4. Kapitel
Ev.Joh.1,17. Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Christum geworden.
[GEJ.01_004,01] So ist das Gesetz, das dem ersten Leben gegeben werden mußte, und zwar im Anfange schon dem ersten Menschen und im Verfolge der Dinge durch Moses, der hier in diesem Verse auch als ein Repräsentant des Gesetzes angeführt wird. Aus dem Gesetze aber konnte wohl niemand je die wahre Lebensfreiheit erlangen, da das Gesetz eine Hemmung, nicht aber eine Förderung des Lebens ist.
[GEJ.01_004,02] Durch ein positives Muß aus der Urmacht unwandelbarem Wollen wurden die ersten Schöpfungsideen in ein isoliertes, wie selbständiges Sein hinausgestellt; was sonach die Trennung und das Formen des durch Raum und Zeit beschränkten Seins betrifft, so war dieses durch ein unwandelbares Muß bewerkstelligt.
[GEJ.01_004,03] Nun war das Wesen, der Mensch, da, in sich gewisserart die Gottheit Selbst, oder was eines und dasselbe ist: das Ursein Gottes Selbst, nur getrennt von seinem Urgrunde, sich aber dennoch Dessen bewußt, nebst dem aber dennoch gebunden in begrenzter Form und gehalten durch ein unwandelbares Muß. Dieser Zustand wollte dem also gestellten Wesen nicht munden, und sein Hoheitsgefühl kam in einen gewaltigen Kampf mit seiner notwendigen Beschränkung und Hinausstellung.
[GEJ.01_004,04] Da in der urersten Wesenreihe der Kampf immer heftiger ward, so mußte das große Grundgesetz verschärft werden und die Wesen in ein zeitweiliges, festes Gericht fassen; darin bestand die Darstellung der materiellen, festen Weltkörper und die dadurch bewirkte größere Teilung der Urwesen.
[GEJ.01_004,05] In der zweiten Reihe der Wesen erscheint dann der Mensch ins Fleisch gehüllt, stehend auf dem Boden seines ersten Gerichtes. Trotz der nun dreifachen Trennung von seinem Urgrunde erkannte er in sich doch bald Denselben wieder und ward trotzig, hochmütig und ungehorsam einem leichten und nicht mehr mit „Muß“, sondern nur mit „Du sollst“ gegebenen Gesetze.
[GEJ.01_004,06] Weil er aber dies leichte Sollst sich nicht wollte gefallen lassen, so ward ihm dafür ein schwereres und gewaltig sanktioniertes gegeben und die Sanktion bei Nichtachtung dieses zweiten Sollst pünktlich ausgeführt (siehe die Sündflut und Weiteres der Art!).
[GEJ.01_004,07] Nach dieser Zucht begab sich das Gottwesen in Melchisedek zur Erde und führte die Menschen; aber die fingen bald wieder zu kämpfen an und mußten durch neue Gesetze gebunden und zur Ordnung geführt werden, so, daß ihnen nur eine maschinenartige Bewegung, nahe gegen alle ihre Neigungen stehend, übrigblieb.
[GEJ.01_004,08] Durch das Gesetz war demnach eine weite Kluft gestellt, über die kein Geist und kein Wesen mehr einen Sprung machen konnte, wodurch denn auch die Aussicht und das innere Bewußtsein von einer ewigen Fortdauer des inneren, sogestaltig sehr eingeschränkten Lebens in eine sehr zweifelhafte Frage gestellt wurde.
[GEJ.01_004,09] Auf solch eine Einschränkung erscheint dann das göttliche Ursein in Seiner eigenen Urfülle, und zwar in der Person Christi.
[GEJ.01_004,10] Hier kommt also die Urgnade wieder, nimmt auf Sich alle Schwächen des Lebens der Menschen und gibt ihnen dafür eine neue Gnade, ein neues Leben, voll des wahren Lichtes und zeigt ihnen in diesem und durch Sich Selbst den rechten Weg und den rechten Zweck ihres Seins.
Ev.Joh.1,18. Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, Der in des Vaters Schoß ist, Der hat es uns verkündiget.
[GEJ.01_004,11] Jetzt erst bekamen, die Ihn erkannten, eine wahre Kenntnis von Gott und konnten nun zum ersten Male Gott, Den vorher nie ein Wesen in Seiner Fülle schauen konnte, neben sich und außer sich beschauen und erkennen und durch Ihn auch sich selbst und die eigene allerfreieste Lebensbestimmung.
