16. Kapitel – Der Herr verheißt Erfüllung gerechter Wünsche, macht aber kritische Vorbehalte. Roberts Feuerrede gegen die Tyrannen.
[RB.01_016,01] Rede Ich: „Ganz gut hast du auf Meine überaus wichtige Lebensfrage geantwortet. Deine Antwort ist um so mehr zu schätzen, weil sie so gegeben ist, wie sie sich in dir lebendig und wahr finden läßt. Ich kann dir dagegen sagen, daß Ich ganz sicher jedem deiner ausgesprochenen Wünsche nachkommen werde, soviel es nur immer in Meiner Macht steht.
[RB.01_016,02] Aber nur etwas, lieber Freund und Bruder, kann Ich mit deiner sonst gerechten und menschenfreundlichen Denk- und Handlungsweise nicht vereinbaren. Und das besteht darin, daß du auf der Erde doch ein gewisses Wohlgefallen daran hattest, wenn irgendein recht bornierter Aristokrat von dem sogenannten Proletariat um einen Kopf kürzer gemacht wurde!
[RB.01_016,03] So weiß Ich Mich zu erinnern, daß du selbst in Wien in einer Versammlung unter vielem Beifall ausgerufen hast: daß es in Österreich wie auch noch in manch anderen Landen nicht eher besser wird, bevor nicht wenigstens einige hundert Große geköpft werden würden! Sage Mir ganz ernstlich, ob das wohl vollkommen aus deinem Willen hervorgegangen ist? Oder war das nur so hingeworfen, um deiner Rede einen größeren Nachdruck zu geben?“
[RB.01_016,04] Spricht Robert: „Freund, als ich mich noch auf der Erde befand, wollte ich mein Dasein bloß dem möglich besseren Fortkommen der armen, vielfach bedrückten Menschheit zum Opfer bringen. Dabei aber mußte ich durch vielfache Erfahrungen an mir und auch an andern sehen, wie die aristokratischen, reichen Menschenbestien sich mit dem Schweiß und Blut der Armen mästen! Wie die meisten Throne und Paläste aus dem Blut der armen Menschheit erbaut sind! Und als ich in Österreich nur zu deutlich erkennen mußte, daß man von der hohen dynastischen Seite wieder alles aufzubieten begann, um den alten eisernen Absolutismus wieder einzuführen und die arme Menschheit mit dreifachen Sklavenketten zu belegen: – das war auf einmal zu viel für einen Menschenfreund, wie ich aus allen meinen Kräften einer zu sein glaube! Wahrlich, so ich hunderttausend Leben hätte, so gäbe ich sie alle her, wenn ich damit den Menschen helfen könnte. Diese Weltgroßen aber lassen sich auch nicht ein Härchen grau werden, wenn auch Hunderttausende hingeschlachtet werden, damit sie nur an Ansehen und Glanz gewinnen!
[RB.01_016,05] O sage, Freund, wenn ein von wahrer Nächsten- und Bruderliebe erfülltes Herz solche kalten Greuel an den armen Brüdern schauen und mitfühlen muß: ist es ihm da zu verargen, so es aus gerechtestem Ärger zu so manchem Ausruf getrieben wird, an den es bei gerechtem Sachgang wohl nie denken würde?
[RB.01_016,06] Wohl mag das alles im unerforschlichen Plane irgendeiner unbekannten Vorsehung liegen, und daher auch alles so kommen müssen, wie es geschieht. Aber was hat ein Erdenbürger davon für einen Begriff? Oder was gehen ihn irgendwelche allergeheimsten Gesetze an, die ein Gottwesen in der ewigen Halle der Unendlichkeit beschließt?
[RB.01_016,07] Wir Erdenbürger kennen nur deine erhabensten Gesetze der Liebe, die treu zu befolgen wir sogar um den Preis unseres eigenen Lebens verpflichtet sind! Was darunter und darüber ist, geht uns wahrlich wenig an. Es können wohl irgend in einer Sonnenwelt andere Gesetze gang und gäbe sein, die vielleicht weiser, aber leicht auch dümmer sind, als die du, liebster Menschenfreund, uns gegeben hast? Aber es wäre sicher für jeden Erdenbürger toll zu nennen, so er sein Leben nach irgendwo bestehenden fernen Sonnengesetzen einrichten wollte. Wir erkennen nur ein Gesetz für göttlich wahr und gültig an, unter dem nach dem Urteile der unbefangen reinen Vernunft jede menschliche Gesellschaft bestmöglich existierbar gedacht werden kann. Was aber irgendein Fatum dazwischenstreut, das ist nichts als schlechtes Unkraut zwischen dem herrlichen Weizen, den du, edelster Menschenfreund, auf die undankbare Erde gestreut hast. Und dieses Unkraut verdient nichts anderes, als verbrannt zu werden im Feuerofen eines vollkommen gerechten Gerichtes!
[RB.01_016,08] Ich sage ganz frei heraus: so lange der Mensch nach deinen Gesetzen Mensch ist, so ist er auch jeder Hochachtung wert. Erhebt er sich aber über dein Gesetz und will seine Brüder zu seinen eigenen Vorteilen unterjochen und beherrschen, so erklärt er dadurch dein Gesetz für null und nichtig. Dann ist er kein Bruder, sondern ein Herr den Brüdern, mit deren Leben er schalten und walten zu können glaubt. In diesem Punkt werde ich ewig Robert Blum verbleiben und werde den Völkerherrschern nie ein Loblied singen! Und das darum nicht, weil sie schon lange nicht mehr das sind, was sie eigentlich sein sollen, nämlich weise und liebevolle Führer ihrer armen Brüder.
[RB.01_016,09] Wohl weiß ich, daß es auch in der armen Klasse außerordentlich viele gibt, die mehr Vieh als Menschen sind und daher auch nur mittels eiserner Zuchtrute in der Ordnung erhalten werden können. Aber ich frage da: Wer trägt daran die Schuld? Eben die, welche solche Völker unterjochten und ihre ursprüngliche Lebensnacht noch vielfach vermehrten, um auf den Pfeilern gänzlicher Unintelligenz ihrer Völker ihre Herrschergewalt desto mehr zu festen! – Freund, wer solchen Herrschern ein Lebehoch bringt, der muß freilich kein Robert Blum und noch weniger ein Jesus von Nazareth sein!
[RB.01_016,10] Ah, es gibt schon noch Herrscher, die es mit ihrem Amte gerecht und ernstlich nehmen; diese sind ihren Untergebenen die wahrsten Engelfreunde. Solchen Herrschern ein tausendfaches Lebehoch! Aber Völkerbezwingern und Geistesmördern, für diese fehlt mir wahrlich der passende Ausdruck! So es Teufel gibt, da sind diese es leibhaftig!
[RB.01_016,11] Ich glaube, auf deine Frage nun ziemlich deutsch geantwortet zu haben. Nun bitte ich aber auch dich, mir über meine Meinung die deinige kundzugeben! Ich bin zwar ziemlich fest in allem, was ich einmal als Recht erkenne, aber dennoch nicht starr und unbeugsam, so besonders du mir etwas Besseres dafür geben kannst!“
17. Kapitel – Der Herr wendet ein: „Seid untertan der Obrigkeit!“ Robert bezweifelt dieses Gebot. Er wünscht Aufschluß über die gottmenschliche Natur Jesu.
[RB.01_017,01] Rede Ich: „Höre, Mein lieber Freund und Bruder, Ich kann deine Denk- und Handlungsweise durchaus nicht tadeln. Wo zwischen Herrschern und ihren beherrschten Völkern Verhältnisse obwalten, wie du sie Mir soeben vorgezählt hast, hast du freilich vollkommen recht, so zu reden und zu handeln. Aber so sich die Sachen anders verhielten, als du sie nach deinen Begriffen aufgefaßt hast, wie würdest du dann urteilen über die mannigfachen Verhältnisse der Herrscher zu ihren untergeordneten Völkern?
[RB.01_017,02] Wohl sagtest du Mir ganz offen, daß du alle Verhältnisse der Menschen nur nach Meinem Gesetze der Liebe beurteilst und dich überirdische Einflüsse nichts angehen. Aber siehe, in diesem Punkt kann Ich dir aus vielen Gründen nicht beipflichten.
[RB.01_017,03] Ein Grund wäre z.B. schon das eine Gebot von Mir Selbst, laut dessen Ich Mich jeder weltlichen Gewalt als unterwürfig bezeigte – während Ich doch Macht genug gehabt hätte, einer jeden den weidlichsten Trotz zu bieten. Ferner jener Fall, wo Ich im Tempel bei Vorweisung des Zinsgroschens eigens gebot, dem Kaiser zu geben, was sein ist, und Gott, was Dessen ist! Ebenso lehrte Ich auch durch Paulus, jeder Obrigkeit zu gehorchen, ob sie mild oder strenge ist; denn keine habe eine Gewalt außer die von oben! – Was sagst du wohl zu diesen ebenfalls Meinen Geboten?“
[RB.01_017,04] Spricht Robert: „Edelster Menschenfreund, weißt du, aus rein menschlich klugen Rücksichten scheint die damalige Notwendigkeit dir – zur größeren Sicherung deiner Lehre wie auch mitunter deiner Person selbst – diese Gebote abgerungen zu haben. Denn hättest du, wie im alten Judentestamente Jehova durch den Mund Samuels, wider die Könige geeifert, so hätte deine so erhabene Moral unter der stolzesten Weltherrschaft Roms wohl schwerlich die nahezu 2000 Jahre erlebt; außer auf rein übernatürlichem Wege, von dem wohl die finstern Römlinge eine große Menge zu erzählen wissen. Wieviel aber daran Wahres ist, darüber wirst du hoffentlich besser zu urteilen verstehen als ich, der ich nicht gleich dir Zeuge von all den Greueln dieses neuen Babels habe sein können!
[RB.01_017,05] Sieh, ich beurteile die Sache so: Wenn es dir mit dem Gebot, allen weltlichen Obrigkeiten zu gehorchen, ob sie gut oder böse seien, völlig Ernst gewesen wäre, so hättest du ja schon im voraus auf deine ganz andere, im höchsten Grade liberale Lehre Verzicht leisten müssen. Du hättest zugeben müssen, daß man für alle Zeiten ein finsterer Heide bleiben würde, – sobald es einem Volke eine heidnische Obrigkeit geboten hätte, die alten Götter zu verehren und nicht deiner damals aufkeimenden Lehre Gehör zu geben!
[RB.01_017,06] Freilich sagtest du: ,Gebet dem Kaiser, was sein ist, und Gott, was Gottes ist‘. Aber du bestimmtest damals zu wenig die Grenzen, was eigentlich im Gesamtkomplex des Kaisers und was daneben Gottes ist. Daher war es dann dem Kaiser ein gewissenlos Leichtes, sich Vorrechte eines Gottes anzueignen und jene Pflichten unbeachtet zu lassen, in denen er sich eigentlich bewegen sollte.
[RB.01_017,07] Dessenungeachtet läßt dein damaliger Tempelausdruck sich noch eher begrenzen als jenes gar nach einer zu großen Weltfürstenfurcht riechende Paulische Gebot. Laut dessen muß man streng genommen sogar ein Christ zu sein aufhören, sobald es einem solchen Weltfürsten aus gewissen Rücksichten für nötig dünkt, deine reine Lehre als seinen herrscherischen Absichten gefährlich zu betrachten, – wie solches die entgottete Lehre Roms himmelschreiend durch viele Jahrhunderte gezeigt hat und noch gegenwärtig zeigt.
[RB.01_017,08] Es müßten nur andere, höhere Rücksichten den sonst überaus weisen Paulus dazu veranlaßt haben, ein solches Mandat ergehen zu lassen. Aber die Sache mit gesunden Sinnen betrachtet, erscheint streng genommen als Unsinn. Denn auf der einen Seite heißt es: ,Ihr alle seid Brüder, und Einer ist euer Herr!‘ Auf der andern aber steht das Gebot, weltlichen Obrigkeiten, bei denen das Brüdertum ein reiner Hohn ist, in allem streng zu gehorchen.
[RB.01_017,09] Freund, das muß sich ja gegenseitig aufheben. Entweder das eine oder das andere! Ist man aber beides zu befolgen genötigt, so heißt das im Grunde zweien Herren dienen, was du selbst als unmöglich bezeichnet hast! Oder man müßte eine Doppelnatur bei sich bewerkstelligen, welcher heuchlerischen Eigenschaft zufolge man dann bloß äußerlich täte, was die Fürsten wollen. Innerlich aber müßte man es verfluchen und im geheimen tun, was der liberale Teil deiner Hauptlehre verlangt. Und das wäre natürlich sehr schwer, manchmal sogar unmöglich oder wenigstens äußerst gefährlich.
[RB.01_017,10] Glaube mir, edler Freund, ich habe wie wenige jeden Punkt deiner Lehre genau erwogen. Ich glaube ziemlich darüber im klaren zu sein, was du frei gelehrt hast als deinen eigentlichen Hauptsinn, – und was dagegen du wie deine Jünger durch die damals drohenden Zeitumstände einzuflechten genötigt warst. Aber dennoch bin ich dein glühendster Verehrer und weiß, was ich von deiner reinsten Lehre zu halten habe! Freilich sagtest du ehedem, daß auch du trotz deiner bezwingenden Macht dennoch den weltlichen Obrigkeiten gehorsam warst. Das will ich dir schon darum nicht streitig machen, da du selbst dich durch das Gesetz der Welt mußtest ans Kreuz hängen lassen.
