihr wisset:
[Gr.01_012,12] Wenn ich nur Ihn zu sehen bekomme und Ihn habe, dann ist mir die ganze Welt mit dem ganzen Himmel um einen schlechten Pfennig feil! Und so möget ihr reden, was und wie ihr nur immer wollt, so werdet ihr mich dennoch ewig nicht von meinem Vorhaben abbringen; denn ich will und ich muß Ihn sehen, Ihn, den allein ich nur über alles liebe! Er allein ist mir alles; alles andere aber ist mir nichts!“
[Gr.01_012,13] Sooft aber diese guten Geister von unserem Manne solche Sprache vernahmen, schlugen sie sich an die Brust und lobten ihn wegen seiner großen Liebe zu Mir. Und also war ihre Arbeit vergebens. Als sie aber solches merkten, da hielten sie sich eine Zeitlang bei seinen Besuchen dieser Stelle so fern von ihm, daß er da niemanden weiter zu sehen bekam und auch nichts anderes als das, was seine fleischlichen Augen sahen.
[Gr.01_012,14] Er ward dadurch der Meinung, als könnte ein solches Verlangen denn doch sündhaft sein, da ihn die Geister also verließen, und so dachte er wieder eines Tages lange hin und her, was er da tun solle. Sollte er entweder der Belehrung der Geister folgen, oder sollte er dem getreu bleiben, wozu ihn sein Gefühl so mächtig antrieb.
[Gr.01_012,15] Endlich siegte aber dennoch das Gefühl über alle Geister; denn er sagte bei sich selbst: „Es sei dem, wie es wolle! Daß ich vor Gott ein Sünder bin, das zeigt mir ja mein eigener Leib; denn wäre ich kein Sünder, so hätte ich auch sicher nicht dieses sündige Zeugnis des Todes um mich. Ich aber bin ein Sünder, solange ich diesen Leib umhertrage. Aber was kann der Sünder denn dafür, wenn in seinem Leibe der Geist entzündet wird von der heißen Sehnsucht, Den zu schauen, Der ihn erschuf fürs ewige Leben?! Und so will ich denn meinem ersten Vorsatze getreu bleiben, und möge da kommen, was da wolle: meine Liebe zu Gott soll dennoch nicht geschwächt werden; eher will ich mich zu Tode lieben, als von dieser Liebe nur um ein Haarbreit weichen!“
[Gr.01_012,16] Diesem Beschlusse zufolge ging unser Alter wieder fleißig an die besagte Stelle und betete noch viel inbrünstiger denn zuvor.
[Gr.01_012,17] Als unter solchen Gebeten auf diesem Berge nahezu drei Jahre vergangen waren, da kam zu unserem Manne ein anderer gut aussehender, aber sonst ärmlicher Mensch und ließ sich mit unserem Beter in folgendes Gespräch ein.
[Gr.01_012,18] Er fragte ihn: „Lieber Mann, was tust du denn hier auf dieser Höhe?“ Und der Beter erwiderte ihm: „Mein guter Freund, wie du siehst: ich bete!“ Wieder sagte zu ihm der Fremde: „Weißt du denn nicht, daß man nur in den Bethäusern dem Herrn dienlich betet; du aber scheinst dieselben zu meiden und verrichtest somit deine ganze Andacht nur auf diesem Berge?“ Darauf erwiderte ihm unser Beter: „Lieber Freund, das ist wohl wahr; dessenungeachtet aber gehe ich doch auch, wenn das Wetter für diese Stelle ungünstig ist, in ein Bethaus! Doch muß ich dir offen bekennen, daß ich in einem Bethause noch nie mit der wahren Andacht habe beten können, wohl aber auf dieser mir so ganz eigens heilig vorkommenden Höhe! Ich muß dir dazu noch offen bekennen: Wenn ich da um mich her blicke und schaue da das liebe Gras, die schönen Wälder, mit denen der Fuß dieses Berges so reichlich geziert ist, und über mir den weiten, freien Himmel an, da sagt mir mein inneres Gefühl: ‚Siehe, diese Verzierungen des großen Tempels Gottes sind Seiner allmächtigen Hand sicher näher als diejenigen Schnitzwerke, mit welchen ein gemauertes Bethaus geziert ist!‘ Nach solchen Gedanken bin ich denn wieder vollkommen in meinem Element und begebe mich auf diese meine Höhe und bete da aus dem tiefsten Grunde meines Herzens.“
