Die Jugend Jesu, 16.- 30. Kapitel

Quellentext (unbearbeitet) – Leseprobe bzw. historischer Einführungstext.

16. Kapitel – Die Erscheinungen bei der Höhle. Das Traumgesicht der Wehmutter und ihre prophetischen Worte. Die Wehmutter bei Maria und dem Kinde. Salomes, ihrer Schwester, Zweifel an der Jungfräulichkeit Mariens.
25. August 1843

[JJ.01_016,01] Und das Weib willigte ein und folgte dem Joseph hin zur Höhle; da sie aber zur Höhle kamen, da verhüllte sich dieselbe plötzlich in eine dichte weiße Wolke, daß sie nicht den Eingang finden mochten.
[JJ.01_016,02] Ob dieser Erscheinung fing sich die Wehmutter hoch zu verwundern an und sprach zu Joseph:
[JJ.01_016,03] „Großes ist widerfahren am heutigen Tage meiner Seele! – Ich habe heute morgen ein großwunderbarstes Gesicht gehabt, in dem alles sich also gestaltete, wie ich es jetzt in der Wirklichkeit gesehen habe, noch sehe und noch mehr sehen werde!
[JJ.01_016,04] Du bist derselbe Mann, der mir im Gesichte entgegenkam; also sah ich auch zuvor alle Welt ruhen mitten in ihrem Geschäfte und sah die Höhle, wie eine Wolke über sie kam, und habe mit dir geredet, wie ich nun geredet habe.
[JJ.01_016,05] Und ich sah noch mehreres Wunderbarstes in der Höhle, als mir meine Schwester Salome nachkam, der ich allein mein Gesicht am Morgen anvertraute!
[JJ.01_016,06] Darum sage ich denn nun auch vor dir und vor Gott, meinem Herrn: Israel ist ein großes Heil widerfahren! Ein Retter kam, von oben gesandt, zur Zeit unserer großen Not!“
[JJ.01_016,07] Nach diesen Worten der Wehmutter wich sobald die Wolke von der Höhle zurück, und ein gewaltiges Licht drang aus der Höhle der Wehmutter und dem Joseph entgegen – so, daß es die Augen nicht zu ertragen imstande waren, und die Wehmutter sprach: „Wahr ist also alles, was ich gesehen habe im Gesichte! – O Mann! du Glücklicher, hier ist mehr denn Abraham, Isaak, Jakob, Moses und Elias!“ –
[JJ.01_016,08] Nach diesen Worten aber fing das starke Licht an, nach und nach erträglicher zu werden, und das Kindlein ward sichtbar, wie es gerade zum ersten Male die Brust der Mutter nahm.
[JJ.01_016,09] Die Wehmutter aber trat mit Joseph nun in die Höhle, besah das Kindlein und dessen Mutter, und als sie alles auf das herrlichste gelöset fand, sagte sie:
[JJ.01_016,10] „Wahrlich, wahrlich, das ist der von allen Propheten besungene Erlöser, der da ohne Bande frei sein wird schon im Mutterleibe, um anzudeuten, daß er all die harten Bande des Gesetzes lösen wird!
[JJ.01_016,11] Wann aber hat jemand gesehen, daß ein kaum gebornes Kind schon nach der Brust der Mutter gegriffen hätte!?
[JJ.01_016,12] Das bezeuget ja augenscheinlichst, daß dieses Kind einst als Mann die Welt richten wird nach der Liebe und nicht nach dem Gesetze!
[JJ.01_016,13] Höre, du glücklichster Mann dieser Jungfrau, es ist alles in der größten Ordnung; darum lasse mich aus der Höhle treten, denn mir fällt es schwer nun auf die Brust, da ich empfinde, daß ich nicht rein genug bin, um die zu heilige Nähe meines und deines Gottes und Herrn zu ertragen!“
[JJ.01_016,14] Joseph erschrak völlig über diese Worte der Wehmutter. – Sie aber eilte aus der Höhle ins Freie.
[JJ.01_016,15] Als sie aber aus der Höhle trat, da traf sie draußen ihre Schwester Salome, welche ihr ob des bewußten Gesichtes nachgefolgt ist, und sprach sogleich zu ihr:
[JJ.01_016,16] „Salome, Salome! komme und sehe mein Morgengesicht in der Wirklichkeit bestätigt! – Die Jungfrau hat in der Fülle der Wahrheit geboren, was die menschliche Weisheit und Natur nimmer zu fassen vermag!“
[JJ.01_016,17] Die Salome aber sprach: „So wahr Gott lebt, kann ich eher nicht glauben, daß eine Jungfrau geboren habe, als bis ich sie werde mit meiner Hand untersucht haben!“

17. Kapitel – Der ungläubigen Salome Bitte an Maria. Salomes Zeugnis der unverletzten Jungfräulichkeit Mariens. Das Gottesgericht. Des Engels Weisung an Salome. Salomes Genesung.
26. August 1843

[JJ.01_017,01] Nachdem aber die Salome solches geredet hatte, trat sie sobald hinein in die Höhle und sprach:
[JJ.01_017,02] „Maria, meine Seele beschäftiget kein geringer Streit; daher bitte ich, daß du dich bereitest, auf daß ich mit meiner wohlerfahrnen Hand dich untersuche und daraus ersehe, wie es mit deiner Jungfrauschaft aussehe!“
[JJ.01_017,03] Maria aber fügte sich willig in das Begehren der ungläubigen Salome, bereitete sich und ließ sich untersuchen.
[JJ.01_017,04] Als aber die Salome Marias Leib anrührte mit ihrer prüfenden Hand, da erhob sie sobald ein gewaltiges Geheul und schrie überlaut:
[JJ.01_017,05] „Wehe, wehe mir meiner Gottlosigkeit wegen und meines großen Unglaubens willen, daß ich habe wollen den ewig lebendigen Gott versuchen! – denn sehet, sehet hierher! – meine Hand verbrennt im Feuer des göttlichen Zornes über mich Elende!!!“
[JJ.01_017,06] Nach diesen Worten aber fiel sie sobald vor dem Kindlein auf ihre Knie nieder und sprach:
[JJ.01_017,07] „O Gott meiner Väter! Du allmächtiger Herr aller Herrlichkeit! Gedenke mein, daß auch ich ein Same bin aus Abraham, Isaak und Jakob!
[JJ.01_017,08] Mache mich doch nicht zum Gespötte vor den Söhnen Israels, sondern schenke mir meine gesunden Glieder wieder!“
[JJ.01_017,09] Und siehe, sobald stand ein Engel des Herrn neben der Salome und sprach zu ihr: „Erhört hat Gott der Herr dein Flehen; tritt zu dem Kindlein hin und trage Es, und es wird dir darob ein großes Heil widerfahren!“
[JJ.01_017,10] Und als solches die Salome vernommen hatte, da ging sie auf den Knien vor Maria hin und bat sie um das Kindlein.
[JJ.01_017,11] Maria aber gab ihr willig das Kindlein und sprach zu ihr: „Es möge dir zum Heile gereichen nach dem Ausspruche des Engels des Herrn; der Herr erbarme Sich deiner!“
[JJ.01_017,12] Und die Salome nahm das Kindlein auf ihre Arme und trug es kniend und sprach, sobald sie das Kindlein auf dem Arme hatte:
[JJ.01_017,13] „O Gott! Du allmächtiger Herr Israels, der Du regierest und herrschest von Ewigkeit! – In aller, aller Fülle der Wahrheit ist hier Israel ein König der Könige geboren, welcher mächtiger sein wird denn da war David, der Mann nach dem Herzen Gottes! Gelobet und gepriesen sei Du von mir ewig!“
[JJ.01_017,14] Nach diesen Worten ward die Salome sobald völlig wieder geheilt, gab dann unter der dankbarsten Zerknirschung ihres Herzens das Kindlein der Maria wieder und ging also gerechtfertigt aus der Höhle wieder.
[JJ.01_017,15] Als sie aber draußen war, da wollte sie sobald laut zu schreien anfangen über das große Wunder aller Wunder und hatte auch ihrer Schwester sogleich zu erzählen angefangen, was ihr begegnet ist.
[JJ.01_017,16] Aber sobald meldete sich eine Stimme von oben und sprach zur Salome: „Salome, Salome! verkündige ja niemandem, was Außerordentliches dir begegnet ist; denn die Zeit muß erst kommen, wo der Herr von Sich Selbst zeugen wird durch Worte und Taten!“
[JJ.01_017,17] Hier verstummte sobald die Salome, und Joseph ging hinaus und bat die beiden Schwestern, nun wieder in die Höhle zurückzutreten nach dem Wunsche Marias, auf daß da niemand etwas merken solle, was Wunderbarstes in dieser Höhle nun vorgefallen sei. – Und die beiden traten wieder demütig in die Höhle.

18. Kapitel – Die Nachtruhe der hl. Familie in der Höhle. Die Lobgesänge der Engel am Morgen. Die Anbetung der Hirten. Des Engels aufklärende Worte an Joseph.
28. August 1843

