16. Kapitel – „Jesus spricht: ‚Hebet den Stein ab!‘ Es spricht zu Ihm Martha, die Schwester des Gestorbenen: ‚Herr, er riecht schon; denn er liegt vier Tage!‘“ (Johannes 11,39)
15. Januar 1844 abends
[Ste.01_016,01] Schreibet die Zentralsonne nur hin, wie gewöhnlich!
[Ste.01_016,02] „Jesus spricht: ‚Hebet den Stein ab!‘ Es spricht zu Ihm Martha, die Schwester des Gestorbenen: ‚Herr, er riecht schon; denn er liegt vier Tage!‘“
[Ste.01_016,03] Wenn ihr immer so leichte Texte wählet, deren Verständnis auf den ersten Augenblick mit den Händen zu greifen ist, so kann Ich euch darüber nicht allzeit zehn volle Seiten vorsagen; denn dieser Text hat schon in seiner ersten Stellung vollkommen dasselbe in sich, was Ich euch durch den Verlauf dieses ganzen Nachtrages fortwährend handgreiflichst kundgebe.
[Ste.01_016,04] Auch zu euch sage Ich: Hebet den Todesstein der Welt vom Grabe eurer Liebe hinweg! Oder auf deutsch gesagt: Trachtet nicht dadurch das Leben zu erreichen, daß ihr euch durch allerlei Bereicherungen des Verstandes aus der Gelehrtheit der Welt versehet, sondern hebet diesen Stein hinweg, auf daß, so Ich zu eurem Grabe komme, Meine lebendige Stimme ungehindert in euer Grab dringe und erwecke vom Tode euren gefesselten und gebundenen Lazarus, welcher da ist euer Geist, gebunden und geknebelt von noch so manchen Banden der Welt!
[Ste.01_016,05] Es tritt wohl auch da die ‚Martha‘ zu Mir, die weltbekümmerte Vernunft nämlich, und spricht: „Herr, er liegt schon vier Tage im Grabe und riecht bereits übel!“; Ich aber werde dennoch, um die Herrlichkeit Gottes zu zeigen, auch den schon vier Tage im Grabe Modernden zu einem neuen Leben erwecken, so nur der Stein hinweggewälzt sein wird.
[Ste.01_016,06] Also aber, wie die Martha spricht, spricht – wie schon bemerkt – auch des Menschen törichte Vernunft und sagt: „Ja, was sollen wir da tun? In unserem Knabenalter, dann als Jünglinge, darauf als Männer und auch sogar als Greise haben wir uns fortwährend mit der Welt beschäftigt; unser Geist liegt also diese vier Lebenstage hindurch im Grabe der Welt, gebunden mit ihren Banden, und riecht übel von allen Sünden, die wir diese vier Tage hindurch begangen haben!
[Ste.01_016,07] Wird der Herr wohl soviel Barmherzigkeit haben, daß Er uns darob offenbarlich wunderbar erweckete zum Leben? Wie können wir solches von dem Allerheiligsten erwarten, gegen dessen Gebote wir so oft gesündigt haben und haben es durch diese Sünde so weit gebracht, daß unser Geist also abgestorben ist, daß wir nicht einmal mehr wissen, ob wir einen Geist haben, und was er ist, ja nicht einmal mehr ganz vollkommen, ob in unserem Leibe eine lebendige Seele vorhanden ist oder nicht?
[Ste.01_016,08] Und haben wir auch einen lebendigen Geist und eine lebendige Seele, so ist aber doch sicher der Geist, wie die Seele, zu sehr in die Masse unseres Fleisches begraben und zu sehr gebunden mit dessen Banden, als daß wir je erwarten könnten, daß der Herr, der über alles Heilige, Sich so tief herablassen möchte, um diesen Lazarus in uns mit der Allmacht Seiner Stimme wieder zu erwecken und ihn dann seiner ewigen Bestimmung zuzuführen. Zudem können wir uns auch nicht leichtlich so völlig von der Welt losmachen, als daß wir solches vom Herrn erwarten könnten“.
[Ste.01_016,09] Dagegen aber sage Ich: Ich rufe nicht und sage: „Setzet euch gänzlich außer allen zu eurer zeitlichen Existenz notwendigen Verkehr mit der Welt!“; denn dergleichen habe Ich ja Selbst nicht getan, als Ich auf der Welt war. Ich Selbst habe in der Welt gearbeitet und habe der Welt gar viele und gute Dienste mit Meinen eigenen Händen getan. Und so sage Ich zu euch niemals: „Habet mit der Welt vollkommen nichts zu tun!“; aber das sage Ich euch:
[Ste.01_016,10] Den Stein, ja den schweren Stein hebet hinweg von eurem Lazarusgrabe, und ihr sollet alsbald in euch der Herrlichkeit Gottes gewahr werden! Nur geöffnet muß das Grab sein, und es werden sodann die in den Gräbern sind, Meine Stimme vernehmen und werden erweckt werden!
[Ste.01_016,11] Aber solange ihr den Stein nicht vom Grabe hebet, so lange seid ihr zu sehr Gefangene des Todes, und Ich kann schreien gleich einem Nachtwächter, und dennoch mag Mich euer Lazarus nicht vernehmen; denn durch den Stein dringt der Liebe Stimme nicht, weil der Stein in sich selbst das wahrhaftige Symbol aller Lieblosigkeit ist. Ein Stein kann nur durch die Stimme Meines Grimmes zertrümmert und vernichtet werden; aber Meine Liebe bedient Sich nicht eines Steines vor dem Munde statt einer Posaune.
[Ste.01_016,12] Solch ein Stein ist eure weltgelehrte Verstandesbegründung; sie ist fest und schwer, und es gehört viel Kraftanstrengung dazu, um sie vom Grabe wegzuheben. Aber alles dessen ungeachtet muß sie dennoch hinweg, sonst dringt Meine erweckende Stimme nicht zum toten Lazarus in euch.
[Ste.01_016,13] Der Stein verhindert wohl, daß die Nüstern der Welt den üblen Geruch des modernden Lazarus in euch überkommen; Ich aber sage: Wohl dem, bei dem der Stein vom Grabe gewälzt wird und dann seine Weltnüstern vom Übelgeruche des modernden Lazarus berührt werden; denn wo solches nicht vor sich gehen wird, wo der Mensch nach hinweggehobenem Steine in seinem Weltlichen nicht erschaudert in einer wahren Reue darüber, wie sein Lazarus bestellt ist, da wird Mein erweckender Ruf nicht in das Grab zu dem modernden Lazarus dringen, ihn erwecken und ihm dann lösen lassen die Bande des Todes!
[Ste.01_016,14] Ich meine, klarer kann man darüber wohl nimmer sprechen, und ihr habt damit zur vollkommensten Beleuchtung dieser großwichtigen Hauptsache auch mehr als ein hinreichend mächtiges Licht erhalten.
[Ste.01_016,15] Es hängt nun ganz von euch ab, danach zu handeln. Werdet ihr danach handeln, so werdet ihr auch die lebendige Überzeugung überkommen, daß diese Veroffenbarung nicht aus dem Munde eines Menschen, sondern aus Meinem eigenen kommt. Werdet ihr es aber nur lesen wie ein anderes Weltbuch, dann wird es für euch auch nur ein Weltbuch und wie ein Werk eines Menschen sein!
[Ste.01_016,16] Und mit diesen Worten schließe Ich auch diese Meine große Gabe an euch. Wollt ihr aber jedoch als außerordentlichen Nachtrag noch mehr solcher Leuchten, so überlasse Ich das eurer Liebe und eurem Begehren; Ich aber werde allzeit der freundliche Geber sein. Amen.
17. Kapitel – „Mußte nicht Christus solches leiden und so eingehen in Seine Herrlichkeit?“ (Lukas 24,26)
17. Januar 1844 abends
[Ste.01_017,01] „Mußte nicht Christus solches leiden und so eingehen in Seine Herrlichkeit?“
[Ste.01_017,02] In diesem oben angesetzten Texte liegt ja wieder gar augenscheinlichst, daß die Herrlichkeit des ewigen Lebens nicht durch große Belesenheit und Gelehrtheit, sondern lediglich durch die Tat der Liebe erreicht werden kann.
[Ste.01_017,03] Man wird hier freilich sagen: „Christus war ja ohnehin das ewige Leben Selbst und besaß in Sich alle Herrlichkeit desselben; warum mußte Er denn hernach leiden, um in diese Herrlichkeit einzugehen?“
[Ste.01_017,04] Ich aber sage: Christus war nur ein Mensch und mußte Sich als erstes Grundvorbild die vollkommene Herrlichkeit Gottes erst durch Seine Taten vollkommen zu eigen machen. Und hätte Er dieses nicht getan, so wäre es um die ganze Schöpfung geschehen gewesen; denn in Ihm erst ward Vater und Sohn wieder Eins oder – was dasselbe ist – die göttliche Liebe und die göttliche Weisheit. Denn zuvor hatte sich die Liebe abgezogen von der Weisheit, weil die Weisheit in ihrer Heiligkeit sich zu unerreichbar allerhöchst aufgestellt hatte, und ihre Forderungen waren über alle Erfüllungsmöglichkeit gestellt.
[Ste.01_017,05] Aber die Weisheit war öde ohne die innigste Vereinigung mit Ihrer Liebe; wie konnte sich aber jene mit der Liebe wieder vereinigen? Sie mußte in dem Menschen Jesus die von ihr gestellten Aussöhnungsbedingungen selbst erfüllen; sie mußte sich demütigen bis auf den kleinsten Punkt, und dadurch erst ward sie vollkommen wieder Eins mit ihrer Liebe, welche der ‚Vater‘ ist.
[Ste.01_017,06] Darum verschmähte denn auch Christus, als Selbst die ewige, allmächtige Grundweisheit des Vaters, alle Weisheit der Weisen der Welt; und alle Schriftgelehrten mußten Ihm ein Greuel sein, so ihre Taten nicht aus dem Grunde des Lebens der Schrift gemäß waren.
[Ste.01_017,07] Er als die ewige Weisheit des Vaters mußte Werke der Liebe tun und lehren die Menschen das alleinige Gesetz der Liebe; ja, Er mußte am Ende Sich von der Weisheit der gelehrten Priester gefangennehmen und kreuzigen lassen und mußte auf diese Weise als das urewige Licht des Vaters oder der Liebe die größte Schmach und an Sich Selbst die größte Verfinsterung erleiden, – darum Er denn auch ausrief: „Vater! Warum hast Du Mich verlassen?“
[Ste.01_017,08] Daß aber Er als das urewige Licht der ganzen Unendlichkeit in Sich Selbst eine gänzliche Verfinsterung erdulden mußte, beweist jener bisher noch von niemandem verstandene Augenblick, in welchem nach dem Verscheiden Christi am Kreuz eine vollkommene Verfinsterung der ganzen unendlichen Schöpfung eintrat und das Licht nicht nur der Erdsonne, sondern aller Sonnen in der ganzen Unendlichkeit auf eine Zeit von drei Stunden erlosch!
[Ste.01_017,09] Und es war dieser Verfinsterungsmoment auch gleich dem, von dem ihr wißt, daß in ihm die Seele Christi nach dem Tode in die Hölle hinabstieg, um da die Geister, welche in der alten Weisheit gefangen waren, zu erlösen und sie zu führen an das neue Licht, welches aus der Wiedervereinigung des Sohnes mit dem Vater alle Unendlichkeit zu erfüllen anfing.
[Ste.01_017,10] Christus mußte daher das alte Gesetz der Weisheit in Sich Selbst bis auf ein Häkchen erfüllen, um dadurch alle Irrungen wider dieselbe vor dem Angesichte des Vaters zu sühnen; oder es mußte alle Weisheit gekreuzigt werden, damit dadurch die Liebe des Vaters gerechtfertigt ward.
[Ste.01_017,11] Nun, das tat also Gott Selbst; was wollet denn dann ihr tun? Meinet ihr wohl, daß ihr durch die Rechtfertigung eurer Weisheit in die Herrlichkeit des ewigen Lebens eingehen werdet?
[Ste.01_017,12] Wenn Christus als die göttliche Weisheit Selbst Werke der Liebe tun und lebendigst predigen mußte und alle Seine Weisheit kreuzigen und in die größte Finsternis übergehen lassen mußte, um dadurch vollkommen wieder einzugehen in die Herrlichkeit des Vaters, welcher die getrennte Liebe in Christus Selbst war, so werden doch auch die Menschen ebenfalls diesen Weg wandeln müssen und werden Christus nachfolgen müssen, so sie mit Ihm in die Herrlichkeit Seiner väterlichen Liebe eingehen wollen.
[Ste.01_017,13] In der Urkirche der Welt hieß es: „Ihr Menschen könnt nur durch die Liebe Gottes gelangen zu der sonst unerreichbaren göttlichen Weisheit!“ Mit Christus aber heißt es: „Nun bin Ich als die göttliche Weisheit Selbst, als der Weg und das Leben die Tür zur Liebe oder zum Vater. Wer nun zum Vater will, der muß durch Mich eingehen!“
[Ste.01_017,14] Wie aber? Etwa durch die Weisheit, weil Christus als die Tür die göttliche Weisheit Selbst ist? – O nein! Denn eben diese Weisheit ließ Sich demütigen bis auf das letzte Atom. Sie als die unantastbare Heiligkeit Gottes stieg unter alle Sünder tief herab; diejenige Weisheit, die ehedem kein allervollkommenster Engelsgeist in Ihrem Grundlichte ansehen durfte, ging jetzt mit Sündern um und speiste unter ihrem Dache und mußte Sich am Ende von heidnischen Kriegsknechten und Schergen ans Kreuz schlagen lassen!
[Ste.01_017,15] Aus dieser endlosen Demütigung der göttlichen Weisheit Selbst aber geht doch mehr als sonnenklar hervor, daß da niemand etwa mit seiner aufgeblasenen Weisheit in die Herrlichkeit des ewigen Lebens gelangen wird. Niemandem werden seine durchstudierten Bücher und Schriften zu Stufen in das Himmelreich werden, sondern allein seine wahre Demut und die wahre werktätige lebendige Liebe zum Vater.
[Ste.01_017,16] In Christus ging alle urgöttliche Weisheit in die Liebe zum Vater über; dadurch ward aus Sohn und Vater Eins. Desgleichen muß es aber auch bei dem Menschen der Fall sein. Bevor er nicht in seinem hochmütigen Verstande und in allen Begehrungen desselben, welche auf allerlei Ehrungen hinauslaufen, bis auf den letzten Tropfen gedemütigt wird, – ja, bevor er nicht alles der Liebe zu Füßen legen wird und darum erleiden wird eine kurze Verfinsterung aller seiner weltlichen Weisheit, wird er wahrlich nicht in die Herrlichkeit des Vaters eingehen.
[Ste.01_017,17] Christus mußte solches leiden und tun, um in die Herrlichkeit des Vaters einzugehen; also muß es auch ein jeder Mensch tun und muß Christus lebendig nachfolgen, wenn er in die Herrlichkeit des Vaters eingehen will.
[Ste.01_017,18] Christus aber hatte nicht auf Hochschulen studiert, um dadurch als ein hochgelehrter Weiser in die Herrlichkeit des Vaters einzugehen, sondern Seine Schule hieß: Demut und werktätige Liebe! Wenn aber Christus mit dieser Schule voranging, wie wollet denn ihr mit einer anderen ins Reich Gottes gelangen?
[Ste.01_017,19] Ich meine, mehr hierüber wäre wohl unnötig; denn aus der tiefsten Weisheit ist dieses sonnenklar erläutert. Tuet daher desgleichen, so werdet ihr leben! Amen.
