4. Kapitel – „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch Mich.“ (Johannes 14,6)
27. Dezember 1843 abends
[Ste.01_004,01] Wird es wohl schwer sein, noch eine Zentralsonne hierher zu zitieren? O nein, nicht im geringsten! Denn wir dürfen nur jeden nächsten besten Text aus dem Buche des Neuen Testaments hierhersetzen, und eine neue Zentralsonne ist vor euch mit demselben Urlichte und mit derselben Kraft und Wirkung desselben. Zum Beispiel: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater – denn durch Mich.“
[Ste.01_004,02] Seht, da haben wir gleich eine Zentralsonne! Wer deren Licht in sich erschauen kann, der wird in solcher Beleuchtung sicher einsehen, daß durch das absolute Lesen soviel wie nichts ausgerichtet ist zum Gewinne des ewigen Lebens.
[Ste.01_004,03] Der Vater ist die ewige Liebe in Mir, wie Ich in allem Meinem göttlichen Wesen von Ewigkeit her vollkommen in ihr bin. Denn Ich und der Vater sind Eins, oder Ich und Meine ewige Liebe sind Eins, oder wie die Liebe in ihrer Weisheit lebendig wohnt ewiglich, also wohnt auch die Weisheit in der Liebe, aus der sie hervorgeht, ewiglich.
[Ste.01_004,04] Der Vater oder die Liebe ist das Grundleben alles Lebens; wer nicht zu diesem lebendigen Urborn alles Lebens zurückkommt, der bleibt tot und kann nirgends woanders ein Leben überkommen.
[Ste.01_004,05] Wo aber ist die Tür zum Vater? Und wer ist diese Tür? Sind es die vielen Bücher und Schriften, die jemand liest, oder bin Ich es?
[Ste.01_004,06] Ja, man wird hier bessererseits wohl gleich einstimmen und wird sagen: „Ja fürwahr, wenn man die Lehre Christi genau durchprüft, so kann man nicht leichtlich mehr einer andern Meinung sein als allein der nur, daß man nur allein durch die Befolgung dieser Lehre ein ewiges Leben für Geist und Seele erreichen kann. Und in dieser Hinsicht ist ganz richtig, was Christus von Sich ausgesagt hat, daß nämlich Er allein der Weg, die Wahrheit und zugleich das Leben Selbst ist!“
[Ste.01_004,07] Und Ich aber sage euch fürwahr: Es gibt Tausende und abermals Tausende, die ein solches Bekenntnis ablegen, und das aus dem Grunde ihrer guten Einsicht; und dennoch sage Ich: Sie sind tot und haben weder den Weg, die Wahrheit, noch die Tür und das Leben gefunden.
[Ste.01_004,08] Man wird hier sagen: „Diese Sache klingt grob und schonungslos! Wie läßt sich so etwas von der allerhöchsten Liebe Gottes hören? Was kann der Mensch mehr tun, als durch den Fleiß seines Studiums zur vollkommenen Einsicht der großen Wahrheit und Göttlichkeit des großen Lehrmeisters zu gelangen? Was Höheres kann der Mensch wohl tun, als so er die wahre, höchste, heilige Würde des göttlichen Wortes evident zu erkennen strebt und durch seinen Fleiß auch wirklich erkennt?“
[Ste.01_004,09] Ich aber sage: Das ist einerseits wohl wahr, – es ist sicher besser, so etwas zu tun, als alles zu verwerfen und dann dem Hochmute der Welt zu frönen; aber in der Schrift heißt es auch: „Es werden zu der Zeit viele zu Mir sagen: ‚Herr, Herr!‘“, und dagegen heißt es dann, daß Ich zu ihnen sagen werde: „Weichet von Mir; denn Ich habe euch noch nie erkannt!“
[Ste.01_004,10] Das ist der Grund der euch sicher bekannten Stelle im Neuen Testament. Unter dem Spruche „Herr, Herr!“ wird dargetan, daß Christus wohl als der Weg, die Wahrheit und das Leben erkannt wird. Aber was nützt diese Erkenntnis, so niemand auf dem Wege wandeln will und mag nicht tätig ergreifen die Wahrheit, um durch sie zu gelangen zum Leben?
[Ste.01_004,11] Ein Schauspieler bin Ich doch wohl sicher nicht, daß Ich Mich begnügen möchte allein an dem leeren Beifallsgeklatsche, sondern Meine Sache ist voll des ewigen Ernstes, und Ich verlange daher auch eine ernste Tätigkeit und nicht den leeren alleinigen Beifall!
[Ste.01_004,12] Was würde wohl ein reicher Bräutigam für ein Gesicht machen, wenn ihm verschiedene Bräute allen Beifall bezeigen möchten und möchten ihn loben und rühmen; so er aber eine oder die andere ergreifen möchte, so liefe sie dann davon und möchte noch in ihrem Herzen obendrauf schmähen über eine solche Dreistigkeit?
