Haushaltung Gottes, Band 1, 16.- 30. Kapitel

Quellentext (unbearbeitet) – Leseprobe bzw. historischer Einführungstext.

16. Kapitel

[HGt.01_016,01] Und siehe, da erhoben sie sich und gingen hin, da der große Baum stand zwischen Morgen und Mittag von der Stelle aus, da sich Cahin befand, die zwischen Abend und Mitternacht war, und kamen zurück zu den Ihrigen, die noch sämtlich trauerten und weinten, auf der Erde liegend.
[HGt.01_016,02] Und als sie nun vollends bei ihnen waren, da sprach Ahbel zu Cahin: „Siehe hier der Früchte in Menge, welche sind die wahren Früchte der Reue und Trauer; bücke dich daher nieder zu ihnen, und sättige dich, und lösche deinen Durst!“
[HGt.01_016,03] Und als der Cahin nun willig tat, was ihm sein Bruder angeraten hatte durch Mich, siehe, da fing er an zu heulen mit großer Klagestimme, und aus seinen Augen stürzten Ströme von Tränen großer Reue.
[HGt.01_016,04] Und siehe, es gefiel der ewigen Liebe wohl die Reue und die Trauer; und Sie sprach durch den Mund des Engels zum frommen Ahbel, der ebenfalls zerfloß von Tränen des Mitleids, an welchem die Liebe Wohlgefallen hatte in vollem Maße, sagend:
[HGt.01_016,05] „Ahbel, du segenerfüllter Sohn der Liebe, tritt hin zum Adam und zur Eva, den Eltern deines Leibes, und richte sie auf, und zeige ihnen den Baum des Lebens, den Ich gesegnet habe für euch alle zur Nahrung des Leibes einstweilen und auch zur Stärkung eurer Liebe derzeit!
[HGt.01_016,06] Und sage dem Adam, daß er neugestärkt aufrichten soll seine Kinder und geben soll seinen Kindern das Brot vom Baume des Lebens zu essen zur Stärkung ihres Leibes und ihrer Liebe; und sage zur Eva, daß sie hingehen soll zum Cahin und soll ihn aufrichten und ihn hinführen zum Adam; und der Adam solle ihm reichen die linke Hand, erfassend seine Rechte, und solle sodann seine Rechte auflegen auf das Haupt Cahins und solle ihn anhauchen dreimal und solle ihn aufheben siebenmal von der Erde; und so wird Cahin nach seiner Treue fähig gemacht zur allmählichen Aufnahme des Segens aus Mir.
[HGt.01_016,07] Und du, Ahbel, aber nimm das Schwert in deine Rechte, und folge Mir recht weit von hier gegen Morgen auf einen hohen Berg in einer großen Wüste! Da wirst du eine Öffnung finden; dahinein stecke das Schwert mit dem Hefte, so daß seine Spitze wird zugekehrt sein dem Himmel, und daß seine beiden flammenden Schneiden zugekehrt werden die eine dem Mittag und die andere der Mitternacht.
[HGt.01_016,08] Nach dem aber knie nieder, danke Gott, bis die Flamme des Schwertes erlöschen wird, und aus dem Schwerte wird ein Dornbusch werden und wird haben Beeren, rote und weiße; und lies sodann vom Busche drei weiße und sieben rote, und kehre dann wieder zu den Deinigen zurück! Und wenn du wieder wirst heimgekommen sein nach vierzig Tagen, da errichte Mir dann, wie du es im Paradiese unaufgefordert freiwillig getan hast, einen Opferaltar; da lege aber Garben und Früchte darauf, und zünde es an mit dem Feuer der Liebe, das Ich dir schicken werde von oben durch einen großen Blitz.
[HGt.01_016,09] Dann aber nimm einen Lehm von der Erde, knete ihn gut ab, und mache daraus ein Gefäß, das oben weit ist und unten enge, gleich dem Herzen in dir. Dieses Gefäß fülle voll an mit reinem Wasser, und setze es dann auf den Herd Jehovas zu der Opferflamme der Liebe. Und wenn das Wasser heiß wird und zu sieden wird anfangen, so nimm zuerst die weißen Beeren und wirf sie in das siedende Wasser; dann aber nach einer kleinen Weile tue dasselbe auch mit den sieben roten. Und wenn du sehen wirst, daß die Beeren sämtlich weich werden, so nimm dann das Gefäß vom Feuer, nimm die weichen Beeren nach der Ordnung, in der sie hineingetan wurden, wieder heraus mit der rechten Hand, und gib sie in die linke, lasse sie da kühl werden, und verzehre sie dann nach der bekannten Ordnung; dann aber nimm das Gefäß mit dem Wasser, darinnen gekocht haben die Beeren des Schwertes, und schütte es auf den Herd Jehovas, und überreiche dann dieses leere Gefäß dem Vater deines Leibes.
[HGt.01_016,10] Und die Beeren werden dich stärken in der Weisheit und in der Liebe, und das Wasser wird sanft machen das Feuer der Liebe; und das Gefäß aber soll sein ein sicheres Zeichen dem Adam und allen seinen Nachkommen, wie ihre Herzen beschaffen sein sollen, ausgekocht vom Wasser der Erbarmung, in welchem Früchte der Gerechtigkeit weich geworden sind durch das Feuer der Liebe zur Nahrung den Kindern der Segenliebe und dann frei geworden sind zur Aufnahme des Geistes der Heiligkeit Gottes.
[HGt.01_016,11] Und nun gehe und erfülle genau, was Ich, die ewige Liebe, dir befohlen habe! Und nachdem dieses alles wird vollbracht sein, so werde Ich wieder zu dir und dann zu den Deinigen reden durch den Mund Meines Engels, der ein Cherub ist oder der Mund der Weisheit und Liebe des heiligen Vaters. Und nun gehe und handle!“
[HGt.01_016,12] Und nun siehe, da tat der Ahbel, was ihm geboten wurde, und entfernte sich von den Seinen, nachdem er zuvor dem Vater seines Leibes den Segen übergeben hatte nach Meinem geheimen Willen, der ihm kundwurde in seinem Herzen.
[HGt.01_016,13] Und der Adam umarmte ihn weinend, und die Eva drückte ihn an ihr Herz trauernd, und alle seine Geschwister reichten ihm gar freundlich ihre Hände zum kurzen Abschied im Geschäfte Jehovas, und auch der Cahin kam hinzu und reichte ihm seine Rechte und verneigte sich vor ihm bis zur Erde; und so schied dann Ahbel unter beiderseitigen Segnungen und unter der großen Segnung von oben, begleitet von dem Engel des Herrn. 

17. Kapitel
[HGt.01_017,01] Und als er nun so verrichtet hatte das Wort Gottes genau und von da wieder zurückkam zu den Seinen, die ihn mit aller Sehnsucht ihrer Herzen erwartet hatten, und auch da verrichtet hatte das Opfer nach der Weisung der ewigen Liebe und dem Adam nun übergeben hatte das leere Gefäß in der Art und Bedeutung, wie es ihm anbefohlen war, da öffnete die ewige Liebe wieder den Mund des Engels und sprach:
[HGt.01_017,02] „Ahbel, du sehr gehorsamer Sohn Meiner segnenden Barmliebe, dich ernenne Ich jetzt zum Priester und Lehrer aller deiner Geschwister und zum Tröster deiner Eltern. Und so sollst du an jedem Sabbat morgens, so die Sonne aufgeht, ein Opfer bringen von den schönsten und reinsten Früchten, die Ich später noch genauer bezeichnen werde, und sollst sie des Abends, da die Sonne untergeht, anzünden mit dem Feuer der Liebe, das Ich dir zeigen werde, wie es verborgen ist natürlich in einem Steine, und wie man es bekommen kann allezeit aus demselben! Und dein Haupt sollst du nicht bedecken von der Mitternacht an bis wieder zur nächsten Mitternacht, damit dein Haupt frei sein möge zum Empfange Meiner großen Gnade; alle deine Brüder aber sollen ihr Haupt erst entblößen am Morgen und sollen es wieder bedecken am Abend. Die Schwestern deines Leibes aber sollen ihr Angesicht und ihren Kopf verhüllen den ganzen heiligen Tag über; nur die Eva darf blicken um die Mitte der Tageszeit dreimal nach dem Altare Gottes.
[HGt.01_017,03] Der Adam aber soll sein Haupt nimmer bedecken die ganze Zeit seines Seins zum Zeichen, daß er der Vater ist eures Fleisches, und daß ihr ihn allzeit erkennen sollet an seinem Haupte und ihm Ehrerbietigkeit und Liebe bezeigen sollet allenthalben.
[HGt.01_017,04] Wehe dem, der seinem Vater je in etwas in den Weg zu treten sich unterfangen würde! Den will Ich mit zornigen Augen anblicken; denn das Haupt des Vaters ist gleich der Heiligkeit Gottes. Jeder kann erhört werden, wenn er Reue tut im Herzen; aber wer antastet den geringsten Teil Meiner Heiligkeit, den wird das unauslöschbare Feuer derselben ergreifen und verzehren jeden Tropfen der Reuetränen in ihm, und er wird zerstört werden fürder ewiglich!
[HGt.01_017,05] Und wer aber antastet seine Mutter argen Herzens und ist entgegen ihrer Liebe, den will Ich nicht mehr ansehen in aller seiner Not. Denn die Mutter ist gleich der Liebe in Mir; wer diese verschmäht, der wird hart wandeln auf den heißen Wegen Jehovas.
[HGt.01_017,06] Desgleichen auch, so ein Bruder wider den andern ist, der wird verlieren Meine Gnade, und Meine Erbarmung wird ihm ferne sein; und so jemand mißachtet seine Schwester, vor dem soll Mein Herz verschlossen werden.
[HGt.01_017,07] Denn eure Brüder sind auch Brüder Meiner Liebe, und eure Schwestern sind die Augenweide Meiner Liebe.
[HGt.01_017,08] Daher ehret den Vater, und liebet die Mutter, und seid einander gegenseitig untertan in aller Liebe, damit ihr fürchten könnet Meinen Namen Jehova, und damit ihr lieben könnet Meine Liebe und euch geleiten lassen könnet von der großen Heiligkeit Meines Geistes am Tage Meiner großen Heiligkeit dreifältig zur Erlangung der Weisheit siebenfältig für die sechs Tage der Liebe, zu handeln gerecht vor Meinen Augen.
[HGt.01_017,09] Und nun sollst du, Ahbel, auch lehren alle deine Brüder verschiedene Arbeiten, und jeglichen eine andere, damit sie einander dienen können in der Liebe und Rat geben in mannigfacher Weisheit.
[HGt.01_017,10] Und du sollst lehren deine Schwestern, zu bereiten Fäden aus dem Grase und den Pflanzen, und sollst sie auch lehren, zu flechten dieselben in breiten Streifen und zu bereiten daraus Kleider für ihre Brüder und dann auch für sich, damit die Liebe in ihrer Ordnung erhalten werde aufrecht.
[HGt.01_017,11] Dem Adam, der Eva und dir aber will Ich Kleider geben von oben, unterschieden in der Farbe, – dem Adam weiß, der Eva rot und dir blau mit gelben Enden. Diese Farben aber soll niemand nehmen für sein Kleid, sondern soll färben sein Kleid bunt; aber es soll kein schwarzer Fleck darunter sein und auch kein Riß, – außer, wer da gesündigt hätte, der soll in der Reue sein Kleid zerreißen und soll es bestreichen mit Kohlen und sein Haupt bestreuen mit Asche zum Zeichen, daß er ein Sünder ist vor Mir und zerrissen hat das Kleid der Gnade, da er sich beschmiert hat mit der Farbe des Ungehorsams und der Tod gekommen ist über ihn!
[HGt.01_017,12] Der Cahin aber soll begehren die schönste Schwester, die da heißet ,Ahar‘ oder ,die Schönheit Evas‘, und soll mit ihr ziehen hinaus auf die Felder und soll machen Furchen in die Erde mit dem Werkzeug, das er da schon bereitet finden wird; er soll da streuen Körner in dieselben, die er da finden wird in Menge, und soll die Frucht den ,Weizen‘ nennen; und wenn dieser wird reif geworden sein, da der Kern wird fest geworden sein und braun die Ähren, so soll er die Körner sorgfältig auslesen von den Ähren und soll sie zerreiben zwischen Steinen, und das Mehl soll er befeuchten recht mit Wasser und soll daraus kneten einen Teig; und den Teig soll er hernach legen auf einen platten Stein, der da heiß geworden ist von der Sonne, und soll ihn darauf liegenlassen den dritten Teil des Tages, und dann soll er ihn von da nehmen und ihm den Namen ,Brot‘ geben; dann aber soll er dieses Brot nehmen, es brechen, Gott dafür danken und es dann genießen mit seinem Weibe Ahar.
[HGt.01_017,13] Und sooft er eine Ernte machen wird von seinen Äckern, so soll er auch Mir die ersten zehn Garben opfern.
[HGt.01_017,14] Wenn er Mir getreu bleiben wird, werde Ich allezeit wohlgefällig sein Opfer annehmen von der Erde; wenn er aber Meiner vergessen hat, so wird sein Opfer nicht angenommen werden und emporsteigen zum Himmel, sondern wird bleiben auf der Erde zu seinen Füßen.
[HGt.01_017,15] Und so soll er leben und mehren sein Geschlecht; jedoch soll er Mir sein Herz zuvor dreimal und das Herz Ahars siebenmal opfern. So er das unterlassen wird, dann wird seine Untreue am Tage sein, und er wird werden ein Böser, und die Schlange wird leben durch ihn und wird leben fort und fort hernach in allen seinen Töchtern, die dadurch schön werden von außen, aber desto häßlicher von innen, und werden verderben alle seine Söhne und werden anstecken mit ihrem Gifte die Kinder Meiner Liebe und Mir abwendig machen Meine Söhne.
[HGt.01_017,16] Und Ich werde einst sein Geschlecht ganz vertilgen von der Erde! Das alles sage du ihm fest, und erinnere ihn dabei Meines heiligen Namens Jehova und Meines Tages des Sabbats!
[HGt.01_017,17] Dir, du Mein frommer Ahbel, aber will Ich eine Herde zeigen von sanften Tieren und sie dir geben zum Weiden. Und der Name, den du ihnen geben wirst, wird ihr rechter Name sein; und wenn du sie rufen wirst bei ihrem Namen, so werden sie dich als den Hirten erkennen und werden deiner Stimme folgen allenthalben.
[HGt.01_017,18] Und du sollst Mir also künftighin nicht mehr Früchte, wie nach der Rückkunft vom Berge Jehovas, sondern die Erstlinge deiner Herde opfern, welche sind die schönsten und reinsten Früchte, deren Ich dir schon vorher erwähnt habe.
[HGt.01_017,19] Und zwar sollst du zuvor legen dürres Holz quer über den Herd, dann das blutige Opfer darauflegen, sodann Mir danken und es dann anzünden mit dem Feuer, das Ich dir gezeigt habe, wie es im Steine ist und du es nehmen sollst aus demselben nach Meinem Rate.
[HGt.01_017,20] Und zum Zeichen, daß Mir dein Opfer wohlgefällig ist, wird der Rauch desselben allezeit gen Himmel steigen schnell, als wenn er große Eile hätte. Die Asche aber, welche du mit einem Steine zudecken sollst, sollst du auf dem Altare liegenlassen drei Tage lang; am dritten Tage aber sollst du hinzugehen und den Stein von der Asche tun, und siehe, ein schöner Vogel mit glänzendem Gefieder wird sich erheben aus der Asche und wird fliegen gen Himmel. Und dann wird kommen ein Wind und wird verwehen die Asche nach allen Gegenden der Erde zur einstigen Auferstehung alles Fleisches, welches sind die Werke der wahren Liebe durch die Weisheit des heiligen Geistes, welcher gegeben wird den Kindern in der großen Zeit der Zeiten und allen Fremden, die danach dürsten werden.
[HGt.01_017,21] Essen sollet ihr gemeinschaftlich am Morgen, um die Mitte des Tages und am Abend, – aber allezeit sehr mäßig und stets in großer Furcht des Herrn, nachdem ihr Ihm allezeit vorher und nachher gedankt habt, damit die Speise gesegnet und ihr dadurch der Tod genommen werde.
[HGt.01_017,22] So jemand dieses je unterlassen wird, der wird alsobald der üblen Folgen gewahr werden. Wer es vergessen wird dreimal, den will Ich strafen mit einem langen Schlafe; wer es aber unterlassen wird aus einer trägen Faulheit, der soll dick werden wie ein Ochse und fett wie ein Schwein und dumm wie ein Esel, und die Kinder sollen seiner spotten und lachen aus vollem Halse über das Ekelhafte seiner Gestalt. Und so er wird wieder werden wollen gleich den allezeit Gehorsamen, so wird er müssen viel fasten und essen trocknes Brot.
[HGt.01_017,23] Wer es aber unterlassen wird aus starrem Ungehorsam und aus Geringachtung dieses Meines leichten Gebotes aus Liebe zu euch, über den wird kommen die Begierde der Unzucht und aller Hurerei, da er leicht fallen wird in die Sünde und durch diese in den Tod und zu bestehen haben wird einen großen Kampf, zu bekämpfen die starke Schlange der Verführung Evas, und Ich werde ihn nicht ansehen früher, als bis er in großer Reue gesiegt hat über sein Fleisch.
[HGt.01_017,24] Am Morgen aber sollet ihr essen Früchte der Bäume; um die Mitte des Tages aber sollet ihr essen vom Baume des Lebens; und am Abend aber sollet ihr trinken Milch und Honig, den Ich für euch werde sammeln lassen auf den Ästen der Bäume von vielen Tierchen der Luft des Himmels, die ihr ,Celie‘ benamsen sollet (was ihr heutzutage ,Bienen‘ nennet). Der Name ,Celie‘ aber heißt soviel als ,die Sorge des Himmels‘. Und am dritten Tage vor dem Sabbat sollet ihr schlachten ein Schaf, es reinigen vom Blute, es dann braten am Tage beim Feuer aus dem Steine und es essen am Abende fröhlich.
[HGt.01_017,25] Und es soll auch der Cahin und sein Weib Ahar kommen zu euch und essen mit euch das Fleisch des sanften Tieres; aber sonst soll er bleiben auf dem Felde und essen sein Brot mit den Früchten alldort.
[HGt.01_017,26] Und nun wißt ihr alles, was euch dermalen not tut. Und wenn da kommen wird eine kalte Zeit über die Erde zur Stärkung derselben, dann werde Ich von oben euch schicken Kleider aus Schafsfellen für Adam, Eva und dich; die Felle aber von den fürs Abendmahl geschlachteten Schafen sollen sammeln deine Brüder und sie trocken werden lassen an der Sonne und sie aufbewahren zur Bedeckung ihrer Leiber zur kalten Zeit nach dem Beispiel, das Ich dir geben werde von oben. Und wenn die Felle werden trocken, so sollen sie dieselben waschen im frischen Wasser siebenmal, worauf die Felle dann weich und rein werden, ganz tauglich zu ihrem guten Gebrauche.“ 