18. Kapitel – „Wenn Ich aber durch den Finger Gottes die Teufel austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen!“ (Lukas 11,20)
18. Januar 1844 abends
[Ste.01_018,01] „Wenn Ich aber durch den Finger Gottes die Teufel austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen!“
[Ste.01_018,02] Dieser Text besagt gerade das, was Ich immer zu euch rede. Was ist der ‚Finger Gottes‘, was der ‚Teufel‘ und seine Austreibung, und was das ‚Reich Gottes‘, das zu euch kommt? Was bezeigt der Finger überhaupt?
[Ste.01_018,03] Der Finger bezeigt die Tätigkeit im kleinen, wie die Hand die Tätigkeit im großen. Der ‚Teufel‘ ist die Welt, welche durch die kleine Tätigkeit der Liebe von den Menschen weichen soll. Das zu euch kommende Reich Gottes ist das Gnadenlicht der Liebe und die damit verbundene Gabe des ewigen Lebens.
[Ste.01_018,04] Also bezeigt hier der Finger Gottes Meine liebsorgliche Tätigkeit im Sonderheitlichen bei euch Menschen, und die Gaben, die Ich euch gebe, rühren von Meinem Finger. Denn wenn Ich sagen würde: „Ich treibe bei euch die Teufel aus mit Meiner Hand!“, so hieße das soviel als: „Ich sende über euch ein allgemeines Gericht, wie es zu den Zeiten Noahs der Fall war!“ Ich aber treibe nur mit dem Finger die Welt aus euch, und so empfanget ihr kein Gericht, sondern ein Gnadenlicht nur.
[Ste.01_018,05] „Ich treibe mit Meinem Finger die Welt aus euch“, heißt auch soviel als: Ich suche diejenigen auf, die besseren Geistes sind, aber dennoch in weltlicher Bedrängnis leben. Diese rühre Ich mit Meinem Finger an, auf daß ihnen Mein inneres Gnadenlicht werde.
[Ste.01_018,06] In diesem Gnadenlichte zeige Ich, was ihr zu tun habet und wie Leichtes und wie Geringes, um das ewige Leben zu erlangen und einzunehmen das Reich Gottes, wie es also in diesem Gnadenlichte lebendig zu euch kommt; und das besagt ebenfalls soviel als, daß Ich von euch nur eine kleine Tätigkeit, also keine Tätigkeit der Hand, sondern nur die eines Fingers verlange, welche in nichts anderem besteht als in dem nur, daß ihr Mich lieben sollet mehr als die Welt und sollet Gutes tun nach euren Kräften euren Brüdern und Schwestern.
[Ste.01_018,07] Würde Ich eine große Tätigkeit verlangen, so müßtet ihr das tun, was einst die Apostel tun mußten, nämlich alles in der Welt verlassen und am Ende sogar den Kreuzestod schmecken.
[Ste.01_018,08] Also nur mit dem Finger treibe Ich bei euch die Welt hinaus, und euch kommt das schon viel vor! Was würdet ihr denn sagen, wenn Ich Meine Hand aufheben möchte? Wieviel erlasse Ich euch, und dennoch kommt euch das viel vor, was Ich von euch verlange.
[Ste.01_018,09] Ich sage zu euch: Machet euch durchaus keine Mühe der Welt wegen; denn sie ist derselben nicht wert! Warum stopfet ihr denn eure Köpfe mühsam mit allerlei weltgelehrtem Dreck an, so Ich euch das Gold des Lebens in Überfülle biete und geben will, so ihr die Welt lasset und Mich in eurem Herzen erfasset?
[Ste.01_018,10] Was möchtet ihr denn zu einem Menschen sagen, welcher in seinem Garten einen Fruchtbaum hatte? Die Frucht dieses Baumes war reif, und der Mensch hätte sie leicht mit einer geringen Ausstreckung seiner Hand erreicht, und mit einem Finger angerührt, wäre sie in seiner Hand gewesen.
[Ste.01_018,11] Was tat aber der törichte Mensch, um diese Frucht bequemer erreichen zu können und dadurch gewisserart zu zeigen, welch großen Wert er auf diese reife Frucht setze? Er ließ ein Fundament graben und unter der Frucht vom Fundamente aus einen Stufenaltar mauern, um auf demselben dann ganz bequem die reife Frucht zu erreichen. Der Altar ward fertiggemacht nach etlichen Wochen; aber unterdessen war die Frucht am Baum faul geworden, und so empfing er nach Vollendung seiner großen, törichten Mühe statt einer frischen und lebendigen eine faule und somit tote Frucht vom Baum.
[Ste.01_018,12] Diesem törichten Menschen gleichen alle diejenigen, welche in der großen Gelehrtheit das Reich der Wahrheit suchen, welches mit einer geringen Erhebung des Herzens zu Mir so leicht und lebendig zu erreichen wäre. Solche Gelehrte machen und graben Fundamente über Fundamente und bauen dann aus denselben heraus mühsame und kostspielige Stufenaltäre, und sind sie mit denselben fertig geworden, so haben sie für all ihre Mühe und Arbeit nichts als eine tote und faule Frucht erreicht, welche weder für die Welt, noch viel weniger aber für den Geist irgendeinen Wert hat. Für die Welt nicht, weil diese sagt: „Wozu solche Unkosten und so viel Mühe wegen so geringer Prozente?“, und für den Geist noch weniger, weil dieser aus seiner Lebenssphäre spricht: „Ich kann nichts Moderndes und Totes brauchen!“
[Ste.01_018,13] Die ehedem reife Frucht aber ist eben der wohlgeordnete Geist im Menschen. Wozu so viele Mühe, um den reifen Geist frei zu machen, was jeder mit einer ganz geringen Mühe, mit der Mühe eines Fingers erreichen kann? Wozu ganze Bibliotheken im Kopfe, wo das einzige: „Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst!“ hinreichend genügt?
[Ste.01_018,14] Ich brauche keine bewaffneten Heere, um die Teufel auszutreiben, sondern einen Finger nur, welcher ist Mein vollernstlicher Liebewille; desgleichen tuet auch ihr: Seid ernstlich liebewillig, und tuet den guten Rat, den Ich euch gebe, und ihr werdet ebenfalls mit der leichtesten Mühe aller Welt ledig werden, und Mein Reich wird sicher zu euch kommen lebendig! Amen.
19. Kapitel – „Ich will euch nicht als Waisen lassen, Ich will zu euch kommen!“ (Johannes 14,18)
19. Januar 1844 abends
[Ste.01_019,01] „Ich will euch nicht als Waisen lassen; Ich will zu euch kommen!“
[Ste.01_019,02] Dieser Text besagt wieder ganz dasselbe, was fürs erste vor euch liegt, was Ich zu euch immer rede, und was Ich soeben jetzt auch wieder mit dieser neuen Gabe treulich und lebendig bestätige.
[Ste.01_019,03] „Ich will euch nicht als Waisen hinterlassen!“, sondern, wie es auch heißt: „Ich verbleibe bei euch bis ans Ende der Zeiten!“, aber freilich nicht in eurer Weltklugheit und großen Gelehrtheit, vor der Mich ekelt, sondern in der Liebe und Demut eures Herzens.
[Ste.01_019,04] „Ich will euch nicht als Waisen hinterlassen!“, will nicht etwa gesagt haben: „Ich will euch mit Büchern aller Art versehen und daneben mit Bethäusern voller Schnitzwerke und mit Meinen Portraiten, in allen möglichen Situationen gemalt und geschnitzt, welche in das Reich des Heidentums gehören!“; denn jede äußere Anschauung gehört der Welt an und hindert die Eröffnung der inneren Sehe, gleichwie derjenige Mensch, der sein Auge nicht schließt, nicht zum Schlafen kommt und im Schlafe noch weniger zu einem Traume, welcher ist eine innere Anschauung dessen, was der Geisterwelt angehört.
[Ste.01_019,05] Also nicht dadurch will Ich euch nicht als Waisen hinterlassen, so Ich durch Meine Zulassung es gestatte, daß ihr eine Menge äußerer Spektakel, die allenfalls auf Mich Bezug haben, ins Werk setzen könnet und zugleich aus eurem Verstande heraus eine ebenso große, wo nicht noch größere Menge Bücher schreiben könnt, in denen nach Wahrheit geforscht wird, auf die gleiche Weise, wie ihr in die Lotterie setzt, da niemand weiß, ob die Ziffer gezogen wird, die er gesetzt hat, sondern jeder auf gut Glück setzt. Und ist da zufällig die Ziffer gezogen worden, so weiß er ebensowenig den Grund dieses Gelingens, als er im entgegengesetzten Fall den Grund des Nichtgelingens gewußt hätte. Denn ein jeder Setzer ist der Meinung, seine Ziffer werde die beste sein; sonst hätte er sie sicher nicht gesetzt. Die Folge erst zeigt ihm ein anderes Licht, daß nämlich eine andere Ziffer besser war. Er spricht da freilich: „Aber ich habe diese Ziffer schon auf dem Papier gehabt, – warum mußte ich eine andere wählen?“
[Ste.01_019,06] Und sehet, dieses Beispiel paßt genau auf alle die große Zahl von Schriftstellern. Ein jeder meint so oder so den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. Aber es dauert nicht lange, da taucht schon ein anderer auf, welcher dem ersten auf ein Haar beweist, daß er einen ungeheuren Fehlhieb gemacht hat. Und so geht das fort und fort, und am Ende weiß der Letzte es so wenig wie der Erste, ob er den Nagel auf den Kopf getroffen hat oder nicht.
[Ste.01_019,07] Gelingt es auch hier und da einem oder dem andern, in einem oder dem andern Fach an die Wahrheit zu stoßen, so weiß er aber dennoch nicht, ob er im Ernste an sie gestoßen ist oder nicht. Das einzige Kriterium liegt für ihn darin, daß er mit seinem Werke der Welt einen allgemeinen Beifall abgelockt hat, er bedenkt aber nicht, daß, um diesen Beifall zu erreichen, eben nicht zu außerordentlich viel dazu gehört.
[Ste.01_019,08] Man darf es ja nur mit der Schriftstellerei also machen, wie es die Lotteristen vor der Ziehung mit ihren Losziffern machen, nämlich alles recht durcheinandermengen, so daß daraus niemand klug wird, was der Schriftsteller so ganz eigentlich damit gewollt hat, so bleibt dann jede Kritik vor einem solch kolossalen Werke bescheiden zurück, und der Schriftsteller hat dann mit seinem Werke einen offenbaren Weltbeifallstreffer gemacht.
[Ste.01_019,09] Frage aber: „Sitzt etwa der von Mir versprochene Heilige Geist in solchen Werken?“ O nein! Fürwahr, die sind Waisen; bei denen bin Ich nicht! Für die gilt der Text nicht, um den es sich hier handelt.
[Ste.01_019,10] Aber vielleicht gilt er für die Maler, Kupferstecher, Bildhauer und Vergolder, die sich ganz besonders mit der bildlichen Darstellung der sogenannten heiligen Gegenstände abgeben – wenn sie aber bezahlt werden, da liefern sie auch Schlachtstücke und noch allerlei andere obszöne Darstellungen –, Ich sage: auch diese sind Waisen, und der Text hat mit ihnen nichts zu tun.
[Ste.01_019,11] Aber es werden vielleicht die Predigt- und Gebetbuchdichter es sein, wie auch musikalische Komponisten für die sogenannte Kirchenmusik? O nein! Auch für diese gilt der Text nicht; denn auch diese drehen den Mantel nach dem Wind und sind für alles erbötig ums Geld. Der Erste schreibt heute einen erhabenen Gesang, ein Gebet, einen Psalm, der dem David, in äußerer Hinsicht betrachtet, keine Schande gemacht hätte, wenn er ihn geschrieben hätte; morgen aber schreibt er, wenn er bezahlt wird, mit dem gleichen Enthusiasmus ein erhabenes Gedicht über die Hure eines Großen und macht auch im Notfall ein erhabenes Epitaphium für ein verstorbenes Schoßhündchen einer Prinzessin. Der Zweite aber komponiert heute ein Oratorium, gleich allernächst darauf, wenn er bezahlt wird, schreibt er aber auch ein Ballet oder eine noch niedrigere Tanzmusik.
[Ste.01_019,12] Frage: Schaut da wohl eine Wirkung des Heiligen Geistes heraus? – Ich finde sie nicht; und wenn Ich sie nicht finde, da werdet ihr sie sicher noch weniger finden, und möchtet ihr sie mit Laternen suchen, in denen statt einer schlechten Kerze eine Zentralsonne brennete.
[Ste.01_019,13] Aber der Heilige Geist wird etwa in den weisen Staatsgesetzen, in Kriegsgesetzen, allerlei Verordnungen und gar in den scharfen, mannigfachen kirchlichen Disziplinargesetzen stecken? – Fürwahr, Ich finde keinen!
[Ste.01_019,14] Warum denn nicht? Weil in allem dem nicht Ich, sondern nur weltliche Herrschvorteile der Grund sind. Alles will herrschen, der Kaiser und der König, der Fürst, der Graf, der Baron, der Ritter, der Herr ‚von‘, der Kaufmann, der Bürger, auch der Bauer, und vom Kaiser abwärts natürlicherweise alle seine Beamten also, als wären sie nahezu überall die Persönlichkeit des Kaisers selbst.
[Ste.01_019,15] Es muß ja wohl ein Kaiser sein und ein König und ein Fürst: aber des Herrschens wegen sollen sie nicht sein, sondern der Leitung wegen, daß die Völker durch ihre Leitung zu Mir geleitet würden. Aber so werden sie nur vielfach von Mir abgeleitet und zur Welt gewendet, werden nicht stark, sondern nur schwach gemacht, auf daß sie dann in ihrer Schwäche desto leichter zu beherrschen sind.
[Ste.01_019,16] Frage: Ist das eine Wirkung des Heiligen Geistes, wenn der Herrscher in seinen Untertanen nichts als Leibeigene erblickt, die sein Wort zu jeder Zeit vernichten kann, wenn er es nur ausspricht? – Der Herrscher soll ein Leiter und ein Tröster seines Volkes sein und soll ihnen Gesetze geben, die nicht von den heidnischen, sondern die von den Meinen erklärlich abgeleitet sind; dann wäre er ein rechter Regent und der Heilige Geist wirkete mit ihm, wie er mit David und noch anderen würdigen Regenten gewirkt hat.
[Ste.01_019,17] Aber in den Erfindungen von allerlei der armen Menschen Hände überflüssig machenden Maschinen, in der Förderung der Industrie, in der Errichtung der Eisenbahnen und in der Aufstellung großer Kriegsmächte wirkt der Heilige Geist ewig nie! Denn all dergleichen war auch vor der Sündflut zu Noahs Zeiten gang und gäbe durch die Wirkung des Weltgeistes, welcher ist der Teufel in seiner Gesamtheit. Also ging es auch zu in Sodom und Gomorrha und in Babel.
[Ste.01_019,18] Wer aber wird da behaupten wollen, als hätte solches der Heilige Geist gewirkt? Also folgte denn auch auf solche dem Heiligen Geiste schnurgerade zuwiderlaufende Handlungsweise allzeit ein mächtiges Gericht; ein gleiches Ich auch jetzt schon in der Bereitschaft halte, um daraus zu zeigen, daß Mein Heiliger Geist in der jetzigen Handlungsweise der Welt durchaus nirgends zugegen ist, daher alle diese Welt vollkommen als Waise dasteht. Ich lasse sie aber noch einige Zeit steigen, bis sie die rechte Fallhöhe wird erreicht haben, und dann – ein Blitz vom Aufgang bis zum Niedergang, und es wird sich in dessen Licht zeigen, wieviel der Wirkungen des Heiligen Geistes jetzt in der Welt vorhanden sind!