[Ste.01_004,13] Saget, wird der Bräutigam wohl eine von solchen törichten Bräuten zum Weibe nehmen? Fürwahr, er wird hinausgehen und wird sich nach einer Hure umsehen und wird zu ihr sagen: „Ich kenne dich, daß du eine Hure bist; aber ich sage dir: Laß ab von deinem Getriebe, und ich will dich zum Weibe nehmen!“
[Ste.01_004,14] Und die Hure wird ablassen, von ihrer wahren, neu erwachten Liebe genötigt, und wird dem Bräutigam zu einem vielgeliebten Weibe werden – und wird gleichen einer Magdalena, die ehedem unter allen Weibern Israels die Letzte war; als sie aber der rechte Bräutigam rief, da ward sie die Erste unter allen Weibern, die mit dem Bräutigam Selbst die große Auferstehung zum ewigen Leben feierte!
[Ste.01_004,15] Fürwahr, ihre Sache war nicht das Lesen der Bücher; aber als sie den Rechten erkannt hatte, da stand sie alsbald ab von ihrem Weltgetriebe und faßte eine starke, unvertilgbare Liebe zu Dem, den sie als den Rechten erkannt hatte, und brachte Ihm ihrer großen Liebe wegen alles zum Opfer, was sie auf dieser Welt hatte.
[Ste.01_004,16] Sehet, für eine solche Braut war Ich in der wirklichen lebendigen Tätigkeit der Weg, die Wahrheit und das Leben!
[Ste.01_004,17] Es gab aber gar viele andere zu der Zeit, die Mich auch als das erkannt hatten, aber von der Tätigkeit wollten sie nichts wissen; daher gehört für sie auch der Text: „Also werden die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten sein!“
[Ste.01_004,18] Ist denn aber der Weg, die Wahrheit und das Leben in der Tat im Ernste so schwer? Heißt es nicht: „Mein Joch ist sanft und Meine Bürde leicht!“? – Ja fürwahr, also ist es auch! Der ganze Weg, die Wahrheit und das Leben und das sanfte Joch und die leichte Bürde stecken in den zwei Geboten der Liebe.
[Ste.01_004,19] Ist es denn gar so schwer, Den zu lieben, der die ewige Liebe Selbst ist, und ist es wohl schwer, zu lieben den eigenen Bruder? O fürwahr! Nichts ist leichter als das, – nehmet nur die Welt, diese alte Pest des Geistes, aus eurer Brust, und ihr werdet erfahren, wie süß und leicht es ist, zu lieben die ewige Liebe und zu lieben den Bruder!
[Ste.01_004,20] Aber schwer freilich wohl ist es, zu lieben die ewige Liebe und den Bruder, wenn das Herz voll ist der Welt, voll der Weltrechnungen, voll des Geldes, voll der Spekulation und voll der höllischen Mathematik, die da auf ein Haar zu berechnen versteht, was ein Groschen auf dem Wege des Wuchers in einem Jahr für Prozente abwerfen muß.
[Ste.01_004,21] Ja fürwahr, wo das Herz dieser Kunst voll ist, da wird der „Herr, Herr“ nicht viel helfen, und der Weg, die Wahrheit und das Leben wird so schmal und dornig ausfallen, daß er wohl schwerlich je wird überwandelt werden können.
[Ste.01_004,22] Was nützt da das Lesen von tausend und tausend noch so wahrheitsvollen Büchern? Werden sie jemanden zum Leben erwecken, der tagtäglich besorgt ist, sein Herz stets mehr und mehr von Tag zu Tag mit allem Unrat der Welt vollzustopfen?
[Ste.01_004,23] Saget, wird jemand von euch mit einer Bildsäule Kinder zeugen können? Oder wird ein noch so kunstvoll gemaltes Samenkorn aufgehen, so ihr es in das Erdreich setzet? Sicher weder das eine noch das andere! Das Lebendige kann nur mit dem Lebendigen wieder Lebendiges zeugen; also kann auch das lebendige Wort nur im lebendigen Herzen wieder Früchte bringen.
[Ste.01_004,24] Für den geistig Toten aber ist auch das lebendige Wort nichts als ein gemalter Same und er mag zahllose solche Körner in sich streuen, so wird er aber dennoch nie eine Frucht erzielen; weil er das Wort nicht belebt, so wird das Wort auch nicht lebendig in ihm.
[Ste.01_004,25] Wer aber nur weniges hört und tut danach, der ist ein Täter des Wortes und sucht das Reich Gottes wahrhaftig, und alles andere wird ihm hinzugegeben. Ich meine, das ist auch klar; doch nächstens der Zentralsonnen mehr!