[GEJ.01_004,12] Und nun ist auch die unübersteigbare Kluft, die durch das Gesetz gestellt wurde, wieder aufgehoben worden, und jeder Mensch konnte und kann nun immer aus dem Joche des Gesetzes treten, so er seinen alten Menschen gegen den neuen aus Christo umtauscht, darum es denn auch heißt, daß man den alten Menschen ausziehen und den neuen anlegen solle, oder: wer das alte Leben lieb hat, der wird es verlieren; wer es aber fliehet, der wird es, als nämlich ein neues, erhalten. Das ist denn die Verkündigung aus dem Schoße des Vaters und das lebendige Evangelium Gottes.
[GEJ.01_004,13] Der Ausdruck aber, wo es heißt: „Der in des Vaters Schoße ist“, besagt soviel als: Die Urweisheit Gottes oder das eigentliche innerste Gottwesen ist in der Liebe, gleichwie das Licht in der Wärme zu Hause ist, ursprünglich aus der Liebe mächtigen Wärme entsteht und entspringt und endlich durch sein Dasein abermals Wärme erzeugt, und diese allzeit wieder Licht. Ebenalso entsteht aus der Liebe, die gleich ist dem Vater und im Grunde des Grundes der Vater Selbst, das Licht der göttlichen Weisheit, das da gleich ist dem Sohne oder der eigentliche Sohn Selbst, der aber nicht Zwei, sondern völlig Eins ist mit Dem, das da „Vater“ heißt, gleichwie da Licht und Wärme oder Wärme und Licht eines sind, indem die Wärme fortwährend das Licht und das Licht fortwährend die Wärme erzeugt.
5. Kapitel
Ev.Joh.1,19. Und dies ist das Zeugnis Johannis an die Juden, als diese von Jerusalem an ihn sandten Priester und Leviten, daß sie Ihn fragten: „Wer bist du?“
[GEJ.01_005,01] Dieser Vers stellt eine pure äußere Tatsache dar und hat daher keinen inneren Sinn; nur das läßt sich aus dieser Mission leicht entnehmen, daß das Hoheitsgefühl der Juden in dieser Zeit schon zu ahnen begann, daß das Urlicht oder das Urleben Gottes sich den Erdenmenschen zu nahen beginne und schon auf der Erde sein müsse, und es mutmaßte, daß dieses Urleben alles Lebens sich in dem Johannes befinde und er etwa der verheißene Messias sei.
[GEJ.01_005,02] Darum sandten sie denn auch, aus obbesprochener Ahnung mehr als durch den Predigerruf Johannis genötigt, Auskundschafter zu ihm, auf daß sie ihn fragten, wer er sei, ob Christus, ob Elias, oder ob ein anderer Prophet.
Ev.Joh.1,20. Und er bekannte und leugnete es nicht, sagend: „Ich bin nicht Christus, der verheißene Messias.“
Ev.Joh.1,21. Sie aber fragten ihn weiter: „Was bist du denn? Bist du Elias?“ – Und er sprach: „Ich bin es nicht!“ – Und weiter fragten sie: „Bist du ein Prophet?“ – Er antwortete: „Nein!“
[GEJ.01_005,03] Der Grund aber, warum sie den Johannes auch fragten, ob er entweder Elias oder ein anderer neuer Prophet sei, lag darin, weil es in ihren prophetischen Schriften hieß, Elias werde vor dem verheißenen Messias kommen und ganz Israel auf die große Ankunft des Messias vorbereiten! – Also sollten in solcher Zeit auch noch andere Propheten erstehen, die gleichfalls auch als Herolde dem Messias vorangehen werden. Solches also wußten die der Schrift kundigen Abgesandten aus Jerusalem und fragten den Johannes also; dieser aber bekannte, daß er das alles nicht sei.
Ev.Joh.1,22. Und sie sprachen weiter zu ihm: „Was bist du denn, daß wir eine Antwort bringen denen, die uns gesandt haben?!“ – „Was sagst du denn von dir selbst?“
[GEJ.01_005,04] Und so mußten sie ihn denn natürlich weiter fragen, wer er alsonach denn wäre.
Ev.Joh.1,23. Johannes aber sprach: „Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste und bereite dem Herrn den Weg, wie es der Prophet Jesajas geweissagt hat.“
[GEJ.01_005,05] Worauf Johannes dann erst bekannte, daß er bloß nur ein Rufer in der Wüste sei und bereite – nach Jesajas' Vorhersage – dem Herrn den Weg!