[RB.01_017,11] Ob du, wertester Freund, dich auch durch eine in dir verborgene übersinnliche Macht hättest widersetzen können, als dich diese Obrigkeit ernstlich gefangennahm, das zu beurteilen ist wohl zu hoch über meinem bisherigen Erkenntnishorizont! So deine Taten dir nicht als heidnische Halbgötterfabeln untergeschoben sind, ist es gewiß, daß dir – als einem Weisen, der mit den innersten Kräften der Natur sicher vertraut war – auch außerordentliche Kräfte zu Gebote standen. Aber deine Gefangennahme und Hinrichtung hat bei sehr vielen Helldenkenden dein wunderbares Kraftvermögen in ein sehr schiefes Licht gestellt und viele haben sich daran gewaltig gestoßen. Aber ich und eine Menge andere haben bloß deine reinste Lehre angenommen und alles daraus verbannt, was nur eine später eingeschobene heidnische Fabel zu sein schien.
[RB.01_017,12] Ob wir recht oder nicht recht gehandelt haben, hoffe ich nun von dir in der Fülle der Wahrheit zu erfahren. Wie auch, ob an deiner, ganz besonders durch einen gewissen Swedenborg im 18. Jahrhundert sogar mathematisch erwiesen sein sollenden Gottheit etwas daran sei, und wie? Was freilich ein reiner Denker schwerlich annehmen wird, weil diese Sache allem Anscheine nach denn doch etwas zu burlesk aussieht!
[RB.01_017,13] Denke dir nur selbst ein endloses, unbegrenztes Gottwesen, dessen Intelligenz, Weisheit und Macht notwendig die allerausgedehnteste sein muß! Es wäre daher sogar logisch unmöglich, daß dies Endlose und Allumfassende sich je verendlichen und auf die Person eines Menschen einschränken könnte! Und frage dich, ob man es bei nur einigem Nachdenken annehmen kann, daß du und die endlose, allumfassende Gottheit wirklich identisch sein könnet? Ja, als ,Sohn Gottes‘ – da habe ich nichts dawider; denn das kann ein jeder bessere Mensch von sich mit gleichem Recht behaupten. Aber Gott und Mensch zugleich – das geht denn doch offenbar etwas zu weit!
[RB.01_017,14] Übrigens habe ich auch da nichts dagegen, wenn mir die Sache klar bewiesen werden kann. Denn wenn es zwischen Sonne und Mond noch Dinge geben kann, von denen sich keine menschliche Weisheit noch je etwas träumen ließ – warum sollte zu solch außerordentlichen Dingen nicht auch gehören, daß du im Ernste das allerhöchste Gottwesen sein kannst? Vielleicht ist nach Hegel in dir die früher gewisserart schlafende Gottheit zum ersten Male erwacht und ins klare Bewußtsein ihrer selbst übergegangen?
[RB.01_017,15] Oder vielleicht hat sie die Notwendigkeit gefühlt, sich selbst ihren geschaffenen Wesen gegenüber als ein Mensch zu manifestieren, um von den Menschen begriffen und erschaut werden zu können, ohne dadurch von ihrer allumfassenden höchsten Willenskraft etwas zu vergeben? Wie gesagt, das ist alles möglich. Besonders hier, wo überhaupt das Sein einen so höchst rätselhaften Charakter annimmt.
[RB.01_017,16] Aber warum sich dann die in dir als Gottmensch manifestierte Gottheit von einem Häuflein wahnwitziger Juden zum schmählichsten Tod am Schandpfahl hat verurteilen lassen, und das noch dazu auf einem der unansehnlichsten Planeten – Freund, so etwas kommt zwischen Sonne und Mond wohl schwerlich vor! Solch ein Wunder müßte man schon zwischen Nebelsternen zu suchen anfangen.
[RB.01_017,17] Ich glaube aber auch, daß du solches von dir im Ernste wohl nicht einmal im Traume behauptet hast! Denn ich weiß nur zu gut, was du erwidertest, als man dich fragte, ob du im Ernst Gottes Sohn seist? Da war deine Antwort wie die eines Weisen, nämlich: ,Nicht ich, sondern ihr selbst sagt es!‘ Wer aber im entscheidenden Moment so spricht, der weiß auch, was er spricht und warum. Ich glaube, diese Antwort, soweit es menschlichen Kräften gestattet ist, auch verstanden zu haben und habe daraus entnommen, daß du als reinster Mensch in allem ein wahrster Engelsgeist, aber durchaus kein heidnischer Halbgott seist.
[RB.01_017,18] Daß aber zu deiner Zeit, wo man noch an ein Orakel zu Delphi glaubte, wo der Thumim und Urim weissagten, und des Aarons nahe über tausend Jahre alter Stab in der Lade noch grünte, wo man einem ersten Weisen, der wie du seit nahe 2000 Jahren noch von keinem andern übertroffen wurde, eine Vergöttlichung beilegte, das finde ich überaus begreiflich! – Denn so schon die sonst weisen Römer jeden großen Mann als vom Gottesgeiste angehaucht betrachteten, um wieviel mehr deine noch wundersüchtigeren Landsleute dich, der du vor ihren Augen mitunter Dinge wirktest, von deren sicher höchst natürlichem Grunde sie seit Abraham nicht die leiseste Ahnung hatten!
[RB.01_017,19] Freund, ich meine, deine Frage nun hinreichend beantwortet zu haben. Nun käme wieder die Reihe an dich. Ich werde mit der gespanntesten Aufmerksamkeit jedes deiner Worte anhören und würdigen!“
18. Kapitel – Rede Jesu über die Notwendigkeit irdischer Obrigkeit. – Keine menschliche Gesellschaft ohne Ordnung und Gehorsam.
[RB.01_018,01] Rede Ich: „Mein geliebter Bruder! Siehe, wenn man wie du mit rein weltlichen Augen und ebenso weltlichem Verstande diese Sache betrachtet und sich dabei mit jeder noch so freien, oft alles gesunden Sinnes mangelnden Übersetzung der vier Evangelisten und der Briefe Pauli begnügt, zu alledem noch die Weltphilosophie mehrerer deutscher Atheisten mit großen Zügen in sich geschlürft hat, – da kann es wohl nicht anders sein als so, wie es mit dir ist und steht.
[RB.01_018,02] Ich sage dir, hättest du dir je selbst die Mühe gegeben, die Schriften des Alten und des Neuen Testaments genau durchzugehen, und zwar nach einer guten Übersetzung – wie die Martin Luthers oder auch die sogenannte Vulgata und die griechische Urbibel –, so wärest du zu ganz anderen Urteilen gekommen als auf deinem radikalen Wege. Deine Wurzeln sind so gut wie gar keine, da die Lehren deiner Weltweisen nur als Schmarotzerpflanzen auf dem Baume der Erkenntnis vorkommen. Du als ein irdischer Baumzüchter wirst wohl wissen, wie die Wurzeln der Schmarotzerpflanzen beschaffen sind?! Und so wirst du auch wissen, wieviel an deinen Vor-Leitsmännern gelegen ist in Meinen Augen!
[RB.01_018,03] Wenn man erstens die Bibel übersetzt, wie man sie für seine Grundsätze gerade haben will, und dann gerade nur jene Texte heraushebt, die bei einer beliebigen Übersetzung einen Doppelsinn zulassen, dann ist es auch keine Kunst, so zu argumentieren, wie du es vor Mir nun tatest.
[RB.01_018,04] Aber siehe, es ist dem nicht so. Denn fürs erste lauten die angeführten Texte: Mein bekannter Tempelspruch bezüglich des Zinsgroschens und besonders der des Paulus aus den Briefen an die Römer und an Titus nicht so, wie du sie Mir vorgeführt hast. Sodann kann weder bei Mir noch bei Paulus je von einer Fürstenfurcht die Rede gewesen sein, da Ich es mehr als handgreiflich vor Pilatus und Herodes, wie zuvor vor Kaiphas bewiesen habe, wie Ich Mich so gar nicht vor diesen Weltmachtträgern gefürchtet habe! Denn wer den Tod nicht fürchtet, da Er sein Herr ist und ewig bleibt, hat doch noch weniger Grund, die eitlen Geber des bloß leiblichen Todes zu fürchten.
[RB.01_018,05] Ebensowenig aber wie Ich nur den leisesten Grund hatte, Mich vor den Machthabern der Erde zu fürchten, hatte auch Paulus keinen Grund dazu. Nero war unter allen Machthabern Roms bekanntlich der grausamste; und siehe, Paulus suchte Schutz wider die ihn verfolgenden geistig bösen Juden bei ihm und fand ihn auch, solange er diesen irdisch vonnöten hatte. Hatte er aber etwa Furcht vor den Juden? O nein, denn obschon er gar wohl wußte, wie sehr sie ihn anfeinden, ging er dennoch trotz Widerratens seiner intimsten Freunde nach Jerusalem.
[RB.01_018,06] Daraus kannst du aber entnehmen, daß weder Ich noch Paulus aus irgendeiner Fürstenfurcht unsere gleichen obrigkeitlichen Gebote, eigentlich vielmehr ,Räte‘, von uns gegeben haben, sondern bloß nur der notwendigsten Weltordnung der Menschen wegen. Denn das mußt du doch einsehen, daß keine menschliche Gesellschaft ohne Leiter bestehen kann. Daher es auch nötig ist, als Lehrer den Menschen die Notwendigkeit zu zeigen, diesen Leitern zu gehorchen!
[RB.01_018,07] Oder bist du der Meinung, daß da auf der Erde große menschliche Gesellschaften ohne alle Leitung bestehen könnten? Das wäre die größte Unmöglichkeit und wäre sogar wider die natürlichste Ordnung nicht allein des Menschen, sondern auch aller irdischen Dinge.
[RB.01_018,08] Damit du dies aber etwas tiefer einsiehst, will Ich dich ein wenig durch die verschiedenen Reiche der natürlichen Dinge führen, und so höre Mich weiter!“
19. Kapitel – Rede über den Gehorsam. Beispiele aus Reichen der Naturwelt.
[RB.01_019,01] Rede Ich weiter: „Stelle dir vor, daß alle Weltkörper mit der für ihre Bestimmung nötigen Intelligenz und freien Einsicht ausgestattet sind. Siehe, diese großen Körper schweben alle im für deine Begriffe freiesten Ätherraume. Warum sind sie denn so eigensinnig und bewegen sich seit vielen Jahrtausenden stets in gleichen Kreisen um eine bestimmte Sonne, die sie gewisserart um keinen Preis verlassen wollen?
[RB.01_019,02] Gewiß ist manche ihrer Umlaufszeiten für sie schlimmer als andere, was schon die guten und schlechten Jahre eines Planeten ziemlich handgreiflich beweisen, besonders in solchen Perioden, wo es auf dem Sonnenkörper manchmal etwas stürmischer zugeht als sonst. Zwar kann sich ein Körper wie ein Planet schon einen kurzen Puff von seiten der Sonne gefallen lassen, aber es geschehen oft für einen Weltkörper mehrere solch qualvoller Umläufe ununterbrochen, freilich hie und da örtlich mehr oder minder.
[RB.01_019,03] Wenn dann so ein großer Wanderer durch den Ätherraum nach manchmal zehn und mehr, von seiner Sonne wie stiefmütterlich behandelten Umläufen am Ende doch der Sache überdrüssig würde und sich ernstlich vornähme, die ihn regierende Sonne zu verlassen, um dann zu einem absoluten Freischwärmer durch den endlosen Weltenraum zu werden, – was würde wohl von solch einer planetarischen, nach absolutester Freiheit schwindelnden Idee die unvermeidlichste Folge sein?
[RB.01_019,04] Siehe, zuerst ein völliges Erstarren ob des nur zu bald eingetretenen Licht- und Wärmemangels; darauf notwendig ein völliges inneres Entzünden ob des zu mächtigen Druckes von außen nach innen; und endlich eine völlige Auflösung aller Teile des Planeten und mit dieser auch dessen vollkommener Tod!
[RB.01_019,05] Die Planeten aber fühlen in ihrem Innersten. Ihr Dasein ist ihnen das höchste fühlbare Bedürfnis. Und so bleiben sie gleichfort unter dem Regiment ihrer Sonne, bleiben bei ihrer Bewegung stets in unverrückbarer Ordnung und machen sich nichts daraus, ob sie bei mancher Umlaufszeit von ihrer sie beherrschenden Sonne karger gehalten werden als andere Male.