18. Kapitel
[HGt.01_018,01] Und nun siehe, da trat der Engel hin zum Ahbel und küßte ihn brüderlich und empfahl allen, besonders aber dem Cahin, nachdrücklich den strengsten Gehorsam zur einstigen Gewinnung der vollen Freiheit und der daraus hervorgehenden Kraft und Stärke, welche ist die große Macht der Gnade der Erbarmung der Liebe, um zu verwandeln in sich die Schlange zum Ebenbilde der Liebe und daraus zu zeugen Früchte des Segens und ja nimmer des Zornes der Gottheit.
[HGt.01_018,02] Und nun siehe, du Mein dummer Schreiber und noch immer sehr alberner, träger und fauler Knecht, und höre mit beiden Ohren, was da ferner geschah. – Und siehe, da gingen alle an ihre Bestimmung und taten, wie ihnen in der allerhöchsten Liebe aus Mir geboten war, und lebten so in guter Ordnung zehn Erdkreise um die Sonne.
[HGt.01_018,03] Aber siehe, da war einmal ein sehr heißer Tag, und die Sonne brannte stärker denn sonst über den Häuptern der Kinder und über dem Körper Cahins so, daß dieser ärgerlich wurde über die große Hitze und fluchte der Sonne; aber die Kinder waren geduldig und wuschen sich mit frischem Wasser, welches sie stärkte und kräftete, und tranken auch dasselbe und löschten sich damit den brennenden Durst und lobten und priesen Gott für die so große Gnade, daß Er ihnen gelassen hatte das Bächlein für solche Zeiten der prüfenden Not aus Seiner ewigen Liebe.
[HGt.01_018,04] Und siehe, unweit der Hütte Cahins, die er errichtet hatte nach seiner Erkenntnis aus den Ästen der Bäume und bedeckt hatte mit dem Stroh des Weizens, floß ein gewaltiger Strom, den Ich hervorgerufen hatte aus den Tiefen der Berge, welche gleich sind den Bergen des Mondes, die da sind in der Mitte des großen Landes Ahalas (oder die Wiege der Kinder der Schwachen und der Nachkommen Adams – und ist das alte Land, das ihr noch heutzutage ,Afrika‘ nennet).
[HGt.01_018,05] Und siehe, Cahin wollte nicht gebrauchen das Wasser und wurde faul und träge in der großen Hitze und wußte nicht, was er tun sollte, und wendete sich auch nicht zu Mir um Rat, und noch weniger an seinen Bruder Ahbel.
[HGt.01_018,06] Und siehe, da kam der Sabbat des Herrn, und somit auch die Zeit der Opferung. Da nahm Cahin zehn Garben, darinnen keine Frucht mehr war, aus ärgerlicher Trägheit wegen der großen Hitze, weil ihm die vollen zu schwer waren zu tragen zu seinem Opferaltare und es ihm leid geworden war um die Frucht, daß sie umsonst verbrennen sollte, woraus er dreimal Brot bereiten konnte für sich. Und so ward er argen Sinnes und legte das leere Stroh auf den Altar und zündete es an; aber siehe, der Rauch stieg nicht zum Himmel, sondern fiel zur Erde nieder, worüber der Cahin noch ärgerlicher wurde in seinem Herzen.
[HGt.01_018,07] Zugleich aber zündete auch der fromme Ahbel sein Opfer vor den Augen des Herrn an und sprach, ganz durch und durch ergriffen: „O Du guter, heiliger Vater, der Du mich Schwachen mit aller Deiner Kraft Deiner heißen Liebe durch das große Auge Deiner Sonne so gnädig anschaust! Deine große Liebe brennt zwar meine Haut, aber mein Herz schlägt Dir in dieser großen Wärme Deiner unermeßlichen Liebe zu uns Sündern desto heftiger entgegen.
[HGt.01_018,08] Ach, einst brannte die Erde Dein Zorn, o Jehova; aber jetzt brennt die Liebe aus Dir, o Du heiliger Vater!
[HGt.01_018,09] O wie süß ist dieses Brennen des reinen Feuers des Lebens aus Dir; es ist eine heilige Vorschule, die mich erst fähig machen soll zur einstigen Aufnahme des reinsten Lebens aus Dir! Oh, wie unermeßlich gut mußt Du, heiligster Vater, sein, da Du uns schon hier auf dieser Erde so stark empfinden läßt die unbegreifliche Größe Deiner großen Gnade!
[HGt.01_018,10] Ja, dieses Feuer, das ich Dir angezündet habe aus meiner schwachen Liebe, wie kalt ist es gegen das Deinige und wie klein und wie dunkel gegen das, das auf uns Unwürdige herabstrahlt aus Deiner weiten Sonne, die da ist ein kleiner Tropfen aus dem unermeßlichen Meere Deiner unbegrenzten Erbarmung!
[HGt.01_018,11] Daher nimm aber doch gnädig auf auch dieses mein kleines Opfer von mir für uns alle als ein geringes Pfand unserer heißgemachten Liebe zu Dir, Du allerbester, allerheiligster Vater, und behalte uns beständig in dieser Deiner heißen Liebe, die Du uns jetzt alle so gnädig empfinden lässest aus Deiner Sonne, amen.
[HGt.01_018,12] Und Dein sei alle Macht und Kraft über alles, was da ist auf der Erde vor Dir; und nur Du allein bist würdig, allen Preis, alle Ehre und allen Ruhm zu nehmen von uns, die wir durch Deine große erbarmende Gnade uns nennen dürfen Deine gesegneten Kinder, amen.“ 

19. Kapitel
[HGt.01_019,01] Und siehe und höre weiter! – Es standen aber die beiden Opferherde Ahbels und Cahins nicht ferne voneinander, und es war die ganze Entfernung siebenmal zehn Schritte, und war der Herd Ahbels gelegen gegen Morgen und der des Cahins gegen Abend.
[HGt.01_019,02] Und siehe, als nun der Cahin bemerkte, daß der Rauch des Ahbels emporstieg zum Himmel und der seine aber niederfiel zur Erde, da ergrimmte Cahin in seinem Herzen; aber sein Gesicht machte er glatt, daß man nicht merken sollte seinen Grimm, während Ahbel betete für Cahin, da er merkte dessen Schalkheit.
[HGt.01_019,03] Und der Herr vernahm das Flehen Ahbels und ließ nach dessen frommem Wunsche Seine Stimme hören den ergrimmten Cahin und sprach mit starker Stimme:
[HGt.01_019,04] „Cahin, warum bist du Mir ungetreu geworden und ließest einnehmen vom Grimme dein Herz, und warum verstellst du deine Gebärde und lügst mit deinen Augen? Du führst Böses im Sinne gegen Ahbel! Ist es nicht also? – Verneine es, wenn du es kannst!
[HGt.01_019,05] Ich habe vernommen, da du fluchtest Meiner Sonne, und sah die leeren Garben, mit denen du Mich abgespeist hast in deiner Trägheit und in deinem Geize, und habe dich auch mehrere Male sehen Hurerei treiben in deiner großen Faulheit, da du fast allezeit hast unterlassen, was dir geboten war zu tun, bevor du beschlafen möchtest dein Weib. Und sage, ist es nicht also?
[HGt.01_019,06] Und siehe, Ich habe dir geduldig zugesehen und ließ nicht auf dein Haupt fallen Meine strafende Rechte und ergrimmte nicht über dich in Meiner Heiligkeit! Daher erwäge Meine Worte, und werde fromm in deinem Herzen, und du sollst Mir angenehm sein, und dein Opfer wird wieder aufgenommen werden; wogegen du aber verharrst in der geheimen Bosheit deines Herzens, so hat die Sünde vor deiner Türe eine Ruhestätte sich bereitet und wird herrschen über dich, und du und alle deine Nachkommen werden Sklaven und Knechte werden derselben, und der Tod wird kommen über euch alle.
[HGt.01_019,07] Daher lasse ihr jetzt nicht ihren Willen, daß sie herrsche über dich, sondern brich kräftig denselben, und mache ihn dir untertan, damit du frei werdest, – ein Herr deines Willens, der böse ist vom Grunde aus, da er aus dir ist und nicht aus Mir!“
[HGt.01_019,08] Und siehe, da bückte sich Cahin nieder zur Erde, als wollte er bereuen seine Schuld. Aber siehe, da gewahrte er zu seinen Füßen eine Schlange und erschrak heftig vor derselben und erhob sich schnell wieder von der Erde und wollte hinfliehen zum Ahbel; aber siehe, da umschlang die Schlange seine Füße, daß er nicht konnte verlassen die Stelle.
[HGt.01_019,09] Und die Schlange erhob ihren Kopf und öffnete ihr Maul und bewegte ihre Doppelzunge und sagte zu Cahin: „Warum willst du fliehen vor mir? Was habe ich dir getan?! Siehe, ich bin ein Wesen gleich dir und muß kriechen in dieser elenden Gestalt; erlöse mich, und ich werde sein gleich dir und schöner denn dein Weib Ahar, und du wirst werden gleich Gott, stark und mächtig über alles, was ist auf der Erde!“
[HGt.01_019,10] Und siehe, da sprach der Cahin zur Schlange: „Siehe, du lügst; denn als ich dich im Grase fand, zerriß und verzehrte, hast du mich betrogen! Und wie soll ich nun deinen Worten trauen?! Denn ich mußte damals viel leiden deinetwegen; daher kenne ich deine Lüge und kann nimmer trauen deiner Stimme. Und hast du nicht auch vorher vernommen die Worte Jehovas von oben?!
[HGt.01_019,11] Daher, so in dir irgend eine Erkenntnis der Wahrheit ist, so deute mit deiner Stimme mir das alles, und überzeuge mich vom Gegenteile, so will ich dir glauben und tun nach deinem Verlangen!“
[HGt.01_019,12] Und siehe, da sprach abermals die Schlange, sagend: „Siehe, an allem dem ist dein Bruder Ahbel schuld! Er will an sich reißen die Gewalt zu herrschen, um dich als den Erstgebornen deines Rechtes zu berauben; und alles dieses stellt er so listig an, daß er sogar die Liebe der Gottheit blendet und fromm tut vor Deren Augen, damit Sie ihn ja möge herrschen lassen über alles, was da ist auf der Erde, und er dich aber trete spottend mit seinen Füßen. Denn damals, als du mich im Grase fandest und getan hast, was ich dir anriet, wärest du ein Herr geworden über alles, wenn es die tückische Schlauheit deines feinen Bruders nicht zuvor entdeckt hätte, was mit dir hatte vorgehen sollen, – der dann gleich zu dir kam aus erheuchelter Bruderliebe, gleichsam als wollte er dir helfen; ja, er hat dir auch geholfen, aber nicht auf den Thron, der dir allein gebührt, sondern ins Elend und in eine gänzliche Nichtigkeit deines erhabenen Wesens, was du doch bei dir schon lange hättest verspüren sollen.
[HGt.01_019,13] Siehe, sogar um diese Kleinigkeit war er dir neidig, da der Herr dein Opfer aufgenommen hatte wie das seinige, und wußte durch seine schändlichen Schmeichelkünste dahin zu lenken den ohnehin schwachen Willen des Jehova, daß Er dein Opfer verstieß und dir obendarauf noch eine recht derbe Zurechtweisung hat müssen über den Hals kommen lassen.
[HGt.01_019,14] Und siehe, es war ihm schon nicht recht, daß der Herr dich nicht alsogleich vernichtet hat. Daher sieh nur hin, wie er, noch arglistig betend, den Herrn bereden will, daß Er an dir das vollziehen soll, was Er jetzt gnädig noch unterlassen hat.
[HGt.01_019,15] Und nun siehe, das ist aber die große Tücke Ahbels, daß er durch seine allerschändlichste, gleisnerische Heuchelei den Herrn dahin zu bringen willens ist, daß Er ihm am Ende alle Seine Macht in Seiner Verblendung übergebe, worauf dann dieser Ahbel Ihn vom Throne stürzen wird. Und so wird dann Gott schmachten auf der Erde; er aber wird ein herrschender Gott sein auf dem Throne Jehovas ewig.
[HGt.01_019,16] Daher mache dich jetzt auf; es ist das letzte Mal, daß ich noch imstande bin, dich zu versehen mit der nötigen Kraft, zu retten Gott und dich! Daher gehe schnell hin zu ihm und rede ihn mit süßen Worten an, damit er dir folge hierher willig! Da aber will ich ihn festnehmen bei den Füßen und Händen; du aber nimm dann einen Stein, schlage ihn stark aufs Haupt, und so wirst du ihm den Tod geben, den er durch den Jehova dir hat androhen lassen! Und so wirst du dich befreien von dem sonst sicheren Tode und wirst die Augen öffnen der blinden Liebe des betrogenen Gottes, der dich dann machen wird zum Herrn auf der Erde und wird dir untertan machen den Tod der Sünde.“
[HGt.01_019,17] Und nun, so überredet in der Bosheit seines Herzens, verließ Cahin diese Stelle und ging hin zum Ahbel und sagte mit süßer Stimme zu ihm: „Bruder, Bruder, komme doch her zu mir, und befreie mich von der Schlange, die mich abermals zugrunde richten will!“
[HGt.01_019,18] Und der Ahbel aber erwiderte ihm: „Das, was du glaubst, daß es erst geschehen möchte, ist schon geschehen; was du aber verlangst in deiner Verdorbenheit von mir, will ich dir tun in meiner Liebe. Der Tod, den du mir zu geben gedenkst, wird kommen über dich; und mein Blut, mit dem du die Erde tränken wirst, wird schreien zu Gott und wird kommen über dein Haupt und über alle deine Kinder; und der Stein, mit dem du deinen Bruder erschlagen wirst, wird ein Stein des Anstoßes werden, und es werden zerschellen an ihm alle deine Kinder; und die Schlange aber wird verderben alles Blut der Erde, und die Kinder des Segens werden Rache schreien über dein Blut; und dann wird kommen über euch eine große Finsternis, und niemand wird verstehen die Stimme seines Bruders, wie du die meinige jetzt schon nicht mehr verstehst, da du dich hast blenden lassen von deiner eigenen großen Bosheit durch die Gestalt der Schlange in dir und außer dir, welche war, ist und sein wird ewig der wahre Fluch des gerechten Gerichtes Gottes!
[HGt.01_019,19] Und siehe, wie mir gezeigt hat der Herr den Plan aller deiner geheimen Bosheit und mich hat wissen lassen deinen großen Grimm, so weiß ich, was du machen willst und wirst mit mir und warum!
[HGt.01_019,20] O du, dessen Blindheit dauern wird bis ans Ende aller Zeiten der Zeiten, führe mich denn hin als schuldloses Opfer, und tue mir nach deiner Bosheit in und außer dir, damit deine Schlange zum ewigen Lügner gestraft werde und du erfahren mögest hernach an dir, wer von uns beiden der Betrogene ist!
[HGt.01_019,21] Und die Schande, die du angetan hast dem Herrn, wird dich gefangennehmen, und nach der Tat werden dir deine Augen und deine Ohren aufgetan werden, damit du sehen mögest, wie mich der Herr aufnehmen wird zu Sich als das letzte Ihm wohlgefällige Opfer aus deiner Hand; denn fürder wird kein Opfer, sondern der Tod dir gegeben werden, durch den du deinen Bruder geopfert hast.
[HGt.01_019,22] Und siehe, ich habe alle Macht über dich, und es wäre mir ein leichtes, dich zu vernichten so wie jenen Berg dort jenseits des Stromes gegen Mitternacht!
[HGt.01_019,23] Und siehe, ich werde den Berg anrufen und sagen: ,Hier bin ich, Ahbel, der Gesegnete des Herrn, voll der Macht und der Kraft des heiligen Geistes; darum verschwinde und werde zunichte, damit Cahin erfahre, wie groß seine Lüge ist!‘
[HGt.01_019,24] Und nun siehst du, Cahin, wie der mächtige Berg verschwunden ist aus dem Dasein durch die mir innewohnende Kraft des Geistes der Liebe. Und siehe, ein ebenso leichtes wäre es mir, zu vernichten dich! Aber damit du sehest, daß in Gott keine Schwäche und in deinem Bruder keine schändliche Herrschsucht ist, so folge ich dir wie ein Lamm willig zur Schlachtung.“
[HGt.01_019,25] Und siehe, da nahm Cahin den Ahbel gar freundlich beim Arm und sagte: „Ahbel, was denkst du von mir?! Ich suche deine Hilfe, und du willst mich schon im voraus beschuldigen des Todes an dir; so komm, und folge mir hin zur Stelle, da die Schlange deiner harrt, und vernichte sie wie den Berg, und mache mich frei und dich los vom Vorwurf der Schlange!“
[HGt.01_019,26] Und der Ahbel erwiderte ihm kurz: „Welches ist der Unterschied zwischen dir und der Schlange?! – Meinest du Blinder, daß auch ich ein Brudermörder sei?! – Darum folge ich dir und sterbe fürs Leben und du leben bleibest für den Tod!“
[HGt.01_019,27] Und siehe, das waren Ahbels letzte Worte an den Cahin, und von den Lippen Ahbels kam kein Laut mehr zu den Ohren Cahins; und so folgte er willig, wohin Cahin ihn führte.
[HGt.01_019,28] Und als sie nun vollends an die Stelle gelangten, wo die Schlange des Cahin harrte, da war die Stelle, da Cahins Tücke offenbar wurde und umschlang die Füße Ahbels und dessen Hände und warf ihn zur Erde nieder, nahm einen großen Stein und zerschmetterte damit den Kopf Ahbels, daß sein Blut und sein Mark weit herum bespritzte die Erde.
[HGt.01_019,29] Und die Schlange löste sich von den Füßen Ahbels, nahm den Stein in ihren Rachen und trug ihn vor die Türe Cahins und verbarg sich in den Sand unter dem Dorngestrüppe, frei. 