5. Kapitel – „Mich dürstet!“ – „Es ist vollbracht!“ (Johannes 19,28 u. 30)
28. Dezember 1843 abends
[Ste.01_005,01] Damit ihr aber nicht etwa am Ende sagen möchtet, als sei nicht ein jeder Text eine völlige Zentralsonne, sondern nur ein solcher etwa, den Ich Selbst hierher setze, so wählet euch denn selbst einen Text, wie ihr ihn nur immer wollt, und wir werden dann sehen, ob er nicht ganz einen und denselben Hauptgrund als eine gleiche Zentralsonne vor den Augen des Geistes allerhellst erleuchtet. Und also tuet solches!
[Ste.01_005,02] Ihr habt die beiden kleinen Texte genommen: „Mich dürstet!“ und „Es ist vollbracht!“
[Ste.01_005,03] Bevor wir aber zu der klaren Beleuchtung übergehen, muß Ich euch schon die Versicherung geben, daß Ich euch die Wahl vollkommen freigelassen habe; denn sonst könntet ihr am Ende sagen, Ich hätte euch gerade das eingegeben, was Ich brauchen kann. Und nun erst gehen wir zur Hauptsache über!
[Ste.01_005,04] „Mich dürstet!“ Wonach? Nach der Liebe, die die Welt nicht hat, – darum sie Mir auch nur Essig und Galle zur Stillung Meines Durstes statt des belebenden Wassers reichte und noch bis jetzt fortan immer reicht.
[Ste.01_005,05] „Mich dürstet!“ Wonach? Nach dem Leben, das Ich Selbst ursprünglich von Ewigkeit Selbst bin, und das Ich in so reichlicher Fülle von Urbeginn an ewig zahllose Wesen verschwendet habe!
[Ste.01_005,06] Also nach diesem Leben dürstet Mich! Endlos vielfach ist dieses Leben in den Tod übergegangen. Ich kam, um es dem Tode zu entreißen. Darum dürstete Mich gar sehr im Augenblick der großen Erlösung nach diesem verschwendeten Leben; aber der Tod hatte so sehr überhandgenommen, daß ihn das ewig lebendige Blut der Liebe nicht zu erwecken vermochte!
[Ste.01_005,07] Als Ich verlangte zu trinken das Leben, da gab man Mir aber dennoch nicht das Leben, sondern man gab Mir zu trinken den Tod! Essig und Galle war der Trank; Essig als das Symbol des Zusammenziehenden und Verhärtenden und die Galle als das Symbol des Hasses, Zornes und Grimmes.
[Ste.01_005,08] Dieses Bild ist klar und deutlich dargestellt, und wir wollen sehen, wie es fürderhin für unsere Sache taugt.
[Ste.01_005,09] Sehet, also rufe Ich zu aller Welt, wie zu euch, fortwährend: „Mich dürstet!“, oder was ein und dasselbe ist: „Liebet Mich, gebet Mir zu trinken eure Liebe! Liebet Gott über alles und euren Nächsten wie euch selbst! Das ist das Wasser des Lebens, danach Mich in euch dürstet.“
[Ste.01_005,10] Frage: Reichet ihr Mir wohl dieses Wasser? Oder reichet ihr Mir nicht vielmehr auch Essig und Galle?
[Ste.01_005,11] Das wenige, das Ich von euch verlange, ist nichts als die Liebe und die Tat danach. Wenn ihr aber anstatt der wahren, lebendigen Liebetat nur leset und dabei nichts tut, außer was eurem Weltsinne so oder so zusagt, – Frage: Ist das nicht Essig mit Galle, das ihr Mir an Stelle des lebendigen Wassers reicht? Ja, Ich sage euch: Je mehr ihr zusammenleset und dabei aber nichts tut, als was euch nach eurem Sinne weltlich erfreut, desto saurer wird der Essig und desto bitterer die Galle.
[Ste.01_005,12] Es heißt dann freilich: „Es ist vollbracht!“ Aber was? – Mein eigener Kampf um euch; denn mehr kann Ich nicht tun, als als euer Schöpfer, Gott und Herr und das ewige Leben Selbst euren Tod auf Mich nehmen!
[Ste.01_005,13] Daß aber Ich nicht getötet werden kann in Meinem ewigen Geiste, das braucht keiner weiteren Erklärung. Nur den Kampf für euer Leben kann Ich bis zur endlos höchsten Stufe treiben. Aber da ihr selbst endlich seid, so muß auch dieser Kampf irgend ein möglich höchstes Ziel haben. Ist dieses Ziel erreicht, dann ist der Kampf vollbracht, von Mir aus betrachtet, – aber nichtsdestoweniger etwa auch bei euch, die ihr Mir, dem vollbringenden Kämpfer um euer Leben, aus lauter Dankbarkeit statt des lebendigen Liebewassers nur Essig mit Galle reichet.
[Ste.01_005,14] Es ist freilich vollbracht; aber nicht für euch, sondern leider nur für Mich Selbst, oder: Ich habe für euch alles getan, was nur immer in der göttlichen Möglichkeit steht; darum habe Ich Mein Werk um euch vollbracht. Aber tut auch ihr danach, daß dieses Werk in euch vollbracht wäre?