[GEJ.01_005,06] Man kann hier ganz füglich fragen, warum Johannes solches tue in der Wüste, von der man doch voraussetzen kann, daß in ihr sicher sehr wenig Menschen wohnen werden; daß es demnach wohl angezeigter wäre, an solchen Orten einen derartigen Vorläufer zu machen, die reichlich von Menschen bewohnt sind. Was kann in der toten Wüste ein solches, wenn auch noch so kräftiges Rufen nützen, wo des Rufes Schall lange eher verhallt, als bis er an irgend ein Ohr gelangt? Und gelangt er auch zufälligerweise an irgend ein Menschenohr, so genügt das ja doch lange nicht bei einer Sache, die für alle Menschen doch von der allerwichtigsten Art ist!
[GEJ.01_005,07] Auf diese vorleitende Frage sei das gesagt, daß da unter dem Ausdruck „Wüste“ nicht so sehr die kleine Wüste von Bethabara, jenseits des Jordans gelegen, zu verstehen sei, als vielmehr die geistige Wüste in den Herzen der Menschen. Die Wüste von Bethabara, allwo Johannes wirklich lebte, predigte und taufte, war daher nur darum gewählt worden, auf daß sie ein Vorbild dem Menschen wäre, wie es aussähe in seinem Herzen, nämlich ebenso öde, leer, ohne edle Früchte, nur voll Dornen und Disteln, allerlei Unkrautes und voll Nattern und anderen schmeißlichen Gewürms; und in solch einer Wüste der Menschen tritt Johannes wie ein erwachtes Gewissen, das er in rein geistiger Beziehung auch vorstellt, auf und predigt Buße zur Vergebung der Sünden und bereitet also dem Herrn den Weg zu den Herzen ganz wüste gewordener Menschen.
[GEJ.01_005,08] Es bleibt hier nur noch die Frage übrig, warum sich Johannes nicht als Elias oder als ein Prophet bekannte, da er sowohl das eine wie sicher auch das andere nach Meinem höchst eigenen Zeugnisse war, denn Ich Selbst habe es ja bei einer wohl schicklichen Gelegenheit den Aposteln wie auch anderen Anhörern Meiner Lehre geradeheraus gesagt: Johannes war der Elias, der vor Mir kommen sollte, so ihr es annehmen wollt.
[GEJ.01_005,09] Der Grund solch einer Negation liegt darin, daß Johannes sich hier nur nach der tätigen neuen Bestimmung und nicht nach der alten, so seinem Geiste im Elias gegeben ward zu seiner Erdzeit, benennet. Elias mußte strafen und zerstören den Moloch; Johannes aber rufen zur rechten Buße, erteilen der Sünde Vergebung durch die Wassertaufe und also Mir den Weg bereiten. Und nach solcher Tätigkeit gab er sich denn auch nur als das aus, was er nun der Tat nach war.
Ev.Joh.1,24. Und die gesandt waren, waren von den Pharisäern.
Ev.Joh.1,25. Und diese fragten ihn weiter noch und sprachen zu ihm: „Warum taufest du denn, so du nicht Christus, auch nicht Elias und sonst auch kein Prophet bist?“
[GEJ.01_005,10] Da er aber dennoch taufte, was sonst nur den Priestern und den erwiesen dazu berufenen Propheten gestattet war, so fragten ihn die von den eifersüchtigen Pharisäern abgesandten Priester und Leviten, warum er denn hernach die Menschen taufe, da er weder das eine noch das andere sei.
Ev.Joh.1,26. Johannes aber antwortete ihnen und sprach: „Ich taufe nur mit Wasser; Er (der Christus, nach Dem ihr fraget) ist mitten unter euch getreten; aber ihr kennet Ihn nicht.“
[GEJ.01_005,11] Johannes aber sagt: „Ich taufe nur mit Wasser, das heißt, ich wasche nur und bin ein Wäscher unrein gewordener Herzen zum würdigen Empfange des Einen, Der gewisserart schon lange in eurer Mitte sich aufhält, Den ihr aber eurer Blindheit wegen nicht erkennet!“
[GEJ.01_005,12] Hier werden auch alle jene Mich, den Herrn, äußerlich wo Suchenden durch diese Forscher dargestellt, die Länder und Meere durchziehen und da alle Weisen fragen: „Wo ist Christus, wann und wo kommt Er?“ – Den wahren, Der inmitten ihrer Herzen eine Wohnstätte für Sich erbaute, und Der nur da zu finden ist, (O – solcher Irrsucher!) Den suchen sie nicht, wenigstens dort nicht, wo Er einzig und allein zu suchen und zu finden ist!
Ev.Joh.1,27. „Der ist es, Der nach mir kommen wird, Der vor mir war, Des ich nicht wert bin, daß ich Seine Schuhriemen auflösete.“
Ev.Joh.1,28. Dies geschah zu Bethabara, jenseits des Jordans, allwo Johannes taufte.