20. Kapitel
[HGt.01_020,01] Und siehe, da zogen von allen Seiten her schwarze Wolken über dem Haupte Cahins zusammen, und große Blitze zuckten nach allen Richtungen, begleitet von starken Donnern; und es fingen an zu toben von allen Seiten her heftige Windsbräute und schleuderten große Massen von Hagel über die fruchtbeladenen Felder und zerstörten sie bis in den Grund. Und das war der erste Hagel, der geworfen wurde herab von den Himmeln, und der Hagel war ein Zeichen der Liebe ohne Erbarmung, da die Gottheit in Ihr beleidigt wurde von neuem durch die Untat Cahins an seinem Bruder Ahbel.
[HGt.01_020,02] Und siehe, der böse Cahin floh in seine Hütte und fand sein Weib zitternd am Boden liegen und einige seiner meistens ungesegneten Kinder wie Tote neben ihr. Da schauderte er zusammen und fluchte der Schlange und ging aus der Hütte und fand den Stein, welchen die fliehende Schlange vor seine Türe gelegt hatte, daselbst, da er über denselben hinglitt und gewaltig zur Erde niederfiel und abermals fluchte der Bosheit der Schlange und dem todbringenden Steine.
[HGt.01_020,03] Und da er sich wieder aufgerichtet hatte mit seinem schmerzerfüllten Leibe, so ging er an das Ufer des sehr nahen Stromes, um aufzusuchen die verfluchte Schlange und sie zu zerstören und zu vernichten.
[HGt.01_020,04] Aber siehe, als er nun vollends ans Ufer kam, da sah er ein gräßlich Ungeheuer, sechshundertundsechsundsechzig Ellen lang, sieben Ellen breit und dick, versehen mit zehn Köpfen, ihm entgegen stromaufwärts schwimmen und sah noch, wie auf jedem Kopfe zehn Hörner gleich einer Krone herauswuchsen.
[HGt.01_020,05] Und siehe, als diese ungeheure Schlange nun vollends in seiner Nähe war, da redete sie ihn aus allen ihren Köpfen zugleich an und sagte: „Nun, du starker Cahin, Mörder deines Bruders Ahbel, hast du Lust, mit mir es aufzunehmen, so beginne dein Zerstörungswerk!
[HGt.01_020,06] Einst im Grase, da ich noch schwach war, konntest du mich wohl zerreißen und verzehren mein Fleisch und Blut; allein jetzt dürfte dir ein ähnliches Werk an mir wohl nicht gelingen, denn die gute Kost, die du mir bereitet hast vom Blute deines Bruders, hat mich groß und stark gemacht. Und nun, so du noch willens bist, mich zu zerstören, so fange an, deine Rache zu tränken mit meinem Blute. Da du aber nur zehn Finger und nicht zehn Hände hast und daher nicht ergreifen kannst jeglichen der Köpfe zugleich, so werden dich die übrigen acht zerstoßen mit ihren Hörnern und dich verzehren mit ihren acht Mäulern!“
[HGt.01_020,07] Da erschrak der Cahin heftig und floh aus dem Gesichte der Schlange und fluchte abermals der Schlange und sah, wie gewaltig er betrogen worden war von der Schlange. Da dachte er: ,Wer wird mich jetzt versöhnen mit dem ewig gerechten Gott, da mein Bruder Ahbel nicht mehr ist?! O du dreimal verfluchte Schlange, – du bist der Mörder meines Bruders und wolltest nun der meine werden! Oh, wenn ich wüßte, daß du zugrunde gehen müßtest, wenn ich zugrunde ginge, siebenmal würde ich seinen Tod an mir selbst rächen!‘
[HGt.01_020,08] Und siehe, da stand die Schlange hinter ihm in Gestalt eines überaus reizenden Fräuleins und sprach zu ihm: „Cahin, tue das, und ich werde dein Fleisch aufzehren und dein Blut trinken, und so werden wir dann wieder vollkommen eins sein und beherrschen alle Welt.“
[HGt.01_020,09] Und Cahin blickte das schmucke Fräulein an und sagte: „Ja, das ist deine wahre Gestalt; so bist du am fürchterlichsten! Wer dich sehen wird mit deinen zehn Köpfen, der wird dich fliehen wie ein Gericht der Gottheit; zu dem du aber kommen wirst in dieser Gestalt, der wird dir nachlaufen, dich fangen, dich lieben mehr denn Gott und sich für den Glücklichsten halten, so du ihn ergreifen wirst mit deinen allezeit todbringenden Händen, und die Menschen werden dir errichten Tempel und Altäre und lecken deinen Speichel und essen deinen Kot.
[HGt.01_020,10] Und hätte ich dich nicht gesehen mit den zehn Köpfen, so wäre auch ich dein Sklave geworden; aber nun kenne ich dich ganz und verabscheue dich in dieser Gestalt mehr denn in der früheren zehnköpfigen.“
[HGt.01_020,11] Da sprach das schöne Fräulein wieder: „Aber Cahin, wie magst du wohl fürchten diese zarten Glieder an mir und diese meine weiche Brust?“
[HGt.01_020,12] „O schweige“, sprach da Cahin, „deine zarten Glieder sind ebenso viele Schlangen voll bitteren Giftes, und unter deiner weichen, aufgedunsenen Brust ruht ein undurchdringlicher Panzer, mit welchem und an welchem deine Schlangenarme erdrücken werden mein armes und schwaches Geschlecht! Denn sogestaltet wirst du dir selbst den Riesen Leviathan zu deinem allergehorsamsten Diener machen!“
[HGt.01_020,13] Und nun siehe, da entzündete sich das Schlangenweib aus seinem inneren Grimm, so daß sein ganzes Wesen strahlte gleich der Sonne, und nahm an die Gestalt Ahbels gar freundlichen Gesichtes und sprach abermals zum Cahin:
[HGt.01_020,14] „Cahin, du blinder Tor, mein böser Bruder, siehe, den du hast erschlagen mit einem Steine, der steht nun verklärt vor dir und bietet dir seine Hand, dich auszusöhnen mit ihm, und fürchte nicht die Gestalt der Schlange, die du selber bist! Wer war's denn, du oder die Schlange, der untreu wurde dem Herrn? Beschliefst du oder die Schlange dein Weib gleich den Hunden ohne die vorher allezeit gebotene Opferung? Warst du's oder die Schlange, der da fluchte der Hitze und in der größten Trägheit dem Herrn leeres Stroh opferte? Sage, ergrimmte die Schlange oder du in der bösen Eifersucht wider deinen Bruder? Und war die Schlange nicht vielmehr eine äußere Erscheinlichkeit deines eigenen Bösen in dir, durch welches du dich selbst beredet hast in deinem großen Wahne, zu töten deinen Bruder?
[HGt.01_020,15] Und wie fluchst du da nun der Schlange, die du doch selber bist, und hältst noch am Ende deinen eigenen Bruder für die personifizierte Schlange?! Und sagte dir nicht dein eigener Bruder, da er noch lebte körperlich – als du hingingst ihn zu holen zum Tode, vorgebend in deiner großen Schalkheit, daß er dich befreien möchte von der Schlange –, ob du meintest, daß auch er ein Brudermörder wäre?!
[HGt.01_020,16] Sage und antworte, ob es nicht so ist; und ist es anders, so fluche erst der Schlange, und halte nicht mich, der daherkam von oben dir zu helfen als verklärter Bruder, für die Schlange, sondern dich selbst, und reiche mir deine noch vom Bruderblute befleckte Hand, damit sie von meiner Bruderliebe gereinigt werde von ihrer großen Schuld und du dann wieder Gnade finden könntest vor den Augen des Herrn!“
[HGt.01_020,17] Und siehe, da wurde Cahin gefangen in seiner Blindheit vom Satan und wollte schon reichen dem Verführer die Hand. Aber siehe, da schlug ein gewaltiger Blitz vom Himmel zwischen den Lügner und den Cahin, und der vorgebliche Ahbel lag als Schlange am Boden, und der Cahin zitterte am ganzen Leibe, erwartend das sichere Gericht von oben.
[HGt.01_020,18] Und siehe, da sprach Jehova aus den Wolken: „Cahin! Wo ist dein Bruder Ahbel, – wo hast du ihn hingetan?“
[HGt.01_020,19] Cahin aber ermannte sich bald durch den Anblick der Schlange am Boden und sagte: „Wie fragst Du mich darob? Bin ich ein Hüter dessen?“
[HGt.01_020,20] Und die Stimme Jehovas sprach heftiger denn früher: „Das Blut deines Bruders, damit du die Erde hast getränkt, schreit zu Mir! Ich habe deine Tat gesehen; wo ist Ahbel, dein Bruder?“
[HGt.01_020,21] Und Cahin aber sprach: „Herr, meine Sünde ist so groß, daß sie mir nie mehr vergeben werden kann!“
[HGt.01_020,22] „Ja“, sprach Jehova, „daher sei verflucht auf der Erde, die Ahbels Blut verschlang; und wenn du auf derselben künftighin einen Acker machen wirst, so wird er dir kein Brot mehr geben, und du sollst fürder unstet und flüchtig herumirren auf derselben ohne Dach, wie ein reißendes Tier, und sollst dich ernähren von Dornen und Disteln!“
[HGt.01_020,23] Da erschrak der Cahin gewaltig und sagte mit bebender Stimme: „Herr, Du Allgerechter, siehe, Du treibst mich heute aus diesem Lande, und ich muß fliehen vor Deinem Angesichte und unstet und flüchtig sein auf der Erde. Und mir Armem wird's dann ergehen, daß mich totschlagen wird, wer mich findet; daher sei gnädig mir der Meinen wegen!“
[HGt.01_020,24] Und siehe, da sprach Jehova: „Nein, es soll niemand totschlagen den Cahin, – sondern wer den Cahin töten würde, der soll getötet werden siebenmal! Damit sich aber niemand an dir vergreife, so will Ich dich bezeichnen an der Stirne mit einem schwarzen Flecke, damit dich niemand mehr erkennen und erschlagen soll.“
[HGt.01_020,25] Und nun siehe, da floh Cahin mit den Seinen aus Meinem Angesichte weit jenseits Heden in ein tiefgelegenes Land Nhod. Heden aber war ein schönes Kleinhügelland, voll von den besten Früchten; da gefiel es Cahin, und er wollte sich niederlassen daselbst. Als er aber auf zu den Hügeln geblickt hatte, da sah er überall einen Mann stehen, grimmen Gesichtes, bewaffnet mit einem Steine in der Hand, als wartete er auf den Cahin, zu rächen seine Untat; und diese Erscheinung war ein Werk der großen Furcht in ihm. Und er sah, daß hier keines Bleibens war für ihn.
[HGt.01_020,26] Da floh er weiter und weiter gegen Morgen und gelangte in eine große Niederung; da fiel er ermattet nieder und schlief drei Tage und drei Nächte. Dann aber kam ein mächtiger Wind von den Bergen herab, erweckte die Schlafenden und sauste und brauste dann über die weiten Ebenen dahin und legte sich endlich in den Tiefen des Landes, das da hieß ,Nhod‘ oder ,trockener Grund des Meeres‘.
[HGt.01_020,27] Und der Cahin blickte wieder empor zu den hohen Zinnen der Berge, und er entdeckte keine Männer mehr; da wußte er nicht, was er da tun sollte. Nach einer kurzen Weile aber streckte er seine Arme aus und schrie überlaut: „Herr, Du Gerechtester, so an Dein Ohr aus dieser großen Ferne noch dringt mein Geschrei, so siehe her über diese Zinnen gnädig der Kinder und meines Weibes wegen auf den gezeichneten Flüchtling der Heiligkeit Deiner Augen, die da gezeichnet hat meine Stirn mit der Nacht der Sünde, damit ich nicht erkannt würde mit freier Stirne an der Untat, die da gezeichnet steht auf der Stirne, in den Händen und auf der Brust des großen Sünders, dessen Sünde zu groß ist, als daß sie ihm je vergeben werden könnte.“
[HGt.01_020,28] Und siehe, da kam eine Wolke über die hohen Berge herab, siebenundsiebzig Manneshöhen hoch über den Flüchtigen, und eine starke Stimme sprach aus derselben, und das war die Stimme Ahbels, die da sagte: „Cahin, kennst du diese Stimme?“
[HGt.01_020,29] Und Cahin entgegnete: „O Bruder Ahbel, kommst du daher, um dich billig zu rächen an mir, deinem Mörder, so tue mir nach der Gerechtigkeit; aber schone deiner gesegneten Schwester und ihrer Kinder!“
[HGt.01_020,30] Da sprach die Stimme abermals und sagte: „Cahin, wer da Böses tut, ist ein Sünder; wer da Böses vergilt mit Bösem, der ist ein Knecht der Sünde; wer Gutes tut fürs Gute, der hat die Schuld abgetragen, und es wird nichts übrigbleiben zu seinem Teile; wer das Gute erstattet mehrfach, der ist wert seiner Brüder; aber vor Gott zählt nur eines, und das ist: Gutes tun für Böses, und segnen, die da fluchen den Wohltätern, und das Leben geben für den Tod!
[HGt.01_020,31] Und siehe, als dieser Letzte komme ich zu dir; daher fürchte dich nicht vor mir, da ich gesandt bin von oben nun zu dir, um dir für's erste zu zeigen, daß der Herr wahrhaft und getreu ist in allen Seinen Verheißungen, und um fürs zweite dir aber anzudeuten, daß du in diesem Lande zu verbleiben hast mit den Deinigen und dich und sie zu ernähren hast mit den Früchten, die du antreffen wirst in diesem Lande, und um dann dir auch anzuzeigen, daß dir dein Bruder vergeben hat deine Tat durch die große Liebe des Vaters in ihm.
[HGt.01_020,32] Mein Blut aber sollst du sühnen mit deinen Reuetränen, bis der Fleck gewaschen werde damit von deiner Stirne; und deine Kinder und dein Weib sollst du führen in aller Furcht vor dem Herrn. Und so du es tun wirst frei aus dir aus Furcht vor dem Herrn, so wirst du bleiben und leben, wie du bist, ein Geächteter; aber in der Liebe wirst du rühren das hartgemachte Herz der Gerechtigkeit.“ 

21. Kapitel
[HGt.01_021,01] Und siehe, da wurde Cahin beruhigt in seiner großen Furcht. Die Wolke verschwand, und er weinte Tränen der Reue und ging und suchte Nahrung für die Seinen und dachte nach, wie weit er sich entfernt hatte vom Paradiese, und wie er nun so gänzlich verloren hatte die Liebe des Herrn und nun hinausgestoßen war in die harte Gerechtigkeit, stehend an der Schwelle des Gerichtes aus Gott. Und da er so dachte, da vermehrten sich seine Reuetränen, und es wurde ihm immer einleuchtender, wie so gar sehr groß seine Schuld vor Gott doch sein müsse, und er dachte auch, ob es denn doch wohl noch irgend möglich wäre, je nur zu dem allergeringsten Teile der Liebe zu gelangen.
[HGt.01_021,02] Und so dachte er hin und her und auf und ab. Und siehe, da gelangte er mit den Seinen so in diesen Gedanken an einen reichlich fruchtbeladenen Brombeerstrauch; und da es alle gewaltig hungerte nach einer Speise, so wollten sie alsogleich herfallen über denselben und nach Hunger, Lust und Übermaß davon genießen.
[HGt.01_021,03] Aber siehe, da faßte der Cahin einen rechten Gedanken und sagte zu den Seinen: „O mein Weib und meine Kinder, zieht schnell zurück eure Hände, die ihr schon vorschnell ausgestreckt habt nach dieser reichen Kost; denn noch wissen wir nicht, ob sie das Leben oder den Tod enthält! Und laßt uns daher vorher niederfallen auf die Erde und bekennen vor Gott unsere große Schuld, und laßt uns Ihn bitten im Staube unserer Ohnmacht, daß Er gnädig möchte segnen zuvor diese Frucht; und so Er das doch vielleicht tun wird aus Seiner übergroßen Erbarmung heraus, dann müssen wir Unwürdige Ihm erst danken zuvor, und dann erst können wir mit Furcht und Zittern uns mäßig sättigen daran.“
[HGt.01_021,04] Und siehe, da traten alle einige Schritte zurück vom Strauche und taten nach dem Willen und nach der rechten Einsicht Cahins, der da laut allen vorbetete und weinend sagte: „O Du allergerechtester, großer, heiliger Gott, siehe gnädig auf uns Würmer im Staube der Ohnmacht vor Dir, Du Allmächtiger, die es nicht wagen, ihre Augen in ihrer allergrößten Schuld emporzurichten zu Deiner unaussprechlichen Heiligkeit! O gedenke unserer Schwachheit, und lasse nicht zugrunde gehen uns arme, reuige, große Sünder!
[HGt.01_021,05] Sieh, dieser Strauch vor uns scheint eine gute Frucht zu tragen als eine Speise für uns Sünder; aber wir getrauen uns nicht davon zu essen, da wir blind geworden sind durch unsere große Bosheit und daher nicht mehr sehen können, ob der Tod oder das Leben darinnen ist.
[HGt.01_021,06] Daher wolle uns gnädig anzeigen, wessen Geistes diese Frucht ist, damit wir Dich erst dann recht bitten können, daß Du, o Übergerechter, das Gift der Schlange ihr nehmen mögest und nur einen kleinen Tautropfen Deines Segens dann mögest darauf fallen lassen, damit wir nicht verderben. O Herr, Du Gerechter, Du Heiliger, erhöre, erhöre, erhöre unsere schwache Bitte!“
[HGt.01_021,07] Und siehe, da kam geflogen eine glührote Wolke von den Bergen ins Tal über den Strauch; und aus derselben schlug ein heftiger Blitz mit starkem Gekrache in den Strauch. Und siehe, eine große Schlange floh zischend aus demselben hervor und nahm mit offenem Rachen die Richtung gegen Cahin; er aber erschrak über die Maßen vor derselben. Aber siehe, die Blitze ließen ihr keine Ruhe und trieben sie in aller Schnelle in den heißen Sand der weiten Wüste; und als sie vollends verschwand aus dem Gesichte Cahins, da wandte er sein Gesicht wieder zum Strauche und dankte Gott in der Stille für diese so gnädige Errettung aus der größten aller Gefahren.
[HGt.01_021,08] Und siehe, da sah er auch, wie aus dieser Feuerwolke anfingen große Tropfen zu fallen über den Strauch, so daß ringsumher weit und breit die Erde befeuchtet wurde.
[HGt.01_021,09] Und Cahin sah mit den Seinigen die große Freigebigkeit des Herrn und fiel abermals nieder mit all den Seinigen und dankte Gott in aller Inbrunst seines Herzens für so große Wohltaten und sagte, in Tränen zerfließend: „O Herr, Deine Gerechtigkeit ist groß und unbegreiflich, – aber wie groß muß erst Deine Liebe sein, da Du noch vermagst, des größten Sünders zu gedenken mit so großen Wohltaten aus Dir, o Du ewige Liebe! Wie groß muß doch die Bosheit sein, die Dich je verkennen mochte!“
[HGt.01_021,10] Und siehe, da ließ sich aus dieser noch segentriefenden Wolke eine Stimme hören und sprach vernehmliche Worte, die da lauteten: „Höre du, Cahin! Ich habe Meine Gerechtigkeit verwandelt in Liebe; jedoch wird die Liebe sein nur bei denen, die sie da werden suchen künftig nicht nur in der Not und Bedrängnis, sondern in ihrer Fröhlichkeit und in ihrer Freiheit.
[HGt.01_021,11] Siehe, Ich will dir einen Termin setzen auf zweitausend Jahre, und es soll in dieser Zeit keinen treffen je Meine Gerechtigkeit; und aus dieser Meiner Gerechtigkeit will Ich ein großes Gefäß bereiten und es setzen über die Sterne – und will aus Meiner Liebe ein zweites Gefäß bereiten und es setzen unter die Erde. Und so könnet ihr tun, wie ihr wollet: Werdet ihr Böses tun, so werden eure Taten füllen das Gefäß der Gerechtigkeit, und wenn es wird voll geworden sein, so wird es bersten an allen Orten und wird lassen herniederstürzen die ganze Schwere über alle Täter des Übels und wird sie töten allesamt; das Gefäß der Liebe aber, so es leer bleiben wird unter der Erde, wird aufnehmen die Toten zur langen, reinigenden Qual. Und da werden, die da sich werden reinigen lassen, versetzt werden in die Gestirne zu langen Kämpfen; die aber da sich verhärten werden aus ihrer inneren Bosheit heraus, die werden dereinst geworfen werden unter den Boden dieses Gefäßes, da sein wird ewiges Heulen und ewiges Gekläffe der Zähne im Zorne Gottes.
[HGt.01_021,12] Und nun tretet hinzu zum vom Segen befeuchteten Strauche, und esset davon zur Stillung eures Hungers, und bedenket dabei allezeit, von wem diese Gabe ist!
[HGt.01_021,13] Und breitet euch aus im Lande der Tiefe; aber auf die Berge wage keiner von euch je zu setzen seinen Fuß, denn ihre Zinnen sind heilig und sind bestimmt zur Wohnung für Meine Kinder! Wer von euch je dieses Gebot übertreten wird, der wird den allezeit da wohnenden Wächtertieren – als Bären, Wölfen, Hyänen, Löwen, Tigern und auch großen, lebenden Schlangen, die zuunterst hausen werden – zur Beute werden, desgleichen auch alle zahmen Tiere, die euch später werden untertan werden.
[HGt.01_021,14] Nur so jemand von euch würde ganz fromm werden und bestehen die Feuerprobe Meiner Liebe, dem solle gestattet werden, einzudringen in den Bauch der Berge und da zu sammeln Erz und Eisen und daraus zu bereiten Werkzeuge nach dem, wie euch lehren werden eure Bedürfnisse.
[HGt.01_021,15] Und nun esset, befruchtet und mehret euch männlich und weiblich, und wehret ab dem Samen der Schlange durch eure gerechte Furcht vor Mir, der Ich bin Gott, der Ewige, Gerechte und Heilige, amen!“ 