[Ste.01_005,15] O ja, – ihr leset fleißig, ihr schreibet auch fleißig, ihr besprechet euch auch gern von Mir; aber wenn Ich sage: „Widmet Mir an Stelle eurer gewissen Weltgedanken und an Stelle eurer so manchen Welterheiterungen nur eine volle Stunde am Tage; heiliget sie dazu, daß ihr euch in derselben mit nichts als nur mit Mir in eurem Herzen abgebet!“, – oh, da werdet ihr hundert Anstände für einen finden, und hundert weltliche Gedanken werden sich um einen einzigen schwachen geistigen wie ein Wirbelwind drehen!
[Ste.01_005,16] Allerlei weltliche Rücksichten werdet ihr da zum Vorschein bringen; und wenn sich auch jemand für eine solche Stunde entschließen möchte, so wird er sich sicher nicht zu sehr freuen auf diese, sondern wird vielmehr eine kleine unbehagliche Scheu vor derselben haben und wird dabei fleißig die Minuten auf dem Zifferblatt seiner Uhr zählen und nicht selten mit Ungeduld auf das Ende des Mir geweihten Stündleins harren.
[Ste.01_005,17] Und käme da nur irgendein unbedeutendes Weltgeschäftlein dazwischen, so wird das Stündlein entweder gar kassiert oder wenigstens in eine solche Periode des Tages versetzt, in welcher sich gewöhnlich schon der wohltätige Schlaf über die Sterblichen senkt, und in welcher, besonders beim weiblichen Geschlecht, keine angenehmen Besuche mehr zu erwarten und keine nervenstärkenden Promenaden mehr zu unternehmen sind.
[Ste.01_005,18] Sehet, das alles ist Essig und Galle! Und es ist in euch dadurch nicht vollbracht, wenn Ich zufolge Meiner unendlichen Liebe alles Erdenkliche tue, um euch auf den rechten Weg des Lebens zu bringen; denn zur Vollbringung in euch ist nötig, daß ein jeder sich selbst verleugne aus wahrer Liebe zu Mir, sein Kreuz auf sich nehme und Mir treulich nachfolge.
[Ste.01_005,19] Wer aber tut das? Das weibliche Geschlecht kann wohl, wenn es gut geht, den ganzen Tag für den Leib stechen und heften und kann sich putzen und nicht selten über die Maßen freuen auf irgendeinen Besuch; aber wenn Ich dazu sagen möchte: „Bleibet daheim in eurem Kämmerlein, und gedenket in eurem Herzen Mein!“, da werden sie traurig, lassen ihre Gesichter hübsch weit herabhängen und sagen: „Aber auf der Welt haben wir doch nichts Gutes!“
[Ste.01_005,20] Frage: Ist das nicht Essig und Galle, wie sich's gehört? Oder halten solche weiblichen Menschen in ihrem Herzen nicht eine noch so nichtssagende Welterheiterung höher denn Mich? Haben solche Menschen auch in sich vollbracht, wie Ich am Kreuze für sie den großen Kampf vollbracht habe?
[Ste.01_005,21] Gebet ihnen angenehme Bücherchen mit allerlei Histörchen, die Meinetwegen auf Mich Bezug haben sollen; sie werden sie recht gern lesen, besonders wenn darin dann und wann von einer romantischen Heirat die Rede ist oder darin wunderbare Märchen vorkommen. Gebt ihnen aber nur ein etwas ernster abgefaßtes Büchlein; das werden sie gerade mit einem solchen Appetit lesen, als mit welchem da frißt ein an gute Speisen gewöhnter Hund eine ihm dargereichte dürre Brotkrume, die er höchstens anschnüffelt, sie aber dann bald mit gesenktem Schweif und hängenden Ohren verläßt.
[Ste.01_005,22] Da aber das Tun doch immer noch etwas Ernsteres ist als das alleinige Lesen selbst des ernstesten Buches, so erklärt sich die Sache von selbst, mit welcher Schwierigkeit da das Tun wird zu kämpfen haben.
[Ste.01_005,23] Es gibt viele, die eine gute Musik gern von Künstlern hören; aber wie wenige darunter wollen sich dahin selbstverleugnen, um durch ein angestrengtes Studium selbst Künstler zu werden.
[Ste.01_005,24] Es ist leicht das Hören und nicht schwer das Lesen und ebenso leicht das Zuschauen; aber das Selbsttun ist für jedermann von keinem großen Reiz. Was nützt aber jemandem das Wissen und Nicht-Tun-danach?
[Ste.01_005,25] Sehet, das alles ist Essig mit Galle und bringt das Vollbringen nicht zuwege! In Mir wohl, indem Ich jedermann alles Erdenkliche dazu gebe, – aber nicht in dem Menschen, der das nicht also und dazu benutzen will, wie und warum Ich es ihm gebe.
[Ste.01_005,26] Daher seid nicht eitle Hörer, sondern Täter des Wortes! Denn nur als Täter löschet ihr Meinen Durst mit dem lebendigen Liebewasser, sonst aber reichet ihr Mir allzeit Essig und Galle.