[RB.01_019,06] Allerdings könnte da mancher dir gleichgesinnte Planetenfreund unparteiisch sagen: ,Ich lobe mir wohl solche willige Planeten. Aber eine so launenhafte Sonne als notwendigen Regenten der armen Planeten möchte ich denn doch, wenn ich der Schöpfer wäre, gehörig züchtigen für ihre Regentenlaunen!‘
[RB.01_019,07] Doch da steht die Sonne auf und spricht: ,Was faselst du kurzsichtiger Kosmopolit? Siehst du nicht, daß ich nicht nur einen, sondern gar viele größere und kleinere Planeten zugleich zu versorgen habe? Weißt du nicht, daß ihre Bahnen ungleich sind, daß mir manchmal die großen wie die kleinen Planeten näher, manchmal ferner zu stehen kommen? Daß sie sich manchmal in größerer Zahl gerade auf der einen Seite befinden und mich sehr in Anspruch nehmen, und daher irgendein einzelner Planet auf einem entgegengesetzten Standpunkt an meinen sonst reichen Gaben notwendig etwas karger zu Teile kommt! – Wird ein solcher Planet aber auf einer Umlaufszeit notwendig etwas karger beteilt, so bekommt er dennoch immer so viel, daß er bestehen kann. Ich kann es seit Trillionen von eigenen Wanderungen um eine andere noch größere Regentensonne bezeugen, daß darum noch nie ein Planet, so er sich meiner Ordnung angeschlossen hatte, verhungert und zugrunde gegangen ist. Wenn aber Kometen, denen ihre Freiwandlerschaft lieber ist als meine feste Ordnung, irgendwo im endlosen Raume, wohin sie ihre wahnwitzige Freiheitslust getrieben hat, zugrunde gehen, – dafür kann wohl ich nicht. Denn einem Wesen, das sich nur selbst bestimmen will, ohne von einer mächtigeren Leitung abhängen zu wollen, geschieht kein Unrecht; es hat sich selbst gerichtet! – So du, freisinnigster Kosmopolit, mich als Planetenregentin schon durchaus wegen meines notwendig veränderlichen Verhaltens gegen die mir untergeordneten Planeten gestraft haben willst, da nimm mir mein Licht und meinen Glanz, meine Größe und Macht! Sieh aber dann zu, wie die nach deiner Meinung von mir so sehr an den Sklavenketten gehaltenen Planeten ohne mich bestehen werden!‘
[RB.01_019,08] Siehe, Freund, so spricht sich die natürliche Ordnung schon bei den ersten, stärksten und freien Weltkörpern aus, ohne welche kein Planet bestandfähig gedacht werden könnte! So aber diese freischwebenden großen Wesen eines Leiters bedürfen, um wieviel mehr jene kleinen und in ihrer Bewegung durch allerlei Verhältnisse mehr gebundenen Wesen, als da sind die Tiere und besonders die mit einem vollkommen freien Geist begabten Menschen!
[RB.01_019,09] Tiere ein und derselben Art haben in der Regel eines unter ihnen, das gewisserart ihr Leiter ist. Wenn dieser sich rührt, dann sind alle wie durch einen elektrischen Schlag zur gleichen Bewegung angefacht. Siehe eine Rinderherde an, sie hat einen Leiter unter sich! Der Hirte, der aus Erfahrung bald merkt, welchem Stück aus seiner Herde die anderen nachgehen, hängt solchem Tiere eine Schelle an den Hals. Und wenn er abends die Herde heimführen will, horcht er bloß, wo die Schelle läutet. Dorthin begibt er sich und findet seine ganze Herde daselbst versammelt. Will er sie heimführen, dann braucht er bloß den beschellten Leiter zu führen, so gehen alle anderen von selbst nach. Der gleiche Fall ist sogar mit den sehr dummen Schweinen, besonders wo sie ständig in freier Natur leben, ebenso bei den Ziegen, Schafen, Pferden, Eseln und hundert anderen Tiergattungen. Das gleiche kannst du sogar an den verschiedenartigsten Insekten entdecken, an den Vögeln und nicht minder an den stumpfsinnigsten Fischen und anderartigen Wassertieren.
[RB.01_019,10] Aber Ich will dir die Sache ganz zeigen und will dich sogar auf die noch viel stummer scheinende Natur leiten.
[RB.01_019,11] Betrachten wir das in sich selbst überaus lockere Wasser, das sich ohne fühlbaren Widerstand in zahllose Tröpfchen zerteilen läßt. Dieses höchst wichtige Naturelement, das in sich alle Urkeime des tierischen wie des pflanzlichen Lebens birgt und zugleich von dir nie berechenbaren Kräften geschwängert ist, es gehorcht im freien Zustand unbedingt dem ihm innewohnenden Gesetz der Schwere. Laut diesem Gesetz, dessen es durch ein eigenes Wahrnehmungsvermögen gewahr wird, empfindet es die leiseste Abdachung irgendeines Geländes. Es fängt sogleich an, nach einer größeren Niederung hin sich fortzubewegen und hat so lange keine Rast und Ruhe, bis es des Meeres größte Geländeniederung vollends erreicht hat. – Auch hat dieses Element noch die sonderbare Eigenschaft, daß es sich erst dann völlig klärt, wenn es des Meeres Niederung erreicht hat. Es deutet gewisserart dadurch an, daß auch der Mensch erst dann zum klaren Bewußtsein seiner wahren, ewigen Bestimmung kommt, so er irdisch nicht nach den höchsten Würden strebt, sondern nur nach dem niedersten Standpunkt, das ist: die wahre, von Mir so oft anempfohlene Demut, die aber nie durchs Gebieten, sondern nur durchs Gehorchen erreicht werden kann!“
20. Kapitel – Weiteres Beispiel: Hochgebirge und ihre Notwendigkeit.
[RB.01_020,01] Rede Ich weiter: „Also wäre dir durchs Wasser nun ein Beweis gegeben, daß auch dieses Element eine eigentümliche Intelligenz in sich enthält, durch die es dem ihm zugrunde liegenden rein göttlichen Ordnungsgesetz pünktlichsten Gehorsam leistet bis zum letzten Tropfen; trotzdem ein jeder Tropfen eine Menge von Trillionen Leben in sich birgt!
[RB.01_020,02] Aber wir wollen uns weiter an die Geburtsstätte des Wassers, also auf die Berge wenden und sehen, ob an ihnen nicht auch irgendeine ganz eigentümliche Intelligenz zu bemerken ist und zufolge dieser auch eine genaue Beobachtung der in sie gelegten Gesetze.
[RB.01_020,03] Siehe, Freund, auf der Erde findest du allerlei Berge. Darunter sind sehr hohe, oder Urgebirge; dann mittelhohe, oder sogenannte Gebirge der sekundären Formation; und endlich ganz niedere, mehr Hügel als Berge, die sämtlich nach der irdisch gelehrten Fachbezeichnung einer tertiären Formation angehören. – Du lächelst nun freudig, weil du an Mir auch einen Geologen entdeckst! Oh, da sei du ganz getröstet; denn in der Geologie wie in der höheren Kosmologie bin Ich so ziemlich bewandert.
[RB.01_020,04] Aber nun weiter! Wir haben also dreierlei Berge. Von diesen drei Arten wollen wir zuerst der höchsten unsere Betrachtung zukommen lassen.
[RB.01_020,05] Warum sind wohl auf der Erde die Berge da? Hier meine Ich ganz besonders die erste Art. Siehe, ihre Zwecke sind verschieden: Fürs erste sind sie die Regler der elektromagnetischen Strömungen, damit diese über den ganzen Erdboden gehörig verteilt werden. Fürs zweite verhindern sie, daß die Luft um die Erde bei der schnellen Drehung um ihre Achse stehenbleibt, während die Oberfläche der Erde sich fortbewegt. Dies brächte eine über alle Orkane heftigste Gegenströmung hervor, durch die wohl kein Wesen auf der Erde bestehen könnte. – Fürs dritte ziehen sie die zu mächtigen, durch Sauerstoff und Wasserstoff gebildeten Feuchtteilchen aus der Luft an sich, weshalb ihre höchsten Spitzen auch meist umdünstet und somit selten klar sichtbar erscheinen. Hier vereinen sie sich durch die stets mächtig vorhandene Elektrizität und fallen dann zumeist als Schnee und Eis auf die steilen Abhänge der Berge nieder. Von da stürzen sie nach größeren Anhäufungen als Lawinen in die Schluchten und Hochgebirgstäler und bilden dort durch starke Anhäufung die Gletscher. Diese haben wieder die besondere Eigenschaft, die Kälteteilchen aus der gesamten Luft anzuziehen und dadurch die niedriger gelegenen Fruchtgegenden vor den alles erstarrenden Frösten zu bewahren. Zugleich aber schwächen die Gletscher auch sehr die manchmal zu stark angesammelte Luftelektrizität und ordnen den Kreislauf des Wassers durch die Atmosphäre. Ohne diese Tätigkeit hätten die Ebenen der Erde nahezu unausgesetzt allerheftigste Wolkenbrüche auszustehen.
[RB.01_020,06] Du siehst nun aus diesem wenigen die große Notwendigkeit der Hochgebirge und sprichst auch bei dir: ,Ja, das ist klar und unwiderruflich wahr! Denn wo immer die Menschen es zu rücksichtslos wagten, etwas an der Ureinrichtung der Berge zu ändern, da sind sie nur zu bald durch zuvor nie dagewesene Elementarschäden für ihren Frevel auf das empfindlichste gezüchtigt worden.‘ – Siehst du, Freund, so ist es auch! – Aber nun kommen wir eigentlich erst aufs Rechte, daher gib nun ganz besonders acht!
[RB.01_020,07] Siehe, damit die Hochgebirge die wichtige Bestimmung zur Erhaltung eines ganzen Weltkörpers und allem auf seiner weiten Oberfläche erfüllen können, ist es durchaus nicht gleichgültig, wo sie sich befinden. Ferner müssen sie – durch die in und über ihnen wohnenden Geister oder (nach deiner Art zu reden) Kräfte – notwendig jene Intelligenz besitzen, durch die sie instand gesetzt werden, das zu bewirken, wozu sie bestimmt sind.
[RB.01_020,08] Die ihrer unleugbaren Intelligenz anheimgestellte Wirkungssphäre ist für sie ein positives Gesetz, das sie durch ihre Intelligenz ganz genau wahrnehmen; was du Mir um so mehr glauben kannst, da du doch ehedem selbst behauptetest, Ich sei durch die Schule der Ägypter in die inneren Kräfte der Natur eingeweihter gewesen als alle Gelehrten der Jetztzeit.
[RB.01_020,09] Darum sieh auch ein, daß nur durch die genaueste Befolgung der Gesetze, die der Intelligenz dieser großen Erdauswüchse anheimgestellt sind, die Erhaltung eines ganzen Weltkörpers bewerkstelligt werden kann. Würden aber die Hochgebirge sich einmal gegen diese Gesetze auflehnen und gewisserart sagen: ,Wir wollen keine hohen Erdbeherrscher mehr sein, sondern auch wir wollen uns zu kleinen Fruchthügeln erniedrigen!‘ – sage, was würde aus solch einem Gebirgsungehorsam schließlich für die ganze Erde für ein namenloses Unheil erwachsen?
[RB.01_020,10] Obschon diese Hochgebirge keine Früchte tragen, viele hundert Quadratmeilen unfruchtbares Land ausmachen und so dem gemeinen Menschenverstand als ,unnütz‘ erscheinen – wäre es wohl wünschenswert, diese Bergfürsten zu entthronen und sie zu vermeintlichen Fruchtebenen umzugestalten? Du sagst: ,Das wolle der Himmel verhüten!‘
[RB.01_020,11] Nun, so sage auch, daß es der Himmel verhüten wolle, daß die Hochgebirge in der menschlichen Gesellschaft nicht verwüstet werden! Sonst wird es auf der politischen Erde nur zu bald aussehen, wie es auf der natürlichen aussehen würde, wenn die natürlichen Hochgebirge zerstört würden!
[RB.01_020,12] Siehe, so die Könige der Erde wahrhaft ihrer Bestimmung entsprechen sollen, müssen sie sein gleich den Hochgebirgen! Verstehst du das? Du sprichst: ,Ja, ich verstehe es nun ganz und sehe auch ein, daß du ein wahrer Urweiser bist!‘ –
[RB.01_020,13] Gut! Die Sache ist aber noch nicht zu Ende. Wir haben noch zwei Gebirgsarten vor uns. Diese müssen uns auch noch etwas erzählen. Höre daher weiter und sieh, wozu sie da sind!“
21. Kapitel – Mittel- und Kleingebirge – ihre Entstehung und Notwendigkeit im Erdganzen.
[RB.01_021,01] Rede Ich weiter: „Als die Erde noch ein wüster Weltkörper war und weder Pflanzen noch Tiere zu erhalten hatte außer jene Urtypen aller späteren Formen in den Gewässern, da freilich genügten die Urgebirge allein, dem noch gewisserart ganz rohen, unausgebackenen Erdball die schon erwähnten Dienste zu leisten. Als aber nach einer Anzahl von Jahrtausenden der Erdkörper sich mehr und mehr gesetzt hatte, über den Meeresspiegel schon ganz bedeutende Inselgruppen sich zu erheben anfingen und auch die in das Wasser gelegten Urkeime sich darüber in allerlei Gras- und Pflanzenarten auszuprägen begannen, – da war es nötig, dafür zu sorgen, daß die in die Gewässer gelegten Urkeime ob ihrer Reife auch ehestens zu ihrer Entwicklung ein größeres Landgebiet bekämen. Durch unterirdische Feuerkräfte wurden neue Erhöhungen bewerkstelligt, durch die dann mit der Zeit die neuen Produkte mehr Raum, Nahrung und Schutz bekamen. Da fing es über den ganzen Erdkreis gewaltig zu toben und zu wüten an. Die unterwässerlichen Festlagen wurden zersprengt und durch die großen Kräfte zu vielen Millionen weit über den Wasserspiegel emporgehoben.