[Gr.01_012,19] Auf diese Äußerung sagte der Fremde: „Mein lieber Freund, in diesem Punkte bin ich mit dir vollkommen einverstanden; aber nur möchte ich von dir noch erfahren, aus welchem innern tieferen Grunde du diese Stelle ausersehen hast für deine Andacht!“
[Gr.01_012,20] Bei dieser Frage stutzte unser Beter ein wenig, bedachte sich aber doch bald und erwiderte dem Fremden: „Siehe, mein lieber Freund, manche Menschen bitten um Gesundheit, manche um Vermögen, manche um dies und manche um jenes, – allein um alles dieses bitte ich nicht; denn mir ist nur an einem alles gelegen, und dieses ist der Herr, mein Gott! Und Diesen möchte ich nur einmal sehen in diesem meinem irdischen Leben; denn daß dieses Leben für ein öfteres Sehen nicht geeignet ist, weiß ich wohl. Habe ich dieses erreicht, so habe ich mehr erreicht, als was mir alle Erde und Himmel bieten können! Daher will ich auch eher hier sterben, als von diesem meinem Vorsatze nur um ein Haarbreit abweichen; und habe ich das erreicht, so will ich dafür auf dieser Stelle Gott danken und loben mein Leben lang!“
[Gr.01_012,21] Nach diesen Worten fragte ihn der Fremde wieder: „Wie stellst du dir denn Gott vor? Denn es könnte ja sein, daß Er zu dir käme, Sich dir zeigte und mit dir redete in einer oder der andern Gestalt; wenn du Ihn aber nicht erkenntest, dann wäre ja all dein Beten umsonst, so es auch Gott, dein Herr, gar wohl erhört hätte!“
[Gr.01_012,22] Bei dieser Frage stutzte unser Beter noch mehr, und er sagte endlich zum Fremden: „Mein lieber Freund, da hast du mir wirklich etwas sehr Wichtiges gesagt; denn siehe, über diesen Punkt haben sich meine Gedanken noch nie erstreckt, und ich muß dir nun gestehen, daß ich mir darüber eigentlich gar keine Vorstellung machen kann! Mein Begriff über das Wesen Gottes ist also verworren, daß ich noch bis auf diese Stunde nicht weiß, ob es da einen Gott gibt, der ungefähr also aussieht wie ein großer Mensch, oder ob dieser Gott aus drei Menschen besteht, welche sich aber dessenungeachtet fast also ausnehmen dürften, als hätten sie nur einen gemeinsamen Leib. Oder ist das Wesen Gottes ein unendliches Licht, in welchem diese drei göttlichen Personen schweben und wirken? Kurz und gut, lieber Freund, ich kann dir darüber fürwahr keinen vollgültigen Bescheid geben! Siehe, diese Ungewißheit war auch am meisten der Grund, warum ich mir auf dieser Höhe diese Stelle ausgesucht habe; denn ich muß dir offen gestehen, ich möchte lieber nicht sein, als also sein, daß ich nicht zur Gewißheit dessen gelangen sollte, wie gestaltet da ist Derjenige, den ich über alles liebe!“
[Gr.01_012,23] Hier erwiderte der Fremde unserm Beter wieder und fragte ihn: „Hast du denn noch nie gelesen, was Christus einst von Sich aussagte, als die Apostel Ihn angingen, daß er ihnen den Vater zeigen solle? Siehe, heißt es da nicht: ‚Ich und der Vater sind eines! Wer Mich sieht, der sieht auch den Vater; denn der Vater ist in Mir und Ich im Vater?!‘“
[Gr.01_012,24] Bei diesen Worten fing unser Beter ganz gewaltig an zu stutzen, und er erinnerte sich sogleich der zwei nach Emmaus wandelnden Jünger und fragte darauf etwas furchtsam den Fremden: „Lieber Freund! Sage mir, ob du nicht irgendein Eremite oder sonst ein frommer und in der Heiligen Schrift wohlunterrichteter Mann bist; denn mit solchen Worten kommt sonst kein gewöhnlicher Mann zum Vorschein!“
[Gr.01_012,25] Auf diese Frage gab der fremde Mann unserm Beter keine Antwort mehr, sondern ergriff ihn bei der Hand und hob ihn von der Erde und führte ihn dann auf die Vollhöhe des Berges. Hier erst öffnete er wieder den Mund und sagte zu unserm Beter: „Bruder, siehe, um was du drei Jahre lang flehtest, das steht jetzt vor dir; siehe, Ich allein bin der Gott Himmels und der Erde, und außer Mir gibt es keinen mehr!