22. Kapitel
[HGt.01_022,01] Und nun siehe, da aßen sie und taten, wie ihnen geboten war, eine Zeitlang. Cahin erkannte nun wieder sein Weib und zeugte mit ihr einen Sohn und gab ihm den Namen ,Hanoch‘, das heißt ,die Ehre Cahins‘. Und Cahin berief alle seine Kinder zusammen und sagte: „Kinder, seht hier einen neuen Bruder, den mir gegeben hat der Herr zu einem Herrn über euch, wozu ich ihn machen werde, damit eine Ordnung sei unter euch und ein Ende werde eures Gezänkes und eures Haders. Und er wird euch geben Gebote und wird loben die Treuen und züchtigen die Übertreter, damit auch wir ein Volk werden, groß und voll Ruhmes gleich den Kindern Gottes, die der Gesetze nicht bedürfen, da sie die Liebe haben, die sie frei macht und uns aber gelegt hat meiner Sünde wegen unter ihre Füße, die uns zertreten werden, so wir Gesetz- und Ordnungslose nicht haben einen, der uns vertrete und rechtfertige vor ihrer großen Macht.
[HGt.01_022,02] Seht, ihr Gott ist auch der unsere; aber sie haben an Ihm einen guten Vater – und wir aber einen Richter! Der Vater kennt ihre Liebe, und Sein Auge und Ohr ist bei ihnen. Aber nicht so ist es bei uns. Wir sind uns selbst überlassen und können handeln, wie wir wollen; jedoch wenn wir bestehen wollen, so sind uns Gesetze und Ordnung notwendig. Denn sonst kann da nun erschlagen einer den andern im Zanke und Hader nach seiner Willkür, und so wird sich das Gefäß der Gerechtigkeit füllen vor der Zeit, und wir werden dann allesamt zugrunde gehen durch die auf uns niederstürzenden großen Lasten unserer Greueltaten. Daher laßt uns alle kräftig zusammengreifen und zusammentragen Steine, große und kleine, und errichten eine hohe und feste Wohnung für ihn und, so viele unser sind, für jeglichen eine kleine in einem weiten Kreise um die seinige herum, damit er alle überschaue und beobachte ihr Tun und Treiben. Er aber soll frei sein von jeder Arbeit als ein Fürst in eurer Mitte und soll essen von euren Händen.
[HGt.01_022,03] Für jetzt aber bin ich im Namen der Gerechtigkeit Gottes als Vater euer aller Gesetzgeber, und wehe dem, der ungehorsam wird meinen Geboten! Mein Fluch wird ihn hart treffen; dann aber wird keines Erbarmens sein über den Verfluchten in meinem Herzen, da keine Liebe mehr, sondern nur Gerechtigkeit innewohnt.
[HGt.01_022,04] Sehet, wo die Liebe wohnt, da ist auch Erbarmen, und es gilt Liebe für Recht; wo aber nur Gerechtigkeit wohnt, da kann nur gelten Recht für Recht und Gericht für Gericht, Lohn für Lohn, Treue für Treue, Gehorsam fürs Gesetz, Gericht für den Ungehorsam, Strafe für Vergehen, Fluch für Verräterei und Tod für Tod.
[HGt.01_022,05] Und das sei eine Heiligung dieses meines Ausspruches, daß ich jetzt euch allen schwöre beim Himmel und seiner unerbittlichen Gerechtigkeit und bei der Erde, der harten Wohnstätte des Fluches Gottes, daß jeden Übertreter treffen wird scharf und genau, was ich hier jetzt euch allen kundgetan habe durch meinen Mund als Vater und als Fürst.
[HGt.01_022,06] Dann aber kommt euer Bruder als euer wahrer Herr und Gesetzgeber nach seiner gerechten Einsicht und freien Willkür, – daher er auch sein wird frei vom Gesetze, da jede seiner freien Handlungen euch gesetzlich werden und bleiben muß, bis er es für gut erachten wird, es wieder aufzuheben.
[HGt.01_022,07] Jetzt ist euch bekannt mein Wille, und demnach handelt und tut, wollt ihr bestehen in der Strenge der Gerechtigkeit durch Gesetze für die Ordnung zur Vermeidung des Gerichtes, welches sonst alle treffen würde, wenn nicht gesetzt wäre in der Gerechtigkeit Gericht für Gericht.“
[HGt.01_022,08] Und siehe, da gingen alle von dannen und legten ihre Hände ans Werk, zu erbauen also eine Stadt, und arbeiteten daran sechzig Jahre. Da ihnen die Gebäude oft zusammenfielen, so brauchten sie viel Zeit für die Erbauung der Wohnung des neuen Fürsten und konnten dieselbe erst vollenden, als Ich dem Hanoch im Traume gezeigt hatte, wie sie bauen sollten, da es Mich gedauert hatte der armen Kinder, die bei diesem Baue vielen und großen Mißhandlungen ausgesetzt waren von dem zwar bis dahin sehr geordnet streng gesetzlich rechtlichen Cahin, der nun die Seinen führte als ein Tyrann unter großem Schrecken und unter großer Furcht und Angst vor den Strafen ohne Gnade und Erbarmung, da in ihm keine Liebe war, gerecht im Gehorsam gegen alle Gesetze, – bedachte aber dabei nicht, daß ein Gehorsam, der eine bloße Folge großer Furcht ist, eigentlich doch nicht im allergeringsten ein Gehorsam ist, sondern pure Eigenliebe. Denn wer sich selbst liebt, der hält das Gesetz aus reiner Furcht nur vor der allezeit sicher folgenden Strafe bei der Übertretung desselben, da er sich seiner selbst überaus erbarmt, so er empfindet der Strafe Schmerz in seiner unbehilflichen Schwäche; findet er aber auch nur die geringste Gelegenheit, unbemerkt zu sein in seinem Herzen, so wird er fluchen dem Gesetze und dessen Geber und wird dasselbe bald treten mit den Füßen.
[HGt.01_022,09] Und hat dann ein solcher sich irgend eine größere Kraft sammeln können, so wird er da doppelt grausam über all die Gesetze, mögen sie nun gut oder böse sein, herfallen und wird sie zerstören und vernichten samt dem liebelosen Gesetzgeber. (NB. Das sollen auch wohl bedenken alle Führer und Gesetzgeber dieser Zeit; denn auch ihrer harrt ein gleiches Los, so sie meinen, Furcht sei das einzige Mittel, zu erhalten die Ordnung und ihre Vorteile durch den darob stummen Gehorsam der Sklaven; sonst werden es alle bald hart empfinden, welche Früchte Gesetze, welche nicht ihren Ursprung in der reinsten, uneigennützigsten Liebe haben, dereinst früher oder später, oder entweder hier oder aber doch allezeit sicher jenseits bringen werden.)
[HGt.01_022,10] Denn siehe, der Cahin handelte deswegen so gewissermaßen rechtlich grausam, weil er nicht allezeit volle Gnade und Bereitwilligkeit fand bei Mir, sooft er nach einer bösen Tat Reuetränen vergoß. Dies konnte Ich jedoch nicht tun, da seine Reue nur auf den Verlust der Gnade, nie aber auf Meine Liebe gerichtet war.
[HGt.01_022,11] Und siehe, wer so trauert, der trauert nicht in der wahren Tiefe um den Verlust des Lebens, sondern nur vielmehr um den des Wohllebens; und so ist seine Reue falsch, da ihm nichts gelegen ist an der vollkommenen Wiedervereinigung mit Mir. Und so Ich aber dann auch wollte ihm geben, was er nicht verlangt und will, so würde er dann nur den Tod durch solchen Austausch des Willens erhalten, da der freie Wille das eigentlichste Leben des Menschen ist.
[HGt.01_022,12] Und siehe, das war auch der Fall beim Cahin, da er verbannt hatte die Liebe und dafür ergriff die Gerechtigkeit, ohne zu bedenken, daß es ohne Liebe keine Gerechtigkeit gibt, und daß die Gerechtigkeit eigentlich die höchste Liebe selbst ist, ohne welche alles zugrunde gehen würde und notwendig müßte. 

23. Kapitel
[HGt.01_023,01] Und siehe, als nun vollends erbaut war die Stadt, da nahm Cahin den Hanoch und führte ihn in die hohe Wohnung, die da erbaut wurde für ihn, und übergab ihm daselbst in der Gegenwart aller seiner Kinder und auch schon Kindeskinder die ganze Vollmacht über sie und forderte ihn auf, ihnen allen zu geben Gesetze nach seiner rechten Erkenntnis, frei nach seiner Willkür, indem er sagte:
[HGt.01_023,02] „Siehe, Hanoch, hier in dieser nur für dich allein erbauten Wohnung übergebe ich dir alle meine väterlichen Rechte mit aller Macht und Gewalt zur freien Führung meiner, deiner und ihrer aller Kinder durch Gesetze nach deiner Willkür, welche heilig zu halten sind von ihnen; denn es liegt wenig am Gesetze selbst, ob es so oder so ist, sondern es liegt alles an der genauen Befolgung desselben, und demnach wird es heißen: ,Dem gemäß handeln, recht handeln, – wider dasselbe aber, vollends unrecht!‘, und es muß dann allezeit gestraft werden nach dem Maße der Übertretung.
[HGt.01_023,03] Und so werden wir dann frei durch die Haltung und nicht durch das Gesetz, an dessen Beschaffenheit nichts gelegen ist, sondern nur an der Beachtung desselben.
[HGt.01_023,04] Jedoch du als der Gesetzgeber bist frei von jeder Haltung, weil deine Freiheit heilig sein muß des Gesetzes wegen; denn so auch du gebunden wärest ans Gesetz, so würde es dich hemmen, in der notwendig freien Sphäre zu wirken, da du dann selbst gefangen wärest im selben. Daher mußt du außer demselben stehen, frei als einer, der keine Gesetze kennt; aber jede deiner Handlungen muß ihnen als den dir ganz Übergebenen zum strengen Gesetze sein, und so du willst, so müssen sie handeln, wie du willst, – und so sollen alle ihre Regungen und Bewegungen nichts sein als nur die deines Willens.“
[HGt.01_023,05] Und da öffnete der neue Fürst seinen Mund und sprach in einem sehr gebieterischen Tone: „So höret, ihr meine Untertanen allesamt, männlich und weiblich! Keiner betrachte je etwas als sein Eigentum, sondern als das allein meinige, damit das Zanken und Hadern unter euch ein Ende nehme! Daher werdet ihr alle in der Zukunft nur mir dienen und arbeiten für meine Kammern; dafür sollet ihr zu essen bekommen je nach eurem Fleiße, und es sollen die Getreuesten näher zu mir kommen dürfen als die weniger Getreuen und da haben eine bessere Kost die Aufseher und Vollstrecker der Rechte und Vollzieher der gerechten Strafen. Wehe dem Ungehorsamen! Diesen werde ich hinaustreiben lassen zu den Bergen, und die Tiere daselbst sollen ihn erwürgen und zerreißen. Die aber übertreten werden meine Gesetze aus Trägheit, Unaufmerksamkeit und aus Leichtsinn, die sollen gezüchtigt werden mit Ruten bis zum Blute; die aber, welche sich getrauen würden, mir als dem Fürsten in irgend etwas zu widersprechen, die sollen gezüchtigt werden mit Schlangen bis in das Mark ihrer Gebeine, und es soll ihnen ausgerissen werden ihre Zunge und vorgeworfen werden den Schlangen zur Speise. Und wer mich je mit scheelen Augen anschauen wird, dem sollen die Augen ausgestochen werden, damit er fürder nicht mehr wird schauen können seinen Fürsten. Der Träge aber soll ein Lastträger werden und soll behandelt werden wie ein Lasttier mit Stecken und Knütteln, damit geläufiger werden seine Füße und schneller seine Hände.
[HGt.01_023,06] Sonst gebe ich euch kein Gesetz als die strengste Folgsamkeit in allen meinen freien Wünschen und Befehlen, die ich an euch werde ergehen lassen zu jeder Zeit des Tages sowohl als auch der Nacht, amen.“
[HGt.01_023,07] Und siehe, da erschrak selbst der Cahin und alle übrigen über alle Maßen und gingen tief bestürzt aus der Wohnung Hanochs und verwünschten in ihren Herzen ihren grausamen Vater Cahin, der ihnen für ihre so großen Anstrengungen bereitet hatte ein so erbärmliches Los.
[HGt.01_023,08] Und als es nun Abend wurde, da hungerte es sie alle, und sie getrauten sich nicht zu essen und gingen traurig hin zum Hanoch und sprachen: „Herr, wir haben gearbeitet den ganzen Tag; nun, so gib uns auch zu essen, wie du versprochen hast!“
[HGt.01_023,09] Hanoch aber erhob sich und sprach: „Wo sind die Früchte eurer Arbeit? Bringet sie her, und zeiget sie mir, und leget sie in meine Kammern, und dann will ich geben lassen jedem nach Recht!“
[HGt.01_023,10] Und sie gingen und brachten, wie ihnen geboten war, die einen viel und die einen wenig, und legten dieselben zu seinen Füßen.
[HGt.01_023,11] Cahin aber und sein Weib brachten nichts in der Meinung, sie seien frei. Und siehe, da teilte Hanoch die Früchte und sprach: „Wer da gearbeitet hat, der soll auch essen; wer aber nicht gearbeitet hat, der soll auch nicht essen.“
[HGt.01_023,12] Und so mußten Cahin und sein Weib für diesmal fasten. Und siehe, da verließ Cahin mit seinem Weibe weinend die Wohnung Hanochs und fand auch kein mitleidiges Herz unter allen seinen Kindern und Enkeln. Da ging er hinaus auf die Felder und aß da von den übriggebliebenen Früchten; und da für ihn keine Wohnung errichtet war, so übernachtete er mit seinem Weibe unter freiem Himmel.
[HGt.01_023,13] Und als des andern Tages wieder daherkamen seine Kinder, um zu arbeiten, fanden sie ihn schon Früchte sammelnd. „Seht“, sprachen sie, „er arbeitet das erste Mal in diesem Lande; es geschieht ihm ja recht, da er es so hat haben wollen: statt Liebe das Recht!“
[HGt.01_023,14] Und siehe, als sie nun wieder gearbeitet hatten unausgesetzt bis um die Mitte des Tages, einige sammelnd Früchte, einige bauend noch mehrere Häuser und Wohnungen und Vorratskammern und einige dienend ihrem Fürsten zu seiner Bequemlichkeit und seinem Weibe und seinen Kindern, da kamen wieder alle hin zu ihm in die hohe Wohnung und brachten ihm Früchte und sonstige Zeichen ihres ermüdenden Fleißes und begehrten zu essen nach Recht, desgleichen auch der Cahin mit seinem Weibe.
[HGt.01_023,15] Und siehe, da erhob sich Hanoch grimmig ernst und sprach: „Wie oft wollt ihr denn essen des Tages?! Meinet ihr, ich lasse für euch die Früchte sammeln, daß ihr dann sorglos gefüttert werden könntet?! Wovon soll denn ich und meine Dienerschaft leben, deren Sache nicht ist, zu arbeiten gleich euch, sondern zu tragen ihren Herrn auf ihren Händen?! Daher entfernet euch von mir, und wage es von euch allen ja keiner mehr, je zu betreten die Schwelle dieser meiner hohen Wohnung! Ich werde von nun an täglich durch meine Diener lassen abnehmen von euch die Früchte für mein Haus; ihr aber könnet sparsam essen nur von den Früchten, die da frei von selbst von den Sträuchern und Bäumen gefallen sind, – so die Sammler, so auch die da bauen. Und das sei euch ein neues Gebot, das ihr heilig zu halten habt; wehe dem Übertreter!“
[HGt.01_023,16] Und siehe, da nahm der Cahin das Wort und fragte den Hanoch ganz traurig und tief bewegt: „O Hanoch, du großer Fürst, mein gewesener Sohn, sage nach deinem Herzen recht und gerecht, ist dein Vater und deine Mutter nicht ausgenommen von allem dem, so du geboten hast weise deinen Untertanen nach deiner freien Willkür? Und muß ich denn sein gleich meinen Kindern, so gebiete, daß sie auch ernähren sollen ihren Vater und ihre Mutter, die wir schon alt, mühselig und sehr schwach geworden sind. Oder erlaube mir gnädigst, zu ziehen von dannen bis ans Ende der Welt, damit ich nicht sehe die große Trübsal meiner Kinder fürder, da sie schmachten unter dem schweren Joche der freien Gerechtigkeit.“
[HGt.01_023,17] Und siehe, da sprach Hanoch: „Wie fragst du mich denn?! Tue ich nicht recht, wenn ich tue, wie du mir die Lehre und die Macht gegeben hast?! Hast du doch selbst niemanden als mich selbst nur gesetzlos erklärt und hast keine Ausnahme gemacht mit dir! Wie verlangst du denn nun solches von mir widerrechtlich und willst mich dadurch zwingen, an dir, dem ersten Gesetzgeber, die streng rechtlichen Folgen des Ungehorsams zum abschreckenden Beispiele für die andern ohne Gnade ersichtlich zu machen?! Und wenn ich so handle, sage, tue ich unrecht?! Denn da bei uns keine Liebe ist, sondern nur das blanke Recht, wie kannst du da ansprechen gegen die Gesetze meiner freien Willkür um irgendeine Ausnahme als einer Gnade, welche sich nie vertragen kann mit den Rechten der Gesetze deines Fürsten?! Daß du mein Vater bist, was geht das mich an?! Bin ich doch geworden durch dich, ohne daß ich es auch nur unter irgendeiner Bedingung habe werden wollen! Und so hast du mich ja gezeugt ohne meinen Willen und machtest mich zum Fürsten ohne denselben! So sage mir denn, da ich nun wurde und bin, was ich bin, und wie ich bin, so ganz ohne meinen Willen, da ich keinen hatte, und auch nicht unter nur irgendeiner Bedingung, rein nur zufällig durch deine Wollust und Fürst durch deinen Ehrgeiz, welche Verbindlichkeit ich somit, rechtlich betrachtet, zu dir habe!
[HGt.01_023,18] So fliehe denn aus meinen Augen, wohin du willst, damit dich nicht ereilen die strengen Folgen der Gerechtigkeit! Dies sei die einzige Gnade, die ich dir frei aus mir, da ich tun kann, was ich will, gewähre; und nun gehe und fliehe!“ 

24. Kapitel
[HGt.01_024,01] Und nun siehe, da fing Cahin an zu weinen und zog mit seinem Weibe und vier Kindern, zwei Männlein und zwei Weiblein, von dannen und kam nach vierzig Tagen an die Ufer der Meere und erschrak da beim Anblicke der großen Gewässer, da er glaubte in allem Ernste, das Ende der Welt erreicht zu haben. Und er dachte: Wenn mich nun Hanoch verfolgte, wohin werde ich da fliehen?
[HGt.01_024,02] Vor mir ist das Ende der Welt und links und rechts sind hohe Berge, die ich nicht betreten darf, und das gnädige Auge und das Ohr des Herrn ist verschlossen für mich. Auch sehe ich hier lauter fremde, ungesegnete Früchte; wer wird sich dieselben zu essen getrauen? Und unser Vorrat, den wir mitgenommen haben, ist nun auch verzehrt! – Was soll ich nun tun?
[HGt.01_024,03] Ich will denn doch noch einmal versuchen, ein großes Geschrei an den Herrn zu richten; entweder wird Er mich erhören, oder Er wird uns zugrunde gehen lassen, und so wird es uns doch wenigstens am Ende ergehen nach Seinem Willen, den wir gewiß die ganze, lange Zeit hindurch in unserer großen Blindheit nicht erkannt haben.
[HGt.01_024,04] Und siehe, da fing Cahin nach einem Zeitlaufe von siebenundsiebzig Jahren wieder an, zu Mir zu beten, drei Tage lang Tag und Nacht hindurch ohne aufzuhören, und schrie in einem fort: „Herr, Du Gerechter, Du Liebevollster, sieh gnädig herab auf Deinen größten Schuldner, und tue mir nach Deinem heiligen Willen!“ Und diese Worte wiederholte er zu tausend und tausend Malen.
[HGt.01_024,05] Und es dauerte Mich seiner, da er so gar gewaltig und unendlich elend schrie. Siehe, da sandte Ich den Ahbel zu ihm in einer Feuerflamme, welcher zu ihm die Worte aus Mir richtete und sagte: „Cahin, erhebe dich vom Boden, und sieh mir ins Angesicht, und sage mir dann, ob du mich noch erkennst!“
[HGt.01_024,06] Da richtete sich auf der Cahin und betrachtete furchtsam die Flamme und erkannte sie nicht, weder an der Stimme noch an der Gestalt, und fragte sie dann, bebend vor zu großer Angst: „Wer bist du sonderbares Wesen denn in dieser Flamme?“
[HGt.01_024,07] Und der Ahbel antwortete ihm: „Ich, dein Bruder Ahbel, bin es in der Flamme der göttlichen Liebe vor dir! Was willst du denn, daß dir geschehen solle?“ – „O Bruder“, sprach Cahin, „so du es bist, – siehe, ich habe keinen Willen mehr! Mein Sohn Hanoch hat mir alles genommen, auch meinen Willen; nun habe ich keinen Willen mehr, und siehe, wie wir jetzt da sind, sind wir alle gänzlich willenlos! Daher kann ich nichts anderes sagen als: Mir und uns allen geschehe nach dem heiligen Willen des Herrn!“
[HGt.01_024,08] Da sprach Ahbel: „Nun so höre denn! Das ist der Wille des Herrn, meines Vaters und deines Gottes, daß ihr essen sollet von all den Früchten, die ihr hier finden möget, ohne Furcht und Scheu; denn die Schlange hat dich vertrieben hierher und ist daheimgeblieben bei deinen Kindern in der Stadt Hanoch mit all ihrem Gifte und wird mit euch nichts mehr zu tun haben. Denn so der Mensch seinen Willen hingegeben hat, da gibt es für die böse Brut nichts mehr zu tun; wer aber seinen Willen untertan gemacht hat der Schlange, der ist ein Gefangener von ihr, und das Ende seines Wirkens ist herbeigekommen.
[HGt.01_024,09] Wer aber geflohen ist aus ihren nun stark gewordenen Schlingen und so gerettet hat den letzten Tropfen seines Willens und denselben niedergelegt hat auf die Erde im Angesichte Jehovas, dem wird Er geben einen neuen Willen aus Sich, damit er dann ferner handeln möchte als ein Werkzeug des Herrn. Und so ist auch für dich der Wille des Herrn, fernerhin zu handeln nach Seinem Willen; und so dich und die Deinen auch dereinst möchten finden die Nachkommen Hanochs, so werden sie dich und die Deinen nicht erkennen, da euch die Liebe des Herrn ganz schwarz brennen wird bleibend.
[HGt.01_024,10] Und der Name ,Cahin‘ wird dir genommen werden, und ein anderer Name wird dir gegeben werden, und dieser heißt ,Atheope‘, das heißt ,der Willenlose nach dem Willen Gottes‘. Und sogestaltet mußt du mit den Deinen flechten aus Rohr und Schilf einen sehr großen Korb, sieben Mannslängen lang, drei Mannslängen breit und eine Mannslänge hoch, sehr fest, und ihn dann verpichen mit Harz und allerlei Pech. Und so du dieses verrichtet haben wirst mit allem Fleiße, dann mußt du ihn stellen ans große Wasser hin und sollst sammeln Früchte auf vierzig Tage lang; und so du das getan haben wirst, dann leget die Früchte in den Korb und steiget endlich allesamt in denselben!
[HGt.01_024,11] Und dann wird der Herr kommen lassen eine große Flut vom großen Gewässer her, welche den Korb heben wird mit euch, und wird euch tragen hin in ein fernes Land in der Mitte dieser großen Gewässer, da ihr vollkommen sicher sein werdet vor allen Nachstellungen Hanochs.
[HGt.01_024,12] Und da werden sein nahe, weit und breit, kleine Länder in diesem großen Gewässer, und so euer zu viele werden in einem Lande, dann suchet die nächsten, und so fort und fort, und belebet so nach dem Willen des Herrn nach und nach alle Kleinlande in den großen Gewässern.
[HGt.01_024,13] Und so ihr nicht vergessen werdet des Herrn, so wird Er einst euch zu bewohnen geben ein großes, festes Land, da ihr bleiben werdet bis ans Ende der Welt, wenn es erst zuvor gereinigt wird vom Fluche durch die bald darniederstürzenden Fluten, die da ersticken und töten werden die Nachkommen Hanochs und auch sehr viele Kinder Gottes, die sich werden fangen lassen von den schönen Töchtern Hanochs.
[HGt.01_024,14] Jedoch sollen euch Willenlose nicht erreichen die Ströme dieser Fluten, da euch der Wille des Herrn gesetzt hat auf die Gewässer Seiner großen Erbarmungen. – Und so ihr irgend etwas benötigen werdet, so wißt ihr ja ohnehin, wo der große Geber ist, der euch nicht verlassen wird, so ihr Ihn nicht verlassen werdet in euren Herzen.
[HGt.01_024,15] Und nun tritt näher, du Cahin!“ Und siehe, da trat Cahin hin zum Flammenbruder Ahbel, und Ahbel umarmte ihn, und so wurde er schwarz wie eine Kohle, und seine Haare wurden gekraust wie ein Pelz. Und so geschah auch allen noch fünf übrigen.
[HGt.01_024,16] Und da sprach Ahbel: „Nun, Bruder Atheope, bist du frei von jeder Schuld, die daheimgeblieben ist beim Hanoch, und so tue du denn nun nach dem Willen des Herrn! Amen.“ 