[Ste.01_005,27] Ich meine, das wird auch klar sein; aber nächstens dennoch der Zentralsonnen mehr!
6. Kapitel – „Und da sie Ihn sahen, beteten sie Ihn an; einige aber zweifelten.“ (Matthäus 28,17)
29. Dezember 1843 abends
[Ste.01_006,01] Auch hier habt ihr wieder die freie Wahl eines Textes; wählet daher, und wir wollen sehen, ob er auch als Zentralsonne für diese unsere vorliegende Sache taugt.
[Ste.01_006,02] „Und da sie Ihn sahen, beteten sie Ihn an; einige aber zweifelten.“
[Ste.01_006,03] Ihr habt diesen Text bestimmt und habt damit auch schon wieder den Nagel auf den Kopf getroffen. Fürwahr, es könnte dieser Text für eine Hauptzentralsonne angesehen werden!
[Ste.01_006,04] „Als sie Ihn sahen, beteten sie Ihn an.“ Wen sahen sie denn, und womit sahen sie Ihn, und wie beteten sie Ihn an?
[Ste.01_006,05] Sie sahen Mich, den Herrn. Womit denn? Mit ihren Augen. Und wie beteten sie Mich an? Mit ihrem Munde. Warum beteten sie Mich denn an? Weil sie durch das Wunder wußten, wer Ich bin; sie wußten nämlich, daß Ich der Herr bin. Woher wußten sie aber das? Sie wußten das durch Meine Lehre, und durch Meine Taten, und durch das Wunder Meiner Auferstehung.
[Ste.01_006,06] Nun wollen wir sehen, ob ihr nicht desgleichen tut!
[Ste.01_006,07] Ihr sehet Mich zwar nicht mit euren Augen, aber desto mehr sehet ihr Mich mit euren Ohren und mit den Augen der Seele, welche da sind euer gutes Verständnis. Denn das Sehen mit den Augen ist wohl das wenigste, weil die Bilder, die in dasselbe fallen, sehr flüchtig sind und keinen Bestand nehmen. Das alte Sprichwort ist richtig: „Aus den Augen, aus dem Sinn!“
[Ste.01_006,08] Aber was ihr wahrnehmet mit den Ohren, ist schon bleibender; denn ein vernommenes Wort könnt ihr zu jeder Zeit so getreu wiedergeben, wie ihr es vernommen habt. Aber versuchet dasselbe auch mit einem geschauten Objekt. Selbst einem sehr gewandten Bildner oder Maler wird es nicht leichtlich gelingen, ein geschautes Objekt so getreu wiederzugeben, wie er es geschaut hat.
[Ste.01_006,09] Aber Objekte, Bilder und Begriffe, die das Ohr aufgenommen hat, bleiben haften, und das überaus getreu; und dieser Treue zufolge könnt ihr reden, und das in verschiedenen Zungen, und könnt das einmal Gehörte oder Gelesene, ja selbst das Geschaute getreu wiedergeben, wie ihr es gehört, gelesen und geschaut habt, und das nach längeren Zeiträumen noch ohne die geringste Verwischung des Eindruckes, – während ihr zufolge eures Augenlichtes nicht einmal ein vor euch liegendes Bild also getreu nachzuzeichnen imstande seid, wie ihr es erschauet.
[Ste.01_006,10] Daraus aber geht doch klar hervor, daß das Schauen mit dem Ohr ums unvergleichliche bei weitem höher steht als das Schauen mit dem Auge. Also steht das auch viel höher, den Ton eines Wortes verständlich zu hören, als die äußere Form eines Bildes zu beschauen.
[Ste.01_006,11] Ein Blinder kann gar wohl ein Weiser sein, aber ein Stummer wird es nicht leichtlich dahin bringen; denn die Stummheit ist die gewöhnliche Folge der Taubheit. Und dennoch haben die Stummen gewöhnlich ein viel schärferes Auge, als die da hören und darum nicht stumm sind.
[Ste.01_006,12] Aus dem geht wieder hervor, daß das Schauen mit dem Ohr bei weitem höher steht als das Schauen mit dem Auge. Das Schauen mit dem Auge kann jemand wohl entzücken und überraschen, besonders wenn Objekte von großer Seltenheit zum Vorschein kommen; aber die Lehre nimmt nur das Ohr auf.
[Ste.01_006,13] Aus dem geht also wieder hervor, daß es besser ist zu hören, als zu sehen. Denn was durch das Gehör eingeht, das erleuchtet und ordnet den Verstand; was aber durch das Auge eingeht, das verwirrt denselben nicht selten gar gewaltig.