[GEJ.01_005,13] Wie sehr doch gibt Johannes ein allerdemutsvollstes Zeugnis vor den Priestern und Leviten, da er es wohl weiß, Wer in Christo die Erde betreten hat; aber was kümmert dies das hochweltweise Priestertum! Das allerwahrste Zeugnis des Johannes ließ sie unangefochten; denn sie wollten keinen demutsvollen, armen und glanzlosen Messias, sondern einen solchen, vor dem sogleich alles vor Furcht und Schreck hätte zusammenfahren sollen!
[GEJ.01_005,14] Der Messias hätte gleich beim ersten Erscheinen – natürlich nirgends anders als in Jerusalem – und linea recta sichtbarlich mit mehr denn Sonnenglanz feurig strahlend, von Myriaden Engeln begleitet vom Himmel herabkommend und nur im Tempel Wohnung nehmend, alle damaligen Potentaten aufheben und vernichten sollen, – und hätte darauf die Juden auch sogleich völlig unsterblich machen, ihnen alles Geld der Erde verschaffen, wenigstens etliche Hunderte von überflüssig scheinenden Bergen mit starkem Gekrache ins Meer schleudern und dabei aber auch das arme schmutzige Gesindel sogleich hinrichten sollen! Dann hätten sie an Ihn geglaubt und auch gesagt: „Herr, Du bist gar entsetzlich stark und mächtig, alles muß sich vor Dir tiefst beugen und in den Staub werfen, und der Hohepriester ist nicht würdig, Dir die Schuhriemen zu lösen.“
[GEJ.01_005,15] Aber Christus kam ganz arm und klein und anscheinend schwach zur Erde, gab nahe volle dreißig Jahre (außer bis zu seinem zwölften) kein Zeichen vor den Augen der Großen von Sich, sondern arbeitete schwere Arbeiten, war samt Josef ein Zimmermann und gab Sich nachher auch noch mit dem gemeinen Proletariat ab; wie konnte in den Augen der stolzen und hochweisen Juden das der so lange erwartete Messias sein? „Weg mit solch einem Gotteslästerer, mit solch einem Magier, der seine Taten nur mit der Hilfe des Obersten der Teufel ausführt! Solch ein allergemeinster, übers Eichenholz grober und roher Zimmermannsgeselle, der irgendwo mit der Satanshilfe zaubern gelernt hat, barfuß einhergeht und des allerhundsgemeinsten Gesindels Freund ist, mit ihm herumgeht, Huren annimmt und mit öffentlich zu bekannten Sündern ißt und trinkt und somit durch sein Tun und Lassen dem Gesetze offenbarlichst widerstrebt, der soll Christus, der verheißene Messias sein?! – Nein, nimmermehr sei eine solch gotteslästerliche Idee in uns!“
[GEJ.01_005,16] Das war das Urteil der hohen und weisen Juden über Mich bei Meiner fleischlichen Vollgegenwart auf der Erde; und das haargleiche Urteil besteht noch zur Stunde über Mich unter Millionen, die durchaus von einem sanftmütigen, herablassenden und Sein Wort haltenden Gott nichts hören wollen!
[GEJ.01_005,17] Ihr Gott muß erstens sehr hoch über allen Sternen wohnen und vor lauter endlosester Erhabenheit nahe gar nicht existieren; geringere Dinge als Sonnen darf Er gar nicht erschaffen, so Er ein würdiger Gott sein will! Zweitens darf Er Sich nicht unterstehen, irgend eine und schon am allerwenigsten die menschliche Gestalt zu haben, sondern muß bloß so irgend ein unbegreifliches Unding sein!
[GEJ.01_005,18] Drittens darf, so doch Christus Gott sein könnte, Er Sich nur Menschen vom Fache, nur gewissen Sozietäten, Konzilien, außerordentlichen Pietisten, mit einem sogenannten Heiligenschein umgebenen Zeloten und vollendeten Tugendhelden durchs innere lebendige Wort mitteilen, und einem also Beglückten aber auch alsogleich die Macht, Berge zu versetzen, erteilen; sonst ist es rein nichts mit der göttlichen Mitteilung und Offenbarung Christi!
[GEJ.01_005,19] Einem Laien oder etwa gar einem Sünder darf Sich der Herr Jesus nimmer mitteilen; denn in solchem Falle ist dann die Offenbarung schon verdächtig und wird nicht angenommen gleicherweise, wie auch Ich Selbst von den hohen Juden nicht angenommen ward, weil Ich vor ihren stolzen und ruhmsüchtigen Augen viel zu wenig göttlich nobel aufgetreten bin; aber – das tut nichts! Nur das Zeugnis Johannis ist gültig!