[Ste.01_019,19] Ja, wenn aber also, wo sind denn dann diejenigen, die Ich nicht als Waisen hinterlassen will?
[Ste.01_019,20] Ich sage: Es gibt deren schon auch hier und da; aber sie sind jetzt beinahe seltener und köstlicher geworden als große Krondiamanten. Diese leben schlicht, von der Welt soviel als möglich abgezogen, und ihre Freude bin Ich, und der Gegenstand ihrer Gespräche bin auch Ich. Warum denn? Weil der Mund davon übergeht, wes das Herz voll ist! Also bin Ich auch der Gegenstand, mit dem sich ihr Herz beschäftigt, und alles andere in der Welt ist ihnen um eine hohle Nuß feil.
[Ste.01_019,21] Diese sind fürwahr keine Waisen; denn Ich bin ja mitten unter ihnen, rede tagtäglich mit ihnen und lehre sie Selbst und ziehe sie Selbst. Diese hören allzeit Meine Stimme und erkennen auch diese Stimme als die des rechten Hirten und nicht als die eines Mietlings, der sie nicht folgen, weil sie die Stimme eines feilen Mietlings ist. Diese also sind es denn auch, für die der vorliegende Text gestellt ist.
[Ste.01_019,22] Ich brauche sonach keine Gelehrten, keine Dichter, keine Bildner und keine Tonsetzer, keine Maschinenerfinder und keine Weltgesetzgeber, sondern nur demütige, Mich liebende Herzen brauche Ich. Wo Ich das finde, da werde Ich auch schon alles andere hinzufügen, und das sicher in besserer Art, als es die Welt erfindet; und dann wird alles eine Wirkung des Heiligen Geistes sein, und es wird keine Waisen in der Welt geben. Aber also sind es nur sehr wenige, deren Ohr für Meine Stimme empfänglich ist.
[Ste.01_019,23] Ich meine, ihr werdet aus diesem Gesagten wohl sehr leicht begreifen, welche die sind, für die der Text gestellt ist. Daß ihr auch derzeit dazu gehört, beweist, was vor euch liegt. Aber wenn ihr erst vollkommen danach handeln werdet, dann erst wird euch die große Überzeugung von dieser Wahrheit werden. Solches bedenket! Amen.
20. Kapitel – „Und Er sah, daß sie Not hatten im Rudern, denn der Wind war ihnen entgegen. Und Er kam um die vierte Nachtwache zu ihnen, wandelnd auf dem See; und Er wollte neben ihnen vorübergehen.“ (Markus 6,48)
22. Januar 1844 abends
[Ste.01_020,01] „Und Er sah, daß sie Not hatten im Rudern; denn der Wind war ihnen entgegen. Und Er kam um die vierte Nachtwache zu ihnen, wandelnd auf dem See; und Er wollte neben ihnen vorübergehen.“
[Ste.01_020,02] Lange Verse brauchen kurze Erklärung, weil sie zumeist die Erklärung schon in sich führen. Kurze Verse aber brauchen eine längere Erklärung, weil sie fürs erste ihrer Kürze wegen noch keine mit sich führen, und fürs zweite, weil in ihnen gewöhnlich das Licht gedrängter und fester verschlossen ist, und es daher mehr erfordert, all ihr Licht frei zu machen, als bei längeren Versen, die ohnehin schon in ihrer Stellung stark genug leuchten.
[Ste.01_020,03] Aus diesem Grunde kann Ich euch auch über den vorliegenden Text keine gedehnte Erklärung geben, weil sein Licht ohnehin sehr stark ist; und wenn ihr nur ein wenig darüber nachdenken wollet, so müßt ihr es von selbst mit Händen und Füßen zugleich begreifen. Damit ihr aber solches einsehet, so will Ich euch nur durch ganz kurze Winke darauf hinleiten, und ihr werdet zum Verständnis dieses Textes daran zur Genüge haben. Und so höret denn!
[Ste.01_020,04] Der ‚See‘ bedeutet die Welt; die widrigen ‚Winde‘ sind das Tun und Treiben der Welt und ihre Begierlichkeiten, gegen die ein rechter Schiffer bis zur vierten Nachtwache, die seine letzten Lebenstage bezeichnet, also die ganze Lebenszeit hindurch zu kämpfen hat; denn unter ‚Nacht‘ wird das materielle Leben auf dieser Welt verstanden.
[Ste.01_020,05] Der Herr ist nicht im Schiffe. Warum denn nicht? Weil nicht in der Welt; denn das Schiff bezeichnet den in der Welt lebenden Menschen, mit welchem seiner Freiheit wegen der Herr nicht ist.
[Ste.01_020,06] Der Herr aber wandelt dennoch dem Schiffer wunderbar nach und geht über all die Wogen und Wellen der Welt also hinweg, als wären sie festes Land. Er kümmert Sich nicht der Schiffer auf dem See; wo Er einen antrifft, da zieht Er vorüber, damit Er ihn nicht in seiner Freiheit störe.
[Ste.01_020,07] Wenn Er aber trifft ein Schiff, das Seine Jünger trägt, das heißt solche Menschen, die Ihn erkennen und anrufen, so nähert er Sich dennoch dem Schiffe, obschon Er sonst auch vorbeigehen würde; denn das Schiff trägt ja Seine Jünger, oder: In dem Menschen ist ein Herz da, welches den Herrn liebt, an Ihn lebendig glaubt und Ihn anruft.
[Ste.01_020,08] Das Herz fürchtet sich zwar im Anfange und hält Ihn für ein Gespenst, das heißt: ein Mensch, welcher noch voll irriger Vorstellungen über Mich ist, hält es für unmöglich oder gar für eine Chimäre, daß Ich Mich ihm auf der Welt nahen könnte und gar besteigen sein Schiff.
[Ste.01_020,09] Wenn er aber dennoch darum in seiner Liebe nicht nachläßt, so komme Ich seinem Schiffe näher und melde Mich ihm; und hat er Meine Stimme vernommen, so Ich zu ihm spreche: „Fürchte dich nicht; denn Ich bin es ja, dein Meister, dein Herr, dein Gott und dein Vater!“, da wird die Furcht vor dem Gespenst alsbald vergehen, und der Mensch wird Mich mit übergroßen Freuden in sein Schiff aufnehmen.
[Ste.01_020,10] Sehet, das ist schon die ganze Erklärung dieses Textes. Nur eine Frage bleibt noch übrig, nämlich: Wie muß das Schiff bestellt sein, das da Meine Jünger trägt? Ist es etwa ein gelehrt zusammengestelltes Dampfschiff, oder ist es etwa ein dreimastiges, mit hundertsechzig Kanonen bestelltes Linienschiff, etwa eine Fregatte, ein Schoner, eine Brigg oder etwa ein reich beladenes Kauffahrteischiff? – O nein! Alle diese Schiffsgattungen tragen Meine Jünger nicht; denen weiche Ich auch gewöhnlich so weit aus, daß sie Mich nicht einmal als ein Gespenst irgend erschauen. Wer möchte sich aber auch solchen Schiffen nahen, die mit Kanonen versehen sind? Ihr Schutz ist der Tod; aber die Schiffe, welche den Tod zum Schutze haben, gehen ja auch sicher vor dem Tode, – denn der Tod hat vor dem Tode nichts zu fürchten. Aber wo der Tod um ein Schiff seinen weiten Umkreis hält (Schußweite der Kanonen), da geht das Leben fern von dannen vorbei.
[Ste.01_020,11] Wie muß denn aber hernach das Schiff aussehen, das die Jünger trägt? Ich sage euch: Ganz außerordentlich einfach! Es ist bloß ein von mehreren festen Balken zusammengebundenes und gefestetes, der Oberfläche des Wassers fast ganz gleich hoch seiendes Floß, wo die Schiffahrer höchstens um ein paar Fuß über der Oberfläche des Wassers gestellt sind. Es darf keine Segel haben, damit es nicht vom Winde der Welt bemeistert wird, sondern nur nach jeder Seite hin feste Ruder, damit es soviel als möglich unberührt von den verschiedenen Weltwinden von dem Willen der Seefahrer durch die festen Ruder frei überallhin geleitet werden kann.
[Ste.01_020,12] Wenn Ich auf ein solch demütiges Schiff komme, das erkenne Ich dann als ein solches, das Meine Jünger trägt; solch einem Schiffe nähere Ich Mich dann und besteige es. Warum denn? Weil so ein Schiff fürs erste keine so schnelle Bewegung hat, weil keine Segel und keine Dampfräder, sondern pur Ruder nur, durch welche keine so geschwinde Bewegung hervorgebracht wird; und Ich kann es dann leicht einholen; fürs zweite aber, weil ein solches Schiff keinen Todesumkreis hat, dessen Freund Ich als das Leben Selbst nicht bin; und fürs dritte, weil so ein Schiff seiner großen Niedrigkeit wegen von der Oberfläche des Wassers hinweg ohne allen Anstand und ohne alle Anstrengung leicht bestiegen werden kann.
[Ste.01_020,13] Ich aber bin durchaus kein Freund von großen Anstrengungen; was bei Mir nicht mit der größten Leichtigkeit, wie nahezu frei von sich selbst, geschehen kann, das lasse Ich gehen, wie es geht. – Ihr werdet es leicht begreifen, warum? Denn ein jeder Mensch hat seine vollkommene Freiheit, die von Mir nie beirrt wird!
[Ste.01_020,14] Wo Ich aber dennoch so ein ganz niederes und bequem zu besteigendes Schifflein über den schwankenden Wogen der Welt antreffe und werde vom selben erkannt, da steige Ich auch ein, und wenn Ich auch willens wäre vorüberzugehen. Und bin Ich einmal auf dem Schifflein, da wird's auch sogleich Tag, und am Tage ersieht man leicht das sichere Ufer, – und Ich als ein guter Schiffsmeister werde dann wohl etwa das Ufer nicht verfehlen.
[Ste.01_020,15] Ich meine, ihr werdet diese Erklärung verstehen. Besteiget daher auch ihr so ein Schifflein; je niedriger es ist, desto besser; und Ich werde auch diesem Schifflein Mich nahen und werde es dann völlig besteigen! Amen.
21. Kapitel – „Selig aber sind eure Augen, daß sie sehen, und eure Ohren, daß sie hören!“ (Matthäus 13,16)
24. Januar 1844 abends
[Ste.01_021,01] „Selig aber sind eure Augen, daß sie sehen, und eure Ohren, daß sie hören!“
[Ste.01_021,02] Was möchtet ihr wohl meinen, was dieser Text besagt? Ihr saget da sogleich: „Wir wissen es nicht!“
[Ste.01_021,03] Denn so ihr sagen würdet: „Wir wissen es!“, da würdet ihr offenbar lügen. Denn ihr müßt zuvor erst den Text im äußeren Buchstabensinne recht genau betrachten. Findet ihr den Text nach dem gewöhnlichen Verständnis sehr klug, so seid ihr der Wahrheit und dem Lichte, das in diesem Texte steckt, noch fern. So ihr aber findet, daß dieser Text für den gewöhnlichen Verstand ein Unsinn ist, so seid ihr der Wahrheit und dem Licht dieses Textes um vieles näher.
[Ste.01_021,04] Es dürfte hier freilich mancher Witzler sagen: „Mit dem bin ich einverstanden; und wer die ganze Bibel als einen Unsinn erkennt, der ist schon das Licht und die Wahrheit selbst.“ Aber in diesem weltwitzigweisen Sinne meine Ich es nicht, wenn Ich sage: „Ihr müßt den Text aus eurem Weltverständnis heraus erst als einen Unsinn finden, wollt ihr seinem Lichte näherkommen.“
[Ste.01_021,05] Warum denn sage Ich solches? Weil dieser Text einen rein himmlischen Sinn hat, der allem Weltverständnissinne schnurgerade entgegen ist.
[Ste.01_021,06] Wie aber ist dieser Text nach dem Weltverständnis ein Unsinn? – Höret! Ich will es euch kundgeben.
[Ste.01_021,07] Ihr wisset, daß in euch nur das Herz oder die Liebe allein des Wonnegefühls oder irgendeiner Seligkeit fähig ist; und das aus dem Grunde, weil eben nur die Liebe oder der Geist im Menschen allein das Leben ist und somit auch allein nur jeder Empfindung fähig ist. Und somit kann die Seligkeit nicht auch auf das Auge und das Ohr taugen; denn das Auge und das Ohr sind nur Sinneswerkzeuge, die lediglich dem Geiste zu seinen lebendigen Verrichtungen dienen müssen, und es kann weder das Auge noch das Ohr für sich je einer Seligkeit fähig sein, wohl aber der Geist durch das Auge und durch das Ohr, wie auch noch durch die anderen Sinneswerkzeuge.
[Ste.01_021,08] Wenn es demnach in dem Texte heißt: „Selig die Augen, die das sehen; und selig die Ohren, die das hören!“, so ist damit dem Weltverständnis nach offenbar etwas Widersinniges gesagt. Nun wollen wir aber sehen, ob es sich mit der Sache auch also verhält!
[Ste.01_021,09] Die gewöhnlichen, etwas besseren Weltchristen verstehen das so, als wären nur diejenigen Augen selig und ebendieselben Ohren, die Mich bei Meinen Lebzeiten auf Erden gesehen und gehört haben, und man sagt, das Ganze sei nur eine etwas schönere Redefigur, in der man das Zeichen statt der Sache setze, Teile eines Ganzen für das Ganze selbst, oder wie sich die Redekünstler gelehrter ausdrücken: Signum pro re; pars pro toto. Im Grunde aber heiße es dennoch soviel als: Selig sind die Menschen, die Mich Selbst gesehen und gehört haben!
[Ste.01_021,10] Ist das nicht die rechte Erklärung, und nota bene aus dem Munde der besseren Weltchristen? Das ist sicher; aber Ich muß nur gleich daneben kundgeben, daß weder Ich noch der genannte Evangelist je die Rhetorik studiert haben und da gar keine Rücksicht nahmen auf irgendeine Synekdoche, noch auf die allerlei Arten von Syllogismen.
[Ste.01_021,11] Unsere Redefigur hatte den alleinigen Namen: Innere göttlich-geistige Wahrheit. Und nach dieser Redefigur, die in Meiner Rhetorik vorkommt, gehört obenangeführter Text weder zur Synekdoche noch zu irgendeiner Art des Syllogismus; er ist auch keine Paraphrase und auch nicht ein Pro- und Epilog, sondern, wie gesagt, er ist eine reine, allerinwendigste, göttlich-geistige Wahrheit!
[Ste.01_021,12] Und diese besteht darin: Alle Menschen in der Welt haben gewöhnlich eine große Furcht vor dem Tode des Leibes, und das aus dem Grunde, weil sie weltlich sind und daher nichts erschauen können, was des Geistes ist, und auch nicht zu vernehmen imstande sind, was da wäre eine lebendige Lehre für ihren Geist.
[Ste.01_021,13] In diesem Text aber liegt eine himmlische Lobpreisung derjenigen, welche durch ein wahrhaftiges Liebeleben es dahin gebracht haben, daß die Welt mit ihrer Nacht wie eine schwere Decke von ihren Augen fiel und das Ohr ihres Geistes geöffnet ward, um zu vernehmen Meine Vaterstimme, und sagt im ganzen soviel als: „Glücklich sind die Wiedergeborenen!“ Und in dieser Stellung bezieht es sich in gar keiner äußeren Bedeutung zurück auf allenfalls diejenigen Menschen, die Meine Landes- und Zeitgenossen waren, sondern die Beziehung erstreckt sich auf alle Menschen, die je auf der Erde gelebt haben und noch leben werden, wie auch auf die Bewohner aller anderen Welten.