[Ste.01_006,14] Wenn zum Beispiel das weibliche Geschlecht nur von fernher von einer neuen Modekleidertracht etwas hören würde, aber nie etwas davon zu Gesichte bekäme, da bliebe ihr Sinn geordnet, und es ließe sich nicht leichtlich ein Frauenzimmer eine neue törichte Mode auf den Leib hängen; wenn sie aber dazu Bilder zu Gesichte bekommt, so verwirren diese den guten, einfachen Sinn und machen aus dem Weibe gar bald eine eitel törichte Putzdocke, die Mir ärgerlicher ist als zehntausend Tollhäusler.
[Ste.01_006,15] Aus dem geht wieder hervor, um wie vieles in jeder Hinsicht das Hören besser ist als das Sehen.
[Ste.01_006,16] Also aber sehet ihr Mich auch täglich, und das durch das Ohr eures Leibes, so ihr Mein Wort leset, und durch das Ohr eurer Seele, welches ist euer besseres Verständnis; und weil ihr Mich also sehet, wie Ich auch bei euch auferstehe, so erkennet ihr Mich gar wohl und betet Mich auch an, und das mit eurem Verständnisse und danach auch mit eurem Munde.
[Ste.01_006,17] Nun aber frage Ich: War das von seiten derjenigen, die Mich da nach der Auferstehung sahen und anbeteten, auch schon genug, um dadurch das ewige Leben zu überkommen?
[Ste.01_006,18] Die drei Fragen, welche Petrus von Mir empfing, ob er Mich liebe, zeigen mehr als hinreichend, daß das alleinige Sehen und das Anbeten danach noch nicht genügt, einzunehmen Mein Reich und das ewige Leben mit ihm, – so wie es nicht genügt, allein zu sagen: „Herr, Herr!“
[Ste.01_006,19] Geradeso aber schauet auch ihr Mich, so ihr Mein Wort leset, und betet Mich auch an durch das Verständnis und durch die Aufmerksamkeit, mit welcher ihr Mein Wort leset. Also könnet auch ihr sagen: „Wir sehen Dich und beten Dich an!“
[Ste.01_006,20] Aber Ich erscheine noch einmal und frage euch Petrusse nicht nur dreimal, sondern zu öfteren Malen: „Liebet ihr Mich?“ – Da sagt euer Mund: „Ja!“ – Aber wenn Ich so recht genau in euer Herz blicke, da erschaue Ich dasselbe gar nicht selten wie einen verdrießlichen Herbsttag, in allerlei schmutzige Weltnebel verhüllt, und Ich mag dann vor lauter Nebeln nicht erschauen, ob dieses Ja wohl im Ernste im Grunde eurer Herzen geschrieben steht mit glühender Schrift. Es mag ja sein, daß es drinnen geschrieben ist; aber warum so viele Nebel, die das Herz nicht selten so sehr verdüstern, daß man diese lebendige Inschrift der Liebe zu Mir nicht wohl ausnehmen kann?!
[Ste.01_006,21] Weg also mit diesen Nebeln! Weg mit der alleinigen Anschauung und Anbetung, damit diese Inschrift, welche ein Werk der Tätigkeit nach dem Worte ist, vollends lebendig ersichtlich wird – und Ich Selbst am Ende zufolge des stets heller werdenden Lichtes dieser geheiligten lebendigen Inschrift in eurem Herzen!
[Ste.01_006,22] Was nützt sonach das viele Lesen und Verstehen, wenn die Tat ausbleibt? Was nützt Sehen und Anbeten, aber sich dabei fortwährend fragen lassen: „Petrus, liebst du Mich?“
[Ste.01_006,23] Magdalena sah Mich auch; aber Ich fragte sie nicht: „Magdalena, liebst du Mich?“ Ich mußte sie vor lauter Liebe nur abhalten; denn nur gar zu mächtig erwachte sofort beim ersten Anblick ihre Liebe zu Mir. „Rühre Mich nicht an!“, mußte Ich zu der sagen, deren Herz beim ersten Anblick in den hellsten Flammen aufloderte.
[Ste.01_006,24] Aber zum Thomas mußte Ich sagen: „Lege deine Hände in Meine Wundmale!“, und den Petrus mußte Ich fragen, ob er Mich liebe. Da wäre das „Rühre Mich nicht an!“ nicht wohl angewendet gewesen; denn weder im Petrus und noch weniger im Thomas pochte ein Herz Magdalenens Mir entgegen.
[Ste.01_006,25] Also brauche Ich auch zu euch nicht zu sagen: „Rühret Mich nicht an!“, sondern Ich sage zu euch mehr noch wie zu einem Thomas: „Leget gleichsam nicht nur eure Hände in Meine Wundmale, sondern leget eure Augen, Ohren, Hände und Füße in alle Meine Schöpfung, in alle Meine Himmel und in alle Meine euch enthüllten Wunder des ewigen Lebens, und glaubet dann, daß Ich es bin, der euch solches gibt! Und Ich verlange darum nichts, als daß ihr Mich liebet!“
[Ste.01_006,26] Aber da sehe Ich denn immer noch den Petrus am Ufer des Meeres in euch, der sich fortwährend fragen läßt: „Petrus, liebst du Mich?“ Denn Petrusse seid ihr wohl in eurem Glauben, aber noch lange keine Magdalenen und keine Johannesse, den Ich auch nicht fragte, ob er Mich liebe; denn Ich wußte wohl, warum er Mir folgte, wenn Ich auch zu ihm nicht sagte wie zum Petrus: „Folge Mir!“
[Ste.01_006,27] Petrus folgte Mir, weil Ich ihn Mir folgen hieß; Johannes aber folgte Mir, weil ihn sein Herz dazu trieb. Was wohl dürfte hier besser sein?