[Gr.01_012,26] Bleibe Mir aber getreu in deinem Herzen, wenn du Mich auch also fürder in diesem Leben nicht mehr sehen wirst! Wie du aber jetzt Meine süße Vaterstimme hörst, so sollst du sie auch stets hören, sowohl auf dieser Höhe, wie überall, wo du dich in Meinem Namen befinden wirst!
[Gr.01_012,27] Also aber hast du das Leben gefunden, und dieses wird dir nimmerdar genommen werden. Wahrlich, Ich sage dir: Deine Seele wird nimmerdar den Tod schmecken ewig! Amen.“
[Gr.01_012,28] Nach diesen Worten verschwand sogleich der hohe Fremdling, und unser Beter weinte, lobte und pries den Herrn die ganze Nacht hindurch und besuchte diese Höhe hernach noch emsiger als vorher.
[Gr.01_012,29] Sehet, auch solche wirklich wahren Tatsachen erzählen euch die Berge! Daher gehet auch ihr gern auf die Berge, oder betet zum wenigsten im Geiste auf den Bergen – welche sind ein reines Gemüt – zu Mir, so dürfte auch euch das begegnen, was unserm frommen Beter begegnet ist.
[Gr.01_012,30] Was die Berge aber noch lehren, predigen und erzählen, wollen wir noch in der letzten Mitteilung vernehmen, und so lassen wir es für heute wieder gut sein!
13. Kapitel – Die Berge als Spiegel unseres Innern.
[Gr.01_013,01] Was lehren und predigen die Berge denn noch?
[Gr.01_013,02] Die Berge führen noch solche Worte zu den sie beachtenden Menschen, aus welchen ein jeder nur einigermaßen geistig geweckte Mensch gar leicht entnehmen kann, wie es da noch steht um sein Gemüt.
[Gr.01_013,03] Demnach sind die Berge ein wahrer geistiger Spiegel für jene, welche sich darin beschauen wollen.
[Gr.01_013,04] Wie denn aber solches?
[Gr.01_013,05] Ihr habt schon bei so manchen Gelegenheiten erfahren, daß für den geistig geweckteren Menschen jede Erscheinung in der Natur irgendeine Bedeutung hat, und namentlich habt ihr solches vernommen bei jenen Gelegenheiten, bei denen euch ebenfalls einige Berge enthüllt worden sind.
[Gr.01_013,06] Demnach darf der geistig gewecktere Mensch nur einen flüchtigen Blick auf einen ihm benachbarten Berg werfen und allda ersehen, wie gestaltet er beleuchtet ist, ob er vollkommen rein oder mehr von einem bläulichen Dunst umfangen ist, und welche Teile des Berges mehr oder weniger umdunstet sind, oder ob er sogar irgendwo Nebel um den Berg erschaut, entweder in der Tiefe, in der Mitte oder auf seinem Scheitel, oder ob sich über seinem Scheitel Wolken befinden, und von welcher Art und Gattung diese Wolken sind.