[GEJ.01_005,20] Die Welt bleibt sich stets gleich und ist fort und fort die Wüste zu Bethabara, allwo Johannes sein Zeugnis gab. – Aber auch Ich bleibe Mir stets gleich und erscheine allzeit bei den Menschen zur Unterdrückung ihres Hochmuts und zur Belebung der wahren Demut und Liebe stets so, wie Ich den Juden erschienen bin. Wohl allen, die Mich also erkennen und aufnehmen, wie Mich der Johannes erkannt und aufgenommen hat laut seines Zeugnisses, das er Mir vor den Augen und Ohren der stolzen Priester und Leviten aus Jerusalem gab zu ihrem großen Ärger!
Ev.Joh.1,29. Des anderen Tages sieht Johannes Jesum zu sich kommen und spricht: „Siehe, Das ist Gottes Lamm, Das der Welt Sünden trägt!“
[GEJ.01_005,21] Er zeuget ihnen des nächsten Tages darauf, als diese Forscher noch zu Bethabara sich aufhielten und allda Erkundigungen machten, was alles dieser Johannes tue und worin hauptsächlich seine Predigten beständen, noch einmal von Mir, und zwar gerade bei der bekannten Gelegenheit, als Ich aus der Wüste zu ihm komme und von ihm verlange, daß er Mich taufe mit dem Wasser des Stromes.
[GEJ.01_005,22] Schon als Ich Mich ihm nähere, macht er den Führer dieser Forscher, der über die Nacht das, was er von Johannes tags vorher vernommen hatte, in eine beachtenswerte Erwägung zog, auf Mich aufmerksam und sagt: „Sieh', Der dorther Kommende ist das Gottes-Lamm, Das alle Schwäche der Menschen auf Seine Schultern gelegt hat, auf daß die Menschen, die Ihn aufnehmen werden, ein neues Leben aus Ihm nehmen und in sich die Macht haben werden, aus solchem neuen Leben Gottes Kinder zu heißen; denn weder im Sturme noch im Feuer kommt Jehova, sondern im sanftesten Wehen nur kommt er.“
Ev.Joh.1,30. „Dieser ist es, von Dem ich (gestern) gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, Der vor mir gewesen ist; denn Er war eher denn ich.“
[GEJ.01_005,23] Johannes wiederholt hier noch einmal das, was er schon tags vorher zu den Forschern über Mich ausgesagt hatte, und zeugt einerseits von Mir, daß Ich gleichsam als ein Spiegel wahrer und notwendiger Demut des Menschen zu den Menschen komme und in solcher Demut zeuge, daß Ich den Menschen in ihrer Schwäche zu Hilfe komme, nicht aber in ihrer vermeintlichen Stärke, die sie freilich wohl nimmer besitzen; andererseits aber zeuget Johannes auch, daß das von ihm also benannte Gotteslamm dennoch Der ist, Der vor allem Sein war; denn der Ausdruck „Er war eher denn ich“ besagt soviel als: Johannes – seinen hohen Geist auf einen Moment in sich selbst erkennend – gibt dies den Forschern also zu verstehen, daß, obschon auch in ihm der gleiche Urgeist wohne einer und derselben Art und Beschaffenheit, er aber dennoch nur aus dem Grundurgeiste, Der allein in diesem Lamme wohne, nicht aus eigener Macht, sondern aus der alleinigen Macht dieses Urgrundgeistes in ein freies und völlig selbständiges Dasein hinausgestellt wurde; mit solcher Hinausstellung, da sie eine wirkliche Werktat des Urgrundgeistes ist, beginne dann auch eine erste Zeitperiode, vor welcher nichts war in der ganzen Unendlichkeit denn allein der Urgrundgeist Jehova, und zwar ganz also und Derselbe, als Der Er nun in diesem Gotteslamme vor ihnen sichtbar Sich befinde und von ihm (Johannes) getauft zu werden wünsche.