[Ste.01_021,14] Denn alles muß geistig regeneriert werden, bevor es ins Geistige und somit ewig Lebendige, wahrhaft Beseligende eingehen will. Und so wird hier unter ‚Augen‘ das Erkennen des Göttlich-Wahren und unter ‚Ohren‘ das Insichaufnehmen desselben und Danach-Tätigwerden verstanden, und es heißt dann auch soviel als: Selig ist der Mensch in seinem geistigen Verständnis, so er das Göttlich-Wahre vollends erkennt; und wahrhaft selig ist er, wenn er das Göttlich-Wahre in sein Leben aufnimmt und danach ausschließlich tätig wird! Denn dadurch erst wird er die Wiedergeburt des Geistes überkommen, aus welcher heraus er ewig keinen Tod mehr sehen, fühlen und schmecken wird.
[Ste.01_021,15] Das ist also die richtige Bedeutung dieses Textes! Aber ganz irrig wäre dieser Text auf diejenigen angewendet, die mittels ihrer Augen recht viele Bücher durchschauen und durchlesen und suchen dadurch das Licht, oder auf jene Menschen, welche, wenn sie schon nicht lesen können, aber dennoch viele Predigten, Christenlehren und Beichtspiegel anhören; denn die gehen allzeit also wieder aus der Predigt heraus, als wie sie hineingekommen sind.
[Ste.01_021,16] Ja, gar viele wissen schon oft an der Türschwelle des Bethauses kein Wort mehr, was da gepredigt ward, und bei so mancher Predigt sind die Ohren der Zuhörer nichts weniger als selig, besonders wenn manches Mal ein eben nicht mit zu viel Bruderliebe behafteter Prediger seinen Zuhörern die Hölle so heiß wie möglich und den Weg zum Himmel aber überaus schmal, steil und dornig ansetzt, daß am Ende seinen Zuhörern beinahe die Wahl schwer wird, welchen Weg sie wandeln sollen und also denken: „Die Hölle ist zwar heiß; aber es führt ein überaus bequemer Weg dahin. Der Himmel bietet wohl die höchste Seligkeit; aber wer mag ihn erreichen, wenn er nur auf so einem nahezu unmöglich besteigbaren Wege zu erreichen ist?“
[Ste.01_021,17] Also derlei Ohren dürften gerade nicht die seligsten sein, ebensowenig wie die Augen der Gelehrten, die zwar vieles sehen, aber das, was sie am liebsten erschauen möchten, dennoch nie zu Gesichte bekommen können. Darum sind nur selig, die sich der Wiedergeburt des Geistes befleißen und sie auch stets mehr und mehr erreichen.
[Ste.01_021,18] Es wird aber niemand auf einmal wiedergeboren, sondern nur nach und nach; aber es fängt auch bei niemand der Akt der Wiedergeburt früher an, als bis er die göttliche Wahrheit angefangen hat zu erkennen, und niemand wird früher vollends wiedergeboren und zur vollkommenen inneren Anschauung und Anhörung des lebendigen Wortes gelangen, als bis er die Welt – was so ganz eigentlich die Sünde ist – freitätig aus sich verbannt hat. Und da erst kommt also im rein himmlischen Lichte der angeführte Text in die tröstliche Anwendung, und dann erst sind auch die Augen selig, die das sehen, und die Ohren, die das hören.
[Ste.01_021,19] Ich meine, dieser Text wird auch wieder klar genug dargestellt sein. Trachtet daher aber auch ihr nach seiner Realisierung in euch! Amen.
22. Kapitel – „Und Er sprach zu ihnen: ‚Wahrlich, Ich sage euch, es stehen etliche hier, die den Tod nicht kosten werden, bis sie sehen das Reich Gottes kommen in der Kraft!‘“ (Markus 9,1)
26. Januar 1844 abends
[Ste.01_022,01] „Und Er sprach zu ihnen: ‚Wahrlich, Ich sage euch, es stehen etliche hier, die den Tod nicht kosten werden, bis sie sehen das Reich Gottes kommen in der Kraft!‘“
[Ste.01_022,02] Das ist wieder ein etwas längerer Text und braucht daher eine etwas kürzere Erklärung. Man darf nur wissen, wer die einigen sind, die den Tod nicht verkosten werden, bis sie werden kommen sehen das Reich Gottes in seiner Herrlichkeit; weiß man die, so weiß man dann auch schon beinahe den ganzen Sinn dieses Textes.
[Ste.01_022,03] Wer sind also die etlichen? Das sind die Gläubigen und die danach Hoffenden. Wer da fest glaubt, der wird in seinem Glauben auch seine Hoffnung realisiert finden; denn es heißt ja auch: „Wer da Glauben hat so groß wie ein Senfkörnlein und zweifelt nicht an dem, was er glaubt, der kann Berge versetzen mit der Kraft seines Glaubens!“
[Ste.01_022,04] Also werden unter den ‚etlichen‘ die Gläubigen verstanden, und das geht noch ferner aus dem hervor, daß der Gläubige fortwährend von dem Wunsche beseelt ist, das zu sehen mit seinen Augen, was er glaubt. Darum ist denn diese Verheißung auch also gestellt, daß sie anzeigt, wie der innere Wunsch solcher Gläubigen solle realisiert werden; und sie sollen nicht eher irgendeinen Tod verkosten, als bis sie das erschauen, was sie glauben.
[Ste.01_022,05] Was glaubten denn diese etlichen? Diese etlichen glaubten fest, daß Ich der verheißene Messias bin, glaubten auch, daß durch Mich die Herrlichkeit des Reiches Gottes, also eine vollkommene Theokratie auf der Erde gegründet wird und fürder nimmer ein Ende haben wird. Des Menschen Sohn wird die Herrlichkeit des Vaters auf der Erde übernehmen, und vor Seiner Macht werden sich dann beugen müssen alle Königreiche und alle Knie derjenigen, die unter der Erde, auf der Erde und über der Erde sind.
[Ste.01_022,06] Das war der feste Glaube dieser etlichen. Darum ward es denn auch zu ihnen gesagt, daß sie nicht eher irgendeinen Tod schmecken sollen, als bis sie die Herrlichkeit des Reiches Gottes werden kommen sehen; freilich nicht in der Art, wie sie es glaubten, sondern nur in der Entsprechung ihres Glaubens.
[Ste.01_022,07] Was meint ihr aber, warum diesen etlichen nach der Anschauung der Ankunft der Herrlichkeit des Reiches Gottes dennoch das Verkosten des Todes bedingungsweise belassen ist, das heißt, daß sie, nachdem sie die Ankunft des Reiches Gottes werden gesehen haben, dennoch den Tod werden verkosten müssen? Der Grund liegt darin, weil der Glaube für sich, wenn er noch so fest ist, kein Leben erzeugt, wenn er nicht die Liebe voraus zum Grunde hat, die allein unsterblich ist!
[Ste.01_022,08] Solche etliche gibt es jetzt auch eine Menge auf der Welt, die pur auf den allein seligmachenden Glauben halten, aber nicht bedenken, daß der Glaube nur eine Ausstrahlung des Gnadenlichtes Meiner Liebe ist, der wohl vorbereitet und im Inneren so wirkt, wie das Licht wirkt naturmäßig auf der Erde. Wenn es im Sommer stark auffällt, so erwärmt es auch das Erdreich und lockt allerlei Früchte aus demselben; aber das Licht kann nicht immer gleich stark sein, und wenn demnach der Winter anrückt und der Sonnenstrahl schwächer und schwächer wird, da sterben bald alle die Produkte des Sommerlichtes ab und werden unter Schnee und Eis begraben.
[Ste.01_022,09] Warum belebt denn da die Erde im Winter ihre im Sommer so prunkenden Kinder nicht? Warum müssen sie den Tod schmecken, wenn sie auch zuvor die Herrlichkeit des Lichtes aus der Sonne empfunden haben? Weil die Erde viel zuwenig eigene Wärme besitzt.
[Ste.01_022,10] Gerade also steht es auch mit den Glaubenshelden. Sie glauben fest und sind voll Eifer und voll Tätigkeit, solange sie von Meinem Gnadenstrahl durchleuchtet und erwärmt werden; wenn sie aber dann auf die Probe gestellt werden, wieviel der eigenen Wärme sie in sich haben, da werden sie welk, die Früchte samt den Blättern fallen von den Bäumen, und sie stehen nackt und kahl da, und statt der früheren Früchte rastet bald Schnee und Eis über ihren Ästen und Zweigen.
[Ste.01_022,11] In Meinem höchsten Sommergnadenlichte erblicken sie sicher die Herrlichkeit Meines Reiches in den Früchten, die sie aus diesem Lichte bringen; aber diese Früchte sind fremden Ursprungs, das heißt, sie werden nicht durch die Kraft der eigenen Wärme erzeugt, und darum bleibt die Verkostung des Todes unfehlbar im Hintergrunde.
[Ste.01_022,12] Aber nicht also steht es mit denen, welche in ihrem Inneren in ihrer großen Liebe zu Mir selbst eine Sonne haben; zu denen sage Ich: Wahrlich, wahrlich, die Mich lieben und sind tätig nach Meinem Worte, die werden den Tod in Ewigkeit weder fühlen noch irgend schmecken!
[Ste.01_022,13] Der Glaube kann auch durch die Lesung rechter Bücher erreicht werden; aber die Liebe kommt nur aus dem Herzen. Daher fraget auch ihr mehr euer Herz als die Bücher, wie dieses gegen Mich beschaffen ist, und ihr werdet dann nicht zu den etlichen gehören. Solches bedenket allzeit! Amen.
23. Kapitel – „Ihr verblendeten Führer, die ihr die Mücken seiget und verschlucket das Kamel!“ (Matthäus 23,24)
27. Januar 1844 abends
[Ste.01_023,01] „Ihr verblendeten Führer, die ihr die Mücken seiget und verschlucket das Kamel!“
[Ste.01_023,02] Das ist ebenfalls wieder ein Vers, der für alle Zeiten taugt, und dessen Sinn aber auch sogleich mit den Händen zu greifen ist, wie das auch bei anderen der Fall ist.
[Ste.01_023,03] Wer sind denn diese verblendeten oder blinden Führer? Das sind die sogenannten Kleinfehlerdrescher oder die Buchstabenreiter des Gesetzes. Da reinigen sie und plärren den ganzen Tag drauflos; die großen Fehler aber, von denen das ganze Heil und Leben des Menschen abhängt, kennen sie oft gar nicht, und wenn sie dieselben schon kennen, so drücken sie aus politischen Rücksichten die Augen zu, als wäre daran gar nichts gelegen.
[Ste.01_023,04] Um diese Sache so klar als möglich zu machen, will Ich euch nur Beispiele anführen! Wir wollen da vom Kleinen bis zum Großen aufsteigen, oder vom Sonderheitlichen zum Allgemeinen.
[Ste.01_023,05] Sehen wir in eine Familie, also in ein einzelnes Haus! Der Vater hat Kinder beiderlei Geschlechts; die Knaben werden bei einem etwas vermöglicheren Hause emsig zum Studieren angehalten, und die Mädchen haben ebenfalls verschiedene Meister. Da lernen sie irgendeine fremde Sprache radebrechen, Zeichnen, Musik und daneben auch andere feine weibliche Arbeiten.
[Ste.01_023,06] Die Söhne werden mit allem Eifer zum Studieren angehalten. Eminenter müssen sie sein, sonst gibt es üble Stunden; jede Vernachlässigung wird da mit Schärfe gerügt, und Pönitenzen bleiben nicht aus. Desgleichen werden auch die anderen sogenannten Wohlstandsregeln fest gehandhabt, und wehe dem Knaben, der sich leichtsinnigermaßen dagegen versündigt! Und es penzt da der Vater, der Instruktor und der öffentliche Lehrer tagtäglich.
[Ste.01_023,07] Man wird fragen: „Ja, ist denn das gefehlt?“ Ich sage darauf nichts als: Hier werden ebenfalls Mücklein geseigt, das Kamel aber unbeachtet verschluckt.
[Ste.01_023,08] Was ist denn aber hier das Kamel? Das Kamel ist eben das Studieren selbst und die polierte Weltlichmachung eines jungen Menschen. Durch dieses verschluckte Kamel verliert der junge Mensch zuallermeist den letzten Tropfen dessen, was in ihm das Leben des Geistes hätte erwecken können, und wird dadurch ganz in die allerblankste Welt hinausgestoßen.
[Ste.01_023,09] Desgleichen geht es auch mit den Mädchen. Die gestrenge Mutter redet sich den ganzen Tag beinahe die Zunge wund; denn die eine Tochter hat einen Stich etwas zu lang gemacht, bei der andern wird ein kleiner Fleck irgendwo entdeckt, die dritte hat ihre Lektion in dem oder dem Fache nicht gut genug gekonnt, die eine hat ihre Haare nicht recht in der Ordnung, kurz und gut, jede schiefe Haltung und dergleichen noch eine Menge kaum beachtbarer Fehler werden nicht selten mit einer Erbitterung gerügt, und es gibt da den ganzen Tag vollauf zu korrigieren, zu penzen und anzueifern.
[Ste.01_023,10] Sehet, da werden ebenfalls wieder Mücklein geseigt; aber daß die Mädchen durch all diesen weltlichen Firlefanz rein für alles innere, geistige Leben getötet werden, ist das Kamel, das ohne alles Bedenken verschluckt wird.
[Ste.01_023,11] Ich meine, diesem Beispiel braucht man keine Erklärung mehr hinzuzufügen, indem es in sich selbst überaus klar ist. Gehen wir auf ein allgemeineres Beispiel:
[Ste.01_023,12] Also wird von der Kirche, wie sie bei euch ist, überaus darauf gesehen, daß besonders von dem gemeinen Teile des Volkes die sogenannten kirchlichen Satzungen bei Vorenthaltung der Absolution beachtet werden. Wer das beachtet, dem wird bei gewissen Gelegenheiten von kirchlicher Seite kein Anstand gemacht; dafür wird auch alle Sonn- und Feiertage scharf gepredigt und einem armen Sünder an einer solchen kirchlichen Satzung wird die Hölle ganz entsetzlich heiß gemacht, und er hat zu tun, bis er sich wieder in die Gnade der Kirche gesetzt hat. Bei einem Reichen geht es freilich etwas leichter; aber der Arme hat seine Not!
[Ste.01_023,13] Wie sieht es denn aber mit der lebendigen Bekanntmachung Meines Wortes und mit der Führung nach demselben aus? Also: Wenn der Christ nur seine kirchlichen Pflichten erfüllt, da darf er sich auch an so manchem Meiner Gebote versündigen, und er darf versichert sein, daß er darob keine scharfe Buße bekommen wird.
[Ste.01_023,14] Wenn er nur den Sonntagvormittag den kirchlichen Zeremonien ausweislich beigewohnt hat, so darf er dann nachmittags ohne Bedenken Spiel- und Wirtshäuser, wie auch Tanzböden besuchen. Er kann spielen und schwelgen, tanzen und huren die ganze Nacht hindurch; er kann auch noch mitunter betrügen, Leute ausrichten, lügen, geizig sein, einem andern einen Schaden zufügen, freilich auf politisch-rechtlichem Wege.
[Ste.01_023,15] Das alles geht bei der nächsten Beichte, besonders bei einem diskreten Beichtvater, um fünf Vaterunser und Ave-Maria und schon gar gewiß um eine bezahlte Messe hinweg. Hat sich unser Beichtkind etwa gar noch mit einem Ablaß auszuweisen, dann geht es wie eine Sonne makellos vom Beichtstuhl zum Tische des Herrn, und von da wie ein Engel aus der Kirche.