[Gr.01_013,07] Ferner darf es einem solchen Beobachter nicht entgehen, welche Gefühle sich seiner beim Anblick eines vor ihm stehenden Berges bemächtigt haben, ob sie ihn in eine angenehme oder mehr wehmütige Stimmung versetzt haben, oder ob er dabei eine große Begierde empfunden hat, diesen Berg baldmöglichst zu besteigen, oder ob er ein diesem Gefühl gerade entgegengesetztes in sich gewahrte, welches gewisserart mit einem sogenannten oder vielmehr empfundenen Unmöglichkeitsgefühl gleichlautend ist. Also auch – was freilich wohl nur einem geweckteren Gefühl eigen ist –, ob er bei dem Anblick eines Berges ein heiteres Morgengefühl, oder ein zwar auch heiteres, aber doch mehr ermüdendes Mittagsgefühl, oder ein schläfriges Abendgefühl, oder ein ödes, dumpfes Mitternachtsgefühl in sich verspürte, und wie lange sich dasselbe, das ganze Gemüt beherrschend, aufrechterhielt.
[Gr.01_013,08] Sehet, alle diese hier angeführten Punkte sind wohl zu beachten; denn alle diese Erscheinungen und Empfindungen entsprechen allzeit auf ein Haar dem inwendigen Zustande des Menschen. Nur ist dabei zu bemerken, daß da die Empfindungen mit den Erscheinungen übereinstimmen müssen – denn die Erscheinungen für sich geben noch kein vollgültiges Zeugnis –; wenn aber das Gefühl mit der Erscheinung harmoniert, dann verkündet der Berg dem Menschen genau, wie es mit ihm steht.
[Gr.01_013,09] So zum Beispiel: Ginge da jemand am Morgen aus und würde da erblicken einen zwar ganz reinen Berg, dieser Berg aber erhöbe mitnichten sein Gefühl, sondern erfüllte es nur mit einer heimlichen Bangigkeit – in diesem Falle wäre die Erscheinung mit dem Gefühl unharmonisch; der Berg aber bliebe dem Beschauer dessenungeachtet ein getreuer Spiegel. – Wie denn aber?
[Gr.01_013,10] Sehet, sobald die geistige Reinheit des Berges das Gemüt des Beschauers abstößt, sagt der Berg dem Beschauer: „Mit welch unreinem Gemüt beschaust du mich! Daher reinige dich, damit du in dir erhoben wirst über dein Weltsinnliches, wie ich emporrage über den Schlamm der Tiefen, in dem nichts denn elendes Gewürm, Frösche, Kröten und Schlangen wohnen!“
[Gr.01_013,11] In diesem Fall ersieht der Beobachter im Spiegel des Berges sein Bild, wie er sein soll – aber nicht ist.
[Gr.01_013,12] Ein anderer unharmonischer Fall wäre dieser, daß ein Mensch ebenfalls ausginge, entweder am Morgen oder zu einer andern Tageszeit, würde aber da erschauen einen ganz umdüsterten Berg, hätte aber dabei ein vollkommen heiteres und fröhliches Morgengefühl. Was hätte denn der Beschauer bei dieser Gelegenheit dem umdüsterten Berge zu entnehmen?
[Gr.01_013,13] Wir wollen bei dieser Gelegenheit den Berg selbst einige Worte von sich geben lassen, welche also lauten dürften: „Sieh mich an, du fröhlicher Wanderer, im heiteren Morgen deines Gefühls! Du warst ehedem, wie du mich nun erschaust, und warst düster und traurig. Eine erstickende Nacht drohte dich zu verschlingen, und wie nun um mein ganzes Wesen, also umlagerten auch dich schwüle und schwere Wolken. Du wußtest nicht, was sie über dich ausbrüten würden. Es kamen gar bald gewaltige Stürme über dich hergezogen, und so mancher Blitz traf dich aus deiner Wolkenmasse. Du aber verzagtest nicht, hattest mich zum Vorbild in deiner Seele und standest da gleich mir: ein hoher Fels, unerschrocken und Trotz bietend solcher Versuchung. Siehe, die Stürme, die dich zu vernichten drohten, verwandelten sich gar bald in rettende Engel und befreiten dich von der großen Last deiner Nacht. Somit, kleiner Freund im Tal da unten – der du mich nun heitern Gemütes betrachtest, da ich begraben bin in der Wolken Nacht und Stürme um meine Stirne wehen, als wollten sie mich vernichten –, beachte wohl dieses Bild vor dir; denn nur dadurch wirst du im beständigen Morgen deines Gefühls verbleiben, wenn du dir oft genug das Bild vor die Augen stellst, wie es einst um dich aussah, als du mir in diesem meinem Zustande glichst.