[Ste.01_006,28] Petrus ward eifersüchtig auf Johannes, weil er ihn für geringer achtete als sich selbst; Johannes aber ward von Mir verteidigt, und ihm ward auch im selben Moment das Bleiben zugesichert, und das ist mehr als das „Folge Mir!“ Denn besser ist, zu dem Ich sage: „Bleibe, wie du bist!“, als daß Ich ihm gebiete, Mir zu folgen.
[Ste.01_006,29] Also ist auch die wahre, tätige Liebe besser als Glauben, Schauen und Anbeten und besser als von Mir viel lesen, viel verstehen, aber dafür wenig lieben!
[Ste.01_006,30] Ich meine, das wird auch wieder klar sein; aber darum dennoch nächstens der Zentralsonnen mehr!
7. Kapitel – „Dieser ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu.“ (Lukas 23,52)
2. Januar 1844 abends
[Ste.01_007,01] Wieder sei euch auch hier die freie Wahl gelassen, eine solche Zentralsonne aus dem Buche des Lebens zu zitieren; und also wählet einen Text!
[Ste.01_007,02] „Dieser ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu.“
[Ste.01_007,03] Ihr habet den Text gewählt; aber Ich kann euch nicht helfen, wenn ihr gerade solche Texte wählet, die schnurgerade auf unsere Sache passen.
[Ste.01_007,04] Joseph von Arimathia ging hin zu Pilatus und bat um des Herrn Leichnam, der ihm von Pilatus auch gegeben ward.
[Ste.01_007,05] Dieser Joseph von Arimathia war ein Freund des Nikodemus und tat solches mehr im guten Namen seines Freundes als in seinem eigenen. Denn Nikodemus war ein großer, geheimer Verehrer Christi, aber aus einer gewissen Furcht vor den Hohenpriestern und Pharisäern getraute er sich nicht, solches ganz offenbar zu unternehmen; daher übertrug er solches seinem Freunde, der ebenfalls auch ein großer Freund Christi war, aber ganz im geheimen. Diese kurze Aufklärung ist notwendig, damit man das Folgende klarer fasse.
[Ste.01_007,06] Wie paßt denn aber demnach dieser Text und überhaupt diese kleine Begebenheit auf unsere Sache?
[Ste.01_007,07] Stellet euch unter ‚Nikodemus‘ die verborgene Liebe zum Herrn vor; unter ‚Joseph von Arimathia‘ aber stellt euch vor den Glauben an den Herrn.
[Ste.01_007,08] Was ist der Glaube bezüglich der Liebe? Er ist derselben Handlanger. Also war auch Joseph von Arimathia hier ein Handlanger des den Herrn geheim liebenden Nikodemus.
[Ste.01_007,09] Was verlangte aber der Glaube von Pilatus? Er verlangte den Leichnam des Herrn, wickelte ihn, als er ihn vom Kreuze genommen hatte, in weiße Linnen, nachdem er den Leichnam zuvor mit köstlicher Spezerei gesalbt hatte, und legte ihn dann in ein frisches Felsengrab im eigenen Garten, in welchem Grabe noch nie jemand gelegen war.
[Ste.01_007,10] Was bezeichnet wohl solches alles? – Das alles bezeichnet die Wißbegierde des Glaubens in ihrer Befriedigung. Diese an und für sich edle Wißbegierde sucht alles Erdenkliche auf, um darin eine lebendige Befriedigung zu finden.
[Ste.01_007,11] Zu Pilatus geht sie und erbittet sich die Erlaubnis; das heißt soviel als: Solche Wißbegierde geht zur Welt und sucht in derselben alles Mögliche auf, was ihr zur Bestätigung der Wahrheit dienen könnte.
[Ste.01_007,12] Hat sie von der Welt alles empfangen, was sie suchte, dann wendet sie sich zu dem Gekreuzigten. Aber wie? Sie sucht da alle Worte und alle Erklärungen ins helle Licht zu stellen, alsonach zu befreien von den geheimnisvollen scheinbaren Widersprüchen, welche in der Heiligen Schrift vorkommen.
[Ste.01_007,13] Dieses gelingt ihr auch; sie hat den Leichnam richtig von dem Kreuze, das in seiner Gestalt eben einen Widerspruch darstellt, befreit. Aber was hat sie, diese edle Wißbegierde nämlich, nun vor sich? Sehet, einen toten Leichnam, in dem nun kein Leben ist!