[Ste.01_023,16] Wer wird in diesem Beispiel nicht ersehen die Seigung der Mücklein und die gar grobe Verschluckung des Kamels?!
[Ste.01_023,17] Ich will das freilich wohl nicht allen Beichtigern zum Vorwurf machen; denn es gibt auch hier und da mehrere, die es mit der Sache von der besseren Seite ernstlich meinen; aber nur im allgemeinen ist das gewöhnlich der Fall.
[Ste.01_023,18] Nikodemus gehörte auch zu den Pharisäern und Schriftgelehrten; aber er machte eine Ausnahme unter ihnen und war somit kein Mückenseiger und Kamelverschlucker; denn er kannte Mich und hielt auf Mein Wort. Darin wird für getreue Beichtiger Entschuldigung genug sein. Und so gehen wir auf ein allgemeines großes Beispiel über!
[Ste.01_023,19] Also geben die Fürsten der Welt eine Menge, ja eine schauerliche Menge Gesetze, deren Übertretung – ob wissentlich oder unwissentlich – nach den Paragraphen streng geahndet wird. Was aber da Meine Gesetze betrifft, so werden nur diejenigen als Staatsgesetze mit aufgenommen, durch die eine weltliche Sicherstellung bezweckt werden kann. Dergleichen sind vorzugsweise das siebente, das fünfte und in einem zu offenbar argen Betriebe das sechste Gebot; um die andern sieben kümmert sich der Staat nicht viel, – es müßten nur politische Rücksichten ihn dazu veranlassen. Also kümmert sich ein Staat um die Leitung der Völker nach Meinem Worte überaus wenig oder gar nicht und spricht dabei: „Das andere überlassen wir nur der Geistlichkeit!“
[Ste.01_023,20] Da werden dann von beiden Seiten Mücklein geseigt und Kamele zu Tausenden verschluckt, und die Art der Pharisäer stirbt nie aus; denn fängt man sie auf der einen Seite, so macht sich die andere Seite um so mehr Luft, und man kann tun, wie man will, so kommt man zumeist vom Regen in die Traufe.
[Ste.01_023,21] Die Welt will herrschen, und zu diesem Behufe kann sie sich alles tauglich machen; göttliche und weltliche Gesetze werden in ein Joch gespannt und müssen das Volk ins Verderben ziehen.
[Ste.01_023,22] Was nützt es denn, wenn ein Mensch noch so poliert und staatstauglich dasteht? Was nützt es, wenn in einem Staate, weltlich genommen, die beste Verfassung ist, so aber dabei dennoch allzeit die Hauptsache, um die sich alles Leben des Geistes dreht, gänzlich unberücksichtigt gelassen wird?
[Ste.01_023,23] Ich meine aber, es wäre besser, so da jemand als ein weltlicher Krüppel zum Leben eingeht, als ein Weltpolierter in den ewigen Tod.
[Ste.01_023,24] Mehr darüber zu sagen wäre unnötig. Sehet aber daher auch ihr nicht so sehr auf die Mücklein, sondern vielmehr darauf, daß ihr keine Kamele verschluckt, so werdet ihr das ewige Leben haben! Amen.
24. Kapitel – „Und Jesus weinte.“ (Johannes 11,35)
29. Januar 1844 abends
[Ste.01_024,01] „Und Jesus weinte.“
[Ste.01_024,02] Dieser Text ist überaus kurz, besteht aus drei Wörtchen; aber er ist bei all seiner Kürze so vielsagend und bezeichnend, daß ihr, so Ich euch diesen Text nur einigermaßen auseinandergesetzt darstellen würde, eine ganze Welt voll Bücher zu schreiben hättet. Seine volle Enthüllung aber werdet ihr wohl in Ewigkeit nicht in ihrer Volltiefe zu fassen imstande sein!
[Ste.01_024,03] Zahllose Male steht in der Schrift das Bindewort ‚und‘; doch auf keinem Platze verbindet es so viel wie hier; denn hier verbindet es zwei unendliche Dinge, nämlich die unendliche Liebe und die unendliche Weisheit, Kraft und Macht Gottes in Eines. Denn Jesus ist die Weisheit, die Macht und Kraft und somit der Gewalthaber über alles, was da geistig und naturmäßig die Ewigkeit und Unendlichkeit erfüllt.
[Ste.01_024,04] Dieser Jesus aber weinte. Wie und warum denn? Weil Er mit dem Vater und mit der ewigen Liebe Eins ward in der Fülle. Denn einst hieß es bei Moses, als er verlangte, Gott zu sehen: „Gott kann niemand sehen und leben zugleich!“ In Jesus aber sahen viele Gott, und Er ward ihr Leben; und sie starben nicht, darum sie Ihn sahen.
[Ste.01_024,05] Zu Mosis Zeiten weinte die Gottheit nicht; aber Sie richtete zu Tode die Übertreter des Gesetzes, und niemand ward erweckt, der einmal dem Tode verfiel. Hier war dieselbe Gottheit; aber Sie hielt nicht mehr in Ihrem unerforschlichen Zentrum Ihre Liebe und Erbarmung verborgen, sondern Sie weinte und erregte Sich dann und löste die Bande des Todes an dem, der im Grabe moderte.
[Ste.01_024,06] Verstehet ihr nun etwas, was das Weinen des Jesu hier bedeutet? – Das Weinen bedeutet hier ein unendlich tiefes Erbarmen der unendlichen Liebe in Gott!
[Ste.01_024,07] Über wen erbarmt Sie Sich? – Über den schon vier Tage im Grabe Modernden.
[Ste.01_024,08] Wer von euch hat denn soviel Weisheit, um zu fassen dies endloser Bedeutung vollste Bild? Meinet ihr, Jesus tat hier nur ein örtliches Wunder, um dadurch fürs erste den zwei trauernden Schwestern ihren vielgeliebten Bruder wiederzugeben, und fürs zweite, um dadurch den Juden einen Beweis zu liefern, wie vor Ihm nie jemand solches tat?
[Ste.01_024,09] O sehet, das sind ganz unbedeutende Nebenumstände; denn fürs erste hatte Jesus schon vorher Wundertaten in großer Genüge ausgeübt, die mit dieser ganz gleich gewichtig waren; was aber die Tröstung der beiden Schwestern betrifft, so wäre Er sicher nicht verlegen gewesen, Er, der aller Menschen Herzen in Seiner Hand hält, sie mit einem Blick, ja mit einem leisesten Wink selbst also seligst zu machen, daß sie des verstorbenen Bruders nicht leichtlich wieder trauernd, sondern jubelnd nur gedacht hätten!
[Ste.01_024,10] Das war sonach nicht der Hauptgrund; was denn aber? Ja, darin liegt die eigentliche für euch nicht erfaßbare Tiefe dieser Tat Gottes! Ich kann sie euch nur durch entfernte Winke andeuten, aber nicht vollends erläutern, indem ein Vollicht in dieser Sache euch das Leben kosten würde. Denn eben bei dieser Tat heißt es ja, daß sie geschieht, auf daß die Herrlichkeit des Vaters im Sohne offenbar werde.
[Ste.01_024,11] Was stellen die zwei trauernden Schwestern vor, die Martha und die Maria? Sie sind Bilder der Vor- und Nachzeit; das eine mehr äußerer, also vorbildender, das andere mehr innerer und somit geistiger, in sich selbst der Wahrheit voller Art. Im weiter umfassenden Sinne stellen sie unter der ‚Martha‘ die ganze naturmäßige Schöpfung und unter der ‚Maria‘ alle himmlisch-geistige Schöpfung dar. – Sehet, das sind die zwei trauernden Schwestern!
[Ste.01_024,12] Um wen trauern sie denn? – Um einen Bruder, der vier gar lange Tage schon im Grabe modert. Die vier Tage bezeichnen vier Schöpfungszustände.
[Ste.01_024,13] Wer ist nun der Bruder? Doch von hier nichts mehr weiter!!! – Wer von euch nur ein Scherflein Weisheit besitzt, der mag rechnen; aber eine nähere Kundgabe von Mir aus wäre lebensgefährlich!
[Ste.01_024,14] Ihr möget aber aus dem Gesagten immer so viel entnehmen, eine wie große Tiefe und welche Unerforschlichkeit in den drei Worten „Und Jesus weinte!“ liegt. Wenn ihr bedenket, wer Jesus ist, so werdet ihr es auch wenigstens zu ahnen vermögen, daß Seine Tränen etwas ganz anderes und Größeres bedeuten als die einer halberblindeten Romanleserin. Das Gemüt Jesu war kein durch Lektüre reizbar gewordenes, – sondern das war die ewige Liebe Selbst als Vater im Sohne!
[Ste.01_024,15] Als nachzuahmendes Beispiel aber zeigen sie (die Tränen), daß auch ihr aus der wahren Lebenstiefe heraus barmherzig sein sollet; denn eine durch Romanlektüre bewirkte Weichherzigkeit und Erbarmung hat bei Mir durchaus keinen Wert und ist um nicht vieles besser als eine Blindliebe und Heirat auf dem Theater. Solchen ‚barmherzigen‘ Menschen will Ich einst auch den Lohn geben, der der Grund ihrer Barmherzigkeit war. Sie sollen auch jenseits große Bibliotheken von zahllosen Romanen antreffen und werden nicht eher aus denselben gelangen, bis sie es lebendig an sich erfahren werden, daß eine geschriebene Liebe und ein geschriebenes Leben durchaus keine Liebe und kein Leben sind.
[Ste.01_024,16] Wer nicht aus Mir liebt und nicht von Mir lernt, der tut alles, was er tut, wie ein Toter und wird nicht eher seinem Grabe entsteigen, als bis Jesus nicht über seinem Grabe weinen wird. – Verstehet solches wohl; es ist eine große Tiefe darinnen, und so sei das Leben euer Amen!
25. Kapitel – „Seid also nicht besorgt, und saget nicht: ‚Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?‘ Nach solchem allem trachten die Heiden. Denn euer Vater weiß, daß ihr das alles bedürfet.“ (Matthäus 6,31-32)
31. Januar 1844 abends
[Ste.01_025,01] „Seid also nicht besorgt, und saget nicht: ‚Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?‘ Nach solchem allem trachten die Heiden. Denn euer Vater weiß, daß ihr das alles bedürfet.“
[Ste.01_025,02] Sehet, Meine Lieben, das sind wieder ein paar viel längere Texte; aber dafür sind sie auch schon in all ihrer Bedeutung frei und offen gestellt und haben ihren geistigen Sinn also offen tragend, daß ihn beinahe ein jeder Mensch für seinen Bedarf mit den Händen greifen kann. Überhaupt aber könnt ihr euch das merken, daß nicht in Meiner Mundlehre das Schwierigste zu begreifen liegt, sondern das Schwierigste liegt allezeit in Meinen Taten. Warum denn?
[Ste.01_025,03] Die Lehre mußte ja also gestellt sein, daß sie auch von der Welt ohne viele Mühe begriffen werden kann; denn was nützte aller Welt eine in tiefster Weisheit abgefaßte Lehre? Die wäre für die Welt gerade das, was für euch ungefähr die japanische Sprache ist; sie würde nie auch nur ein Jota davon verstehen.
[Ste.01_025,04] Nehmet zum Beispiel die in etwas tieferer Weisheit abgefaßte Offenbarung Johannis! Ihr habt doch schon so manche Erklärungen darüber gelesen – und wisset im Grunde doch noch nicht, was ihr aus dieser Offenbarung machen sollet, und wozu sie neben dem Evangelium gut ist.
[Ste.01_025,05] Darum aber war Meine Lehre allzeit also gestellt, daß sie von aller Welt sogleich in ihrer wahren Bedeutung verstanden werden kann. Wer den überaus zweckdienlichen und leichtfaßlichen Buchstabensinn beachtet, der kommt dann schon um so leichter auf den sehr offen liegenden geistigen Sinn.
[Ste.01_025,06] Und also gehören die zwei vorliegenden Texte zu demjenigen Teil Meiner Lehre, welcher von Meinen Jüngern nicht hart genannt wurde; auch nicht zu den Gleichnissen, die Meine Jünger nicht immer verstanden, sondern sie gehören – die zwei Texte nämlich – zu demjenigen Teil Meiner Lehre, wo Meine Jünger sagten: „Nun redest Du offen heraus, was Du willst, und wir verstehen Dich!“
[Ste.01_025,07] Was enthalten demnach diese zwei Texte? Nichts als eine einfache brüderlich-freundschaftliche Warnung vor der Welt, und Ich will damit anzeigen, daß die Menschen alle Sorge auf Mich legen sollen und nur in der Tat Mein Reich suchen sollen; alles andere wird ihnen eine freie Hinzugabe werden.
[Ste.01_025,08] Das ist demnach der ganz natürliche Sinn dieser Texte; in diesem ist aber der geistige auch schon mit den Händen zu greifen. Denn was da widerraten ist für den Leib, dasselbe gilt auch für die Seele und für den Geist und möchte ungefähr also lauten:
[Ste.01_025,09] Seid nicht ängstlich bekümmert, eure geistigen Seelenkräfte durch allerlei mühsames Studium auszubilden! Sorget euch nicht um die Universitäten und um allerlei Doktordiplome, sondern liebet Mich, euren Vater, und Ich werde euch umsonst die Weisheit der Engel geben; und das wird doch mehr sein, als so ihr alle Doktorhüte und Diplome euch auf der Welt erworben hättet!
[Ste.01_025,10] Denn alle noch so großen Gelehrten der Welt bringen samt ihren Diplomen und Doktorhüten nicht heraus, was mit dem Menschen nach seines Leibes Tode geschieht, während der, dem Ich die Weisheit gab, solches im kleinen Finger mit der überzeugendsten Evidenz herumträgt.
[Ste.01_025,11] Ja, Ich sage euch: In dieser Hinsicht sind die Tiere mit ihrem dumpfen Ahnungsvermögen besser daran als so manche großen Weltweisen. Dahierher gehört auch der Text: „Was nützt es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne, aber dabei an seiner Seele Schaden litte?“
[Ste.01_025,12] Wer da nicht weiß, was einst mit ihm wird, der zeigt schon, daß er eine schadhafte Seele hat. Wie aber ein Künstler auf einem beschädigten Instrument nichts Erhebliches zu leisten imstande ist, also kann auch ein Geist durch eine von der Welt stark beschädigte Seele nichts Erhebliches fürs ewige Leben wirken; denn er muß ja seine Kraft dahin verwenden, die Lücken der Seele zu ergänzen. Wie sollte er aber als ein ewiger Flickschuster je einen gesunden, vollkommenen Stiefel zuwege bringen, in dem sein fester Lebensfuß einen gerechten Schutz und eine feste Unterlage fände?
[Ste.01_025,13] Darum soll sich alsdann niemand wie in leiblicher, also auch in seelischer Hinsicht sorgen, was er essen und trinken und womit er sich bekleiden wird; denn für alles das werde schon Ich sorgen, wenn er tätig ist aus der Liebe zu Mir nach Meiner Lehre.
[Ste.01_025,14] Das ist der ganze, leicht faßliche Sinn; wer ihn lebendig beachten wird, der wird auch besser daran sein als alle Spekulanten, Wucherer und Gelehrten aller Art. Amen.
26. Kapitel – „Doch jene Meine Feinde, die Mich nicht zum Könige über sich haben wollten, bringet her, und erwürget sie vor Mir!“ (Lukas 19,27)
3. Februar 1844 abends
[Ste.01_026,01] „Doch jene Meine Feinde, die Mich nicht zum Könige über sich haben wollten, bringet her, und erwürget sie vor Mir!“
[Ste.01_026,02] Vorliegender Text ist beinahe wohl zu leicht, als daß man darüber eine lange Erklärung geben sollte, und gehört ebenfalls zu denjenigen, worüber die Jünger nicht fragten: „Wie sollen wir das verstehen?“ Denn diesen Text verstanden sogar die blinden Pharisäer, die da genau wußten, daß Ich unter den zu erwürgenden Bürgern der Stadt sie gemeint habe.