[RB.01_021,02] Es gehörten wohl viele Jahrtausende dazu, bis diese große Arbeit beendet werden konnte. Aber das macht bei Gott gerade keinen merklichen Unterschied; denn tausend oder eine Million Jahre dieser Erde sind vor Ihm gleich wie ein Tag! Kurz, darum also wurden die Berge der zweiten Art gebildet, wie Ich es dir soeben dargetan habe.
[RB.01_021,03] Diese Berge aber waren anfangs auch viel höher und schroffer als sie nun sind. Doch die Zeit und die natürlichen Stürme haben ihre Häupter sehr erniedrigt, haben damit die großen Vertiefungen mehr und mehr ausgefüllt und dadurch engere und breitere Täler gebildet. Da aber diese Täler hie und da höher und niederer ausfielen und daher dem Wasser keinen freien Durchzug gestatteten, so blieb dasselbe in den größeren Vertiefungen sitzen, wodurch sich dann ganz natürlich größere und kleinere Seen bilden mußten.
[RB.01_021,04] Da ferner diese Seen durch den beständigen Kreislauf des Gewässers, sowohl durch die Erdporen wie auch durch die Luft (auf dem Wege des Regens, Schnees, Hagels und Taues) einen beständigen Zuwachs erhielten, so mußten sie notwendig über ihre Ufer fließen und zu stürzen anfangen. Dadurch haben sie mit der Zeit durch ihr Strömen kleinere und größere Teile ihrer natürlichen Ufer oder Dämme abgelöst. Sie haben damit zum Teil die ungleichen Vertiefungen der Täler ausgefüllt und besonders zu Zeiten größerer Überflutungen auch förmliche Hügel und Hügelreihen gebildet – was sogar heute noch hie und da auf der Erde zu geschehen pflegt, wie auch, daß hie und da Berge der zweiten Art durchs Feuer entstehen.
[RB.01_021,05] Diese nun zuletzt berührte Hügelbildung auf dem Wege der Anschwemmung ist die sogenannte tertiäre Formation, die natürlich durch die sekundäre bedingt ist.
[RB.01_021,06] So hätten wir nun die Entstehung der beiden letzten Bergarten naturrichtig hergeleitet und die Ursache der zweiten auch schon angegeben. Warum aber die dritte Art entstand und hie und da noch entsteht, ist wohl leicht einzusehen, wenn man den Grundsatz nicht aus dem Auge verliert, daß zur ferneren Hervorbringung und Erhaltung neuer Wesen und zur Fortpflanzung der schon daseienden vor allem ein guter und geräumiger Boden nötig ist.
[RB.01_021,07] Der Boden der Erde ist nun so bestellt, daß auf ihm allerlei Wesen entstehen, wohnen, leben und sich fortpflanzen können. Und diese Einrichtung wurde und wird noch bewirkt durch die drei verschiedenen Bergarten.
[RB.01_021,08] Die zwei letzten Bergbildungen scheinen dem Anschein nach freilich mit der ersten Gebirgsgattung keine Ähnlichkeit in der Bestimmung zu haben. Denn wie ihre Entstehungsart, so ist auch ihre eigentliche Bestimmung eine ganz andere. Aber da sie einmal in die Reihe der Urgebirge, also der Bergfürsten getreten sind, so müssen sie sich ohne alles Sträuben auch jenen Gesetzen fügen, die ihnen die Urgebirge wie aus sich heraus vorzeichnen. Das heißt für sie: ,Es ist nicht genug, daß ihr niederen und jüngeren Berge mit eurem Überfluß die Täler und Gräben ausfüllt, dort ein fruchtbares Land erzeugt und kleine Berglein mit schönen Lustwäldchen anleget. Sondern ihr müßt vom Anbeginn eures Seins an auch einen großen Teil unserer Lasten übernehmen und uns in allem unterstützen, sonst erfüllet ihr eure Bestimmung nicht. Ihr könntet sie auch nicht erfüllen, da durch euer Entstehen unsere Kraft zu sehr in Anspruch genommen würde, wenn wir nun so wie früher, da ihr noch nicht wart, alles ordnen und lenken sollen!‘ – Und siehe, diese neuen Berge tun zufolge der in ihnen ebenfalls zugrunde liegenden Intelligenz genau, was ihnen die Bergfürsten auferlegen.
[RB.01_021,09] Es gibt aber im Ernste auch welche unter ihnen, die den Höchsten gewisserart nicht gehorchen wollen. Solche Berge aber werden durch die gewaltigsten Stürme so lange gehetzt, bis sie sich die Ordnung der Hohen entweder gefallenlassen oder im Gegenfalle selber ganz zugrundegerichtet werden. Bei den alten Weisen hießen solche Berge ,Widerspenstige‘, auch bisweilen ,Verfluchte‘. In der neueren Zeit heißt man solche Helden von Bergen: ,Lockere‘, ,Unbeständige‘, ,Verwitterte‘. – Beispiele von solchen bestraften (eingestürzten und gänzlich vernichteten) Bergen gibt es eine Menge sowohl in alter als auch in neuer Zeit.“
22. Kapitel – Stufenmäßige Unterordnung auch unter den Menschen notwendig.
[RB.01_022,01] Rede Ich weiter: „Lieber Freund und Bruder, du wirst aus dieser ganz der Natur entnommenen Darstellung sogar an den für dich leblosen und somit intelligenzlosen Dingen die Unterwürfigkeitsverhältnisse eingesehen haben, ebenso wie du sie ehedem bei den Tieren, Weltkörpern und Gewässern begriffen hast. Es dürfte daher kaum vonnöten sein, dir noch mehr Belege aus der für dich gewisserart toten Natur vorzuführen. Ich könnte das wohl noch, besonders, wenn Ich dich auf andere Planeten hinführte, wo die Ordnung in allem viel genauer und strenger abgemessen erscheint als auf dem geflissentlich nahezu in der größtmöglichen Unordnung belassenen Erdplaneten. Der Grund liegt darin, daß auf ihm eben die freiesten Geister, als wahrhafte ,Gotteskinder‘, desto freier und für ihr Wesen ersprießlicher großgezogen werden können. Du siehst also das alles nun nach deiner innersten Bejahung ein. Und Ich sage dir, daß Ich damit völlig zufrieden bin!
[RB.01_022,02] Weil du aber nun sogar an der für dich stummen Natur einsiehst, daß in ihrem Gefüge eine gewisse stufenweise Unterwürfigkeits-Ordnung unerläßlich notwendig ist, damit die Natur dauernd erhalten werde – nun denn: so denke dir jetzt den Menschen, der da begabt ist mit einem absolut freiesten Geiste, der in seinem Denk-, Beschluß- und Begehrungsvermögen sich in höchster Unbeschränktheit befindet! Stelle dir so recht vor, was da am Ende herauskäme, wenn jeder Mensch zufolge seiner inneren absoluten Freiheit ohne alle Beschränkung tun dürfte, was sein inneres Geistwesen in seiner unversiegbaren Lebenskammer aus seinem gottähnlichen, unendlichen Ideenreichtume nur immer unter zahllosen Formen schöpft!
[RB.01_022,03] Ich sage dir, da wäre kein Mensch vor dem andern sicher! Denn erstens gibt es da Geister, deren innere Phantasien oder Schöpfungen sich hauptsächlich damit beschäftigen und eine eigene Wollust darin finden, alles Bestehende zu vernichten. Einige möchten fort und fort Menschen auf die verschiedensten Arten töten, andere wieder möchten alle Berge zerstören. Wieder andere durch die Erde ein Loch graben, dieses mit Pulver so weit als möglich anfüllen, um dadurch möglicherweise die ganze Erde zu zersprengen; wieder andere möchten alles Wasser der Erde vertilgen; andere wieder die ganze Erde ersäufen; noch andere die ganze Erde verbrennen; andere den Mond mit einem Strick an die Erde anhängen und ihn herabziehen!
[RB.01_022,04] Zweitens gibt es wieder eine Menge ungeheuer sinnlicher Geister, deren Phantasie aus lauter Genußideen zusammengesetzt ist. Wenn diese Geister keine Beschränkung durch Gesetze hätten, würde vor ihrer großen Geilheit kein weibliches Wesen sicher sein, am Ende auch kein Knabe und sogar kein Vieh mehr! Denn Ich kenne nur zu viele solche Naturfreunde nach der Art von Sodom und Gomorra, die sich zu einem förmlichen Geschäfte machten, sich mit allen möglichen weiblichen Rassen zu begatten, und wenn dies Zeugungsspiel ihrer Phantasie nicht genügte, da machten sie fürs zweite Versuche auch an den verschiedensten Tieren.
[RB.01_022,05] Nun denke dir eine große Gesellschaft solch sinnlicher Genußmenschen in moralisch wie auch politisch völlig gesetzlosem Zustand! Von welch verschiedenartigsten Kreaturen und barsten Scheusalen wird es unter ihnen wimmeln? Nach wenigen Hunderten von Jahren würde es auf der Erde wimmeln von Wesen, vor denen am Ende kein menschliches Leben mehr sicher wäre! Moses hat darum auch ein äußerst scharfes Gebot ergehen lassen und sogar den Feuertod als Strafe gesetzt für solch einen Geiler, der sich unterfinge, so etwas zu tun.
[RB.01_022,06] So hat es auch solche sinnliche Geister gegeben, und gibt es leider noch hie und da, die ihre echt teuflische Genußsucht nur dann befriedigten, wenn sie die Maid während und auch vor dem Akt auf das grausamste quälten und marterten. Erst ihre letzten, schmerzvollsten Lebensäußerungen gewährten ihnen die größte Wollust! Ich brauche dir nicht eine Menge spezieller Taten aufzuführen. Genug, daß du weißt, welche Früchte daraus zum Vorscheine kommen, so irgendeine Menschengesellschaft sich in einem gesetzlosen Zustand befindet.
[RB.01_022,07] Drittens gibt es wieder Geister, die von sich selbst die außerordentlichsten Ideen haben und alles endlos tief unter ihrer Würde finden. Diese Geister sind stolz und über die Maßen herrschsüchtig; vor ihnen soll sich alles bis in den Staub verkriechen und nur das tun, was sie wollen. Denke dir nun eine ganze Gesellschaft lauter solcher Menschen: wie würden sie miteinander leben? Ich sage dir, eine Welt voll Tigern, Löwen und Panthern würde miteinander in weit größerer Harmonie leben als solche Menschen, wenn sie nicht durch moralische wie auch durch weise politische Gesetze beschränkt wären!
[RB.01_022,08] Und so gibt es unter den Menschen noch eine Menge zahlloser Abarten verschiedenster Geister, deren Hauptneigungen in ihrer Art gegen alle positive Ordnung so höchst lasterhaft verkehrt sind, daß du dir davon nicht die allerleiseste Idee machen kannst!
[RB.01_022,09] Wenn aber alle diese Geister von ihrer absolutesten inneren Freiheit nur zum Teil einen unbeschränkten Gebrauch machen dürften, sage Mir, wie würde es dann nur zu bald auf einem Weltkörper aussehen? – Du sprichst: ,Freund, das wäre entsetzlich, das wäre die Hölle aller Höllen auf der Erde!‘ – Richtig, sage Ich dir, du hast wohl gedacht und gesprochen!
[RB.01_022,10] Ich aber frage dich weiter: Was ist demnach höchst notwendig, damit die vollste Hölle soviel als möglich von der Erde hintangehalten werde? Siehe, nun kommen wir beide erst dorthin, wo ich dich eigentlich haben wollte.
[RB.01_022,11] Erkennst du nun, was Ich damit sagen wollte, wenn Ich wie auch Paulus allen Bekennern Meiner Lehre den Gehorsam gegen eine rechtmäßige weltliche Obrigkeit anempfahl? Siehst du nun, warum man dem Kaiser, was sein ist, und Gott, was Gottes ist, geben soll?
[RB.01_022,12] Sage Mir nun, wie du die Sachen jetzt einsiehst. Kommen sie dir noch so widersinnig vor als ehedem? Findest du den gerechten Gehorsam und die rechte Demut immer noch als des freien Menschengeistes unwürdig? Rede nun, die Reihe ist wieder an dir! Ich will dich hören.“
23. Kapitel – Roberts anerkennende Antwort. Seine Gegenfrage über den Machtmißbrauch der Fürsten.
[RB.01_023,01] Spricht Robert: „Was, liebster Freund, soll ich im Grunde noch reden? Ich begreife und bekenne nun, daß du als einer, der mir an Wissenschaft und Weisheit himmelhoch überlegen ist, in allem recht hast, weil sich die Dinge wirklich so verhalten. Es läßt sich dem nichts entgegenstellen, da du, als ein in die geheimsten Kräfte der Natur eingeweihter Weiser dich am gründlichsten auskennen mußt! Alles, was du mir nun gütig erläutert hast, habe ich in allen Teilen als völlig wahr und unumgänglich nötig eingesehen. Aber nun kommt etwas anderes:
[RB.01_023,02] Bei deiner Darstellung des absolut freien menschlichen Geistes tritt die eiserne Notwendigkeit eines diese Freiheit beschränkenden Gesetzes und eines machthabenden Vollstreckers klar ins Licht. Aber es fragt sich dabei: Dürfen gewisserart von Gottes Gnaden ernannte oder erwählte Macht-Vollstrecker des Gesetzes wohl auch ,von Gottes wegen‘ ausgenommen sein, das Gesetz zu beachten, das sie gewöhnlich selbst machen? Dürfen ganz willkürliche Despoten und Tyrannen wegen eines mißlichen Thrones die armen Menschen, die doch auch ihre Brüder sind, zu Tausenden hinschlachten lassen? War z.B. mein Vergehen wohl von der Art, daß mich darum ein Alfred W. im Namen seines Kaisers erschießen ließ, und desgleichen mehrere andere meiner Denk- und Handlungsweise!