[JJ.01_018,01] Als aber alle also in der Höhle versammelt waren, da fragten die Söhne Josephs ihren Vater (den Joseph nämlich):
[JJ.01_018,02] „Vater, was sollen wir nun tun? Es ist alles wohl versorgt! Die Reise hat ermüdet unsere Glieder, dürfen wir uns denn nicht zur Ruhe legen?“
[JJ.01_018,03] Und Joseph sprach: „Kinder! ihr sehet ja, welch eine endlose Gnade von oben uns allen widerfahren ist; daher sollet ihr wachen und Gott loben mit mir!
[JJ.01_018,04] Ihr aber habt ja gesehen, was da der Salome begegnet ist in der Höhle, da sie ungläubig war; daher sollen auch wir nicht schläfrig sein, wann uns der Herr heimsucht!
[JJ.01_018,05] Gehet aber hin zur Maria, und rühret an das Kindlein; wer weiß es, ob eure Augenlider nicht sobald also gestärkt werden, als hättet ihr mehrere Stunden lang fest geschlafen!“
[JJ.01_018,06] Und die Söhne Josephs gingen hin und rührten das Kindlein an; das Kindlein aber lächelte sie an und streckte Seine Händchen nach ihnen, als hätte Es sie als Brüder erkannt.
[JJ.01_018,07] Darob sie sich alle hoch verwunderten und sprachen: „Fürwahr, das ist kein natürliches Kind! Denn wo hat je jemand so etwas erlebt, daß jemand wäre von einem kaum gebornen Kinde gottseligst also begrüßet worden!?
[JJ.01_018,08] Zudem sind wir nun auch im Ernste noch obendrauf plötzlich also gestärkt worden in allen unseren Gliedern, als hätten wir nie eine Reise gemacht und befänden uns daheim an einem Morgen mit völligst ausgerastetem Leibe!“
[JJ.01_018,09] Und der Joseph sagte darauf: „Sehet, also war mein Rat gut. Aber nun merke ich, daß es anfängt, mächtig kühl zu werden; daher bringet den Esel und Ochsen hierher! Die Tiere werden sich um uns lagern und werden durch ihren Hauch und ihre Ausdünstung einige Wärme bewirken; und wir selbst wollen uns darum auch um die Maria lagern!“
[JJ.01_018,10] Und die Söhne taten solches. Und als sie brachten die beiden Tiere in die Nähe Marias, da legten sich diese sogleich am Hauptteile des Lagers Mariens und hauchten fleißig über Mariam und das Kindlein hin und erwärmten es also recht gut.
[JJ.01_018,11] Und die Wehmutter sprach: „Fürwahr, nichts Geringes kann das sein vor Gott, dem sogar die Tiere also dienen, als hätten sie Vernunft und Verstand!“
[JJ.01_018,12] Die Salome aber sprach: „O Schwester! Die Tiere scheinen hier mehr zu sehen als wir! – Was wir uns noch kaum zu denken getrauen, da beten schon die Tiere an Den, der sie erschaffen hat!
[JJ.01_018,13] Glaube mir, Schwester, so wahr Gott lebt, so wahr auch ist hier vor uns der verheißene Messias; denn wir wissen es ja, daß sich nie bei der Geburt selbst des größten Propheten solche Wunderdinge zugetragen haben!“
[JJ.01_018,14] Maria aber sagte zur Salome: „Gott der Herr hat dir eine große Gnade erwiesen, darum du solches erschauest, davor selbst meine Seele erbebt!
[JJ.01_018,15] Aber schweige davon, wie es dir zuvor der Engel des Herrn geboten hat; denn sonst könntest du uns ein herbes Los bereiten!“
[JJ.01_018,16] Die Salome aber gelobte der Maria zu schweigen ihr Leben lang, und die Wehmutter folgte dem Beispiele ihrer Schwester.
[JJ.01_018,17] Und so ward nun alles ruhig in der Höhle. In der ersten Stunde aber vor dem Sonnenaufgange vernahmen alle gar mächtige Lobgesänge draußen vor der Höhle.
[JJ.01_018,18] Und Joseph sandte sogleich seinen ältesten Sohn, nachzusehen, was es sei, und wer so gewaltig singe die Ehre Gottes im Freien.
[JJ.01_018,19] Und Joel ging hinaus und sah, daß alle Räume des Firmaments erfüllt waren hoch und nieder mit zahllosen Myriaden leuchtender Engel. Und er eilte erstaunt in die Höhle zurück und erzählte es allen, was er gesehen.
29. August 1843
[JJ.01_018,20] Alle aber waren hoch erstaunt über die Erzählung des Joel und gingen hinaus und überzeugten sich von der Wahrheit der Aussage Joels.
[JJ.01_018,21] Als sie solche Herrlichkeit des Herrn aber gesehen hatten, da gingen sie wieder in die Höhle und gaben Maria auch das Zeugnis. Und der Joseph sagte zur Maria:
[JJ.01_018,22] „Höre, du reinste Jungfrau des Herrn, die Frucht deines Leibes ist wahrhaftig eine Zeugung des heiligen Geistes Gottes; denn alle Himmel zeugen nun dafür!
[JJ.01_018,23] Aber wie wird es uns gehen, so nun alle Welt notwendig erfahren muß, was hier vor sich gegangen ist? Denn daß nicht nur wir, sondern auch alle andern Menschen nun sehen, welch ein Zeugnis für uns durch alle Himmel strahlet, – das habe ich an vielen Hirten nun gesehen, wie sie ihre Angesichter gen oben gerichtet hielten!
[JJ.01_018,24] Und sangen mit gleicher Stimme mit den mächtigen Chören der Engel, welche nun – allen sichtbar – erfüllen alle Räume der Himmel hoch und nieder bis zur Erde herab!
[JJ.01_018,25] Und ihr Gesang lautete wie der der Engel: ,Tauet herab, ihr Himmel, den Gerechten! Friede den Menschen auf der Erde, die eines guten Willens sind!‘ – Und: ,Ehre sei Gott in der Höhe in Dem, der da kommt im Namen des Herrn!‘
[JJ.01_018,26] Siehe, o Maria, solches vernimmt und sieht nun die ganze Welt; also wird sie auch kommen hierher und wird uns verfolgen, und wir werden müssen fliehen über Berg und Tal!
[JJ.01_018,27] Daher meine ich, wir sollten uns so bald als nur immer möglich heben von hier und, sobald ich werde beschrieben sein – was heute früh noch geschehen soll – , uns wieder begeben nach Nazareth zurück und von dort gehen zu den Griechen über, von denen ich einige recht wohl kenne. – Bist du nicht meiner Meinung?“
[JJ.01_018,28] Maria aber sprach zu Joseph: „Du siehst aber ja, daß ich heute noch nicht dies Lager verlassen kann; daher lassen wir alles dem Herrn über! Er hat uns bisher geführt und beschützt, so wird Er uns auch sicher noch weiter führen und gar treulich beschützen!
[JJ.01_018,29] Will Er uns vor der Welt offenbaren, sage: wohin wollen wir fliehen, da Seine Himmel uns nicht entdecken möchten?!
[JJ.01_018,30] Daher geschehe Sein Wille! – Was Er will, das wird recht sein. Siehe, hier auf meiner Brust ruht ja, Dem dieses alles gilt!
[JJ.01_018,31] Dieser aber bleibet bei uns, und so wird auch die große Herrlichkeit Gottes von uns nicht weichen, und wir können da fliehen, wohin wir nur immer wollen!“
[JJ.01_018,32] Als Maria aber noch kaum solches ausgeredet hatte, siehe, da standen schon zwei Engel als Anführer einer Menge Hirten vor der Höhle und zeigten den Hirten an, daß hier Derjenige geboren ist, dem ihre Lobgesänge gelten.
[JJ.01_018,33] Und die Hirten traten ein in die Höhle und knieten nieder vor dem Kindlein und beteten Es an; und die Engel kamen auch scharenweise und beteten an das Kindlein.
[JJ.01_018,34] Joseph aber blickte mit seinen Söhnen ganz erstaunt hin nach der Maria und dem Kindlein und sprach: O Gott, was ist denn das? – Hast Du denn Selbst Fleisch angenommen in diesem Kinde?
[JJ.01_018,35] Wie wohl wäre es möglich sonst, daß Es angebetet würde selbst von Deinen heiligen Engeln? Bist Du aber hier, o Herr, was ist denn nun mit dem Tempel – und mit dem Allerheiligsten?!“
[JJ.01_018,36] Und ein Engel trat hin zum Joseph und sprach zu ihm: „Frage nicht, und sorge dich nicht; denn der Herr hat die Erde erwählt zum Schauplatze Seiner Erbarmungen und hat nun heimgesucht Sein Volk, wie Er es vorhergesagt durch den Mund Seiner Kinder, Seiner Knechte und Propheten!
[JJ.01_018,37] Was aber geschieht nun vor deinen Augen, das geschieht nach dem Willen Dessen, der da ist heilig, überheilig!“
[JJ.01_018,38] Hier verließ der Engel den Joseph und ging wieder hin und betete an das Kindlein, welches nun alle die Betenden mit offenen Händchen anlächelte.
[JJ.01_018,39] Als aber nun die Sonne aufging, da verschwanden die Engel; aber die Hirten blieben und erkundigten sich beim Joseph, wie möglich doch solches vor sich gegangen ist.
[JJ.01_018,40] Joseph aber sagte: „Höret, wie wunderbar das Gras wächst aus der Erde, also geschah auch dieses Wunder! Wer aber weiß, wie das Gras wächst? – So wenig weiß ich euch auch von diesem Wunder kundzugeben! Gott hat es also gewollt; das ist alles, was ich euch sagen kann!“

19. Kapitel – Josephs Beschreibungssorge. Der Wehmutter Bericht vor dem römischen Hauptmann Cornelius. Des Hauptmanns Besuch in der Grotte. Joseph und Cornelius. Des Cornelius Frieden und Freude in der Nähe des Jesuskindes.
30. August 1843