25. Kapitel
[HGt.01_025,01] Und siehe, da verschwand Ahbel, und Atheope aß von den Früchten, fröhlich zum ersten Male in seinem Leben vollkommen, und tat genau, wie ihm befohlen ward.
[HGt.01_025,02] Und so belebte dann sein letzter Stamm bis auf die heutige Zeit alle Kleinlande in den Gewässern und nach der großen Schlangenbrutvertilgung durch die Fluten von den Himmeln auch die großen Festlande, die ihr heutzutage ,Afrika‘, ,Amerika‘ und ,Australien‘ nennt. Und sein Stamm ist nicht getötet worden durch die Fluten und ist noch derselbe bis zur Stunde dieser letzten Zeit zum Zeugnis der Greueltaten der damaligen und der jetzigen Zeit Meiner und Hanochs Kinder.
[HGt.01_025,03] Und siehe, so lebt noch dieser Atheope natürlich und geistig bis zur Stunde verborgen auf einem Kleinlande in der Mitte der großen Gewässer, das nie ein Sterblicher finden wird, als steter Beobachter eures Tuns und Treibens.
[HGt.01_025,04] Und siehe, er aß und trank Früchte aller Art und zeugte noch siebenhundert Kinder noch tausend Jahre lang. Dann aber wurde er erneut von Mir und aß und trank nicht mehr, da er gesättigt wurde mit Meiner Liebe für die Ewigkeit, die da ist die beste Speise. Denn wer damit gesättigt wird, der wird den Tod nicht sehen, schmecken und empfinden ewiglich, und es wird ihn dann nimmer hungern nach einer Speise, noch dürsten nach einem Tranke. Und sein Sterben wird sein ein lebendiger Austritt vom Leben zum Leben ins Leben des Lebens der Lebendigen durch den Lebendigen, der Ich Selbst bin.
[HGt.01_025,05] Und so gesättigt lebt Atheope noch bis zur Stunde körperlich als der erste Menschensohn im weiten Angesichte der Erde und kann schauen aller Menschen Tun und Treiben und ist demnach ein alter Zeuge aller Meiner Taten bis auf euch.
[HGt.01_025,06] Er kannte Noah, Abraham, Moses, all die Propheten und Melchisedek, den Hohenpriester.
[HGt.01_025,07] Und er war Zeuge Meiner Geburt und Meiner Neuschöpfung durch das größte aller Meiner Werke, nämlich durch das Werk der Erlösung. Und so wird er auch aufbewahrt bleiben bis zur vollen Darniederkunft Meiner heiligen Stadt, was soeben zu geschehen anfängt, allda er auch vollends aufgenommen wird als ein treuer Torwächter; denn außer Mir kennt niemand die Schlange so durch und durch wie er, dem sie am meisten zu schaffen gemacht hat.
[HGt.01_025,08] Und nun siehe, das ist die Geschichte Cahins, euch nun gegeben zum reiflichen Nachdenken über euch selbst, damit ihr euch dadurch desto eher und desto leichter selbst finden möget und erkennen euer Böses an der Wurzelfaser und zerstören dasselbe in den tiefsten Fundamenten, um sodann in Meiner Liebe wiederzufinden das so lange schon verlorene Paradies und endlich zu werden wahre, getreue Bürger Meiner neuen, großen, heiligen Stadt, wie Ich euer aller allergetreuester, heiligster und allerbester Vater bin von allen Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen. 

26. Kapitel
[HGt.01_026,01] Und nun wende dich auf eine kurze Zeit gen Hanoch zurück, und Ich will euch da noch im Vorübergehen zeigen, wie es da ausgesehen hat nur erst nach einem Zeitlaufe von dreißig Jahren!
[HGt.01_026,02] Und siehe, Hanoch hatte sich nun das allerschönste Weib ausgesucht und noch dazu zwei Kebsweiber und trieb mit ihnen Unzucht über die Maßen. Dadurch verfinsterte sich sein Verstand so sehr, daß er ganz und gar vergaß auf seine ganze Regierung; und die wenigen Gedanken, die zu denken er kaum noch fähig war, waren nur beschäftigt mit Wohlleben, Glanz, weichen Kleidern und Hurerei.
[HGt.01_026,03] Wenn ihm seine Untertanen nur recht viele und gute Gerichte von Früchten aller Art brachten und recht viel Geflimmer vor seine Wohnung und recht weiche Kleider, geflochten aus dem feinsten Grase, das da wuchs am Fuße der Berge, so war er damit auch schon völlig zufrieden und ließ dabei die Gesetze Gesetze und die Regierung Regierung sein.
[HGt.01_026,04] Aber siehe, da merkten seine Untertanen, daß er lau geworden war, und machten sich zugute seine Blindheit. Da merkten es auch seine Diener, wie die Sachen standen, und waren sehr pfiffig und schlau, wie die Schlange selbst, und suchten daher ihren Herrn auf alle mögliche Weise beständig einzuschläfern und erlaubten auch lügnerischerweise – gleichsam im nachsichtigen Aufgebote vom Fürsten – den Untertanen alle nur möglichen Belustigungen, wenn sie ihnen nur recht fleißig ihre stets vermehrten Gaben lieferten.
[HGt.01_026,05] Und siehe, da diese Diener nun sahen, daß sie ungestraft tun könnten, was sie wollten, da fingen sie an zu regieren und gaben den Untertanen Gesetze: fürs erste, dem Fürsten zu erweisen eine göttliche Verehrung durch allerlei Opferungen, und fürs zweite, zu geben die schönste Tochter irgendeines Untertanen dem Fürsten; und welcher Untertan dieser glückliche Geber sein werde, dem würden erlassen alle Abgaben, und er werde ein freier Besitzer seines Hauses werden und werde Eintritt haben in das Haus des Fürsten und werde sich da unterhalten können mit dessen Dienern und werde alle Jahre einmal anschauen können seinen Fürsten und ihm danken für eine so große, auszeichnende Gnade.
[HGt.01_026,06] Und siehe, da hatte die Schlange einen wahren Geniestreich, wie ihr sagt, ausgeführt! Denn nun fingen die Eltern an, ihre Töchter immer zu Hause zu behalten, und verwendeten alle Aufmerksamkeit darauf, daß diese nur recht zart und schön wurden, um sich dadurch einst vielleicht auch einen Freiheitsstand zu bereiten. Und eine solche Schöne sah dann keinen Gemeinen mehr an, da sie sich bestimmt fühlte für den Fürsten.
[HGt.01_026,07] Was geschah nun aber durch diese gegenseitigen Betrügereien? Nichts anderes als das Allerärgste, was ihr euch nur je durch eure tiefsten Gedanken vorzustellen vermöget, nämlich: Die Diener brachten endlich die ganze Regierung an sich unter dem schlauen Vorwande, daß sie nämlich dem Fürsten Hanoch sehr gut gezüngelt begreiflich machten, daß er nun nicht mehr Fürst, sondern ein Gott des Volkes sei, und daß es entwürdigend wäre für seine unendliche Hoheit und unaussprechliche Erhabenheit, wie solche seine nun göttliche sei, den Würmern der Erde Gesetze zu geben, und daß sie aus der unermeßlichen Hochachtung für seine über alles erhabene Heiligkeit dieses entwürdigende Geschäft auf sich nehmen wollten; und so solle er nichts tun, als nur bloß mit einem Winke entweder sein Wohl- oder sein Mißgefallen äußern und die Schätze, die sie sammeln würden in großen Mengen für ihn, allerhuldreichst und allergnädigst annehmen.
[HGt.01_026,08] Übrigens möchte er sich dem Volke nur einmal zeigen im Jahre, wo dann alles niederfallen werde vor ihm und ihn anbeten werde im Staube; und so er dann aber jemandem von den bestaubten Würmern eine besondere Gnade bezeigen wolle, so möchte das von ihm durch einen starken Tritt auf den Kopf eines Wurmes geschehen mit seinem heiligen Fuße.
[HGt.01_026,09] Und so jemandem diese hohe Gnade zuteil werden möchte etwa der Opferung einer schönen und reizenden Dirne halber, so solle dieser aufgehoben werden alsobald von der Erde und schauen die göttliche Erhabenheit des Herrn aller Macht und Kraft und solle dann werden ein freier Bürger der heiligen Stadt des erhabenen Gottes Hanoch.
[HGt.01_026,10] Und siehe, diese feinen Reden seiner Diener schmeichelten seiner eigenliebigen Eitelkeit so sehr, daß er in alles alsogleich vollends einwilligte. O des ungeheuren Narren!
[HGt.01_026,11] Und siehe, jetzt hatten die Diener erreicht, wonach sie schon lange gestrebt hatten, nämlich die Gesetzgebung, Bestrafung und somit die sämtliche Regierung, und so entstanden jetzt statt einem zehn Fürsten, die da zwischen Menschen, ihren Brüdern, und den sonstigen Tieren auch nicht den allergeringsten Unterschied machten und sie nur in vernünftige und unvernünftige Bestien teilten. Und nur, wenn irgendein solches vernünftiges Tier zu ihrem Vorteile irgendeinen schlau-bösen Streich in eine günstige Ausführung gebracht hatte, dann wurde ihm das Recht erteilt, sich auch Mensch nennen zu dürfen.
[HGt.01_026,12] Und als nun diese zehn Fürsten sahen, wie ihren Gesetzen blindlings gehorchten – natürlich aus zu großer Furcht vor den unendlichen Mißhandlungen – die Tiermenschen, so wählte nach und nach jeder von ihnen ebenfalls zehn Diener aus den freien Bürgern der Stadt und erhob sie in einen gewissen Adelsstand samt ihren Weibern und Kindern. Dafür aber mußten freilich ihre Töchter, so sie ihnen schön und reizend genug waren, ihnen zu Huren gegeben werden, mit denen sie Kinder zu hundert und tausend zeugten, welche alle dann den Tiermenschen zur Ernährung übergeben wurden; und so sie erwachsen waren, so wurden die männlichen ebenfalls zu Tiermenschen, die weiblichen, so sie durch die List der Schlange meistens sehr schön und reizend wurden, aber wurden gemacht ebenfalls wieder zu Huren und oft schon beschlafen in ihrem zwölften Jahre und wurden dadurch unfruchtbar gemacht. Und so sie dann nach kurzer Zeit alle ihre Reize verloren hatten, so wurden sie hinausgestoßen zu den Tieren und mußten arbeiten für dieselben und wurden genannt ,Huhorä‘, das heißt nach eurer Art ,Menscher, die das Vieh warten‘.
[HGt.01_026,13] Und siehe, so ging dann diese Lebensweise mehr denn dreißig Jahre fort. Dann aber, da die Menschen auf diese unzüchtige Weise sich vermehrt hatten bis auf mehrere Hunderttausende und sich ausgebreitet hatten weit und breit im Lande und somit nicht mehr übersehen werden konnten, so wurden mit der argwohnlosen Einwilligung Hanochs, ihres nun gänzlich kraft- und tatlosen Gottes, noch zehn Städte erbaut und wurden benannt nach den Namen der zehn Fürsten, die da heißen:
[HGt.01_026,14] Kad (der Dieb), Kahrak (der Hurenmeister), Nohad (der Betrüger), Huid (der Böse), Hlad (der Kalte), Uvrak (Same der Schlange), Farak (der Grausame), Molakim (der Lügner), Uvrahim (der feine Schmeichler) und Thahirak (der große Frevler).
[HGt.01_026,15] Und nun siehe, jede dieser Städte wurde erbaut genau nach dem Muster der Stadt Hanoch; und so ward auch in jeder Mitte errichtet eine hohe Burg gleich der hohen Wohnung Hanochs und ward umgeben mit einem Wall und Graben. Und denke, da die Menschen damals noch keine Werkzeuge, als: Krampen, Spaten, Hauen und Picken, hatten, so mußten sie daher ihre Hände gebrauchen und mit ihren Fingern die Erde gleich den Schormäusen aufwühlen! 