[Ste.01_026,03] Das wäre aber freilich wohl ein enger Sinn; dessenungeachtet aber ist auch der allgemeine durchaus nicht schwer zu erkennen, man braucht nur zu wissen, daß ‚erwürgen‘ soviel wie ‚richten‘ heißt, so hat man dann schon das Ganze.
[Ste.01_026,04] Wer sind denn die ‚Bürger‘ der Stadt, die den König nicht wollten? Blicket hinaus in die Welt, und ihr werdet solche Bürger in allen Straßen, Ecken und Winkeln in einer Unzahl erblicken, die den König nicht wollen! – Die ‚Stadt‘ ist die Welt; ihre ‚Bürger‘ sind die Weltmenschen, die von Mir nichts wissen wollen.
[Ste.01_026,05] Die zehn mit den Pfunden Beteilten sind die wenigen Auserwählten, die unter diesen Weltbürgern leben; darunter aber selbst noch einer träge ist und will nicht wirtschaften mit dem einen ihm anvertrauten Pfunde.
[Ste.01_026,06] Unter diesem ‚einen‘ werden verstanden diejenigen, welche das Wort Gottes wohl annehmen und anerkennen, aber sie sind zu träge, danach zu handeln; darum wird ihnen auch am Ende das genommen, was sie haben, und es wird dem gegeben, der da zehn Pfunde hat.
[Ste.01_026,07] Warum denn? – Weil der vollkommen nach Meinem Worte gelebt hat, daher in der Volliebe zu Mir ist, also im Vollfeuer und Volleifer; daher gebührt ihm auch, wie einer Sonne, das komplette Vollicht.
[Ste.01_026,08] Wer aber kein Feuer hat, der hat auch kein Licht und gleicht einem Planeten, der nur mit fremdem Lichte prunkt, welches ihm nicht bleiben kann. Wird er von seiner Sonne genommen, so schwebt er dann als ein finsterer Klumpen in seiner durch sich selbst gerichteten Verworfenheit von einer Unendlichkeit zur andern!
[Ste.01_026,09] Aus diesem Gesagten läßt sich schon sehr leicht erkennen, was obenangeführter Text in sich trägt, – nichts anderes nämlich als das Gericht alles Welttümlichen.
[Ste.01_026,10] Nur kommt hier noch eine dritte Art Wesen vor, zu denen der Herr oder der König spricht: „Bringet die Bürger der Stadt hierher, die Mich nicht zum Könige wollten, auf daß sie erwürgt werden!“
[Ste.01_026,11] Wer sind diese? – Wer sonst wohl als die Engel der Himmel, von denen ihr schon lange wisset, wie sie allenthalben die Leiter Meiner Gerichte sind. Diese werden die Welt allzeit richten.
[Ste.01_026,12] Warum denn? – Weil sie, Nummer eins, Eins sind mit Mir, und darum, Nummer zwei, der schroffste Gegensatz zur Welt. Darum sie Eins sind mit Mir, haben sie alle Macht und Gewalt aus Mir; und darum sie der schroffste Gegensatz sind zur Welt, darum auch wird diese allezeit von ihnen gerichtet.
[Ste.01_026,13] Das ist der ganz einfache, wohl zu beachtende Sinn dieses Textes.
[Ste.01_026,14] Manchmal wurden unter den ausgeteilten Pfunden die verschiedenen auszubildenden menschlichen Anlagen verstanden. Doch solches ist grundfalsch. Denn würde das gelten, da wäre dadurch der höchst gotteslästerliche St. Simonismus eine Gott über alles wohlgefällige Sache, der auch die Ausbildung des Diebes- und Mördertalentes als eine billige Sache ansieht. Das ist aber doch sicher nicht der Sinn, der den ausgeteilten Talenten oder Pfunden zugrunde liegt.
[Ste.01_026,15] Diese ausgeteilten Talente und Pfunde sind allein das ausgeteilte Wort Gottes. Wer es zugleich lebendig hat, der hat die zehn Pfunde; lebendig aber hat er es, wenn er es in seiner Liebe hat oder in seinem Herzen.
[Ste.01_026,16] Wer aber die fünf Pfunde hat, der hat das Wort in seinem lebendigen Glauben, danach er tätig in der Liebe werden kann.
[Ste.01_026,17] Wer die drei Pfunde hat, der hat das Wort Gottes in seinem Verständnis; wenn er danach tätig wird, so wird er die Weisheit erlangen.
[Ste.01_026,18] Wer aber nur ein Pfund hat, der hat zwar auch das Wort Gottes in seiner Erkenntnis; aber es ficht ihn nicht an. Er hat zwar nichts gegen dasselbe, – er hält es im Gegenteil für schön, gut und wahr; aber wenn er vollernstlich danach tätig werden soll, da spricht er:
[Ste.01_026,19] „Ja, wenn man nicht auf die Welt hier beschränkt wäre und müßte darum das Weltliche der Welt wegen tun, da wäre es freilich sehr löblich, vollkommen dieser Lehre gemäß zu leben. Aber man muß einmal in der Welt leben, und so muß man sich auch nach ihr richten, sonst wird man leichtlich als ein Sonderling ausgeschrien; man verliert seine Ehre und Reputation und stellt sich dadurch also isoliert dar, daß man dann auch nicht mehr in der Welt zu wirken imstande ist, wo es zu wirken zu einem guten Zwecke notwendig gewesen wäre!“
[Ste.01_026,20] Der Reiche spricht: „Ich wollte mit meinem Vermögen ja wohl evangelisch gebaren, wenn die Zeitumstände anders wären; aber die Welt ist nun einmal Welt, und da heißt es mit dem Vermögen also umgehen, daß man fürs erste im Alter selbst nicht darben muß, und daß auch die Kinder mit der Zeit diejenige nötige Versorgung finden, die sie vor der Welt unabhängig stellt.“
[Ste.01_026,21] Der Beamte aber spricht: „Mein Gott! Wo sollte ich die Zeit hernehmen? Amts- und Herrendienst geht vor Gottesdienst! Wenn ich mich einmal in den Ruhestand setzen werde, dann will ich auch in Gottes Namen den Rosenkranz zur Hand nehmen, oder: ich will nach dem Evangelium leben, soviel es sich ohne große Beschränkung meiner Verhältnisse tun läßt!“
[Ste.01_026,22] Der Geistliche spricht: „Wenn man nur die Pflichten seines Standes erfüllt, den man in der Welt bekleidet, und das alles Gott aufopfert, so hat man genug getan!“
[Ste.01_026,23] Ich aber sage dazu: „Das sind lauter einpfündige Pfundvergräber, und es wird ihnen allen ergehen, wie es von dem evangelischen Einpfund-Inhaber gesagt ist!“
[Ste.01_026,24] Warum denn? – Weil da in keinem auch nur ein Fünklein Liebe zu Mir werktätig anzutreffen ist! Diese ziehen eine gewisse Bequemlichkeit ihres irdischen Lebens allzeit Mir vor.
[Ste.01_026,25] Der Reiche ist mit Mir zufrieden, solange er durch sein Geld sich und seine Familie überaus wohl versorgt erblickt; welche lebendige Liebe aber hat er aufzuweisen und welches Vertrauen zu Mir in der Tat, so er selbst nach allen Kräften sorgt, daß er und seine Familie einst nicht darben möchten? Für ein solches Zutrauen wird sich ein jeder bedanken.
[Ste.01_026,26] Wenn ein Wechsler einen Sachwalter bestellt, ihm aber nie einen Groschen ernstlich anvertraut, wird der Sachwalter da nicht bald sagen: „Wie, mein Freund, hältst du mich denn für einen Spitzbuben und meine große Kaution für null und nichtig, daß du mir nicht um einen Groschen Zutrauen schenkst? Verwalte dein Vermögen selbst; ich aber fordere meine Kaution zurück.“
[Ste.01_026,27] Dasselbe werde auch Ich mit solchen reichen Christgläubigen tun und werde Meine Kaution von ihnen nehmen; denn für einen Narren lasse Ich Mich von ihnen nicht halten und noch weniger für einen Lügner und Betrüger, für das sie Mich werktätig halten, darum sie Mir nicht trauen und daher selbst für ihr Bestehen sorgen.
[Ste.01_026,28] Desgleichen werde Ich auch zu jenen Beamten und Geistlichen aller Sekten sagen, die den Weltdienst und die Erfüllung der Standespflichten für den Gottesdienst halten: „Habt ihr umsonst gedient? Hat euch die Erfüllung der Pflichten eures Standes keinen Gewinn abgeworfen? Habt ihr aus Liebe zu Mir oder aus Liebe zu den Vorteilen, die aus der Erfüllung der Standespflichten folgen, eben diese eure Standespflichten erfüllt?“
[Ste.01_026,29] Wenn sie sagen werden: „Wir taten das Gute und das Rechtliche des Guten und des Rechtlichen selbst willen und durften auch mit gutem Gewissen diejenigen Vorteile genießen, die die Folge guter und rechtlicher Handlungen sind“,
[Ste.01_026,30] dann aber werde Ich sagen: „Also seid ihr ja bezahlte Arbeiter gewesen und habt euren Lohn empfangen. Wieviel aber habt ihr dabei mit dem einen, euch anvertrauten Pfunde für Mich gewonnen? Zeiget den Gewinn!“
[Ste.01_026,31] Und wahrlich, da werden alle diese das nackte Pfund aufweisen und werden sagen müssen: „Herr, das Pfund war in den Verhältnissen, in die wir auf der Welt gestellt waren, nicht zu gebrauchen; wir aber erkannten es als ein Heiligtum, darum tasteten wir es auch nicht an.“
[Ste.01_026,32] Und Ich sage: Da wird mit ihnen ebenfalls das geschehen, was von dem evangelischen Einpfündler ausgesagt ist, und diese Einpfündler werden jenseits ganz entsetzlich lange zu tun haben, bis sie sich auf einen Heller werden heraufgearbeitet haben. Da wird viel Heulens und Zähneklapperns vorangehen!
[Ste.01_026,33] Ich meine, das wird auch klar sein; beachtet es, auf daß ihr nicht unter die Einpfündler geraten möchtet! Amen.
27. Kapitel – „Ich nehme nicht Ehre von Menschen.“ (Johannes 5,41)
5. Februar 1844 abends
[Ste.01_027,01] „Ich nehme nicht Ehre von Menschen.“
[Ste.01_027,02] Dieser Text gibt in kurzen Worten kund, welchen Bund Ich mit den Menschen habe, nämlich keinen Bund der Ehre. Denn die Menschen, wie sie sind, sind Mir wirklich keine Ehre. Dazu habe Ich die Menschen auch nicht erschaffen, daß sie Mich ehren sollen.
[Ste.01_027,03] Einen Bund aber habe Ich mit den Menschen, und dieser heißt Liebe und besagt etwas ganz anderes als die Ehrung.
[Ste.01_027,04] Wer sind die, die sich ehren lassen? Das sind die Fürsten und Großen der Welt.
[Ste.01_027,05] Warum lassen sie sich ehren? Weil sie mehr sein möchten als Menschen, obschon ihnen ihr Bewußtsein sagt, daß sie nicht mehr als Menschen sind.
[Ste.01_027,06] Was ist die Ehre, die man jemandem erzeigt? Sie ist nichts anderes als urgründlich die Furcht vor dem Stärkeren und Mächtigeren. Denn der Schwächere fürchtet die Schläge des Mächtigeren und dessen Unbarmherzigkeit; darum kriecht er vor ihm und ehrt ihn und betet ihn förmlich an, damit der Mächtigere, durch solche Schmeichelei bestochen, ihm die Schläge erlassen möchte. Je ehrfurchtsvoller aber der Schwächere gegen den Stärkeren wird, desto ehrsüchtiger und grausamer wird auch der Stärkere.
[Ste.01_027,07] Frage hier: Ist solche Ehrung eine Frucht edlen oder bösen Samens? Ich meine: Wie die Frucht, so wird auch der Same sein!
[Ste.01_027,08] Meinet ihr aber demnach, daß Ich das von den Menschen nehmen sollte, was vor Mir ein Greuel und der scheußlichste Ekelgeruch ist?
[Ste.01_027,09] Aus welchem Grunde sollte Ich Mich von den Menschen ehren lassen? Etwa weil Ich Gott, und die Menschen Meine Geschöpfe sind? Weil Ich allmächtig und alle Menschen gegen Mich gar nichts sind?
[Ste.01_027,10] Was würde Ich wohl haben von solch einer Ehre? Werde Ich dadurch etwa mehr Gott, und wird dadurch Meine Allmacht größer?
[Ste.01_027,11] Bei den Menschen ist dieser Akt noch verzeihlicher; denn so viel Schwächere einen Stärkeren hoch ehren, so gewinnt er dadurch an Macht und Ansehen. Wo sieht aber für Mich ein Gewinn heraus, so Mich die Menschen wie andere Große auf der Erde ehren? Ich meine, diesen Gewinn dürfte wohl ein allerscharfsichtigster Cherub mit dem allerbesten Mikroskop, das ein Atom bis zu einer Hauptzentralsonne vergrößern möchte, nicht entdecken; denn Ich bin Gott, allmächtig von Ewigkeit.
[Ste.01_027,12] Könnte Ich durch die Ehrungen der Menschen wohl noch mehr werden? – Ich meine kaum; daher habe Ich auch nirgends ein Gesetz erlassen: „Du sollst Gott, deinen Herrn, ehren über alles!“, sondern nur lieben über alles. Darum heißt es denn auch im vorliegenden Verse, daß Ich nicht die Ehre bei den Menschen suche; denn da ist schon in Mir Einer, der Mich wahrhaft ehrt von Ewigkeit.
[Ste.01_027,13] Welche Freude Ich aber danach an den „Ad maiorem Dei gloriam“-Taten habe, oder wie man bei euch auf der Welt zu sagen pflegt: „Alles zur Ehre Gottes!“, könnet ihr aus diesem Verslein leicht ersehen; denn wer Mich nicht ehrt in seinem Herzen wie eine vor Liebe brennende Braut ihren Bräutigam, des Ehre ist vor Mir ein Greuel!
[Ste.01_027,14] Was habe Ich von dem tausendfachen „Herr, wir ehren Dich!“, wobei aber die Herzen voll Dreckes sind? – Auf eine solche Ehre soll von der ganzen Hölle aus geschmissen werden!
[Ste.01_027,15] Denn alle, die Mich ehren auf solche zeremonielle Weise, sind die „Herr-Herr!“-Rufer, und sie mögen Mir tausend Litaneien vorsumsen und sagen: „Herr, wir ehren Dich und preisen Deine Stärke!“, „Herr, wir bitten Dich, erhöre uns!“ und „Herr, erbarme Dich unser!“ und mögen tausendmal hinzusagen „Ehre sei Gott dem Vater!“ usw.
[Ste.01_027,16] Ich aber werde ein solches Gewäsch dennoch nie erhören und werde allzeit zu den „Herr-Herr!“-Sagenden sprechen: „Weichet von Mir; denn Ich habe euch noch nie erkannt! Ihr habt der Ehrgebete und Litaneien in großer Menge gehabt; warum aber habt ihr nicht auch eine Litanei erfunden, in der es lebendigermaßen heißen möchte – nicht: „Herr, wir ehren Dich!“, sondern: „Lieber heiliger Vater, wir lieben Dich!“?