[JJ.01_019,01] Die Hirten aber waren mit diesem Bescheide zufrieden und fragten den Joseph nicht weiter und gingen von dannen und brachten der Maria allerlei Stärkungen zum Opfer.
[JJ.01_019,02] Als die Sonne aber schon eine Stunde der Erde geleuchtet hatte, da fragte der Joseph die Wehmutter:
[JJ.01_019,03] „Höre mich an, du meine Freundin und Schwester aus Abraham, Isaak und Jakob! – Siehe, mich drückt die Beschreibung ganz gewaltig, und ich wünsche nichts sehnlicher, als sie hinter mir zu haben!
[JJ.01_019,04] Ich aber weiß nicht, wo in der Stadt sie gehalten wird; lasse daher die Salome hier bei der Maria, mich aber führe mit meinen Söhnen hin zu dem römischen Hauptmann, der da die Beschreibung führt!
[JJ.01_019,05] Vielleicht werden wir sogleich vorgenommen werden, so wir sicher die ersten dort sein werden?“
[JJ.01_019,06] Und die Wehmutter sagte zum Joseph: „Gnadenvoller Mann, höre mich an! – Der Hauptmann Cornelius aus Rom wohnt in meinem Hause, das schier eines der ersten ist in der Stadt.
[JJ.01_019,07] und hat daselbst auch seine Amtsstube. Er ist zwar ein Heide, aber sonst ein guter und rechtlicher Mensch; ich will hingehen und ihm alles anzeigen bis auf das Wunder, und ich meine, die Sache wird abgetan sein!“
[JJ.01_019,08] Dieser Antrag gefiel Joseph wohl, da er ohnehin eine große Scheu vor den Römern, besonders aber vor der Beschreibung hatte; er bat daher obendrauf noch die Wehmutter, solches zu tun.
[JJ.01_019,09] Und die Wehmutter ging und fand den Cornelius, der noch sehr jung war und am Morgen gerne lang schlief, noch im Bette und gab ihm alles kund, was da notwendig war.
[JJ.01_019,10] Cornelius aber stand sogleich auf, warf seine Toga um und sprach zu seiner Hausherrin: „Weib, ich glaube dir alles; aber ich will dennoch selbst mit dir hingehen, denn ich fühle einen starken Drang dazu!
[JJ.01_019,11] Es ist nach deiner Erzählung nicht weit von hier, und so werde ich zur rechten Zeit noch am Arbeitstische sein! Führe mich also nur gleich hin!“
[JJ.01_019,12] Und die Wehmutter erfreute sich dessen und führte den ihr wohlbekannten biederen, jungen Hauptmann hin, welcher ihr vor der Höhle gestand und sagte: „O Weib, wie leicht gehe ich in Rom zu meinem Kaiser, und wie schwer wird es mir hier, in diese Höhle einzutreten!
[JJ.01_019,13] Das muß etwas Besonderes sein! – Sage mir doch, ob du irgendeinen Grund weißt; denn ich weiß, daß du eine biedere Jüdin bist!“
[JJ.01_019,14] Die Wehmutter aber sprach: „Guter Hauptmann des großen Kaisers! Harre hier vor der Höhle nur einen Augenblick; ich will hineingehen und will dir die Lösung bringen!“
[JJ.01_019,15] Und sie ging und sagte es dem Joseph, daß der gute Hauptmann selbst draußen vor der Höhle harre, und daß er herein möchte, aber sich nicht getraue aus einem ihm unerklärlichen Grunde.
[JJ.01_019,16] Als der Joseph solches vernahm, ward er gerührt und sprach: „O Gott, wie gut bist Du, daß Du sogar das vor mir in Freude verwandelst, davor ich mich am meisten gefürchtet habe! – Darum sei Dir allein alles Lob und alle Ehre!“
[JJ.01_019,17] Nach diesen Worten eilte er sogleich aus der Höhle und fiel dem Cornelius zu Füßen, sagend: „Machtträger des großen Kaisers, habe Erbarmen mit mir armem Greise! Siehe, mein junges Weib, das mir durchs Los im Tempel zuteil ward, hat hier sich entledigt ihrer Frucht diese Nacht, und gestern bin ich erst hier angekommen, daher mochte ich nicht mich sogleich bei dir melden lassen!“
[JJ.01_019,18] Und der Cornelius sagte, den Joseph aufhebend: „O Mann! sei des unbesorgt, es ist schon alles in der Ordnung! Lasse mich aber auch hineintreten und sehen, wie du hier eingelagert bist!“
[JJ.01_019,19] Und Joseph führte den Cornelius in die Höhle. Als aber dieser das Kindlein erblickte, wie Es ihm entgegenlächelte, da erstaunte er ob solchen Benehmens des Kindleins und sagte: „Beim Zeus, das ist selten! Ich bin ja wie neu geboren, und nie noch habe ich eine solche Ruhe und Freude in mir gewahret! – Fürwahr, heute sind Geschäftsferien, und ich bleibe euer Gast.“

20. Kapitel – Des Cornelius Fragen über den Messias. Josephs Verlegenheit. Des Hauptmanns Fragen an Maria, Salome und die Wehmutter. Der Engel Warnung vor dem Verrat des göttlichen Geheimnisses. Des Cornelius heilige Ahnung von der Göttlichkeit des Jesuskindes.
31. August 1843

[JJ.01_020,01] Joseph aber, darüber hoch erfreut, sprach zum Hauptmann: „Machtträger des großen Kaisers, was wohl kann ich armer Mann dir für deine große Freundschaft entgegenbieten? – Womit werde ich dir in dieser feuchten Höhle aufwarten können?
[JJ.01_020,02] Wie dich bewirten deinem hohen Stande gemäß? – Siehe, hier in dem Karren ist meine ganze Habseligkeit, teils mitgebracht aus Nazareth, teils aber ein Geschenk schon von den hierortigen Hirten!
[JJ.01_020,03] Wenn du davon etwas genießen kannst, so sei ein jeder Bissen, den du in deinen Mund führen möchtest, tausendfach gesegnet!“
[JJ.01_020,04] Cornelius aber sagte: „Guter Mann, kümmere und sorge dich ja nicht um mich; denn siehe, hier ist ja meine Hausherrin, diese wird schon Sorge tragen für die Küche, und wir werden alle genug haben um ein lichtes Geldstück, das da gezieret ist mit des Kaisers Haupte!“
[JJ.01_020,05] Hier gab der Hauptmann der Wehmutter eine Goldmünze und hieß sie sorgen für ein gutes Mittag- und Abendmahl und, sobald es der Kindbetterin möglich wird, auch für eine bessere Wohnung.
[JJ.01_020,06] Joseph aber sagte darauf zum Cornelius: „O herrlicher Freund! Ich bitte dich, mache dir doch unsertwegen keine Unkosten und Bemühungen; denn wir sind für die wenigen Tage, die wir hier noch zubringen werden, ohnehin – dem Herrn, Gott Israels, alles Lob! – gut versorgt!“
[JJ.01_020,07] Hier sagte der Hauptmann: „Gut ist gut, aber besser ist besser! Daher laß es nur geschehen, und lasse mich dadurch deinem Gotte auch ein freudig Opfer bringen; denn siehe, ich ehre aller Völker Götter!
[JJ.01_020,08] Also will ich auch den deinigen ehren; denn Er gefällt mir, seit ich Seinen Tempel zu Jerusalem gesehen habe. Und Er muß ein Gott von großer Weisheit sein, da ihr solch eine große Kunst von Ihm erlernt hattet!?“
[JJ.01_020,09] Joseph aber sprach: „O Freund! wäre es möglich mir, dich von der alleinigen einigen Wesenheit unseres Gottes zu überführen, wie gerne würde ich es tun zu deinem größten ewigen Wohle!
[JJ.01_020,10] Aber ich bin ein schwacher Mensch nur und vermag solches nicht; aber suche du irgend unsere Bücher auf und lese sie, da du unserer Sprache so wohl kundig bist, und du wirst da Dinge finden, die dich ins höchste Erstaunen setzen werden!“
[JJ.01_020,11] Und der Cornelius sagte: „Guter Mann, was du mir nun freundlichst geraten hast, das habe ich schon getan, habe auch wirklich Erstaunliches darinnen gefunden!
[JJ.01_020,12] Unter anderem aber bin ich auch auf eine Vorhersage gekommen, in der den Juden ein neuer König für ewig verheißen ist; sage mir, ob du wohl weißt, nach der Auslegung solcher Vorsage, wann da dieser König kommen wird – und von woher?“
[JJ.01_020,13] Hier ward der Joseph etwas verlegen und sagte nach einer Weile: „Dieser wird kommen aus den Himmeln als der Sohn des ewig lebendigen Gottes! Und Sein Reich wird nicht von dieser, sondern von der Welt des Geistes und der Wahrheit sein!“
[JJ.01_020,14] Und der Cornelius sprach: „Gut, ich verstehe dich; aber ich habe auch gelesen, daß dieser König in einem Stalle bei dieser Stadt solle geboren werden von einer Jungfrau! – Wie ist denn das zu nehmen?“
[JJ.01_020,15] Joseph aber sprach: „O guter Mann, du hast scharfe Sinne! – Ich kann dir nichts anderes sagen als: Gehe hin, und siehe an das Mägdlein mit dem neugebornen Kinde; dort wirst du finden, das du finden möchtest!“
1. September 1843
[JJ.01_020,16] Und der Cornelius ging hin und betrachtete die Jungfrau mit dem Kindlein mit scharfen Augen, um aus ihr und in dem Kinde den künftigen König der Juden zu entdecken.
[JJ.01_020,17] Er fragte daher auch die Maria, auf welche Weise sie also früh ihres Alters ist schwanger geworden.
[JJ.01_020,18] Maria aber erwiderte: „Gerechter Mann, so wahr mein Gott lebt, so wahr auch habe ich nie einen Mann erkannt!
[JJ.01_020,19] Es geschah aber vor drei Vierteln des Jahres, da ein Bote des Herrn zu mir kam und unterrichtete mich mit wenig Worten, daß ich vom Geiste Gottes aus solle schwanger werden.
[JJ.01_020,20] Und also geschah es denn auch; ich ward, ohne je einen Mann erkannt zu haben, schwanger; und siehe, hier vor dir ist die Frucht der wunderbaren Verheißung! Gott aber ist mein Zeuge, daß solches alles also geschehen ist!“ –
[JJ.01_020,21] Hier wandte sich der Cornelius an die beiden Schwestern und sagte: „Was sagt denn ihr zu dieser Geschichte? Ist das ein feiner Trug von diesem alten Manne, ein für ein blindes, abergläubiges Volk guter Vorschutz, um sich bei solchen Umständen der gesetzlichen Strafe zu entziehen?
[JJ.01_020,22] Denn ich weiß, daß Juden für derlei Fälle die Todesstrafe gesetzt haben! – Oder sollte daran im Ernste etwas sein, – das noch schlimmer wäre als im ersten Falle, weil da des Kaisers Gesetz müßte in schärfste Anwendung gebracht werden, das da jeden Aufwiegler schon im ersten Keime erstickt haben will?! O redet die Wahrheit, damit ich weiß, wie ich mit dieser sonderbaren Familie daran bin!“
[JJ.01_020,23] Die Salome aber sprach: „Höre mich an, o Cornelius, ich bitte dich bei aller deiner großkaiserlichen Vollmacht! Habe ja mit dieser armen und doch wieder endlos reichen Familie nichts Ernstes und Gesetzliches zu schaffen!
[JJ.01_020,24] Denn du kannst es mir glauben, denn ich stehe mit meinem Kopfe für die Wahrheit: dieser Familie stehen alle Mächte der Himmel, wie dir dein eigener Arm, zu Gebote, davon ich die lebendigste Überzeugung erhielt.“
[JJ.01_020,25] Hier stutzte Cornelius noch gewaltiger und fragte die Salome: „Also auch Roms heilige Götter, Roms Helden, Waffen und unbesiegbare Macht? – O Salome! was redest du?!“
[JJ.01_020,26] Salome aber sagte: „Ja, wie du gesagt, also ist es! – Davon bin ich lebendigst überzeugt; magst du es aber nicht glauben, da gehe hinaus und sehe an die Sonne! Sie leuchtet heute schon bei vier Stunden, und siehe, sie steht noch im Osten und getraut sich nicht weiterzuziehen!“
[JJ.01_020,27] Und der Cornelius ging hinaus, sah an die Sonne, kam sobald wieder zurück und sagte ganz erstaunt: „Fürwahr, du hast recht; wenn die Sache mit dieser Familie in Beziehung steht, so gehorcht dieser Familie sogar der Gott Apollo!
[JJ.01_020,28] Also muß hier Zeus sein, der mächtigste aller Götter, und es scheint sich die Zeit Deukalions und der Pyrrha zu erneuen; wenn aber das der Fall ist, so muß ich solch eine Begebenheit ja sogleich nach Rom vermelden!?“
[JJ.01_020,29] Bei diesen Worten erschienen zwei mächtige Engel; ihre Angesichter leuchteten wie die Sonne und ihre Kleider wie der Blitz. Und sie sprachen: „Cornelius! – Schweige sogar gegen dich von dem, was du gesehen hast, – sonst gehest du und Rom heute noch zugrunde!“
[JJ.01_020,30] Hier überfiel den Cornelius eine große Furcht. Die beiden Engel verschwanden; er aber ging hin zum Joseph und sprach: „O Mann! – Hier ist endlos mehr als ein werdender König der Juden! Hier ist Der, dem alle Himmel und Höllen zu Gebote stehen! Daher laß mich wieder ziehen von hier; denn ich bin's nicht wert, in solcher Nähe Gottes mich zu befinden!“ – –