27. Kapitel
[HGt.01_027,01] Ich will nicht gedenken der Mißhandlungen, die bei einem solchen Bau stattfanden, sondern Ich will euch zur Hauptsache leiten. – Als nun die Städte vollends erbaut waren, da traten die zehn Fürsten zum Hanoch und sprachen: „Hanoch, du großer, erhabener Gott aller Macht und Kraft (NB. obschon er schon schwächer war denn eine Mücke und gar keine Macht mehr besaß) und allergrößter Herr aller Gerechtigkeit (NB. welche nichts als Dieberei, Hurerei, Betrügerei, alles Böse, Gefühlskälte, Schlangenbrut, Grausamkeit, Lüge, Schmeichelei und Frevel aller Art zugrunde hatte)! Siehe, dein Volk ist groß geworden unter der allerweisesten Führung deiner grenzenlosen, unbegreiflichen und unerforschlichen Gerechtigkeit (NB. Das war wahrhaft eine grenzenlose, für ihn ganz unbegreifliche und noch mehr aber noch gänzlich unerforschliche Gerechtigkeit) und hat sich ausgebreitet im ganzen, weiten Lande deiner göttlichen Herrlichkeit und kann daher nicht mehr übersehen werden von dieser deiner hohen Wohnung, und wenn wir sie aus den Augen ließen, so würden sie dann tun, was sie wollten; ja, sie könnten sich sogar so weit verirren, daß sie statt dich, dem doch nun alleinig alle Anbetung gebührt, wieder den alten Gott Cahins anzurufen und anzubeten anfingen, und es könnte diesem alten Gotte doch wieder einfallen, irgend jemanden von ihnen zu erhören und ihn mit einer unbesiegbaren Macht auszurüsten, wonach er dann ein großes Volk um sich sammeln, über uns herfallen und uns endlich sämtlich vernichten möchte. (NB. Solche Besorgnisse geziemen sich sehr wohl für einen so mächtigen Gott!)
[HGt.01_027,02] Und wir hätten endlich auch der gerechten Diener nicht genug, die da überall hingingen und die Früchte abnähmen und sie brächten hierher; und am Ende würden diese Diener uns überlisten auf dem Wege und würden verzehren am Ende selbst, was für dich nur, o großer Gott, die Erde gehorsamst hervorgebracht hat!“ (NB. Also auch Furcht, zu verhungern, fing den großen Gott an zu quälen?!)
[HGt.01_027,03] Und siehe, da wurde Hanoch sehr verlegen und wußte nicht, was da zu tun sein werde, da er von allem dem zuvor nichts erfahren hatte, wie sehr sich sein Volk vermehrt hatte. Endlich aber erhob er sich und sagte mit einer kreischenden Stimme voll Furcht: „Wie wär's denn, wenn wir sie, die Zuvielen, nach und nach umbrächten und töteten und setzten sie auf die erste Zahl der Schwäche und Mutlosigkeit?! Was meint ihr, meine Getreuesten?“ (NB. Ein schöner Vorsatz für die göttliche Gerechtigkeit!)
[HGt.01_027,04] Und siehe, da sprachen die zehn: „O allergerechtester Gott, bedenke, was möglich und was unmöglich ist! (NB. Der allerweiseste, mächtigste und gerechteste Gott mußte sich also auch von seinen Dienern über das Mögliche und Unmögliche belehren lassen!) Denn siehe, fürs erste würden sie in großen Massen über dich und uns herfallen und uns allesamt vernichten, so wir nur einen erschlügen, und fürs zweite gedenke des Gefäßes über den Sternen, davon uns der Cahin oft erzählt hat, und so wir Greuel zu üben werden anfangen, was da geschehen wird!“ (NB. Also hatte der große, mächtige Gott doch noch Furcht vor dem alten Gotte?!)
[HGt.01_027,05] Und siehe, da sprach der Hanoch zu ihnen: „So höret denn und vernehmet meinen Willen, der da lautet gewaltig: Jeder von euch, meinen zehn getreuesten Dienern, beziehe eine der zehn Städte und herrsche und regiere in meinem Namen und gebe Gesetze nach der rechten Einsicht und Erkenntnis und halte auf die genaueste Befolgung derselben genau und strenge! So jemand von euch je nachlassen wird im gerechten Eifer, über den werde ich setzen den, der der Getreueste und Eifrigste von euch war. An der Einbringung der Früchte werde ich euch erkennen! Der erste, der da bringen wird die Gaben als rechte Gebühr für meine heilige Majestät, der wird auch das Lob der Gerechtigkeit als erster ernten, und ich werde das wenigere von ihm annehmen, als wäre es vieles; die späteren aber werden müssen bringen vieles, und ich werde es annehmen, als wäre es nur weniges, da ich daraus ihre Trägheit bemessen und ihren Handlungen ein gerechtes Lob oder einen gerechten Tadel werde zukommen lassen; und der letzte aber wird übergeben werden dem ersten, damit er sich bessere im Eifer und in der Strenge aller gerechten Sachen. Denn die strenge Gerechtigkeit ist das einzige Fundament eines Reiches, welches wir haben und besitzen ganz zu eigen.
[HGt.01_027,06] Das ist mein gerechter und gestrenger Wille, der ich bin euer Gott und Herr, da ihr keinen andern haben könnet und auch nicht haben sollet mit allen den freien und dienstbaren Untertanen. Es hat wohl einmal irgendeinen alten Gott gegeben, der auch sehr mächtig war, solange er gerecht war; aber er soll dann die Gerechtigkeit haben fallen lassen und tat den Übeltätern Gutes wie den Gerechten aus einer gewissen Liebe, ähnlich unserer Regung zu den schönen Weibern, und hat sich dadurch gänzlich zugrunde gerichtet und ist nun nicht mehr.
[HGt.01_027,07] Daher bin ich nun an seiner Stelle jetzt, wie ihr mich sehet; daher wird auch das Anrufen dieses alten Gottes sehr wenig nützen, da er nirgends und nichts mehr ist. Daher habt ihr euch in allen Angelegenheiten an mich zu wenden, dem nun alle Macht und Gewalt innewohnt! Amen.“
[HGt.01_027,08] (NB. Solche und noch viel ärgere Schilderungen muß Ich heutzutage über Mich von vielen Hunderttausenden hören, die ihren baren Unverstand durch ihre allerfinsterste Vernunft – ein Vermögen aller Tiere durch ihre scharfen Sinne – auf Meinen Thron setzen und so sich selbst anbeten und sich derzeit nicht mehr ,Götter‘ – da ihnen dieser Name zu gemein und läppisch niedrig klingt –, sondern ,Philosophen‘ oder ,Weltgelehrte‘ und noch ,Gelehrte‘ oder ,Doktoren‘ aller Art nennen. Diese, allerfinsterster Art, wollen Mich sogar zwingen, zu ihnen erst in die Schule zu gehen, so Ich wollte ein Gott dieser so gar sehr aufgehellten Zeit den Übergelehrten sein; Ich sage aber, daß ein Regenwurm vernünftiger ist denn sie, obschon er nur einen Sinn hat. Ich sage, diese werden bald die allergrößten Augen machen und doch nicht mehr sehen denn eine Wühlmaus in der Erde und mit gespitzten und sehr langen Ohren nicht mehr hören denn ein Fisch im Wasser, da er keine Stimme, so auch kein Gehör hat.)
[HGt.01_027,09] Und siehe, das war den zehn Fürsten gerade ein gutes, unversiegbares Wasser auf ihre Mühle; denn da war der Hanoch ihren innersten Wünschen zuvorgekommen und gab ihnen ein strenges Gebot, was ihnen gerade recht war. Denn jetzt erst waren sie wie gemacht, berechtigt, jeden nur erdenklichen Unfug zu treiben und zu betrügen das Volk und ihren dummen Gott.
[HGt.01_027,10] (Und nun siehe: Als somit der Gott Hanoch seine Rede vollendet hatte, entließ er diese seine zehn Diener. Diese aber gingen, dem Anscheine nach tief ergriffen von einer so gewaltigen Rede; in ihren Herzen aber waren sie über die Maßen fröhlich über die große Torheit Hanochs, der aus allerlei Furcht und Besorgnissen ihnen ihren eigenen Willen zum strengen Gesetze gemacht hatte und am Ende selbst überzeugt zu werden anfing, daß er ein Gott sei. Allein über den letzten Punkt irrten sie sich gewaltig; denn der Hanoch wußte bei sich gar gut, daß er kein Gott war, da ihm seine Schwäche und gänzliche Erschöpftheit nur zu deutlich zeigten, welche Bewandtnis es mit seiner Gottheit hatte!
[HGt.01_027,11] Aber er wollte nur die andern in der groben Blindheit erhalten und befestigen und Gott sein des Gewinnes wegen und dachte: „Den Blinden ist gut predigen; denn die unterscheiden nicht schwarz und weiß und halten den Tag für Nacht, und so umgekehrt!“ Allein hierinnen irrte auch er. Und so war zwischen ihnen ein wahres Narrenverhältnis, da immer einer den andern für den Dümmeren und Größeren hielt.
[HGt.01_027,12] Und als sie nun wieder in ihrem Gemache zusammenkamen, da fing der Kad an, eine Rede an alle zu richten, und sagte: „Nun, ihr meine Brüder, die wir noch den Cahin zu unserm Vater haben und haben gesehen den Erzvater Adam und die Erzmutter Eva, die nicht kennt und nicht gesehen hat der Hanoch, noch je sehen wird den Adam. Seht, Cahin, unser Vater, war ein Übeltäter, wie keiner je von uns es war und je sein wird, und da er sich an den Gott Adams gewendet hatte, so gab ihm Dieser, was er wollte.
[HGt.01_027,13] Nun, was brauchen wir denn mehr?! Wir wissen und sind Augen- und Ohrenzeugen Seiner großen Taten; somit wissen wir, wo der große Machthaber wohnt! Tun wir, was der Cahin tat in der Not, auch im Überflusse, – und seid versichert, es wird sich bald weisen und zeigen, wer der eigentliche Herr im Lande der Tiefe ist! Errichte daher ein jeder von uns diesem Gotte einen Opferaltar und opfere Ihm da die Früchte des Landes, und die Macht darob wird nicht unterm Wege bleiben; und dann wird Hanoch, der Narr, lange gut warten können auf die Majestätsgebühr seiner eingebildeten Heiligkeit von uns, die wir Adam gesehen haben und die Eva!“
[HGt.01_027,14] Und siehe, als der Kad beendet hatte seine Rede, da erhob sich Kahrak und sprach: „Brüder, wenn es so ist, da haben wir ja eine gewonnene Sache! Seht, was mich anbelangt, so stimme ich vollkommen dem Kad bei; müßten wir denn nicht Narren sein, größer denn ganz Hanoch, so wir Mächtigeren ihn füttern sollten für nichts als zur Bestärkung seiner Narrheit und ihn mästen auch noch dazu, damit er noch geiler würde, zu beschlafen unsere schönsten Weiber, und so sie ihm nicht mehr schmeckten, wir uns, wie ihr alle wißt, erst noch eine außerordentliche Gnade daraus machen sollen, wenn er einem eine überläßt?! Da glaube ich, wir behalten die schönsten für uns! Die weniger schönen geben wir unseren Dienern; die übrigen sollen ein Eigentum sein unserer Untertanen, und der Hanoch kann dafür ein Blutlecker seiner eigenen Töchter werden und die Schande schmecken aus seiner eigenen Faust und mager werden wie das Bein eines Bockes und essen mit den Kälbern und trinken mit den Vögeln! Und wie er tat mit unserem Vater, warum sollen wir ihm nun nicht ein Gleiches tun?! Hat er sich auch Dinge vorbehalten, was zu tun vergaß der Vater Cahin und mußte fliehen, da er doch sein Vater war wie der unsrige! Und seht, er ist uns nur ein dummer Bruder; was soll uns denn nun hindern, ihm zu entgelten die Flucht Cahins?! – Seht, das ist meine Meinung, vorteilhaft für jeden von uns, da ich von meiner Seite tun werde dem alten Gotte, wie es Kad für recht und wirksam sehr weise fand!“
[HGt.01_027,15] Aus allen ertönte nur ein einstimmiges Einverständnis auf die Rede Kahraks, worauf sich Nohad erhob und zu reden anfing, sagend: „Ihr kennt mein Amt und Fach, dem ich nach dem Willen Hanochs vorgestanden habe und mit aller Treue, allem Fleiße und Eifer! Doch frage ich euch alle, was ich davon die lange Zeit hindurch gewonnen habe, so wird mir gewiß jeder von euch die Antwort geben: Nichts weiter und nichts mehr als nichts! Das heißt: Ich half dem größten Betrüger betrügen und war somit selbst ein betrogener Betrüger; ich mußte seines Heucheltruges wegen vor der Menge schlecht leben, mir öffentlich – bloß einer dummen Scheinheiligkeitsmeinung halber – als allerstrengster Rechtlichkeitspfleger jeden heiteren Genuß versagen, um dafür geheim statt eines Lobes und einer unsichtbaren Entschädigung und Vergütung für öffentliche Unbilden von seiner unbegreiflichen Narrheit noch die allerderbsten Verweise und Drohungen aller Art zu empfangen. Ihr alle habt es leichter gehabt und konntet tun nach eurem Vergnügen vieles, was zu tun mir unmöglich war, da ich gerade an der Spitze seiner rechtlichen Narrheit stand und mußte tun und in genaue Ausführung bringen jeden seiner tollsten und verabscheuungswürdigsten Wünsche, damit sie dann durch meine gezwungene Heuchelei, worauf ich mich wohl verstand – oder eigentlich wohl verstehen mußte –, irgendeinen rechtlichen Anstrich bekamen, wofür ich dann als rechtmäßiger Betrüger mich der Vollgültigkeit meines Betruges wegen wieder habe müssen betrügen lassen, und das dreifach: zuerst vom Hanoch des Rechtes wegen, fürs zweite von mir selbst des Volkes wegen, und fürs dritte vom Volke und euch allen des Hanoch wegen. Ich glaube, euch einen hinreichenden Grund meiner vollsten Unzufriedenheit an den Tag gelegt zu haben und dadurch auch meine Truggestalt vor euch zu den Füßen. Und nun urteilet selbst, ob ich etwa unrecht habe, wenn ich aus Dankbarkeit für solche Anerkennungen den dreifachen Betrug von mir nehme und ihn so mit aller Gewalt auf Hanochs Haupt hinschleudere, da ich ihn enthüllen werde vor dem Volke. Und er möge dann hernach sehen, wohin seine Gottheit den Lauf richten wird, und soll ihr nachrennen wie ein Hinkender einem Hirsche. Und somit will ich auch tun, was der Kad für gut fand, und will den Rat Kahraks in die genaueste Ausführung bringen, und meine Abgaben sollen unschädlich sein seinen Augen, und das Getrabe meiner Kamele wird nicht belästigen sein Ohr. Und so nehme ich Besitz von der Stadt meines Namens.“
[HGt.01_027,16] Und siehe, da sagten die übrigen: „Nohad hat vollkommen gut geredet, und so tue er auch rechtlich und gut.“
[HGt.01_027,17] Darauf erhob sich Huid und bog den Ton seiner Brust wie einen Blitz in die arge Versammlung und sprach heftiger denn alle übrigen, sagend: „Höret mich wohl an, Brüder und Söhne Cahins, des Geächteten, und versteht jedes meiner Worte von großer Bedeutung!
[HGt.01_027,18] Wer vermöchte alle die Blutstropfen zu zählen, welche durch meine starken Hände nach den Urteilssprüchen Nohads, des Betrogenen, aus den Rücken und Lenden des armen und schwachen Volkes, die so gut wie Hanoch und wir Nachkommen Cahins sind, geflossen sind nicht etwa der Übertretung irgendeines Gebotes oder irgendeiner Faulheit auch nur der allergeringsten scheinbar strafbaren Ursache wegen, sondern bloß, wie ihr alle wißt, rein nur ihm zum Vergnügen und Zeitvertreib, nicht zu gedenken jener Mißhandlungen beim Bau all der Städte, – so zwar, daß es mir gänzlich unbegreiflich ist, wie diese Armen noch das Leben erhalten haben diese schon so lange Marterzeit hindurch. Er wußte uns bei jeder Gegenvorstellung die Gebrechlichkeit des bewußten Gefäßes über den Sternen vorzuhalten und vergaß gänzlich dessen unter der Erde!
[HGt.01_027,19] Aber ich frage euch alle nach Recht und Billigkeit, ob es dem Volke nicht besser ginge unter den Trümmern des Gefäßes als unter unseren beständigen Hieben von zähen Ruten, harten Knütteln und festen Prügeln! Und sagt, was hat er denn fürs Gefäß der Liebe unter der Erde getan? Ich glaube, außer den zahllosen Blutstropfen unserer Brüder wird sich wenig darin befinden! Und hätten wir listigerweise die Regierung nicht an uns gebracht, – hätte er als Gott alles Greuels nicht auch gewiß angefangen, einen um den andern töten zu lassen?
[HGt.01_027,20] Wir selbst mußten grausam sein, dieweil wir noch seine Diener waren, um ihm jeden Verdacht zu ersparen. Allein die Städte sind nun erbaut, das Volk ist verteilt, die Macht ist unser wie die neue Anerkennung des alten Gottes und das gelobte Opfer; was brauchen wir noch mehr? Gehorchte uns das Volk, so wir es mißhandelten, so wird es uns gewiß nicht untreu, so wir seine geschlagenen Wunden heilen wollen und werden durch weisere und mildere Gesetze als durch diese der schwarzen Grausamkeit. Seht, ich bin böse genannt; aber ich möchte hier eine große Frage setzen: wer eigentlich böser ist, ob ich, ob Hanoch, oder die Schlange Cahins! Ich glaube, der Hanoch ist ein Meister aller Bosheit, und die Schlange muß all ihre Brut in sein Herz gelegt haben, – sonst wäre es nicht möglich, zu gedenken solcher Grausamkeiten von einem Bruder an seinen Brüdern durch seine und der Brüder Brüder!
[HGt.01_027,21] Daher glaube ich, wir machten ihn uns selbst untertänig und dienstpflichtig und ließen ihn nach und nach entgelten vom Volke seine Grausamkeit mehrfältig statt der Majestätsgebühr; und so kann er dann den rechtlichen Tribut auf seinen eigenen Rücken nehmen und tragen, wohin er will.“
[HGt.01_027,22] „Recht und weise ist deine Rede, Bruder Huid“, sprachen die Versammelten, „und dem Hanoch geschehe das nach deiner Rede, welche uns alle traf in die Mitte des Auges, das da oft geschaut hatte seine großen Frevel!“
[HGt.01_027,23] Und siehe, da erhob sich der Hlad und sprach in bündiger Kürze: „Brüder, ihr wißt, wie ich gefühllos gegen alles sein mußte, um gewisserart das strenge Recht zu personifizieren oder die willkürliche Grausamkeit Hanochs als unerbittliches Recht darzustellen, und mußte daher zu allen diesen seinen bösen Spielen gleiche billigende Miene machen. War ich auch nicht der Schläger selbst, so war ich doch der Aufseher dabei und mußte zählen die Streiche Huids und aller seiner Helfershelfer und sie dankbar überbringen allezeit dem Hanoch. Seht, damals mußte ich gefühllos scheinen, da ich es nicht im geringsten war; nun will ich mich umkehren, wie ihr seht! Gegen Hanoch will ich sein, was ich so oft zu sein scheinen mußte dem Volke, unsern Brüdern; und den Brüdern aber will ich sein warm, ein kalter Entgelter ihrer von Hanoch erlittenen Unbilden an Hanoch selbst. Meine Treue gegen ihn sei kalte Vergeltung, und mein Fleiß soll mich machen zum ersten unter euch, und die Stimme seines Lobes soll ins Heulen und Brüllen verwandelt werden und soll werden zu einem Ohrenschmause den so oft Mißhandelten; und mit den Blutstropfen seines Rückens sollen sich die bleichen Gestalten ihre Wangen röten!
[HGt.01_027,24] Da ich sonst mit euch allen völlig einverstanden bin, so glaube ich, daß mein Urteil kein unrechtes ist, so ich handle nach meinem Gefühle, das lange genug wie starr zusehen mußte all den Greueln und Freveln Hanochs. Denn wer Gefühl und Empfänglichkeit hat für Schmerz und Qual, der hat es gewiß auch fürs Wohltun; das habe ich gesehen zahllos oft. Daher laßt uns in der Zukunft regieren durch Wohltun. Dem, der da täte Übles, dem geschehe nach Maßgabe seiner Tat mit Nachsicht, da er auch ein Bruder ist; dem Gehorsamen und Wohltäter aber geschehe Gutes zehnfach. Und dann erst werde dem alten Gotte ein würdig Opfer dargebracht, das Ihm gewiß wohl gefallen wird, so wir Ihm das wiederbringen, was Cahin und Hanoch für uns alle so frevelnd leichtsinnig verloren haben.“
[HGt.01_027,25] Und siehe, da erhoben sich alle und verneigten sich gegen Hlad und sprachen: „O Bruder! Von uns allen ist dein Urteil das richtigste; du bist am nächsten den Kindern Adams. Daher sollst du uns ein Muster sein, nach dem wir alle unsere Verfügungen ordnen und richten werden und auch fest wollen.
[HGt.01_027,26] Das warme Blut der armen Brüder hat geschmolzen das Eis um dein Herz, und nun bricht eine Fülle der Wärme aus demselben hervor; darum handle in dieser Wärme, und erwärme uns alle mit deinem Überflusse!“
[HGt.01_027,27] Und siehe, es erhob sich auch der Uvrak und sprach: „Brüder, seht und hört! Alle eure Urteile sind richtig, recht und gerecht; aber das des Hlad ist nach meiner scharfen Erkenntnis das einleuchtend richtigste. Und somit bin ich bis auf eines ganz seiner Meinung, und dieses eine ist von großer Wichtigkeit, die da ist: Große, vorsichtige Schlauheit in allem, was wir nur immer unternehmen. Denn seht: Rechttun, wohltun, richtig und rechtlich urteilen, gerechte Vergeltung, eine sichere Ordnung, – das sind Dinge, die von großem, öffentlichen Nutzen sind fürs Volk sowohl, als auch für uns alle; und alle diese Dinge langen aus zwischen uns und dem Volke. Aber nun wissen auch alle freien Bürger der Stadt Hanoch, daß wir Fürsten und Hanoch für diese Dummköpfe ein wahrer Gott ist, was sich nun keiner von ihnen, um tausend Prügel nicht, wird nehmen lassen; und mehr als alle diese Freien ist all unser Volk in diesem Wahne gefestet.
[HGt.01_027,28] So wir nun aber alsogleich unsere Hände an Hanoch legen, so werden wir dadurch sie alle gerade auf uns hetzen; und so der Hanoch hinzutreten würde in ihre Mitte und ihnen erläutern würde, daß wir ihm die Hände gebunden haben, damit er nicht hätte abwehren können unsere Mißhandlungen, die wir an ihnen verübt haben, – so dieses geschieht, fällt das Volk über uns her, und wir gehen zugrunde unter der Last der Massen.
[HGt.01_027,29] Daher ist List und große, vorsichtige Schlauheit unumgänglich nötig, wenn wir unsere Pläne durchsetzen wollen, damit die Sache uns kann nütze werden. Da ich nun sein geheimster Ratgeber war in allen Sachen, so weiß ich auch am besten, wie die Sachen stehen. Daher ist meine untrügliche Meinung diese: Dem Hanoch wenigstens drei Jahre lang den verlangten Tribut scheineshalber entrichten, unterdessen das Volk gut halten, damit es uns anhänglich werde, und dann öfter die Tüchtigeren an Verstande belehren über das nichtige Wesen Hanochs und über alle seine Betrügereien und allergröbsten Anmaßungen, ihnen zeigen Spuren des alten Gottes und ihnen dazu noch begreiflich machen, wie von uns alles, so hart es auch sein mochte, nur darauf angelegt war, sie endlich aus dem harten und schweren Joche Hanochs als Brüder zu retten, und daß dieses jetzt hat geschehen müssen, denn sonst wären sie alle sämtlich umgebracht worden.
[HGt.01_027,30] Ich gebe euch meine vollste Versicherung: Wenn wir das Volk so unterrichten und behandeln es nach Hlads Meinung, so sind wir im unberechenbaren Vorteile, und ich glaube, selbst der alte Gott wird uns da die Herrschaft nicht streitig machen, so wir Ihm auch noch dazu ein Opfer geben wollen. Dann erst bin ich auch sicher, daß der Hanoch vom Volke erfahren wird, dessen schon sehr weise erwähnt haben meine einsichtsvollen und übererfahrenen Vorredner Huid und Hlad.
[HGt.01_027,31] Beherziget wohl meine Rede, ihr meine Brüder und hohen Söhne Cahins!“ – Und siehe, alle verneigten sich und sprachen: „Amen, so soll es geschehen, damit eines jeden Rede gültig werde gegen Hanoch, den verruchten Ächter unseres Vaters und schändlichen Frevler des alten, mächtigen Gottes.“
[HGt.01_027,32] Da ließen sich die anderen wieder auf ihre Sitze nieder; aber der Farak blieb stehen und blickte erst ernst um sich herum, als wollte er sehen, ob nicht hinter jedem Redner noch etwas verborgen geblieben wäre, womit sich keiner ans Tageslicht wagte; und was er suchte mit den Augen, fand auch bald und leicht sein Verstand. Nun fing er an gewaltig zu reden, und seine Rede schonte niemanden gleich einem Schwerte auf dem Schlachtfelde, sagend:
[HGt.01_027,33] „Brüder – so ihr noch wert seid dieses Ehrennamens –, ich habe vernommen eure Reden, die ihr vor mir laut gemacht habt eure Gedanken und hieltet aber verborgen eure Begierden hinterlistig gegeneinander und habt einander angelogen mit euren Plänen und seid dadurch geworden zu gegenseitigen Meuterern, da ein jeder von euch im Sinne hat, sich heimlich davonzumachen und dem Hanoch anzuzeigen, daß er aus übergroßer Treue zu ihm vor dem wichtigen Antritte der Regierung seiner Weise eine Versammlung der Fürsten, wie sie soeben vor uns ist, zuwege gebracht habe und habe sie alle zu stimmen gesucht, daß sie ein schändlich Urteil von sich gaben über Hanoch, damit dem Hanoch dann klar würde, welchen Händen er die zehn Regierungen anvertraut habe, – wodurch dann der Hanoch ihn ausrüsten würde mit aller Macht und ihn dann setzen möchte zum Alleinfürsten über uns alle; die übrigen könnten dann leichtgläubiger Folge Hanochs das Los Cahins unter sich teilen.
[HGt.01_027,34] O ihr Schurken, ihr Auswürfe aller Bosheit! Fragt euch alle selbst, ob nur je ein ehrlicher Zug euch zu etwas gemacht hat! Denn alles, was ich bin und ihr seid, ist euch zu werden gelungen durch List, Schlauheit, Betrug, Schmeichelei und Heuchelei. Hat das arme Volk noch nicht gelitten genug? Ist es nicht schon ohnehin so elend geworden, daß es beinahe keinem Menschen mehr gleicht? Hat es nicht schon ohnedies beinahe den letzten Tropfen Blutes unter euren Hieben vergossen? Und was haben wir ihm je dafür Gutes getan, daß es uns so lange willig ernährt hat für nichts als für Mißhandlungen aller erdenklichen Art?! Haben sie, die ihr Tiermenschen nanntet, nicht die nämlichen Rechte auf alles, was die Erde trägt? Und es war ihnen untersagt, zu essen von all den Früchten, die da reif geworden sind, sondern bloß von den faulen! Und ihr seid damit nicht zufrieden, sondern wollt es noch tausendmal unglücklicher und elender machen, als es schon ohnehin ist?!
[HGt.01_027,35] Dadurch bewogen sage ich euch allen ohne Scheu: So ihr regieren wollt das arme Volk, dessen ihr nicht wert seid, daß es eure Brüder sind, so laßt alle Bosheit und Hinterlist, und leitet sie im Angesichte Gottes, des wahren und alten, und seid auch dem Hanoch wahre Brüder und nicht Betrüger eurer Kröpfe und Gurgeln wegen, und machet euch dessen würdig durch wahre Treue, wozu ihr geworden seid durch Betrug und List, sonst wird der alte Gott eure Opfer nicht ansehen und wird zu Hilfe kommen den Schwachen wider euch und euch machen zu Sklaven der Bestien, denen ihr den Namen gabet, der auf eurem Grunde gewachsen ist! Bedenket wohl die Rede des Grausamen, amen.“
[HGt.01_027,36] Siehe, als der Farak seine Rede beendet hatte, da blieben die andern wie angemauert sitzen und wußten auch nicht ein Wort zu ihrer Entschuldigung über ihre Lippen zu bringen, und es dachten die meisten bei sich: „Der ist uns heimlich bei dem alten Gotte zuvorgekommen; denn wie konnte er uns sonst so haarklein durch und durch schauen?! Und da es nun einmal so ist, wer wird an seiner Seite bestehen?! Wäre er zu vernichten, dann wäre es ein leichtes; aber nun – wer wird seiner Macht sich zu widersetzen vermögen? Ehe wir noch eine Hand heben, wird die seine uns schon vernichtend treffen; daher wollen wir ruhig abwarten, was die Sachen für Wendungen nehmen werden, und da wird es sich dann wohl zeigen, was da ferner zu machen sein wird.“
[HGt.01_027,37] Und siehe, da nun niemand mehr zu reden wagte, da trat noch einmal der Farak hervor und fragte sie: „Nun, wie ist euch denn? Hat denn keiner mehr den Mut, als Redner aufzustehen und mir zu entgegnen? Wo ist nun eure List, euer Betrug, eure Schlauheit, eure Schmeichelei, eure Heuchelei, wo eure Lügen, wo eure Macht, wo euer Fürstentum und wo euer betrogener Gott Hanoch?
[HGt.01_027,38] Ja, ich sage euch, eure stumme Gedankensprache ist nicht entgangen meinem Ohre, und wie sich die Sachen auch wenden mögen, so werdet ihr auch ganz richtig machen, was da zu machen sein wird nach Recht und Billigkeit; und wer von euch nicht danach handeln wird genau, der wird geächtet werden gleich dem Cahin, von dem ihr saget, daß er euer Vater ist, da er doch nach Recht handelte, – nur zu blind und streng, wodurch er sich gefangennahm, und fliehen mußte vor seinem eigenen Werke. Wohin, – das weiß niemand als der alte Gott; und so Er es jemand wollte kundmachen, so würde der es wissen. Allein das ist nicht Sein Wille. Seht, er war gerecht aus Furcht vor dem Gerichte des Alten, und er fehlte dadurch in aller Handlung, da er nichts aus Liebe tat, die ihm doch geboten war vom alten Gotte vor allem.
[HGt.01_027,39] Ihr habt sogar alle Gerechtigkeit aus dem Felde geschlagen und an ihre Stelle List, Betrug, Schlauheit, Lüge und andere zahllose Schändlichkeiten mehr noch dazugesellt, die keine Namen haben ihrer Ruchlosigkeit halber, und glaubet, der alte Gott wird gleich bereitwilligst euch unterstützen in allen euren Niederträchtigkeiten, deren Zahl kein Ende hat, so ihr Ihm nur irgendein blindes Feuer als Opfer vormachen werdet. Oh, ihr irrt euch gewaltig; dieser Alte hat scharfe Augen und kennt genau euer ganzes Wesen, wie es beschaffen ist vom Ersten bis zum Letzten. Daher ist Sein Ohr ferne von euch und wird euch nie mehr erhören in eurer grenzenlosen Verruchtheit, so ihr auch die ganze Erde Ihm als Opfer anzünden würdet, so ihr nicht zuvor eure Herzen reiniget mit dem Feuer einer unbegrenzten Liebe zu euren durch euch schwachen Brüdern und unglücklichen Schwestern und euch enthaltet von aller Hurerei, die Männern von zweihundert Jahren ganz unbegreiflich schlecht ansteht zu einem Fürstenamte.
[HGt.01_027,40] Nun beantwortet meine Fragen, so ihr könnt, oder sagt, was ihr nun noch entschlossen seid zu tun, mir so gerade ins Angesicht, wie ich es euch ohne Scheu gesagt habe, so ihr euch getraut; denn ich strebe nach keiner Herrschaft noch nach irgendeinem Fürstentume wie ihr, sondern nur nach der genauen Erfüllung der mir auferlegten Pflichten meines Amtes und nach dem Wohlgefallen des Alten, – daher ich auch nie ein Unrecht beging, noch geschändet habe ein Weib, noch eine Jungfrau, und noch weniger Fräulein von zwölf Jahren und darunter, wie ihr, weswegen ihr mich auch den Grausamen genannt habt, da ich nicht wollte sein gleich euch ein fauler Schurke!
[HGt.01_027,41] Dies sollen meine letzten Worte sein, damit ihr wißt, wen ihr vor euch seht, nämlich mich, den Grausamen, den ihr aber nie näher kennen sollet als nur so weit, als es die höchste Not erheischt, wie die gegenwärtige ist, damit nicht alles ewig – ja, ich sage ewig – zugrunde gehen möchte im wieder erweckten Zorne des alten, ewigen, heiligen Gottes! Daher frage mich keiner je näher, woher und wodurch! Amen.“ 