[Gr.01_013,14] Siehe, dieser Sturm wird mich nicht vernichten, und du wirst mich gar bald wieder dir gleich erblicken; wohl dir, wenn du mich in meiner Reinheit mit demselben Gefühl noch wirst ansehen können, mit dem du mich nun ansiehst, da ich dir zeige, wie du dereinst warst!“
[Gr.01_013,15] Sehet, welch eine gute und nützliche Lehre so ein umwölkter Berg einem reinen Gemüt gibt, indem er es zur wahren Demut leitet und der Betrachter sich dann selbst sagen kann: „O Berg, wie oftmals warst du schon also umwölkt und wie oftmals wieder rein; lasse mich daher stets erinnert sein, daß ein gereinigtes Gemüt, solange es frei dasteht, auch gleich dir wieder kann umwölkt werden! Damit aber solches soviel als möglich unterbleiben möge, soll mich allzeit dein umwölkter Zustand daran erinnern und mir zugleich mit Donnerworten zurufen: „Siehe, wie traurig es ist, wieder in die vorige Nacht zurückzusinken, und wie schwer, solche Wolken zu tragen, die da gefüllt sind mit zahllosen Blitzen, welche nicht fragen: ‚Wohin sollen wir schlagen?‘, sondern welche schlagen, wohin sie treffen, und da zerschmettern und zerstören, was sie treffen!“
[Gr.01_013,16] Sehet, das sind die zwei Kulminationspunkte der unharmonischen Verhältnisse zwischen den Erscheinungen und den Empfindungen!
[Gr.01_013,17] Demnach können zwischen diesen zwei Extremen noch eine Menge größerer oder kleinerer Gattungen unharmonischer Erscheinungen vorkommen, welche aber diesen zweien zufolge alle leicht erkannt werden können, weil sie sich nicht mehr über das Ganze, sondern nur über einzelne Teile erstrecken.
[Gr.01_013,18] Das Schwerste ist, die Totalerscheinung zu beurteilen; diese aber ist bereits erläutert. Demnach ist jedes einzelne ja leicht zu erkennen, geradeso, als wenn jemand eine allgemeine Rechenformel kennt und dann zufolge dieser Formel jeden sonderheitlichen Fall gar leicht entziffern kann.
[Gr.01_013,19] Was aber die harmonischen Erscheinungen betrifft, so bedürfen diese keiner weiteren Erklärung. Denn wo ein heiteres Gemüt einen heiteren Berg erblickt, da wird es noch um so heiterer und sehnt sich hinauf auf die reine Höhe; wo aber ein umdüstertes Gemüt einen schauerlich umdüsterten Berg erblickt, da wird es noch um so düsterer und ruft schon heimlich im Geiste aus: „Berg, falle über mich her und bedecke ganz und gar meine furchtbare Nacht!“ Ein solcher Mensch sehnt sich sicher nicht nach der Höhe dieses Berges.
[Gr.01_013,20] So aber jemand ausgeht mit einem heiteren Gemüt und ein umdüsterter Berg verstimmt es ihm, so ist eine solche Verstimmung als nichts anderes anzusehen als eine Erweckung des eigentlichen Zustandes, in welchem sich das Gemüt verborgenermaßen noch befindet, – oder der Berg zeigt es dem Menschen an, was alles noch in ihm steckt.
[Gr.01_013,21] Das sind die Universalmomente der harmonischen Verhältnisse, nach welchen sich ebenfalls jeder unbedeutende sonderheitliche Fall erkennen und bestimmen
läßt.
[Gr.01_013,22] Daß natürlicherweise die höheren Berge und namentlich die Gletscher, wie unser Großglockner es ist, solches mit einer noch bei weitem größeren Bestimmtheit an sich beobachten lassen denn andere, weniger hohe Berge, versteht sich schon ohnehin von selbst, so jemand nur ein wenig in Erwägung zieht, daß die Bestimmung eines Berges stets ausgedehnter wird, je höher er seinen Scheitel über die gewöhnliche Habsuchtstiefe des Erdbodens erhebt.