21. Kapitel – Josephs Worte über den freien Willen des Menschen und sein Rat an Cornelius. Des Hauptmanns Fürsorge für die heilige Familie.
2. September 1843

[JJ.01_021,01] Und der Joseph, selbst ganz frappiert durch diese Äußerung des Cornelius, sagte zu ihm: „Wie groß dieses Wunder ist in sich, wüßte ich dir selbst zu künden nicht!
[JJ.01_021,02] Daß aber große und mächtige Dinge dahinterstecken, das kannst du mir glauben; denn um geringer Sachen wegen würden sich nicht alle Mächte der ewigen Himmel Gottes also bewegen!
[JJ.01_021,03] Aber darum ist dennoch kein Mensch in seinem freien Willen gehemmt und kann tun, was er will; denn das erkenne ich aus dem Gebote, das dir die zwei Engel des Herrn gegeben haben!
[JJ.01_021,04] Denn siehe, der Herr könnte ja unsern Willen bei dieser Gelegenheit gerade also durch Seine Allmacht binden, wie Er den Willen der Tiere bindet, und wir müßten dann handeln nach Seinem Willen!
[JJ.01_021,05] Aber Er tut das nicht und gibt dafür nur ein freies Gebot, daraus wir ersehen können, daß wir frei aus uns das wollen und tun können, was da ist Sein heiliger Wille.
[JJ.01_021,06] Also bist auch du in keiner Fiber deines Lebens im geringsten gebunden und kannst daher tun, was du willst! Willst du heute mein Gast sein, da bleibe; willst du aber das nicht oder getrauest dir es nicht, so hast du ebenfalls den freiesten Willen.
[JJ.01_021,07] Hätte ich dir aber zu raten, da würde ich freilich dir wohl also raten und sagen: O Freund, bleibe! – denn besser aufgehoben bist du nun wohl in der ganzen Welt kaum irgendwo, als hier unter dem sichtbaren Schutze aller himmlischen Mächte!“
[JJ.01_021,08] Und der Cornelius sagte: „Ja, du gerechter Mann vor den Göttern und vor deinem Gotte, und vor allen Menschen, dein Rat ist gut, und ich will ihn befolgen und will bleiben bis morgen bei dir!
[JJ.01_021,09] Aber nur so viel werde ich mich jetzt mit meiner Hausherrin auf eine kurze Zeit entfernen, daß ich Anstalten treffen kann, durch die ihr alle – wenn schon hier in dieser Höhle – besser gelagert werdet.“
[JJ.01_021,10] Und der Joseph sagte: „Guter Mann, tue, was du willst! Gott, der Herr, wird es dir dereinst vergelten!“
[JJ.01_021,11] Hier ging der Hauptmann mit der Wehmutter in die Stadt und ließ zuerst verkünden durch alle Gassen, daß an dem Tage Amtsferien seien, nahm dann dreißig Kriegsknechte, gab ihnen Bettzeug, Zelte und Brennholz und hieß sie dies alles hinaustragen zur Höhle.
[JJ.01_021,12] Die Wehmutter nahm Speise und Trank in gerechter Menge mit sich und ließ noch mehr nachtragen.
[JJ.01_021,13] In der Höhle angelangt, ließ der Hauptmann sogleich drei Zelte aufrichten: ein reiches für Maria, eines für sich, Joseph und seine Söhne und eines für die Wehmutter und ihre Schwester.
[JJ.01_021,14] Und im Zelte Mariens ließ er ein frisches und gar weiches Bett aufrichten und versah das Zelt noch mit andern nötigen Einrichtungen. Also richtete er auch die andern Zelte zweckmäßig ein, ließ dann einen Kochherd in aller Geschwindigkeit von seinen Knechten erbauen, legte selbst Holz darauf und machte Feuer zur Erwärmung der Höhle, in welcher es sonst ziemlich kalt war in dieser Jahreszeit.

22. Kapitel – Cornelius bei der heiligen Familie in der Grotte. Die Hirten und der Hauptmann. Die neue ewige Geistessonne. Des Cornelius Abschied. Josephs Dankesworte über die Güte des heidnischen Hauptmanns.
4. September 1843

[JJ.01_022,01] Also versorgte unser Cornelius die fromme Familie und blieb den ganzen Tag und die ganze Nacht bei ihr.
[JJ.01_022,02] Des Nachmittags aber kamen auch wieder die Hirten, anzubeten das Kindlein, und brachten allerlei Opfer.
[JJ.01_022,03] Als sie aber in der Hütte Zelte und den römischen Hauptmann erschauten, da wollten sie fliehen aus großer Furcht vor ihm;
[JJ.01_022,04] denn es waren mehrere Beschreibungsflüchtlinge unter ihnen, die sich vor der auf solche Flüchtlinge gesetzten Strafe gar gewaltigst fürchteten.
[JJ.01_022,05] Der Hauptmann aber ging hin zu ihnen und sprach: „Fürchtet euch nicht vor mir, denn ich will euch nun alle Strafe nachlassen; aber bedenket, was da nach dem Willen des Kaisers geschehen muß, und kommet daher morgen, und ich werde euch so zart und sanft als nur möglich beschreiben!“
[JJ.01_022,06] Da nun die Hirten erfahren hatten, daß der Cornelius ein so sanfter Mensch ist, da verloren sie ihre Scheu und ließen sich am nächsten Tage alle beschreiben.
[JJ.01_022,07] Nach der Rede mit den Hirten aber fragte der Hauptmann den Joseph, ob die Sonne diesmal nimmer den Morgen verlassen werde.
[JJ.01_022,08] Und der Joseph erwiderte: „Diese Sonne, die heute der Erde aufgegangen ist, ewig nimmer! Aber die natürliche gehet ihren alten Weg nach dem Willen des Herrn fort und wird in etlich Stündlein untergehen.“
[JJ.01_022,09] Solches aber sprach der Joseph prophetisch und wußte und verstand im Grunde selbst kaum, was er geredet hatte!
[JJ.01_022,10] Und der Hauptmann aber fragte den Joseph: „Was sagst du hier? – Siehe, ich habe deiner Worte Sinn nicht begriffen; daher rede verständlicher zu mir!“
[JJ.01_022,11] Und der Joseph sprach: „Es wird eine Zeit kommen, in der du dich wärmen wirst in den heiligen Strahlen dieser Sonne und baden in den Strömen ihres Geistes!
[JJ.01_022,12] Mehr zu sagen aber weiß ich dir nicht und verstehe selbst nicht, was ich dir nun gesagt habe; die Zeit aber wird es dir enthüllen, da ich nicht mehr sein werde, in aller Fülle der ewigen Wahrheit.“
[JJ.01_022,13] Und der Hauptmann fragte den Joseph nicht mehr und behielt diese tiefen Worte in seinem Lebensgrunde.
[JJ.01_022,14] Am nächsten Tage aber grüßte der Hauptmann die gesamte Familie und gab ihr die Versicherung, daß er so lange für sie sorgen werde, als sie sich allda aufhalten werde, und werde sie in seinem Herzen behalten sein Leben lang.
[JJ.01_022,15] Nachdem aber begab er sich an sein Geschäft und gab der Wehmutter wieder eine Münze, zu sorgen für die Familie.
[JJ.01_022,16] Joseph aber sprach zu seinen Söhnen, als der Hauptmann schon fort war: „Kinder, wie ist denn das, daß ein Heide besser ist als so mancher Jude? – Sollten etwa hierher die Worte Isaias passen, da er spricht:
[JJ.01_022,17] ,Siehe, Meine Knechte sollen vor gutem Mute jauchzen; ihr aber sollt vor Herzeleid schreien und vor Jammer heulen!‘?“ – Und die Söhne Josephs erwiderten: „Ja, Vater, diese Stelle wird hier in ihrer Fülle erklärt und verstanden.“

23. Kapitel – Die liebevolle Fürsorge des Cornelius. Des Engels Anweisung an Joseph zum Aufbruch nach Jerusalem zur Darstellung im Tempel. Marias Traum. Die militärische Wache vor der Grotte.
5. September 1843