[Ste.01_007,14] Diese edle Wißbegierde sieht das auch ein; aber sie ist dennoch in sich erfreut über diese glückliche Befreiung vom Kreuze. Sie salbt den Leichnam mit köstlichen Spezereien, wickelt ihn in weiße Linnen und legt ihn dann in ein neues Grab, darin noch nie jemand gelegen ist.
[Ste.01_007,15] Was will das wohl besagen? Durch solche gründliche Beleuchtung des Wortes in der Heiligen Schrift wird unfehlbar die Göttlichkeit desselben ersichtlich und wird auch also geachtet und hochgeehrt. Das ist die Salbung. Denn nicht selten drückt sich da jemand in den erhabensten Ausdrücken aus über die Würde und göttliche Hoheit der Heiligen Schrift; aber alles das ist die Salbung des Leichnams.
[Ste.01_007,16] Der Mensch mit dieser edlen Wißbegierde umwickelt solche erkannte Wahrheit mit der höchsten und reinsten Hochachtung, – ja er erschaudert über die Größe der Weisheit in diesem Buche; und das ist nichts anderes als die Einwicklung des Leichnams in weiße Linnen. Wie unschuldsvoll und rein an und für sich solche Linnen sind, also auch ist eine gleiche demütige Erkenntnis; aber der Leichnam, die Salbe wie die Linnen sind nicht lebendig und geben auch kein Leben.
[Ste.01_007,17] Man wird aber nun diesen Leichnam in ein neues Grab legen. Was ist denn das? – Die Erkenntnisse, die der Mensch zufolge seiner edlen Wißbegierde sich zu eigen gemacht hat, geben ihm kein Leben, keine lebendige Überzeugung; daher faßt er sie alle zusammen und legt sie in das Grab seines tieferen Verstandes, legt da einen Stein darüber, was soviel heißt als: er legt über alle diese rein erkannten Wahrheiten einen recht schweren Zweifel; denn er spricht: „Alle diese Lösungen der verborgenen Geheimnisse in der Heiligen Schrift lassen sich wohl überaus gut hören; aber die anschauliche Überzeugung geben sie dennoch nicht.“
[Ste.01_007,18] Und seht nun, das ist ja der buchstäbliche Zustand eines jeden Viellesers! Er kann all das Gelesene noch so gut verstehen, vom naturmäßigen bis zum innersten geistigen Sinn; will er aber von all dem wohl Erkannten eine tatsächliche Probe, da erfährt er, daß sich nicht einmal ein Sonnenstäubchen vor seinem Willen beugt. Und will er das Leben des Geistes schauen, so begegnet ihm statt desselben allzeit die Grabesnacht, in die er den Leichnam gelegt hat; oder mit anderen Worten gesagt: er bekommt über das Jenseits keine in sich selbst anschauliche Gewißheit, sondern alles ist bei ihm eine Diktion und durchaus nicht mehr, also ein Leichnam im Grabe.
[Ste.01_007,19] Was aber ist ihm wohl damit geholfen? Wenn er noch so viel gelesen hat, kann aber durch all das Gelesene zu keiner lebendigen Überzeugung gelangen, so gleicht er fortwährend einem Joseph von Arimathia, der wohl einen Leichnam um den andern vom Kreuze nimmt und salbt ihn und wickelt ihn in weiße Linnen, – aber der Leichnam bleibt Leichnam und wird allzeit ins Grab getragen.
[Ste.01_007,20] Betrachten wir aber daneben wieder unsere Magdalena! Sie hat zwar auch dieser Handlung beigewohnt; aber sie wickelte den Leichnam oder das Wort nicht in Leinen und legte es nicht in das Grab, sondern in ihr liebeglühendes Herz; und als sie dann zum Grabe kam, war der Stein des Zweifels durch die Macht der Liebe hinweggewälzt. Die Leinen lagen gut geordnet zusammengelegt im Grabe, welches soviel sagt als: ihre Liebe hat das göttliche Wort in ihr lebendig geordnet. Sie fand keinen Leichnam mehr, aber dafür fand sie den Lebendigen, der aus dem Grabe auferstanden ist.
[Ste.01_007,21] Was ist nun wohl besser: den Leichnam in das Grab legen, oder den Lebendigen über dem Grabe finden? – Ich meine, es wird offenbar das Zweite besser sein denn das Erste.
[Ste.01_007,22] Warum aber fand die Magdalena, was Joseph von Arimathia nicht gefunden hat? Weil sie wenig gelesen, aber viel geliebt hat; Joseph aus Arimathia aber hat viel gelesen – wie Nikodemus –, aber dafür weniger geliebt. Daher hatte er auch mit dem Leichnam zu tun, – Maria aber mit dem Lebendigen!
[Ste.01_007,23] Ich meine, das wird auch klar sein; aber nächstens dennoch wieder eine Zentralsonne mehr!