6. Kapitel – Taufe. In der Wüste. Erste Jüngeraufnahme. (Kap.6-9)
Ev.Joh.1,31. „Ich aber kannte Ihn auch früher nicht; sondern um Ihn zu offenbaren in Israel bin ich gekommen, mit Wasser zu taufen (die Seiner Harrenden).“
[GEJ.01_006,01] Natürlich fragten die Forscher darauf Johannes: „Seit wann kennst denn du diesen merkwürdigen Mann schon, und wie überkamst du das, was du nun von Ihm aussagst?“ – Hier antwortete Johannes ganz naturgemäß, daß auch er als Mensch Ihn früher nicht gekannt habe, sondern Sein Geist habe ihm solches geoffenbart und ihn auch getrieben, die Menschen auf Diesen vorzubereiten und sie zu waschen von ihren groben Sündenflecken mit dem Wasser des Jordans.
Ev.Joh.1,32. Und Johannes zeugete und sprach (nach der Taufe) weiter: „(Als ich Ihn nun taufte,) sah ich, daß der Geist Gottes (zum Zeugnisse für mich) herabfuhr vom Himmel, gleichwie eine Taube sanft sich herabläßt, und dieser Geist blieb über Ihm.“
[GEJ.01_006,02] Johannes gibt hier kund, daß auch er Mich zum ersten Male sieht leibhaftig vor ihm, und daß Mein Geist in ihm – ihm solches geoffenbart hat. Die Forscher sahen sich natürlich diesen Mann wohl an und beobachteten Ihn während der kurz dauernden Handlung der Wassertaufe, die an Mir zu begehen sich Johannes anfangs weigerte, und zwar mit dem wichtigen Bemerken: Ich solle wohl füglicher ihn taufen, denn er Mich; – aber auf Mein ausdrückliches Begehren, daß es also geschehen müsse, gab er nach und taufte Mich dennoch, sah aber, was Ich Selbst ihm durch Meinen Geist in seinem Geiste geoffenbart hatte, da Ich ihn nach Bethabara trieb, wie Gottes, das heißt Mein ewig ureigenster Geist Sich in der Erscheinlichkeit eines lichten Wölkchens, und zwar in der Art, wie eine Taube sich herabläßt, aus den lichtvollen Himmeln über Mich herabließ und also blieb über Meinem Haupte. Und dazu vernahm er zugleich die bekannten Worte:
[GEJ.01_006,03] „Dies ist Mein geliebter Sohn, oder dies ist Mein Licht, Mein eigenes Urgrundsein, an Dem Ich als die urewige wesenhafte Liebe Mein Wohlgefallen habe, Diesen sollet ihr hören!“
Ev.Joh.1,33. „Ich hätte Ihn sonst auch nicht erkannt; aber – Der mich sandte, zu taufen mit dem Wasser, sprach zu mir: Über Den du sehen wirst den Geist Gottes herabfahren und auf Ihm bleiben, Der ist er , Der mit dem heiligen Geist taufen wird.“
[GEJ.01_006,04] Darum sagt Johannes: „Ich hätte Ihn sonst auch nicht erkannt!“
Ev.Joh.1,34. „Ich sah es und zeuge nun, daß dieser ist wahrhaft Gottes Sohn.“
[GEJ.01_006,05] Nach dieser Taufhandlung erzählte erst Johannes den Forschern, was er gesehen und gehört hatte, und behauptete auf Tod und Leben, daß der Getaufte, Den er schon bei Dessen Annäherung als das ihm geoffenbarte Gottes-Lamm angekündigt hatte, wahrhaftigst der von ganz Israel erwartete Messias ist; Dieser ist wahrhaft Gottes Sohn, das heißt, das urewige eigentliche Grundsein Gottes in Gott!
[GEJ.01_006,06] Er, Johannes, habe selbst mit eigenen Augen Dessen Geist über Ihn Sich herablassen und über Ihm bleiben sehen, nicht als ob dieser Mann dadurch solchen Geist erst empfangen hätte, sondern die Erscheinung geschah nur ihm selbst zu einem Zeugnisse, da auch er Ihn eher nicht gekannt hatte.
[GEJ.01_006,07] Es wirft sich hier aber von selbst die Frage auf, ob denn diese Boten aus Jerusalem von all dem mit ihren Augen und Ohren nichts bemerkt haben. Darauf diene zur stets und ewig gleichen Antwort: Nur den Unmündigen und Einfältigen wird es geoffenbart; den Weisen der Welt aber bleibt es verborgen und verhüllt.
[GEJ.01_006,08] Also sahen hier die Boten aus Jerusalem auch nichts als nur die Wassertaufe allein und ärgerten sich nicht wenig, als ihnen Johannes kundgab, was er gesehen und vernommen hatte, sie aber von all dem nichts wahrnehmen konnten und daher den Johannes auch schmähten, daß er sie anlüge; aber da traten mehrere anwesende Jünger des Johannes hinzu und bezeugten, daß Johannes völlig die Wahrheit geredet hatte.