[JJ.01_023,01] Also verlebte Joseph sechs Tage in der Höhle und ward an jedem Tage besucht von Cornelius, der da emsigst sorgte, daß dieser Familie ja nichts abgehen solle.
[JJ.01_023,02] Am sechsten Tage frühmorgens aber kam ein Engel zu Joseph und sprach: „Verschaffe dir ein Paar Turteltauben, und ziehe am achten Tage von hier nach Jerusalem!
[JJ.01_023,03] Maria solle die Turteltauben nach dem Gesetze opfern, und das Kind muß beschnitten werden und erhalten den Namen, der dir und der Maria ist angezeigt worden!
[JJ.01_023,04] Nach der Beschneidung aber ziehet wieder hierher, und verweilet hier so lange, bis ich es euch anzeigen werde, wann und wohin ihr von hier ziehen sollet!
[JJ.01_023,05] Du, Joseph, wirst dich zwar früher zur Abreise anschicken; aber ich muß dir sagen: Du wirst nicht um einen Pulsschlag eher von hier kommen, als bis es der Wille Dessen sein wird, der bei dir ist in der Höhle!“
[JJ.01_023,06] Nach diesen Worten verschwand der Engel, und der Joseph ging hin zur Maria und zeigte ihr solches an.
[JJ.01_023,07] Maria aber sprach zu Joseph: „Siehe, ich bin ja allzeit eine Magd des Herrn, und so geschehe mir nach Seinem Worte!
[JJ.01_023,08] Ich aber hatte heute einen Traum, und in diesem Traume kam das alles vor, was du mir jetzt eröffnet hast; daher sei nur besorgt um das Taubenpaar, und ich werde mit dir am achten Tage getrost ziehen nach der Stadt des Herrn.“
[JJ.01_023,09] Es kam aber bald nach dieser Erscheinung eben auch wieder der Hauptmann auf einen Morgenbesuch, und der Joseph zeigte ihm sogleich an, warum er am achten Tage werde nach Jerusalem ziehen müssen.
[JJ.01_023,10] Und der Hauptmann bot dem Joseph sogleich alle seine Gelegenheit an und wollte ihn führen lassen nach Jerusalem.
[JJ.01_023,11] Aber Joseph dankte ihm darum für den herrlich guten Willen und sprach: „Siehe, also ist es der Wille meines Gottes und Herrn, daß ich also ziehen solle nach Jerusalem, wie ich hierher gezogen kam!
[JJ.01_023,12] Und so will ich denn auch die kurze Reise also anstellen, auf daß der Herr mich nicht züchtige meines Ungehorsams willen.
[JJ.01_023,13] So du aber schon bei dieser Gelegenheit mir etwas tun willst, so verschaffe mir zwei Turteltauben, die da zu opfern sind in dem Tempel, und erhalte mir die Wohnstätte!
[JJ.01_023,14] Denn am neunten Tage werde ich wieder hierher kommen und werde mich darinnen so lange aufhalten, als es da von mir verlangen wird der Herr!“
[JJ.01_023,15] Und der Cornelius versprach dem Joseph, all das Verlangte zu bieten, und ging darauf fort und brachte dem Joseph selbst eine ganze Taubensteige voll Turteltauben, aus denen sich Joseph die schönsten aussuchen mußte.
[JJ.01_023,16] Nachdem aber ging der Hauptmann wieder an sein Geschäft und ließ die Taubensteige (Taubenhaus) unterdessen bis auf den Abend in der Höhle, allda er sie dann selbst wieder abholte.
[JJ.01_023,17] Am achten Tage aber, als Joseph nach Jerusalem abgereist war, ließ Cornelius eine Wache hinstellen vor die Höhle, die da niemanden aus und ein gehen ließ, außer die zwei ältesten von Joseph zurückgelassenen Söhne und die Salome, die sie mit Speise und Trank versah; denn die Wehmutter zog mit nach Jerusalem.

24. Kapitel – Die Beschneidung und Namensgebung des Kindleins und die Reinigung der Maria. Die Darstellung des Kindes im Tempel durch die Mutter. Der fromme Simeon und das Jesuskind.
6. September 1843

[JJ.01_024,01] Am achten Tage nachmittags aber – nach gegenwärtiger Rechnung um die dritte Stunde – ward das Kindlein im Tempel beschnitten und bekam den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, ehe noch das Kindlein im Mutterleibe empfangen war.
[JJ.01_024,02] Da aber für den äußersten Fall der erwiesenen Jungfrauschaft Marias auch ihrer Reinigung Zeit konnte als gültig angesehen werden, so wurde Maria auch sogleich gereinigt im Tempel.
[JJ.01_024,03] Darum nahm Maria bald nach der Beschneidung das Kindlein auf ihren Arm und trug Es in den Tempel, auf daß sie Es mit Joseph darstellete dem Herrn nach dem Gesetze Mosis.
[JJ.01_024,04] Wie es denn auch geschrieben steht im Gesetze Gottes: „Allerlei Erstgeburt solle dem Herrn geheiligt sein.
[JJ.01_024,05] Und solle darum geopfert werden ein Paar Turteltauben oder ein Paar junge Tauben!“
[JJ.01_024,06] Und Maria opferte ein Paar Turteltauben und legte es auf den Opfertisch; und der Priester nahm das Opfer und segnete Mariam.
[JJ.01_024,07] Es war aber auch ein Mensch zu Jerusalem, namens Simeon, der war überaus fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels; denn er war erfüllt mit dem Geiste Gottes!
[JJ.01_024,08] Diesem Manne hatte zuvor der Geist des Herrn gesagt: „Du wirst nicht den Tod des Leibes sehen, bevor du nicht sehen wirst Jesum, den Gesalbten Gottes, den Messias der Welt.“
[JJ.01_024,09] Darum kam er nun aus einer inneren Anregung in den Tempel, da gerade Joseph und Maria sich mit dem Kinde noch in dem Tempel befanden und noch taten, was alles das Gesetz verlangte.
[JJ.01_024,10] Als er aber das Kindlein erblickte, da ging er sobald hin zu den Eltern und verlangte bittend, daß sie ihn möchten dasselbe auf eine kurze Zeit auf seine Arme nehmen lassen.
[JJ.01_024,11] Das frommste Elternpaar aber tat das gerne dem alten, überfrommen Manne, den sie wohl kannten.
[JJ.01_024,12] Und Simeon nahm das Kindlein auf seine Arme, kosete es, lobte dabei Gott inbrünstigst und sprach endlich:
[JJ.01_024,13] „Herr! nun lasse Du Deinen Diener im Frieden fahren, wie Du es gesagt hast;
[JJ.01_024,14] denn meine Augen haben nun den Heiland gesehen, den Du verheißen hast den Vätern und den Propheten.
[JJ.01_024,15] Dieser ist es, den Du bereitet hast vor allen Völkern!
[JJ.01_024,16] Ein Licht zu leuchten den Heiden, ein Licht zum Preise Deines Volkes Israel.“
[JJ.01_024,17] Joseph und Maria aber wunderten sich selbst über die Worte Simeons; denn sie verstanden noch nicht, was er von dem Kinde ausgesagt hatte.
[JJ.01_024,18] Simeon aber gab das Kindlein nun der Maria wieder, segnete darauf beide und sprach dann zur Maria:
[JJ.01_024,19] „Siehe, dieser wird gesetzt zum Falle und zur Auferstehung vieler in Israel, und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird!
[JJ.01_024,20] Ein Schwert aber wird durch deine Seele dringen, auf daß da vieler Herzen offenbar werden!“
[JJ.01_024,21] Maria aber verstand die Worte Simeons nicht; aber dessenungeachtet behielt sie dieselben tief in ihrem Herzen.
[JJ.01_024,22] Desgleichen tat es auch der Joseph und lobte und pries Gott darum gar mächtig in seinem Herzen. – –

25. Kapitel – Die Prophetin Hanna im Tempel und ihr Zeugnis über das Jesuskind. Hannas Warnung an Maria. Das Notquartier der heiligen Familie beim reichen Israeliten.
7. September 1843

[JJ.01_025,01] Es war aber zu dieser Zeit auch eine Prophetin im Tempel – Hanna war ihr Name; sie war eine Tochter Phanuels vom Stamme Assers.
[JJ.01_025,02] Diese war schon im hohen Alter und war so fromm, daß sie, als sie sich in ihrer Jugend mit einem Manne verband, aus Liebe zu Gott sieben Jahre sich nicht enthüllte dem Manne und behielt diese Zeit ihre Jungfrauschaft.
[JJ.01_025,03] In ihrem achtzigsten Jahre ward sie Witwe, ging da sobald in den Tempel und verließ denselben nicht mehr.
[JJ.01_025,04] Sie diente hier ausschließlich Gott dem Herrn allein durch Beten und Fasten nahe Tag und Nacht aus eigenem Antriebe.
[JJ.01_025,05] Bei dieser Gelegenheit aber war sie schon vier Jahre also im Tempel und kam nun auch herzu, pries Gott den Herrn und redete also zu allen, die da auf den Erlöser harrten zu Jerusalem, was ihr der Geist Gottes gab.
[JJ.01_025,06] Als sie aber zu Ende war mit ihren prophetischen Worten, da bat auch sie um das Kindlein, kosete es und pries und lobte Gott.
[JJ.01_025,07] Nachdem aber gab sie das Kindlein wieder der Maria und sagte zu ihr: „Glücklich und gebenedeiet bist du, o Jungfrau, darum du die Mutter meines Herrn bist.
[JJ.01_025,08] Lasse dir es aber ja nie gelüsten, dich darum preisen zu lassen; denn Das nur, was da sauget an deiner Brust, ist allein würdig, von uns allen gelobt, gepriesen und angebetet zu werden!“
[JJ.01_025,09] Nach diesen Worten kehrte die Prophetin wieder zurück, und Joseph und Maria gingen, nachdem sie bei drei Stunden im Tempel zugebracht hatten, wieder aus demselben und suchten bei einem Verwandten Herberge.
[JJ.01_025,10] Als sie aber dahin kamen, fanden sie das Haus verschlossen; denn der Verwandte befand sich diesmal eben auch in Bethlehem bei der Beschreibung.
[JJ.01_025,11] Joseph aber wußte nicht, was er nun tun solle; denn fürs erste war es bereits tiefe Nacht, wie es in dieser kürzesten Tageszeit gewöhnlich zu sein pflegt, und es war auch fast kein Haus mehr offen um diese Zeit, und das um so mehr, da es ein Vorsabbat war.
[JJ.01_025,12] Im ganz Freien zu übernachten, war es zu kalt, indem der Reif auf den Feldern lag und dazu noch ein kalter Wind wehte.
[JJ.01_025,13] Als Joseph also hin und her dachte und den Herrn bat, daß Er ihm helfen möchte aus dieser Not,
[JJ.01_025,14] siehe, da kam auf einmal ein junger vornehmer Israelit auf den Joseph zugeschritten und fragte ihn: „Was machst du denn so spät mit deinem Gepäck auf der Gasse? Bist du nicht auch ein Israelit – und weißt nicht den Gebrauch?“
[JJ.01_025,15] Joseph aber sagte: „Siehe, ich bin aus dem Stamme Davids! Ich war aber im Tempel und habe geopfert dem Herrn; da hat mich die frühe Nacht übereilt, und nun kann ich keine Herberge finden und bin in großer Angst ob meines Weibes und ihres Kindes!“
[JJ.01_025,16] Und der junge Israelit sagte zu Joseph: „So kommt mit mir denn; ich will euch bis morgen eine Herberge vermieten um einen Groschen oder um dessen Wert!“
[JJ.01_025,17] Und Joseph folgte mit Maria, welche sich auf dem Lasttiere befand, und mit seinen drei Söhnen dem Israeliten in ein prachtvollstes Haus und nahm dort in einer niederen Kammer Herberge.