[Gr.01_013,23] Daß ferner die Berge erst auf ihren reineren Triften bedeutungsvoller werden, kann jedweder auch leicht aus dem Ganzen entnehmen, weil, je reiner die Berge werden, es auch desto geistiger auf ihnen wird, – aus welchem Grunde sie auch auf jedes Gemüt schon an und für sich einen größeren Eindruck machen als geringere Erhöhungen.
[Gr.01_013,24] Wenn ihr aber noch bestimmter erschauen wollt, in welcher Region die Berge, und mitunter auch, welche Berge da am wirksamsten sind, so dürft ihr nur den ziemlich gelungenen Zeichnungen des Knechtes ein aufmerksames Auge schenken. Aus denen werdet ihr gar bald zuunterst der Zeichnung diejenigen Punkte erschauen, wo die Berge anfangen wirksam zu sein, und auch, welche Berge am meisten wirken.
[Gr.01_013,25] Wollt ihr solches erkennen, da fraget nur nach aufmerksamer Betrachtung eines jeden Stückes, wie dasselbe das Gefühl angeregt hat, und ihr werdet daraus gar bald erkennen, wo sich die größere Wirkung äußert. Denn das Bild ist ebenfalls eine Entsprechung zum Gegenstande, von dem es ein Abbild ist, und kann auch im Geiste belebt werden zur nahezu völligen Wirklichkeit; nur muß natürlicherweise ein Abbild mit desto größerer Aufmerksamkeit betrachtet werden, damit es sich dadurch im Gefühl verwirklicht. Ist solches bei jemandem gewahrsam erfolgt, dann mag er auch so manche nützliche Lehre aus einer solchen Betrachtung ziehen.
[Gr.01_013,26] Daß wieder natürlicherweise ein solcher Berg in seiner eigentümlichen Natur um vieles wirksamer ist, und zwar sogleich auf den ersten Anblick, solches bedarf keiner weiteren Erörterung, sondern eines jedweden eigene Erfahrung lehrt ihn ja dasselbe; und so hätten wir nicht nur den Großglockner in allen seinen Teilen und Wirkungen dargestellt, sondern was da gegeben ist, ist der Ordnung nach von allen Bergen zu verstehen, wie es demzufolge auch zu verstehen ist für jedermann.
[Gr.01_013,27] Vorzugsweise aber sollen darunter die entsprechenden Berge im menschlichen Herzen verstanden sein, welche da diesen wirklichen entgegengehalten werden sollen, damit im Herzen dann ebenfalls eine solche nützliche Fernwirkung entstehen möchte, wie sie da entsteht und fortwährend besteht auf diesem euch nun bekanntgegebenen Berge.
[Gr.01_013,28] Solches beachtet demnach wohl, und prüfet euch danach, und tuet danach, so wird der wahre innere Segen der Berge ebenfalls über euch also ausgegossen werden, wie da die Berge ihren euch bekannten Segen ausgießen über alles Land, – und solches ist wahr, richtig und getreu! Wie Ich aber vorzüglich gern auf den Bergen war und sättigte da so viele Hungrige mit wenigen Broten und zeigte Mich verklärt auf einem Berge und fuhr von einem Berge auf in Mein Reich, – also sage Ich euch auch dieses von den Bergen und eröffne euch dadurch eine große Pforte in das Reich des ewigen Lebens!
[Gr.01_013,29] Bedenket, daß Ich, der Urheber und Erschaffer der Berge, Mich nicht umsonst gern auf den Bergen aufhielt und nicht ohne große lebendige Bedeutung zum letzten Male auf einem Berge betete; daher folget Mir in allem nach, so werdet ihr das Ziel, das Ich Selbst bin, schwerlich je verfehlen!
[Gr.01_013,30] Solches sage Ich, der Ich einst vom Berge den Himmel ausgeteilt habe. Dies ist auch ein Teil des Himmels; nehmet ihn als einen großen Segen von Mir, und werdet lebendig im Geiste ewig! Amen.