28. Kapitel
[HGt.01_028,01] Und siehe, da von allen, die da schon geredet hatten, keiner wagte, eine Gegenrede zu halten an den Farak, so erhob sich endlich der Molakim und richtete seinen Mund gerade gegen Farak, ihn scharf ins Auge fassend und sagend: „Bruder, deine Rede war scharf und traf einen jeden in seine Mitte; allein siehe, was unsere Reden betrifft, so ist deren Sinn gut und recht bis auf die Verwerfung Hanochs; nur sind sie entwürdigt worden durch innere, falsche Begierden, die in uns erst sind wach geworden beim Anblicke der uns anvertrauten Fürstenämter.
[HGt.01_028,02] So wir aber vertilgen in uns alle diese frechen Begierden und wollten auch werden wahre, treue Brüder, wie des Volkes, so auch des Hanoch nach Maßgabe des Rechtes und der Billigkeit, werden wir auch dann noch Schurken sein?“
[HGt.01_028,03] Und der Farak antwortete: „Die Begierde ist das Leben des Willens; so ihr also aber wollt vertilgen jegliche Begierde in euch, woraus wollt ihr dann handeln als Fürsten?! – Daher soll keiner erdrücken die Begierden in sich als den Funken der Liebe in Gott; aber nur keine falsche Richtung sollen dieselben nehmen.
[HGt.01_028,04] Die rechte Richtung derselben ist, Gott in seiner Liebe zu gewinnen trachten, und danach alle Handlungen richten nach der Erkenntnis des allerhöchsten Willens in uns, der in aller Demut erhalten wird die Eigenliebe in uns durch das Gefühl ihrer Nichtigkeit und unbegreiflichen Schwäche in ihr.
[HGt.01_028,05] Die falsche Richtung derselben aber ist die Selbstsucht oder die gänzliche Blind- und Taubheit des Willens in uns, und alle Handlungen aus demselben richten sich nach den eigenen Bedürfnissen und lassen die der ebenbürtigen Brüder unbeachtet.
[HGt.01_028,06] Siehe, die falschen Begierden blähen sich dann durch ihre stets wachsende Mehrheit in uns auf und erdrücken die Demut und erzeugen die Hoffart durch ihre Last, in welcher Lage sich dann der Mensch erleichtern möchte seine große Bürde; allein da er als Blinder nichts sieht und als Tauber nichts hört, was ihm helfen könnte, so hascht er in seiner falschen Begierde nach allen erdenklichen Mitteln, die seine Blind- oder Eigenliebe nur zu ersinnen vermag, und häuft dadurch nur neue Lasten auf Lasten, die in ihrer größten Überlast erdrücken das Leben aus Gott in uns und machen uns zu Tieren der Erdmaterie und zur Speise des Todes, der da zu Hause ist überall in der Materie, sowohl im Feuer als auch im Wasser, in der Luft und in der Erde, welche ist eine Mutter des Fleisches oder des Todes; denn wo ein Fleisch ist, da ist auch ein Tod. Somit werden wir auch alle sterben im Fleische.
[HGt.01_028,07] Wer demnach ist in der Eigenliebe, der ist in der Liebe seines Fleisches; wer aber sein Fleisch liebt, der hat die Begierde nach dem Tode, und der Tod wird in seine Begierde übergehen und ihn gefangennehmen in allen Fasern des Lebens und somit ihn verzehren und töten. Und so wird er werden zum Unrate des Todes und wird düngen die Äcker, da gesät ist die Frucht des ewigen Verderbens. – Jetzt wisset ihr alles; handelt und lebet, oder tut und sterbet, amen.“
[HGt.01_028,08] Und siehe, da nahm wieder der Molakim das Wort und sprach: „Brüder, ihr kennt mein Amt und Fach; ich war nicht vom Hanoch, noch vom Volke dazu gemacht, sondern von euch allen mit Ausnahme des Farak, daß ich anlöge den Hanoch und so auch das Volk; nur euch allein mußte ich zeigen den Mittelpunkt meiner Wissenschaft. Nun aber werfe ich links und rechts die Blendungen zu den Füßen Faraks und sage offen und getreu: Wenn ein Gott vom Himmel kommen wird, so wird seine Rede nicht weiser sein als die des Farak!
[HGt.01_028,09] Ich bekenne frei, wäre er nicht unser Bruder, so würde ich vor ihm niederfallen und ihn anbeten; aber er ist ein Mensch wie wir, – woher kommt ihm diese große Weisheit?!
[HGt.01_028,10] Seht, ich bin blind und taub wie ihr; aber ein inneres Rauschen sagt es mir: Siehe, Gott spricht durch den Mund Faraks unsichtbar! Diese Stimme sollen wir hören, sehr wohl beachten und danach handeln, so wir leben wollen; sonst werden die Tränen unserer Brüder sich ansammeln zu einer großen Flut und uns ersticken sämtlich in unserer großen Hurerei, Betrügerei und Frevellist.“
[HGt.01_028,11] (Und siehe, da wurde auch ermutigt der Uvrahim, trat vor und sagte: „Amen, – Dank sei dem alten Gotte, daß Er gnädigst geöffnet hat den Mund Faraks, unseres Bruders, ohne den wir sämtlich wären zugrunde gegangen, da wir alle schon tief gefangen waren in unseren todbringenden Begierden und wollte einer sein dem andern ein Verräter, damit der Tod über uns alle gekommen wäre, so oder so, als gerechtes Gericht aus der Höhe der Heiligkeit oder aus der Tiefe des Zornes des alten Gottes.
[HGt.01_028,12] Ich war ein feiner Schmeichler und wirkte dadurch mehr Böses als ihr und der Hanoch mit aller Gewalt; denn wäre ich nicht gewesen, er hätte lange schon seine Göttlichkeit, welche eigentlich ich auf das Eingeben Uvraks mit der Hilfe Nohads und Thahiraks ihm aufgeschmeichelt habe, fahren lassen, nachdem er mir öfter schon heimlich bemerkt hatte, daß ihm diese Gottheit innerlich sehr viel Angst bereite und ihn nicht ruhen lasse bei Tag und bei Nacht, so er allein ist, und daß er dann öfter schon verwünscht habe diesen unglücklichen Gedanken Uvraks, den er nun des Volkes wegen nicht mehr loswerden könne, – und doch brenne er ihn mehr denn alles Feuer in seiner Brust.
[HGt.01_028,13] Und nun seht, hier lege ich alle meine Schmeichelei nieder mit der Überzeugung, daß die Weisheit Faraks auch leicht heilen wird nach und nach diese große Wunde unseres Bruders, so wie sie hoffentlich uns allen die Augen geöffnet hat, damit wir ersehen möchten den Abgrund, an dessen lockerem Rande wir uns alle neun behaglich befanden, nicht ahnend die große Gefahr, zu verlieren das Leben und somit auch alles, was nur durch dasselbe irgendeinen Wert hat.
[HGt.01_028,14] Und du, teurer Bruder Farak, sei mir und uns allen ein treuer Wegweiser zum Lichte aus den Höhen des wahren Gottes, der uns fremd geworden ist gleich unserem Erzvater Adam, und leite uns alle nach dem dir wohlbekannten Willen des allein wahren Gottes, und so auch alles Volk als ebenfalls unsere armen, unschuldigen Brüder, an deren Vergehungen wir allein schuld sind durch unsere grenzenlose Bosheit; und was du, o Bruder, für gut finden wirst als den nun nur dir allein bekannten Willen von oben, das wollen wir mit vereinten Kräften mit der Gnade von oben gerne und allezeit bereitwilligst in die genaueste Ausführung bringen.
[HGt.01_028,15] Daher lege ich auch hier mein Fürstentum nieder zu den Füßen des Freundes Gottes, des wahren, und werde mich nur glücklich preisen, mich einen getreuen Knecht nennen zu dürfen vor dem einzigen in diesem Lande, der da Gnade gefunden hat aus so vielen Tausenden vor Gott, dem alleinig wahren und einzigen, der nicht mehr hat einen, der da wäre seinesgleichen.
[HGt.01_028,16] Daher vernehmet alle meinen wohlabgewogenen Willen: Die Stadt Farak sei uns allen eine heilige Stadt. Da wollen wir uns allezeit einen weisen Rat holen, um danach weise handeln zu können. Er selbst aber sei unser Fürst und Leiter nach der Weisheit Gottes in ihm und sei der alleinige Mittelpunkt zwischen uns, dem Hanoch und all dem Volke, damit wir würdig werden möchten, nicht etwa Fürsten zu werden, woran nichts gelegen ist, so wir gesehen haben Gottes Weisheit, sondern nur als willige, treue Knechte angesehen zu werden, die da Freude haben werden und sollen an dem Wohle der Völker und an der Weisheit Gottes in unserm Bruder Farak und an der vollen Wiedergenesung Hanochs und somit auch alles freien und dienstbaren Volkes.
[HGt.01_028,17] Amen, sage ich in aller Namen; und du, o Bruder Farak, sieh mich an in deiner Weisheit, und sei uns allen ein Bruder, ein Fürst, ein Leiter, ein Ratgeber und ein weiser Freund! Amen.“
[HGt.01_028,18] Und siehe, die Rede Uvrahims belebte neu den Thahirak, wie auch die übrigen, die gesprochen hatten vor dem Farak gleisnerische Worte voll Eigennutz; und so begann auch er noch zu reden als einer, der ein Träger und wahrer Sparkasten alles Übels ist, und auch als einer, der sich göttliche Rechte und Dinge anmaßte – als Gottes für alle Ewigkeiten unantastbare Heiligkeit, Seine Gerechtigkeit, Seine Liebe, Seine Allmacht, ja am Ende sogar die ganze Schöpfung, als könnte er sie mit einem Finger zerstören, da er, wie er oft sagte, hinter die Schliche des alten Gottes gekommen sei und er sich auch sogar getraute, es mit Meiner Kraft aufzunehmen und offene Fehde zu erklären Meiner Allmacht –; und da Ich aus Liebe nicht wollte das große Schwert Meines Grimmes ziehen gegen einen elenden Wurm des Staubes – als der Unendliche gegen ein Nichts, das kaum erschaut werden kann wegen seiner unaussprechlichen Kleinheit gegen Meine ewige Größe und unendliche Macht –, so sagte er jedermann: Meine Schwäche habe Furcht vor seiner Stärke.
[HGt.01_028,19] Was sagst du, Mein Knecht, zu solcher Aufforderung?
[HGt.01_028,20] Und siehe, diese war doch noch nicht so lächerlich als die, welche Mir von euch zur Stunde gemacht werden tausendfältig ärger, als diese da war.
[HGt.01_028,21] Denn siehe hin an die Wurzel eures Priestertums! Wenn er redet, der Weltheilige auf dem Throne, da muß Ich im Ernste schweigen und Mich auch hüten, mit jemand zu reden; so er's erfahren würde, da wäre Mein Sprechling nicht sicher mit seinem Leibesleben.
[HGt.01_028,22] Ich brauche auch den Dorn in Meinem Auge nicht näher zu bestimmen, da ihr ihn ohnedies leicht finden werdet. Allein nur noch eine kurze Zeit! – Und nun wieder zur Sache!
[HGt.01_028,23] Und siehe, dieser Thahirak fing nun auch, wie ein Blitz sich wendend, an, eine gewaltige Schlußrede an die Versammlung zu richten in aller Kürze, und sprach: „Brüder, die ihr weise und gewaltig geredet habt vor mir, daß ich erschüttert wurde bis in den innersten Grund aller meiner Bosheit und erschaut habe meine Nichtigkeit und meine grundlose Schwachheit und vernommen habe all mein großes Unrecht in all meinem Tun und Handeln, – ich brauche deiner Weisheit, Bruder Farak, nicht erst herzuerzählen all meine Schändlichkeiten, da selbst den Unweisen hinreichend bekannt ist mein bisheriges Amt und Fach in der allerruchlosesten Frevelei.
[HGt.01_028,24] Seht, ich bin zu schlecht für eure Versammlung, um irgendein Wort zu führen zu einer Entschuldigung, sondern nur so viel sage ich, daß ich ein Grundstein bin alles Übels unter euch und dem Volke und dem Hanoch; daher mache ich auf gar nichts irgendeinen Anspruch, weder auf ein Fürstentum, noch auf eine Knechtschaft, noch weniger auf eine Dienerschaft, sondern mir geschehe von euch wie dem Vater Cahin. Und so wird der Grundstein aller Bosheit ausgehoben werden von dem lockeren Gebäude alles Frevels, daß es dann zusammenfallen werde und ein besseres Gebäude der gerechten Weisheit Faraks aus Gott, dem Wahren und Mächtigen, an seiner verabscheuungswürdigsten Stelle für alle Zeiten dauernd errichtet werden möge.
[HGt.01_028,25] Seht, Brüder, das ist der einzige Lohn, den ich von euch allen am meisten wohl verdient habe, – wodurch ich keine unbillige Forderung an euch zu machen hoffe, da ich nun wohl weiß, daß der alte Gott keine Gnade und Erbarmung mehr haben kann und darf mit mir Seiner Heiligkeit wegen, die ich allein geschändet habe namenlos.
[HGt.01_028,26] Daher habe ich nun ausgeredet zur Genüge und erwarte in aller Zuversicht und Demut ein gerechtes und ganz billiges, wohlverdientes Urteil von der göttlichen, rechten und starken Weisheit Faraks!
[HGt.01_028,27] Und so ihr mich wollt mein Weib und meine Kinder lassen mitnehmen auf die Flucht dem Cahin nach, so möge das jedoch eurer Erbarmung anheimgestellt sein. Und so geschehe mir dann nach dem Willen Faraks, amen.“ 