26. Kapitel – Der Tadel des Herbergsbesitzers Nikodemus. Josephs Rechtfertigungsrede. Das Zeugnis der Wehmutter. Ein Gnadenwink an Nikodemus, der den Herrn erkennt.
9. September 1843

[JJ.01_026,01] Am Morgen aber, als Joseph sich schon zur Abreise nach Bethlehem angeschickt hatte, kam der junge Israelit und war willens, den Mietgroschen zu verlangen.
[JJ.01_026,02] Aber als er in die Kammer trat, befiel ihn alsobald eine so mächtige Angst, daß er darob keinen Laut über seine Lippen zu bringen vermochte.
[JJ.01_026,03] Joseph aber trat hin zu ihm und sagte: „Freund! siehe, was wohl hältst du an mir für einen Groschen wert? – Das nehme, da ich kein Geld in meinem Besitze habe!“
[JJ.01_026,04] Nun erholte sich der Israelit etwas und sagte mit bebender Stimme: „Mann aus Nazareth, nun erst erkenne ich dich! – Du bist Joseph, der Zimmermann, und bist derselbe, dem vor neun Monden Maria, die Jungfrau des Herrn, aus dem Tempel durchs Los zugefallen ist!
[JJ.01_026,05] Hier ist dieselbe Jungfrau! – Wie hast du sie gehütet, da sie nun Mutter ist in ihrem fünfzehnten Jahre? – Was ist da vorgefallen?
[JJ.01_026,06] Wahrlich, du bist der Vater nicht! Denn Männer von deinem Alter und von deiner Gottesfurcht, die anerkannt ist in ganz Israel, tun desgleichen nimmer.
[JJ.01_026,07] Aber du hast erwachsene Söhne; kannst du bürgen für deren Unschuld? Hast du sie stets in den Augen gehabt und hast beobachtet all ihr Denken, Handeln, Tun und Lassen?“
[JJ.01_026,08] Joseph aber entgegnete dem jungen Manne und sprach: „Nun habe auch ich dich erkannt; du bist Nikodemus, ein Sohn Benjams aus dem Stamme Levi! Wie magst du mich erforschen wohl, da dir solches nicht zukommt? – Mich aber hat der Herr erforschet darum im Heiligtume und auf dem Berge des Fluches und hat mich gerechtfertiget vor dem Hohen Rate; was für Schuld willst du noch an mir und meinen Söhnen finden?
[JJ.01_026,09] Gehe aber hin in den Tempel und erforsche den Hohen Rat, und es wird über mein ganzes Haus dir ein rechtes Zeugnis gegeben werden!“
[JJ.01_026,10] Diese Worte drangen dem jungen reichen Manne tief ins Herz, und er sagte: „Aber um des Herrn willen, wenn es also ist, so sage mir doch, wie es zugegangen ist, daß diese Jungfrau also geboren hat! – Ist das ein Wunder, oder ist es natürlich?“
[JJ.01_026,11] Hier trat die anwesende Wehmutter hin zum Nikodemus und sprach: „Mann! Hier ist der Mietgroschen für die höchst dürftige Herberge! Halte uns aber nicht vergeblich länger auf; denn wir müssen noch heute in Bethlehem eintreffen!
[JJ.01_026,12] Bedenke aber, was das ist, was heute in deinem Hause dürftig beherberget war um einen Groschen! – Wahrlich, wahrlich! deine herrlichsten Zimmer, die mit Gold und Edelsteinen gezieret sind, wären zu schlecht für solche Herrlichkeit Gottes, die da eingekehrt ist in diese Kammer, die sich höchstens für Sträflinge schickt!
[JJ.01_026,13] Gehe aber hin und rühre an das Kindlein, auf daß von deinen Augen falle die grobe Decke und du sehest, wer dich heimgesucht hatte! – Ich als Wehmutter aber habe das alte Recht, dir zu gestatten, das Kindlein anzurühren.“
[JJ.01_026,14] Hier ging Nikodemus hin und rührte an das Kindlein; und als er es berührt hatte, da ward ihm die innere Sehe auf eine kurze Zeit erschlossen, daß er ersah die Herrlichkeit Gottes.
[JJ.01_026,15] Er fiel sobald nieder vor dem Kinde und betete es an und sprach: „Welche Gnade, welche Liebe und welche Erbarmung muß, o Herr, in Dir sein, daß Du also dein Volk heimsuchest!
[JJ.01_026,16] Was solle aber ich nun mit meinem Hause geschehen lassen, und was mit mir, daß ich die Herrlichkeit Gottes also verkannt habe?!“
[JJ.01_026,17] Die Wehmutter aber sprach: „Bleibe in allem, wie du bist; aber allertiefst schweige von dem, was du gesehen, sonst unterliegst du dem Gerichte Gottes!“ – Hier gab Nikodemus den Groschen zurück, ging weinend hinaus und ließ hernach diese Kammer mit Gold und Edelsteinen verzieren. – Joseph aber machte sich sogleich auf die Reise.

27. Kapitel – Die Rückkehr der heiligen Familie nach Bethlehem. Der herzliche Empfang in der Grotte durch die Zurückgebliebenen. Eine Futterkrippe als Bettchen für das Kindlein. Gute Ruhe in der Frostnacht.
11. September 1843

[JJ.01_027,01] Abends, noch eine Stunde vor dem Untergange der Sonne, erreichten die hohen Reisenden Bethlehem wieder und zogen ein in die schon bekannte Höhle.
[JJ.01_027,02] Die beiden zurückgebliebenen Söhne, die Salome und der Hauptmann kamen ihnen mit offenen Armen entgegen und fragten die Zurückkehrenden sorglichst, wie es ihnen ergangen sei auf der Reise.
[JJ.01_027,03] Und Joseph erzählte alles, was ihnen begegnet ist, bekannte aber auch zuletzt, daß er an diesem Tage noch völlig nüchtern sei samt allen den Mitreisenden; denn der höchst geringe Vorrat hatte kaum für die schwache Maria hingereicht.
[JJ.01_027,04] Als der Hauptmann solches von Joseph vernommen hatte, da ging er sogleich in den Hintergrund der Höhle und brachte eine Menge den Juden erlaubter Speisen hervor und sprach dann zum Joseph:
[JJ.01_027,05] „Hier segne es dir dein Gott, und segne es du nach deiner Sitte, und stärket und sättiget euch alle daran!“
[JJ.01_027,06] Und der Joseph dankte Gott und segnete die Speise und aß dann ganz wohlgemut mit Maria und seinen Söhnen und mit der Wehmutter.
[JJ.01_027,07] Es war aber der Maria das Kindlein den ganzen Tag hindurch schon schwer geworden, darum sie denn auch zum Joseph sagte:
[JJ.01_027,08] „Joseph, siehe, wenn ich nur neben mir ein Plätzchen hätte, das Kindlein niederzulegen, um meinen Armen eine kleine Ruhe zu gönnen, da wäre ich für alles versorgt, und das Kindlein Selbst könnte Sich ruhiger im Schlafe stärken!“
[JJ.01_027,09] Als der Hauptmann solchen Wunsch Mariens noch kaum gemerkt hatte, da sprang er sogleich in den Hintergrund der Höhle zurück und brachte eilends eine kleine Futterkrippe hervor, welche für Schafe bestimmt war (und also aussah, wie heutzutage die Futtertröge vor den Gasthöfen auf dem Lande).
[JJ.01_027,10] Die Salome aber nahm sogleich schönstes frisches Heu und Stroh, belegte das Kripplein damit, deckte dann ein frisches Tuch darüber und machte also ein weiches Bettchen fürs Kindlein.
[JJ.01_027,11] Maria aber wickelte das Kindlein in frische Linnen, drückte Es dann an ihre Brust, küßte Es und gab Es dann dem Joseph zu küssen und dann auch allen Anwesenden und legte Es dann in das wohl sehr ärmliche Bettchen für den Herrn Himmels und der Erde!
[JJ.01_027,12] Gar ruhig schlief das Kindlein, und Maria konnte nun ruhig essen und sich stärken am Mahle, welches ihnen der überaus gutherzige Hauptmann bereitet hatte.
[JJ.01_027,13] Nach der Mahlzeit aber sprach wieder Maria zu Joseph: „Joseph, lasse mir mein Lager zurechtmachen, denn ich bin gewaltig müde von der Reise und möchte mich darum zur Ruhe begeben!“
[JJ.01_027,14] Salome aber sprach: „O Mutter meines Herrn, siehe, dafür ist schon lange bestens gesorgt; komm und siehe!“
[JJ.01_027,15] Und Maria erhob sich, nahm wieder das Kindlein und ließ sich auch das Kripplein in ihr Zelt tragen und begab sich also zur Ruhe; und das war die erste völlige Schlafnacht für Maria nach der Geburt.
[JJ.01_027,16] Der Hauptmann aber ließ ja fleißig heizen auf dem Herde und weiße Steine wärmen und mit selben das Zelt Mariens umstellen, auf daß sie mit dem Kindlein ja keine Kälte leiden solle; denn es war dies eine kalte Nacht, in der das Wasser im Freien zu festem Eise ward.

28. Kapitel – Joseph drängt zum Aufbruch nach Nazareth. Des Hauptmanns Rat zu warten. Die Kunde von der persischen Karawane und von des Herodes Fahndung nach dem Kinde. Marias Furchtlosigkeit und Gottvertrauen.
12. September 1843