[RB.01_023,03] Wenn solch ein Machthaber sich schon von seinem eigenen Gesetz enthebt, so fragt sich aber, wer ihn dann von deinem Liebesgesetz enthebt, das der ganzen Welt ohne Unterschiede des Standes und Charakters gleich gelten soll? Warum müssen Hunderttausende in der größten Armut dahinschmachten, so sie nur irgendeine kleinste, oft nur durch zu große Not gezwungene Veruntreuung sich zuschulden kommen lassen? Warum alle unnachsichtige Strenge des Gesetzes sich gefallen lassen, während die Großen in behaglichster Gewissenlosigkeit tun können was sie wollen, und kein Richter sie zu einer Verantwortung fordern darf!
[RB.01_023,04] Ich bin für weise und gute Regenten gewiß im höchsten Grade eingenommen. Aber nicht für Regenten, die oft kaum wissen, was sie sind, und noch viel weniger, was sie eigentlich sein sollten. Regenten, die nur auf dem Throne sitzen und ihren Untergebenen gleich Vampiren das Blut aussaugen, anstatt sie durch weise Gesetze zu leiten! Sage mir, Freund, soll da ein armes, gedrücktes Volk nicht das Recht haben, solche glänzenden Taugenichtse und gefühllose Tagediebe davonzujagen, um an ihre Stelle weise und taugliche Männer zu setzen, die Kopf und Herz am rechten Fleck haben. Muß denn eines Regenten Wohnung ein prachtvoller Palast sein, und müssen sich seine Regentenbezüge auf viele Millionen belaufen? Was natürlich alles von den blutigen Schweißtropfen der Untertanen hergeschafft werden muß! – Der ,arme Teufel‘ hat auf der Erde nichts Gutes. Von der Geburt bis zum Grabe bleibt er ein Spielball der Mächtigen und muß für sie Gut und Blut setzen. Dafür aber wird er zum Danke verachtet, und wenn er sich nicht alle Niederträchtigkeiten der Großen möchte gefallen lassen und käme zu einem Pfaffen in einen Beichtstuhl, um sich da sein Herz zu erleichtern, wird er noch obendrauf mit der ewigen Verdammnis vertröstet! Sage, ist das auch schon irgendwo in der Natur begründet? Freund! Ich, Robert, meine da und behaupte fest: Das ist die Hölle und ihr regsamstes Mühen, aus armen Engeln dieser Erde noch ärmere und elendere Teufel zu zeugen!
[RB.01_023,05] Es ist übrigens wohl wahr und gewiß, daß das irdische Leben ein pures Prüfungsleben ist zur Erreichung höchster reingeistiger Vollkommenheit. Und daß man daher mit Recht von ihm auch keine zu glänzende irdische Glückseligkeit erwarten kann. Denn ein Studierender bleibt stets mehr oder weniger ein Sklave derer, die ihm als Meister vorgesetzt sind. Aber wenn von seiten der völkerbeherrschenden, gar zu grausam prüfenden Tyrannen die Erziehungs-Saiten zu stark gespannt und auf diese Art aus den Völkern statt wahren Menschen nur barste Teufel gebildet werden, – was sagt dann eine urgöttliche Weltordnung dazu?
[RB.01_023,06] Ist da auch noch die Gottheit der alleinige Herr und Meister? Und sind da auch noch ihre gläubigen Bekenner und Anbeter pure Brüder? Heißt das auch noch ,Gott über alles, und seinen Nächsten wie sich selbst lieben?!‘
[RB.01_023,07] Oder ist es von einer allgerechten Gottheit wohl recht, Völker durch schlechte Regenten leiblich und moralisch unter den Hund hinabsinken zu lassen? Sind dann die Völker durch ihre schändlichst schlechten Regenten auf die unterste Stufe alles Elends gesunken, so kommen noch von oben, das heißt von der gerechtesten Gottheit, alle erdenklichen Strafen und Geißeln! Natürlich zumeist nur über die armen Völker, weil sie notgedrungen haben schlecht werden müssen, zumeist ,von Gottes Gnaden‘! Denn auch die gewissenlosesten Regenten führen den Titel: ,Von Gottes Gnaden!‘ So kommen dann gewöhnlich Armut, Hungersnot, allerlei unheilbare Krankheiten und eine Menge Seuchen und Kriege, – versteht sich von selbst: alles ,von Gottes Gnaden‘!
[RB.01_023,08] Neben diesen schönsten Bescherungen aber kommt endlich auch noch die süße Verzweiflung und zuletzt die angenehme ewige Verdammnis im brennenden Pfuhle! Und siehe, das alles ,von Gottes Gnaden‘! – Bravo! Nur zu! Oh, das Leben ist wohl schön! Wer es erfunden hat, wie es ist, muß selbst eine närrische Freude daran haben!
[RB.01_023,09] Ich will aber damit eben kein höchstes Gottwesen tadeln, weil das Leben der Erde so scheußlich sich gestaltet. Denn ein solches Gottwesen hat sicher Größeres zu tun, als sich mit den Dreckwürmern dieses Erdstaubes abzugeben. Aber das Elende bei der Sache ist mir, daß diese irdischen Menschenwürmer doch auch Gefühl und leider auch Verstand besitzen und am Ende doch nicht völlig vernichtet werden können.
[RB.01_023,10] Sollen denn von der liebevollsten Gottheit, von deinem gewissen ,heiligen Vater‘, der dich ans Kreuz hängen ließ (wahrscheinlich auch aus Liebe?) – die Menschen dieser Erde als ,Gotteskinder‘, etwa eine besondere Begünstigung, die Ehre und das Glück haben, die Allerverfluchtesten zu sein?
[RB.01_023,11] Wahrlich, je länger ich da nachdenke, desto bedenklicher kommt mir die Sache vor. Daher rede lieber wieder du! Vielleicht gelingt es dir, diese Sache mit einem besseren Lichte zu beleuchten?“
24. Kapitel – Trostvolle Antwort auf Roberts finstere Zweifel. Die Bosheit der freien Menschen straft sich selbst. Erfahrungslehren der Geschichte.
[RB.01_024,01] Rede Ich: „Lieber Freund, diese deine Kritik nach dem Urteil deines kurzsichtigen Verstandes hat dem Außenschein nach viel für sich. Und wenn es sich wirklich so verhielte, wie du es nun vor Mir so scharf beurteilt hast, da sähe es wirklich äußerst schlecht mit der gesamten Menschheit aus. Aber zum größten Glück bist du da mit all deinen Begriffen und somit auch mit all deinen scharfen Urteilen auf dem dürrsten Holzwege!
[RB.01_024,02] Denn siehe: Erstens sorgt die Gottheit eben für die Menschen dieser Erde so außerordentlich, als hätte sie in der ganzen Unendlichkeit nahe keine Wesen mehr, die Ihrer Fürsorge bedürften. Und sie führt die Menschen unter allen Verhältnissen ihres Prüfungslebens so, daß fast alle trotz aller Schwierigkeiten jene hohe Bestimmung erreichen müssen, derentwegen sie von der Gottheit einzig und allein ins Dasein gerufen sind!
[RB.01_024,03] Freilich gibt es ziemlich viele, die ihren Willen trotz aller angewendeten Mittel dennoch nicht unter den besten Willen der Gottheit beugen wollen! – Daß die Gottheit für solche Geister dann auch ernstere und schärfere Mittel gebrauchen muß, um sie unbeschadet ihres freien Willens am Ende dennoch auf den rechten Weg zu bringen, ist begreiflich. Ich meine, daß man darob die Gottheit von deiner Seite denn doch ein wenig zu seicht beurteilt und ihr Ergebnisse unterschiebt, die ganz allein nur in dem verkehrten und hochmütigen Willen der Menschen zu suchen und leicht zu finden wären!
[RB.01_024,04] Du sprachst wohl viel von der gnädigen Zulassung schlechter Regenten. Aber davon sagtest du nichts, daß es auch schlechte Völker gibt, die nicht durch politische Verfügungen schlechter Regenten, sondern lediglich durch sich selbst schlechter als schlecht geworden sind, – was Ich dir durch zahllose Beispiele handgreiflich dartun könnte und später auch dartun werde.
[RB.01_024,05] Aber nun siehe zweitens – den Punkt deiner vermeinten ewigen Verdammnis, die nach dem Tod den durch schlechte Regenten verdorbenen, also ohne eigenes Verschulden schlecht gewordenen Menschen zuteil werden solle! Da muß Ich dir, der Ich doch alle Verhältnisse der Geisterwelt genauest kenne, offen gestehen, daß Mir dergleichen Begebnisse noch nie vorgekommen sind. Die ganze Ewigkeit kann dir in Wahrheit auch nicht einen Fall vorweisen, wo nur ein Geist von Gott aus verdammt worden wäre! Aber zahllose Fälle kann Ich dir vorführen, wo Geister nur zufolge ihrer vollsten Freiheit die Gottheit verabscheuen und verfluchen und um keinen Preis von deren endloser Liebe abhängen wollen, da sie selbst Herren sogar über die Gottheit zu sein sich dünken!
[RB.01_024,06] Da aber die Gottheit nur jenen endloseste Liebefülle in vollsten Zügen zu genießen geben kann, die sie haben wollen, so wird es hoffentlich klar sein, daß jene, welche die Gottheit samt ihrer Liebe über alles hassen und verachten und ein Gespött aus ihr machen, dieser Liebe darum nicht teilhaftig werden können; eben weil sie auf das entschiedenste ihrer nicht teilhaftig werden wollen!
[RB.01_024,07] Solche Wesen lieben nur sich allein und hassen alles, was sie nicht für ihr selbstsüchtiges Ich vollkommen tauglich und demselben tiefst ergeben finden. Die Gottes- und Nächstenliebe ist ihnen ein Greuel der Verwüstung, ein Fluch in ihrem Herzen! Gott ist ihnen nur pure Faselei eines verbildeten Gemüts, Albernheit eines im höchsten Grade verdummten Verstandes und der Nächste ist eine Canaille, nicht wert, daß man ihn anspuckt.
[RB.01_024,08] Wenn aber freieste Geister tatsächlich bei dem hartnäckig verharren und durch gar kein gegebenes freies Mittel, also nicht durch sich selbst von ihrem verderblichen Wahne zu heilen sind und sich eher aller Bitterkeit, die sie sich selbst bereiten, für ewig unterziehen wollen, als sich auch nur ein sanftestes Gebot der Gottheit gefallen zu lassen – sage, kann da wohl die Gottheit an solch einer Selbstverdammnis die Schuldträgerin sein?
[RB.01_024,09] Wenn aber dann die Gottheit aus purster Liebe solche Abtrünnlinge von ihren seligsten Freunden absondert, ihnen aber auf den abgesonderten Zustandsorten dennoch die vollste Freiheit beläßt: kann sie dann als unsorgsam, hart und lieblos gescholten werden?
[RB.01_024,10] Du sagst: Dafür können Menschen und Völker ja nicht, wenn sie so arg werden – denn daran schulde die schlechte Erziehung und ein schlechter Unterricht; daß aber diese schlecht sind, daran schulden schlechte, selbst- und herrschsüchtige Regenten; und endlich an den schlechten Regenten schulde die Gottheit Selbst! Oh, Ich will es gar nicht in Abrede stellen und sagen: Es gäbe keine schlechten Regenten und noch nie sei ein Volk dadurch verdorben worden!
[RB.01_024,11] Ebensowenig aber wirst du behaupten können, daß die gerechteste Gottheit noch nie irgendeinen schlechten Regenten gezüchtigt habe! Gehe die Weltgeschichte vom Anbeginn des Menschengeschlechts durch, und sie wird dir Tausende von Regenten vorführen, die wegen schlechter Leitung der ihnen anvertrauten Völker auf das empfindlichste gezüchtigt worden sind.