[GEJ.01_006,09] Aber die Boten schüttelten die Köpfe und sprachen: „Johannes ist euer Meister, und ihr seid seine Jünger; darum bezeuget auch ihr seine Aussage. Wir aber sind gelehrt und weise in allen Dingen aus der Schrift, die von Gott ist durch Moses und durch die Propheten, und erkennen aus eurem Reden und Handeln, daß ihr samt eurem Meister Narren seid, nichts sehet und nichts wisset und mit eurer Narrheit viele Menschen verrückt machet, also, daß die Sache höchst mißfällig schon eine Zeitlang in den Ohren der Höchsten des Tempels liegt. Das Beste wird sein, euch mit Gewalt das Handwerk zu legen.“
[GEJ.01_006,10] Johannes aber erregte sich und sprach: „Ihr Otterngezüchte, ihr Natternbrut! Meinet ihr dadurch dem Gerichte zu entgehen!? – Sehet, die Axt, mit der ihr uns vernichten möchtet, ist bereits an eure Wurzel gelegt; sehet zu, wie ihr dem Verderben entrinnen werdet! So ihr nicht in Sack und Asche Buße tut und euch nicht werdet taufen lassen, so werdet ihr zugrunde gerichtet werden!
[GEJ.01_006,11] Denn wahrlich! Dieser war es, von Dem ich zu euch geredet habe: Nach mir wird kommen, Der vor mir gewesen; denn Er war eher denn ich. – Von Seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ (Dieses wird zum voraus schon im 15. und 16. Verse dieses Kapitels angeführt, aber noch nicht näher historisch beleuchtet.)
[GEJ.01_006,12] Auf diese energischen Worte Johannis verbleiben einige und lassen sich von ihm taufen; der größte Teil aber zieht ganz ergrimmt von dannen.
[GEJ.01_006,13] Diese Verse berichten ganz rein nur etwas Historisches und haben wenig inneren Sinn, der sich aber schon aus den vorhergehenden Erläuterungen gar leicht erkennen läßt. Nur muß hier erwähnt werden, daß solche Verse um so leichter gefaßt werden, wenn sie mit den damals von selbst sich verstehenden Umständen gegeben werden; denn in der Zeit, als der Evangelist das Evangelium niederschrieb, war es die Art und Weise, daß man alle möglichen Umstände, die sich irgend von selbst verstehen und annehmen ließen, als unnötige Sätze ausließ und bloß nur die Hauptsätze aufzeichnete und alle Nebenumstände, wie man heutzutage sagt, „zwischen den Zeilen lesen“ ließ. Um diese für diese Zeit sehr zu beachtende Sache näher zu beleuchten, wollen wir eben die hiernach angesetzten drei Verse in dieser Art etwas näher betrachten, und es wird sich die damalige Schreibart (Syntax) ganz genau ersehen und wohl erkennen lassen.
7. Kapitel
Ev.Joh.1,35. Des folgenden Tages stand abermals Johannes (am Flusse des Jordan) und zwei seiner Jünger mit ihm.
[GEJ.01_007,01] Ganz urtextlich lautet zum Beispiel der 35. Vers also: „Des andern Tages stand abermals Johannes und zween seiner Jünger.“ Hier fragt es sich: Wo stand er, und waren die zwei Jünger bei ihm, oder standen sie irgendwo auf einem andern Platze, nur zu gleicher Zeit? – Es muß hier jedem sogleich in die Augen fallen, daß hier weder der Standpunkt und noch weniger die Handlung der beiden Jünger bezeichnet ist.
[GEJ.01_007,02] Ja warum hat denn der Evangelist solches Umstandes nicht erwähnt?
[GEJ.01_007,03] Der Grund ist schon oben angedeutet worden; denn es versteht sich ja von selbst und hat sich besonders für jene Zeit, in der also zu schreiben Regel war, ganz bestimmt von selbst verstehen lassen müssen, daß Johannes am Flusse Jordan und daselbst unter einer Weide stand und allda harrete, ob jemand käme und sich von ihm taufen ließe. Und da er mehrere Jünger hatte, die seine Lehre hörten und sie auch aufzeichneten, so waren gewöhnlich zwei, manchmal, so es viel zu tun gab, auch mehrere ihm zur Seite und waren ihm bei seinen vielen Taufhandlungen behilflich und tauften wohl auch in seinem Namen und in seiner Art.