[JJ.01_028,01] Am Morgen des kommenden Tages aber sprach Joseph: „Was sollen wir nun noch länger hier? Maria ist wieder gestärkt, daher wollen wir aufbrechen und uns nach Nazareth begeben, allwo wir doch eine ordentliche Unterkunft haben!“
[JJ.01_028,02] Als aber der Joseph schon sich zum Aufbruche anzuschicken anfing, da kam der Hauptmann, welcher vor Tagesanbruch schon in der Stadt etwas zu tun hatte, wieder zurück und sprach zum Joseph:
[JJ.01_028,03] „Gotteswürdiger Mann! – Du willst aufbrechen zur Heimreise; aber für heute, morgen und übermorgen widerrate ich es dir!
[JJ.01_028,04] Denn siehe, soeben sind Nachrichten durch meine Leute, die heute gar früh schon von Jerusalem angekommen sind, zu meinen Ohren gekommen, daß da in Jerusalem drei mächtige persische Karawanen eingezogen sind!
[JJ.01_028,05] Drei oberste Anführer als Magier hatten sich bei Herodes um den neugeborenen König der Juden angelegentlichst erkundigt!
[JJ.01_028,06] Dieser, von der Sache als ein römischer Mietfürst aus Griechenland nichts wissend, wandte sich an die Hohenpriester, auf daß sie ihm kundgäben, wo der Neugesalbte geboren werden sollte.
[JJ.01_028,07] Diese aber gaben ihm kund, daß solches in Judäa, und zwar in Bethlehem, geschehen solle; denn also stünde es geschrieben!
[JJ.01_028,08] Darauf entließ der Herodes die Priester und begab sich mit seiner ganzen Dienerschaft wieder zu den drei Anführern und gab ihnen kund, was er von den Hohenpriestern erkundschaftet hatte,
[JJ.01_028,09] und empfahl darauf den dreien, in Judäa ja sorglichst den Neugesalbten der Juden zu suchen und, wenn sie ihn fänden, ja sobald wieder zu ihm zurückzukehren, auf daß auch dann er käme und dem Kinde seine Huldigung darbrächte.
[JJ.01_028,10] Weißt du aber, mein geliebtester Freund Joseph, daß ich weder den Persern, am allerwenigsten aber dem überaus herrschsüchtigen Herodes traue?!
[JJ.01_028,11] Die Perser sollen Magier sein und sollen die Geburt durch einen sonderbaren Stern entdeckt haben. Das will ich gar nicht in Abrede stellen; denn haben sich hier bei der Geburt dieses Knäbleins so große Wunder gezeigt, so hat solches auch in Persien geschehen können.
[JJ.01_028,12] Aber das ist für die Sache eben auch der mißlichste Umstand; denn offenbar geht es dieses Kind an. Finden es die Perser, so wird es auch der Herodes finden!
[JJ.01_028,13] Und wir werden uns dann sehr auf die Hinterbeine zu stellen haben, um dem alten Fuchse aus den Krallen zu kommen!
[JJ.01_028,14] Daher mußt du, wie gesagt, wenigstens drei Tage noch hier verweilen an diesem abseitigen Orte, binnen welcher Zeit ich mit den Königsuchern sicher eine gute Wendung machen werde; denn siehe, ich gebiete hier über zwölf Legionen Soldaten! – Mehr brauche ich dir zu deiner Ruhe nicht zu sagen. Nun weißt du das Nötigste; bleibe daher! Ich aber gehe nun wieder und werde um des Tages Mitte wieder zu dir kommen!“
13. September 1843
[JJ.01_028,15] Joseph, durch diese Nachricht samt seiner Familie eingeschüchtert, blieb und wartete in aller Ergebung in den Willen des Herrn ab, was da aus dieser sonderbaren Fügung werden solle.
[JJ.01_028,16] Und er ging hin zur Maria und erzählte ihr, was er soeben vom Hauptmanne vernommen hatte.
[JJ.01_028,17] Die Maria aber sprach: „Des Herrn Wille geschehe! Was alles für bittere Dinge sind uns schon bisher begegnet, – und der Herr hat sie alle in Honig verwandelt!
[JJ.01_028,18] Sicher werden uns auch die Perser nichts zuleide tun, falls sie im Ernste zu uns kommen sollten; und sollten sie an uns irgendeine bedungene Gewalt verüben wollen, so haben wir ja durch die Gnade Gottes den Schutz des Hauptmanns für uns!“
[JJ.01_028,19] Und der Joseph sagte: „Maria, das alles ist in der Ordnung! Die Perser fürchte ich auch eben nicht so sehr; aber den graubärtigen Herodes, dieses reißende Tier in menschlicher Gestalt, – der ist es, den ich fürchte, und auch der Hauptmann sich scheut vor ihm!
[JJ.01_028,20] Denn wird es durch die Perser allenfalls erwiesen, daß da unser Knäblein der neugesalbte König ist, dann wird uns nichts als eine schnöde Flucht übrigbleiben!
[JJ.01_028,21] Denn dann wird auch unser Hauptmann aus staatlichen römischen Rücksichten uns seines Heiles willen zum Feinde werden müssen und wird uns, statt zu retten, nur verfolgen müssen, will er nicht als ein Abtrünniger und als ein geheimer Verräter seines Kaisers angesehen werden!
[JJ.01_028,22] Und das sieht er heimlich auch sicher ein, da er selbst zu mir bezüglich des Herodes nicht unbedeutende Bedenklichkeiten zu erkennen gab.
[JJ.01_028,23] Darum, meine ich, läßt er uns auch noch drei Tage hier harren! Geht es gut, so bleibt er sicher unser Freund;
[JJ.01_028,24] geht es aber schlecht, so hat er uns aber auch bei der Hand, um uns der Grausamkeit Herodis auszuliefern, und wird dadurch noch obendrauf von seinem Kaiser eine große Auszeichnung erhalten, darum er auf eine so feine Art einen jüdischen König, der einst dem Staate gefährlich werden könnte, aus der Welt befördert hat!“
[JJ.01_028,25] Maria aber sagte darauf: „Joseph! Ängstige dich und mich nicht vergeblich! – Siehe, haben wir doch das Fluchwasser getrunken, und es ist uns nichts geschehen! Warum sollen wir uns denn nun ängstigen, da wir doch schon so viel der Herrlichkeit Gottes ob dieses Kindes gesehen und erprobet haben?!
[JJ.01_028,26] Gehe es, wie es wolle, ich sage dir: Der Herr ist mächtiger denn die Perser, der Herodes, der Kaiser Roms und der Hauptmann samt seinen zwölf Legionen! Daher sei ruhig, wie du siehst, daß ich ruhig bin!
[JJ.01_028,27] Übrigens aber bin ich überzeugt, daß der Hauptmann eher alles aufbieten wird, als bis er notgedrungen unser Feind werden wird!“
[JJ.01_028,28] Damit ward der gute, frommste Joseph wieder beruhigt und ging hin und erwartete den Hauptmann und ließ von seinen Söhnen die Höhle beheizen und einige Früchte kochen für Maria und für sich und die Söhne.

29. Kapitel – Des bangen Joseph Bitte an den Herrn. Die persische Karawane vor der Grotte. Der erstaunte Hauptmann. Der drei Weisen Zeugnis über das Kind: ein König der Könige, ein Herr der Herren von Ewigkeit! Ihre Warnung vor Herodes.
14. September 1843

[JJ.01_029,01] Der Mittag war herangekommen, aber der Hauptmann verzog diesmal, und Joseph zählte mit banger Erwartung die Augenblicke; aber der Hauptmann kam nicht zum Vorscheine.
[JJ.01_029,02] Darum wandte sich Joseph zum Herrn und sprach: „Mein Gott und mein Herr, ich bitte Dich, daß Du mich doch nicht so sehr möchtest ängstigen lassen; denn siehe, ich bin alt und schon ziemlich schwach in allen meinen Gelenken!
[JJ.01_029,03] Daher stärke mich durch eine Verkündung, was ich tun solle, um nicht zuschanden zu werden vor allen Söhnen Israels!“
[JJ.01_029,04] Als der Joseph also gebetet hatte, siehe, da kam der Hauptmann fast außer Atem und sprach zu Joseph:
[JJ.01_029,05] „Mann meiner höchsten Achtung! – Soeben komme ich von einem Marsche zurück, den ich selbst mit einer ganzen Legion nahe auf den drittel Weg gen Jerusalem gemacht habe, um etwas von den Persern zu erspähen,
[JJ.01_029,06] und habe auch allorts Spione aufgestellt, aber bis jetzt konnte ich nichts entdecken! Sei aber nur ruhig; denn wenn sie kommen, müssen sie auf meine ausgestellten Posten stoßen!
[JJ.01_029,07] Da aber solle es ihnen eben nicht zu leicht werden, irgendwo durchzubrechen und hierher zu gelangen, bevor sie nicht von mir sind verhört und beurteilt worden! – Ich gehe nun darum sogleich wieder und werde die Wachen verstärken; am Abende bin ich bei dir!“
[JJ.01_029,08] Hier eilte der Hauptmann wieder fort, und der Joseph lobte Gott und sprach zu seinen Söhnen: „Nun setzet die Speisen auf den Tisch, und du, Salome, frage die Maria, ob sie mit uns am Tische essen will, oder sollen wir ihr die Speisen aufs Lager bringen?“
[JJ.01_029,09] Maria aber kam selbst mit dem Kindlein ganz heiteren Mutes heraus aus ihrem Zelte und sprach: „Weil ich stark genug bin, will ich bei euch am Tische essen; nur das Kripplein schaffet her fürs Kindlein!“
[JJ.01_029,10] Joseph aber war darüber voll Freuden und setzte vor Maria die besten Stücke hin; und sie lobten Gott den Herrn und aßen und tranken.
[JJ.01_029,11] Als sie aber noch kaum abgespeist hatten, siehe, da entstand auf einmal vor der Höhle ein starkes Lärmen. Joseph sandte den Joel, nachzusehen, was es gäbe.
[JJ.01_029,12] Als der Joel aber hinausblickte zur Türe (denn die Höhle war am Ausgange gezimmert), da sah er eine ganze Karawane von Persern mit belasteten Kamelen und sprach mit ängstlicher Stimme:
[JJ.01_029,13] „Vater Joseph! Um des Herrn willen, wir sind verloren! – Denn siehe, die berüchtigten Perser sind hier mit vielen Kamelen und großer Dienerschaft!
[JJ.01_029,14] Sie schlagen ihre Zelte auf und lagern sich in einem weiten Kreise, unsere Höhle ganz umringend, und drei mit Gold, Silber und Edelsteinen gezierte Anführer packen goldene Säcke aus und machen Miene, sich herein in die Höhle zu begeben!“
[JJ.01_029,15] Diese Nachricht machte unseren guten Joseph beinahe sprachunfähig; mit großer Mühe brachte er die Worte heraus: „Herr, sei mir armem Sünder barmherzig! – Ja, jetzt sind wir verloren!“ – Maria aber nahm das Kindlein und eilte damit in ihr Zelt und sprach: „Nur wenn ich tot bin, werdet ihr Es mir entreißen!“
[JJ.01_029,16] Joseph aber ging nun hin zur Türe, geleitet von seinen Söhnen, und sah verstohlen hinaus, was da macheten die Perser.
[JJ.01_029,17] Als er aber die große Karawane und die aufgerichteten Zelte erschaute, da ward es ihm doppelt bange ums Herz, daß er darob inbrünstigst zu flehen anfing, der Herr möchte ihm nur diesmal aus solcher großen Not helfen.
[JJ.01_029,18] Als er aber also flehte, siehe, da kam der Hauptmann in ganz kriegerischer Rüstung, geleitet von tausend Kriegern, und stellte die Krieger zu beiden Seiten der Höhle auf.
[JJ.01_029,19] Er selbst aber ging hin und befragte die drei Magier, aus welcher Veranlassung und wie – von ihm also ganz unbemerkt – sie hierher gelanget seien.
[JJ.01_029,20] Und die drei sprachen einstimmig zum Hauptmann: „Halte uns ja nicht für Feinde; denn du siehst ja, daß wir keine Waffen mit uns führen, weder offene noch verborgene!
[JJ.01_029,21] Wir sind aber Sternkundige aus Persien, und wir haben eine alte Prophezeiung, in dieser steht es geschrieben, daß in dieser Zeit den Juden wird ein König der Könige geboren werden, und seine Geburt wird durch einen Stern angezeigt werden.
[JJ.01_029,22] Und die da den Stern sehen werden, die sollen sich auf die Reise machen und ziehen, dahin sie der mächtige Stern führen wird; denn sie werden dort den Heiland der Welt finden, wo der Stern wird seinen Stand nehmen!
[JJ.01_029,23] Siehe aber, ob diesem Stalle stehet der Stern, sicher jedermann sichtbar am hellen Tage sogar! – Dieser war unser Führer hierher; hier aber blieb er stehen ob diesem Stalle, und wir haben sicher ohne allen Anstand die Stelle erreicht, allwo das Wunder aller Wunder sich lebendig vorfindet, ein neugebornes Kind, ein König der Könige, ein Herr der Herren von Ewigkeit!
[JJ.01_029,24] Diesen müssen wir sehen, anbeten und Ihm die allerhöchste Huldigung darbringen! – Daher wolle uns ja nicht den Weg verrammen; denn sicher hat uns kein böser Stern hierher geführt!“
[JJ.01_029,25] Hier sah der Hauptmann nach dem Sterne und verwunderte sich hoch über ihn; denn fürs erste stand er ganz nieder, und fürs zweite war sein Licht nahe so stark wie das Naturlicht der Sonne.
[JJ.01_029,26] Als der Hauptmann aber sich von alledem überzeugt hatte, da sprach er zu den dreien: „Gut, ich habe nun aus euren Worten und aus dem Sterne die Überzeugung erlangt, daß ihr redlichen Sinnes hierher gekommen seid; aber nur sehe ich nicht ein, was ihr zuvor in Jerusalem bei Herodes zu tun hattet! – Hat euch der Stern auch jenen Weg gezeigt?
[JJ.01_029,27] Warum hat euch denn euer Wunderführer nicht sogleich hierher geführt, indem doch alsonach sicher hier der Ort eurer Bestimmung ist? – Darüber verlange ich noch eine Antwort von euch, sonst kommt ihr nicht in die Höhle!“
[JJ.01_029,28] Die drei aber sagten: „Der große Gott wird das wissen! Sicher muß es in Seinem Plane liegen; denn keiner aus uns hatte je den Sinn gefaßt, sich Jerusalem auch nur von ferne zu nahen!
[JJ.01_029,29] Und du kannst uns völlig glauben, uns gefielen die Menschen in Jerusalem gar nicht, am wenigsten aber der Fürst Herodes! Da wir aber schon dort waren und aller Stadt Aufmerksamkeit auf uns gerichtet war, so mußten wir doch zeigen, was da ist unsere Absicht!
[JJ.01_029,30] Die Priester gaben uns Kunde durch den Fürsten, der uns bat, daß wir ihm wieder die Kunde überbringen sollen von dem gefundenen Könige, auf daß auch er käme und brächte dem neuen Könige seine Huldigung dar.“
[JJ.01_029,31] Der Hauptmann aber sprach: „Das werdet ihr nimmer tun; denn ich kenne die Absicht dieses Fürsten! Eher bleibet ihr hier als Geiseln! – Ich aber gehe nun hinein und will mich mit dem Vater des Kindes über euch besprechen.“