[RB.01_024,12] Nichtsdestoweniger hat sich in allen Zeiträumen der Erde die alte Erfahrung stets bewährt, daß gerade unter harten Tyrannen das Volk im allgemeinen stets besser und lenksamer war als unter guten und sanften Regenten. Weshalb denn die Gottheit schlechte Regenten zumeist darum über Völker aufstellen läßt, auf daß die Völker, so sie arg geworden, an ihnen eine Zuchtrute haben. Sie sollen dadurch genötigt werden, ein rechtes Bußkleid anzuziehen und sich zu bessern, wonach ihnen die Gottheit unfehlbar wieder bessere Regenten geben wird und auch allzeit gegeben hat!“
25. Kapitel – Sinn und Zweck der irdischen Lebensschule. Zeitliche oder ewige Glückseligkeit?
[RB.01_025,01] Rede Ich weiter: „Aber wenn ein Volk unter guten Regenten und unter friedvoll gesegneten Jahren zu lässig und völlig naturmäßig-sinnlich, wird und nichts anderes mehr denkt, als wie es sich auf Erden für sein Fleisch einen Himmel schaffen könnte, – siehe, so etwas darf die für das reingeistige Wohl eines jeden Menschen über alles besorgte Gottheit nimmer dulden. Dies darum, weil ein irdischer Fleischhimmel nach der ewigen Urordnung Gottes stets den Tod des Geistes in sich führt. Gleich wie ein Knabe, der sich schon von der Wiege an im größten Wohlleben befindet, für jede geistige Entwicklung nur sehr wenig Sinn haben wird, also auch ein Volk, dem es irdisch zu gut ginge.
[RB.01_025,02] Gehe in die Paläste der Reichen und erkundige dich da nach der rechten Bildung, und du wirst zumeist finden, daß da selten eine gottgewollte Herzensbildung zu Hause ist. Gehe aber dann in die Hütte eines armen Landmannes und du wirst ihn in der Mitte der Seinen, das wenige Brot segnend, antreffen. Dieser betet aus seinem Geiste, erzieht dadurch seine Kinder geistig und erhebt sie zu Gott. Des Reichen Gott aber ist nur sein Fleisch, das er durch alle erdenklichen Wohlgenüsse hochverehrt. Und so erzieht er seine Kinder auch nur des Fleisches wegen. Solch eine Erziehung aber kann Gott unmöglich gefallen, weil durch sie jener heilige Zweck, dessentwegen Gott die Menschen geschaffen hat, ewig nie erreicht werden kann.
[RB.01_025,03] Und so ist es auch mit einem ganzen Volk. Wird es irdisch zu wohlhabend, so wird es stets mehr und mehr sinnlich. Weil es ihm zu wohl geht, vergißt es am Ende des wahren Gottes ganz und macht dafür sich selbst, oder was sonst seinen Sinnen am meisten zusagt, zu einem Gott. Und das ist allzeit der Ursprung des Götzentums gewesen!
[RB.01_025,04] Du sprichst freilich bei dir: ,Wozu ist denn die Gottheit dann höchst weise und allmächtig, wenn sie so etwas nicht verhüten kann?‘ – Ich aber sage dir: Wenn die Gottheit die absolut frei werden sollenden Geister mit Ihrer Allmacht richtete, da wäre es mit der Freiheit wohl auf ewig aus! Denn die Allmacht würde da anstatt der freiesten Geister nur gerichtete Spielpuppen darstellen, aber ewig nie von der Gottheit ganz frei und unabhängig sich selbst bestimmende Geister, die in ihrer Vollendung selbst Götter werden sollen.
[RB.01_025,05] Was aber die Einwirkung der göttlichen Weisheit betrifft, so verfügt diese eben solche Zustände über entartete Menschen, durch die sie wieder auf den Weg zum rechten Ziel gebracht werden können. Es ist zwar das auch ein Gericht und gewisserart eine Nötigung, aber nur den Außenmenschen berührend, auf daß der innere desto eher und leichter erwache und seine wahre Bestimmung wieder ergreifen möge. Die Allmacht aber würde den ganzen Menschen richten und töten!
[RB.01_025,06] Bedenke daher, ob du wohl noch ein Recht hast, die Gottheit zu beschuldigen, als täte sie nichts für die Menschen oder, wenn sie etwas täte, bloß nur Hartes, Liebloses und Schlechtes!
[RB.01_025,07] Findest du nun immer noch das Erdenleben so verächtlich? Ist sein Erfinder in deiner Kritik noch gewisserart ein Wesen, das sich solch einer Erfindung durchaus nicht zu rühmen hätte?
[RB.01_025,08] Ich meine, so du nur irgendeinen Funken eigenen Lichtes und des ,Hegelschen‘ besitzt, mußt du es doch einsehen. Und zwar aus vielen Erfahrungen, daß auf der vergänglichen Erde unmöglich je eine wahre Glückseligkeit zu finden ist. Das eben darum, weil sie nach der natürlichsten Ordnung aller Dinge der Außenwelt mit der Zeit veränderlich und am Ende ganz und gar vergänglich sein muß!
[RB.01_025,09] Wer sich aber nach Meiner Lehre Schätze sammelt, die Rost und die Motten nicht zerstören, der allein kann von einer wahren Glückseligkeit reden. Denn was für ewig bleibt, wird doch offenbar besser sein, als was dem scharfen Zahne der Zeit unterliegt?
[RB.01_025,10] Was wohl hast du selbst nun von all deinen rein irdischen Glückseligkeitsbestrebungen? Siehe, Pulver und Blei hat all deinen Mühen ein vollkommenes Ende gemacht. Ob du das verdient oder nicht verdient hast, lassen wir nun dahingestellt sein. Denn Ich habe das gleiche Los ertragen müssen, nur mit dem Unterschied: Ich – für Gott und Geist; du aber – für die Welt und ihre vermeintliche materielle Glückseligkeit; Ich fürs ewige, und du fürs zeitliche Wohl der Menschen.
[RB.01_025,11] Wie Ich, so kannst auch du nun sagen: ,Herr, vergib ihnen! Denn was sie taten, das taten sie in ihrem blinden Glauben, etwas Rechtes zu tun!‘ Aber – was hast du nun für die sichere Ewigkeit mit herübergebracht? Siehe, Freund, das ist eine ganz andere Frage! Wird dir die für dich vergangene Welt wohl etwas zu geben imstande sein? – Denke nur einmal darüber nach und sage Mir, wie du es nun hier anfangen wirst?“
26. Kapitel – Roberts Antwort: Das Leben gebe ich dem zurück, von dem ich's erhielt. Gibt es einen Gott der Liebe, der seine Geschöpfe so hart behandelt?
[RB.01_026,01] Nach einigem Nachdenken spricht Robert wieder und sagt: „Mein allerliebster Freund und Bruder! Was da deine triftige Widerlegung meiner Anwürfe gegen die Gottheit und ihre aufgestellte Lebensordnung betrifft, so bin ich auch in diesem Punkte mit dir ganz einverstanden. Ich bekenne es laut, daß ich der lieben Gottheit sehr unrecht getan habe – vorausgesetzt, daß es wirklich eine Gottheit gibt als liebevollsten Vater, wie du ihn deine Jünger lehrtest.
[RB.01_026,02] Darum verlangten sie von dir auch einmal, daß du ihnen deinen ,Vater‘ hättest zeigen sollen. Und da du solchem Begehren nicht anders genügen konntest, als dich ihnen selbst als Vater darzustellen, so wolltest du wohl nach meinem Dafürhalten damit nichts anderes sagen als: O ihr jüdischen Dummköpfe! Wißt ihr denn nicht, daß es außer dem Menschen nirgends einen Gott gibt? So ihr mich oder auch einen andern Menschen sehet, so sehet ihr ja, was ihr verlangt. Könnt ihr es denn unmöglich fassen, daß der Vater in uns ist und wir im Vater sind? Oder mit anderen Worten: daß es nirgends einen Gott gibt außer den im Menschen!
[RB.01_026,03] Obschon ich dieses kaum anders auffassen kann, so bin ich deswegen dennoch nicht hartnäckig darauf versessen und will gerne irgendeine Gottheit annehmen, so du sie mir erweisen und zeigen kannst. So ich aber einer nirgends als nur in uns seienden Gottheit solche Anwürfe machte, kann ich deine wirklich triftigste Widerlegung auch um so leichter als Wahrheit annehmen: Weil sie sich lediglich auf unsere eigenste innere Ordnung bezieht, die erst ganz verstanden sein will, bevor sie sich einer zu seichten kritischen Beurteilung preisgeben kann. Oder mit anderen Worten: ,Mensch, erkenne dich zuvor ganz! Dann erst beurteile dein Sein und alle die notwendigen Verhältnisse, welche die Bestimmtheit deines Seins mit sich führt!‘
[RB.01_026,04] Ich kann dir für diese wahrhaft große Belehrung nur danken aus allen meinen Kräften. Denn auf meinem überaus nichtigen Boden dürften solche Früchte wohl noch lange nicht zum Vorscheine kommen.
[RB.01_026,05] Aber trotzdem ich nun diese weisen Beschränkungen der absoluten Freiheit als überaus notwendig und nach der Natur der menschlichen Ordnung zum wahren Leben höchst angemessen finde, so muß ich aber noch immer leider eines offen bekennen: Ich kann die Lehre, daß Gott die purste Liebe ist und man diese Liebe über alles, den Nächsten aber gleich sich selbst lieben solle, durchaus nicht mit allem vereinigen, was du mir bis jetzt gesagt hast. Und eher schon gar nicht, bis du mich vom Dasein einer wirklichen Gottheit überzeugen wirst!
[RB.01_026,06] Gott muß zuerst definitiv da sein und seine Natur und sein Wille vollkommen erkannt werden, dann erst läßt sich von Notwendigkeiten reden. Ist aber Gott nur ein vom blinden Glauben angenommenes, nie aber der reinen Vernunft erweisbares Wesen, muß notwendig jede Gotteslehre, möchte sie auch noch so metaphysisch oder theosophisch klingen, sich von selbst in ein Nichts auflösen.
[RB.01_026,07] Ich widerspreche hiermit deiner Belehrung gar nicht, denn ich sehe ihre Realität nur zu klar ein. Aber nur in dem Fall, so es eine Gottheit gibt, die solche Ordnung zur Heranbildung des Menschen zu einem höheren, freiesten Wesen für nötig gestellt hat. Gibt es aber keine Gottheit, dann brauche ich dir gar nicht zu widersprechen, denn da widerspricht sich die Sache von selbst.
[RB.01_026,08] In der Beantwortung meiner an dich gerichteten Frage: Mit welchem Recht mich ein Windischgrätz erschießen ließ, gingst du ganz kurz zu dem Entschuldigungsgrund über: daß es nun nicht an der Zeit sei, darüber viel zu reden, ob solches mit Recht oder Unrecht geschehen sei. Denn auch dir sei ein ähnliches Los zuteil geworden, nur mit dem Unterschied: Dir – für Gott und der Menschen ewiges und geistiges Wohl; mir aber – für die Welt und ihre vergängliche Glückseligkeit! – Und ich soll dir nun kundgeben, was ich aus der vergangenen Zeit für die Ewigkeit mit herübergenommen habe? Freund, ich meine, diese Frage zu beantworten, wird mir eben nicht zuviel Kopfzerbrechen machen!
[RB.01_026,09] So es doch irgendeine liebevollste Gottheit geben sollte, so lehrt uns die Tausende von Jahren alte Erfahrung, daß diese Gottheit den Menschen, wenn sie sie zur Welt in die sogenannte Freiheitsschule schickt, absolut nichts als nur das nackteste, begriffsloseste und somit auch allerdümmste Leben mitgibt. Also ein barstes Nichts bringt der Mensch auf diese elende Welt! Von all den Weltschätzen gehört nichts ihm, da er sie am Ende seines Lebens doch für ewig wieder verlassen muß.
[RB.01_026,10] Was wohl hätte ich da für die Ewigkeit mit herübernehmen sollen oder können, außer – ohne mein Verlangen und ohne meinen Willen – mich ganz allein! Nur mit dem geringen Unterschied, daß ich nun in diese Welt als ein denkendes, und somit etwas mehr geistig gebildetes Wesen eintrat, während mein Eintritt in die materielle Welt ein höchst unbehilflich elender war. Welchen Eintritt ich aber dennoch dem zweiten in diese unweltliche Welt sehr vorziehen möchte. Denn in der Materiewelt fühlte ich als Säugling nichts, außer etwa einen stummen Hunger oder einen stummen Schmerz. Aber diese beiden Martern waren für mich so gut wie gar nicht da, denn ich hatte damals ja kein Bewußtsein. Hätte meine arme irdische Mutter mir in dieser Zeit nicht die kärglichste Pflege gegeben, so hätten mich zufolge deiner göttlichen Liebsorge wohl alle Mäuse und Ratten fressen können; die Gottheit hätte es sicher nicht abgewehrt!
[RB.01_026,11] Ja die Gottheit in der Brust meiner Mutter sorgte wohl für mich. Aber die große, allmächtige, irgend über allen Sternen – die weiß vielleicht noch diesen Augenblick nichts von einem armen Teufel, von einem Robert Blum!
[RB.01_026,12] Wenn ich aber dennoch ein miserables Produkt dieser großen Gottheit sein soll, die aus purster Liebe mich so reichlichst ausgestattet in die Prüfungswelt sandte, – kann sie nun wohl mehr von mir zurückverlangen, als sie mir auf die Weltreise mitgegeben hat? Ich meine, wo nichts ist, da hört wohl von selbst jedes Recht auf. Oder gibt es hier in der Geisterwelt wohl irgendeine solche Rechtsverfassung, nach der man auch für ein barstes Nichts jemandem zum Schuldner werden kann?