[Ste.01_027,17] Man wird hier freilich einwenden und sagen: „Die Ehre Gottes muß sein! Denn sie ist eine edle Frucht der wahren Gottesfurcht; denn wer Gott nicht fürchtet, der ist aller bösen Taten fähig.“
[Ste.01_027,18] Ich aber sage: Wennschon Gottesfurcht besser ist, als böse Taten üben, so wird aber dennoch aus einer solchen Gottesfurcht für niemanden ein ewiges Leben erwachsen, weil ein furchtsames Gemüt schon ein gerichtetes ist.
[Ste.01_027,19] Denn wer das Schlechte nur aus Furcht vor Mir unterläßt, der wird eine harte Probe zu bestehen haben; denn in der Furcht vor Mir ist keines Menschen Geist einer Beseligung fähig, und es wird ihm zuvor die Furcht benommen werden, und es wird sich dann zeigen, was er ohne Furcht vor Mir tun wird.
[Ste.01_027,20] Also sind wohl auf der Erde auch viele Sträflinge in den Kerkern durch die Furcht vor der Strafe in der gesetzlichen Ordnung erhalten; werden sie aber nach der Strafzeit auf freien Fuß gestellt, so sind sie zehnmal ärger denn früher.
[Ste.01_027,21] Alle Höllengeister leben und bestehen in der größten Furcht vor Mir; Mich nur von ferne zu erschauen oder Meinen Namen zu vernehmen, ist für sie das Schrecklichste! Welcher Tor aber wird da behaupten, daß die Höllengeister darum gut seien, weil sie eine so große Furcht vor Mir haben?
[Ste.01_027,22] Ich setze aber ein Beispiel: Es gäbe irgend auf der Erde einen so überaus guten Menschen, der zwar überaus wohlhabend wäre, dabei aber die größte Liebe, Sanftmut und Zuvorkommenheit selbst, und jeder Mensch, der zu ihm käme – welchen Standes er auch sein möchte, welcher Nation, ob Freund oder Feind –, würde von ihm allzeit auf das liebreichste aufgenommen werden. Frage: Welcher Mensch müßte da wohl ein so großer Tor sein und möchte so einen Menschen fürchten ärger denn einen Scharfrichter?
[Ste.01_027,23] Welcher Mensch aber ist wohl besser, liebreicher und sanftmütiger als Ich? Und dennoch will man sich lieber fürchten vor Mir, als Mich lieben mit der größten Zutraulichkeit!
[Ste.01_027,24] Dennoch aber sage Ich: Die Mich fürchten und ehren, die scheinen das aus gutem Grunde zu tun; denn sie wissen, daß ihr Herz aller Liebe ledig ist. Darum wollen sie das durch die Furcht bei Mir ersetzen.
[Ste.01_027,25] Aber es geht ihnen dabei wie einer Braut, die ihrem allergetreuesten Bräutigam untreu geworden ist und ward zu einer Hure. Warum ward sie das? Weil sie die Liebe in ihrem Herzen zu ihrem Bräutigam vergab.
[Ste.01_027,26] So aber der Bräutigam kommen wird, wird er die mit bebender Furcht erfüllte Braut auch also ansehen und annehmen, als so sie ihm flammenden Herzens wäre entgegengekommen? Wird er nicht etwa zu ihr sagen:
[Ste.01_027,27] „Wie siehst du aus? Also habe ich dich nie gesehen! Warum bebst du vor mir, der dich über alles liebte? Wahrlich, in diesem Zustande mag ich dich nicht erkennen! Was habe ich dir je getan, daß du mich fürchtest? Wie hat solche Furcht deine ehemalige Liebe verdrängen können? Wie soll ich dich nun glücklich machen, ich, den du nicht liebst, sondern fürchtest?! – Also muß ich weichen von dir aus Liebe zu dir, auf daß die Furcht vor mir in deinem Herzen dich nicht länger quäle!“
[Ste.01_027,28] Sehet, in diesem Beispiel liegt das „Ich kenne euch nicht, ihr ‚Herr-Herr!‘-Sager!“ klar und deutlich erklärt, und darum will Ich nicht die Ehre der Menschen als die Frucht der Furcht, sondern die getreue kindliche Liebe will Ich!
[Ste.01_027,29] Danach trachtet ihr in eurem Herzen, so werde Ich Mich euch nahen können, aber nicht in eurer Ehrung und Furcht! Seid liebfreie, aber nicht durch Furcht gerichtete Täter Meines Wortes; darin werdet ihr das ewige Leben finden und Mich, euren Vater! Amen.
28. Kapitel – „Danach gingen viele Seiner Jünger zurück und wandelten nicht mehr mit Ihm.“ (Johannes 6,66)
8. Februar 1844 abends
[Ste.01_028,01] „Danach gingen viele Seiner Jünger zurück und wandelten nicht mehr mit Ihm.“
[Ste.01_028,02] Dieser Text paßt, wie ihr zu sagen pfleget, auf ein Haar für unsere Sache in jeder Beziehung.
[Ste.01_028,03] Warum gingen denn viele Meiner Jünger von Mir und wollten nicht mehr mit Mir wandeln, da Ich ihnen die Lehre vom Genusse Meines Fleisches und Blutes gab? – Die Ursache dieser Erscheinung lag vorerst in der Trägheit Meiner Jünger, darauf folgend aber auch sogleich in ihrem Hochmute.
[Ste.01_028,04] In der Trägheit lag der Grund darum, weil sie nicht wollten sich so viel Gewalt antun, daß sie Mich wenigstens frageten, wie es hernach Meine Brüder taten, wie solche Lehre zu verstehen sei.
[Ste.01_028,05] Und der Hochmut war darauf also die Folge: Da die Jünger vorerst zu träge waren, sich einer höheren Erkenntnis zu befleißen, aber dennoch Meine Schüler waren, so verdroß es sie nun, daß Ich eine Lehre gab, die über ihren Erkenntnishorizont hinausging. Sie fühlten sich dadurch vor dem andern Volke beschämt, weil sie Mich auch nicht verstanden hatten, wollten Mich aber nun auch zufolge dieses Hochmutspitzels nicht fragen vor dem Volke, um sich dadurch nicht das Zeugnis zu geben, als hätten sie Mich als Meine Schüler nicht verstanden.
[Ste.01_028,06] Denn gewöhnlich geschah es, daß nach einer Lehre von Mir Meine Jünger von dem Volke häufig gefragt wurden, wie dieses oder jenes zu verstehen sei. Da gab es dann gewöhnlich allzeit eine Menge Seitenerklärungen von seiten Meiner Jünger, und ihrem Ehrgeize schmeckte oft so manche Belobung über ihre verständige Erklärung irgendeiner fürs Volk etwas schwer verständlichen Lehre.
[Ste.01_028,07] Auch bei dieser Gelegenheit waren viele dieser Jünger über den Sinn dieser Lehre befragt, konnten aber diesmal keine Erklärer abgeben, weil sie die Lehre selbst nicht verstanden hatten; daher zogen sie sich diesmal auf eine andere Art aus der Schlinge. Sie beschuldigten Mich einer harten Lehre wegen, die kein Mensch verstehen könne, und da ihnen solches zu keiner Ehre vor dem Volke gereichte, so schmähten sie lieber über Mich, erklärten alle Meine frühere Lehre für gleichlautend mit dieser und glaubten nicht mehr an Mich und verließen Mich.
[Ste.01_028,08] Aus dieser ganz getreuest aus dem damaligen Leben gegriffenen Darstellung kann jedermann mit der größten Leichtigkeit erkennen, daß an diesem üblen Begebnis nichts schuld war als vorerst die Trägheit und dann der Hochmut Meiner Jünger. Die Trägheit, weil sie immer um Mich waren und glaubten ebensoviel zu verstehen wie Ich – wozu sollten sie sich dann irgendeine Mühe geben, um dadurch tiefer in den Geist Meiner Lehre einzudringen? Der Hochmut aber ward rege, als Ich sie einmal auf die Probe stellte, wie viel sie verstehen, und ihnen handgreiflich zeigte, daß der Jünger nicht ist über den Meister.
[Ste.01_028,09] Und sehet, diese zwei Grundursachen sind auch die Hauptstützen der meisten Verderbtheit des menschlichen Geschlechtes! Denn zuerst ist der Mensch träge und steht müßig da den ganzen Tag über. Wenn er aber dann gefragt wird: „Warum stehst du den ganzen Tag müßig?“, so wird er sagen: „Es hat mich ja niemand gedungen!“
[Ste.01_028,10] Und wenn Ich dann zu ihm sage: „So gehe doch wenigstens nun am Abende hin, und arbeite eine Stunde, und Ich will dir geben, was recht ist!“, da wird er sagen: „Herr, wie kannst Du mir diese Schande antun und mich hinstellen zum Gelächter derjenigen, die den ganzen Tag gearbeitet haben? Willst Du mir schon etwas geben, so schenke es mir lieber, aber mache mich nicht als einen Faulenzer ruchbar vor den Arbeitern!“
[Ste.01_028,11] Sehet, hier will der Träge anfangs nicht arbeiten; am Ende aber schämt er sich zu arbeiten vor den Fleißigen. Warum denn? Weil das seinem verborgenen Hochmute nicht schmeichelt! Er möchte wohl fürs Wohltun seinem Hochmute mit den Fleißigen gleichen Lohn haben; aber zur Arbeit ist er anfangs zu träge und bald darauf zu hochmütig.
[Ste.01_028,12] Der Herr aber wird nicht so unweise sein und die Trägheit und den Hochmut dem Fleiße gleichsetzen und wie ihn belohnen.
[Ste.01_028,13] Daß solches alles höchst richtig ist, will Ich euch noch durch mehrere kleine Beispiele zeigen:
[Ste.01_028,14] Nehmen wir an zwei Studierende; der eine ist von Anfang an fleißig und der andere träge. Der Fleißige wird auch am Ende die Früchte seiner Mühe ernten; was aber wird der Träge am Ende für einen Vorwand und für eine Gunstrede für seine Trägheit hervorbringen? Er wird sagen:
[Ste.01_028,15] „Der Fleißige war ein dummer Kerl und hat nicht eingesehen, daß er lauter dummes Zeug in seinen Gehirnkasten hineinschoppt; ich aber fand das entsetzlich Alberne der Lehrgegenstände und habe es den ersten Augenblick für unwürdig gefunden, meinen viel erhabeneren Kopf mit solcher Torheit anzustopfen. Und da nichts anderes vorgetragen ward, so fand ich diese meine erste Erkenntnis für viel höher und besser als all den zu erlernenden Quark!“
[Ste.01_028,16] Seht, da geht offenbar der Hochmut aus der Trägheit hervor! Wer sich davon werktätig überzeugen will, der setze sich nur in eine vertrauliche Zwiesprache mit derlei Individuen, und er wird alles das von Punkt zu Punkt bestätigt finden.
[Ste.01_028,17] Nehmen wir aber zwei Musiker; der eine hat es durch seinen Fleiß zu einer großen Kunstfertigkeit sowohl in praktischer als in theoretischer Hinsicht gebracht, der andere aber, ein Sohn der Trägheit, blieb zufolge seiner geringen Mühe bei der untersten stümperhaften Mittelmäßigkeit stehen. Nun fraget ihn aber, warum er es nicht auch so weit gebracht habe wie sein Mitschüler. Da wird er sagen:
[Ste.01_028,18] „Weil ich nicht so wie jener blutarme Teufel darauf angestanden habe; denn ich bin ohnehin reich. Warum sollte ich mich da also plagen? Solcher Fleiß gehört nur für arme Teufel, und was liegt denn daran, ob man solch schweren musikalischen Quark selbst spielen kann oder nicht? Wenn man ihn nur versteht, wozu eben nicht viel gehört; spielen werden ihn schon solche armen Teufel, damit sie dadurch auch sich ein Stückchen Brot verdienen können. Zudem rührt ja auch alle solche schwere Musik von armen Teufeln her, und es wäre für einen Reichen eine barste Schande, sich mit derlei Früchten der Armseligkeit zu befassen.“
[Ste.01_028,19] Sehet hier wieder ein aus dem Leben gegriffenes Beispiel, und ihr werdet daraus wieder ersehen, aus welchem Grunde Meine Jünger Mich verließen. Gehen wir aber weiter!
[Ste.01_028,20] Also spricht jemand, der gefragt wird, warum er sich nicht eifriger mit der Erkenntnis der rein christlichen Religionsgrundsätze befaßt: „Ich verstehe diese Sachen nicht und habe mich auch nie damit abgegeben, und das aus dem Grunde, weil ich es fürs erste für eine Läpperei halte, an der nicht viel daran ist, und fürs zweite, weil man durch derlei religiöse Grübeleien am Ende höchstens ein Narr werden kann.“
[Ste.01_028,21] Sehet, bei diesem Menschen war zuerst die Trägheit und dann sein daraus hervorgehender Hochmut der Grund, daß er gleich diesen Jüngern spricht: „Wer kann solch eine Lehre für wahr halten und sich daran kehren? Daher ist es besser, gleich diesen Jüngern den Herrn im Stiche zu lassen.“
[Ste.01_028,22] So sagt auch ein verarmter Lump, wenn er gefragt wird: „Warum bist denn du in solche Armut gekommen? Du hattest doch, wie nicht leichtlich ein anderer, Gelegenheit, dir so manchen Groschen zu ersparen.“ Und seine Schutzrede lautet: „Ich habe solches Sparen zufolge Meiner erhabenen Natur für zu bettelhaft armselig gefunden, und es gehört nun zu meiner Ehre, daß ich dürftig umhergehe.“
[Ste.01_028,23] Sehet, da ist wieder ein Beispiel, wo ein Mensch zuerst träge ist und sich nicht insoweit verleugnen kann, seinem Wesen einen Abbruch zu tun, um sich dadurch ein Vermögen zu sammeln; am Ende aber, da es ihm klar wird, daß er nichts hat, da wird er erst hochmütig und pocht noch obendrauf auf seinen lumpigen Zustand.
[Ste.01_028,24] Ich meine, wir haben der Beispiele genug, um aus ihnen allerklarst einzusehen, wie vielseitig Ich bei jeder Gelegenheit von Meinen Jüngern verlassen werde, wenn es heißt: „Von jetzt an leidet das Himmelreich Gewalt!“
[Ste.01_028,25] Also gehen auch eine Menge Wanderer auf ein hohes Gebirge. Solange es bequem geht, da gehen alle recht hurtig mit; wenn aber die Steilen des Hochgebirges kommen und es heißt: „Von da an braucht die Besteigung des Berges Gewalt und Kraft!“, da kehren sie um, und nur sehr wenigen gelingt es, die Spitzen des Hochgebirges zu erklimmen.
[Ste.01_028,26] Demselben Sinne unterliegt auch das: Solange der Mensch Mein Reich beim Lesepult sucht, da geht es gut; aber wenn es heißt: „Das Lesen genügt nicht, sondern nur der Handlung gebührt die Krone. Denn das Fleisch ist zu nichts nütze. Der Buchstabe tötet; nur der Geist ist es, der lebendig macht!“, da wird der Herr auch allzumeist von Seinen Jüngern verlassen, wie der Text zeigt.
[Ste.01_028,27] Beachtet somit diese Erklärung tätig, so werdet ihr nicht, wie die Jünger, euren Herrn verlassen! Amen.