30. Kapitel – Der Stern der drei Weisen und die alte Prophezeiung der persischen Sternkundigen. Die Anbetung des Herrn, des Schöpfers der Unendlichkeit und Ewigkeit, im Kinde durch die drei Weisen. Ihre Namen: Chaspara, Melcheor und Balthehasara. Die sie begleitenden Geister: Adam, Kain und Abraham. Sie huldigen dem Herrn und bringen Ihm Geschenke dar.
16. September 1843

[JJ.01_030,01] Als der gute Joseph alles das vernommen hatte, da ward es ihm leichter ums bedrängte Herz; und da er vernommen hatte, daß der Hauptmann zu ihm kommen werde, so machte er sich auf seinen Empfang bereit.
[JJ.01_030,02] Und der Hauptmann trat ein, grüßte den Joseph und sprach dann zu ihm: „Mann meiner höchsten Achtung!
[JJ.01_030,03] Siehe, durch wunderbare Fügung sind diese draußen nun harrenden Morgenländer hierher gekommen. – Ich habe sie scharf geprüft und habe an ihnen nichts Arges entdeckt!
[JJ.01_030,04] Sie wünschen dem Kinde nach der Beheißung ihres Gottes ihre Huldigung darzubringen, und so bin ich der Meinung, du kannst sie ohne die allergeringste Furcht hereinlassen, wann es dir gelegen ist.“
[JJ.01_030,05] Und der Joseph sprach: „Wenn es also ist, da will ich meinen Gott loben und preisen; denn Er hat wieder einen glühenden Stein von meinem Herzen genommen!
[JJ.01_030,06] Aber es hat sich zuvor die Maria etwas entsetzt, als sich die Perser um diese Höhle zu lagern anfingen; darum muß ich doch zuvor nachsehen, wie sie bestellt ist, auf daß da ein unvorbereitetes Eintreten dieser Gäste sie nicht noch mehr erschreckt, als sie sich schon ehedem vor ihnen erschreckt hat.“
[JJ.01_030,07] Der Hauptmann aber billigte diese Vorsicht Josephs; und Joseph ging hin zur Maria und benachrichtigte sie von allem, was er vom Hauptmann vernommen hatte.
[JJ.01_030,08] Und Maria ganz heiteren Mutes sprach: „Friede allen Menschen auf Erden, die eines treuen und guten Herzens sind und haben einen Willen, der sich von Gott lenken läßt!
[JJ.01_030,09] Diese sollen nur kommen, wann es ihnen des Herrn Geist anzeigen wird, und sollen den Segen ihrer Treue ernten! – Denn ich habe nicht die allergeringste Furcht vor ihnen!
[JJ.01_030,10] Aber wenn sie eintreten werden, mußt du doch mir recht nahe zur Seite stehen; denn es würde sich doch nicht schicken, daß ich sie ganz allein empfinge in diesem Zelte!“
[JJ.01_030,11] Joseph aber sagte: „Maria, so du Kraft hast, da stehe auf mit dem Kinde, nehme das Kripplein und lege Es vor dir in dasselbe, und dann können die Gäste eintreten und dem Kinde ihre Ehre geben!“
[JJ.01_030,12] Und die Maria vollzog sogleich diesen Willen Josephs, und Joseph sprach darauf zum Hauptmann:
[JJ.01_030,13] „Siehe, wir sind bereit; so da die drei eintreten wollen, da können wir es ihnen schon andeuten, daß wir nach unserer Armut ganz auf ihren Empfang bereitet sind!“
[JJ.01_030,14] Und der Hauptmann ging hinaus und kündigte solches den dreien an. – Die drei aber fielen sobald zur Erde nieder, lobten Gott für diese Gestattung, nahmen dann die goldenen Säcke und begaben sich allerehrfurchtsvollst in die Höhle.
18. September 1843
[JJ.01_030,15] Der Hauptmann öffnete die Tür, und die drei traten mit der allerhöchsten Ehrfurcht in die Höhle; denn es ging im Augenblicke ihres Eintretens ein mächtiges Licht vom Kinde aus.
[JJ.01_030,16] Als sie, die drei Weisen nämlich, sich auf ein paar Tritte dem Kripplein, darinnen das Kindlein lag, näherten, da fielen sie sobald auf ihre Angesichter nieder und beteten dasselbe an.
[JJ.01_030,17] Bei einer Stunde lang lagen sie, von der höchsten Ehrfurcht ergriffen und gebeugt, vor dem Kinde; dann erst erhoben sie sich langsam und richteten kniend ihre mit Tränen befeuchteten Angesichter auf und besahen den Herrn, den Schöpfer der Unendlichkeit und Ewigkeit.
[JJ.01_030,18] Die Namen der drei aber waren: Chaspara, Melcheor und Balthehasara.
[JJ.01_030,19] Und der erste, in Gesellschaft des Geistes Adams, sprach: „Gebet Gott die Ehre, das Lob, den Preis! Hosianna, hosianna, hosianna Gott, dem Dreieinigen, von Ewigkeit zu Ewigkeit!“
[JJ.01_030,20] Hier nahm er den goldgewirkten Beutel, in dem dreiunddreißig Pfunde feinsten Weihrauchs waren, und übergab ihn mit der größten Ehrerbietung der Maria mit den Worten:
[JJ.01_030,21] „Nimm ohne Scheu, o Mutter, dies geringe Zeugnis dessen, davon mein ganzes Wesen ewig erfüllt sein wird! – Nimm hin den schlechten äußeren Tribut, den jedes denkende Geschöpf aus dem Grunde seines Herzens seinem allmächtigen Schöpfer schuldet für ewig!“
[JJ.01_030,22] Maria nahm den schweren Beutel und übergab ihn dem Joseph, und der Spender erhob sich, stellte sich hin zur Türe und kniete da abermals nieder und betete den Herrn in dem Kinde an.
[JJ.01_030,23] Und sobald erhob der zweite, der da ein Mohr war und des Kain Geist in seiner Gesellschaft hatte, einen etwas kleineren Beutel, aber von gleichem Gewichte, gefüllt mit reinstem Golde, und überreichte ihn der Maria mit den Worten:
[JJ.01_030,24] „Was dem Könige der Geister und der Menschen auf Erden gebührt, bringe ich dar, ein kleinstes Opfer Dir, Du Herr der Herrlichkeit ewig! – Nimm es hin, o Mutter, die du geboren hast, das aller Engel Zunge ewig nie wird auszusprechen imstande sein!“
[JJ.01_030,25] Hier übernahm Maria den zweiten Beutel und übergab ihn dem Joseph. – Und der opfernde Weise erhob sich und ging hin zum ersten und tat, was dieser tat.
[JJ.01_030,26] Sodann erhob sich der dritte, nahm seinen Beutel, gefüllt mit allerfeinster Goldmyrrhe, einer damals allerkostbarsten Spezerei, und übergab ihn der Maria mit den Worten:
[JJ.01_030,27] „Der Geist Abrahams ist in meiner Gesellschaft und sieht nun den Tag des Herrn, auf den er sich so mächtig gefreut hat!
[JJ.01_030,28] Ich aber, Balthehasara, opfere hier in kleiner Gabe, was da gebühret dem Kinde der Kinder! – Nimm es hin, o Mutter aller Gnade! – Ein besseres Opfer aber berge ich in meiner Brust; es ist meine Liebe, – diese solle diesem Kinde ewig ein wahrstes Opfer bleiben!“
[JJ.01_030,29] Hier nahm Maria den ebenfalls dreiunddreißig Pfunde schweren Beutel und übergab ihn dem Joseph. – Der Weise aber erhob sich dann auch und ging hin zu den zwei ersten, betete an das Kindlein und ging nach vollendetem Gebete mit den ersten zweien hinaus, da ihre Zelte aufgerichtet waren.