[GEJ.01_007,04] Da also für die damalige Zeit alle solche Umstände bei denen, die um Johannes waren, zu bekannt waren, so wurden sie auch nicht aufgezeichnet; es war in dieser Zeit Regel, also zu schreiben, und einesteils auch Notwendigkeit ob Mangels des Schreibmaterials, und man zeichnete daher nur die Hauptsache auf und gab durch das einem Satze vorgesetzte Bindewort „und“ zu verstehen, ob die wie vereinzelt dastehenden Sätze zueinander in einer Beziehung stehen oder nicht. Aus dem Grunde hat man solche Bindewörter auch selten in Buchstaben, sondern in gewissen bekannten Zeichen den aufeinander Bezug habenden Hauptsätzen vorgesetzt.
[GEJ.01_007,05] Diese hier gegebene Erklärung ist zwar keine an sich evangelische Erklärung; aber sie ist dennoch sehr notwendig, indem ohne sie sowohl die Evangelien in ihrem äußeren historischen Sinne in dieser Zeit kaum zu verstehen sind und somit noch weniger in ihrem inneren geistigen Sinne, am allerwenigsten aber die prophetischen Bücher des alten Testamentes, in denen statt ausgeführter Sätze bloß nur entsprechende Bilder vorkommen und natürlich von wie immer gearteten Umständeangaben keine Rede sein kann. Da wir nun aber solche Regeln des Altertums kennen, so wird es uns für die Folge auch nicht schwerfallen können, alle nachfolgenden Verse und Texte leichter zu verbinden, richtiger zu lesen und wenigstens den natürlichen, historischen Teil in ein helleres Licht zu stellen. Wir wollen solch eine kurze Analyse noch mit dem 36. und 37. Verse vornehmen und die gegebene Regel wird dadurch klarwerden.
Ev.Joh.1,36. Und da er wieder Jesum (am Ufer des Jordan) wandeln sah, sprach er: „Siehe, Das ist Gottes Lamm!“
[GEJ.01_007,06] Der 36. Vers heißt urtextlich: „Und als er sah Jesum wandeln, sprach er: Siehe, Das ist Gottes Lamm!“ Das „Und“ zeigt hier an, daß dieser Text mit dem vorhergehenden in irgendeiner Beziehung steht und historisch angibt, daß Jesus nach der erlangten Wassertaufe Sich noch einige Zeit in der Nähe des Johannes aufgehalten hat und daher sowohl von seinen zwei Jüngern wie von ihm selbst am Ufer des Jordans wandelnd gesehen ward.
[GEJ.01_007,07] Als Johannes Seiner ansichtig wird, so faßt er sogleich alle seine Gedanken in eins zusammen und spricht in einer Art hoher Begeisterung wie für sich hin: „Siehe, Das ist Gottes Lamm!“ In dieser Zeit würde er ungefähr sich also ausgedrückt haben: „Da sehet hin! Am Ufer des Flusses wandelt noch heute der allerhöchste Gottmensch so anspruchslos und so demütig wie ein Lamm.“ Johannes aber übergeht alle diese näheren Bezeichnungen und sagt bloß, wie es im Verse steht.
Ev.Joh.1,37. Und als die zwei Jünger Johannes also reden hörten, (verließen sie alsbald Johannes) und folgten Jesu nach.
[GEJ.01_007,08] Der 37. Vers, der eigentlich die Folge der beiden vorhergehenden darstellt, fängt aus oben gezeigter Ursache wieder mit „Und“ an und zeigt nur ganz einfach das Geschehene an, nur höchst kurz den Grund berührend.
[GEJ.01_007,09] Der Urtext heißt allereinfachst also: „Und zween seiner Jünger höreten ihn reden und folgten Jesu nach.“ In dieser Zeit könnte der Vers unbeschadet seines Verständnisses und Sinnes also lauten: Als aber die beiden Jünger, die bei ihm (Johannes) waren, ihren Meister also reden hörten, verließen sie ihn sogleich und begaben sich zu Jesu hin, und da Jesus sich nun von diesem Ort zu entfernen begann, so folgten sie Ihm nach.
[GEJ.01_007,10] Alles das in dieser Texterweiterung Angeführte muß bei dieser Begebenheit mitgeschehen sein, da sonst das Faktum nicht ausführbar wäre. Aber, wie gesagt, nach der damaligen Schreibart werden bloß die zwei Begriffe „Hören“ und darauf das sogleiche „Nachfolgen“ berührt, alle Übergangs- und Bindesätze aber als von selbst sich verstehend ausgelassen. Wer diese gegebene Regel wohl auffaßt, der wird wenigstens den historischen Teil der Urschrift in einen verständlicheren Sinn zusammenfassen und dadurch auch den inneren Sinn sich leichter vorstellen können.