[RB.01_026,13] Das nackte Leben ist nicht mein, da ich mir's nicht gegeben habe. Dieses Leben mit einiger Intelligenz sogar bereichert und mit einem schlechten Rock noch dazu, habe ich wieder hierhergebracht und stelle es mit dem größten Vergnügen dem wieder zurück, der es mir gegeben hat. Aber mit der Bitte, daß ich, als der elende Robert, für alle Ewigkeit völlig zu sein aufhöre! – Denn ich ersehe nun sogar aus deinen weisen Reden, daß dem Leben überhaupt keine glückliche Seite abzugewinnen sein dürfte. Und so ist es ja endlos besser, ewig nicht mehr zu sein, als so elend, wie ich es stets zu sein die große Ehre hatte!
[RB.01_026,14] Es ginge mir zur Vollendung meines Glücks nur noch ab, daß du, lieber Freund, zu mir sprächest: ,Weiche von mir, du Verfluchter, in das ewige Zornfeuer Gottes und brenne dort ewig unter den gräßlichsten Qualen‘ – so wäre dadurch dem Leben und seiner Herrlichkeit wahrlich die Krone der urgöttlichen Liebe aufgesetzt! Freund, wenn solch ein unbegreiflich hartes und aller Liebe lediges Urteil auch dein liebevollster Vater dir eingegeben hat – wahrlich, da wäre von seiner endlosen Liebe nicht viel Gutes zu erwarten! Aber ich meine, solch eine grausame Sentenz dürfte kaum je über deine Lippen gekommen sein, sondern wurde höchst wahrscheinlich in späterer Zeit von den liebevollsten Römlingen eingeschoben? Das Warum dürfte nicht schwer zu erraten sein! – Rede nun wieder du, denn ich bin mit meiner Antwort zu Ende.“
27. Kapitel – Aufklärung aber die Erziehung des Menschen zur Selbständigkeit. Scheinbar harte Erziehungsschule – höchste göttliche Liebeweisheit.
[RB.01_027,01] Rede Ich: „Höre, du lieber Freund! Mit dir wird es noch einige Anstände haben, bis du zu klareren geistigen Begriffen gelangst. Du hängst noch viel zu sehr an der Materie und den daraus hervorgehenden Erscheinlichkeiten. Deshalb beurteilst du auch alles nach der Materie, die gerichtet und daher vergänglich ist, und magst das rein Göttlich-Geistige nicht erfassen.
[RB.01_027,02] Begreifst du als ein Hauptphilosoph denn noch immer nicht: So die Gottheit ein Leben aus sich freigibt, so muß sie dasselbe doch vollkommen freigeben, und nicht gerichtet. Außer was höchst notwendig gerichtet sein muß: das leibliche Leben, damit es Festigkeit habe zur Aufnahme des Lebensgeistes aus Gott. Hat dieser Geist einmal die rechte Festigkeit erreicht, oder will Gott einen noch sehr schwachen Geist auf eine andere Art zum ewigen Leben kräftigen, ohne daß dieser es nötig haben soll, die volle Fleischprobe durchzumachen, – so nimmt Gott Selbst das Gerichtete vom freiesten Geiste. Er ist dann ganz frei und es geschieht ihm dann nichts anderes, als was er absolut frei selbst aus sich heraus will.
[RB.01_027,03] Glaubst du denn, Gott wird dir gebieten, etwa entweder in die Hölle zu fahren oder in die Himmel einzugehen? Oh, mit solchen Ideen brauchst du dich nicht abzugeben. Da bist du vollkommen frei; was deine eigene Liebe will, das soll dir auch werden! Gott kann dir auch zum besseren Teil behilflich sein, aber nur, wenn du es willst. Willst du aber solche Hilfe nicht, so wird sie dir Gott auch nicht nachwerfen. Und das darum nicht, weil du ein freies und von Gott ganz unabhängiges Leben hast, das sich frei bestimmen kann wie es will, und daher auch für seine Ernährung und Stärkung zu sorgen hat, ganz unabhängig von Gott, ansonst es wahrlich kein freies Leben wäre!
[RB.01_027,04] So aber Gott den Menschen nackt und in jeder Hinsicht völlig unbehilflich zur Welt geboren werden läßt, so geschieht das darum, um das Menschenleben schon da freizugeben, damit selbes sich an das Sich-selbst-überlassen-sein schon von Geburt an gewöhnen soll. – Dieser Lebens-Trennungs-Prozeß muß darum auch mit der Geburt seinen Anfang nehmen, wo das Kind noch keiner Vorstellung, keines Begriffes und somit auch keines bewußten Schmerzes fähig ist. Denn bei einer solchen Lebenstrennung, wenn sie dem Menschen in einem begriffsfähigen Zustande geschähe, könnte er den Schmerz und die zu große Trauer gar nicht ertragen. Trauert doch ein Mensch, wenn durch des Leibes Tod einer seiner besten Freunde gewisserart von seinem Lebensband getrennt wird. Um wieviel mehr würde der Mensch erst trauern, so er mit vollstem Bewußtsein sich von Gott, seinem eigensten Lebensvater trennen sollte, – was aber dennoch geschehen muß, weil ohne diesen an und für sich schmerzlichen Akt kein Leben neben Gott freigestellt werden könnte.
[RB.01_027,05] Des Herrn höchste Weisheit und Liebe versetzt solch eine notwendige Trennung in einem beinahe empfindungslosen Zustand des Menschen. Er gibt ihm zum anfangs ganz gebundenen geistigen Leben ein äußeres Naturleben dazu, das das ehemalige mit Gott vereinte Leben auf unbestimmte Zeit verbirgt, auf daß der Geist sich solche Trennung leichter angewöhne und sich in sein künftiges, absolut freies Leben desto unbeirrter finden kann. Sage, kann ein Mensch dann darum die Gottheit schmähen oder gar leugnen, wenn sie tut, was ihre eigene höchste Liebe, Weisheit und Ordnung gebietet?
[RB.01_027,06] Wenn es einen anderen Weg zur Freigestaltung des Lebens aus sich gäbe, der noch weniger schmerzlich wäre, so hätte ihn die Gottheit sicher in ihre Ordnung aufgenommen. Aber bei den Verhältnissen der Lebensdinge, wie sie sind und notwendig sein müssen, ist eben kein besserer Weg möglich. Der Weg ist somit auch gut und zweckmäßig. Und weil so und nicht anders, da ist ja die Sache selbst schon der größte Beweis fürs sichtbare, greifliche Dasein Gottes, ohne den nichts entstehen, sein und bestehen kann.
[RB.01_027,07] Ist aber dadurch das Dasein Gottes offenkundig erwiesen, wie verdient es von so weisen Männern, wie du einer sein willst, geschmäht zu werden? – Sieh, lieber Freund, wie unrecht du dem großen, heiligen Vater tust!“
28. Kapitel – Auch der Leibestod ein Hilfsmittel der Liebe Gottes. Vom Todesleiden in alter und jetziger Zeit.
[RB.01_028,01] Rede Ich weiter: „Siehe, das Sterben der Menschen ist auch für die äußeren Sinne eine traurige und zumeist mit verschiedenen Schmerzen verbundene Erscheinung. Der bloße Weltverstand findet dies für sehr hart und grausam von seiten einer allmächtigen Gottheit, die noch dazu voll der höchsten Liebe und Erbarmung sein soll. Wie oft ist die gute Gottheit schon darob von Menschen und Geistern geschmäht oder auch ganz geleugnet worden!
[RB.01_028,02] Aber auch da tritt wieder dieselbe Notwendigkeit wie bei der Geburt ein. Der freie Geist im Menschen kann unmöglich anders von jedem seine wahre Freiheit hemmenden Gericht ledig werden als durch die Hinwegnahme seiner gerichteten, zeitweiligen Umhüllung. Diese darf dem Geiste nur so lange belassen werden, bis er von dem Urleben Gottes nach allen Teilen völlig isoliert worden ist. Wobei freilich nur Gott als Gestalter des Lebens wissen kann, wann solch ein Geist zur völligen Selbständigkeit gediehen ist. Ist solch eine Reife eingetreten, dann ist es auch an der Zeit, dem Geiste die Last abzunehmen, die ihn an seiner Freiheit hindert.
[RB.01_028,03] Freilich sagst du wie viele: ,Warum geschieht dann diese Abnahme nicht schmerzlos?‘ – Ich aber sage dir: Würde ein Mensch nach der Lehre Gottes leben, so würde seines Leibes Tod ihm auch nur eine Wollust sein, oder doch wenigstens wäre er völlig schmerzlos. Aber da die Menschen zufolge ihrer Freiheit sich zu sehr in die Widerordnung der Materie begeben, ihren Geist mit eisernen Ketten daran heften und ihn zur Weltliebe erziehen, da muß freilich solche Trennung mit um so mehr Schmerzen verbunden sein, je fester ein Geist sich an die gerichtete Welt angeklebt hat.
[RB.01_028,04] Aber auch dieser Schmerz ist dennoch keine Härte, sondern nur die purste Liebe Gottes. Denn würde die Gottheit da nicht eine kleine Gewalt anwenden, die freilich nie wohltun kann, dann ginge der Geist ins vollkommene Gericht über und somit in den qualvollsten ewigen Tod, der da die eigentliche Hölle ist. Aber um den Geist davor möglicherweise zu retten, muß die Gottheit ein solches notwendiges Gewaltstreichlein ausführen. Sage, verdient sie darum wieder, geschmäht oder gar geleugnet zu werden? Leider gibt es nun eine zu große Menge Geister, die von Gott nichts mehr hören wollen, sobald sie ihre Freiheit erlangt haben. Aber Gott unterläßt es dennoch nie, sie auf den besten Wegen zum wahren und vollkommensten Ziele zu leiten.
[RB.01_028,05] Siehe, in der Urzeit wurden die Menschen im allgemeinen dem Leibe nach viel älter und starben auch eines gelinden und schmerzlosen Todes. Das geschah aber darum, weil sie in ihrem Geiste von Gott nicht so leicht wie die Menschen dieser Zeit abgelöst werden konnten. Und das darum nicht, weil die Erde für sie viel zu wenig Reize aufzubringen hatte und sie dadurch mehr in sich gekehrt blieben und auch mit Gott in einem schwerer zu trennenden Verband standen.
[RB.01_028,06] Als aber mit der Zeit die Menschen der Erde stets mehr Reize abzugewinnen begannen, und sich die Trennung vom Gottesleben daher auch eher ergab, da wurde auch die irdische Lebensperiode stets kürzer und kürzer.
[RB.01_028,07] Als endlich die Menschen vor lauter Welttum und seinen Reizen ganz und gar ihres Schöpfers zu vergessen anfingen, da erreichten sie aber auch das Extrem wider alle Gottesordnung, in dem der ewige Tod ihnen zuteil werden müßte. Siehe, da war es dann göttlicherseits nötig, sich ihnen wieder mehr zu nähern und sich hie und da zu offenbaren, um die dem ewigen Untergang nahe Menschheit zu retten. Viele ließen sich retten, viele aber nicht – aus eigenem, freiestem Willen! Hätte sie die Gottheit da mit ihrer Allmacht ergreifen sollen, wenn sie ihrer Liebe kein Gehör schenken wollten? Das hieße doch alle solche Geister für ewig verderben!
[RB.01_028,08] Was kann da die ewige Liebe anderes tun, als zu sagen: „Weichet von Mir, die ihr euch gänzlich von Mir abgelöst habt, und gehet in eine andere Erhaltungsschule, die allen euresgleichen zu eurer möglichen Wiederlöse bereitet ist! Es ist ein Feuer des Gerichtes der Welt, das muß euch lostrennen von ihr, ansonst es um euch geschehen ist!“
[RB.01_028,09] Wenn die Gottheit, um solche Übel soviel als möglich zu verhüten, nun äußere Plagen über die Erde kommen läßt, sage, ist sie da nicht vorhanden? Oder ist sie da hart und lieblos, wenn sie tut, was zu tun sie für allernötigst findet? – Wie kannst du dir auch nur im Traum einfallen lassen, daß die Gottheit ihre Geschöpfe, die sie aus sich heraus zeugte – verfluchen und verdammen soll für ewig! Was hätte sie wohl davon?
[RB.01_028,10] Aber wenn sie die Geschöpfe freistellen will für ewig: Muß da nicht ihre größte Sorge sein, daß diese Geschöpfe ja nicht irgend wieder in die Arme ihrer Allmacht hineingeraten, wo es um die Freiheit in jedem Falle geschehen sein müßte. Gerade, als so du Kinder hättest und möchtest sie in ihrer Zartheit mit all deiner Manneskraft an deine Brust drücken, was ihnen natürlich das Leben kostete. Wenn du sie aber zu Tode erdrückt hättest und hättest noch andere Kinder, – sage, würdest du diese nicht warnen vor deiner unbändigen Kraft, oder würdest du diese Kraft noch an mehreren versuchen? Dich würde wohl die Erfahrung davor warnen.