29. Kapitel
[HGt.01_029,01] Und siehe, da erhob sich noch einmal der Farak und sprach: „Sieh, Bruder Thahirak, Gott und alle freien Geister können das Geschehene in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten nicht mehr ungeschehen machen; um so weniger können es wir schwache Menschen! Denke selbst, wenn es nur irgendeinen Funken göttlicher Weisheit bei einem Menschen gibt, ob diese nicht so urteilen und also reden müßte:
[HGt.01_029,02] Dieser Mensch hat gefehlt gewaltig aus seiner böswilligen Erkenntnis, da er nicht hatte Gnade von oben und war blind in seiner Selbstsucht zu seinem größten und aller ihn Berührenden Schaden; nun aber kam durch die Barmliebe Gottes ein heller Blitz, begleitet von starkem Donner, von oben und machte ihn sehen seine ganze Verworfenheit und hören die Unzahl seiner Greuel. Und nun finge dem Menschen an zu bangen, und er würde dann bereuen ernstlich all sein böses Tun aus dem Grunde seines Herzens und würfe somit alle seine Bosheit von sich und gäbe auch seinen Willen gefangen der Gnade Gottes, – sage mir, was würdest da selbst du tun einem solchen? (Antwort: Vergeben, und ihn ansehen, als hätte er nie gefehlt, und große Freude haben, daß ein so weit Verirrter sich wieder gefunden hat, und gefunden hat einen Ausweg aus den Kerkern des finstern Wahnsinns zum Lichte der göttlichen Gnade!) Du hast recht und richtig geantwortet, so du doch nur ein Mensch bist; und wie viel mehr aber wird der allerweiseste Gott als der Urgrund aller Wahrheit und Liebe diese Richtigkeit billigen, da Er am besten weiß, wie und wodurch und warum wir sooft gefehlt haben!
[HGt.01_029,03] Nun denn wisse: Wir lieblosen Menschen richten unsere verirrten Brüder nach der Anzahl der Verbrechen, ob da Reue oder keine Reue da war; Gott aber richtet aus Seiner Liebe und Weisheit keine begangenen und bereuten, sondern nur die begehenden und unbereuten Fehltritte. Obschon das Geschehene nie vergehen wird, sondern aufbewahrt bleibt in der unvergänglichen Erinnerung Gottes als ein dunkler Fleck auf der Linie unseres Lebens; aber gerichtet wird die Linie nicht im Anfange, noch in der Mitte, sondern am Ende, da dieselbe wächst und sich verlängert entweder gerade nach der Liebe und dem Rechte aus ihr, oder ungerade und krumm nach der Bosheit und aller Ungerechtigkeit aus ihr.
[HGt.01_029,04] Und siehe, so hat die Kraft der Weisheit aus Gott nun auch geradegemacht deine Krummheit, und so sollst du dich nicht selbst richten, sondern von nun an in der geraden Richtung deine Lebenslinie verlängern hin zum wahren Gott in aller Treue und Gerechtigkeit und dich öfter umsehen nach der von Gott nun geradegemachten Linie, damit du fürder nicht abweichest von der geraden Richtung, da du dann leicht entdecken wirst irgendeinen Abbug, um alsogleich auszugleichen denselben mit der Gnade von oben, die dir dann erleuchten wird das große Ziel deines Lebens im Reiche der ewigen Liebe und alles Lebens aus ihr.
[HGt.01_029,05] Und nun geh, übernimm in aller Treue, was dir geboten ist vom Hanoch, und sei eingedenk dieser meiner Rede, so auch ihr übrigen alle samt mir, dem Grausamen, und seid Brüder Hanochs, Brüder unter euch und Brüder des zu leitenden Volkes nach dem Willen Gottes des Mächtigen, Kräftigen, Starken, Allerweisesten und Liebevollsten. Amen.“
[HGt.01_029,06] Und auf diese Schlußrede erhoben sich alle und verneigten sich gegen Farak und sprachen: „Farak, du Weiser aus der alten Weisheit Gottes! Wir erkennen nun alle deine große Macht und unbegreifliche Einsicht in allen Dingen; obschon wir nicht einsehen, wie du dazu gekommen bist, so wollen wir aber doch tun, wie du es für gut und recht findest, weil wir sehen, daß deine Weisheit auf Liebe beruht, die niemand den kürzeren ziehen läßt, wenn man noch dazu wandeln will ihre sanften Wege, was wir nun alle tun werden und wollen aus deiner und nach deiner Weisheit.
[HGt.01_029,07] Und du aber sieh, daß du auch den Hanoch zurechtbringst wie uns, amen.“
[HGt.01_029,08] Und siehe, da verließen alle ihre Plätze und begaben sich in ihre Städte und taten da nach dem Rate Faraks weise und gut, und es frohlockte alles Volk unter ihrer Leitung.
[HGt.01_029,09] Und als Farak nun auf ähnliche Weise leicht auch bekehrt hatte den Hanoch, da stand der Hanoch auf und ergriff die starke Hand Faraks und sagte: „O Bruder, du hast wahr gesprochen und wohl getan; denn wo ein Geschöpf lebt, da ist auch noch Liebe und Gnade von oben zu erwarten wie bei mir; nur im Tode hat alles aufgehört. Nun lebet noch alles, – so läßt sich auch noch vieles wieder gutmachen; daher will ich alle Wunden wieder heilen, die meinen Völkern sind geschlagen worden, und das alles an deiner weisen Bruderseite, die da durch so große Einsicht vermocht hat, ein so großes Unglück abzuhalten von mir, dem arg Betrogenen, und so auch vom armen, betrogenen Volke.“
[HGt.01_029,10] Und siehe, so ging dann diese nun etwas bessere Regierung mehr denn fünfhundert Jahre so wellenförmig fort, auch selbst noch unter den Söhnen, das heißt Kindern und Kindeskindern Hanochs, als da waren sein jüngster Sohn Irad (der Heftige, als Schüler Faraks), regierend hundert Jahre, dessen jüngster Sohn Mahujel (der Fatalist oder Schicksalsprediger), auch regierend hundert Jahre, dann dessen jüngster Sohn Methusael (der Zielstecker und Erfinder der Natur und ihrer Kräfte), regierend hundertundzehn Jahre, und endlich dessen schon beinahe ganz Meiner vergessender Sohn Lamech (der Erfinder der Todesstrafen, die unter seiner Herrschaft vorzüglich gang und gäbe wurden),regierend zweihundert Jahre.
[HGt.01_029,11] Aber siehe, bei Lamech muß Ich ein wenig länger verweilen, da mit ihm alles Herrschertum aufhört und die Abgötterei und die Mammonie an seine Stelle treten, so auch die verfluchte Naturphilosophie als das größte Meisterstück der grenzenlosesten Schlangenbosheit.
[HGt.01_029,12] Und siehe, Lamech war eigentlich vermöge seiner Mittegeburt nicht berechtigt zu herrschen, da nach der urherkömmlichen, festgesetzten Sitte nur der jüngste Sohn, und nur im Sterbe- oder sonstigen Unfähigkeitsfalle dann der Erstgeborene, und stürbe auch dieser, erst der Mittelbürtige berechtigt war zur Übernahme der Regierung.
[HGt.01_029,13] Nun aber lebte noch ganz wohl Methusaels ältester Sohn Johred (der geheime Weise nach der Art Faraks, des schon lange Verstorbenen), und dessen jüngster Bruder Hail (getreuer Schüler Johreds und rechtmäßiger Herrscher).
[HGt.01_029,14] Und siehe, Lamech aber, ein roher, finsterer, ehrsüchtiger, meineidiger Mensch, der sich ganz wohl für seinen Ehrgeiz herausphilosophiert hatte, daß er gleichermaßen berechtigt sei zu herrschen, ergrimmte in sich über die alte Sitte; und da er auch noch dazu umgeben war von einer gleichgestimmten, bösen Spießgesellenrotte, so hielt er einmal, als gerade durch den Tod Methusaels die Zeit des Regierungsantrittes Hails herbeigekommen war, in dieser herrschsüchtigen Hinsicht eine arge Ratsversammlung, um zu erforschen, was da zu tun sein möchte, um seinen bösen Zweck sicher zu erreichen.
[HGt.01_029,15] Und siehe, einer, der da hieß Tatahar (das ist ein Blutdürstiger, auch ein Bluthund), gab ihm den grausen Rat, sagend: „Wir sind unser siebenundsiebzig an der Zahl, stark wie die Bäume, verwegen wie die Tiger, mutig wie die Löwen und grausam wie die Hyänen, und du aber bist ein Meister von uns allen; so glauben wir, es sollte dir nicht schwer werden, mit einer tüchtigen Keule in der Hand Johreds Weisheit ein Ende zu machen im Walde dort nächst den Bergen, da wir letzthin die Tiger jagten. Und hat dann irgendeine gefräßige Hyäne seine Knochen zermalmt mit ihren scharfen und starken Zähnen, so kannst du ihr hernach aus Dankbarkeit zum Konfekte auch noch den Buben Hail hinzuwerfen, was für diese hungrigen Waldbestien eine willkommene Mahlzeit sein wird. Dann sagen wir dem Volke, daß sie auf einer Hyänenjagd in zu großem Vertrauen auf ihre geheime Weisheit, alsomit tollkühn, im Gebirge von den Hyänen zerrissen und gefressen worden sind. Und da du dann der alleinige rechtmäßige Nachkomme Cahins, Hanochs, Irads, Mahujels und Sohn Methusaels bist, wer wird dir dann noch die Herrschaft und die Regierung streitig machen?!
[HGt.01_029,16] Nun, Lamech, was meinst du, – ist der Rat nicht, wie kein anderer, sicher zum Ziele führend? – Geh und handle, wir sind dir zur Seite, und der Erfolg ist außer Zweifel!“
[HGt.01_029,17] Und siehe, dieser Rat kam dem Lamech wie gemessen recht, und er suchte noch am nächsten Tage Gelegenheit dazu, – fand sie auch bald mit Hilfe der Schlange. Da er bemerkte, daß Johred mit Hail nach dem Forste frohwandelte, so ging er schnell anderseits mit seiner Spießgesellenrotte nach dem Forste und erwartete daselbst hinter den dichten Bäumen die beiden Brüder; und als diese vollends im Walde sich befanden, stürzte er plötzlich auf Johred, erschlug ihn auf einen Streich und tat mit dem Hail nach dem Rate Tatahars.
[HGt.01_029,18] Und siehe, den beiden aber geschah dieses deswegen, weil sie stolz auf ihre Weisheit geworden waren, da sie als Fürstensöhne vergessen hatten, daß die wahre Weisheit nur in der größten Demut besteht, und daß, sobald diese hintangesetzt wird, auch Weisheit entweiht; und da das bei ihnen der Fall war, so war ihnen auch nicht zu raten, noch zu helfen, ohne ihre Freiheit notwendig verletzen zu müssen, was Ich nicht tun kann auch nur im Allergeringsten, da der geringste Teil der Freiheit unendlich höher steht als alles Natur- und Leibesleben aller lebendigen Wesen der Erde. Daher auch die zugelassene Macht in Kriegen, wenn auch nur eines einzigen Menschen Willens- und Tatenfreiheit wegen.
[HGt.01_029,19] Dieses sei auch dir, Mein ziemlich tüchtiges Rüstzeug, eine Warnung, so du dich übernehmen mögest (weder heimlich, noch weniger offenbar) vor deinen Brüdern, da Ich dir gegeben habe die Gabe der Weisheit. Denn siehe, so du unzüchtig würdest, oder stehlen in der Not, oder schwelgen und lumpen wie immer, so oder so, dann würde diese Gabe seltener Art bei den Menschen schwach werden in dir; würdest du aber darauf stolz werden, dann würde Ich dir sie alsogleich nehmen, dich nackt lassen und verlassen im Walde des Irrtums, und da würden dann die reißenden Bestien herbeikommen, dich verzehren, daß endlich nichts mehr von dir übrigbliebe als ein schlechter Name.
[HGt.01_029,20] Siehe, in der Demut hast du es erhalten, in der Demut mußt du es behalten, und in aller Demut mußt du es auch an alle Brüder wieder abgeben. 

30. Kapitel
[HGt.01_030,01] Und siehe weiter! – Da nun Lamech solches verübt hatte in dem Walde an seinen Brüdern an Tatahars Rotten Spitze, so kehrte er froh zurück nach Hanoch und ließ sagen und bekanntmachen allem Volke in und um Hanoch und so auch den zehn Städten und deren Umgebungen, was da widerfahren ist den tollkühnen Brüdern Johred und seinem Züchtlinge Hail, worüber sich entsetzte ganz Hanoch samt den zehn Städten und außer denselben alles Volk. Da traten die Vernünftigsten und auch etwas mehr Verständigen aus den Städten und all dem Volke, bei dreitausend an der Zahl ohne ihre Weiber und Kinder, die da zu Hause blieben, zusammen.
[HGt.01_030,02] Und so verfügte sich dann dieses kleine Heer von Männern gegen Hanoch zu Lamech, da einer für alle das Wort führte und sprach: „Wo ist der Wald, da solches geschehen ist dem jungen Könige und seinem weisen Bruder Johred, und laß uns aufsuchen die Stelle des Greuels, um vielleicht auch noch zu finden einige traurige Überreste oder doch vielleicht noch sonstige Spuren, die uns überzeugen sollen von der Wahrheit solcher Botschaft, damit wir daselbst aufrichtig beweinen können ein so großes Unglück und hernach aufsuchen die Hyäne, die haben wird eine gewiß noch blutige Schnauze, damit wir sie erwürgen und erschlagen mit unseren Keulen und Steinschleudern ihr ganzes Geschlecht als schuldige Sühnung für Johred und Hail.“
[HGt.01_030,03] „Ja“, sprach der Lamech, „ihr habt einen rechten Entschluß gefaßt; ich als nun euer rechtmäßiger König (eigentlich ,Kann ich‘ oder veraltet ,Könn ig‘) werde selbst in eurer Mitte ein Gleiches tun, und mein erster Diener Tatahar soll unser Wegweiser sein samt seinen wohlbewaffneten Gesellen!“
[HGt.01_030,04] Und siehe, es gefiel dem Volke der schnelle, wohlfällige Entschluß Lamechs, und sie sagten: „Seht, seht und hört! Huhuhorah (das heißt: Es lebt noch ein rechter König!); auch er ist weise und sei unser König!“
[HGt.01_030,05] Und darauf erhoben sich alle und gingen, geleitet von Lamech, nach dem Tiger- und Hyänenwalde und fanden daselbst auch bald die noch mit Blut befleckte Greuelstätte und trauerten und weinten daselbst und klaubten die zerstreuten Kleiderreste zur traurigen Verehrung zusammen.
[HGt.01_030,06] Und als sie nun daselbst verrichtet hatten ihr eitles Trauerwerk und gesammelt hatten die wertlosen Reliquien Johreds und Hails, da verließen sie die Greuelstätte und zogen voll bitteren Ingrimms waldeinwärts in Rotten, je eine zu hundert in kleinen Entfernungen von dreißig ausgestreckten Händen, zu suchen die verruchte Hyäne; und siehe, es wollte sich nicht auch nur ein einziges Tier, viel weniger irgendeine Hyäne zeigen. So sagten sie: „Die verruchte Bestie hat sich gewiß geflüchtet auf die Berge! – Mut! Hat auch noch nie ein Sterblicher gewagt seit Cahin, den Fuß zu setzen auf einen Berg, so wollen wir nun zum ersten Male die Bahn brechen; denn wir haben gute Ursache dazu, und kein Gott ist imstande, zu mißbilligen diesen Schritt, da wir gerechte Sache haben gegen diese verruchten, gefräßigen Bestien. Daher noch einmal: Mut, – und sollen wir alle zugrunde gehen!“
[HGt.01_030,07] Und siehe, Lamech aber antwortete darauf: „Eure Stimme ist mein Wille und euch zum Gebote. Daher gehet und tut, wie es euch gemahnt; ich aber will hier an Tatahars Spitze euer harren und ein aufmerksames Auge haben auf irgendeine eurem starken Hiebe entflohene Bestie aller Bestien!“
[HGt.01_030,08] Da waren damit zufrieden die dreitausend und gingen ungewohnten, zögernden Schrittes und getrauten kaum sich umzusehen aus Schwindel im Angesichte ihrer erstiegenen Höhen und zurückgelegten Tiefen. Und siehe, drei Tage lang suchten sie die Hyäne, und es wollte sich ihnen aber auch nicht eine zeigen; da wurden sie es überdrüssig und hieben mit ihren Keulen an eine ihnen das weitere Fortschreiten verhindernde, mehr denn zwölf Klafter hohe und ganz wandsteile Steinwand und fluchten den Wäldern und den Bergen, die da seien eine Wohnung alles Ungetüms, und forderten Rechenschaft von den Bäumen, Felsen und Steinwänden und spützten auf die Erde die Schande ihrer Blutleckerei und verfluchten sie bis in den Grund und fluchten der Sonne, daß sie geleuchtet habe zu solcher Greueltat, und so auch allen Sternen und dem Monde, die da haben zusehen können einer solchen unerhörten Verruchtheit. Und einer von ihnen aber war der Größte und Stärkste und hieß Meduhed (das heißt ,der Stärkste‘). Dieser wandte sich um und richtete eine kurze, aber sehr passende Rede an die grimmentbrannte Menge und sagte:
[HGt.01_030,09] „Was soll da werden mit diesem Unsinn? Seht, eure Keulen zerschlaget und zersplittert ihr an dieser toten, harten, unbesiegbaren Wand und machet schlüpfrig den Rückweg mit eurem Geifer! So wir nun heimkehren werden, und es treten uns da Hyänen, Tiger, Löwen, Bären und große Schlangen in den Weg, denkt, wie ihr euch verteidigen werdet! Hat der alte Gott uns schon hier ein unbesiegbares Ziel unserer blinden, fruchtlosen Rache gestellt, wie leicht kann Er noch ein viel fürchterlicheres stellen auf dem Rückwege! Daher bedenket, daß mit dem Alten nicht gut streiten ist, da Er sogar Bäume und Steine lebendig machen könnte, so Er der Tiere zu wenig hätte, daß sie uns erschlügen und töteten allesamt unserer Torheit und unseres Ungehorsams wegen, da wir betreten haben die Berge gegen das strengste Gebot Cahins, Hanochs und Faraks, des Weisesten und Gerechtesten. Und wer weiß es, ob nicht etwa über dieser Wand höhere Wesen wohnen, wovon noch immer eine schwache Kunde ist im Volke; denn umsonst sind diese Berge nicht da! Und würde vielleicht nur ein solches Wesen unser ansichtig, was ist dann unsere Mückenzahl gegen einen solchen Riesen Gottes?! Daher laßt uns bescheiden umkehren am Tage noch, damit wir nicht zugrunde gehen unter dem Fluche der Nacht, die uns schon von jeher war ein großer Feind – wie der Tag eine Plage, jedoch nicht gerade auch verbunden mit so großen Gefahren gleich der Nacht. Daher tun wir alle nach diesem wohlerwogenen Rate. Amen.“
[HGt.01_030,10] Und siehe, als nun diese Rede sie zur Besinnung gebracht hatte und sie sich darauf ermahnt hatten und den Rückweg antreten wollten, da wurde Meduhed ansichtig eines großen Mannes, stehend auf einem Vorsprunge der Steinwand; und der Mann war Seth, ein Sohn Adams und Stellvertreter Ahbels, der später mit Adam und Eva ins gelobte Land zu ziehen von Mir durch den Bruderengel Ahbel die Weisung bekam und dort die Berge zu bewohnen im fernen Angesichte des einstigen Paradieses, wovon Ich später noch etwas ausführlicher sprechen werde.
[HGt.01_030,11] Und siehe, dieser Seth redete sie mit fester Stimme an, da er noch einer war, dem die Sprache aller Geschöpfe nicht fremd geworden ist, und sprach: „Ihr rauhen und Gott gänzlich vergessen habenden Kinder Cahins, des Brudermörders! Welche gerechte Strafe Gottes, meines und Adams, der noch lebt, Vaters, wie aller seiner Kinder, die auf den Höhen wohnen, hat euch hierher, eurem Untergange in die starken Arme geführt? O ihr Schlangenbrut, wie seht ihr aus?! O ihr Hyänenspeise, saget, was ihr wollt, hier an dieser heiligen Stätte! – Was sucht ihr hier an dem euch so strenge verbotenen Orte? – Weichet von hier und fallet allesamt in den Rachen der euch angedrohten Strafe, nämlich in den todbringenden Rachen, dem ihr nicht entgehen werdet, oder diese Steinwand wird euch begraben auf ewig!“
[HGt.01_030,12] Und siehe, da fiel Meduhed auf die Knie nieder und schrie überlaut um Erbarmung und Gnade. Seth aber, da er nur Worte redete aus Mir, so wurde er auch um so erfüllter von Meiner Liebe und ließ sich bald erweichen von Meduheds Klagestimme und sagte:
[HGt.01_030,13] „Meduhed, du allein darfst emporschauen zu mir, zu der großen Nähe Gottes, da du abhieltest deine Brüder von großer, mutwilliger Bosheit vor den allsehenden Augen Gottes; daher sollst du wissen allein, wo und wer diese gefräßige Hyäne ist: Siehe, diese tausendfache Hyäne ist in der Tiefe geblieben an der Schlangenzungenspitze der Rotte Tatahars und heißt Lamech!
[HGt.01_030,14] Daß von euch ja keiner es wage, Hand an ihn zu legen! Wehe dem siebenundsiebzigmal, der sich vergreifen würde an ihm, – da ein solcher dann vorgreifen würde der Zeit Gottes, welches aber wäre das Schrecklichste, da dann ein solcher zerstören würde das Band der göttlichen Liebe und lösen dadurch den breiten, unermeßlichen Gürtel der schärfsten Gerichte der Gottheit, welche große Feuersäulen über die ganze Erde stürzen würde und so im Feuer zerstören würde die ganze Welt. Und nun erhebe dich mit deiner Rotte, und zieht im Frieden heim, und seht nicht dahin gegen Hanoch, sondern auf euch und auf Gott, der da ist ein getreuer Retter derer, die auf Ihn schauen allezeit, – in der Lust sowohl, als auch in der Not! Amen.“
[HGt.01_030,15] Und siehe, da wurde Seth ganz Licht; sie aber erschraken und flohen aus seinem Angesichte über Stock und Stein und erreichten so noch die Ebene vor Untergang der Sonne, und um die Mitte der Nacht auch ihre Wohnungen, welche zehn Stunden Weges von den Bergen entfernt waren.