29. Kapitel – „Und die Teufel baten Ihn und sprachen: ‚Schicke uns zu den Säuen, daß wir in sie fahren!‘“ (Markus 5,12)
9. Februar 1844 abends
[Ste.01_029,01] „Und die Teufel baten Ihn und sprachen: ,Schicke uns zu den Säuen, daß wir in sie fahren!“
[Ste.01_029,02] Ich habe euch schon einmal gesagt, daß durchgehends in allen Meinen Taten die bei weitem tieferen und verborgeneren Geheimnisse Meines Seins im Fleische auf der Erde stecken. Denn die Worte habe Ich zu jedermanns Verständnis gestellt; aber nicht also steht es mit Meinen Taten. Diese verstanden selbst Meine Brüder nicht, bevor nicht der Heilige Geist über sie kam; und als sie sie verstanden, da ward es ihnen auch vom Geiste gesagt, daß sie vor niemandem sollen den tiefen Sinn der Taten kundgeben, weil die Welt ihn nie fassen kann und wird.
[Ste.01_029,03] Und so verhält es sich auch mit dieser Tatsache! Möchte Ich euch ihren tiefsten Sinn vollständig dartun, so müßtet ihr die ganze Oberfläche der Erde dreimal überschreiben, um nur mit der Einleitung fertig zu werden. Zu der Hauptbedeutung dieser Tatsache aber hätte ein ganzes Sonnengebiet zu wenig Raum, um alle die Bücher zu fassen, die darüber geschrieben werden möchten. Daraus aber könnt ihr doch sicher abnehmen, was alles hinter einer solchen Tatsache steckt.
[Ste.01_029,04] Wenn aber von einem Worte schon gesagt ist, wie es gleich ist einem Samenkorn, das in die Erde gesät wird und vielfache Frucht bringt, was kann da erst von einer wirklichen Tat Gottes gesagt werden? Denn es ist ein Unterschied zwischen dem „Gott sprach: ‚Es werde!‘“ und dem dann darauf gefolgten: „Es ward.“
[Ste.01_029,05] Damit ihr euch aber dennoch von der Größe einer solchen Tat einen leisen Begriff machen könnet, so will Ich euch in aller Kürze einiges davon enthüllend kundgeben.
[Ste.01_029,06] Warum richtet hier der Herr an den Dämon die Frage, wie er heiße, nachdem doch dem Allwissenden solches sicher bekannt war, daß in diesem besessenen Menschen nicht nur einer, sondern eine ganze Legion von Dämonen böswirkend vorhanden war? Der Herr fragte sicher nicht darum, als wollte Er den Namen dieser argen Geister erfahren; warum aber fragte Er hernach?
[Ste.01_029,07] Er fragte, um diesen Dämonen kundzugeben, wer Er ist; denn aus der Frage erkennt man leichter die Beschaffenheit eines Wesens als aus der Antwort. Fraget einen Narren, und er kann euch eine Antwort geben, die euch stutzen machen wird. Lasset aber den Narren euch um etwas fragen, und ihr werdet ihn sogleich an seiner Frage erkennen. Im Geistigen aber ist es die einzige Art, sich zu erkennen durch die Frage, und so fragte auch der Herr hier nicht, um eine Antwort zu bekommen, sondern um Sich auf diese geistige Weise den Dämonen zu erkennen zu geben, wer Er ist.
[Ste.01_029,08] Ähnliche Situationen kennt ihr auch und habt ihr auch schon bei den sogenannten Somnambulen beobachten können. Denn wenn ihr eine Somnambule fragt, so hat das nicht den Charakter im Leben der Somnambule, als wolltet ihr von ihr etwas erfahren, sondern eure Frage hat den Charakter einer Entblößung vor dem Leben der Somnambule, durch die euch die Somnambule inwendig beschaut, euch erkennt und dann den in euch vorgefundenen Mangel durch ihre Lebenstätigkeit ergänzt.
[Ste.01_029,09] Diese Art ist freilich nur eine Mittelstufe zwischen einer rein weltlichen und rein geistigen Frage; dennoch aber hat sie für den tieferen Denker schon den geistigen Charakter in sich.
[Ste.01_029,10] Also aber heißt demnach diese Frage des Herrn an die Dämonen soviel, als so Er gesagt hätte: „Sehet her! Eine Blöße in Mir, die ist, daß in Mir kein Böses ist!“
[Ste.01_029,11] Und die Dämonen erschauen diese heilige Blöße und erkennen alsbald den Herrn der Ewigkeit in ihr; und daß sie dann sprechen: „Unser ist eine Legion!“, – dadurch geben sie etwa nicht ihre positive Zahl an, sondern sie geben dadurch nur in geistiger Weise kund, daß im Angesichte der höchsten Reinheit Gottes ihres Bösen in übergroßer Menge vorhanden ist.
[Ste.01_029,12] Die Reinheit des Herrn selbst aber zwingt sie, zu weichen vor ihr. Aber die Bösen erschauen auch in der Mitte der göttlichen Reinheit die göttliche Erbarmung und wenden sich an diese. Sie nehmen in diesem Augenblick die Zuflucht zur Demut und verlangen da ihrem bösen Charakter gemäß, in den Schweinen Wohnung nehmen zu dürfen; und die Erbarmung des Herrn gewährt ihnen, was sie aus solcher Demut sich erbitten.
[Ste.01_029,13] Als sie aber in die Schweine fahren, da erst erwacht wieder ihr vor dem Herrn verborgener Hochmut, und sie treiben die Schweine ins Meer, auf daß diese zugrunde gehen und sie, die Dämonen nämlich, sich darauf frei als Ungetüme in den Gewässern umherbewegen können.
[Ste.01_029,14] Also sieht dieses Bild aus. Wer aber ist dieser besessene Mensch? – Dieser besessene Mensch ist geradewegs die Welt; in dieser sind diese Legion Dämonen, wie sie in diesem Menschen vorkommen.
[Ste.01_029,15] Der Herr kommt zu dieser besessenen Welt in Seinem Worte. Die Welt möchte frei werden von ihrer geheimen Plage, und der Herr macht die Welt frei. Aber ihre innere böse Lebenstätigkeit ist in ihrem freien Zustande ärger als in ihrem gebundenen.
[Ste.01_029,16] Wenn sie gebunden ist, da klagt sie über Druck und Plage; wenn Ich sie aber frei mache, da fliegt ihre Tätigkeit in die Schweine und stürzt sich von selbst in das Meer des Verderbens, und die etwas besseren Menschen der Welt suchen Mich auch noch obendrauf von sich zu entfernen, weil Ich ihnen für ihre Weltindustrie durchaus nicht zusage. Denn diese Gerasener besagen soviel als die Träger des Welttums, oder noch deutscher gesprochen: sie sind die eigentlichen Industrieritter.
[Ste.01_029,17] Die Dämonen aber, die in die Schweine fahren, sind die Stutzer, Wohlschmecker, Wollüstlinge, Betrüger und allerlei Ränke- und Schwänkemacher. Wollt ihr diese sich ins Meer stürzenden Schweine von allerlei Farbe erblicken auf der Welt, so ziehet in die besonders großen Hauptstädte; da werdet ihr sie in großen Herden antreffen, welche vollkommen lebensgetreu der evangelischen gleichen. Ihrer ist auch eine gar große Legion; sie sind alle von den unlautersten Dämonen besessen, und diese treiben sie ebenfalls in das Meer des sicheren Verderbens.
[Ste.01_029,18] Sehet, das ist der für euch nutzbarerweise zu erkennende Sinn in dieser evangelischen Tat des Herrn. Daß aber hinter diesem ein endlos weit ausgebreiteter, noch viel inwendigerer Sinn vorhanden ist, braucht nicht zum zweiten Male näher angezeigt zu werden; denn fürs erste würdet ihr ihn nimmer fassen, und fürs zweite würde er euch keinen Nutzen, sondern nur einen Schaden bringen.
[Ste.01_029,19] Darum begnüget euch mit dem; denn die Unendlichkeit ist zu groß, die Zahl der Geschöpfe in ihr unendlich, ihre Bestimmung für euch zu vielfach unerklärlich. Also könnt ihr auch unmöglich erfassen, wie der Besessene die ganze materielle Schöpfung und seine Inwohnerschaft die alten Gefangenen darstellt! – Dieser Besessene ruht in den Gräbern und ist böse über die Maßen; sehet an die endlose Zahl der Gräber in der Unendlichkeit!
[Ste.01_029,20] Doch genug davon! für euch ist es diesseits nicht an der Zeit, solches in der Tiefe zu erfassen. Beachtet somit das erste; solches wird euch nützen! Amen.
30. Kapitel – „Und Ich sende die Verheißung Meines Vaters auf euch. Bleibet aber in der Stadt, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe!“ (Lukas 24,49)
12. Februar 1844 abends
[Ste.01_030,01] „Und Ich sende die Verheißung Meines Vaters auf euch. Bleibet aber in der Stadt, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe!“
[Ste.01_030,02] Dieser Vers hat schon offenkundig in seinem Buchstabensinne, was er innerlich in sich trägt, und gleicht in dieser Hinsicht einem freundlichen Menschen, der sozusagen sein Herz auf der offenen Hand seinen Freunden entgegenträgt, darum ihn auch nicht leichtlich jemand verkennen kann und jedermann auf den ersten Blick errät, was dieser freundliche Mann im Schilde führt.
[Ste.01_030,03] Der gleiche Fall ist es, wie gesagt, mit diesem Text. Denn wenn der Sohn auffährt, so kommt in Fülle die Verheißung des Vaters zu denen, die in der wahren Hoffnung aus der Liebe auf solche Verheißung harrten.
[Ste.01_030,04] Was besagt aber die Auffahrt des Sohnes, damit dadurch den Harrenden und den Zeugen die Verheißung des Vaters zugesandt werde? – Ihr wisset, was unter ‚Sohn‘ zu verstehen ist, die Weisheit des Vaters nämlich. Dem Sohne entspricht hernach auch alles in einem jeden Menschen, was da ein Angehör der Weisheit ist. Dergleichen Angehör ist der Verstand, die Vernunft, allerlei Wissenschaft und Erkenntnis.
[Ste.01_030,05] Dieses Angehör der Weisheit muß aber zugleich auch in einem jeden Menschen diejenige Demütigung, gleichsam die Kreuzigung durchmachen, muß dann wie getötet in ein neues Grab im Herzen gelegt werden, von da wieder auferstehen und sich dann, dem Vater gänzlich hingebend und aufopfernd, in die Höhe begeben, um eins zu werden mit dem Vater.
[Ste.01_030,06] Ist solches geschehen, dann erst wird die Verheißung des Vaters, welche ist das ewige Leben, in des Menschen Leben offenbar werden. Das ist der Akt der Wiedergeburt.
[Ste.01_030,07] Aber nicht zugleich mit diesem Akt erfolgt die Taufe mit dem Geiste der Kraft, wie auch niemand alsogleich ein Kind nach der Geburt taufen soll, sondern wenigstens einige Tage danach, – wie solches bei den Juden auch ehestens erst am achten, zehnten oder zwölften Tage üblich war. Manchmal aber erfolgte die Beschneidungs-Taufe auch um vieles später; und so wird es denn hier auch zu den Aposteln und Jüngern gesagt, daß sie nach Meiner Auffahrt eine Zeitlang in der Stadt beisammenbleiben sollen, bis die Kraft aus der Höhe über sie kommen wird.
[Ste.01_030,08] Diesen Zustand soll auch ein jeder Mensch beachten und sich nicht eher hinauswagen, als bis er die Taufe des Geistes empfangen hat! Denn ohne diese gleicht der wiedergeborene Geist einem schwachen Kinde, das wohl in jeder Hinsicht rein wie ein Engel da ist, aber Mangel habend an der wirkenden Kraft und an der dazu erforderlichen freien Einsicht.
[Ste.01_030,09] Ihr wisset es, daß die Daniederkunft der Kraft aus der Höhe über die Jünger und Apostel am zehnten Tage nach der Auffahrt erfolgt ist. Was besagt solches wohl? Solches besagt und bezeugt die vollkommene Unterjochung des mosaischen Zehngesetzes im freigewordenen Leben des Geistes. Also muß ja der Geist zuvor von allen Fesseln und Banden freigemacht werden, als bis er das Gewand der göttlichen Kraft aus der Höhe anziehen kann.
[Ste.01_030,10] Wenn diese über ihn gekommen ist, so ist er dann vollkommen eine neue Kreatur aus dem Geiste der Liebe und aller Kraft aus ihr und kann dann erst wirken in der Vollkraft der göttlichen Liebe und Erbarmung. Denn durch solch eine Taufe des Heiligen Geistes aus der Höhe erst wird der Mensch von allen Banden des Todes gelöst und wird eins mit und in Christo und kann dann auch sagen: „Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir! Nicht mehr ich bin nun mein Ich, sondern Christus Selbst ist das Ich in mir!“
[Ste.01_030,11] Darum aber muß auch zuvor – wie schon früher gezeigt wurde – alles dem Sohne Entsprechende im Menschen den Weg des Menschensohnes gehen, und für jeden heißt es unwiderruflich: „Nimm dein Kreuz und folge Mir nach, sonst kannst du nicht zur Auferstehung und zur Auffahrt zum Vater gelangen!“
[Ste.01_030,12] Und hierher paßt auch wieder unsere Sache auf ein Haar, daß nämlich kein Mensch durch die vielseitige Ausbildung seines Verstandes mit Hilfe wohlgenährter Bibliotheken und hochtrabender Universitätsprofessoren zur Wiedergeburt und zur Taufe des Heiligen Geistes gelangen kann, sondern lediglich nur durch die Demut und große Liebe seines Herzens.
[Ste.01_030,13] Er muß alles, was er von der Welt hat, bis auf den letzten Heller der Welt zurückgeben, also auch die hochmütig machenden Wissenschaften seines Kopfes, sonst wird es mit der Wiedergeburt und Krafttaufe seines Geistes ganz entsetzlich schmal aussehen.
[Ste.01_030,14] Glaubet ja nicht, daß jemand schon dadurch sogleich ins Himmelreich eingehen wird, so er auch sein ganzes Vermögen an die Armen verabreicht hätte, und würde aber dennoch bei sich gedenken und sagen: „Herr! Wie ich barmherzig war, also sei auch Du barmherzig gegen mich!“ Wer also spricht, dem fehlt noch ziemlich viel vom Reiche Gottes; denn da sind er und Christus noch nicht eins, sondern offenbar zwei, wo der eine dem andern gewisserart billige Bedingungen vorschreibt.
[Ste.01_030,15] Der Ärmste unter euch Menschen bin immer Ich, oder auf deutsch gesprochen: Am dürftigsten und am ärmsten ist bei jedem Menschen die eigentliche Lebenskraft seines Herzens. Diese muß zuerst gehörig reichlich dotiert werden, wenn eine andere Dotation nach außen einen Wert haben soll; oder euer Herz muß vollends lebendig werden aus der Liebe zu Mir. Ich Selbst muß eure ganze Liebe ausmachen; dann erst könnet ihr aus dieser Liebe wahrhaft Verdienstliches zum ewigen Leben wirken, und das darum, weil da das Verdienstliche allein Mir zukommt. Ihr aber bleibet bloße reine Konsumenten Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung.
[Ste.01_030,16] Denn sobald noch jemand sagt: „Ich habe getan, und ich habe gegeben!“, da ist er noch ferne von dem, der da spricht: „Ich bin allzeit ein fauler und unnützer Knecht gewesen!“ und ist somit auch noch fern von Meinem Reiche. Nur wenn er in sich lebendig bekennt und spricht: „Herr, mein Gott und Vater! Ich bin in allem nichts, wie auch alle Menschen vor Dir gar nichts sind, sondern Du allein bist Alles in Allem!“, dann ist er Meinem Reiche nahe, und Mein Reich ist nahe zu ihm gekommen.
[Ste.01_030,17] Desgleichen aber beachtet auch ihr alles, was euch da gesagt wird, so werdet auch ihr zur Auffahrt und zur Taufe mit der Kraft Meines Geistes gelangen; denn auch zu euch wird soeben des Vaters Verheißung gesandt. Amen.