[RB.01_028,11] Die Gottheit aber bedarf freilich der Erfahrung nicht, da sie im Besitze der unendlichsten Weisheit ist. Sie ist der alleinige wahre gute Hirte aller ihrer Schäflein und kann sie am besten schützen vor ihrer Allmacht, die sie nur zur Gestaltung der gerichteten Dinge der Körperwelt gebraucht, nie aber zur Gestaltung freier Geister aus ihr! Diese müssen allein aus ihrer Liebe und Weisheit hervorgehen, ansonst an ihnen ewig keine Freiheit und somit auch kein Leben zu bewerkstelligen ist! Denn Gottes Allmacht zeugt nichts als Gericht über Gericht!“
29. Kapitel – Wahrer Sinn des Textes: „Weichet von Mir, ihr Verfluchten!“ Jeder böswillige Geist verflucht sich selbst. Sünde wider den Heiligen Geist.
[RB.01_029,01] Rede Ich weiter: „Wenn du jene dir so schauderhaft vorkommende Sentenz aus dem Evangelium einmal als kritischer Denker bloß grammatikalisch durchgegangen hättest, so müßtest du schon aus der alleinigen Wortfügung auf den ersten Blick erkannt haben, daß die Gottheit damit ein richterliches Verdammungsurteil über die sogenannten verstockten Todsünder nie habe für ewig wirkend (aus der Allmacht) aussprechen können und wollen!
[RB.01_029,02] Denn sieh, es heißt da: ,Weichet von Mir, ihr Verfluchten!‘ – Also sind die schon verflucht, an die das Gebot ergeht. Denn sonst müßte es heißen: Da ihr vor Mir allzeit unverbesserlich gesündigt habt, verfluche Ich als Gott euch nun für ewig zur Hölle ins ewige Qualfeuer!
[RB.01_029,03] So aber die schon verflucht sind, an welche die Gottheit solche Sentenz ergehen läßt, so folgt daraus: fürs erste, daß die Gottheit hier durchaus nicht als Richter, sondern nur als ein ordnender Hirte auftritt und den von ihr aus eigener Willensmacht ganz abgetrennten Geistern einen andern Weg strenge anweisen muß. Weil sie sonst, alles Verbandes mit der Liebe der Gottheit ledig, unmittelbar in die Arme der Allmacht geraten müßten, wo es dann wahrlich um sie geschehen wäre!
[RB.01_029,04] Fürs zweite aber fragt es sich, wer sie dann verflucht hat? Die Gottheit unmöglich! Denn wenn die Gottheit jemanden verfluchte, wäre keine Liebe in ihr und auch keine Weisheit. Wenn die Gottheit gegen ihre Werke zu Felde zöge, zöge sie da nicht so ganz eigentlich gegen sich selbst, um sich zu verderben, – anstatt stets mehr von Ewigkeit zu Ewigkeit sich aufzurichten durch die wachsende Vollendung ihrer Werke, ihrer Kinder!
[RB.01_029,05] So aber die Gottheit danach unmöglich aus ihrer Allmacht heraus als Richter erscheinen kann, sondern allein aus Liebe und Weisheit heraus als ordnender Hirte, so ist es ja klar, daß solche Geister zuvor durch etwas anderes mußten gerichtet worden sein. Durch wen aber? – Diese Frage ist gar leicht zu beantworten, wenn man nur soviel Selbsterkenntnis besitzt, um dieses einzusehen: daß ein Wesen einerseits einen völlig freien Geist und Willen hat, der eigentlich allein der Liebe und Weisheit Gottes entstammt. Anderseits aber, auf daß es von der Allmacht isoliert werden könne, um ein wahrhaft vollkommen freies Wesen zu werden, auch eine Zeitlang einen von der Allmacht gerichteten Leib und eine äußere, gerichtete Welt mit eigenen, ebenfalls gerichteten Reizen haben muß. Es kann daher durch niemand anders als lediglich nur durch sich selbst gerichtet und bestimmt werden. Es kann sich ein solch freies Wesen nur selbst ,verfluchen‘, d.h. gänzlich von aller Gottheit absondern.
[RB.01_029,06] Die Gottheit aber, die auch solch einem Wesen die Freiheit nicht nehmen will, kann da nichts anderes tun, als solche verirrte Wesen bei ihrer Beschaffenheit anrufen und mit Liebernst ihnen den Weg anzeigen, auf dem sie wieder in den Verband der Liebe und Weisheit Gottes treten können. Außerhalb dieses Verbandes ist keine absolute Freiheit und somit auch kein geistiges, ewiges Leben denkbar. Denn außerhalb dieses Verbandes wirkt allein nur die Allmacht der Gottheit, – in der nur die Kraft der Liebe und Weisheit Gottes wesenseins mit der Allmacht als das Urleben bestehen kann. Jedes andere, von diesem Urleben abgelöste Leben muß in ihr zugrunde gehen und ewig erstarren, weil es für sich unmöglich der endlosesten Kraftschwere den leisesten Widerstand leisten kann!
[RB.01_029,07] Darum heißt es auch: Gott wohne im ewig unzugänglichen Lichte! Was so viel sagen will als: Gottes Allmacht, der eigentliche Machtgeist Gottes, der die Unendlichkeit erfüllt, ist für das Sein jedes geschaffenen Wesens, so es bestehen soll, für ewig unzugänglich. Denn jeder Konflikt mit der Allmacht Gottes ist der Tod des Wesens! Daher wird auch die Sünde gegen diesen Machtgeist als höchst verderblich bezeichnet. Weil ein Wesen, das, von der Gottes-Liebe sich zuvor völlig trennend, mit dieser Macht sich messen will, notwendig von solcher Allkraft gänzlich verschlungen werden muß und nur schwer oder auch wohl gar nicht mehr von ihr loszuwinden ist, – gleich als wenn eine Milbe unter dem Schutt des Himalaja begraben wäre! Wie würdest du sie daraus befreien?“
30. Kapitel – Vom reichen Prasser und armen Lazarus im Jenseits. Wer hat die Hölle gemacht? Nur die Bosheit der Geister.
[RB.01_030,01] Rede Ich weiter: „Du sprichst nun bei dir: ,Ja, das ist alles richtig, wenn die Gottheit zu jenen so spricht, die sich zufolge ihrer vollsten Freiheit von ihr ganz abgelöst haben nach der Art und Weise, wie sie durch sich selbst in sich beschaffen sind. Somit kann in diesem scheinbaren Schreckensurteil unmöglich das Schaudervolle vorhanden sein, wie man auf den ersten Augenblick vermutet. Aber was hat es dann mit der Erzählung vom armen Lazarus und dem reichen Prasser für eine Bewandtnis, der ohne alle Gnade im schrecklichsten Feuer der Hölle gesehen wird? Der da bittet und keine Erhörung seiner Bitten findet und zwischen dem und der Gnade Gottes eine unübersteigliche Kluft angezeigt wird, über die für ewig keine Übergangsbrücke führt? Was sagt denn da die göttliche Liebe, Weisheit und Erbarmung dazu?‘
[RB.01_030,02] Lieber Freund, Ich wußte wohl, daß du mit dieser Frage kommen wirst. Dagegen frage Ich dich, ob du Mir sagen kannst, wer denn diesen Prasser eigentlich in die Hölle geworfen hat? Etwa die Gottheit? Mir ist solches wahrlich nicht bekannt.
[RB.01_030,03] Oder hat dieser in seiner notwendigen Qual sich etwa an die göttliche Liebe und Gnade gewendet, um davon befreit zu werden? Ich weiß nur, daß er sich an den Geist Abrahams und nicht an die Gottheit gewendet hat! Der Geist Abrahams ist aber, obschon als geschaffener Geist überaus vollkommen, doch ewig die Gottheit nicht, die allein nur helfen kann. Und auch in solchen Fällen ist sie die unübersteigliche Kluft, über die sich die Geister verschiedenster Art nie die Hände reichen dürfen, denn da wirkt allein Gottes geheimste und tiefste Weisheit und Liebe!
[RB.01_030,04] Wenn dieser Prasser sich aber in großem Elend befindet, kann da die Gottheit dafür, wenn er sich gewaltig selbst hineingestürzt hat? Kann dem Selbstwollenden ein Unrecht geschehen, so ihm geschieht, was er will? Sage Mir nun wieder deine Meinung!“
[RB.01_030,05] Spricht Robert: „Ja, das ist wieder ganz richtig! Aber wenn die Gottheit voll der höchsten Liebe ist, was sie auch sein wird, wie ich's nun mehr und mehr einsehe, da fragt es sich von selbst: Wie konnte wohl diese Gottheit einen so qualvollen Ort oder Zustand einrichten, in dem ein Geist zuvor unbeschreibliche Schmerzen auszustehen hat, bis er sich möglicherweise einer Vollendung nähern und durch diese in einen gelinderen Zustand übergehen kann? – Muß denn eine Hölle bestehen? Und müssen solche Geister schmerzfähig sein? – Könnte denn das alles nicht auf eine weniger grausame Art eingerichtet sein?“
[RB.01_030,06] Rede Ich: „Höre, Mein lieber Freund, meinst du denn, daß die Gottheit die Hölle so eingerichtet habe? Oh, da bist du in einem großen Irrtum! Siehe, das haben von alten Urzeiten her die argen Geister selbst getan. Die Gottheit hat es ihnen nur zugelassen, um sie nicht im geringsten zu beirren in ihrer Freiheit. Aber daß sie eine Hölle je erschaffen hätte, das kann in allen Himmeln kein Wesen sich auch nur im entferntesten Sinne denken. Denn so die Gottheit eine Hölle erschaffen könnte, da müßte in ihr auch Sünde und somit Böses sein, was für die Gottheit eine Unmöglichkeit wäre. Denn es ist nicht möglich, daß die Gottheit wider ihre eigene ewige Ordnung handeln könnte. Und so ist es auch unmöglich zu denken, daß die Gottheit aus sich im eigentlichsten Sinn des Wortes eine Hölle erschaffen könnte. Aber zulassen kann und muß sie es den freiesten Geistern, wenn sie aus ihrer ganz verkehrten ursprünglichen Ordnung heraus sich selbst Zustände bereiten, die allerdings sehr arg und schlimm sind!
[RB.01_030,07] In der ganzen Unendlichkeit aber wirst du nirgends einen Ort finden, der da schon von der Gottheit aus als eine Hölle gestaltet wäre. Denn es gibt nirgends eine Hölle außer im Menschen selbst. Wenn aber der Mensch ganz freiwillig in sich durch gänzliche Nichtbeachtung des Gotteswortes die Hölle ausbildet und sich nimmer an die leichte Beachtung der Gottesgebote kehrt: was kann da die Gottheit dafür, so ein Geist sie freiwillig flieht, verspottet und lästert?
[RB.01_030,08] Da aber die Gottheit allein das wahre Leben und auch das Licht allen Lichtes ist und sonach auch die alleinige vollste Seligkeit aller Wesen, – so ist es auch wohl erklärlich, daß ein gottloser Zustand durchaus nichts Angenehmes an sich haben kann, – da es ohne Gott kein Leben, kein Licht, kein Wahres und kein Gutes geben kann!
[RB.01_030,09] Ein Mensch aber, der die Gottheit verläßt, aus sich hinausschafft und keine mehr annehmen will, muß ja in sich eine wahre Hölle gestalten, die in allem böse und arg sein muß. Wenn es dann solch einem gottlosen Menschengeist notwendig sehr schlecht ergehen muß – und je länger er in dem gottlosen Zustand beharrt, desto schlechter –, da kann die Gottheit nichts dafür. Denn würde die Gottheit sich durch ihre Allmacht eines Wesens trotzdem bemächtigen, obschon das Wesen aus eigenem freiesten Willen ihr auf das hartnäckigste widerstrebt, so würde das solch ein Wesen augenblicklich gänzlich vernichten, was wider alle göttliche Ordnung wäre.
[RB.01_030,10] Denn wenn die Gottheit nur ein kleinstes Wesen vernichten möchte, das einmal aus ihr heraus freigestellt ward, so wäre das ein Anfang zur gänzlichen Vernichtung aller Wesen. Wenn aber die Gottheit ihre Ordnung für ewig unwandelbar dahin feststellt, daß kein Wesen, möge es in der Folge sich gestalten wie es wolle, je vernichtet werden kann, so ist dadurch allen Wesen die ewige Fortdauer gesichert. Und zugleich auch für jedes Wesen die freie Möglichkeit, ein überglückliches werden zu können, aber auch so lange ein unglückliches zu verbleiben, als es selbst will!
[RB.01_030,11] So jemand einen Weinberg besitzt, in den lauter edle Reben gepflanzt sind, der Besitzer aber dann freiwillig die edlen Reben ausrottet und an ihre Stelle Dornen und Disteln setzt, weil ihn derlei Wildgewächse mehr freuen als der einfache Weinstock, – sage, ist auch da die Gottheit schuld, wenn dieser dumme Besitzer keine Weinernte macht und darob zu einem mittellosen, elenden Menschen wird?
[RB.01_030,12] Siehe, so ist es auch mit allen Geistern der Fall, die sich die Ordnung Gottes nicht wollen gefallen lassen und den herrlichen Gottesweinberg in ihnen nicht pflegen wollen! Wenn sie dann Dornen und Disteln anstatt der herrlichen Trauben ernten, kann da wohl die Gottheit als Schöpferin solches Unheils beschuldigt werden? Sage Mir, was du darüber denkst?“